1.
Es gibt nur eine Person in der magischen Welt, die weiß, wo er wohnt.
Harry sitzt in einem tristen Badezimmer auf dem kalten Fliesenboden und fährt mit zitternden Händen durch das abstehende Haar. Vor ihm liegen, nebeneinander aufgereiht, einige Postkarten, geordnet nach Zustelldatum, und doch kann er sich nicht überwinden, sie anzusehen. Sein Blick ruht auf dem gesprungenen Waschbecken und den Wasserflecken auf dem Boden.
Er ist der einzige, der es getan haben könnte.
Wie fremdgesteuert greift eine seiner Hände nach der letzten Karte, die er vor einer Woche in einem der leeren Zimmer gefunden hat. Sein Herz beginnt unruhig gegen den Käfig seiner Rippen zu trommeln und er dreht die Karte um, verschwendet keinen Blick mehr an das Foto auf der Vorderseite. Die feine, säuberliche Schrift scheint ihn zu verhöhnen. Eng aneinandergedrängt, so gerade, als habe man sie mit dem Lineal aufgemalt, beinahe liebevoll akribisch eingeritzt in das dicke Papier, erschaffen die Worte nicht den Eindruck, als seien sie Teil eines Drohbriefes.
Ich denke, du solltest wissen, dass Geheimnisse die Unart haben, sich zu verselbstständigen - und dass Ginevra Molly Weasley offenbar Schwierigkeiten damit hat, Beziehungen zu beenden. Am Ende des fünften Schuljahres traf sie sich abwechselnd mit fünf unterschiedlichen Jungen - und ist mit jedem davon immer weitergegangen, bis ich zum Schluss ein hübsches Foto ergattern konnte. Willst du es sehen?
Wütend schleudert er die Karte gegen die Wand und sieht zu, wie sie abprallt und zu Boden segelt und das Bild verschwimmt hinter seinen Tränen. Der Sturm, der seit Wochen in seinem Inneren tobt, flaut nicht ab, wird niemals versiegen und er weiß, er hat das Richtige getan.
Lucius Malfoy hat bekommen, was er verdient.
2.
Als Harry die Haustür aufstößt, fegt eine nächtliche Brise über ihn hinweg. Erleichtert und gierig atmet er tief ein, so oft, bis ihm leicht schwindelt. Obwohl eine Gänsehaut über seine Arme kriecht, setzt er sich auf die kalten Steinstufen vor dem Haus, den Blick auf eine besonders große Motte gerichtet, deren schwerer Leib unaufhörlich gegen die Glasscheibe einer Straßenlaterne klatscht.
Die Gasse, die verlassen vor ihm liegt, führt wie ein riesiger, dunkler Schlauch aus Stein und Dreck zur Hauptstraße, die um diese Zeit still und unheimlich brachliegt, als hätte irgendein Virus die Menschheit dahingerafft und Harry fühlt sich einsamer als je zuvor. Fahrig lässt er eine Hand in seine Jackentasche gleiten, bis er auf das in Folie eingewickelte Päckchen mit Zigaretten stößt. Es ist kein Drang, der ihn dazu treibt, es ist schlichte Verzweiflung und der Wunsch nach Anpassung an dieses Elend, das er von Tag zu Tag in diesem Viertel sehen kann.
In dem Moment, in dem seine tastenden Finger das Feuerzeug in seiner Tasche erspürt haben, drängt sich ein Hund an seinem Rücken vorbei hinaus in die Nacht. Er riecht wie ein Sack nasser, gebrauchter Socken. Verwundert streckt Harry die Hand aus, um seine Ohren zu kraulen und kratzt an dem verfilzten Fell herum, bis der Streuner wie von einer Wespe gestochen auffährt und zu einer der Mülltonnen rennt, die die Gasse säumen.
Harry steckt die Zigarette an und beobachtet, wie das Licht der Laterne in dem stumpfen, braunen Fell des Hundes versinkt, während der sich auf die Hinterbeine stellt und im Müll herumwühlt. Der kratzende Rauch erfüllt seine Lunge und sticht in seinen Schläfen und es hätte ihn nicht weniger interessieren können.
Lucius Malfoy muss in sein Haus eingedrungen sein und die Postkarten dort deponiert haben. Fröstelnd reibt sich Harry den Arm und starrt auf den dünnen Rauchfaden, der währenddessen in Schlangenlinien aus der beinahe niedergebrannten Zigarette aufsteigt. (Er ist ein verdammter - Ein verdammter Bastard - )
Wütend schnippt er die Zigarette in den Schatten und beobachtet, wie der kleine Feuerkopf auf dem feuchten Pflaster verglüht. Es gibt keinen Grund zur Sorge. Es gibt keinen verdammten Grund -
Das klackende Geräusch von Absätzen auf dem Pflaster wird von dem Wind aus der Gasse zu ihm hergetragen und Harry schreckt aus seinen Gedanken auf. Plötzlich flackert die Straßenlaterne ein letztes Mal und erlischt.
Da, in der Gasse, schält sich eine schattenhafte Gestalt aus der Dunkelheit, doch er kann sie noch nicht erkennen und obwohl der Mond jede verfluchte Nacht so hell durch jede Ritze des Fensters scheint, dass er sich schlaflos herumwälzt, ist es ausgerechnet heute so bewölkt, dass er sich nur noch auf sein Gehör verlassen kann.
Instinktiv springt er auf und zieht den Zauberstab aus seiner Hosentasche, während das leise Knistern seiner Regenjacke jede seiner Bewegungen untermalt und lauscht auf die immer näher kommenden Schritte und ein dünner Faden aus Schweiß und Angst rinnt seinen Rücken kühl hinab. Dann flackert die Laterne wieder und er glotzt in Hermines überraschtes Gesicht, den Zauberstab zitternd auf ihre Brust gerichtet.
"Harry! Du - Du bist hier! Ich hätte nicht damit gerechnet, dich je zu finden - nach der Verhandlung wollte ich dir hinterher, aber du warst schon weg und - Oh, Harry, du siehst furchtbar aus!" Ihre Stimme klingt dünn und zerbrechlich und ihre Lippen bewegen sich kaum, während sie spricht, aber jedes Wort lässt eine willkommene Wärme durch seinen bebenden Körper strömen.
Mit einem Mal lässt Harry den angehaltenen Atem aus seiner Nase entweichen und betrachtet ihre braunen Locken, die im Schein des künstlichen Lichts auf ihren Schultern glänzen und ihr Gesicht gespenstisch weiß erscheinen lassen und er sieht die Sorge in ihren Augen und weiß, dass sie noch die gleiche Hermine ist wie damals, als sie seine blutig geritzte Hand sah und ihn ermahnte, zu Dumbledore zu gehen, um Umbridge anzuschwärzen.
Ihre Fingerspitzen berühren seine erkaltete Hand und wie fremdgesteuert greift er zu und zieht und sie lässt sich gegen ihn fallen und plötzlich fühlt er, wie in ihrer Umarmung alle Dämme brechen und er will nichts mehr, als ihr alles zu erzählen, alles, was er getan hat, alles, was er gefühlt hat und der Drang, sich ihrer Führung zu überlassen, wird so übermenschlich, dass er zu heulen beginnt wie ein kleines Baby.
Obwohl die Scham siedend heiß in seinem Gesicht brennt und die Tränen erhitzt, klammert er sich so fest an sie, dass er nicht einmal dann loslassen kann, als er ein leises Ächzen an seiner Schulter hört - er lockert bloß seinen Griff.
Lange Zeit stehen sie dort, in dieser verdreckten Gasse und halten einander fest, bis Wut, Angst und Verzweiflung aus ihm weichen und nichts als eine gummiartige Leere zurücklassen, die in seinen Gedärmen wabert und seine Arme kraftlos herabsinken.
Die Welt beginnt sich zu drehen und er glaubt, jeden Augenblick mit dem Hinterkopf auf die rauen Steinstufen vor seinem Haus aufzuschlagen und nie mehr aufstehen zu können und er schleppt sich taumelnd zu dem verrosteten Treppengeländer, um sich langsam niederzulassen. "Wie hast du mich gefunden?", krächzt er, während er seine Hände aneinanderreibt, um sie von dem Rost zu befreien, der krümelig auf seinen Handflächen klebt.
Aus den Augenwinkeln sieht er, wie Hermine vor ihm in die Hocke geht und der knielange, enge Rock ein paar Zentimeter hochrutscht, schaut aber nicht von seinen schmutzigen Händen auf. "Ich habe... einen Tipp bekommen und dachte, dass -"
"Was?" Als er aufsieht, zuckt Hermine zusammen. "Was für ein Tipp? Von wem?" Seine Stimme klingt wütender als beabsichtigt, aber er kann nicht zurückweichen, nicht jetzt.
Hermines Mundwinkel ziehen sich nach unten und ihr Blick wird hart. "Was ist nur in dich gefahren? Du versteckst dich vor aller Welt, kommst nur heraus, um Malfoy zu verteidigen und -"
"Es tut mir leid, du hast ja recht." Als er die Hände hebt, um sich die Haare zu raufen, stößt er an seine Brille und irgendetwas an dieser Geste beschwichtigt sie.
Seufzend rückt sie die Brille auf seiner Nase gerade und blickt ihm lange in die Augen. "Erzähl' mir, was passiert ist, was in dir vorgeht. Ich will es verstehen." Sie stützt ihr Kinn mit den Händen ab und scheint zu warten, dass Harry zu sprechen beginnt, aber obwohl er genau weiß, wo er anfangen muss, stauen sich die Worte als Kloß in seiner Kehle und nichts außer einem kläglichen Räuspern entkommt seinem Mund.
"Es ist mitten in der Nacht. Wieso gehst du so spät noch einem Tipp nach?", fragt Harry vorsichtig und so leise er kann, damit Hermine bleibt, damit sie bloß nicht verschwindet und ihn zurücklässt und trotzdem sieht er kurz Schmerz in ihrem Blick aufblitzen, ehe sie das Gesicht abwendet.
"Es ist Wochenende und ich wollte - Ich wollte bloß meine Eltern besuchen, jetzt, da sie sich endlich an mich erinnern." Sie sieht dem Hund dabei zu, wie er an einer braunen Papiertüte leckt und zwei ihrer Finger zupfen unaufhörlich an ihrem Haar. "Professor McGonagall hat mich für ein paar Tage beurlaubt."
Ein unruhiges Gluckern brandet in seinem Magen auf und Harry ahnt, dass etwas Schreckliches passiert sein muss, wenn Hermine die Schule einfach verlässt. Er fischt ihre Hand aus ihrem Haar und hält sie fest, bis sie ihn endlich wieder anblickt und er kann die Tränen sehen, die in ihrem Wimpern glitzern und weiß plötzlich wieder, wozu er sich in verzweifelter Manie an Lucius Malfoy gewandt hat und auf einmal speit sein Mund die Worte aus, die er zuvor verzweifelt gesucht hat.
"Das ist etwas komplizierter - Als ich Ginny verlassen habe, habe ich Postkarten bekommen. Also, eigentlich habe ich Ginny verlassen, weil die Bilder auf diesen Karten mich irgendwie getroffen haben und -"
"Welche Bilder?" Hermine verzieht ihren Mund zu einem schmalen Strich.
"Es waren Bilder von Jungs, die - Ist das wichtig? Jedenfalls bin ich in diese Bruchbude gezogen. Einerseits, weil ich dachte, ich hätte nichts Besseres verdient, aber irgendwie auch, damit ich nie wieder diese Karten bekomme, damit mich keiner findet, damit ich - allein sein kann und so was."
Hermine drückt Harrys Hand. "Das ist doch Schwachsinn, du hast so viel für uns getan und behauptest, du hättest nichts als ein morsches, verlottertes Haus in einem Armenviertel verdient -"
"Hermine - ich habe trotzdem immer wieder neue Postkarten bekommen. Sie lagen in meiner Wohnung oder im Flur hinter der Haustür. Und es wurde immer schlimmer. Lu- Jemandhat Lügen auf die Rückseite geschrieben, die euer ganzes Leben kaputtmachen könnten. Ich wusste einfach nicht mehr, was ich noch tun soll." Harry lässt Hermine los und kratzt sich den Hinterkopf, um seine Hände zu beschäftigen und von dem schrecklichen Gefühl der Schuld abzulenken, das ihn erfasst, als ihm klar wird, dass er ihr nicht alles erzählen kann.
"Und wieso bist du nicht zu mir gekommen? Wir könnten vielleicht herausfinden -"
"Nein!" Harry atmet tief durch und alles in seinem Mund schmeckt nach Asche. "Nein, ich glaube, es ist vorbei." Mit brennendem Hals sieht er zu, wie sich Hermines Augenbrauen zusammenziehen und die kleine Falte zwischen ihnen immer tiefer wird. Schweigend zieht sie etwas Weißes aus der Tasche ihres braunen Mantels heraus und hält es Harry unter die Nase.
Es ist eine Postkarte mit seinem Fahndungsfoto, das während Voldemorts Machtübernahme überall in der Winkelgasse hing. Als er nach ihr greift, beginnen seine Hände wieder zu zittern. Auf der Rückseite steht nichts als seine aktuelle Adresse.
"Ich hoffe, du weißt, was du tust, Harry", sagt Hermine leise, steht auf und geht schnellen Schrittes davon.
Harry starrt ihr hinterher, in seinem Magen ein wilder Wust aus ambivalenten Gefühlen, und sieht zu, wie seine beste Freundin von der Gasse verschluckt wird.
3.
Der Morgen dämmert bereits, als Harry ratlos die Stufen zu seiner Wohnung hochsteigt und dabei Staubkörner aufwirbelt, die um ihn herumtanzen. Den Moder riecht er nicht mehr, alles ist erfüllt von dem brennenden Gestank alten Rauchs und er fühlt sich, als wäre er von einem Drachen verschlungen worden.
Es gibt keinen Grund, Hermine die Geheimtreffen zu verschweigen. Sie hätte ihm nicht mehr Vorwürfe machen können als er selbst es bis hierher jeden Tag getan hat und doch - Es gibt einfach keinen Grund dazu, sich wie ein dämlicher Trottel aufzuführen. Niemand anders als Lucius Malfoy hat die Karten geschickt und -
Als er den Treppenabsatz erreicht, sieht er sie und seine Sicht zersplittert und mit ihr alles, was er zu wissen glaubt. Ein sauberer, kleiner Fleck im Schmutz, mitten auf dem Boden.
Er klaubt die Karte vom Boden auf und obwohl in seinem Dasein nichts mehr einen Sinn ergibt, erwacht der dunkle Puls in ihm zum Leben, als er das Bild anschaut und er spürt, wie die Hitze seinen Hals heraufkriecht und alles dabei in ihren Pfad aus Lava reißt und zu Asche versengt.
Erstmals ist ein Gesicht erkennbar, erstmals ist der dazugehörige Körper splitternackt und selbst, wenn Harry jetzt die Augen schließen würde, gäbe es nichts an diesem Bild, das er je vergessen könnte. Er zeichnet die so vertrauten Gesichtszüge mit dem Daumen nach und -
Lucius Malfoy kann unmöglich der Absender sein.
Harry schreckt zusammen, als sich etwas kaltes, feuchtes in seine Hand drückt, aber es ist nur der Hund, der ihm gefolgt ist. Hektisch wedelt er mit dem Schwanz und schaut aus hoffnungsvollen Augen zu ihm auf und Harry folgt seinem Impuls, kniet sich hin und streichelt den Hund, bis seine Hand kribbelt.
Selbst, wenn er einen Weg gefunden hätte, einen Boten anzustellen oder was auch immer -
Angespannt legt er die Postkarte beiseite, doch er fühlt sich trotzdem von Draco Malfoys starrem Blick durchbohrt.
