Kapitel 6

So I run and hide and tear myself up
I'll start again with a brand new name

30 seconds to mars - Capricorn

Die Wut des Tricksters zieht die Monster an. Er löscht sie mit brennender Gnade aus. Weitere Monster folgen. Seine Umgebung verschwimmt in einem Flirren aus Wut, Angst und Trauer. Er ist wie ein Berserker, er will nicht nachdenken, will sich nicht auf all die guten Erinnerungen einlassen.

Will nicht an die Zeit zurückdenken, als Luzifer und er regelmäßig Michael Streiche gespielt haben und der ach so gefürchtete Krieger jedes Mal wieder drauf reingefallen ist. Als Raphael die ersten Sigillen zur Beruhigung dissonanter Flügel entwickelt hat. Wie er geglüht hat vor Stolz und Freude, als all die im Krieg gegen Luzifer verkrüppelten Engel wieder fliegen konnten. Wie Michael sich um die neugeschaffenen niederen Engel gekümmert hat, ihnen die Funktionsweise ihrer Flügel und der Gnade erklärt hat. So geduldig.

Er will sich nicht daran erinnern, wie er sie im Stich gelassen hat.

Aber er tut es.

Mit einem Wutschrei zerschmettert er zwei Zwielichte, holt sie gnadenlos aus der Luft, als sie sich ihm in den Weg stellen. Leviathane versuchen ihn zu Boden zu zerren, er zerfetzt sie, noch bevor er ganz gelandet ist. Der Rugaru versucht im letzten Moment zu flüchten. Gabriel enthauptet ihn und lacht. Seine Gnade vibriert in ihm, kurz vorm Ausbrennen. Gabriel hat sich nie lebendiger gefühlt.

Er spürt den Wahnsinn des Tricksters nach sich greifen – es wäre so einfach, loszulassen, nicht mehr denken zu müssen. Sich nicht zu erinnern. Wieder zu einem Monster zu werden.

Er kann es nicht.

Das Lachen geht in ein Schluchzen über. Gabriel sinkt zu Boden, schlingt die Arme um die Knie. Haltlose Trauer überflutet ihn. Um seine Brüder. Luzifer, Michael, Raphael. Verpasste Gelegenheiten. Ewiger, dummer, kindischer Streit. So viele Fehler, auf allen Seiten. Er versinkt.

Ewigkeiten vergingen, bis Gabriel den weißen Raum von Raphaels Himmel wieder verließ. Er musste das Fliegen neu erlernen. Jedes Taumeln in der Luft, jede falsch berechnete Kurve ließ ihn den Verlust seiner Flügel aufs Neue spüren. Er war langsam. Träge und unbeholfen.

Er fühlte sich wie ein fliegender Stein und er hasste dieses Gefühl. Michaels Kriegszüge gegen Lucifer waren nicht hilfreich, ebenso wenig wie Raphaels kalter Blick, wann immer Gabriel ihm begegnete. Es waren Tausende Engel im Himmel, und doch fühlte Gabriel sich allein. Selbst als sie nur zu viert gewesen waren, hatte nicht diese Einsamkeit in ihm gelauert.

Er sah, wie der weiße Raum sich mit verletzten Engeln füllte und Raphael mit seinen Heilern alles tat, die Verluste so niedrig wie möglich zu halten. Er hörte von den Dämonen, die Lucifer mit jenen erschuf, die ihm aus dem Himmel in die Hölle gefolgt waren. Er sah, was die Dämonen anrichten konnten. Und doch... Er konnte sich nicht entscheiden. Er wollte es nicht. Er brauchte nur abzuheben, um zu wissen, was ihm seine Courage genommen hatte.

Also tat er, worin er Erfahrung hatte: Er lief davon.

Er begann mehr und mehr Zeit auf der Erde zu verbringen, fernab seiner Brüder. Er lernte, sich zu tarnen, seine auffällige Erzengelgnade abzuschwächen und in sich zu verbergen. Keiner der niederen Engel sollte ihn finden, und er bezweifelte, dass die Erzengel nach ihm suchen würden. Wahrscheinlich hatten Michael und Raphael sein Verschwinden noch nicht einmal bemerkt.

Er fand seine wahre Hülle. Ein freundlicher Schafhirte ohne Familie, zufrieden mit seinen Tieren in den Bergen. Er sagte sofort in dem Moment Ja, als Gabriel erwähnte, dass er seine Hilfe brauchte.

Meistens überließ Gabriel dem Menschen die Kontrolle, ließ ihn sein kurzes Leben leben, bis der Mensch sich schließlich in einem dummen Unfall von einem aktiven Vulkan verschlucken ließ. Gabriel schaffte es, die Hülle zu retten, doch die Seele des Menschen zog in seinen persönlichen Himmel ein. Der Erzengel trug höchstpersönlich Sorge, dass die Seele es sicher in ihren ewigen Himmel schaffte – inzwischen hatte er die schlimmsten Befürchtungen, wie weit Raphael und Michael gehen würden, damit er endlich Stellung bezog.

Die Hülle war nun dauerhaft die Seine. Noch immer suchte niemand nach ihm.

Er kümmerte sich weiter um die Schafe, versuchte die heftiger werdenden Kämpfe zwischen Hölle und Himmel auszublenden. Er gewöhnte sich langsam an den Verlust seiner Flügel, fand nahezu seine alte Wendigkeit wieder. Die Erinnerung an Raphaels Tat verblasste nicht. Bei jedem Flügelschlag spürte er die Verschobenheit durch die Leviathane und das fehlende Flügelpaar.

Er mochte die Menschen und die Erde. Alle Probleme schienen hier soviel kleiner und lösbarer. Der Streit zwischen zwei Menschenbrüdern konnte ein Dorf entzweien, aber nicht die gesamte Menschheit bedrohen. Das gebrochene Bein eines verirrten Schafes heilte mit den richtigen Kräutern und genügend Zeit. Ein abwesender Vater war kein Grund, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Die Menschen fanden dafür genug andere Gründe.

Gabriel sah die Jahre an ihm vorbeiziehen. Keiner seiner Brüder tauchte je bei ihm auf. Irgendwann hörte er auf, nach ihnen Ausschau zu halten.

Er zog über die Erde, wanderte von einer Menschensiedlung zur nächsten, hielt sich nie länger als ein paar Jahre an einem Ort auf. Er lernte gute und schlechte Menschen kennen sowie unzählige Graustufen dazwischen. Er nutzte seine Kräfte nur spärlich, sorgte für Gerechtigkeit für jene Menschen, die ihm sympathisch waren. Es gab immer Mistkerle, die eine gerechte Strafe verdient hatten. Es war ein gutes, entspanntes Leben, das ihn den Verrat seiner Brüder fast vergessen ließ.

Bis Luzifer ihn aufspürte.

Sein Atem gefror in weißen Wolken, obwohl die Sonne heiß vom Himmel brannte. Eisblumen überzogen die Pflanze und den Boden. Und wenn das noch nicht ausreichte, um die Ankunft seines Bruders anzukündigen, dann taten es die Wirbelstürme, die in diesem Gebiet nicht vorkommen sollten.

Gabriel seufzte schicksalsergeben und streckte seine Gnade aus. Er fand Luzifer nicht weit entfernt und flog zu ihm. Luzifer nutzte die Hülle einer jungen, blonden Frau, und mit Bedauern sah Gabriel, dass ihr Geist dem Wahnsinn anheim gefallen war. Der gefallene Erzengel war nicht sanft mit ihr umgegangen, nachdem sie ihr Einverständnis gegeben hatte. Für ihn war sie wahrscheinlich nur ein weiteres Exemplar der Schlammaffen, deretwegen Luzifer seinen Platz im Himmel verloren hatte.

„Hallo, Luzifer", begrüßte er ihn und entfaltete vorsichtig seine Gnade. Er wollte vorbereitet sein, wenn Luzifer ihn angriff. Natürlich hatte er nicht die geringste Chance gegen seinen Bruder, aber er wollte verdammt sein, wenn er kampflos unterging. Wenigstens hatte sein Bruder nicht seine wahre Hülle und war somit geschwächt.

Die Frau lächelte ihn erfreut an. „Wusste ich es doch, dass ich dich hier finde, kleiner Bruder. Ich habe dich vermisst." Luzifers Gnade brandete gegen Gabriels. Überrascht ließ Gabriel sich hineinsinken; die Begrüßung war bei Weitem freundlicher als er es sich je erträumt hätte. Dennoch durfte er sich nicht ablenken lassen – er liebte seinen Bruder, seine Taten waren jedoch unverzeihlich.

„Was willst du?", fragte er misstrauisch und suchte die Umgebung nach Dämonen ab. Die verdrehten Menschenseelen waren keine Gefahr für ihn, aber er war lieber vorbereitet.

Luzifer lachte leise. „Ich bin allein, Gabriel. Ich will nur mit dir reden." Luzifer breitete die Arme aus, lächelte ihn gewinnend an. Seine Gnade umhüllte Gabriels, und auch wenn Gabriel es nie freiwillig zugeben würde – er hatte seinen Bruder ebenfalls vermisst. Ihm fehlte die Nähe der anderen Engel, die ständige Präsenz seiner älteren Brüder. Menschen waren einfach ein unzureichender Ersatz.

Luzifer sah sich um. Die Eisblumen schmolzen langsam in der Sonne und ließen schimmernde Feuchtigkeit zurück. Der gefallene Engel neigte den Kopf, sah Gabriel forschend an. „Was ist mit deinen Flügeln geschehen? Gab es späte Komplikationen durch die Leviathanschwingung?" Gabriel schloss die Augen. Natürlich konnte Luzifer nichts davon wissen.

„Nein. Raphael hat sie ausgelöscht."

Nicht an den weißen Raum von Raphaels Himmel denken.

Seine Flügel zuckten unruhig. Die Leviathanschwingung wurde stärker, brachte seine Flügel in Disharmonie. Seine Gnade tastete nach Luzifer, suchte die beruhigende Nähe des einzigen anderen Engels in seiner Nähe. Einsamkeit war der Fluch seines Davonlaufens.

Luzifer nickte, hüllte Gabriel fest in seine Gnade ein. Seine Hülle umarmte ihn auf körperlicher Ebene, suchte Nähe gegen Gabriels Aufgewühltheit. „Shh, ganz ruhig. Was ist geschehen? Wurdest du verletzt?"

Gabriel legte zwei Finger auf die Stirn von Luzifers Hülle und zeigte es ihm. Er wollte nicht darüber reden, es nicht noch einmal bewusst durchleben.

„Es war nicht richtig, was Raphael getan hat. Du warst verletzt, ja, doch deine Flügel waren in Ordnung. Du warst nur etwas erschüttert, mehr nicht", sagte Luzifer schließlich und bestätigte damit Gabriels schlimmste Vermutung. Es war Raphaels Entscheidung gewesen, ihn zu bestrafen. „Ich hätte niemals dir gegenüber die Beherrschung so sehr verlieren dürfen. Es tut mir leid, was Raphael deinen Flügeln angetan hat." Luzifers rote Gnade fuhr sanft über die Erhebungen auf Gabriels Rücken, wo eigentlich das dritte Flügelpaar entspringen sollte. Gabriel verbarg sein Gesicht in Luzifers Halsbeuge, ließ sich in die Umarmung sinken.

„Mir auch", erwiderte er mit belegter Stimme. Er durfte nicht daran denken, dass außer Luzifer niemand nach ihm gesucht hatte. Dass es ausgerechnet der gefallene Engel war, der seinen Schmerz über den Verlust seiner Flügel zur Kenntnis nahm und akzeptierte, als einziger seiner Geschwister. Dass Luzifer ein Monster war, das für die Schaffung der Dämonen und die Zerstörung des halben Himmels verantwortlich war. „Ich will nicht mehr kämpfen", murmelte er schließlich und sah Luzifer an.

Luzifer ließ ihn los und trat einen Schritt zurück. „Ich weiß. Dennoch muss ich ein letztes Mal fragen: Wirst du dich mir anschließen? Wir könnten den beiden selbstgerechten Mistkerlen kräftig in den Hintern treten."

Gabriel zog seine Gnade zurück. Der kurze Moment des Friedens war vorbei. Er schüttelte den Kopf, ließ seine Engelsklinge in seine Hand gleiten. War das wirklich Trauer in den Augen von Luzifers Hülle? Gabriel konnte es nicht mit Sicherheit sagen, ohne die Gnade seines Bruders zu berühren.

„Ich verstehe. Dann lebe wohl, Bruder. Ich bezweifle, dass wir uns noch einmal wiedersehen werden." Mit diesen Worten zog Luzifer sich aus seiner Hülle zurück und ließ den geistlosen Körper der Frau zusammenbrechen wie eine Marionette, deren Fäden zerschnitten wurden.

Die Hölle brach los, noch bevor Luzifers ehemalige Hülle auf dem Boden aufgekommen war. Heftiger Wind und plötzlicher Druckabfall kündigten Raphaels Ankunft an, Erdbeben in weiter Ferne Michaels. Die Erzengel konnten diese Naturphänomene unterdrücken, wenn sie wollten, doch die schlichte Wahrheit war, dass es außer Gabriel niemanden interessierte, ob Menschen durch ihren Besuch zu Schaden kamen.

Flüche und Beleidigungen flogen durch die Luft, als Michael und Raphael Luzifers Verwirrung ausnutzten und ihn attackierten. Es dauerte keine zehn Sekunden und der Kampf war vorbei. Gabriel streckte seine Gnade aus, suchte nach seinen Brüdern. Lediglich Michael und Raphael erwiderten seinen Kontakt. Dort, wo Luzifer sein sollte, glühte eine rote Energiekugel. Wut stieg in ihm auf.

„Hallo, Bruder", brach Raphael als erster das Schweigen. Gabriel konnte den Hohn in Raphaels Worten spüren. Bruder, ja klar. „Wir danken dir, dass du uns schlussendlich doch noch unterstützt hast. Ohne dich hätten wir den Morgenstern nicht so einfach in den Käfig sperren können. In Vaters Namen sind wir dir zu Dank verpflichtet. Du bist im Himmel wieder willkommen."

Gabriel fühlte sich taub. Der immense Verrat seiner Brüder, die ihn nur benutzt hatten… Für sie war er nur ein Werkzeug, nutzlos, wenn es nicht in Gebrauch war. Die bittere Erkenntnis, dass er ihnen vollkommen gleichgültig war, löschte alle Gefühle aus. Sie waren schlecht und mussten bestraft werden. Sie sollten ihre Lektion lernen. Man benutzte andere Personen nicht.

Gabriel ließ seine Gnade unauffällig auffächern, bis sie sowohl Raphael als auch Michael umhüllte. „Ich denke, ich verzichte, Raphael." Mit kleinen Energiestößen manipulierte er kaum sichtbar die Realität, schuf ein eigenes kleines Taschenuniversum für seine Brüder. Natürlich waren sie stärker als er, keine seiner Illusionen würde ihren Sinnen lange standhalten – also durften sie nicht wissen, dass sie in einer Illusion steckten, bis sie vollständig war. „Was habt ihr mit Luzifer gemacht?"

Michael hatte den Anstand, schuldbewusst auf die rote Kugel zu sehen, während Raphael einfach nur selbstzufrieden wirkte. Gabriel beschloss, dem Heiler ein besonderes Abschiedsgeschenk zu hinterlassen. „Es ist ein Käfig, geschaffen aus der Gnade von allen Engeln im Himmel. Luzifer ist in ihm gebunden und keine Gefahr mehr. Wir haben gewonnen, Gabriel", erklärte Michael ihm. „Vater war sehr zufrieden."

„Mit Sicherheit war er das", murmelte Gabriel nahezu lautlos und schloss vorsichtig das Taschenuniversum. Nichts hatte sich spürbar verändert, doch für die nächsten Jahre hatten die Menschen – und Engel – ihre Ruhe vor den beiden Erzengeln. Sollten sie doch versuchen, ihren Weg aus seinen verschlungenen Illusionen zu finden, ohne etwas lockerer zu werden.

„Nun denn, Jungs. Mir reicht's. Raphael – du bist ein Feigling. Wenn ich dich in ein paar Jahren wieder sehe, ist es noch zu früh. Michael – ich verachte dich. Hauptsache, Daddys Anweisungen folgen. Habt ihr auch nur einmal einen Gedanken daran verschwendet, was ihr unseren Geschwistern mit euren Kämpfen angetan habt? Was ihr mir angetan habt? Wir alle werden eine Pause von euch sehr genießen. Ich wünsche euch viel Spaß und benehmt euch." Mit diesen Worten drehte Gabriel sich schwungvoll um und verließ mit einem Fingerschnippen das Taschenuniversum, welches sich hinter ihm nahtlos schloss. Für die nächsten Jahre konnten die beiden Erzengel sich mit den Wundern und Freuden der menschlichen Zivilisation beschäftigen – seine Zeit auf der Erde hatte ihm genug Inspiration für eine lebendige und überzeugende Illusion gegeben. Er war sich sicher, dass insbesondere Raphael es genießen würde, als Mensch unter Menschen zu leben. Noch dazu als Kind.

Blieb nur noch die Frage, was er mit dem Käfig und Luzifer machen sollte. Er verschränkte die Arme und starrte grübelnd auf die rote Kugel.

Stunden später wurde er von einem Dutzend Dämonen mit gezückten Engelsschwertern aus seinen Gedanken gerissen. Gabriel lachte humorlos auf. „Lasst mich raten. Luzi hat euch das ewige Dämonenparadies versprochen, wenn ihr mich beseitigt."

Ein älterer Mann, das Gesicht von einer besonders widerwärtigen Dämonenfratze verzerrt, trat unbehaglich einen Schritt aus dem Kreis der Dämonen hervor und bestätigte seine Vermutung. Luzifer hatte versucht ihn einzulullen und seine Dämonen mit Engelsschwertern ausgestattet. Natürlich konnten sie ihn nicht töten, aber wahrscheinlich hatte Luzifer sie als Ablenkung für Gabriel und Raphael geplant, um sich in Ruhe um Michael kümmern zu können. Gabriel seufzte, schloss die Augen und drückte Mittelfinger und Daumen gegen seine Nasenwurzel. Erzengel litten nicht unter Kopfschmerzen, aber die brennende Gewissheit, dass jeder seiner Brüder ihn verraten hatte, fühlte sich ähnlich genug an.

Die Dämonen werteten seine vermeintliche Schwäche als Zeichen zum Angriff. Mit einem entnervten „Oh bitte" schnippte Gabriel mit den Fingern und ließ seine Gnade durch sie brennen. Zurück blieben nur die verbrannten Hüllen und der Geruch nach Schwefel.

„Was nur mache ich mit euch?", fragte er sich laut und lief einen weiten Kreis um die schwelenden Körper, sammelte nebenbei die Engelsklingen ein. Er hoffte, dass die ursprünglichen Besitzer schnell gestorben waren. In Gedanken sprach er aus Gewohnheit ein schnelles Gebet für seine gefallenen Geschwister und bat seinen Vater, ihnen Frieden zu geben. Er glaubte nicht, dass Gott sich noch für die Engel interessierte.

Nachdem er seine Runde beendet hatte, stand er erneut vor der roten Kugel. Er konnte keine Lücke in dem dichten Geflecht aus Gnade spüren. Luzifer konnte diesen Käfig nicht aus eigener Kraft verlassen, nicht solange Michaels Einfluss so deutlich spürbar blieb. Vorsichtig legte er die Engelsklingen eine nach der anderen auf dem Käfig ab und sah zu, wie sie in das dichte Energienetz absorbiert wurden. So war der Tod seiner Geschwister wenigstens nicht vollkommen umsonst. Zum Schluss gab er der Kugel noch einen sanften Schubs in den mehrdimensionalen Raum. Sie konnte nicht hier bleiben, wo jederzeit Menschen über sie stolpern konnten. Er verschloss den Übergang zur Kugel mit einem komplizierten Geflecht aus Bannen und Sigillen. Es brauchte schon die Kraft der Apokalyptischen Reiter, um diese Tür jemals wieder zu öffnen.

Luzifers rote Kugel verblasste, als sich der Käfig mit dem Erzengel in eine eigene Dimension zurückzog. Gabriel sah, dass die Realität der Erde nun wieder ungestört war. Die Menschen würden diesen Ort eine Weile meiden und in paar Jahren erinnerte nichts mehr an die Erzengel.

Gabriel blieb mit Luzifers Hülle zurück. Mit einem Blick sah er, dass ihr Geist irreparabel zerrüttet war, dass nichts von dem, was sie als Mensch ausmachte, überlebt hatte. Er berührte sie sanft mit der Hand an der Stirn und ließ seine Gnade in sie brennen. Ihre Seele hatte sich ihren Platz im Himmel mehr als verdient.

Mit kalter Effizienz faltete er seine Gnade in sich, stellte damit sicher, dass er vor allen verbliebenen Engeln verborgen war. Um seine älteren Brüder würde er sich kümmern, wenn es soweit war. Hier gab es nichts mehr für ihn zu tun.

„Ich hoffe, du bist zufrieden, Vater", murmelte er und hob ab. Natürlich erhielt er nie eine Antwort.

Gerüchteweise gab es im ewigen Eis des Nordens andere Götter, welche ihre Kraft aus Blutopfern und Ehre zogen. Genau das, was er jetzt brauchte. Alles war besser als die Aussicht, in einen kalten, effizienten Himmel zurückzukehren. Von ihrem Vater verlassen und als einzige Gesellschaft ein Haufen führungsloser Engel, bis Michael und Raphael wieder auftauchten. Nein, danke.

All die Jahrhunderte suchte kein Engel nach ihm. Etwaige Ähnlichkeiten zwischen dem Erzengel Gabriel und dem Pagangott Loki waren rein zufällig und wurden heftig abgelehnt. Er hatte ein neues Leben und das war gut.

Er fühlt sich leer. Kalt. Einsam. Der Trickster hat sich zurückgezogen. Die leeren Schokoladenpapiere beulen seine Taschen aus.

Die Wut ist verflogen, lässt ihn erschöpft zurück. Gabriel krallt die Finger in die Haare, versucht, zu sich selbst zurück zu finden.

Er muss zu Castiel zurück.

Er hat bereits zu viele Brüder verloren. Er kann nicht ausgerechnet auch noch jenen einen im Stich lassen, den er retten kann. Was auch immer Castiel getan hat, es spielt keine Rolle. Raphael ist tot. Luzifer und Michael sind im Käfig, und er betet zu seinem Vater, dass sie dort bleiben werden. Es ist das Beste für alle. Es ist an der Zeit, die kindische Hoffnung auf Versöhnung fallen zu lassen und endlich erwachsen zu werden.

Gabriel atmet tief ein, fährt mit den Fingern durch die Haare. Einatmen, ausatmen. Nicht wieder die Kontrolle verlieren. Keine weiteren Erinnerungen. Was geschehen ist, ist geschehen, und er muss sich auf die Gegenwart konzentrieren. Er wird nicht mehr davonlaufen.

Er sieht sich um. Um ihn herum liegen verwehte Aschehaufen, Schattenspuren von Monstern, die er in Rage getötet hat, ohne sie zur Kenntnis zu nehmen. Er spürt weitere Monster näher kommen, Rache suchend, seine Schwäche fühlend.

Er streckt seine Sinne weiter aus, sucht nach funkelnder Gnade. Er findet nichts. Er weiß nicht, wie weit er geflogen ist. Er ist schnell; er ist der Bote Gottes gewesen und als solcher per Berufsbedingung bevorteilt, trotz seiner geschädigten Flügel. Er weiß auch nicht, wie lange er geflogen ist. Zeit ist eine seltsame Angelegenheit im Fegefeuer.

Er hofft, dass Castiel einfach nur außerhalb seiner Reichweite ist.

Er hofft, dass er nicht einen weiteren Bruder durch seine kopflose Flucht zum Tode verurteilt hat.