Kapitel 5

Anders Sein kann auch bedeuten,
Sich nicht jedes Mal zu häuten,
Wenn der Wind sich einmal dreht,
Schmerzhaft ins Gesicht Dir weht!

Eric Fish – Anders sein

Auf der Erde müssen Wochen vergangen sein. Zum ersten Mal vergehen mehr als einige Augenblicke ohne Attacke eines Monsters. Gabriel hofft, dass es nur daran liegt, dass sie beide inzwischen einen gewissen Ruf unter den Wesen des Fegefeuers haben, und nicht etwa daran, dass ihre Gnade sich den Schwingungen des Fegefeuers ergibt und schwindet. Ihre Flügel sind in keinem besseren Zustand, und außerhalb dieser Monsterhölle wären sie kaum als Engel erkennbar. Es wäre direkt peinlich, wenn sie nicht dringendere Probleme hätten.

Der ewige Nadelwald, wie er in der Gegend des Menschenportals wächst, hat sich inzwischen zu einem dichten Laubwald mit vereinzelten Pfaden und Lichtungen gewandelt. Ihre Umgebung ist grüner und lebendiger als der nahezu tote Nadelwald, aber das macht es Monstern nur einfacher, sich anzuschleichen.

Sie rasten an einem kleinen Weiher, weit genug entfernt vom Unterholz und den Bäumen. Castiel wäscht sich die Hände, versucht dann seinen Trenchcoat vom schwarzen Schleim der Leviathane zu reinigen. Amüsiert sieht Gabriel zu, wie die Frustfalte in seiner Stirn immer tiefer und die Farbe des Trenchcoats von einem blassen Grau überdeckt wird.

Fegefeuergrau.

Gabriel sitzt im Schneidersitz auf einem Felsen und hält einen starken Ast in seiner Hand, malt enochische Symbole in das sandige Ufer.

Gabriel war hier.

Der Knüppel hat ihm beim letzten Zusammentreffen mit einigen Werkatzen gute Dienste geleistet und er ist entschlossen, ihn so lange wie möglich zu behalten. Immerhin hat er auf die Monster genug Eindruck gemacht, dass sie sich im Moment zurückhalten, ihnen einen Moment der Ruhe gönnen.

„Also dann, erzähl mal, Castiel. Da du hier und nicht tot bist, vermute ich, dass Rumpel und Stielzchen es tatsächlich geschafft haben, die Ringe zu besorgen und die Apokalypse aufzuhalten. Wie ging es weiter? Gibt es eine Heldenstatue von mir? Bitte sag, dass sie gut aussieht", fragt er Castiel und klingt dabei fröhlicher, als er sich fühlt. Luzifers Verrat ist nichts, woran er sich jemals erinnern möchte.

Seine Flügel schwingen träge durch den Äther. Alle vier sind nahezu synchron, mit ihren Dissonanzen lösen sich Verspannungen in ihm, von denen er nicht einmal gewusst hat, dass sie ihn belastet haben. Sein Blick fällt auf Castiels Flügel, nur zwei Schwingungen, weniger energiegeladen als die seinen und doch elegant. Natürlich ohne den schmutzigen Unterton, der Gabriels Flügel dauerhaft begleitet. Die Energien der Flügel sind gedämpft, lange werden sie sich dem Einfluss des Fegefeuers nicht mehr entziehen können.

Castiel gibt sein Unterfangen schließlich auf. Sein Trenchcoat ist inzwischen nicht nur grau, sondern auch triefend nass. Mit einem Fingerschnippen trocknet Gabriel ihn. Castiel erhebt sich, sieht sich wachsam um. Gabriel schnaubt nur amüsiert. „Ich bin ein Erzengel, solche Kleinigkeiten sind für die Monster wie eine Kerze vor der Sonne, was die Auffälligkeit meiner Gnade angeht. Entspann dich, Cas."

Erst Castiels erschrockenes Keuchen macht ihm bewusst, was er getan hat. Namen sind wichtig, jeder Engel weiß das. Dass es den Winchesters erlaubt ist, Castiels Namen beliebig zu ändern, ist nur ein Zeichen, wie weit Castiel für sie gefallen ist. Ihm hätte das nicht passieren dürfen. Er ist ein Erzengel, gerade er weiß, wie wichtig Namen sind. Luzifer hat Gabriels Respekt für seinen Namen nicht mehr verdient, Castiel dagegen schon.

Gabriel fühlt etwas Fremdes in ihm vibrieren, als ob er mit den Schwingungen des Fegefeuers in Resonanz ist. Als ob er hierher gehört.

Der Trickster.

Er ist zu lange das Monster gewesen, hat sich zu sehr auf ihn eingelassen. Es ist ein Teil von ihm und es fordert Aufmerksamkeit. Irgendwann wird er sich nicht mehr verweigern können, doch jetzt nicht. Er darf sich ihm nicht hingeben.

Seine Finger pressen sich hart gegen den Felsen, der Stock eingeklemmt zwischen Stein und Handfläche. Die Entschuldigung an Castiel mit der Erklärung, dass das Fegefeuer ihm zugesetzt hat, klingt, als würde jemand anderes sie aussprechen. Nur langsam kommt Gabriel zu sich selbst zurück. Die harte Angst in seiner Brust bleibt. Etwas ist ganz und gar nicht in Ordnung, und er hofft, dass er lange genug er selbst bleibt, um Castiel zu beschützen. Er fährt sich mit der freien Hand übers Gesicht und lächelt Castiel aufmunternd an.

„Komm her und setz dich."

Castiel starrt ihn noch einige Sekunden aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen an, doch schließlich nickt er und kommt zu Gabriel.

„Danke", brummt Castiel und lehnt sich an den Felsen. Seine Gnade pulsiert, berührt Gabriels.

„Also?", fragt Gabriel schließlich und piekst Castiel mit dem Stock, was ihm einen bösen Blick aus tiefliegenden Augen sowie eine tiefe innere Befriedigung bringt. Ablenkung ist gut. Nur nicht über das dunkle Fremde in ihm nachdenken.

„Also was?"

Gabriel rollt mit den Augen und sticht erneut mit dem Ast zu. Dieses Mal schlägt Castiel ihn unwillig fort und rutscht ein wenig zur Seite, bringt Distanz zwischen sie. Castiels Gnade bleibt. Gabriel lässt sich in sie sinken, genießt die Nähe. Engel sind wirklich nicht für die Einsamkeit geschaffen. „Wie ging es weiter? Nun sag schon."

Castiel seufzt tief. „Das wird dir nicht gefallen", meint er schließlich und sieht in die Ferne. Gabriel hat das beunruhigende Gefühl, dass die Apokalypse auch für Castiel ein traumatisches Thema ist. Aus Prinzip lässt er den Stock gegen Castiels Fuß schwingen und erntet einen weiteren unamüsierten Blick dafür.

„Dean und Sam haben die Ringe der vier Reiter gesammelt. Luzifer..."

Gabriel zwingt sich bewusst, nicht zusammen zu zucken. Es sollte nicht mehr so schmerzen, den Namen seines gefallen Bruders zu hören. Dankbar spürt er Castiels Gnade an der seinen, als Castiel tief einatmet und fortfährt.

„Luzifer hat Sam als Hülle besetzt, Michael hat Adam genommen – ein Halbbruder von Sam und Dean", fügt er als Erklärung hinzu, als er Gabriels verwirrten Blick bemerkt, „und sie haben sich in Lawrence getroffen, um die Apokalypse zu starten. Ich habe Michael mit heiligem Öl angezündet, und Luzifer hat mich dafür getötet."

„Du verarschst mich", entfährt es Gabriel, als ihm vor Verblüffung der Stock aus der Hand rutscht. Er springt vom Felsen. Dabei entgeht ihm nicht Castiels selbstzufriedenes Lächeln – kaum sichtbar, aber eindeutig vorhanden. Mistkerl. Das kann nicht die Wahrheit sein. Das würde bedeuten, sein Opfer ist umsonst gewesen und die beiden Dumpfnasen haben am Ende doch noch Ja gesagt.

Unfair.

„Vater entschied, dass meine Aufgabe noch nicht abgeschlossen war und brachte mich zurück, nachdem Sam Luzifer die Kontrolle über seinen Körper entriss und zusammen mit Michael in Adams Körper in den Käfig sprang." Gabriel schüttelt den Kopf, baut sich vor Castiel auf und verschränkt die Arme vor der Brust. Es ist nahezu unmöglich, ein einmal gegebenes Einverständnis gegen den Willen des Engels zu widerrufen, und Gabriel bezweifelt absolut, dass sein Bruder seine wahre Hülle freiwillig freigegeben hat, während er noch in ihr ist. Nicht solange Michael noch lebt. Castiel muss lügen.

„Du weißt, wie unglaubwürdig das klingt?", fragt er ungehalten. Er schielt nach dem Stock, überlegt, ob er sauer genug ist, ihn Castiel über den Kopf zu ziehen. Nur weil er viele Jahre als Trickster verbracht hat, bedeutet das nicht, dass er die Geduld für dumme Scherze auf seine Kosten hat. „Ich wollte doch nur auf den neuesten Stand gebracht werden, kein Grund zu übertreiben. Michael wäre niemals mit in den Käfig gegangen..."

Castiel hat den Anstand, nur geringfügig amüsiert auszusehen. Seine Flügel dagegen schwingen aufgeregt auf und ab. Mit einem gemurmelten „Pah" schnappt Gabriel sich den Stock und klettert wieder auf den Felsen.

„Es ist die Wahrheit. Michael ist nicht freiwillig gegangen, Sam hat ihn mitgerissen. Die Apokalypse wurde verhindert", erzählt Castiel weiter und wendet sich ihm zu. „Zwei Wochen später fand ich einen Weg, Sam aus dem Käfig zu holen, ohne gleichzeitig Luzifer und Michael freizulassen. Raphael war nicht amüsiert..."

Staunend lauscht Gabriel seinem Bruder. Er kann kaum glauben, was er hört. Luzifer und Michael im Käfig. Die beiden mächtigsten Wesen, abgesehen von ihrem Vater, besiegt von zwei Menschen und einem nahezu gefallenen Engel. Die Ironie ist köstlich. Und passend dazu Raphael, Heiler und ausgemachtes Arschloch. Gabriels Opfer einfach so negieren und die Apokalypse neu starten wollen? Das ist selbst für Raphaels Verhältnisse mies.

Er hat den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als das Fremde in ihm sich rührt und aufsteigt.

„Verfluchte Scheiße", zischte Gabriel und streckte den Rücken durch. „Das soll aufhören." Seine sechs Flügel schlugen ziellos durch den Äther, die Schwingungen durcheinander und nahezu ausgelöscht. Mit einem ganzen Strom enochischer Flüche setzte er sich auf und nahm die Zerstörung um sich herum in Augenschein. Es war der letzte verzweifelte Angriff der Leviathane gewesen und es hatte die Grundfesten des Himmels erschüttert. Am schlimmsten hatte es seine Flügel getroffen. Er hatte es kaum zurück in den Himmel geschafft

Was hatte er auch so dämlich sein müssen, sich mitten in die Gruppe zu stellen und einfach mit der Engelsklinge auf alles einzustechen, was sich bewegte. Konnte ja keiner ahnen, dass die Großmaulmonster in der Zwischenzeit eine Frequenz spezifisch gegen seine Flügel gefunden hatten. Und genauso wenig war vorauszusehen, dass sie sich eher auslöschen lassen würden, als diesen einen Ton verstummen zu lassen.

Nun, am Ende waren sie natürlich alle tot und es herrschte endlich Ruhe, aber es gab dennoch nur eine mögliche Schlussfolgerung: Gabriel hatte es versaut. Gründlich.

In seiner Arroganz hatte er die Leviathane sträflich unterschätzt, und jetzt war er irgendwo in den Grenzbereichen des Himmels gestrandet, die Schwingungen seiner Flügel verschmolzen mit dem fremden Ton der Leviathane. Sie fühlten sich falsch an. Verschoben.

Vorsichtig ließ er seine Gnade um die Flügel fließen in der Hoffnung, dass sie sich ein wenig beruhigen ließen. Dabei stellte er fest, dass es das unterste Flügelpaar am schlimmsten getroffen hatte. Vorsichtig legte er einen Finger in die unterste Schwingung, ließ die Energien auf sich wirken.

Dumme Idee.

Ganz dumme Idee.

Die berührte Stelle brannte wie Feuer, obwohl seine Flügel eigentlich gefühllos sein sollten. Und das Brennen breitete sich aus.

Mit einem Schwall kreativer Flüche versuchte er abzuheben. Er schaffte es fast zehn Meter weit, bevor die Flügel einfach aufgaben und er zu Boden fiel. Alle sechs Flügel schienen inzwischen in Flammen zu stehen, ein tosendes Brennen ausgehend von seinen Schultern.

Fast meinte er Rauch zu riechen.

Er konnte eindeutig sehen, dass das nur Einbildung war, dass seine Schwingen den normalen Frequenzen - verschoben um den Leviathanton - entsprangen. Seine Flügel waren in Ordnung. Es gab kein Feuer.

Was nichts daran änderte, dass er es bald nicht mehr schaffen würde, die Interferenzen von seiner körperlichen Form fernzuhalten, und dann würde es richtig unangenehm werden. Ein letzter Gruß der Leviathane… Hatten sie ihn doch noch erwischt.

Er rief nach Raphael. Es war unwahrscheinlich, dass sein Bruder ihn hören konnte; mit Sicherheit wurde er woanders gebraucht, es waren nur sie vier gegen die Leviathane, und Raphael war heute mit Michael und Luzifer unterwegs... Mit einem unterdrückten Schrei fiel Gabriel auf die Knie und krallte die Hände in seinen Rücken. Seine Gnade drückte gegen seine Flügel, als sie die Quelle der Schmerzen auszulöschen versuchte.

Unendliche Erleichterung durchfuhr ihn, als er das vertraute Geräusch von Raphaels Flügeln vernahm. Als sein Bruder zu ihm eilte und neben ihm niederkniete, ließ Gabriel sich mit einem tiefen Seufzen in die schmerzfreie Bewusstlosigkeit sinken. Sein Bruder war hier. Er war in Sicherheit. Alles würde gut werden. Sein großer Bruder würde sich ihm ihn kümmern.

Nach der Schöpfung der Menschen war alles anders. Die Leviathane hatten ihren Krieg gegen den Himmel aufgegeben und sich ins Fegefeuer zurückgezogen, doch es gab keinen Frieden für Gabriel.

Der Himmel erbebte. Es war weniger ein körperlich spürbares Zittern, als vielmehr eine grausame Erschütterung tief im Inneren aller Engel. Es ging also wieder los.

Gabriel seufzte genervt und breitete seine Gnade über den beiden niederen Engeln in seiner Umgebung aus, schützte sie vor Michaels Wutanfall. Vater hatte sie erst vor kurzem erschaffen, und doch kannten sie schon den Reflex zur Flucht. Alles war besser, als sich Michael und Luzifer in den Weg zu stellen. Wenn Vater nur endlich zurückkehren würde...

„Castiel, Heather, kehrt zur Garnison zurück. Warnt die anderen", befahl er ihnen. In der Gruppe würden sie sich selber schützen können, bis er seinen Brüdern etwas Verstand eingeredet hatte. „Das hier wird eine Weile dauern", fügte er hinzu, als eine weitere Erschütterung durch den Himmel floss.

Er hörte ihren Disput schon aus der Ferne. Die übliche Mischung aus „Auch du wirst Vaters Befehlen folgen" und „Ich werde nicht irgendwelche Schlammaffen als ebenbürtig anerkennen" und „Du wirst" und „Nein, werde ich nicht". Es war einfach nur so extrem repetitiv, kindisch und ermüdend. In der Reihenfolge.

Die beiden Erzengel umkreisten sich mit gezückter Engelsklinge, doch noch waren sie nicht so weit, wirklich aufeinander einzustechen. Das würde später kommen, wenn Gabriel sie nicht daran hinderte. Er liebte seine Brüder noch immer über alles, aber er würde sich nicht in diesen sinnlosen Konflikt hineinziehen lassen. Wenn sie doch nur endlich verstehen würden, was sie ihren Geschwistern antaten… Kein Engel sollte sich für nur einen Bruder entscheiden müssen. Gabriel liebte sie beide, und im Moment hasste er jeden von ihnen.

Mit einem Fingerschnippen ließ er jeweils einen Wassereimer über den Köpfen seiner Brüder erscheinen. „Ihr habt zwei Sekunden, euch wieder einzukriegen..."

Natürlich ignorierten sie ihn. Wie immer. Es hatte Zeiten gegeben, in denen Luzifer sich ihm sofort zugewandt hätte. Nun, die waren offensichtlich vorbei.

"Eins... zwei... zu spät." Mit einem weiteren Fingerschnippen entleerte er die Eimer. Es hatte auch einmal Zeiten gegeben, als er mit Worten versucht hatte, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Auch die waren vorbei.

Und so wie seine Brüder ihn ansahen, war auch die Zeit ihrer Geduld vorüber. Verdammt.

„Du kleiner Verräter", zischte Luzifer ihn an.

„Du wagst es, mich anzugreifen", kam es von Michael.

Dann spürte er nichts mehr.

Gabriel erwachte in dem weißen Raum. „Gabriel? Schlaf weiter", hörte er dumpf eine Stimme, die er kennen sollte. Er versuchte sich an den Namen zu erinnern. Alles an ihm fühlte sich taub an, gleichzeitig waren Licht und Geräusche zu grell und intensiv. Mit einem leisen Stöhnen ließ er sich wieder in die Bewusstlosigkeit sinken.

Er driftete immer wieder in einen halbbewussten Zustand. Er wusste, er war nicht allein, wo auch immer er war. Er konnte aggressive Stimmen hören und spürte einen Schatten des alten Unwohlseins in sich... Sie sollten sich nicht streiten... Sie waren doch alle Geschwister.

Er war allein, als er das nächste Mal erwachte. Noch immer fühlte sich alles gedämpft an, wie in Watte gehüllt. Gabriel mochte das Gefühl nicht. Wahrscheinlich würde er alles noch weniger mögen, wenn er sich nicht mehr so taub fühlte. Irgendetwas Schreckliches war geschehen. Er versuchte krampfhaft, sich zu erinnern. Was war nur passiert, dass er hier gelandet war?

Er versuchte sich aufzurichten, doch spontane Übelkeit überzeugte ihn davon, es zu lassen. Bisher war ihm nicht klar gewesen, dass einem Erzengel so furchtbar schlecht werden konnte.

„Ah, endlich bist du wieder da. Was hast du dir nur dabei gedacht, Gabriel?"

Gabriel hätte sich gern der Stimme zugewandt. Wirklich. Schon allein, weil er genau wusste, dass Raphael nicht gern ignoriert wurde. Doch allein beim Gedanken an Bewegung wurde ihm übel. Also blieb er stattdessen einfach nur still liegen und wünschte sich, er wäre tot.

Raphael kam näher, beugte sich über ihn. Seine Gnade tastete nach Gabriel und fuhr grob über ihn. Das dumpfe Gefühl verschwand und Gabriel keuchte schockiert, als brennende Schmerzen in seinem Rücken aufloderten. Er versuchte erneut, sich aufzurichten.

Etwas FEHLTE!

Panisch tastete er mit seiner Gnade über seinen Rücken.

„Luzifer hat dich frontal erwischt."

Nein, nicht Luzifer. Niemals Luzifer.

„Du kannst froh sein, dass ich so ein hervorragender Heiler bin, und dass Michael so viel an dir liegt, dass du überhaupt noch lebst. Wenn du dich das nächste Mal gegen Michael stellst, werde ich dich nicht heilen", fuhr Raphael unbeeindruckt fort und drückte Gabriel wieder nach unten. „Halt still. Ich musste zwei deiner Flügel auslöschen, die Überreste der Leviathanschwingungen interferierten zu sehr. Außerdem hast du es verdient."

Gabriel tastete erneut nach hinten zu seinem unteren Rücken, starrte Raphael schockiert an. „Nein", flüsterte er, als er die leeren Stellen bemerkte. Seine Finger fuhren über die kleinen Erhebungen, wo seine Flügel mit seiner körperlichen Hülle verbunden gewesen waren und er spürte nichts. „Nein, nein, nein", wiederholte er panisch.

Die Präsenz seiner zwei anderen Flügelpaare beruhigte ihn nur geringfügig. Das konnte nicht sein, Raphael hatte immer seine Flügel geheilt, er war der Erzengel der Heilung, er hatte bereits viel gravierendere Flügelschädigungen repariert. Die Leviathane damals hatten viel mehr Schaden angerichtet... Damals, als Raphael noch uneingeschränkt sein großer Bruder gewesen war. Damals, als sie alle noch eine Familie gewesen waren und sich eher gegen die Leviathane als gegeneinander richteten. Vor der Schöpfung all der anderen Engel und der Menschen.

„Raphael, nein..." Seine Gnade tastete nach der des Heilers, doch jene Raphaels zog sich so weit wie möglich zurück. Ablehnung auch auf nichtkörperlicher Ebene.

„Weißt du, vielleicht hätte ich deine Flügel retten können, wenn du von Anfang an Michael unterstützt hättest. Luzifer ist gefallen und Michael führt uns alle jetzt an." Gabriel konnte ihn nicht ansehen. Diese Selbstzufriedenheit, die Gewissheit, das Richtige getan zu haben, dass Gabriel diese Strafe verdient hatte... „Wenn du ihn das nächste Mal siehst, solltest du eine Seite wählen. Ich bin sicher, du wirst das Richtige tun", wisperte der Heiler in Gabriels Ohr. Er konnte Raphaels Hand wie brennenden Hohn auf seiner Schulter spüren, bevor er endlich ging und Gabriel allein ließ in seinem Himmel.

Er hatte Raphaels Drohung verstanden. Wenn er sich das nächste Mal weigerte, gegen Luzifer zu kämpfen, würde es keine Heilung geben. Das nächste Mal würde er sterben, wenn er sich auch gegen Michael stellte. Wann nur war aus dem Himmel dieser ewige Kampf geworden? Bruder gegen Bruder, vollkommen gleichgültig, was aus den anderen Engeln wurde. Gleichgültig, was aus ihm wurde...

Gabriel rollte sich zusammen und erinnerte sich an bessere Zeiten, als Luzifer noch sein großer Bruder war, der ihn im Kampf beschützte und immer für ihn da war. Als Michael noch der etwas steife Älteste war, der sich immer um alles kümmerte. Und Raphael der mit den heilenden Händen, so kreativ und wunderbar.

Er musste weit zurückgehen in den Erinnerungen.

„Gabriel?", hört er wie aus weiter Ferne Castiels Stimme. Er ist wieder in einer Erinnerung versunken.

Das muss aufhören. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn er während eines Kampfes in seine Erinnerungen gezogen wird. Er muss dem Trickster widerstehen.

Er ist ein Erzengel. Ist es immer gewesen und wird es immer sein.

Er konzentriert sich auf Castiels Stimme, auf das beruhigende Gewicht seiner Hand auf Gabriels Schulter. Der feste Griff ist ein guter Anker in die Realität.

Gabriels Hand tastet unwillkürlich zu seinem unteren Rücken, fährt über die Erhebungen. Er hat viele Jahre Zeit gehabt, den Verlust seiner Flügel zu verarbeiten, und inzwischen kann er sich kaum erinnern, wie es vorher gewesen ist. Die meisten Engel kennen ihn nur mit vier Flügeln, und niemand von ihnen wäre je auf die Idee gekommen zu fragen, warum er so anders als seine Erzengelbrüder ist. Oder warum seine Flügel auf einer anderen Frequenz schwingen als Luzifers, Raphaels und Michaels. Es ist wie es ist. Keiner der niederen Engel soll jemals erfahren, welche Schäden die Leviathane und der Streit seiner Brüder angerichtet haben.

„Es geht mir gut", antwortet Gabriel schließlich. Es ist eine Lüge und er weiß, dass Castiel das auch weiß. Er spürt den prüfenden Blick seines Bruders auf seinem Rücken und lässt seine Hand sinken.

„Wie ging es weiter mit unserem Idioten von großem Bruder?", fragt er schließlich. Themenwechsel. Lieber hört er von Himmlischen Waffen und Bürgerkrieg im Himmel als weiter über seine Erinnerungen zu grübeln.

Er glaubt Castiel jedes Wort. Er weiß von allen am Besten, wie rücksichtslos Raphael handeln kann. Als Heiler weiß der Erzengel natürlich, wie man Engel zur Räson bringen kann, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Auf Gabriel hat er Spuren hinterlassen, die niemand als solche erkennt, weil sie schon immer dagewesen sind. Er ist sich sicher, dass Raphaels „Unamüsiertheit" auch auf Castiel Spuren hinterlassen hat, die niemand außer ihm wahrnimmt.

Gleichzeitig ist er beeindruckt von Castiel. Sich einem Erzengel entgegen zu stellen ist entweder unvergleichlich mutig oder selten dämlich. In Castiels Fall wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

„Es lief nicht gut, es kam zum Krieg, Engel gegen Engel", Castiels Blick schweift in die Ferne. Tröstend piekst Gabriel ihn mit dem Stock. Er will seinen Bruder nicht so niedergeschlagen sehen, gleichzeitig muss er wissen, was im Himmel geschehen ist. Ob es überhaupt noch einen Himmel gibt, zu dem er zurückkehren kann. Sofern sie beide das Fegefeuer jemals verlassen können, heißt das natürlich.

Castiel schlägt unwillig nach dem Stock, runzelt erneut die Stirn. Gabriel sticht aus Prinzip erneut zu. „Lass das", grollt Castiel schließlich und geht außer Reichweite. „Der Krieg lief nicht gut, es wurden Fehler gemacht, ich habe Fehler gemacht. Es endete mit Raphaels Tod und…"

„Whoa, whoa, whoa, stop", unterbricht Gabriel seinen Bruder abrupt. „Auszeit. Was soll das heißen, Raphael ist tot?" Er lässt den Stock fallen. Das kann nicht sein. Er muss sich verhört haben. Es kann einfach nicht sein, dass er der letzte Erzengel ist, dass all seine Brüder, mit denen er soviele Erinnerungen verbindet, tot oder fort sind.

Es kann einfach nicht sein, dass er allein ist.

Der Letzte seiner Art.

Castiel hat sie ihm alle genommen. Zuerst Luzifer und Michael, dann Raphael. Niemals wird er sie wiedersehen, jede noch so vage Möglichkeit zur Versöhnung dahin. Er spürt den Trickster in sich rumoren, schwarze Schatten an den Rändern seiner Wahrnehmung. Das Monster in ihm sinnt nach Rache. Niemand hat das Recht, ihm die Vergeltung zu nehmen. Der falsche Leviathanunterton seiner Flügel wird stärker, und der Trickster in ihm lacht.

Konzentration. Nicht verlieren. Atmen. Gabriel kämpft.

Castiels Gesicht spiegelt seine Qual, und Gabriel spürt eine furchtbare Kälte in sich aufsteigen. Der Trickster in ihm wird stärker. Was auch immer zwischen ihm und seinen Brüdern gestanden hat, er hat sie niemals tot sehen wollen. Er hat niemals gewollt, dass sie von einem der Ihren so hintergangen und beseitigt werden. Castiel muss hinterhältig gehandelt haben, anders ist es nicht möglich, dass er Raphael tatsächlich umgebracht hat. Er will nicht glauben, dass Castiel wie die Erzengel dem Verrat gegen die eigenen Brüder anheim gefallen ist.

Nicht Castiel.

„Bitte sag mir, dass du nichts damit zu tun hast", flüstert er ungläubig und steht auf. Seine Flügel schwingen drohend, voller Aufruhr und Dissonanz. Castiel starrt schreckensbleich auf die manifestierten Schatten seiner Flügel und gibt ihm damit alle Antwort, die er braucht.

„Was hast du getan?" Castiel wendet den Blick ab. Es ist so schwer, der Versuchung, ihn einfach hier und jetzt zu vernichten, zu widerstehen. Er darf dem Trickster nicht nachgeben.

„Ich habe furchtbare Dinge getan, Gabriel. Ich dachte, ich tue sie aus den richtigen Gründen, aber letztendlich waren es nur mein Stolz und meine Selbstherrlichkeit. Ich habe dafür bezahlt und ich tue es noch immer", Castiel hebt den Blick, starrt ihn direkt an. Die blauen Augen seiner Hülle sind entnervend. „Ich möchte nicht mehr darüber reden", sagt er ruhig.

Gabriel hasst ihn dafür. Hasst ihn für die stoische Hülle, die den Aufruhr in ihm verbirgt. Hasst ihn, dass er bereits einen Weg für sich gefunden hat, seine Taten zu verarbeiten. Dass er ihm nicht sagt, was wirklich geschehen ist. Dass er nicht den Trickster zum Überleben braucht.

Er könnte Castiel zu einer Erklärung zwingen. Letzten Endes ist er immer noch ein Erzengel und sein Bruder nur ein Seraph. Genauso weiß er aber, dass Castiel ihn bis aufs Letzte bekämpfen würde. Dass er eher sterben würde, als etwas gegen seinen Willen zu tun.

So selbstgerecht.

So voll freiem Willen.

Ihm so ähnlich.

Er kann hier nicht bleiben. Er kann nicht in der Nähe Castiels bleiben und sich ausmalen, welch furchtbaren Pakt Castiel mit den Mächten des Universums eingegangen ist, um Raphael vernichten zu können. Es gibt nicht viele Dinge, die einem Erzengel gefährlich werden können...

Ihm ist übel. „Ich muss hier weg", teilt er Castiel mit und hebt ab.

Fort.

Einfach nur fort.