Thorns in my chest
Kapitel 42
Direkt im Anschluss an die Prüfungen stellte sich eine ziemliche Ernüchterung in Hermines Gefühlswelt ein. Es war vorbei. Nie wieder würde sie zum Unterricht müssen; nie wieder für eine Prüfung lernen müssen. Das Leben als Schülerin, das sie so sehr gemocht hatte, weil es ihr ein Gefühl der Zugehörigkeit gegeben und Freundschaften vermittelt hatte, hatte nun ein für alle Mal ein Ende gefunden. Sie hatte bewiesen, was in ihr steckte, hatte gemeinsam mit Harry und Ron Freud und Leid erlebt. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Der sich schleichend dahinziehende Prozess des Erwachsenwerdens war nicht aufzuhalten, denn obwohl sie längst volljährig war, fühlte sie sich alles andere als bereit dazu, ins kalte Wasser zu springen. So sehr sie sich auch gewünscht hatte, mit Severus zusammenzuziehen, Hogwarts würde ihr immer fehlen.
McGonagall ließ es sich nicht nehmen, den Prüflingen einige Abschiedsworte mit auf den Weg zu geben, die dazu ermahnen sollten, es mit dem Feiern nicht zu übertreiben, dann brach ein Tumult der Erleichterung über die Anwesenden herein, dem sich nicht einmal die beiden Freundinnen entziehen konnten. Mit Tränen in den Augen fielen sie sich um den Hals und schwelgten in gemeinsamen Erinnerungen, wobei sie wehmütig daran dachten, wie schön es wäre, in diesem Augenblick die Jungs bei sich zu haben. Doch um lange sentimental zu sein, blieb ihnen keine Zeit. Die Mehrheit der Schüler konnte es kaum erwarten, sich zur Feier des Tages in den Gemeinschaftsräumen zu verdrücken, um dort die Partys steigen zu lassen, die sie geplant hatten.
Widerspenstig erklärte sich Hermine trotz ihrer eigenen Pläne bereit, kurz vorbeizuschauen, ehe sie ihre Sachen aus dem Mädchenschlafsaal holen und mit Severus nach Spinner's End aufbrechen wollte.
Leider dauerten die Feierlichkeiten länger als geplant, womit sie sich erst im Laufe des Abends in die Kerker davonstehlen konnte. Erschöpft warf sie ihre Tasche auf den Boden und steuerte auf das Sofa zu. Snape folgte wortlos und setzte sich neben sie.
„Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, Severus. Aber die anderen wollten mich nicht gehen lassen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es da oben zugeht."
Er zog die Brauen in die Höhe und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ob du es glaubst oder nicht, das kann ich sehr wohl." Prüfend beugte er sich über sie und rümpfte die Nase. „Hast du etwa was getrunken?"
„Nur ein halbes Glas Sekt. Es war vollkommen harmlos, Severus."
„Ja, so fängt es immer an", gab er spöttisch zurück. „Bis sie den Schnaps unterm Kopfkissen hervorzaubern. Oder was glaubst du, haben die noch für Zeug auf Lager?!"
„Moment mal! Ich bin nicht dein Spitzel. Wenn du was Genaues wissen willst, dann solltest du lieber in den Kerkern anfangen danach zu suchen. Am besten bei deinen Slytherins oder bei dir selbst. Ich kann mich nämlich erinnern, dass du es warst, der sich in dieser Hinsicht alles andere als vorbildlich verhalten hat."
„Ich bin Lehrer, Hermine. Was ich tue, ist meine Sache, solange der Unterricht nicht darunter zu leiden hat. Den Schülern jedoch ist es strickt verboten, Alkohol nach Hogwarts zu schmuggeln."
Sie schnaubte leise. „Reg dich nicht auf. Die Prüfungen sind vorbei. Lass ihnen ihren Spaß. Sie wollen doch nur feiern!"
Als hätte er sich verhört, setzte er sich abrupt auf. „Ist das dein Ernst? Wenn sie erst mal betrunken sind, wissen sie nicht mehr, was sie tun. Sie rennen auf irgendwelchen abgewrackten Besen durch das Schloss und preschen aus dem Fenster. Schlimmer noch, sie springen einfach im freien Fall nach unten."
Hermine rollte mit den Augen. „Ich versichere dir, niemand wird heut Nacht aus dem Fenster springen."
„Woher willst du das wissen? Das haben wir alles schon gehabt."
Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern. „Ehrlich gesagt ist mir das egal. Ich bin total erledigt. Bitte lass uns einfach nur von hier verschwinden."
Snape fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. „Bist du sicher, dass du heute noch nach Spinner's End willst? Wir könnten auch morgen in der Früh abreisen."
Hermine wehrte ab. „Damit du den Aufpasser spielen und den anderen die Freude am Feiern nehmen kannst? Nein, nein. Ich bin mir ganz sicher. Seit Wochen warte ich auf diesen Tag. Jetzt möchte ich nichts lieber, als diese Nacht mit dir alleine verbringen. Weit weg von allen, die uns stören könnten."
Gerade als sie sich ihm näherte und ihm einen Kuss auf die Lippen drücken wollte, um damit zu bekräftigen, wie sehr sie das wollte, klopfte es an der Tür. Blitzschnell stoben beide wieder auseinander.
„Wer kann das sein, Severus?", fragte sie verschreckt. Von Anfang an hatte Hermine immer befürchtet, dass irgendjemand sie bei ihm in den Kerkern erwischen würde.
Noch ehe er darauf antworten konnte, sprang sie wie von Sinnen auf die Beine, schnappte sich ihre Tasche und verschwand mit einem beherzten Satz hinter dem Sofa.
„Ich glaube nicht, dass das viel bringt, Hermine", bemerkte er unbehelligt von ihrer Aktion. Sie jedoch reagierte nicht darauf.
Snape seufzte. Wenn das so weiterging, würden sie es nie nach Spinner's End schaffen. Lustlos brummelnd bat er den ungebetenen Gast herein. Schon ging die Tür auf und Professor McGonagall trat ein.
„Du bist noch hier, Severus?", fragte sie scheinheilig.
Augenblicklich straffte er seine Haltung. „Sieht so aus, Minerva. Meine Abreise hat sich etwas verzögert. Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht deswegen?"
„Es steht dir zu, dein freies Wochenende zu gestalten, wie du möchtest", äußerte sie süffisant.
Er nickte. „Schön. Also, was kann ich für dich tun?"
McGonagall schürzte die Lippen, was deutlich besagte, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. „Ich bin nicht deinetwegen hier", erklärte sie knapp. Dann räusperte sie sich und ließ erwartungsvoll ihre Blicke durch sein Wohnzimmer schweifen. „Kommen Sie raus, Miss Granger. Wo auch immer Sie sind, es ist nicht nötig, sich vor mir zu verstecken."
Hermine schluckte. Dass es ihr unangenehm war, so unverhofft mit ihrer langjährigen Hauslehrerin zusammenzutreffen, stand außer Frage. Peinlich berührt kam sie aus ihrem Versteck, während McGonagall Snape einen vorwurfsvollen Blick zuwarf.
„War das wirklich nötig, Severus?"
Er zuckte mit den Schultern, als würde ihn die Situation im Gegensatz zu den anderen Anwesenden eiskalt amüsieren. „Wieso fragst du mich das? Es war nicht meine Idee, Minerva."
McGonagall beachtete ihn nicht weiter und wendete ihre Aufmerksamkeit schonungslos Hermine zu. „Vorhin erreichte mich ein Schreiben von Mr. Potter. Allem Anschein nach wurde Mr. Weasley heute Abend von einem Fluch getroffen und bewusstlos ins St. Mungo's gebracht. Er wurde inzwischen behandelt und sein Zustand ist stabil. Dennoch dachte ich mir, dass Sie es gern erfahren würden, Miss Granger."
In Hermine überschlugen sich die Gedanken. Seit festgestanden hatte, dass ihre beiden Freunde Auroren werden wollten, hatte sie sich immer davor gefürchtet, dass eines Tages so etwas passieren würde. Starr vor Schreck blinzelte sie McGonagall an. „Wie konnte das nur passieren? Es geht ihm doch gut, oder?"
„Das können Sie ihn selbst fragen. Soweit ich weiß, ist er ansprechbar. Miss Weasley ist schon zu ihm gereist. Aber wenn Sie wollen, werde ich Ihnen meinen Kamin zur Verfügung stellen, damit sie ihr folgen können. Ich warte dann am besten in meinem Büro auf Sie." Schwungvoll nickte sie den beiden zu und verschwand zur Tür hinaus.
Hermine fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Es war unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen.
Snape hingegen schien nicht weiter verwundert darüber. „Potter und Weasley. Das sind ja schöne Neuigkeiten! Kann man die beiden denn noch immer nicht unbeobachtet alleine lassen, ohne dass sie sich in Schwierigkeiten bringen?"
Hermine hörte nur halbherzig zu. Wenn Ron verletzt war, musste sie zu ihm. Es war wie eine unausgesprochene Abmachung, die sie irgendwann einmal getroffen hatten, denn wann immer einer von ihnen verletzt im Krankenflügel gelegen hatte, waren die anderen zur Stelle gewesen. „Wenn du nichts dagegen hast, würde ich ihn gerne besuchen", sagte sie leise. „Ich sollte dringend ein paar Dinge mit ihm klären."
"Bist du sicher, dass du das willst? Nicht dass ich dich davon abhalten möchte, Weasley zu besuchen. Aber der Zeitpunkt ist nicht gerade der Beste. Obwohl ich seine Reaktion nur zu gern sehen würde, wenn du ihm von uns erzählst ..."
"Severus!"
"Keine Sorge, das war ein Scherz, Hermine. Mir geht es in erster Linie darum, es nicht zu voreilig an die große Glocke zu hängen."
"Das ist nicht komisch. Ich muss das tun. Er soll es von mir erfahren und nicht von irgendeinem Klatschmaul."
"Wie du meinst. Geh nur. Ich werde hier auf dich warten."
Erleichtert über seine Reaktion drückte sie ihm einen Kuss auf den Mund und verließ die Kerker. Von McGonagalls Kamin aus rauschte Hermine dann direkt ins Schwesternzimmer des St. Mungo's, wo sie von einer alten Krankenschwester in Empfang genommen wurde, die fast gänzlich taub war. Am Ende ihrer Geduld angelangt schaffte Hermine es irgendwie, ihr begreiflich zu machen, dass sie aus Hogwarts kam und von einem verletzten Freund erwartet wurde.
Nur langsam schien der Schwester ein Licht aufzugehen. "Sie sind Hermine Granger, richtig?"
Hermine nickte ungeduldig. Sie wollte endlich wissen, ob es Ron gut ging und erfahren, was passiert war.
Mitleidig zeigte ihr die Schwester den Weg zu Rons Station, dann verabschiedete Hermine sich eilig und brauste davon. Nachdem sie dann vor Rons Zimmer angelangt war, versperrten ihr zwei breit gebaute Männer mit unfreundlichen Gesichtern den Weg, zweifelsohne Auroren. Ihre Versuche, ihnen zu erklären, wer sie war, stießen sehr zu ihrem Unmut auf wenig Verständnis. Da sie nicht mit ihm verwandt war, gab es kein Durchkommen. Frustriert und erschöpft ließ sie sich auf eine Bank gegenüber der Zimmertür fallen und hoffte, dass sich früher oder später einer der Weasleys zeigen und sie zu ihm durchlassen würde.
Hermine stützte den Kopf auf die Hände. Sie fühlte sich so hundeelend in ihrer Haut, dass sie keinesfalls wieder gehen wollte, bevor sie sich nicht mit Ron ausgesprochen hatte. Wie einfach doch alles gewesen war, als sie noch gemeinsam nach Hogwarts gegangen waren! Madam Pomfrey hätte ihr niemals den Zutritt zu einem ihrer Freunde verwehrt.
Einige Minuten später ging schließlich die Tür auf und Harry erschien auf der Bildfläche.
Sofort sprang Hermine auf und fiel ihm stürmisch um den Hals. "Was ist passiert, Harry? Geht's dir gut?"
Er nickte und führte sie unter den finsteren Blicken der Auroren außer Hörweite. "Ich dachte mir, dass du kommst. Nur leider haben wir Befehl, niemanden zu ihm durchzulassen, Hermine."
Entsetzt sperrte sie den Mund auf. "Was? Aber das ist doch lächerlich! Wir sind jetzt schon so lange miteinander befreundet und er wäre furchtbar enttäuscht, wenn ich ihn nicht besuchen komme. Du kennst ihn."
"Ich weiß. Es ist nur so, dass wir heut Nacht auf die Todesser getroffen sind, die Snape aufgespürt hat. Wie es aussieht, hatte er wohl von Anfang an den richtigen Riecher."
Hermine blickte ihn beunruhigt an. "Dann hattet ihr also Erfolg bei euren Ermittlungen?"
"Mehr oder weniger."
"Und was jetzt? Soll ich einfach wieder gehen? Das kann ich unmöglich tun, Harry."
Er seufzte angespannt. "Ich weiß, dass es mich nichts angeht. Aber ich kann mir schon denken, weshalb du hier bist."
"Was soll das heißen?"
"Du hast ein schlechtes Gewissen, weil du es ihm nicht erzählt hast. Aber das musst du nicht. Schau, ich will damit eigentlich nur sagen, dass du es ihm schonend beibringen solltest. Du musst das nicht heute tun. Wenn er sich jetzt aufregt, ist das nicht gut für ihn."
"Keine Angst. Er wird es schon verkraften. Außerdem verdient er es, die Wahrheit von mir selbst zu hören, Harry. Severus und ich, wir werden zusammenziehen. Wenn das mit Ron nicht passiert wäre, wären wir jetzt schon längst in seinem Haus in Spinner's End. Das heißt, es wird nicht mehr lange dauern, bis die Leute davon erfahren. Was soll ich ihm dann sagen? Ich habe es ohnehin schon zu lange vor mir hergeschoben."
"Das weiß ich."
"Dann tu irgendwas, damit ich zu ihm kann. Ich muss mit ihm reden."
Er seufzte. "Also gut, Hermine", sagte er ernst. "Ich hab nicht mehr viel Zeit, bis ich zurück muss. Warte kurz hier, dann werde ich mit den Auroren reden, okay?"
"Nichts lieber als das. Sie sind nicht gerade besonders freundlich, deine Kollegen", bemerkte sie bitter.
"Was hast du erwartet? Wir alle leben in ständiger Gefahr."
Hermine nickte kommentarlos. Er sah sie so eindringlich an, dass ihr kaum etwas anderes übrig blieb als auf ihn zu hören. Insgeheim fing sie an, sich Sorgen zu machen, ob es richtig war, dass sich die Jungs dazu entschieden hatten, Auroren zu werden. Mehr oder weniger taten sie nun das, was Severus getan hatte. Offiziell genehmigt natürlich, nicht wie er stillschweigend und im Verborgenen.
Nicht lange darauf gab Harry sein Okay und sie wurde endlich zu Ron durchgelassen. Das beunruhigende Gefühl aber, dass es noch immer Todesser gab, die es auf harmlose Muggel abgesehen hatten, blieb bestehen. Dabei hatte sie gehofft, die Erinnerungen an die Gräueltaten, die in Voldemorts Wahn verrichtet wurden, eines Tages hinter sich lassen zu können. Fast kam es ihr wie ein Streich des Schicksals vor, dass sie und Severus versuchen wollten, sich abgeschottet von einem Haufen Schutzzauber inmitten einer Muggelgegend ein gemeinsames Leben aufzubauen, während um sie herum das Bangen und Hoffen der Menschen weiterging, die sich an diesem immerwährenden Kampf gegen die Vorstellungen einer reinblütigen Zaubererschaft beteiligten.
