1.

"Ich verstehe einfach nur nicht, warum ich diese Frau heiraten soll." Er atmet ruhig, obwohl er innerlich vor Zorn brüllt und diese scheußliche Blumenvase in die Glasfront schmeißen möchte. Die Hand ruht auf den übereinandergeschlagenen Beinen, doch sie zuckt zu dem dunklen Sekretär hin, als würde er diese Handlung ernsthaft in Betracht ziehen.

"Du heiratest sie, weil es dein Vater so will und ich schließe mich dem an. Wir lassen nicht zu, dass unsere Linie wegen deines Sturkopfes im Sande verläuft und nur Miss Greengrass kommt in Frage!" Narzissas Stimme zischt zum Ende des Satzes hin und ihr Zorn peitscht ihm entgegen. Die Augen aufgerissen, dunkelblau vor Wut, die feine Porzellanhaut von zartem Rot durchzogen - Draco ist fest davon überzeugt, dass seine Mutter noch niemals so schön und lebendig gewirkt hat. Und doch rührt ein leiser Trotz an seiner Beherrschung.

Er kann nicht sagen, ob es das Plätschern des Zimmerbrunnens ist, das Hüsteln eines der Portraits seiner Vorfahren oder der Blitz, dessen Helligkeit in den Raum flutet wie der Scheinwerfer eines Muggelautos, doch etwas davon - vielleicht auch eine Kombination der Begebenheiten - lässt ihn aufspringen und durch den Raum gehen, zu schnell, um ihm Gelassenheit zu bescheinigen. Viel zu bald fegt ein Windstoß durch das geöffnete Fenster, die Kerzen flackern und obwohl Draco die Zähne zusammenbeißt, bricht es aus ihm heraus.

"Dann versuche ich es anders, Mutter: Ich kann und werde diese Frau nicht heiraten. Nicht jetzt, nicht bald - niemals!" Seine Stimme schwillt an wie eine Wange, die von einem Wespenstich entstellt wird. In jenem Moment, in dem seine Beherrschung bröckelt wie der Außenputz von dem Herrenhaus, wandern seine Hände beinahe automatisch über sein Gesicht bis hin zu seinem Haar und verfangen sich in den blonden Strähnen, raufen sie. "Ich liebe sie nicht, werde sie nicht lieben und will sie nicht lieben und nichts von dem, was du sagst, wird daran etwas ändern -"

"Es geht hier nicht um Liebe", erwidert Narzissa, deren kleine, schlanke Hände sich nun an die Kanten des Sekretärs klammern, haltsuchend und zitternd. "Bei solchen Verbindungen geht es niemals um Liebe." Sie stockt und presst ihre Lippen zu einem Strich zusammen, so gerade, als hätte man sie mit einem Lineal angepasst. "Einfluss, vielleicht auch Sicherheit, aber glaube niemals, dass ehrliche Gefühle jemals eine Rolle gespielt hätten. Es ist ein rein politischer Akt." Ihre Augen fest auf die Schreibfläche gerichtet, lässt sie sich langsam in den Sessel hinter ihr sinken.

Draco zerrt die Hand aus seinem Haar und führt sie an die Lippen, senkt seine Zähne in sein Fleisch, während sein flacher Atem die Ränder seines Bewusstseins verdunkelt. Es ist, als hätten die Worte seiner Mutter eine Kette aus Eisen um seinen Brustkorb geschnürt und er fühlt sich durch das Rasseln in seiner Lunge bestätigt.

"Dein ganzes Leben lang haben Lucius und ich Rücksicht auf dich genommen, Draco. Wir lieben dich, aber in diesem Punkt kann es keinen Kompromiss geben." Obwohl ihre Stimme viel an Schärfe verliert, als sie sich dumpf unter ihren Händen hervordrängt, weiß er, dass es ihr Ernst ist.

Er wankt aus dem Raum hinaus und will seine Sachen in einen Koffer packen, verschwinden, egal wohin, ohne sich je die Frage zu stellen, warum er Asteria Greengrass nicht heiraten will.

2.

Seine Beine fühlen sich seltsam entkräftet an, beinahe losgelöst von seinem Körper, als er zitternd vor dem Kamin, der sein Zimmer in schummriges Licht und eine flackernde Hitze taucht, auf und abgeht. (Wo soll ich bloß hin?) Er rauft sich die Haare und ein filigraner Regen blonden Haars geht auf das Parkett nieder. Immer wieder wirft er einen schnellen Blick auf sein ungemachtes Bett, unter dem, von Decken halb verdeckt, der Tragegurt einer Tasche hervorlugt.

Wenn es ihm überhaupt gelingen kann, von hier zu verschwinden, muss er es diese Nacht tun, wenn alle schlafen. Er schluckt und es fühlt sich an, als würde Sand seinen Hals hinabrieseln. Und dann würde er untertauchen müssen. Als er an dieses schmutzige Pub in der Winkelgasse denkt, hämmert sein Puls verzweifelt in seinen Ohren. Aber selbst dort könnte er nicht lang bleiben.

Nicht nur seine Eltern würden ihn suchen, irgendwann ist da noch diese Anhörung im Ministerium und wenn er nicht erscheint, würden auch die Auroren nach ihm fahnden.

Draco Malfoy sackt vor dem kostbar verzierten Kamin auf den Boden und mit schmerzenden Knien starrt er ungläubig auf die hässlichen marmornen Putten, die gesichtslos um das Feuer zu tanzen scheinen. Sein Körper erbebt und ein lautes Schluchzen bricht aus ihm heraus.

"Draco."

Etwas auf seiner Wange brennt und erst in diesem Moment wird ihm bewusst, dass er weint. Wenn er eine Zukunft will, wie unzufrieden sie auch sein mag, muss er bleiben. Eine Flucht vor dem Ministerium ist keine realistische Option, sie könnte nie -

Eine kühle Hand legt sich auf seine Schulter und Draco fährt herum, die Tränen fahrig aus seinem Gesicht wischend. Sein Vater sieht müde auf ihn herab, die Ränder unter seinen blauen Augen leuchten im Dämmerlicht wie von Geisterhand berührt.

"Deine Mutter schickt mich, um dir zu sagen, dass sie dich enterben wird, wenn du diese Frau nicht heiraten möchtest."

Die Luft strömt eisig in Dracos Lungen, als seine Gedanken bestätigt werden. Er sieht nicht das feine Lächeln auf den edlen Zügen seines Vaters, er sieht nicht, wie er ihn anschaut, denn neue Tränen verschleiern seine Sicht und er stellt fest, dass er sich ihrer nicht einmal schämt.

"Aber ich bin nicht deswegen hier."

Lucius dreht sich um und ergreift die Rückenlehne eines Stuhles. Sein langes, blondes Haar schimmert silbern im flackernden Feuerschein, als es über die Schulter gleitet, während er den Stuhl näher heranzieht und sich auf die samtbespannte Sitzfläche fallen lässt.

Trotz seiner verzweifelten Situation entfährt Draco ein leises Glucksen, denn er hat noch nie gesehen, wie sein Vater alle Haltung aufgibt und sich fläzt wie ein Teenager.

"Hör' mir zu, Draco. Deine Mutter verkennt die momentane Lage unserer Familie." Seine langen Finger streichen das Haar aus Lucius Gesicht und Draco rutscht unter dem eindringlichen Blick, mit dem er bedacht wird, nervös auf dem Boden herum. "In Wahrheit ist es so, dass wir uns kaum um deine baldige Vermählung kümmern können, wenn die Nachrichten aus dem Ministerium wahr sind."

"Wenn - wenn ihr deshalb die Hochzeit aufgebt -" Draco räuspert sich und das Hämmern seines Herzens dröhnt so laut in seinen Ohren, dass er sich selbst kaum sprechen hört. "Es muss etwas Schlimmes passiert sein."

Lucius zieht etwas Silbernes aus seiner Manteltasche. "Früher hätte es uns zweifellos erfreut, doch so kurz vor der Verhandlung können wir nur hoffen, dass irgendein Stümper auf seinen Ohren gesessen hat." Er schraubt an dem Verschluss des Flachmanns und nimmt einen tiefen Schluck daraus, ehe er sich schüttelt. "Potter ist verschwunden."

Belustigt registriert Draco, dass sein Vater sich kaum würdevoller gibt als eine ganze Kiste voller Weasleys. Lucius reibt mit der Hand durch sein Gesicht und lässt sie auf seinen Augen ruhen. Draco nutzt die kurze Gesprächspause, um sich erneut die Wangen abzuwischen und der kalte Stoff seines seidenen Morgenmantels entspannt die gereizte Haut.

"Wir werden höchstwahrscheinlich veurteilt werden."

"Was?" Plötzlich sickert die Erkenntnis wie Eiswasser in seinen Magen.

"Wenn Potter nicht da ist, haben wir keinen glaubhaften Fürsprecher. Sie werden uns verurteilen, Draco. Und wir werden uns fügen müssen." Lucius erhebt sich langsam aus dem Stuhl und streicht gedankenverloren über die Gravur in der hölzernen Lehne. Sein Fingernagel kratzt zwischen den Ranken eines Efeus herum und fast scheint es, als würde die Hand zittern.

"Du weißt, dass die Dementoren allesamt verjagt wurden. Und dich werden sie nicht lange festhalten in Askaban. Ich bin sicher, dass du es schaffen kannst." Ohne ihn nocheinmal anzublicken, wendet Lucius sich um und geht langsam zur Tür. Die Absätze seiner Schuhe klackern stetig auf dem Holzboden, bis sie verklingen und Draco allein auf dem kalten Boden sitzt, nur das Knacken der Holzscheite in seinem Rücken.

Langsam kommt er auf die Beine und schlurft zu seinem Bett, um die Tasche auszupacken. Die Mutlosigkeit in ihm wiegt tonnenschwer und sein Bauch ist so ausgeleiert, dass er mit Steinen gefüllt scheint.

3.

In den Stunden des Morgens, in denen die Sonne langsam über die von Tau glitzernden Hügel kriecht, ist es totenstill in dem großen Herrenhaus. Es dauert noch mindestens eine Stunde, bis kleine Füße über den Boden trippeln werden, in dem Bestreben, Frühstück anzurichten und mit der Hausarbeit zu beginnen.

Nur während dieser umfassenden Stille findet Draco genug Raum, zu atmen, doch gleichzeitig fühlt er sich erdrückt. Als kämen die Steinwände immer näher und mit ihnen die Kälte. Er steht vor dem Schreibtisch seines Vaters und starrt auf die schriftliche Vorladung hinab, folgt dem Schwung der Buchstaben auf dem Pergament mit den Augen und kann keinen Schritt vor und zurück gehen, beinahe so, als hätten sich die Ketten bereits um seine Beine gelegt.

Fröstelnd zieht er seinen Morgenmantel enger um die Brust und verschränkt die Arme. Heute entscheidet ein Haufen Zauberer und Hexen, die ihn weder kennen noch jemals gesprochen haben, über seine Zukunft. Er fragt sich, ob es einen Unterschied macht; ob es nicht sogar besser war, dass sie sein wahres Wesen nicht durchschauen.

Die eine Chance, die ihm geboten wurde, sich von diesem Leben abzuwenden, war ihm damals wie eine Unmöglichkeit erschienen, mehr Anklage denn Angebot, doch heute, in seiner Erinnerung, funkelt sie in Dumbledores festem Blick mit einer unvorstellbaren Kraft hervor, als wäre sie noch immer präsent.

Es ist die Reue, die in seine Gedärme kriecht und rumpelt und ein eiskaltes Frösteln durch seine Sehnen fluten lässt. Er beißt sich auf die Lippen, senkt den unfokussierten Blick und gibt dem Gewicht, das auf seinen Schultern lastet, einfach nach. Als seine Knie auf dem Boden aufkommen, erreicht der Schmerz ihn nicht gänzlich.

Und obgleich er das Gefühl hat, Schiffbruch zu erleiden und hilflos rotierend im sturmgepeitschten Meer zu treiben, weiß Draco Malfoy plötzlich, was er zu tun hat. Er findet die Erkenntnis in Potter, in Dumbledore und in allem, das er immer bloß verachtet hat. Es wird ihn zerbrechen, aber gleichzeitig stärken.

Ein bitteres Lächeln lässt die beinahe versteinerten Muskeln seines Gesichts erwachen.