1.

Die Worte des Ministers geistern durch seinen Schädel, während sich die Ketten den harten Stuhl herauf um seine Arme und Beine schlängeln. Er beobachtet sie dabei und ein Gefühl unverminderten Entsetzens perlt durch den Vorhang aus Nebel, unter dem Dracos Verstand verborgen liegt.

Als er zusehen musste, wie sein Vater sich in Ketten legen ließ, ohne sich zu wehren, ja, ohne auch nur darauf zu reagieren und mit den Auroren den Saal verließ, war Dracos Bewusstsein mit ihm hinausgeschwebt. Die einzige Erinnerung an Lucius Malfoy, auf die er zuzugreifen in der Lage ist, ist das blonde Haar, das sich in dem schwarzen Stein spiegelt wie eine Sonne, die auf erhitztes Glas trifft. Von dem beständigen Summen der hundert Stimmen des Gamots untermalt, die alle durcheinanderreden, erscheint es ihm unwirklich, als würde die Welt derart zu leuchten beginnen, dass alles ineinander verschwimmt.

Potter ist nicht aufgetaucht.

„Mr. Malfoy! Können Sie mich hören?"

Die schneidende Stimme ist wie eine eiskalte Hand, die ihn aus dem Wasser, in dem er gerade untergeht, herausfischt. Die Erinnerung strömt aus seinen Lungen und lässt Raum für Sauerstoff und er atmet so tief und hektisch, dass sich sein Bewusstsein trübt. Er blickt auf die Reihe der Hexen und Zauberer in violetten Umhängen, die auf ihn herabsehen, blickt auf die Abscheu, die aus ihren Gesichtern trieft, unverhohlen und unverschleiert und er weiß, entfliehen könnte er nie.

„Nun, wir beginnen mit der Anhörung der Verbrechen von Mr. Draco Malfoy am 28. Juli." Das Wort „Verbrechen" perlt auf Dracos Haut wie ein Schneesturm. Er zuckt zusammen und schaut beschämt nach unten, beobachtet, wie seine Tränen auf den grauen Stoff seiner Hose treffen und dort dunkle Kreise hinterlassen. Von einer immerwährenden Quelle gespeist, breiten sie sich rasch aus. „Das Verhör wird geführt von dem stellvertretenden Zaubereiminister Kingsley Shaklebolt."

„Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, maßgeblich am Mord an Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore beteiligt zu sein, nachdem er sich den Todessern des dunklen Lords angeschlossen hat."

Draco schaut wieder nach oben, die Sicht verschleiert, schaut den schwarzen Mann an, der ihn vor aller Augen verhören würde. Er bewundert die würdevolle Haltung dieses Zauberers, denn obwohl er die Wut in dessen Augen deutlich wahrnehmen kann und das verächtliche Runzeln der Nase, strahlt er eine beachtenswerte Neutralität aus.

Er schluckt trocken und spannt seine zitternden Finger an, dann unterbricht er den Minister, indem er sich so weit erhebt, wie es die Ketten zulassen. Draco blickt ihm direkt in die Augen und ignoriert alle anderen Zauberer und Hexen, die versammelt sind, um ihn zu verurteilen. Obwohl das Blut in seinen Ohren von einem zarten Rauschen zu einem reißenden Fluss anschwillt und die gekrümmte Haltung seine letzten Kraftreserven kostet, gelingt es ihm, das würdelose Klappern seiner Zähne für einen Moment zu unterdrücken.

„Minister Shaklebolt, ich - ich bin nicht hier, um mich herauszureden." Ihm scheint es, als würden alle im Raum kollektiv den Atem anhalten und erstarren. „Ich gestehe die Mordversuche an meinem ehemaligen Schulleiter - es sind drei - und obwohl ich -„ Seine Stimme versagt und ein Lärm um ihn herum brandet auf, als die Anderen zu reden beginnen.

„Ruhe!", blafft der Minister, lässt Draco aber nicht aus den Augen. Etwas verändert sich an seiner Haltung, wie ein Hauch eines Flüsterns, kaum zu bemerken.

Dracos Beine beginnen unter der Belastung zu beben und als der Teppich aus Stimmen zerstäubt, fleht er alle Mächte an, dies hier zu Ende bringen zu können. „Obwohl ich erst sechzehn war und es zum Schutz meiner Familie tat, die von dem dunklen Lord in ihrem eigenen Haus angegriffen wurde, ändert es nichts an - daran, dass ich den Weg geebnet habe."

Der Minister starrt ihn an, ein Blatt Pergament in seiner Hand festgekrallt.

„Ich - ich habe noch nie etwas so sehr bereut, wie ihm nachgegeben zu haben, seinem Druck, seiner Erpressung. Ich will nicht mehr davonlaufen. Ich bin schuldig an -„

Plötzlich wird die Tür aufgerissen und das Quietschen der Scharniere durchschneidet Dracos Worte wie ein Säbel. Er wendet den Kopf, so weit es geht und sieht dennoch nichts, nur nackte, schwarze Wand.

Als sich Schritte nähern, tost das Gemurmel der Menschen um ihn herum und verstärkt sich auf unerträgliche Weise, bis er sehen kann, wie Potter sich durch die erste Reihe der sensationslustigen Zuhörer drängt. Wie in Zeitlupe sieht Draco, dass er beinahe stolpert und sich an dem Umhang eines weißhaarigen Zauberers mit steinernem Blick festkrallt.

„Harry! Du - Wo zum Henker warst du?" Der Minister glotzt entgeistert auf die zerlumpte Erscheinung, die sich neben Draco aufstellt, jegliche Form vergessend.

Das Gefühl des Wahnsinns, das bereits seit Tagen an Dracos Verstand leckt, kehrt mit aller Macht zurück. Was auch immer er erwartet hat, dies ist dermaßen grotesk, dass seine Beine unter ihm nachgeben und er mit dem Hintern auf den Stuhl kracht. Den weit verästelten Schmerz ignorierend, der durch sein Rückgrat fährt, klammern sich seine Hände haltsuchend an die Ketten.

„Das ist jetzt nicht so wichtig", krächzt Harry Potter. „Ich bin hier als Zeuge für Malfoy."

Draco starrt auf die schwarzen Halbmonde unter Potters Fingernägeln und unterdrückt mit aller Macht das Lachen, das seine Brust emporgluckert und zieht stattdessen die Nase hoch. Auch wenn seine Augen unter all den vergossenen Tränen gerötet und geschwollen sein mögen, sein Rotz aus der Nase fließt wie Wasser aus einer rostigen Regenrinne und sein Haar in alle Himmelsrichtungen absteht, so ist seine Erscheinung nichts im Vergleich zu der Potters, der mehr denn je aussieht wie ein Penner. Wenn das seine Verteidigung ist, so ist sein Plan, Buße zu tun, wahrscheinlich nicht gefährdet. Es fällt ihm schwer, das Grinsen, das an seinen Mundwinkeln zerrt, weiterhin zu verbeißen.

Der Minister räuspert sich und wirkt geschäftig, als er in seinen Pergamenten herumwühlt, ohne eines davon zu beachten und schaut dann wieder zu ihnen hinab. „Gut, dann -„ Ein weiteres Räuspern, dann wandern seine Finger langsam zu seinen Schläfen und beginnen zu kreisen. Das Verlangen, in Gelächter auszubrechen, tobt in Dracos Magen, als habe er Affenbabys verschluckt.

Potter knetet die Hände vor seinem Bauch, bevor er den Mund öffnet. „Also. Mag sein, dass Malfoy versucht hat, Professor Dumbledore umzubringen - ich meine, es ist so, ja, ich war dabei. Aber er hat es nicht geschafft. Er hat den Zauberstab sinken lassen und das war's. Dann kam nämlich Severus Snape und hat es getan. Da war nichts, was Dumbledore Malfoy nicht verziehen hätte. Äh, selbst Snape hat er verziehen, es war nämlich sein Auftrag -„

Verlegen kratzt sich Potter am Kopf. „Entschuldigung, hab' den Faden verloren. Also, nicht nur das. Malfoy hat uns, als wir auf der Suche nach einer Möglichkeit, Voldemort -„ Eine dünne Stimme aus den Reihen der Zuhörer schreit auf, aber Potter übergeht das und redet einfach weiter wie ein nervöser Trottel. „- zu vernichten, gefangen genommen wurden, so getan, als wäre ich nicht ich. Nur so konnten wir entkommen. Hätte er das nicht getan, wären wir in dem Kerker da gestorben und - naja - tot. Also hat er auch geholfen, den Krieg zu beenden -„

Kingsley Shaklebolt starrt ihn an, die Augenbrauen konfus zusammengezogen.

„Sie könnten Malfoy als verdeckten Kämpfer für unsere Seite betrachten - das wollte ich einfach nur sagen." Potter endet mit seinem hervorgesprudelten Monolog, dem offenbar keiner zu folgen in der Lage war. Stille senkt sich über die Versammelten.

Nach ein paar Sekunden der Erstarrung fängt sich der Minister und schüttelt den Kopf. „Nun, du sagst, dass Mr. Malfoy wie Professor Snape zu betrachten ist, da er eine entscheidende Schlüsselposition eingenommen hat, deine Mission zu unterstützen?"

Potter nimmt nervös seine schmutzbefleckte Brille ab und putzt sie an seinem Pullover, wobei er den Dreck lediglich auf dem Glas verteilt. „Äh, ja. Er war halt nur nicht offiziell dabei, sondern hat sich erst später angeschlossen."

Draco bemerkt angespannt, dass die meisten Hexen und Zauberer des Gamots an seinen Lippen hängen und jedes seiner Worte aufzusaugen scheinen wie Schwämme einen Regenguss.

„Wir müssen aber auch berücksichtigen, dass sich Mr. Malfoy bereits als schuldig erklärt hat und -„

Potter dreht sich um und sieht ihn zum ersten Mal bewusst an. Draco kann das ungläubige Erstaunen beinahe durch seinen Kopf hindurchschimmern sehen. „Was hast du getan?", schreit er beinahe, die grünen Augen weit aufgerissen, als könne er so besser erfassen, was für Potter selbst unmöglich erscheint.

„Ich übernehme Verantwortung, Potter", zischt Draco so blasiert es ihm möglich ist. „Das traust du mir wohl nicht zu - dass ich etwas anderes tun könnte als wegzulaufen -„

„Dies ist ein Gerichtssaal!", schnappt eine Hexe empört aus den Rängen hinter Shaklebolt.

Potter schnaubt und ignoriert sie einfach. „Oh, bitte, Malfoy - ich hätte dir lediglich nicht zugetraut, zu wenig Grips zu haben, um zu kapieren, was du eigentlich für uns getan hast -„

Als Draco spürt, wie ihn das Chaos um ihn herum zu verschlingen droht (und Potters Worte immer wieder in ihm nachklingen), hört er wie von weiter Ferne her die Worte zu ihm schweben, die er nie mehr erwartet hätte .

„Der Angeklagte wird in allen Anklagepunkten freigesprochen. Die Anhörung ist hiermit geschlossen."

Draco dreht den Hals so schnell, dass es in seinem Nacken knackt und starrt den Minister an, sieht, wie Hände nach dessen Schulter greifen und Hexen und Zauberer auf ihn einzureden beginnen. Er hört die Rufe derjenigen, die überrascht und zutiefst empört auf einen anderen Ausgang gehofft zu haben scheinen. Betäubt von dem Strom der wilden Gefühle, die durch seine Adern rauschen, spürt er, wie die Ketten sich von seinen Armen und Beinen in den Stuhl hinein zurückziehen.

„Aber was ist mit der Abstimmung?" - „Das Urteil kann unmöglich rechtskräftig sein ohne Abstimmung!" - „Nein, das können Sie nicht machen!"

Der Minister erhebt sich und jetzt erst registriert Draco, wie groß er eigentlich ist. Er ragt weit aus der Menge, die sich um ihn drängt, auf. „Dieses Gesetz, auf das Sie sich berufen, liegt in den Händen des Ministers", spricht er ruhig und gefasst durch das Getöse ihrer wütenden Stimmen hindurch und dennoch versteht Draco ihn mühelos. Er beobachtet, wie Kingsley Shaklebolt eine Seite aus einem alten Buch herausreißt und zusammenknüllt.

„Es ist Unrecht, einen Unschuldigen aus persönlich empfundener Abneigung zu verurteilen." Er wirft den Papierknödel über seine Schulter. „Sie können sich entfernen."

2.

Draco verlässt das Ministerium durch den Besuchereingang. Als er in der Telefonzelle ankommt und die Frauenstimme ihm einen schönen Tag wünscht, sackt er an der verwahrlosten Glaswand hinab und schließt die Augen. Er atmet den stickigen Geruch ein, doch es fühlt sich in seiner Erleichterung so an, als wäre es klarste Bergluft, die in seine Lungen strömt und die Asche seiner Schuld an seinen Flimmerhärchen emportreibt, aus ihm heraus.

Seine Hände fahren in sein Gesicht und er wischt langsam die Tränen ab, deren Salz sich längst in seine Haut gefressen hat wie Säure. Zum ersten Mal an diesem Tag erlaubt er sich ein Lächeln, das sich schmerzhaft in seine Gesichtsmuskeln prägt und er weiß, er muss absurd idiotisch aussehen, wie er hier in dieser Muggeltelefonzelle auf dem schmutzigen Boden hockt und grinst, aber hier ist er mit sich allein und die Ehrlichkeit bricht sich Bahn.

Doch als er die Augen wieder öffnet, ist er nicht mehr allein. Vor der Telefonzelle steht Potter und presst sein Gesicht an die Fensterscheibe und glotzt, als wäre er gerade aus dem St. Mungos entlaufen. Der Ärger, der plötzlich in Dracos Körper schießt, lässt ihn auffahren, obwohl er geglaubt hat, nie mehr aufstehen zu können.

Er reißt die Tür auf, sodass Potter beinahe gegen Draco purzelt und faucht: „Du bist wohl nicht in der Lage, einen Mann in Freiheit allein zu lassen, he?"

Potter stützt sich an der Außenwand der Telefonzelle ab und hat zumindest den Anstand, peinlich berührt dreinzublicken. Er kratzt sich an seinem Hinterkopf und das Geräusch zerrt an Dracos Nervenkostüm, mehr, als es sein unmögliches Starren vermocht hat.

Ein leises Stöhnen entweicht Dracos Kehle und er legt sich resigniert die Hand über die Augen. „Was willst du?"

„Das Ministerium hat heute für den Publikumsverkehr geschlossen - ich dachte, du willst vielleicht reden oder so." Draco sieht nicht, wie Potter verlegen seine Hände knetet, aber er kann es sich vorstellen, wie er da steht, vollkommen idiotisch wie immer und versucht - was eigentlich?

„Du meinst, ich will ausgerechnet mit dir reden? Über was, wenn ich fragen darf? Darüber etwa, wie man den am meisten abgerissenen Eindruck vor offiziellen Würdenträgern macht vielleicht?" Der Spott trieft geübt von Dracos Zunge wie damals, in der Schule, aber er selbst bemerkt die fehlende Schärfe.

Potter gluckst und als Draco die Hand von seinem geröteten Gesicht zieht, kann er das verschwörerische Grinsen sehen, das sein Gesicht erhellt, kurz bevor es in sich zusammenfällt. Es ist mehr als nur faszinierend, es ist bezeichnend und Draco spürt das vertraute Ziehen in der Magengegend, das er längst vergessen geglaubt hat.

„Oh, ich dachte, es wäre umso eindrucksvoller."

„Das war es, ich fragte mich, ob du direkt von der Müllhalde kommst, um einen alten Schulfeind zu erretten vor den bösen Mächten der Wahrheit -„

Plötzlich verfliegt alle Heiterkeit aus Potters Gesicht. „Warum wolltest du schuldig gesprochen werden? Ich verstehe es nicht, wieso würdest du freiwillig -„

Dracos Magen zieht sich zusammen und seine Hände ballen sich zu Fäusten. „Nein, Potter. Dafür rechtfertige ich mich nicht, nicht ausgerechnet vor dir. Ich werde jetzt gehen."

Er drängt sich an ihm vorbei aus der Telefonzelle und läuft tiefer in die dreckige Seitengasse hinein. Obwohl der Sonnenschein gnadenlos in seinen Nacken brennt, sickert eine gefühllose Kälte immer tiefer in seinen Körper, von seiner Brust ausgehend. Dass es Furcht ist, die seine Extremitäten lähmt, würde er vor niemandem jemals zugeben, nicht einmal vor sich selbst.