Thorns in my chest
Kapitel 45
Müde und ausgelaugt von ihrem immer wiederkehrenden Liebesspiel verbrachten sie beinahe das ganze restliche Wochenende in Spinner's End. Die einzige Ausnahme bildete ein Ausflug in ein Restaurant nach London, wo sie gemeinsam beim Essen saßen und sich bei Kerzenschein tief in die Augen blickten. Es war ein rundum perfekter Abend, der so manche Überraschung für Hermine bereithielt. Am Ende davon kehrten sie wieder in das Haus in Spinner's End zurück und verkrochen sich im Schlafzimmer.
Wehmütig saß Hermine im Bett und strich ihrem Professor, der mit dem Kopf auf ihrem Bauch lag, mit der Hand die Strähnen aus dem Gesicht. „Das werden mir die anderen nie glauben", sagte sie verträumt. „Ich meine, ich selbst kann es kaum glauben ..."
Snape lugte nach oben und schlang seine langen Finger um ihre Hand. „Mir geht es nicht anders. Aber du kannst ihn immer noch zurückgeben, wenn du dir nicht sicher bist."
Abwehrend entzog sie ihm die Hand und hielt sie vor sich, um sie eingehender zu betrachten. Die Tatsache, dass ein wunderschönes, wie für sie geschaffenes Schmuckstück daran funkelte, trieb ihr das Wasser in die Augen. „Kommt gar nicht infrage. Wir tun das, was wir für richtig halten, Severus."
Er lächelte, sagte jedoch weiter nichts dazu. Dass es nicht so einfach werden würde, wie sie es gerne hätten, war beiden bewusst. Im Moment aber gab es nichts, das ihr Glück trüben konnte.
Am Montagmorgen dann, als Hermine noch schlief, setzte er sich zu ihr ans Bett, beugte sich zu ihr hinab und drückte ihr einen ausgiebigen Kuss auf die Stirn. „Hermine", drang daraufhin seine markannte Stimme durch den Raum.
Sie öffnete die Augen und blinzelte ihn an. Abrupt setzte sie sich auf. „Du bist ja schon angezogen. Wie spät ist es?"
Ein schmales Lächeln huschte über sein Gesicht. „Spät genug. Ich muss zurück nach Hogwarts. Du kennst Minerva, sie erwartet mich beim Frühstück. Und solange noch immer Schüler in Hogwarts sind, ist meine Anwesenheit erforderlich. Am frühen Abend aber sollte ich wieder hier sein."
Nur langsam schien sie die Botschaft zu begreifen, dass es soweit war, ihn gehen zu lassen, wenn sie McGonagall nicht verärgern wollten. „Kaum zu glauben, dass die Zeit so schnell vergangen ist. Das war das schönste Wochenende meines Lebens, Severus. Ich wünschte nur, es würde für immer andauern."
Er lachte leise. „Und wovon sollen wir dann zukünftig leben?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Wir verzichten einfach auf die neuen Möbel und zehren von dem wunderbaren Anblick des Diamanten."
Wenig überzeugt rutschte eine seiner Brauen in die Höhe. „Vielleicht solltest du diesen Plan noch einmal überdenken."
Hermine legte seufzend die Arme um seinen Leib. „Ich weiß, das sind nicht gerade besonders gute Aussichten. Hoffentlich akzeptiert das Ministerium meine Bewerbung. Es ist kein gutes Gefühl, nicht zu wissen, ob ich den Job bekomme. Ganz besonders jetzt wäre es wichtiger denn je, eine Zusage zu erhalten."
Zärtlich strich er ihr mit der Hand über die roten Locken. „Hör auf, dir den Kopf zu zerbrechen. Du bist das Beste, was sie kriegen können."
„Ach ja?", fragte sie skeptisch. „Wieso dauert es dann so lange, bis ich eine Antwort bekomme?"
Snape legte seinen Zeigefinger auf ihren Mund und brachte sie dadurch zum Schweigen. „Egal was ich auch sage, du wirst sowieso nicht auf mich hören. Mach dir trotzdem einen schönen Tag. Wir sehen uns später, in Ordnung?"
Sie grummelte nachdenklich vor sich hin. „Es ist komisch, dass du gehst. Was soll ich tun, wenn ich deine Hilfe brauche?"
„Ich bin nur ein paar Stunden weg. Die wirst du auch ohne mich auskommen."
„Das weiß ich. Aber es ist das erste Mal, dass ich in deinem Haus alleine sein werde. Was, wenn eine Art Notfall eintritt und du bist nicht da?"
„Ein Notfall?"
Sie nickte. „Ja. Wenn es beispielsweise brennt oder die Wasserleitung bricht. Oder wenn jemand dich besuchen will. Was mache ich dann, Severus?"
„Ah, so langsam kommen wir der Sache näher", murmelte er sarkastisch.
Hermine machte große Augen. „Du machst dich lustig darüber?"
„Was erwartest du von mir? Du verhältst dich wie ein Kind, Hermine."
„Vielleicht. Ich will nur sichergehen, dass ich alles richtig mache, wenn plötzlich Narcissa Malfoy vor der Tür steht."
Snape schüttelte den Kopf. „Du bist doch sonst nicht so auf den Mund gefallen. Wieso also dieses Theater?"
Sie seufzte. „Ich glaube, ich bekomme langsam Panik, Severus. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Menschen über uns bescheid wissen."
Er legte den Kopf schief. „Ist das nicht das, was du wolltest? Ich dachte, du hättest genug davon, über dieses Thema zu sprechen."
„Natürlich will ich es. Ich will alles. Aber ich weiß nicht, wie ich mit deinen Freunden umgehen soll. Bei meinen ist das was anderes."
Snape schmunzelte verhalten. „Sollte mich tatsächlich jemand besuchen wollen, was sehr unwahrscheinlich ist, da Narcissa mich genau ein einziges Mal besucht hat, sag einfach, ich bin in Hogwarts zu erreichen. Was die anderen Dinge anbelangt, glaube ich, wirst du sehr wohl in der Lage sein, dir selbst zu helfen."
Hermine schnaubte wortlos.
„Es ist dir zwar nicht erlaubt, ins Schloss zu apparieren. Aber sollte tatsächlich der Fall eintreten, dass du mich brauchst, kannst du über den Kamin in die Kerker reisen."
Beschwichtigt streckte sie sich und zog ihn am Kragen zu sich. „Ich komm schon klar, Severus. Es ist nur so, dass mir der Abschied von dir schwer fällt." Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, Hermine aber drückte ihm eilig einen Kuss auf seine Lippen. „Du siehst gut aus. Und jetzt geh, bevor ich es mir anders überlege."
Damit ließ sie von ihm ab und kroch zurück unter die Bettdecke. Wenig später hörte sie das vertraute Geräusch des Apparierens und wusste, dass sie allein war.
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Blindlings stieg Hermine aus der Dusche und tastete nach einem Handtuch. Kaum hatte sie es gefunden, wickelte sie sich darin ein. Das warme Wasser hatte eine ordentliche Dampfwolke im Badezimmer hinterlassen, genauso wie sie es mochte. Es gab nichts Unangenehmeres als Kälte auf der nassen Haut. Besonders dann, wenn man nichts mit sich anzufangen wusste oder sich einsam fühlte.
Seit Severus gegangen war, waren gerade mal zwei Stunden vergangen, doch schon jetzt fühlte sie sich hundeelend. Zum einen lag es daran, dass sie ihn schlicht und ergreifend vermisste, so wie das eben war, wenn man mit Herz und Seele in jemanden vernarrt war. Zum anderen kam es aber auch daher, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie erst viel zu spät angefangen hatte, sich um einen Job zu bemühen. Doch das Letzte, was sie wollte, war es, ihm auf der Tasche zu liegen.
Reumütig schoss ihr ins Gedächtnis, dass sie die Idee, sich um eine Ausbildungsstelle im Zaubereiministerium zu bemühen, ganz allein Mr. Weasley zu verdanken hatte. Wäre er nicht gewesen, würde sie noch immer ratlos den Kopf in den Sand stecken und überlegen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Es war zwar nicht so, dass Severus sie drängen würde, voranzukommen, doch insgeheim wusste sie, dass er sich Sorgen machte, wie sie auf längere Sicht betrachtet über die Runden kommen sollten. Die Ersparnisse, die sie zusammengekratzt hatten, würden schließlich nicht ewig reichen.
Nachdem sie sich ihren ausgewaschenen Gryffindor-Sweater und eine Jeans angezogen hatte, ging sie nach unten und machte sich erst einmal eine Tasse Kaffee. Auf dem Tisch in der Küche stand eine schmale Vase mit Margeriten und Vergissmeinnicht. Hermine musste lächeln. Vermutlich hatte Severus sie in aller Früh aus dem Blumenkasten der Nachbarn entwendet, die jedes Mal einen schiefen Blick auf ihn warfen, wenn er vor die Tür ging. Obwohl er so selten zuhause war, hatten die Muggel offenbar nichts Besseres zu tun, als ihre Aufmerksamkeit seiner Haustür zu widmen.
Mit ihrer Tasse in den Händen durchquerte Hermine das Erdgeschoss und fischte die lokale Zeitung heraus, die durch den Briefschlitz ragte. Dann ging sie zurück in die Küche und machte es sich dort bequem, um die Schlagzeilen zu überfliegen. Wie zu erwarten gewesen war, stand nichts über ungewöhnliche Vorkommnisse in den Muggelnachrichten. Es wurde Zeit, dass die Eule mit dem Tagespropheten vorbeikam. Nachdem das Ministerium auf sich warten ließ, konnte es nicht schaden, sich nach einem alternativen Job umzusehen. Vielleicht war ja kurzfristig jemand abgesprungen, in dessen Fußstapfen sie treten konnte.
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Harry schüttelte seinen Mantel, sodass das Regenwasser nach allen Seiten spritzte. Zum Glück war das Drei Besen am frühen Nachmittag nicht sonderlich gut besucht, sonst hätte sein stürmischer Auftritt wohl für wenig Begeisterung gesorgt.
"Ich hab nicht viel Zeit, Hermine", erklärte er knapp.
Sie nickte und schob ihm etwas zu schwungvoll einen Krug voll Butterbier hin. Mit einem Platschen schwappte die Brühe über den Glasrand. Hermine jedoch war mit ihren Gedanken zu weit weg, um sich daran zu stören. Blitzschnell ließ sie die Hände wieder unter dem Tisch verschwinden. "Ja, es ist immer dasselbe. Jeder ist beschäftigt. Nur ich offenbar nicht, weil ich keinen Job bekomme."
Er runzelte die Stirn. "Alles in Ordnung mit dir? Du wirkst nervös, Hermine."
"Nicht mehr als gewöhnlich, Harry."
"Wenn du meinst. Was deine Stelle angeht, solltest du dir keine Sorgen machen. Du hast gerade mal die Prüfungen hinter dir. Es kann noch eine Weile dauern, bis du eine Antwort vom Ministerium bekommst."
"Für mich sieht es fast so aus, als würden sie mich nicht haben wollen", entgegnete sie kritisch.
"Das glaube ich nicht. Bei deinen Qualifikationen wäre es ein Wunder, wenn sie deine Bewerbung nicht berücksichtigen."
"Nur weil ich bei Muggeln aufgewachsen bin, heißt das noch lange nicht, dass ich eine Ahnung davon habe, wie sie ticken."
"Tut mir leid, aber das kann ich mir einfach nicht vorstellen, Hermine."
"Ich anfangs auch nicht", kommentierte sie trocken.
"Jetzt beruhige dich erst mal, dann sag mir, was los ist. In dem Brief den du mir geschrieben hast, ging es hauptsächlich um die Angelegenheit mit Gaunt."
"Wie soll ich das machen?", stieß sie gereizt aus. "Ich war noch nie so verunsichert. Vielleicht bin ich einfach zu sehr davon überzeugt gewesen, dass sich schon irgendwie alles regeln wird, Harry. Ich dachte wirklich, dass sie mich brauchen können, wo es doch zwischen Muggeln und Zauberern so viele Hürden zu überwinden gibt. Dabei habe ich mich vielleicht getäuscht. Ich komme mir langsam richtig überflüssig vor."
Harry beugte sich zu ihr und senkte die Stimme. "Das darfst du dir nicht einreden. Ich bin sicher, dass sich alles bald regeln wird."
Sie zog betreten die Nase hoch. "Ich fange an, Rons Aussetzer immer mehr zu verstehen. Früher hätte ich nie gedacht, dass einem derart der Boden unter den Füßen weggezogen werden könnte. Aber jetzt ist alles anders."
Er verzog das Gesicht. "Hör auf, dich mit Ron zu vergleichen. Du bist nicht wie er."
"Nein. Aber das bewahrt mich noch lange nicht vor einem Zusammenbruch."
"Dazu wird es nicht kommen."
"Wer weiß das schon. Wie war das eigentlich mit Gaunt? Gibt's da was Neues?"
Wie beiläufig zuckte er mit den Schultern. "Nicht so richtig. Wir warten alle darauf, dass die Zeugen ihre Aussagen machen. Das kann dauern. Aber das weißt du ja inzwischen. Jedenfalls sieht es ganz so aus, als würde er nicht so schnell aus Askaban rauskommen."
Hermine nickte pflichtbewusst. In Wahrheit jedoch hörte sie kaum noch hin. Natürlich war sie erleichtert, dass die Auroren einen Fortschritt im Kampf gegen die noch verbliebenen Todesser erzielt hatten. Da sie jedoch in Gedanken ganz wo anders war, hatte sie nur wenig Aufmerksamkeit dafür übrig.
Instinktiv schien Harry zu spüren, dass etwas mit ihr nicht stimmte und legte den Kopf schief. "Hermine, was sagt eigentlich Snape zu deiner Situation? Ich meine, immerhin wohnst du jetzt bei ihm. Da werdet ihr doch sicher darüber geredet haben, wie es weitergehen soll. Oder etwa nicht?"
Sie blinzelte. Obendrein legte sich ein rötlicher Farbton über ihre Wangen. "Er hat mir einen Antrag gemacht." Frei und ungezügelt platzte sie damit heraus, fast so, als wäre es das normalste auf der Welt, dass so etwas passierte.
Harry hüstelte. Im ersten Moment glaubte er, er hätte sich verhört. "Er hat was?"
"Ja. Gestern Abend waren wir aus. Es war das erste Mal, dass wir gemeinsam auswärts essen waren. Ich hab mir nichts weiter dabei gedacht, schließlich tut er ständig Dinge, die mich überraschen. Aber als wir dann nach dem Essen die letzten noch übriggebliebenen Gäste waren und bei Kerzenlicht beisammen saßen, stand er plötzlich auf und hat sich vor mich hingekniet. Ich dachte, mein Herz bleibt stehen. Erst mal wusste ich nicht, was ich sagen soll …"
"Moment! Er hat dich so richtig gefragt?", warf er schnell dazwischen.
Sie nickte wortlos und noch mehr Röte stieg ihr ins Gesicht, was Harrys Befürchtungen bestätigte. Beinahe sah es ganz danach aus, dass ihm die Frage, die auf seiner Zunge lag, im Hals steckenbleiben würde. Nur mühsam brachte er sie hervor. "Und was hast du geantwortet?"
"Ich habe Ja gesagt, Harry. Ist das so schwer vorstellbar?"
Harry stand der Mund offen. "Er hat dich tatsächlich gefragt, ob du ihn heiraten willst?"
"Ja. Und ich möchte es, Harry. Ich möchte es wirklich. Wenn es jemanden gibt, mit dem ich mein Leben verbringen möchte, dann mit ihm. Aber wie kann ich das tun? Wie kann ich ihn heiraten, wenn ich nicht einmal mein eigenes Leben in den Griff bekomme? Wenn ich es nicht mal schaffe, den Ausbildungsplatz zu bekommen, der mir vorschwebt? Genau deshalb bin ich doch nach Hogwarts gegangen. Um mir endlich darüber klar zu werden, was ich machen soll. Aber was, wenn es nicht klappt? Was, wenn ich wieder vor dem Nichts stehe, wie vor einem Jahr auch? Ist es dann nicht einfach nur egoistisch von mir, ihn zu heiraten? Steht es mir dann überhaupt zu, mich darauf zu verlassen, dass er für mich da ist und mich auffängt?"
Harry atmete tief aus. Sein Gesicht verriet deutlich, dass er nichts davon hören wollte. Hermine aber wollte es nicht wahrhaben. Sie wünschte sich nichts sehnlicher als von ihm verstanden zu werden.
"Ich hätte nicht gedacht, dass es so ernst ist", sagte er dann mit vorgetäuschter Ruhe, obwohl es in ihm zu brodeln anfing.
"Was meinst du damit?"
"Du wolltest mit ihm zusammenziehen, aber doch nicht gleich heiraten, Hermine."
"Und wenn schon. Darum geht es hier gar nicht. Es geht vielmehr darum, dass ich nicht einfach einen Vorteil aus dieser Beziehung ziehen kann und ihn für uns beide ackern lasse, während ich mich zuhause verkrieche."
"Einen Vorteil? Bist du noch bei Sinnen? Er ist zwanzig Jahre Älter als du. Außerdem war er ein Todesser und ist nicht gerade ein umgänglicher Mensch. Von seinem Beliebtheitsgrad ganz zu schweigen ..."
"Und wenn schon. Ich war auch nicht immer beliebt."
"Aber das ist etwas anderes."
"Wieso?"
"Weil er eben Snape ist. Klingelt es jetzt bei dir? Der einzige, der einen Vorteil von dieser Beziehung hat, ist er. Er macht sich hemmungslos an dich ran und wickelt dich um den kleinen Finger, damit er endlich das nachholen kann, was er jahrelang versäumt hat."
"Was?", fragte sie verdutzt.
"Ich rede von Frauen, Hermine. Ich weiß, dass ihr es miteinander tut, also spiel hier nicht die Unschuldige. Wenn du mich fragst, sollte er sich was schämen, das zu tun."
"Ich frage dich aber nicht, mit wem ich schlafen darf und mit wem nicht."
"Vielleicht hättest du es ja tun sollen, dann wäre das mit euch nicht so weit gekommen."
Wütend funkelte sie ihn an. "Bist du jetzt fertig? Was willst du ihm denn noch alles unterstellen?"
"Wer weiß. Vielleicht spielt er nur mit dir, wie er es all die Jahre zuvor auch mit uns gemacht hat."
Energisch schüttelte sie den Kopf. "Du irrst dich, Harry. Ich kann nicht glauben, dass du immer noch so reagierst. Severus ist vielleicht kein besonders offener Mensch. Aber das heißt noch lange nicht, dass er mich hintergehen würde oder einen Vorteil aus unserer Beziehung ziehen würde, indem er mich heiratet."
Er schnaubte kühl. "Und was macht dich da so sicher? Sieh dir sein Leben an. Er ist ein klassischer Eigenbrötler. Ich will nicht, dass er dich auch noch ins Unglück stürzt, Hermine."
"Als wäre bei mir bisher alles so wunderbar nach Plan verlaufen", bemerkte sie spöttisch. "Auch dann, wenn er es schwer hatte, hatte er immerhin den Mut dazu, nicht aufzugeben."
"Ach ja? Falls du es vergessen hast, es war Dumbledores Verdienst, dass er wieder auf die Füße kam", sagte er unbeeindruckt.
"Das mag sein, Harry. Aber Severus kam zu ihm, um ihn um Hilfe zu bitten. Und das ist für mich das einzig Wichtige."
"Wenn das so ist, warum wartest du dann noch? Du kennst meine Meinung über ihn. Warum willst du mit mir darüber reden? Brennt von mir aus durch. Heiratet. Oder tut sonst was. Aber lasst mich damit in Frieden."
„Kannst du dir das denn nicht denken, Harry?", fragte sie enttäuscht. „Du bist mein Freund!"
„Ja, das bin ich. Aber manchmal wissen auch Freunde nicht, was sie tun sollen. Ich weiß, dass du viel durchgemacht hast, was größtenteils meine Schuld war. Vielleicht hätte ich mich mehr dagegen wehren sollen, dass du immer an meiner Seite warst. Ich hätte alleine losziehen sollen, um dich zu beschützen. Aber ich habe es nicht getan, weil ich dich brauchte. Wer weiß, vielleicht hätte ich Voldemort niemals besiegt, wenn du nicht bei mir gewesen wärst. Doch das alles hat nichts mit dir und Snape zu tun. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll, Hermine. Er ist vielleicht ein guter Spion. Doch das heißt nicht, dass ich vergessen kann, was geschehen ist. Die Sache zwischen ihm, meinem Dad und Sirius. Oder das mit ihm und meiner Mum, ebenso wie das mit der Prophezeiung. Das sind Dinge, die ich nicht einfach unter den Tisch kehren kann. Verstehst du? Wenn ich mir vorstelle, dass du mit ihm zusammen bist, sehe ich immer wieder, was er getan hat. Es geht nicht anders. Was soll ich also tun? Euch meinen Segen geben?"
Traurig schüttelte Hermine den Kopf. Sie musste einsehen, dass es unmöglich war, das von ihm zu verlangen. „Das erwarte ich gar nicht von dir, Harry. Ich möchte einfach nur, dass du den Hass auf ihn ruhen lässt. Kannst du dich denn nicht wenigstens etwas für mich freuen? Auch dann nicht, wenn ich dir sage, dass ich mit ihm glücklich bin?"
Harry seufzte. „Vielleicht bist du das, Hermine. Aber wirst du das auch bleiben? Denk mal darüber nach, bevor du eines Tages aufwachst und feststellst, dass du neben einem alten Mann im Bett liegst, der zu einem Großteil dafür verantwortlich war, dass du in Hogwarts unglücklich warst."
Noch ehe sie wusste, was sie antworten sollte, stand er auf und kramte in seiner Manteltasche herum. Dann warf er mit ernster Miene ein zerknittertes Stück Pergament auf den Tisch.
„Hier. Wenn du willst, kannst du sie haben. Ich brauch sie ohnehin nicht mehr."
Zum Abschied tätschelte er ihre Schulter, dann war er auch schon auf dem Weg zur Tür. Hermine blieb zurück und starrte mit glasigem Blick auf die Karte des Rumtreibers, die er ihr überlassen hatte.
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Nervös ging Hermine im Wohnzimmer auf und ab. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte, was Harry gesagt und getan hatte. Einerseits gab es einige Punkte, in denen sie ihm Recht geben musste. Andererseits jedoch wehrte sich ihr Gefühl heftig gegen den Verstand, der ihr sagte, dass unmöglich alles mit rechten Dingen zugehen konnte. So oder so war der Verlauf ihres Gesprächs mit Harry anders ausgegangen als erwartet. Ganz zu schweigen von seinem kurz angebundenen Abschied. Hatte die Karte am Ende etwa zu bedeuten, dass Harry Severus beobachtet hatte? Wollte er ihm vielleicht noch mehr Gemeinheiten anhängen? Wenn ja, dann war sein Vorhaben erfolglos geblieben, soviel stand zweifelsohne fest. Vielleicht bestand aber auch die Möglichkeit, dass er die Karte aus sentimentalen Gründen aufbewahrt hatte, um damit das Andenken an Fred zu wahren...
Hermine war so außer sich, dass sie sicher war, dass sie es besser nicht wissen sollte. Fest entschlossen entschied sie sich dazu, die Karte über den Kamin zum Fuchsbau zu senden, damit Ginny sie in ihre Obhut nehmen konnte. Von dem Hass, den Harry auf Severus hatte, wollte sie jedenfalls nichts wissen.
Als sie das erledigt hatte, ging sie in die Küche um Tee zu machen, was nach dem aufwühlenden Gespräch mit Harry genau das richtige war, um zur Ruhe zu kommen. Er hatte nicht im geringsten den Eindruck gemacht, als würde er sich für sie freuen, geschweige denn, dass er verstanden hätte, dass sie und der Professor bereit waren, diesen Schritt zu gehen, weil es für sie das war, was sie wollten. Auch den Ring an ihrem Finger hatte er nicht weiter beachtet, nachdem sie ihm von dem Antrag erzählt hatte.
Das Wasser war noch nicht einmal am kochen, da pickte etwas gegen die Fensterscheibe. Hermine riss den Vorhang zur Seite und starrte in zwei große leuchtende Augen. Draußen auf dem Sims saß eine Eule mit einem Brief im Schnabel.
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Als Snape am Abend nach Spinner's End apparierte, lag Hermine zu einem Häufchen zusammengekauert unter einer dünnen Decke auf dem Sofa und schlief. Schon auf den ersten Blick fiel ihm auf, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Ihr Gesicht war von Tränen verschmiert, auf dem Tisch vor ihr war ein aufgeschlitzter Brief mit dem Siegel des Ministeriums zu sehen.
Für einige Sekunden stand er reglos vor dem Bild, das sich ihm darbot und betrachtete ihre jugendliche Gestalt. Die tiefe Furche zwischen seinen Brauen zuckte angestrengt. Warum sie es trotz ihres Verstandes immer noch schaffte, wie ein Kind in Tränen auszubrechen, wenn etwas Unvorhersehbares passierte, war ihm ein Rätsel. Er selbst spürte allen Vorsätzen zum Trotz, sich nicht davon verrückt machen zu lassen, eine ungeheure Wut in sich aufsteigen. Wenn das Ministerium sie abgelehnt hatte, konnte das nur bedeuten, dass es seine Schuld war. Was hatte er denn erwartet? Wie hatte er nur glauben können, dass endlich einmal etwas in seinem Leben funktionieren würde? Ihm war die ganze Zeit über bewusst gewesen, dass es nicht lange dauern würde, bis das mit ihrer Beziehung bekannt werden würde. Ganz besonders jetzt, wo die Weasleys davon wussten. Und trotzdem hatte er es gewagt, um ihre Hand anzuhalten wie ein liebestoller Pfau. Langsam, schleichend war das Gerücht dabei, sich auszubreiten, ohne etwas von dem Zauber zurückzulassen, den sie in sein Leben gebracht hatte. Es würde nicht haltmachen, bevor es alles zerstört hatte, wie schon so oft zuvor.
Snape hatte seine Atmung nur noch mühsam unter Kontrolle. Es tat weh. Es quälte ihn, wie Dornen, die in seine Brust stachen, dass die Menschen sich dazu herabließen, über das Schicksal anderer zu urteilen, indem sie sich an geschmacklosem Klatsch und Tratsch aufgeilten. Er konnte förmlich spüren, wie das Geschwätz anschwoll und zum Gekicher wurde; wie es einer Seuche gleich selbst die entlegensten Gänge entlang kroch, um bis in die dunkelsten Winkel hinein Hogwarts zu erobern. Einmal dort angekommen, würde das Getuschel auch nicht vor seiner Autorität zurückschrecken, die er sich in jahrelanger Arbeit erkämpft hatte. Das Leben im Schatten anderer war ihm vertraut. Was war ihm auch anderes übrig geblieben, als einsam und zurückgezogen auszuharren, nachdem Potter und Black ihn bloßgestellt hatten? Doch was war mit Hermine?
In Erinnerung an das, was er schon früher über sich hatte ergehen lassen müssen, ballte er außer sich vor Zorn die Hände zu Fäusten. Auf dem Sofa räkelte Hermine sich im Schlaf, sodass er zusammen zuckte und herumfuhr.
Müde sah sie ihn an. "Du bist zurück."
Er nickte steif. Schon stand sie auf und legte die Arme um seinen Nacken, unbefangen, befreit. Doch er konnte nicht verstehen, wie sie es fertigbrachte, das zu tun und regte sich nicht.
"Ich hab den Job, Severus. Ich kann nach den Ferien anfangen."
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Das finstere Grinsen, das sich auf Snapes Gesicht eingebrannt hatte, als Hermine ihm von Harrys Reaktion berichtet hatte, würde ihr wohl nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen. Es kam ihr beinahe wie eine Genugtuung vor, wenn man bedachte, dass Harry sie und ihre Gefühle so sehr verletzt hatte. Selten war sie von ihm derart enttäuscht worden. Zwar hatte er sie schon öfters dazu gebracht, seinetwegen Tränen zu vergießen. Diesmal jedoch hatte er sich selbst übertroffen.
Seither ging Hermine ihm aus dem Weg. Sie würde ihn bestimmt noch ein Weilchen zappeln lassen, ehe sie bereit wäre, auf eine seiner Eulen zu antworten. Genauso hatte sie es damals mit Ron gemacht, bis er endlich eingesehen hatte, dass ihm die Freundschaft zu ihr wichtiger war als sein Stolz.
Inzwischen waren die letzten Schüler aus Hogwarts verschwunden und die Sommerferien lagen vor ihnen, was nicht hieß, dass es nichts zu tun gab. Hermine und Severus waren dabei, die ersten Veränderungen am Haus in Spinner's End vorzunehmen. Außerdem brodelte um sie herum die Gerüchteküche, genau wie zu befürchten gewesen war. In Anbetracht dessen, dass sie mit ihrer Entscheidung glücklich waren, war es jedoch nicht halb so schlimm wie erwartet.
"Ich weiß, was in dir vorgeht, Severus", sagte Hermine gedankenverloren, während sie Arm in Arm auf dem Sofa ihres gemeinsamen Zuhauses saßen und über die Ereignisse der letzten Tage nachgrübelten. "Du denkst, dass du es von Anfang an gewusst hast. Und du hast Recht damit. Aber trotzdem bin ich mir sicher, dass nicht alle so reagieren werden."
"Nenn mir eine Menschenseele, die insgeheim nicht darüber schockiert sein wird, uns zusammen vor dem Altar stehen zu sehen", knurrte er unliebsam. "Meine Haare werden langsam grau. Außerdem werde ich nächstes Jahr vierzig."
"Und wenn schon. Ich habe mit einen Ja geantwortet, Severus. Das heißt, ich stehe dazu." Vollkommen unvermittelt musste sie lächeln. "Vielleicht freut es dich, zu hören, dass Ginny mir offiziell ihre Glückwünsche übermittelt hat. Und natürlich die der gesamten Familie Weasley."
Er rollte kommentarlos mit den Augen und Hermine lehnte den Kopf an seine Schulter. Eine Weile saßen sie schweigend da. Jeder von ihnen wusste, dass ihnen noch einiges bevorstehen würde. Doch im Großen und Ganzen hatten sie die größten Schwierigkeiten überwunden.
„Ich habe mit Minerva gesprochen", sagte er irgendwann.
Überrascht setzte sie sich auf und sah in seine schwarzen Augen. „Tatsächlich?"
„Es war an der Zeit, dass sie erfährt, was auf sie zukommt. Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dass sie es besser aufgefasst hat als Potter."
„Das wundert mich nicht. Ich denke, sie wird es verkraften. Was hat sie dazu gemeint, als du ihr gesagt hast, dass wir die Feierlichkeiten in Hogwarts abhalten wollen? Du hast es ihr doch gesagt, oder?"
„Sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen."
Hermine biss sich auf die Lippe. „Das ist verständlich. Aber es wird ja nur eine kleine Feier sein."
Er zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, sie hat sich schon fast so etwas gedacht. Immerhin steckt sie mit Albus unter einer Decke. Er kann es einfach nicht lassen, sich einzumischen. Aber das ist unser geringstes Problem. Ich nehme an, es wird ein ziemlicher Skandal werden, wenn die Schüler davon erfahren."
„Vielleicht müssen sie das gar nicht", bemerkte sie mit einem Funkeln in den Augen. „Wir werden einfach alle Gäste bitten, nichts weiter zu erzählen."
Mit hochgezogener Braue sah er sie an. „Und wie willst du das anstellen?"
Hermines gute Laune verschwand augenblicklich wieder. „Da ist was dran. Wenigstens ist es dann raus. Außerdem glaube ich nicht, dass wir Hagrid jemals beibringen können, sich nicht zu verplappern. Bis zum Ende der Sommerferien dürfte sich der Tumult aber größtenteils wieder gelegt haben, meinst du nicht?"
Snape seufzte. „Wir werden sehen. Jedenfalls gehe ich nicht davon aus, dass das kommende Schuljahr minder ereignisreich wird, als all die Jahre zuvor."
