1.
Die Kiste steht an dem gleichen Ort, an dem er sie zurückgelassen hat, aber der kleine Zettel, der unter dem dunklen Holz herausragt, ist verschoben. Wie Siedewasser rauscht ein Strom aus Schmach durch seine Adern. Jemand hat sie entdeckt, bewegt, sogar geöffnet und -
Zaghaft klemmt er den Vorhang, der die Mauernische versteckt, hinter einen Fackelhalter und greift nach der Kiste. Wenn er nichts unternimmt, ist alles, was er diesen Sommer getan hat, zum Scheitern verurteilt. Er atmet tief ein und die Luft strömt seinen ausgetrockneten Hals entlang nach innen, in das Feuer hinein, das er nur zu gut kennt.
Als er die Kiste öffnet, fallen ein paar der Pergamentstreifen heraus und er bückt sich hastig danach. Keines der kleinen Geheimnisse ist enwendet worden, aber er weiß genau, dass die Gefahr nicht gebannt ist, nicht hier, nicht in diesem Haus.
2.
Staub wirbelt auf, als er schnellen Schrittes durch den engen Geheimgang hastet, und obwohl er fürchtet, husten oder sich übergeben zu müssen, tragen ihn seine zitternden Beine unaufhörlich näher an den kleinen, rechteckigen Streifen aus Licht heran.
Als er an der Rückseite des Portraits ankommt, das vor dem Ausgang hängt, erlaubt er sich nicht, durchzuatmen, denn schon hört er Stimmen aus dem dahinterliegenden Raum und eine von ihnen streichelt seine Ohren auf diese unerhörte Weise, die er immer schon geliebt und gehasst hat.
"Gibt es denn Neuigkeiten? Ich meine, ich habe lange keine Nachricht mehr be-" Die Stimme des Jungen zittert leicht, kaum hörbar.
"Nicht viele. Es heißt, dass die geschätzten, so endlos unverstandenen Helden von -" Es ist blanker Hohn, natürlich, aber er wird unterbrochen.
"Oh nein, ich bin nicht hier, um mir Ihre Beleidigungen anzuhören! Wenn ich nochmal sowas höre, dann werde ich für mindestens ein Jahr verschwinden und Sie wissen genau, was das für Sie und Ihre Familie bedeutet!" Der Ausbruch ist heftig und die Worte schneiden schnell wie Peitschenhiebe durch die Luft.
Er wünscht sich, er könne durch dieses Portrait schauen, zusehen, wie die Röte den zarten Hals heraufkriecht bis zu den Ohren, sehen, wie die Augen, die er jede Nacht in seinen Träumen sieht, vor Zorn funkeln. Er wundert sich, dass der Andere nicht zurückfeuert, wundert sich über die Eiseskälte, die inzwischen niemand mehr nötig haben sollte.
"Die Familie hat sich von offiziellen Geschäften zurückgezogen und hält sich nunmehr kaum in der Öffentlichkeit auf. Ihre gewünschten Informationen zu beschaffen wird eine längere Zeit in Anspruch nehmen. Ich nehme an, wir sind fertig?" Kalt. Eiskalt. Es fröstelt ihn, wenn er nur zuhört.
Ein lautes Aufstampfen ist zu hören. "Wir sind nicht fertig! Was ist mir ihr? Sie besucht Hogwarts! Ist Ihnen das nicht öffentlich genug?" Wut donnert in jeder Silbe mit und er kann kaum an sich halten, das Bild vor sich nicht wegzustoßen und sich in die Schusslinie zu werfen.
"Oh, offensichtlich kann sie kaum mit der Schande leben, dass Sie das männliche Geschlecht bevorzugen -"
Das ist die Bestätigung, nach der er gesucht hat. (Er hat sie gelesen - er hat sie verdammt nochmal gelesen!)
"Jetzt sind wir fertig." Nun klingt er nicht mehr wütend, sondern leise und gefährlich.
Er schluckt trocken und ist mit einem Mal dankbar für das Portrait, das ihn vor ihren Blicken verbirgt, denn er ist sich sicher, dass man es ihm angesehen hätte. Jede einzelne Tat wäre an seinem kalkweißen Gesicht ablesbar gewesen. Und obwohl er weiß, was er zu tun hat, fragt er sich, ob ihm der Mut für den entscheidenden Schritt nicht schon immer gefehlt hat.
Leise rutscht er an der Wand hinab und spürt dabei jede Lücke in der Mauer in seinem Rücken nach. Als er auf dem Boden aufkommt, zieht er die Beine an die Brust und bettet den Kopf auf die Knie, damit der seidene Stoff seiner Hosen die Tränen aufsaugt. Ein vertrautes Brodeln in seinem Bauch entflammt bis hinauf zu seiner trockenen Kehle und er konzentriert sich auf das vertraute Brennen der Schuld, während er darauf wartet, dass die letzten Schritte im Nebenraum verklingen.
3.
Das Arbeitszimmer ist verlassen und totenstill, als er endlich den Mut gefasst hat, das Bild beiseitezuschieben und dahinter hervorzukriechen. Langsam lässt er einen Finger über den roten Brokat des Sessels gleiten, den Blick längst auf den edlen Schreibtisch gerichtet, dessen Holzlack im Schein der Kerzen glänzt.
Tief durchatmend geht er um ihn herum und entdeckt eine Schublade, die nicht vollständig geschlossen ist. Die Aufregung bebt durch seine Hände, als er sie ausstreckt, um die Lade zu öffnen. In der Stille des Raums klingt das Scharren des Holzes wie ein entkräftetes Stöhnen und er zuckt zusammen.
Zwischen den Tintenfässern steckt ein kleiner Briefumschlag, den er mit zitternden Fingern herausnimmt. Als er ihn berührt, weiß er, dass es genau das ist, was er sucht.
Als das Geräusch fester Schritte durch die geschlossene Tür dringt, rennt er, so schnell er kann und schlüpft wieder hinter das Portrait. Eine Sekunde später wird die Tür aufgestoßen, aber er bleibt nicht, um zu lauschen, sondern hastet wieder zurück.
