Kapitel 4
Und hinter mir her heult mit grausamen Stimmen der Wind
Nur du und ich wissen ganz genau, dass es in Wirklichkeit Wölfe sind.
Dies ist die Stille der Nacht
Zwischen dir und mir liegen Welten.
ASP – Stille der Nacht
Die Kopfschmerzen lassen nur langsam nach. Gabriel reibt sich die linke Schläfe, versucht dem Pochen durch leichten Druck zu entkommen. Mit der anderen Hand hilft er Castiel auf. Sein Bruder sieht ihn noch immer aus riesigen Augen an. „Wenn du den Mund weiter so auf und zu machst, werde ich dich in Zukunft nur noch Goldie Goldfisch nennen", zieht Gabriel ihn auf, versteckt sich hinter den vertrauten Scherzen des Tricksters. Alles hat sich geändert. Es gibt wieder Hoffnung. Castiel wirkt bis ins Innerste erschöpft, seine Gnade ist blass und träge. Für Gabriel ist es der schönste Anblick seit seiner Begegnung mit Luzifer.
„Du bist tot", bringt Castiel schließlich hervor, und unerwarteterweise muss Gabriel lachen. Das erste echte Lachen seit sehr, sehr langer Zeit. Es fühlt sich gut an. Es lindert den Schmerz in seiner Brust.
„Nun, das alles war etwas unangenehm, und ich bin ganz deiner Meinung, dass wir das nicht noch einmal probieren sollten, aber nein – ich bin nicht tot. Nicht mehr", erwidert er, streckt zum ersten Mal seit seiner Begegnung mit dem Leviathan die Flügel aus. Die Schwingungen sind kaum wahrnehmbar, außer Resonanz und schwach. Es ist angenehm, sie nach all dieser Zeit wieder bewusst wahrzunehmen, die Form der Höhen und Tiefen neben der leicht verschobenen Grundfrequenz zu sehen. Er fühlt sich vollständig.
„Aber wie...", stammelt Castiel. In Gabriel steigt ein ungewohntes Gefühl auf, seit mehr Jahren verdrängt, als er zählen möchte. Er lächelt warm, fährt mit der rechten Hand durch Castiels Haare, bringt sie noch mehr in Unordnung als eh schon. Er weiß, es ist die Nähe seines Bruders, die die Kopfschmerzen vertreibt und das Fegefeuer nur noch halb so unangenehm erscheinen lässt. Castiel neigt irritiert den Kopf und Gabriel muss erneut lachen. Diese Geste ist einfach so typisch Castiel.
„Ich weiß es nicht. Ich vermute, Kalis Blutzauber spielte eine große Rolle, und eventuell könnte es sein, dass Vater von meinem Stunt mit Luzi beeindruckter war als er, ich, du oder auch einfach alle gedacht hätten. Oder vielleicht wollte er mich bestrafen, ich traue ihm beides zu", antwortet Gabriel gestenreich. „Aber hey, was soll's – jetzt bin ich wieder da und wir beide werden von hier verschwinden. Das Fegefeuer ist kein Ort für Engel."
In diesem Moment wird ihm klar, dass er es ernst meint. Die Wandlung in den Trickster, diese radikale Unterdrückung all dessen, was ihn als Engel ausmacht – es hat ihm geholfen, im Fegefeuer zu überleben.
Doch jetzt ist er nicht allein, dieses Mal kann er nicht einfach in etwas flüchten, was nur ein Teil von ihm ist. Castiel ist sein Anker und seine Verantwortung. Allein wird er sich der schwächenden Wirkung des Fegefeuers nicht mehr lange entziehen können.
Was ein neues Problem aufwirft...
„Und da Deano-Boy seinen Hintern endlich zur Erde zurückbewegt hat, können wir auch weiter. Komm mit."
Gabriel packt Castiel am Arm und synchronisiert die Schwingungen seiner Flügel mit denen von Castiel. Er spürt Leviathane zögerlich näher kommen, Gestaltwandler, eine Shtriga, Aswangs... Das gesamte Fegefeuer scheint auf den Beinen zu sein. Offensichtlich ist er als Erzengel um einiges auffälliger denn als Trickster. Die vertraute Angst steigt in ihm auf, doch dieses Mal kann er ihr nicht nachgeben. Er darf sich nicht wieder selbst verlieren, und sei es nur Castiel zuliebe. Sie müssen die Barriere zwischen Himmel und Fegefeuer finden und nach Hause zurückkehren.
Castiel wehrt sich nicht gegen den Zug von Gabriels Flügeln, und gemeinsam landen sie kurze Zeit später weit entfernt vom Menschenportal, für den Moment in Sicherheit, bis die Monster ihre Verwirrung überwinden.
Castiel befreit sich aus seinem Griff, sieht sich wachsam um. Offensichtlich spürt auch er die Gefahren näher kommen. Alles in allem ist Castiel genau wie Gabriel ein Krieger des Himmels, und nahezu ein Jahr im Fegefeuer geht auch an einem Engel nicht spurlos vorbei. Wenn jemand das weiß, dann Gabriel.
„Gabriel, warte."
„Castiel, wir haben keine Zeit", drängt er seinen Bruder. Er verfügt jetzt wieder über seine Erzengelfähigkeiten, spürt aber auch erneut die schwächende Wirkung des Fegefeuers. Er ist sich nicht sicher, ob er Begegnungen mit den Monstern so gelassen entgegen treten kann wie als Trickster, und er verspürt nicht das Bedürfnis, das ausgerechnet jetzt zu testen. Monster kommen wieder, Leviathane verschwinden aus der Existenz, Engel… Er weiß noch immer nicht, was mit Engeln geschieht, die im Fegefeuer sterben.
Castiel bleibt stur stehen, verschränkt die Arme. Sein kleiner Bruder hat eindeutig viel zu viel Zeit mit den Winchesters verbracht. Innerlich verdreht er die Augen, nickt Castiel dann aber doch zu als Zeichen, dass er zuhört.
„Wie hast du im Fegefeuer überlebt?" Gabriel kann das unterdrückte Misstrauen in Castiels Stimme hören. Er kann es verstehen, wirklich, aber jetzt im Moment haben sie einfach keine Zeit dafür. Außerdem weiß er, dass seine Entscheidung niemals das Wohlwollen ihres Vaters erlangt hätte, und er kann Castiels Vorwürfe jetzt nicht gebrauchen. Also die Kurzfassung.
„Ich habe mich von Vater und dem Engeldasein abgewendet und es vorgezogen, als Monster unterwegs zu sein. Ich habe keine Ahnung, was genau passiert ist, aber wahrscheinlich habe ich mich durch die Reihen der anderen Monster gemordet, bin den Leviathanen aus dem Weg gegangen und habe ansonsten einfach nur versucht zu überleben", fährt er Castiel schärfer als gewollt an. „Ich habe den Himmel, euch alle und die einzige Aufgabe der Engel vergessen und es vorgezogen, meine eigene Haut zu retten. Zufrieden?"
Castiel sieht ihn nur an. Gabriel kann diesem Blick kaum standhalten.
Mit Sicherheit würde jetzt etwas Unangenehmes kommen. Bei seinem Glück eine Auflistung all seiner Fehler seit dem Verlassen des Himmels bis hin zum Trickster. Als ob er nicht selbst wüsste, dass er mit der Flucht in den Trickster den einfachsten Weg gewählt hatte.
„Fürs Erste ja. Und Gabriel… Danke."
Überrascht sieht Gabriel auf. Das ist... unerwartet. Castiel schmunzelt kaum merklich und Gabriel wird bewusst, dass ihm die Kinnlade herabgefallen ist. Schnell schließt er den Mund und sucht nach Worten, seine Gedanken wie fortgeweht.
Mit letzter Kraft warf sich Gabriel durch die Barriere, rollte sich auf der anderen Seite ab, die Finger fest um die Engelsklinge gespannt. Seine Flügel waren das reinste Chaos, erschüttert und gestört durch die Schwingungen der Leviathane. Er hätte den Leviathanen niemals ins Fegefeuer folgen dürfen. Keuchend blieb er mit geschlossenen Augen liegen, versuchte seine drei Flügelpaare unter Kontrolle zu bekommen. Nur einen Moment der Ruhe bitte.
„Du wirst langsam, Gabriel", hörte er die spöttische Stimme Luzifers. „Der letzte hätte dir fast den hübschen Hintern abgebissen."
„Leck mich", knurrte Gabriel, zu erschöpft für eine schlagfertige Antwort. Luzifer kicherte leise, ein leises Zischen ertönte, als er die Erzengelklinge für den Moment verschwinden ließ. Gabriel öffnete widerwillig ein Auge.
„Komm hoch, Bruder. Keine Zeit für ein Nickerchen", befahl Luzifer, und Gabriel ließ sich von ihm hochhelfen. Er stöhnte unterdrückt auf, als der Schmerz seiner Flügel sich in seinem gesamten Körper ausbreitete.
„Ich hasse Leviathane", murmelte er, als er sich schwer auf Luzifer stützte und sich von seinem Bruder helfen ließ. Gottes erste Schöpfung war den Erzengeln nicht gewachsen, doch allein die bloße Anzahl der Leviathane brachte die vier Brüder langsam an ihre Grenzen. Hinzu kam, dass sie immer wieder ins Fegefeuer eindringen mussten, um sie dauerhaft zu besiegen – der Tod im Himmel ließ sie nur am Ort ihrer Verbannung wieder auferstehen, stark und mies gelaunt. Die ständigen Kämpfe zehrten an ihren Kräften, ließen sie mit jedem Tag mehr beten, dass Gott die Planung seiner dritten Schöpfung bald vollenden würde. Menschen waren Gabriel jetzt schon sympathischer als die schwarzen Schleimmonster. Immerhin versuchten sie nicht, ihn zu fressen. Hoffentlich lebte er lange genug, um seinen ersten Eindruck ausbauen zu können.
Die beiden Erzengel flogen entlang der Barriere zwischen Himmel und Fegefeuer, während Luzifer seinen Bruder aufrecht hielt. In diesem Teil des Himmels kam es zu den heftigsten Kämpfen, und so langsam hasste Gabriel die endlose Steinwüste zu seiner Rechten und die violett-weiß flackernde Barriere zu seiner Linken. Er wollte, dass dieser Krieg endlich vorbei war.
Der Angriff erfolgte ohne Vorwarnung. Von einem Moment zum nächsten fiel die Barriere, traf die Erzengel hart mit der abrupt verpuffenden Energie. Ein schrilles Klingeln in seinen Ohren ließ Gabriel orientierungslos taumeln, aus den Augenwinkeln konnte er Luzifer schreien sehen. Luzifer rief ihm etwas zu und Gabriel schüttelte den Kopf, deutete auf seine Ohren. Luzifer nickte, beschwor seine Engelsklinge.
Gabriel fühlte das vertraute Gewicht seiner eigenen Klinge in der Hand, sah sich wachsam um, doch die wabernden Überreste der Barriere ließen nur Schatten ihrer Angreifer erahnen. Seine Ohren klingelten noch immer.
Einer der Schatten sprang vor, und scharfe Leviathanzähne schnappten nach Gabriel. Es war Luzifer, der sich dazwischen stellte, das Monster mit seinem Arm abblockte und die Klinge in die Kehle trieb. Gabriel sah Luzifers rote Gnade in seinem Arm aufleuchten, wo die Zähne des Leviathans die Rüstung seines Bruders durchbrochen hatten. Er hörte nichts.
Es war dieser Anblick, der neue Kräfte in Gabriel weckte. Nichts und niemand durfte seinem Bruder weitere Schmerzen zufügen, das ließ er nicht zu. Die Leviathane würden diesen Himmel nicht erobern.
Mit einem lauten Kampfschrei, den er über das stetige Geräusch in seinen Ohren selber nicht wahrnahm, der aber auf die Leviathane beeindruckend genug wirkte, wirbelte er umher, schlitzte, stach. Die Zeit schien still zu stehen und er kämpfte.
Plötzlich war es vorbei. Die Reste der Barriere hatten sich gesenkt, gaben den Blick frei auf den Staub eines halben Dutzends Leviathane, zerschmettert von Gabriels Gnade und erstochen von seiner Engelsklinge. Das zarte Perlmuttschimmern einer sich aufbauenden Barriere ließ den endlosen Wald des Fegefeuers verschwommen und friedlich wirken. Der Angriff war fehlgeschlagen, bald gab es keinen Übergang zwischen Himmel und Fegefeuer mehr an dieser Stelle. Gabriel starrte die sich formenden Energiestränge an. Goldene Gnade tropfte langsam aus einem Biss in seiner Seite, mehrere lange Kratzer zogen sich über seinen Rücken. Seine Flügel schwangen in falschen Energien, interferierten mit seiner Gnade und der Barriere. Das Klingeln hatte aufgehört.
Eine gespenstische Stille legte sich um Gabriel, und etwas stimmte mit seinen Ohren nicht. Luzifer packte ihn an der Schulter, riss ihn herum, sodass er seinen Bruder ansah. Er sah Luzifer mit einem unterdrückten Schrei seinen Arm heilen, Gabriel selbst keuchte schwer, während er gegen den Zug seiner verletzten Flügel ankämpfte, die Gnade in sich zu halten versuchte. Er hörte nichts davon.
Luzifer kam auf ihn zu, sagte etwas. Gabriel schüttelte den Kopf, deutete beunruhigt auf seine Ohren. Luzifer hob besorgt die Hand, berührte mit den Fingerspitzen seine linke Schläfe. Ein gleißender Schmerz und alles war schwarz.
Gabriel erwachte mit einem lauten Schrei in einem weißen Raum. Drei weiße Betten, kalte Fliesen, Effizienz und Schlichtheit. Raphaels Himmel. Eine Hand legte sich beruhigend auf seinen Arm, und Gabriel wurde bewusst, dass er wieder hören konnte. „Was..."
Luzifer legte ihm einen Finger auf die Lippen. „Shh, noch nicht sprechen. Ein Stück der Barriere hatte deinen Kopf getroffen und ein ziemlich großes Loch hinterlassen. Sah wirklich nicht schön aus. Raphael hat hart um dich gekämpft."
Gabriel schauderte bei der Vorstellung. Die Barrieren waren reine Energie - geschaffen, die Leviathane aufzuhalten, er vermochte sich nicht vorzustellen, was diese Energie mit der Gnade eines Engels anstellen konnte, sobald sie die Rüstung durchdrungen hatte.
Luzifer klang beinahe ehrfürchtig. „Eigentlich hättest du tot sein müssen, stattdessen hast du sechs Leviathanen Grund gegeben, den Tag ihrer Schöpfung zu bedauern. Du hast sie ins Fegefeuer zurück getrieben und besiegt." Luzifers Gesicht verhärtete sich, eine steile Zornesfalte zwischen seinen Brauen. „Vater war beeindruckt. Ich soll dir seine Dankbarkeit für die Verteidigung des Himmels ausrichten."
Gabriel nickte schwach. Ihr Vater war kaum in der Nähe, zu sehr beschäftigt mit der Vollendung des neuen Planeten und der Planung der Menschheit. Manchmal kam Luzifer der bittere Gedanke, dass Gott der Kampf gegen die Leviathane vollkommen gleichgültig war. Dass die Erzengel ihm gleichgültig waren. Gabriel wusste, dass sein Bruder an dieser Stelle falsch lag und doch hätte er einen persönlichen Besuch seines Vaters gewünscht, ein einziges Mal ein „Gut gemacht" oder „Danke" gehört.
Die Verbitterung verschwand aus Luzifers Gesicht, machte Ernsthaftigkeit Platz. „Und noch etwas, kleiner Bruder."
Gabriel wartete. Luzifer strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn, legte die Hand sanft auf seine Stirn. Luzifers Gnade pulsierte gegen die seine, wärmte ihn.
„Danke. Für Alles."
Gabriel blinzelt, atmet tief durch. Die Lebendigkeit der Erinnerung ist überraschend, für kurze, wundervolle Sekunden hat er gedacht, wieder im Himmel zum Anbeginn der Schöpfung zu sein, während Luzifer und er die Eroberung des Himmels durch die Leviathane verhindern. Das Leben ist einfacher gewesen damals.
Doch er ist im Fegefeuer, er darf sich nicht in Erinnerungen verlieren. Dieses Mal ist er nicht lange genug fortgewesen, dass Castiel etwas aufgefallen wäre, und er hofft, es bleibt dabei.
„Gern geschehen", erwidert er schließlich und lächelt Castiel etwas gezwungen an. Das Verständnis seines Bruders ist fast zu gut, um wahr zu sein...
Es ist wie ein Lebensschub, neue Hoffnung gegen die Kälte des Fegefeuers. Seine Gnade pulsiert in ihm, wärmt seine Flügel, tastet zu Castiel. Es ist gut, nicht mehr alleine zu sein. Engel sind nicht geschaffen für Einsamkeit. Erzengel erst recht nicht. Er hofft, dass Castiels Anwesenheit ihn erdet.
Castiels Blick wirkt abwesend, er runzelt die Stirn. Etwas verwirrt ihn. Das warme Gefühl schwindet. Gabriel erweitert seine Sinne, sucht nach potentiellen Angreifern. Er spürt nichts außer den Monstern.
„Was ist los, Castiel?", fragt er schließlich. Das Fegefeuer ist kein Ort für falschen Stolz, wenn Castiel etwas wahrgenommen hat, was ihm entgangen ist, dann muss er es wissen. Sein Bruder sieht ihn jedoch nur mit besorgter Miene an und schüttelt leicht den Kopf.
„Nichts. Ich dachte, ich hätte etwas gespürt. Ich muss mich geirrt haben", erwidert er nach einer Minute. Gabriel glaubt ihm nicht. Wahrscheinlich glaubt nicht einmal Castiel sich. Dennoch nickt Gabriel, vertraut darauf, dass sein Bruder ihn nicht hintergehen würde. Dass Castiel ihm nicht absichtlich etwas verschweigen würde, was sie beide umbringen könnte. Das Misstrauen ist Teil des Tricksters, und den hat Gabriel hinter sich gelassen.
„Wir müssen in Bewegung bleiben", lenkt Gabriel mit sanfter Stimme ab. „Die Leviathane sind schnell." Er weiß nur zu gut, wie schnell. Manchmal denkt er, er spürt noch immer die Schmerzen der Bisse und Kratzer. Er vermisst Luzifer.
Castiel nickt und gemeinsam fliegen sie, bis die Leviathane sie abrupt fallen lassen.
Das Fegefeuer hat sie wieder. Die Ruhe ist vorbei. Sie kämpfen.
