Kapitel 2

I am not here,

I'm not listening,

I'm in my head and I'm spinning.

30 seconds to mars - Fallen

Der Trickster hasst die Nicht-Erinnerungen. Sie wirbeln durch seinen Kopf, schieben sich immer wieder vor die Realität... oder zumindest vor etwas, was er für die Realität hält. Er ist sich da inzwischen nicht mehr sicher.

Seine Finger bohren sich in die Rinde des Astes. Der vage Schmerz seiner geschundenen Fingernägel drängt die Nicht-Erinnerungen zurück, hilft ihm, sich zu erden. Nicht dem Aufblitzen seltsamer Szenen nachgeben, welche er nicht kennt. Seit er die Klinge des Engels gesehen hat, sind die Bilder bunter, drängender geworden. Das Gefühl der Gefahr ebenso. Es ist kaum zu ertragen.

Ein rotes Kleid, passend zum Lippenstift. Glockenhelles Lachen, das von Macht spricht. Ein Name. Kali.

Der Trickster schüttelt den Kopf, vertreibt die fremden Gedanken. Nicht wieder versinken.

Er kann nicht fort. Nicht, dass er es nicht versucht hätte. Er hat es dreizehn Bäume weit geschafft, bevor die Nicht-Erinnerung ihn überwältigt und er direkt über dem Lager der seltsamsten Gefährten, die das Fegefeuer je gesehen hat, wieder zu sich kommt. Beim zweiten Versuch schafft er es nicht einmal sechs Bäume weit. Den dritten Versuch bricht er ab, bevor er vollkommen versinkt. Er hätte dem Engel niemals folgen dürfen.

„Lasst uns einfach so tun, als wäre es meine eigene Idee, in eurer Nähe zu bleiben, Kinder", murmelt der Trickster nahezu lautlos. „Verschwindet einfach von hier und alles wird wieder normal."

Vielleicht kann er dann endlich zu dem ruhigen Leben zurückkehren, ab und an die Standardmonster des Fegefeuers möglichst kreativ für ihre bloße Existenz bestrafen und die gelegentlichen Nicht-Erinnerungen aussitzen, ohne näher über sie nachdenken zu müssen. Nicht an Tod und Götter denken, an Engel und den Himmel.

Denn die Engelsklinge hat etwas in ihm ausgelöst. Er kennt diese Waffe. Er weiß, wie sie sich anfühlt, wie das kühle Metall sich nur langsam in seiner Hand erwärmt, wie er sie schwingen muss, um maximalen Schaden mit minimalem Aufwand zu erreichen. Er weiß all das.

Genauso sicher weiß er, er hat noch nie eine Engelsklinge aus der Nähe gesehen. Wie auch. Es gibt keine Engel im Fegefeuer – und während seiner Zeit auf der Erde sind Engel dort geblieben, wo sie seiner Meinung nach hingehören: im Himmel, fernab aller Menschen. Weit weg vom Trickster.

„Also macht hin und verschwindet endlich von hier." Der Trickster ist sicher verborgen in der Baumkrone. Die Gruppe hat noch immer nicht gelernt, nach oben zu schauen, und sie werden es auch nicht mehr – das Menschenportal, Gottes geheime Hintertür, ist direkt vor ihnen.

„Vielleicht hat man dich belogen und es gibt kein Portal", sagt der Engel zum Monster, sein Blick hektisch hin und her schweifend. Er ist schmutzig, die ursprüngliche Farbe seiner Kleidung nicht mehr erkennbar, ein gehetzter Ausdruck in seinen Augen. Die geballte Macht in ihm pulsiert unruhig. Das Fegefeuer ist kein Ort für einen Engel.

Der Trickster presst sich an den Baumstamm, runzelt die Stirn. Da ist noch etwas anderes an dem Engel. Etwas Unerwartetes.

Die Welt verdreht sich, als es ihm bewusst wird.

Eine hübsche, junge Blondine lächelte ihn erwartungsvoll an, die umwerfenden Kurven von zarter Spitzenwäsche betont. Wenn er schon gehen musste, dann wenigstens so, dass er in Erinnerung blieb – und er entschied, wie er in Erinnerung bleiben wollte.

Ein letzter Streich für die Winchesters, bevor es vorbei war.

Mit einem breiten Lächeln klebte er sich den scheußlich übertriebenen Schnurrbart an. Fast so gut, als hätte er die Zeit gehabt, sich einen eigenen wachsen zu lassen.

„Nun denn, meine Liebe", wandte er sich mit gekünsteltem osteuropäischen Akzent an seine Gespielin. „Wo ist die Kielbasa?"

Der Trickster schüttelt den Kopf, er muss diesen Unbekannten los werden, darf ihn nicht in seinen Kopf lassen. Der Bart des Engels zeigt, dass er ihnen schon viel zu lange folgt. Die Nicht-Erinnerungen sind immer lebhafter geworden, ziehen ihn immer tiefer. Die Angst vor dem Tod ist nicht die seine.

„Ich lüge, doch ich werde nicht angelogen", dringt die Stimme des Monsters durch die Watte im Kopf des Tricksters. „Bei euch geht es doch immer um Vertrauen."

„Nicht unbedingt", erwidert der Engel. Der Trickster stöhnt unwillkürlich auf, was sich für ihn wie Stunden angefühlt hat, können nur Sekunden gewesen sein. Er massiert sich die Schläfen, versucht den Nebel in seinen Gedanken zu vertreiben. Es wird immer schwerer, aus den Nicht-Erinnerungen aufzutauchen. Der Nebel lindert sich zu einem dumpfen Druck hinter seiner Stirn und mit einem erleichterten Seufzen lässt der Trickster sich in die Astgabel sinken. Der Stamm ist beruhigend fest in seinem Rücken, ein Fixpunkt in einer Welt, die sich viel zu oft ändert. Die Schokoladenchips schmecken fade. Der Trickster gibt den Nicht-Erinnerungen die Schuld und lässt sie verschwinden.

Ein flüchtiger Blick nach unten zeigt dem Trickster, dass seine Erleichterung laut genug gewesen sein muss, um vom Menschen gehört zu werden. Der Blick des Menschen streift über die Äste, noch nicht misstrauisch, lediglich wachsam. Das Fegefeuer bestraft Unachtsamkeit. Zum Glück lenken der Engel und das Monster ihn rechtzeitig ab – der Trickster fühlt sich im Moment überaus unvorbereitet für eine Konfrontation. Sie sollen endlich verschwinden.

Mit einem Gedanken lässt der Trickster ein Blatt zu Boden segeln. So überaus anregend die bisherigen Diskussionen auch gewesen sein mögen – der Trickster möchte keinen weiteren Streit abwarten. Die Nicht-Erinnerungen zehren an seinen Kräften, lassen ihn lebensmüde und erschöpft gegen den Strom verwirrender Zeitlinien schwimmen.

Ihm kommt der flüchtige Gedanke, dass auch das Fegefeuer nur eine Erinnerung sein könnte. Vielleicht liegt er in Wahrheit in einem weichen Bett, umgeben von jungen, willigen Schönheiten, und all das hier ist nur ein wirrer Traum. Vielleicht ist die gesamte Existenz des Tricksters nur ein Traum. Vielleicht existiert er aber auch gar nicht.

Der Trickster schüttelt den Kopf, konzentriert sich auf den Schmerz, der von seinen blutigen, in die Rinde gekrallten Fingernägeln ausstrahlt. Er muss sich konzentrieren. Er muss atmen. Ein. Aus. Konzentration.

Langsam lässt er das Blatt in Richtung Portal segeln, verfolgt von den Blicken eines Menschen, eines Engels und eines Monsters. Das Portal öffnet sich, ein flirrend schönes Gleißen aus Blau und Weiß. Fast wie die Gnade eines Engels…

Der Trickster krallt sich fest in den Baum. Konzentration. Nicht ablenken lassen, auf keinen Fall in Nicht-Erinnerungen versinken.

Alles dreht sich.

Atemlos kommt der Trickster wieder zu sich. Taumelnd klammert er sich am Stamm des Baumes fest, sucht nach Orientierung. Verdammt sei seine Schwäche. Er sieht nach unten.

Leviathane. Fünf von ihnen. Das Monster ist verschwunden. Der Engel liegt am Boden, stöhnt vor Schmerz. Der Mensch köpft einen Leviathan. Das Portal pulsiert, greift nach dem Menschen. Es muss dieses Mal mehr Zeit vergangen sein. Er erinnert sich nicht.

Übelkeit steigt in dem Trickster auf und er schließt die Augen. Die Welt soll endlich stoppen, das drehende Gefühl in seinem Kopf aufhören. Der Baum fühlt sich fest und stark an, erdet ihn.

Als er die Augen wieder öffnet, ist das Portal geschlossen, der Mensch verschwunden.

Der Engel steht drei Leviathanen gegenüber. Waffenlos, hoffnungslos, in der Unterzahl. Die geduckte Haltung lässt den Trickster vermuten, dass der Engel weiß, dass er jetzt sterben wird. Ob er auch weiß, wohin Engel gehen, die im Fegefeuer sterben? Ob sie einfach wie die Monster nach einiger Zeit aus dem Staub wieder auferstehen?

Er wird es nie erfahren. Er ist der Trickster, es interessiert ihn nicht. Der beschworene Nougatriegel schmeckt nach Asche und Lügen.

Die Leviathane umkreisen den Engel lauernd. Sie wissen, dass sie alle Zeit der Welt haben und der Engel ihnen nicht entkommen kann.

Der Engel blockt die ersten testenden Schläge ab, bewegt sich mit der Eleganz eines erfahrenen Nahkämpfers. Die nächsten Schläge durchbrechen dennoch die Deckung, und der Engel geht mit einem Grunzen zu Boden. Das rote Blut der Hülle bildet einen harten Kontrast zum blauen Leuchten des Engels. Die Leviathane lachen triumphierend, fahren ihre Zähne aus.

Der Trickster hat genug gesehen. Wenn der Engel stirbt, wird er niemals erfahren, welche Verbindung zwischen Castiel und den Nicht-Erinnerungen besteht. Der Trickster befürchtet, eines Tages werden die Nicht-Erinnerungen ihn einfach überwältigen, und es wird sein, als hätte er niemals existiert. Das kann er nicht zulassen. Er ist der Trickster, aber er kann sich nicht mehr einreden, dass es alles ist, was er ist. Er weiß nicht, ob das Fegefeuer real ist, ob er real ist – seine Verbindung zu dem Engel ist es.

Mit einem Fingerschnippen beschwört der Trickster seine Steinklinge und springt zu Boden. Er rollt sich ab und nutzt den Schwung, um dem nächsten Leviathan den Kopf abzuschlagen. In einem weiten Bogen findet die Klinge die Kehle des zweiten, überraschten Leviathans.

„Hallo, Kleiner", grüßt er den verbliebenden Leviathan spöttisch und beschwört mit einem Fingerschnippen einen Amboss über dessen Kopf. Das Geräusch des zerplatzenden Schädels lässt den Trickster zusammenzucken und er macht sich eine mentale Notiz, Leviathane in Zukunft eher konventionell zu töten.

„Und nun zu dir", wendet er sich dem Engel zu, betrachtet ihn ausführlich, steckt sich einen Schokolutscher in den Mund. Die Schokolade ist leicht bitter, aromatisch, perfekt. Die Wunde des Engels schließt sich mit einem blauen Aufleuchten.

Der verwirrte Blick aus den unnatürlich blauen Augen rührt etwas tief im Inneren des Tricksters. Er hofft, es ist keine weitere Nicht-Erinnerung.

Der Engel sitzt fassungslos auf dem Boden, zu erschrocken, sich zu erheben. Die Flügel des Engels liegen auf der Erde, gedämpft bis fast zur Auslöschung. Er öffnet und schließt den Mund, als wolle er etwas sagen, doch kein Wort ertönt.

Der Trickster hat nur eine Frage. „Wie kommt ein Engel ins Fegefeuer?"

Der Trickster verschränkt die Arme, wartet ungeduldig auf eine Erklärung. Die Schokolade ist beruhigend.

„Gabriel?", fragt der Engel.

Die Welt verdreht sich.