Kapitel 7
Crawling in my skin
These wounds, they will not heal
Fear is how I fall
Confusing what is real
Linkin Park - Crawling
Schließlich verdankt Gabriel es der Stille, dass er Castiel findet. Von einem Moment zum nächsten sind die normalen Geräusche des Fegefeuers verschwunden, von drückender Lautlosigkeit verdrängt. Castiels Gnade ist kaum spürbar, im allgemeinen Rauschen des Fegefeuers wäre sie untergegangen. Hier wirkt sie wie ein Scheinwerfer.
Im ersten Moment ist Gabriel einfach nur erleichtert, dass er seinen Bruder gefunden hat.
Im zweiten Moment schlägt die Panik zu.
Nur zu gut erinnert er sich an die Begegnung des Tricksters mit dem Gänseblümchenmonster. Ein Nachtmahr. Es muss ein Nachtmahr gewesen sein, außergewöhnlich stark, mächtiger als alle, die ihm bisher begegnet waren. Die Stille ist ungewöhnlich, sie muss ein Verteidigungsmechanismus sein, der die Kräfte des Nachtmahrs verstärkt. Kein Wunder, dass der Trickster das Monster nicht erkannt hat. Er muss die Situation logisch betrachten, abstrahieren, eine Taktik finden. Nicht in Gefühlen verlieren.
Ohne einen bewussten Gedanken findet er die Schokolade in seiner Tasche und isst sie. Der Geschmack ist so vertraut. Sicher.
Er landet am Rand der Stille. Er ist angespannt, zieht unbewusst seine Engelsklinge. Er kann das nicht. Er kann sich nicht noch einmal einem Monster stellen, das die tiefsten Ängste seines Opfers ans Tageslicht zerrt und sie bis ins kleinste Detail seziert. Er kann nicht noch einmal Luzifer entgegen treten und wissen, dass sie keine Brüder mehr sind. Er weiß nicht einmal, wie der Nachtmahr aussieht, ob er schwarzer Rauch wie seine Artgenossen oder etwas Anderes ist. Es wäre Selbstmord, weiter zu gehen.
Seine Kehle ist wie zugeschnürt, seine Hand um den Griff der Engelsklinge schweißnass. Er kennt diese Empfindungen. Ihretwegen wird er nie wieder Schaumbäder und Kakao genießen können. Sein Körper ist angespannt, die Flügel sind unruhig und bereit zur Flucht. Ein neuer Gedanke kommt ihm. Anders als der Trickster kann er jederzeit fliehen – in der Tat tut die Stille seinen Flügeln gut, die Störungen durch die Leviathane glätten sich langsam.
Dennoch... Die Stille ist erdrückend, als eine neue Welle der Angst heranrollt. Ein tonnenschweres Gewicht scheint seinen Brustkorb zusammen zu drücken, egal, wie schnell er atmet, es fehlt an Luft. Seine Gedanken verschwimmen, als die Erinnerungen an seine erste Begegnung mit dem Monster übermächtig werden.
Ein lauter Schrei durchbricht die Stille. Pure Verzweiflung. Es ist nicht seine Stimme. Nicht er ist es, der diese fast tierischen Laute von sich gibt, die von allumfassendem Schmerz sprechen.
Castiel.
Mehr Schokolade taucht in seiner Tasche auf. Gabriel hat sie nicht bewusst beschworen – es ist fast, als wäre sie ein Zeichen des Tricksters, ein Angebot der Hilfe. Er isst sie. Er hat den Nachtmahr bereits einmal besiegt und er wird es wieder tun. Um Castiels willen.
Gabriel atmet noch einmal tief durch und folgt den furchtbaren Geräuschen. Er findet Castiel bei einer kleinen Baumgruppe auf einer Lichtung. Schwarze Blätter verrotten auf dem Boden, bilden eine weiche Schicht. Die Nebel des Fegefeuers wabern über die Felsen, die die kleine Lichtung begrenzen. Er lehnt an einem jungen Baum, einen Arm auf den Bauch gepresst, halb zusammengekrümmt. Schwarze Linien ziehen sich von seinem Hals über sein Gesicht und seinen Körper.
Gabriel bleibt stehen, runzelt die Stirn. Das ist nicht, was er erwartet hatte. Etwas scheint in Castiel zu leben, versucht sich durch seine Bauchdecke nach außen zu drücken. Sein weißes Shirt spannt sich und steht kurz vor dem Reißen. Der schmutzige Trenchcoat legt sich wie eine Manifestation seiner Flügel um Castiel.
„Nein, bitte nicht", hört er Castiel entsetzt wimmern. Der Engel krümmt sich weiter zusammen, presst nun beide Arme gegen die Auswölbungen. „Nicht noch einmal, bitte... bitte nicht."
Castiel sinkt auf die Knie. Die schwarzen Linien in seinem Gesicht breiten sich aus. „Dean... Sam..." Vor ihm tauchen die Winchesters auf. Gabriel dämmert es langsam, wie das Monster arbeitet. Erst mit tiefer Angst lähmen, dann mit Halluzinationen ablenken, anschließend fressen. Beim letzten Teil ist er sich nicht sicher, aber es ist das Fegefeuer, also gibt es berechtigten Anlass zu der Vermutung. Er versucht den Nachtmahr zu finden, breitet seine Sinne aus. Nicht auf Castiel konzentrieren, nicht ebenfalls in dem Entsetzen gefangen werden.
Ein heiseres Schluchzen reißt ihn aus seiner Konzentration. Er sieht zu Castiel. „Oh nein", murmelt er und ist mit einem Gedanken bei seinem Bruder. Dean und Sam liegen zerfleischt vor Castiel am Boden, Deans Hand ist flehentlich in Castiels Richtung ausgestreckt. Castiels Hände und Gesicht sind blutverschmiert.
Er hat das getan.
Castiels Blick ist der eines Wahnsinnigen... der eines seit Ewigkeiten gefangenen Leviathans, der plötzliche Freiheit genießt. Castiel öffnet den Mund, für den Bruchteil einer Sekunde sieht Gabriel die Fänge eines Leviathans.
Er sieht Castiels Gnade aufleuchten, bevor sie von der fremden Dunkelheit der Leviathane verschluckt wird.
Die Engelsklinge in Gabriels Hand zittert. Wie nur soll er das Monster dieses Mal besiegen, wenn es in Castiel ist? Er kann seinen Bruder nicht einfach in ein Gänseblümchen verwandeln und zertreten!
„Oh halloooo, wen haben wir denn da?", spricht das Monster ihn spöttisch an. Das breite Grinsen dreht Gabriel die Eingeweide um. Es ist einfach so falsch. „Wenn das mal nicht unser Lieblingstrickster Loki ist. Wie wär's, bereit für ein Spiel?"
Gabriel kann kaum atmen. Es ist das gleiche Monster. Der Trickster hat es damals nicht getötet. Seine Gnade tastet nach Castiel, sucht nach Spuren des Engels. Er findet nichts. Sein Bruder ist fort. Die Stille dröhnt in Gabriels Kopf. Er kann es nicht besiegen.
Das Monster kommt näher, die Bewegungen abgehackt und ruckartig, als müsse es sich erst noch an den Körper gewöhnen. „Das ist jetzt unser Körper. Wir geben dir ein wenig Vorsprung und dann jagen wir dich, hm, was sagst du dazu? Du hast so viele meiner Kinder getötet, es ist an der Zeit, den Spieß umzudrehen. Lauf, kleiner Trickster, lauf." Das Monster kichert und bleibt direkt vor Gabriel stehen. „Wir brauchen dich nicht mehr, jetzt wo wir einen richtigen Engel haben. Was denn? Hat es dir die Sprache verschlagen?"
Gabriel erstarrt.
Der Trickster folgte dem kaum sichtbaren Pfad durch das dichte Unterholz des Fegefeuers. Moosbewachsene Wurzeln kreuzten seinen Weg, brachten ihn immer wieder aus dem Rhythmus. Das Moos war rutschig, und mehr als einmal konnte er sich erst im letzten Moment abfangen. Seine Verfolger glitten in dunklen Schwaden über den Boden, unbehindert von Wurzeln und Erdlöchern. Nachtmahre, gefürchtete Monster der Dunkelheit, die die tiefsten Erinnerungen und Ängste ihrer Opfer ans Licht zerrten. Er hatte keine Angst vor den beiden Nachtmahren - er war sich nicht sicher, ob er überhaupt in der Lage war, Angst zu empfinden -, doch er kämpfte lieber im Freien.
Alles in allem machte es einfach keinen Spaß, Monster zu besiegen, wenn niemand es sehen konnte.
Er konnte sie hinter sich zischen hören und verlangsamte seine Schritte zu einem entspannten Lauf. Vor ihm hellte der allgegenwärtige Nebel des Fegefeuers auf, zeigte eine Öffnung im ewigen Wald an.
Wie vermutet stand er kurz darauf auf einer Lichtung, der karge Boden von vereinzelten standhaften Gräsern bedeckt. Grinsend blieb der Trickster stehen und wandte sich um.
Er war noch nicht einmal außer Atem.
Die schwarzen Nebelgestalten der Nachtmahre wallten auf die Lichtung. Sein Kopf war für sie versperrt, gab ihnen keine furchteinflößende Form vor. Der Trickster war mächtiger als sie und doch verfolgten sie ihn. Dumme kleine Monster.
"Hallo, ihr Hübschen", spottete der Trickster, schnippste mit den Fingern und erschuf sich einen Lutscher. Endlich hatte er sie da, wo er sie haben wollte. "Habt ihr euch verlaufen?"
Die Schattenformen glitten über die Lichtung. Der Trickster lächelte, wartete. Er hatte alle Zeit des Fegefeuers. Genüsslich verzehrte er den Lutscher, behielt dabei immer seine Gegner im Blick.
Schließlich verdichtete sich der schwarze Nebel der Nachtmahre zu zwei vage menschlichen Gestalten. Noch immer hatten sie keinen Angriffspunkt bei ihm gefunden. Der Trickster ließ die Tüte verschwinden und beschwor seine Lieblingswaffe herbei - der angespitzte Oberschenkelknochen eines Zentauren, verziert mit alten nordischen Runen. Der Trickster hatte viel Zeit und Geduld in diese Waffe investiert, bisher hatte sie ihm sehr gute Dienste erwiesen.
Die Nachtmahre beobachteten ihn. Worauf sie wohl warteten? Der Trickster war es gewohnt, dass die Monster des Fegefeuers ohne Zögern auf ihn losstürmten, wie von selbst in seine Klinge rannten. Ungeduldig hielt er den Knochen höher, bereit, sich zu verteidigen.
Für einen winzigen Moment sah er statt des Knochens eine silberne, dreieckig geschliffene Klinge in seiner Hand, gefolgt von stechenden Kopfschmerzen. Erschrocken keuchend ließ er die Klinge... den Knochen fallen.
Es war ein Knochen.
Er erinnerte sich genau, wie er ihn fand, sorgfältig reinigte, mit Runen des Angriffs und der Verteidigung belegte. Die Silberklinge gehörte dem Gänseblümchenmonster und den Nicht-Erinnerungen. Der Trickster blinzelte, klammerte sich an der Realität fest.
Er hatte keine Angst.
Die Nicht-Erinnerungen hatten keine Macht über ihn.
"Unser Meister hatte recht", hörte er die Nachtmahre flüstern. "Es ist ein Engel. Wir können endlich hier raus."
"Er ist... anders. Er ist mehr Monster als Engel. Er hat nicht mal mehr Flügel."
"Es wird genügen... Und wenn nicht wird der Meister ihn beseitigen."
Die Kopfschmerzen wurden stärker. Nicht an Engel denken, nicht den Worten lauschen. Nur handeln und leben. Die Finger des Tricksters schlossen sich um den Knochen, spürten die glatte, warme Oberfläche. Kein kaltes Metall, kein silbernes Blitzen. Mit einem Gedanken überzog er den Knochen mit einer Schicht Salz.
Einen Moment später war der Trickster bei den Nachtmahren, trieb den Knochen durch den manifestierten Körper des linken. Er hielt ihn fest, ließ seine Form ins Fegefeuer zurückkehren, bis nur noch ein Haufen Asche übrig war.
"Du kannst dem Meister nicht entkommen. Er weiß von dem Weg in den Himmel und wo er dich finden kann, du wirst..."
"Ach, halt doch die Klappe", knurrte der Trickster und erstach auch den zweiten Nachmahr. Engel, Himmel... Nicht seine Welt. Er war der Trickster, er gehörte ins Fegefeuer und dort würde er auch bleiben. Nur nicht über Silberklingen oder Gänseblümchen nachdenken.
Gabriel ist wie gelähmt, sein Blick gefangen von den Augen des Monsters. Es streicht sanft über seine Wange, erzeugt die Illusion einer falschen Intimität, die Gabriels Eingeweide verdreht. Die Finger wandern hinab zu seinem Hals und mit einem ruckartigen Griff packt es ihn an der Kehle, drückt ihm die Luft ab. Als Erzengel muss er nicht atmen, doch er kann nicht gegen den Überlebensinstinkt seiner Hülle ankämpfen. Nicht solange all seine Sinne von purer Angst geflutet sind und das Monster seinen Bruder besetzt. Er bekommt nicht genug Luft.
Das Monster greift nach seiner Engelsklinge und windet sie aus seiner Hand. Ziellos schlägt er mit der Faust nach dem besessenen Castiel, versucht die herankriechende Schwärze zurück zu drängen. Ein glühender Schmerz in seinem Arm lässt ihn aufkeuchen, aus den Augenwinkeln sieht er kurz goldene Gnade aufleuchten. Das Monster hat ihn mit seiner eigenen Klinge verletzt.
Ein weiterer Schnitt über seine Brust, bevor der Arm vollständig verheilt ist. Der Nachtmahr spielt mit ihm. Gabriel hebt die Hand, will seine Gnade brennen lassen. Sein Bruder würde es verstehen. Das Monster kichert erneut und blockiert seinen Arm mit der Engelsklinge, schneidet tief in das Fleisch seiner Hülle. Goldene Gnade leuchtet, lässt das falsche Gesicht des Monsters fast freundlich wirken. „Aber nicht doch, kleiner Trickster. Du kannst mich nicht töten." Gabriel schließt die Augen und gibt der Angst nach. Ihm ist schlecht.
„Aber ich kann es."
Erschrocken reißt Gabriel die Augen auf, sieht den Arm seines Bruders um das Monster geschlungen, mit dem anderen bohrt Castiel seine Engelsklinge tief in den Körper des Monsters. Monster-Castiel lässt ihn endlich los und Gabriel geht keuchend zu Boden, die Hand an die schmerzende Kehle gepresst.
„Wie geht es dir, Bruder?", fragt Castiel ihn mit angespannter Stimme, während er seine Engelsklinge durch das Monster zieht und sicherheitshalber seine Gnade brennen lässt. Schwarzer Rauch steigt auf. Gabriel versucht seine Gnade in den Rauch brennen zu lassen, erinnert sich an seine erste Begegnung mit dem Nachtmahr. Seine Gnade findet nichts. Die Angst in Gabriels Bauch formt sich zu einem harten Klumpen. Er will schreien. Der Nachtmahr ist ihm wieder entkommen. Und jetzt wird er Castiel verfolgen.
Die Stille hebt sich. Nie hätte Gabriel gedacht, dass er das allgemeine Rauschen des Fegefeuers einmal begrüßen würde. Dankbarkeit löst die Angst in ihm auf – er weiß, ohne Castiel wäre er jetzt tot, ermordet von der eigenen Klinge, weil er dem Bann des Monsters erlegen ist.
Er ist in Schweiß gebadet, sein Herz rast viel zu schnell. Unwillkürlich krümmt er sich zusammen, während er den Bann des Monsters abzuschütteln versucht. Er hat den Nachtmahr unterschätzt. Es hat ihm nur eine Illusion gezeigt, nichts davon ist real gewesen. Castiel geht es gut, es sind keine Leviathane in der Nähe. Alles ist gut.
„Gabriel?"
Er schreckt auf. Castiel kniet vor ihm, helle Spuren in seinem Gesicht, wo die Tränen den Schmutz des Fegefeuers verwischt haben. Gabriel atmet tief ein. Sein Bruder sieht so furchtbar aus wie er sich fühlt. Emotional ausgelaugt, erschöpft.
„Was war das?", fragt Castiel, klammert sich an Gabriel in der Suche nach Führung.
„Ein Nachtmahr. Ein ungewöhnlich starker, anders als die, die wir kennen. Er ist kein Formwandler, er schafft Illusionen, er spielt mit der Angst… Ich bin ihm schon einmal begegnet", erwidert Gabriel, zieht sich in die vertraute Rolle des Strategen und Kriegers zurück. „Es war alles nur eine Illusion."
Castiel nickt. „Der Alpha-Nachtmahr. Der Erste von ihnen… Alphas sind stärker, intelligenter… Gabriel, wir müssen ihm aus dem Weg gehen, er darf uns nicht noch einmal finden, die Leviathane…" Castiel bricht ab und starrt ihn aus großen Augen an. Seine Gnade presst gegen Gabriel, sucht Halt.
„Es tut mir leid, Castiel", murmelt Gabriel und hüllt seinen Bruder in seine Gnade ein. „Es tut mir so furchtbar leid. Die Leviathane... Was nur hast du getan?"
Castiel antwortet lange nicht. Schließlich wischt er sich die Spuren seiner Verzweiflung aus dem Gesicht und atmet tief durch. Seine Gnade ist ruhiger. „Es geht mir gut", sagt er, und Gabriel weiß genauso gut wie er, dass es eine glatte Lüge ist. „Er hat dich in meine Illusion gezogen, nachdem er mich daraus verloren hatte."
„Wie konntest du..."
„Aus der Illusion entkommen?"
Gabriel nickt. Seine Gnade streicht über Castiels, versichert ihm seinen Schutz. Er wird ihn nicht erneut allein lassen, egal, was geschieht.
Castiel hilft ihm auf. „Dean war nicht real. Also war nichts davon real." Castiel sieht sich um. „Hier ist es nicht sicher."
Gabriels Flügel synchronisieren sich mit Castiels und gemeinsam fliegen sie, bis sie den Fluss erreichen. Kein Bad, nie wieder, aber es ist dennoch angenehm, sich die Spuren ihres letzten Kampfes aus dem Gesicht zu waschen. Es gibt Momente, in denen die Säuberung mit Hilfe von Gnade einfach nicht befriedigend ist.
Castiel sieht ihn ernsthaft an. „Wir müssen reden."
Gabriel weiß, was folgen wird. Er ist sich noch immer nicht sicher, ob er es wirklich hören will. Doch der Nachtmahr ist jetzt hinter Castiel her, und das wird er nicht zulassen. Sein Unwohlsein beim Gedanken an das Erlebte wird ihn nicht davon abhalten, Castiel zu beschützen. Für eine Strategie brauchen sie Informationen.
Er nimmt Castiel an der Hand, gleitet mit zwei schnellen Flügelschlägen auf den Baum und positioniert sie beide in einer breiten Astgabel. Genug Schutz für den Moment. Nachtmahre können nicht klettern. In der Jackentasche findet er erneut Schokolade.
„Warum hast du nicht gekämpft? Was ist los mit dir, Gabriel?", fragt Castiel und sieht ihn forschend an. Seine Stimme klingt ruhig, doch Gabriel kann den inneren Aufruhr seines Bruders in seiner Gnade spüren. Sie ist bemüht ruhig und reserviert, berührt Gabriels Gnade nur leicht.
Er atmet tief ein, versucht seine Gedanken zu ordnen. Der Trickster in ihm ist unruhig, er traut dem Frieden nicht. Castiel verdient die Wahrheit. Wenn sie beide das hier überleben wollen, muss er seine größte Schwäche preisgeben.
„Es sind die Erinnerungen. Ich habe sie so lange unterdrückt, dass ich einige von ihnen vergessen habe. Dann sind da noch die Erinnerungen des Tricksters, und es passt alles nicht zusammen. Und jetzt… Ich habe sie nicht mehr unter Kontrolle. Ich weiß nicht, was ich tun soll." Sein Blick ist auf ein Blatt am Ast über ihnen fixiert. Er kann Castiel nicht in die Augen sehen. Kann nicht die Ablehnung seiner Gnade spüren, die ohne Zweifel auf ihn wartet. „Es ist der Trickster. Ich war so lange er, ich weiß nicht mehr, wo ich aufhöre und Loki beginnt."
Angewidert sieht er die Schokolade in seiner Hand an und schleudert sie fort. Mit einem dumpfen Geräusch landet sie auf dem Waldboden, und das rote Papier der Hülle scheint ihn zu verhöhnen.
„Ich bin ein Monster, Castiel."
Gabriel zieht seine Gnade in sich selbst zurück, unterbricht den Kontakt zu Castiel, bevor er es tun kann. Es ist keine Ablehnung, wenn er zuerst geht, redet er sich ein. Die Nachtmahre haben recht gehabt, als der Trickster ihnen entgegengetreten ist. Sie haben es bereits damals erkannt. Der Alpha hat ihm bewiesen, dass er kein Engel ist.
Castiel erwidert nichts auf sein Geständnis. Es gibt nichts zu sagen. Es ist besser, wenn sich ihre Wege hier trennen, bevor Castiel wegen seiner Schwäche verletzt wird. Er hat jahrelang allein im Fegefeuer überlebt, er wird es weiterhin schaffen. Er breitet seine Flügel aus.
Castiels Gnade schlägt gegen seine Schwingen, unterbricht gnadenlos die Resonanz. Gabriel zuckt zusammen, klammert sich am Ast fest, um nicht aufgrund des abrupten Schwunges den Halt zu verlieren. Überrascht starrt er Castiel an.
„Wag es nicht, jetzt wegzulaufen, Gabriel. Du bist kein Monster. Ich kann deine Gnade spüren und ich sehe deine Flügel. Du hast dich verändert, doch wenn ich eines von den Menschen gelernt habe, dann, dass Veränderung gut ist. Ich gebe dich nicht auf", sagt Castiel mit ernster Stimme, die keinen Widerspruch zulässt. "Und du solltest es auch nicht tun."
Seine Gnade liegt schwer auf seinen Flügeln, wallt aufgebracht um die vier Schwingungen. Castiels Flügel sind hoch erhoben, in starker Resonanz. Ein Zeichen der Dominanz und des Anführers. Gabriel ist angemessen beeindruckt.
Schließlich seufzt er und entspannt seine Flügel. Sofort fällt Castiel in sich zusammen, weiterhin angespannt und unruhig. Gabriel glaubt Castiel nicht; er kann die Leviathane in seinen Schwingen spüren und den Trickster in seinem Kopf rumoren. Doch er kann seinen Bruder nicht enttäuschen. Nicht jetzt.
"Was ist mit dir?", fragt er schließlich. "Was hat der Nachtmahr dir gezeigt?"
Castiel sieht ihn prüfend an, seine Ablenkung klar missbilligend. Am Ende seufzt er nur lautlos.
"Ich konnte sie wieder in meinem Kopf hören, jeden Einzelnen von ihnen. Sie verhöhnten mich, sagten mir, dass das letzte Jahr nur eine Illusion in meinem Kopf war. Sie flüsterten von unendlicher Macht, und dass wir zu Großem bestimmt sind", sagt Castiel schließlich.
„Die Leviathane?", fragt Gabriel nach, obwohl er die Antwort schon kennt. Wen sollte Castiel sonst meinen?
„Die Leviathane", bestätigt Castiel und wirbelt seine Engelsklinge zwischen den Fingern umher. Gabriels Blick fokussiert sich auf das blitzende Silber, als er das vertraute und beruhigende Gefühl seiner eigenen Klinge griffbereit an seinem Arm spürt. „Ich habe zweiundsechzig unserer Geschwister getötet, weil ich ihrem Einfluss nicht widerstehen konnte. Ich habe jeden einzelnen von ihnen wieder vor mir gesehen. Ich habe die Form ihrer verbrannten Flügel im Boden gesehen. Von jedem verdammten einzelnen von ihnen."
Castiel rammt die Engelsklinge in die glatte Rinde des Baumes. Seine Flügel zucken aufgebracht, bewegen sich so schnell zwischen den einzelnen Frequenzen, dass sie regelrecht verschwimmen. Seine Finger spannen sich so fest um den Griff seiner Klinge, dass die Knöchel weiß hervortreten. Gabriel ist sich sicher, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, um nach den Namen seiner gefallenen Brüder und Schwestern zu fragen. Später.
Castiel atmet tief ein, entspannt bewusst seine Hand. Er verschränkt die Arme vor der Brust. Die Engelsklinge bleibt im Holz stecken.
„Als Dean vor mir lag, wusste ich, es ist nicht real. In dem Moment, als ich aus der Illusion ausbrach, übernahm der Nachtmahr meine Rolle und zog dich in seine Illusion. Ich habe dich schon besser kämpfen sehen, Bruder", fährt Castiel fort und sieht Gabriel mit unschuldiger Miene an. Gabriel unterdrückt mit Mühe ein unwilliges Schnauben. Die Spitze hat er verdient.
„Wieso eigentlich Dean?", fragt er stattdessen und hofft, dass Castiel die Ablenkung annimmt.
„Dean und ich teilen ein besonderes Band und ich kann ihn jederzeit spüren", teilt Castiel ihm ohne eine Gemütsregung mit. „Ich dachte, dass ich ihn nach seiner Rückkehr zur Erde nicht mehr spüren würde, aber ich irrte mich. Als der Nachtmahr ihn mir tot präsentierte… Nichts hatte sich geändert. Es war noch immer da, also lebt Dean. Ich wüsste es, wenn er… du weißt schon."
Tot wäre, ergänzt Gabriel in Gedanken.
„Es muss kein formales Gebet sein, ich kann auch ein… Bedürfnis empfangen. Und die Illusion hatte nichts davon. Den Rest weißt du." Mit einem Ruck zieht Castiel die Engelsklinge aus dem Holz und lässt sie verschwinden. Ein deutliches Zeichen, dass das Thema damit für ihn beendet ist. Gabriel bohrt nicht nach, die blutigen Details von Castiels Besessenheit durch die Leviathane kann er sich ausmalen.
Das Bedürfnis allerdings… Gabriel hat noch nie davon gehört, dass ein Engel etwas anderes als Gedanken und Gebete von den Menschen wahrnehmen kann, aber andererseits ist Castiel genauso wenig ein typischer Engel wie er selbst. Er notiert sich mental, Castiel später zu fragen, ob er Dean in einer bestimmten Richtung spüren kann. Vielleicht können sie so die Barriere zum Himmel finden und endlich entkommen – ohne die Leviathane.
Castiel presst die Lippen zusammen, starrt auf den Ast. Seine Flügel schwingen voll unterdrückter Aggression. Da ist offensichtlich noch viel mehr, was er los werden muss. „Sprich weiter, Castiel", fordert er ihn ruhig auf und wartet. Sie sind beide nicht kampftauglich, zu aufgebracht, zu viele unterdrückte Emotionen.
„Ich habe Balthazar getötet", beginnt Castiel und fixiert den Boden. „Ich habe meinen besten Freund hinterrücks erstochen wie ein beliebiges Monster."
Gabriel schweigt, legt seinem Bruder eine tröstende Hand auf die Schulter. Diesen Schmerz kann er nachvollziehen. Auch er hat seinen besten Freund verloren. Zuerst an Arroganz und Selbstherrlichkeit, dann an den Käfig.
„Ich habe mit einem Kreuzungsdämon paktiert und alles, was ich erreichte, war die Befreiung der Leviathane und nahezu das Ende der Welt", fährt Castiel fort.
„Mal wieder."
Castiel seufzt. „Mal wieder. Ich habe Sam dem Wahnsinn überlassen, damit er mich in meinem Größenwahn nicht aufhält. Die Seelen... Sie füllten mich mit unendlicher Macht, ich sah auf die Menschen und dachte nur daran, wie bedeutungslos sie waren. Als die Leviathane zu mir sprachen... Es war schrecklich, Gabriel."
Sie reden lange, immer wieder muss Gabriel nachfragen, fordert Erklärungen über die Geschehnisse der letzten drei Jahre. Castiel antwortet mit brutaler Ehrlichkeit, lässt kein Detail aus. Der Apokalypse folgt der Krieg gegen Raphael, Castiels Versuch, Vaters Platz einzunehmen, der Wahnsinn, die Leviathane und schließlich das Fegefeuer. Gabriel wird klar, warum Castiel ihm den Trickster so einfach verzeihen kann. Sie sind beide so weit vom Ideal eines Engels entfernt, dass er sich nicht sicher ist, ob sie im Himmel überhaupt willkommen wären. Sie beide sind den Menschen zu nahe gekommen und zahlen nun den Preis dafür.
Es ist fast zuviel für die schmalen Schultern eines einzigen Engels. Himmel, es wäre zuviel für die Schultern eines Erzengels. Gabriel kennt den hoffnungslosen Klang in Castiels Stimme und es bricht ihm das Herz. So viele Fehler, und doch hat er immer nur das Richtige tun wollen.
„Ich kann nicht in den Himmel zurückkehren, Gabriel", endet Castiel mit leiser Stimme. Er hat die Augen geschlossen, scheint Gabriels Anblick nicht ertragen zu können. „Ich kann nicht in die Augen meiner Geschwister blicken und sehen, wie viele von ihnen fehlen, wie viele ich ermordet habe in meiner Selbstgerechtigkeit. Ich habe das Fegefeuer verdient."
„Whoa, stop, Castiel, nein. Niemand verdient das Fegefeuer, abgesehen von den Leviathanen", unterbricht Gabriel ihn aufgebracht. „Du hast für deine Fehler bezahlt, du hast mehr als genug gelitten. Vater hat dich so oft zurückgebracht, er hat dir jedes Mal vergeben."
„Nicht dieses Mal", widerspricht Castiel mindestens ebenso ungehalten. „Die Leviathane… Niemand wird mir das jemals verzeihen. Am allerwenigsten ich."
Gabriel sieht seinen Bruder ernst an, kein Hauch von Humor mehr spürbar. Das hier ist wichtig.
„Ich verzeihe dir", hört er sich selbst sagen und überrascht stellt er fest, dass es die Wahrheit ist. Er hofft, dass es genügt. Eines Tages kann er sich vielleicht auch selbst verzeihen.
Der Kampf geht weiter. In der Ferne kann er die Stille spüren und sie kommt näher.
