1.
Das Blut rauscht so laut in Dracos Ohren, dass er den Ruf seiner Mutter nicht hören kann. Seine Finger tasten wie von selbst nach der Blumenvase und als er den kühlen Kristall an seinen Fingerspitzen spürt, versucht er nicht einmal mehr, seine Wut zu unterdrücken. Er greift zu und schleudert sie gegen den Kamin.
Seine Beine beben, als er einen unsicheren Schritt nach vorn tritt und dem Scherbenregen zusieht, der wie eine Flut aus riesenhaften Tränen gen Boden fällt und sein Zorn gleitet durch seine Fußsohlen in den Grund und lässt nichts als Leere zurück. Es ist alles seine verdammte Schuld und niemals würde er es wieder ins Reine bringen können.
"Draco, öffne sofort die Tür oder ich sprenge sie auf!" Die Stimme seiner Mutter hallt durch die Tür hindurch und trägt ihre Verärgerung zu ihm herüber.
Obwohl ein süffisantes Halblächeln über seine Züge schleicht, kämpft er den Impuls nieder, einfach abzuwarten und seiner noblen Mutter dabei zuzusehen, wie sie ihr edles Heim demoliert. Langsam streicht seine Hand durch sein zerzaustes Haar und während er auf die Tür zugeht, um sie zu öffnen und Narzissa nichtssagend entgegenzulächeln, glättet er seine Züge. Auch am Tage seines Untergangs würde sie ein verlottertes Äußeres nicht gutheißen.
"Du wirst mir sofort sagen, was du hier tust -" Sie tritt ein und ihr Blick gleitet über den Scherbenhaufen vor dem Kamin und Draco kann sehen, wie sich ihre Linie strafft. Zu seiner Überraschung hält sie jedoch inne und sagt nichts mehr.
"Ich nehme an, dass - dass du über irgendwas reden wolltest?" Dracos Stimme kriecht heiser und entkräftet über seine Lippen. Eiskalt fließt eine unbestimmte Angst durch seine Adern, dass es ihn fröstelt.
Leicht dreht sie den Kopf und blickt ihn aus einem verhangenen Auge abschätzend an. Nichts an ihrer Haltung verrät ihre Furcht, doch Draco ist sicher, dass ihre Atmung leicht aus dem Takt fällt.
"Ich weiß, dass du das nicht hören und vor allem nicht tun willst - aber ich muss auf deiner Verlobung mit Astoria Greengrass bestehen. Ihr Vater ist, wie du weißt, ein sehr wichtiger Mann im Ministerium -" Obwohl Draco das Zittern in ihrer Stimme bemerkt, löst er die Zähne von seiner Lippe - eine hässliche Angewohnheit, wie er glaubt - und atmet tief durch.
"Nein. Ich habe meinen Standpunkt bereits deutlich gemacht, ich werde nicht -"
"Das hast du, Draco. Und dennoch bin ich deine Mutter, derzeit das Oberhaupt dieser Familie und -" In dem Augenblick, in dem sich der aufgewühlte Sturm in ihrem Ausdruck glättet und eine Eiswand zurücklässt, ist es um seine Selbstbeherrschung geschehen.
"Ha! Das Oberhaupt der Familie, ja? Und deshalb nimmst du dir heraus, deinem erwachsenen Kind zu befehlen, dass es aus politischen Gründen zu heiraten hat? Niemals! Ich werde nicht an der Seite eines Menschen verfaulen, den ich nicht liebe, nicht so wie du! Du -", schreit er, doch Narzissa hebt die zitternde Hand und er kann sehen, dass ihre Adern bläulich aus der weißen Haut hervortreten und seine Wut verpufft.
"Das war ausgesprochen und entsetzlich unfair, Draco. Weißt du, was ich fühle?" Und plötzlich sind da Tränen, die von ihren Wimpern fallen und zerspringen wie Kristall, als sie auf ihrer Wange aufkommen. Ihre Züge sind noch so beherrscht wie immer, aber die Tränen verraten, dass er sie verletzt hat und es tut ihm leid, so leid, dass er einen Schritt zu ihr hingeht und dann noch einen, doch sie beachtet ihn nicht und spricht weiter.
"Es gab in der Schulzeit einen Mann, den ich zu lieben glaubte. Er war verantwortungslos und arm und ich war wie verzaubert. Er nahm mich mit in die schmuddeligsten Pubs und zu - zu Straßenkämpfen und als er mir einen Antrag machte, bat ich ihn um Bedenkzeit. Und auch, wenn du mir nicht glauben wirst, war es ein großes Glück für mich, da ich in den Sommerferien mit Lucius verlobt wurde. Ich habe mich auch gesträubt, aber - Aber es wurde alles gut", schließt sie etwas lahm.
"Das hört sich furchtbar an." Narzissa sieht ihn mit vor Überraschung geweiteten Augen an und er spürt widerwillig, wie ein leichtes Lächeln über sein Gesicht flattert. "Ich an deiner Stelle hätte mich für den nicht standesgemäßen Menschen entschieden. Ich hätte das Leben außerhalb dieses vergoldeten Glaskäfigs gewählt."
Ihr Mund verzieht sich zu einem Strich. "Vor zwei Jahren hättest du noch etwas ganz Anderes gesagt. Ich hätte dir dieses Detail meiner Geschichte nicht erzählt, wenn ich gewusst hätte, wie unreif -"
Er streckt seinen Arm aus und berührt ihre freiliegende Schulter. Sie ist so kühl, dass er unwillkürlich mit der Hand zu reiben beginnt. Narzissa lässt ihn gewähren und er spürt ihr Zittern unter seiner Berührung. "Glaubst du wirklich, es ist unreif, zu wissen, was man will?"
Sie seufzt. "Nein, Draco. Es ist unreif, die Welt seinem eigenen Willen unterwerfen zu wollen, bloß, weil es in Kindertagen funktioniert hat - du magst dich für erwachsen halten, doch das bist du nicht."
Draco überwindet die letzten paar Zentimeter, die ihn von ihr trennen, und schließt sie in die Arme, verwundert, wie zierlich sie in Wahrheit doch ist. Zwei von ihr hätten in seinen Armen bequem Platz gehabt. "Ich will aber nicht die Welt unterwerfen. Nur mein eigenes Leben", sagt er leise in ihr nach Puder duftendes Haar.
"An dem Tag, an dem Lucius nicht von der Anhörung nach Hause kam und du mir sagtest, er sei verhaftet worden, glaubte ich, es wäre eine Befreiung, genau wie du vermutet hast", spricht sie gegen seine Schulter und ihre Stimme klingt so gedämpft, dass er sich bemühen muss, sie zu verstehen. "Aber in Wahrheit ist das Bett so kalt, das Haus so groß und leer ohne ihn und ich wünsche mir jeden Tag, dass ein Wunder geschieht und er zurückkehrt."
Plötzlich wird Dracos Kehle eng, als würde sich ein Stein seinen Hals hinabschieben, ein massiver Stein aus Schuld und Reue. Niemals würde er wieder gutmachen können - Narzissas kleine Hände legen sich federleicht auf seine Schultern, als hätte er ernsthaft um einen weiteren Stich in seinem Herzen gebeten, der eine klaffende Wunde reißen würde, wenn er sich rührt.
"Draco, du weißt, ich liebe dich. Ich hoffe, dass du das weißt." Ihre Hände lösen sich von ihm und sie tritt einen Schritt zurück, um ihren prüfenden Blick über ihn schweifen zu lassen, als würde sie so durch seine Fassade dringen und die Antwort finden und Draco ist sich sicher, dass sie etwas von seinem inneren Konflikt auf seinen Zügen ablesen kann, denn ihr Blick wird so sanft, dass sein Magen einen Hüpfer macht.
"Aber ich bin die Ehefrau deines Vaters und er fehlt mir. Bitte, heirate Astoria. Beende diesen Irrsinn." Ihre plötzlich eindringliche Stimme macht es ihm schwer, sie anzusehen. Er schluckt trocken.
"Wenn ich sie heirate, übt Mr. Greengrass seinen Einfluss aus, um ihn aus der Haft zu entlassen." Draco spricht rau, als wäre sein Hals ausgetrocknet und er möchte bloß noch in sein Zimmer stürzen, die Vorhänge zuziehen und heulen.
Ein leichtes Lächeln erhellt ihre Züge. "Genau das." Sie blickt so schmerzhaft hoffnungsvoll, dass Dracos Fingernägel sich durch die Haut seiner Hände bohren.
"Also heißt es, dein Glück gegen meins." Es klingt weit giftiger als in seiner Phantasie - doch es trifft zu und es ist ein verdammtes, jahrhundertealtes Dilemma, aus dem es keinen Ausweg gibt.
Und als ihre Züge gefrieren und sie sich von ihm wegdreht und so schnell den Raum verlässt, als leide er an Drachenpocken, wünscht sich Draco nichts mehr, als in diesem verdammten Krieg umgekommen zu sein.
2.
Die Feder kratzt so geschwind über das Pergament, dass ein leises Reißen zu einem beständigen Hintergrundgeräusch in der düsteren Schreibstube wird. Draco hält nicht inne. Er schreibt einen Brief, faltet ihn mit tintenbefleckten Händen zusammen und hinterlässt schwarze Fingerabdrücke auf dem Papier, dann nimmt er das nächste Blatt, stellt seine Hand schräg und versucht, eine andere Handschrift nachzuahmen.
Mit einem leisen Rascheln landet der nächste Brief auf dem Stapel, der inzwischen so hoch ist, dass der Turm schlingert und beinahe einstürzt. Ohne den Blick von seinem Schrieb zu lösen, schiebt er den Stapel weiter nach hinten, hinaus aus der Reichweite der Kerzenflamme.
Als er einen weiteren Bogen vor seinem geneigten Kopf ablegt, fällt ihm auf, dass es nichts mehr gibt, das er schreiben könnte. Mit einer mulmigen Zufriedenheit mustert er den stattlichen Briefstapel, den er innerhalb von vielen Stunden verfasst hat und schluckt trocken.
Es gibt nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu tun.
3.
An den Rechnungsdokumenten, die oben in der Schreibtischschublade seines Vaters liegen, ist irgendetwas faul. Draco wendet mit gerunzelter Stirn eines der Blätter und murmelt einen Enthüllungszauber, doch nichts geschieht. Aber er ist sich sicher, dass der Gärtner, den seine Mutter engagiert hat, um dem Gemurmel der sich reformierenden Gesellschaft zu entgehen, nie und nimmer zwei Gehälter im Monat erhält, auf unterschiedlichen Dokumenten abgerechnet.
Er lässt die Rechnung fallen und fährt sich mit der Hand durch die Haare. Ich hatte gehofft, hier wäre noch etwas -
Als es an der Tür klopft, springt er schnell aus dem Stuhl auf, dass seine Hüfte gegen den massiven Schreibtisch stößt und sich einer der Griffe in sein Fleisch bohrt. Rasender Schmerz pocht hinab in sein Bein, als sich die Tür öffnet und seine Mutter hereinkommt. Ihr Gesicht ist glatt und bar jeder Emotion und Draco weiß, dass sie ihm nicht verziehen hat.
"Hier ist Besuch für dich. Ich fürchte, es handelt sich um ein offizielles Anliegen." Keine weiteren Worte verschwendend dreht sie sich um. "Gehen Sie nur herein. Er wird Sie empfangen", sagt sie hochnäsig, als hätte er bereits zugestimmt, dass er den Besuch empfangen würde. Dann geht sie davon.
Dracos Hand umklammert die Tischkante, als er ihn sieht und er vergisst den Schmerz in seiner Hüfte. Obwohl er nur kurz in die grünen Augen blicken kann, bevor Potters Blick an der kostbaren Einrichtung des Raumes entlangschweift, kann Draco nicht wegsehen. Es ist so falsch - und gleichzeitig so richtig - Harry Potter so sauber, ordentlich und seriös zu sehen und das hier in diesem Raum, dass ihm leicht schwindelt. Potter bemerkt seinen klammernden Blick und reibt sich nervös über die Wange.
"Du -" Draco schluckt, versucht, die Kontrolle über seine bebende Stimme zurückzuerlangen. "Du hast dich ja zurechtgemacht. Wird das meine Beerdigung?" Er versucht, ein erheitertes Lächeln zu erzwingen, doch es wirkt abgestanden.
"Ach, ist die Pomade im Haar zu viel des Guten? Ich bekomme diesen Haarwirbel sonst einfach nicht glatt -" Potter lächelt dieses schräge Halblächeln und ein pudriges Rot kriecht aus dem Kragen seines weißen Hemdes den Hals hinauf. "Zu deiner Beerdigung würde ich eh nicht kommen und - Ähm, ich bin eigentlich nicht hier, um über Stil zu sprechen."
Draco steht wieder etwas sicherer und schnaubt. "Offensichtlich nicht." Amüsiert betrachtet er die Brille, ein Relikt aus ihrer Schulzeit und Harrys Ohren werden rot und als Draco das sieht, spürt er ein Rucken seines Magens und überlegt, wie er ihn weiterhin beschämen könnte, wie - Er stoppt den Gedankenfluss und räuspert sich umständlich.
"Also, du - Du hast ein schönes Haus." Potter breitet die Arme aus und lässt sie dann wieder fallen und beißt sich mit dem Schneidezahn auf die Lippe und Dracos Fingernägel bohren sich in die Tischplatte und kratzen weiße Halbmonde in den Lack.
"Du warst schon einmal hier", erwidert er trocken und er genießt, er genießt dieses Spielchen und will ewig so weitermachen.
Potter knetet die Hände. "Ja, schon, aber nicht als geladener Gast - oder so."
Draco lächelt. "Das bist du auch jetzt nicht." Und Treffer! Die Röte auf Potters Wangen lässt Draco wünschen, dass sie beide sich auf der Stelle in Stein verwandeln würden und in diesem Moment verharren könnten.
Auf einmal wandelt sich das unsichere Lächeln in Potters Gesicht und wird dunkel, so dunkel, wie Draco es noch nie gesehen hat. "Ich weiß, aber ich denke, dass du dir das anders überlegen wirst." Auch seine Stimme hat Leichtigkeit und Nervosität eingebüßt und umhüllt ihn tonnenschwer wie flüssiges Blei.
Das Lächeln schwindet aus Dracos Gesicht und lässt seine Muskeln, wie ihm scheint, ausgeleiert zurück. Er klammert sich fester an die Tischkante und spürt, wie einer seiner Fingernägel splittert und zuckt zusammen, während eine Gänsehaut sich kühl wie tausende Nadelstiche auf seine Arme legt. "Und weshalb sollte ich das tun?", krächzt er und verflucht sich dafür, ausgerechnet jetzt die Contenance zu verlieren.
Statt einer Antwort kommt Potter näher an ihn heran und trägt einen sonderbaren Geruch zu ihm hin - es riecht nach Gewitter, Rauch und Schokolade und er kämpft den Impuls nieder, sich näher an Potter heranzulehnen. Er sieht in das nun saubere Gesicht, sieht die feinen Lachfältchen an den Augen an und fragt sich, ob es wirklich so unschicklich wäre, wenn er nur ein bisschen näher -
Potter wird wieder rot im Gesicht und zieht eine Postkarte aus seiner Hemdtasche, die er verkrampft auf den Tisch legt und als Draco auf sie herabsieht, löst sich der Taumel im Nichts auf. Er sieht sich selbst - vollkommen unbekleidet.
"Ich glaube, du wirst ebenfalls verhindern wollen, dass etwas davon an die Öffentlichkeit dringt - äh, hinten steht etwas drauf, von dem du sicher nicht wolltest, dass es je jemand erfährt, also -"
Mit äußerster Kraftanstrengung löst Draco die Hände von dem Holz und schwankt leicht, dann greift er mit zitternden Fingern nach der Karte und hält inne. "Nun, ich wollte eigentlich auch nicht, dass jemand das -", er blickt auf seinen entblößten Körper, "- zu sehen bekommt. Und -"
"Und du wolltest garantiert nicht, dass ausgerechnet ich das sehe, nicht wahr?" Potters Stimme klingt seltsam belegt, aber Draco kann nicht wegschauen - dieses Geheimnis liegt so schwer zwischen ihnen, dass er es niemals fortwischen könnte. Wenn er doch nur geahnt hätte -
"Jedenfalls dachte ich, dass du mir helfen würdest, den Absender zu finden. Ich habe keine Ahnung, wer so etwas tun würde und ich will nicht, dass meine Freunde und Familie weiterhin in den Dreck gezogen werden - äh, ich habe auch Postkarten mit Lügen über sie bekommen - und ich dachte, da er es eh auf dich abgesehen hat -" Potter spricht hastig, abgehackt und beinahe so konfus wie während der Anhörung und Draco hat Mühe, zu folgen, nachdem -
"Deine Familie? Heiratest du das Wieselmädchen jetzt doch?" Draco bemerkt zu spät, dass er laut gesprochen hat und so drängend, wie seine Frage in seinen Ohren nachklingt, ist er sich sicher, dass er nicht mehr in der Lage ist, seine Gefühle unter Verschluss zu halten. Sein Herz pocht so wütend, dass er erwartet, der Knoten in seiner Zunge würde jedem Augenblick platzen.
"Nein. Aber sie sind doch trotzdem meine Familie, auch wenn sie nicht mehr mit mir -" Er unterbricht sich selbst und schüttelt den Kopf und es wirkt so traurig und einsam, dass Draco fast durch den Tisch gekrochen wäre. "Ist doch egal. Willst du mit mir nun zusammenarbeiten? Ich weiß nicht, ob wir wen bestechen müssen oder so. Oder wo wir anfangen sollen. Wenn du also keine Lust hast -"
"Und den Pressegeiern Bilder vorwerfen, von denen ich nicht mal weiß, woher sie kommen?" Die Worte schießen so scharf aus Dracos Mund, dass er beinahe glaubt, an seinen eigenen, spitzen Stacheln zu verbluten.
Potter lächelt wieder, diesmal befreit, und etwas von diesem abgezeichneten Gefühl schwappt zu Draco hinüber und verwässert seine Furcht.
