Kapitel 8

Lauf! Schau dich nicht um,

frag nicht wieso und nicht warum.

Flieh! Und bleib nicht stehen.

ASP - Panik

„Wie soll es jetzt weitergehen?", fragt Castiel schließlich. „Wir können dem Nachtmahr und den Leviathanen nicht ewig entkommen."

„Stimmt. Und deshalb werden wir jetzt den Ausgang suchen", erwidert Gabriel mit mehr Zuversicht, als er tatsächlich empfindet, und erhebt sich. Seine Flügel breiten sich zur maximalen Spannweite aus, als er sie in Resonanz bringt. Castiels zweifelnder Blick entgeht ihm nicht.

„Wie?"

„Nun, wir könnten uns so lange durchs Fegefeuer fragen, bis wir jemanden finden, der uns als Anhalter mit auf die andere Seite nimmt, oder... Dieses Bedürfnis, das du von deinem Lieblingsmenschen empfängst… Ist es gerichtet wie Gebete? Kannst du deine persönliche Antenne dorthin ausrichten?"

Auf Castiels Stirn graben sich tiefe Falten der Verwirrung. „Ja. Es kommt immer aus der gleichen Richtung. Allerdings befindet sich das Menschenportal nicht dort."

„Natürlich nicht. Es nutzt uns eh nichts. Aber es gibt Stellen, wo sich das Fegefeuer, die Erde und der Himmel berühren, wir müssen sie nur finden. Und da kommst du", Gabriel piekst Castiel mit dem Zeigefinger in den Oberkörper. „ins Spiel. Das Fegefeuer ist abgeschottet, abgesehen vom Menschenportal und den Barrieren gibt es keine Verbindung nach außen. Ergo muss dein besonderes ‚Bedürfnis'-", er wackelt anzüglich mit den Augenbrauen, „von der Erde über den Himmel durch die Barrieren hierher geleitet werden. Etwas umständlich, aber von euch beiden Turteltauben erwarte ich nichts anderes mehr."

Castiels Blick verspricht Brudermord, doch seine Gnade zeigt sich ruhiger und zuversichtlicher. Ziel erreicht. Außerdem ist es interessant, dass Castiel nicht widerspricht… Sobald sie in Sicherheit sind, wird er seinen Bruder ausfragen und zur Not etwas Verstand in Dean prügeln. Ein Erzengel braucht Ziele.

Castiel nickt. „Natürlich." Er sieht sich um, die Stirn in Konzentration gerunzelt. Schließlich nickt er erneut und legt sich auf eine Richtung fest. Natürlich ist es genau die, in der Gabriel die meisten Monster wahrnehmen kann.

Sie kämpfen. Sie überleben. Sie kämpfen erneut. Zuviel Zeit vergeht. Das Fegefeuer interagiert mit ihren Flügeln, schwächt sie in ihrem Innersten. Der Trickster wird stärker. Gabriel kämpft mit allem was er hat um die Kontrolle, doch allzu oft findet er sich umgeben von toten Monstern und weiß nicht, was geschehen ist. Castiel schweigt dazu, doch Gabriel kann seinen wachsamen Blick im Rücken spüren. Der Nachtmahr folgt ihnen permanent, seine Stille wie ein Leuchtfeuer für Gabriels überreizte Sinne am Rande seiner Wahrnehmung.

Gabriel bezweifelt, dass sie dem Monster noch lange entkommen können. Castiel ist am Ende seiner Kräfte, der Blick seiner Augen leer und erschöpft. Der Bart ist zu einem dichten Gestrüpp ausgewachsen.

Er fährt sich mit der Hand übers Gesicht, spürt die Stoppeln in seinem Gesicht. Nicht mehr lange und er ist von Castiel nicht mehr zu unterscheiden. Es ist zu gefährlich, sich mit Engelskräften zu rasieren – nicht solange jedes starke Aufflackern ihrer Gnade wie ein Signalfeuer auf die Monster wirkt. Engelsklingen sind aus dem gleichen Grund unpraktisch – das einzige, was die Monster schneller anlockt als zwei Engel, sind zwei verletzte Engel. Und um sich mit konventionellen Waffen zu rasieren, hätten die Monster sie einfach mal zwei Minuten in Ruhe lassen müssen.

Gabriel weiß, dass der Bart sein geringstes Problem ist. Er weiß, dass es keine Rolle spielt, dass sie beide aussehen wie Schiffsbrüchige auf einer Insel, kurz davor dem Volleyball ein Gesicht aufzumalen, um der Einsamkeit zu entkommen. Er weiß, dass der Bart in exakt dem Moment verschwinden wird, in dem sie dem Fegefeuer entkommen.

Das Wissen ändert nichts an der Tatsache, dass der Trickster immer verlockender wird, ihm einen Frieden verspricht, den er als Gabriel niemals erreichen kann. Nur als Monster unter Monstern im Fegefeuer.

Dieses Mal sind es Vampire, ein ganzes Pack. Sofort ist Castiel bei ihm, Rücken an Rücken behalten sie die kreisenden Vampire im Auge. Die Engelsklinge zittert unmerklich, bevor Castiel tief einatmend den Griff verstärkt. Das ist nicht gut. Die permanente ferne Bedrohung durch den Nachtmahr zehrt an ihren Kräften. Etwas ist anders an den Vampiren, sie riechen anders als gewohnt. Weniger Blut, mehr... Energie?

Gabriel weiß nicht, wie er es genau benennen soll, aber es irritiert ihn. Etwas zieht an seiner Gnade, zerrt an ihm, lässt Leere nach ihm greifen. Misstrauisch runzelt er die Stirn, packt die Engelsklinge fester. Die Fangzähne weisen ihre Angreifer eindeutig als Vampire aus, und doch... Es ist nicht Blut, was sie wollen. Es sind nicht die Vampire, die er aus den westlichen Mythen kennt.

Bevor Gabriel etwas dazu sagen kann, greifen die Vampire an – sie scheinen die Schwäche der Engel spüren zu können. Gabriel weiß nicht, wieviel Zeit inzwischen auf der Erde vergangen ist, aber es ist zuviel. Castiel ist bereits zu lange der schwächenden Wirkung des Fegefeuers ausgesetzt, und seitdem er selbst sich dem Trickster verweigert, kann er die Kraft quasi aus sich herausströmen sehen.

Es sind zu viele. Mehr als ein Dutzend Vampire sind einfach zu viel. Es sind definitiv keine gewöhnlichen Vampire; statt mit ausgefahrenen Fangzähnen und zu Klauen geformten Fingern auf sie loszugehen, zeigen sie nur auf ihre Opfer. Gabriel spürt den Blick mehrerer Vampire auf sich, wie sich ihre verdorbenen Geister in seine Gnade bohren, ihn aussaugen. Seine Gnade windet sich, versucht dem Sog zu entgehen. Es ist nicht direkt schmerzhaft für ihn, eher wie ein Jucken in seinem Kopf an einer Stelle, die er nicht kratzen kann. Seine Schwingen interferieren mit der Energie der Vampire, und das ist eindeutig auf der schmerzhaften Seite von unangenehm.

Gabriel keucht, fasst sich aus Reflex an die Stirn. Nur mühsam widersteht er der Versuchung, zu kratzen, diese ungewollte Verbindung auszuradieren. Er beginnt zu ahnen, wie diese speziellen Monster ihre Opfer erst in den Wahnsinn treiben und dann töten. Selbst nach all dieser Zeit, nach mehreren Jahren im Fegefeuer, die sich anfühlen wie mehrere Ewigkeiten, gibt es neue Monster. Die Menschen sind zu kreativ mit ihren Mythen. Alles, was sie erdenken, landet früher oder später im Fegefeuer. Ein weiterer schlechter Scherz seines Vaters.

Ein unterdrückter Schrei lenkt ihn ab, gefolgt von einem dumpfen Keuchen. Castiel.

Aus den Augenwinkeln sieht Gabriel seinen Bruder in die Knie sinken, die Hand mit der Engelsklinge an seinen Kopf gepresst, die andere in seinen Bauch gekrallt. Seine Flügel sind verdreht, schlagen unkontrolliert um sich. Wehrlos, hilflos. Der Vampir hinter Castiel hebt sein Messer, will ihn von hinten erstechen.

Mit einem Gedanken ist Gabriel bei ihm, und instinktiv breitet seine Gnade sich aus. Doch anstatt zu verbrennen schaut ihn der Vampir nur irritiert an. Gabriel fühlt sich mindestens genauso irritiert und legt seine Handfläche auf das Gesicht des Vampires. Dieses Mal kanalisiert er seine Kraft bewusst auf das Monster. Dessen Verwirrung weicht einem triumphierenden Grinsen, als es schneller als Gabriel zu der Erkenntnis kommt, dass es so bald nicht zerschmettert werden wird, und mit einem erschrockenen Japsen kann Gabriel gerade noch aus der Reichweite des Messers stolpern.

Der Trickster in ihm lächelt.

Schließlich ist es Castiel, der mit einem verärgert-müden Schnauben seine Engelsklinge schwingt und den Vampir enthauptet.

Als ob diese Bewegung ihn seiner letzten Kraft beraubt hätte, sackt Castiel zu Boden, beide Hände gegen den Bauch gepresst. Die Engelsklinge liegt vergessen neben ihm.

Der Sog durch die Vampire wird stärker, frisst sich durch seine Gnade. Er zieht sich weiter in seinen Verstand zurück, will sie nicht in seinen Kopf lassen. Er errichtet Mauer um Mauer, nur um sie fallen zu sehen. Ob Vater wirklich zulassen wird, dass sie so sterben? Alleine im Fegefeuer, umgeben von Monstern?

Es wäre eine gerechte Strafe für ihn, ja, aber doch nicht für Castiel. Nicht für den einzigen Engel, der immer nur alles richtig machen wollte.

Nein.

Das wird er nicht zulassen.

Die Vampire mögen seiner geschwächten Gnade widerstehen können, doch Engelsmacht ist nicht das Einzige, was ihm als Waffe zur Verfügung steht. In der Hoffnung, keinen gewaltigen Fehler zu begehen, öffnet er sich und lässt den Trickster herein.

Der Trickster langweilte sich. Er lag in der Astgabel eines riesigen, alleinstehenden Baumes, aß gezuckerte Pistazien und langweilte sich. Er hatte sich das Fegefeuer spannender vorgestellt. Mit der Spitze seines angespitzten Knochens pulte er eine weitere Nuss aus ihrer Schale. Und noch eine. Inzwischen war er fast soweit, dass er eine Nicht-Erinnerung freudig begrüßt hätte, nur um endlich nicht mehr mit sich und seinen Gedanken allein zu sein.

Schließlich reichte es ihm. Der Boden unter ihm musste inzwischen bedeckt sein von Nussschalen. Für Gesellschaft musste er sich wohl in andere Gebiete des Fegefeuers begeben. Mit einem genervten Seufzen richtete der Trickster sich auf, klemmte den Knochen zwischen die Zähne, um die Hände frei zu haben, und begann den Abstieg.

Er hatte es bis ins untere Drittel geschafft, als ein leises Zischen vom Boden seine Aufmerksamkeit erregte. Das klang ganz nach Nagas. Er mochte diese Schlangenmonster, zeigten sie sich doch immer angemessen beeindruckt von seinen Fähigkeiten und starben nicht allzu schnell. Neugierig sah er nach unten.

Dichte Schwaden blauen Dampfes stiegen vom Boden auf; soweit er sehen konnte, war die gesamte Umgebung unter dem Nebel verschwunden. Und er stieg immer höher. Der Trickster klammerte sich in die tiefen Furchen der rauen Borke und runzelte die Stirn. Schon bald erreichte der Nebel seinen linken Fuß, waberte über den Schuh, berührte unter dem Hosenbein schließlich seinen Körper. Ein kalter Schauer lief über seine Haut, dicht gefolgt von einem beißenden Schmerz in der Wade.

Der Trickster keuchte erschrocken mit zusammengebissenen Zähnen auf und zog das Bein hoch, klammerte sich in der neuen ungünstigen Haltung dicht an den Baum. Der Schmerz im Bein ließ nach und hinterließ Taubheit. Er wagte es nicht, nachzusehen, doch er war sich sicher, dort geschwollenes, fieberheißes Fleisch vorzufinden.

Ohne seines linkes Bein mehr als notwendig zu belasten, kletterte er höher, nur weg von dem Nebel. Wenn sich sein Verdacht bestätigte, dann war sein Leben schlagartig spannender und kürzer geworden.

Mit mehreren Metern Abstand zum Nebel bohrte er den Knochen vorsichtig in die Borke, hebelte das tote Holz auf. Darunter kam eine zweite, glatte, vor Saft glänzende Rinde zum Vorschein. Der Trickster erstarrte. Dann fluchte er laut und enthusiastisch.

Umdhlebe.

Er hatte Legenden im Süden der Geburtsstätte der Menschheit über diese mörderische Pflanze gehört, sie jedoch für eine Erfindung der Menschen gehalten. Auch nach Jahrtausenden in den weiten Ländern dieses Kontinents hatte er keine Spur dieser Pflanze entdecken können. Wie auch, wenn sie im Fegefeuer war. Und wenn er sich die Größe des von betäubendem Nebel bedeckten Bereiches ansah, dann war es auch kein Wunder, dass er im Fegefeuer nichts über sie gehört hatte. Es gab schlicht keine Überlebenden.

Umdhlebe war der Schrecken der frühen Menschen, ein unauffälliges Monster, das durch die Dunkelheit schlich und vergiftete, was es erreichen konnte. Das aus den Wurzeln aufsteigende Gas betäubte alles Lebende, ließ die Opfer wehrlos darauf warten, dass die Wurzeln es umschlossen und im Laufe der Zeit auflösten. Es war ein überaus unangenehmer Tod, und gegen seinen Willen war der Trickster beeindruckt, dass die Menschen es mit ihren primitiven Fähigkeiten geschafft hatten, Umdhlebe ins Fegefeuer zu verbannen.

Er kletterte höher, blieb dem Gas immer mindestens eine Körperlänge voraus, doch das Ende seiner Flucht war bereits abzusehen. Seine Gedanken rasten, suchten nach einem Ausweg. Er konnte den Baum nicht erstechen; allein die Vorstellung, einem mehrere Hundert Meter hohen Wesen mit einem armlangen Knochen entgegen zu treten, klang lächerlich. Außerdem neigte Umdhlebe zum Ausstoß ätzender Säure, wenn die zweite Rindenschicht verletzt wurde, sollten die Legenden der Menschen der Wahrheit entsprechen.

Da er in näherer Zukunft als ihm lieb war Gefahr lief, von einer Legende vergiftet zu werden, wollte er diesen Teil des Mythos lieber nicht überprüfen.

Viel zu schnell erreichte er den Wipfel von Umdhlebe. Die Äste waren noch immer stark genug, ihn über das Blätterdach hinauszutragen, doch hier war Endstation. Er hatte einen wunderbaren Ausblick über den endlosen Wald des Fegefeuers, sah die Nebelbänke in der Ferne, den grauen Himmel über sich. Das in einem perfekten Kreis aufsteigende Blau zerstörte die Idylle nachhaltig.

Er konnte nicht entkommen.

Der tödliche Kreis hatte einen Durchmesser von nahezu hundert Metern, auf gar keinen Fall konnte er diese Strecke überleben. Kein Wunder, dass Umdhlebe so groß war. Es musste unzählige Monster auf der Lichtung verdaut haben. Solange es die Monster nicht tötete, zerfielen sie auch nicht zu Asche und stellten somit perfekte Nahrungsquellen dar.

Dem Trickster wurde schlecht bei dem Gedanken, dass er bald neben Vampiren, Gestaltwandlern und Werwölfen vor sich hin rotten würde.

In seinem Kopf drehte sich alles. Lachend hieß er die Nicht-Erinnerung willkommen. Wenigstens musste er nicht hilflos auf das Gas warten.

Stechender Schwindel, kühler Wind in seinen Flügeln, ein Traum vom Fliegen. Alles wurde schwarz und der Trickster fiel.

Als er wieder zu sich kam, kauerte er in einem Erdloch, vor seinen Augen das Nachbild eines gleißenden goldenen Lichtes. Seine Hand fuhr über den Rücken, suchte Flügel, wo natürlich keine waren. Er war der Trickster, und irgendwie hatte er Umdhlebe überlistet.

Nur nicht näher über Nicht-Erinnerungen nachdenken, die ihm das Leben retteten.

Gabriel kehrt zurück. Um ihn herum zerfallen die enthaupteten Überreste der Energievampire zum Staub des Fegefeuers. Der Trickster hat ganze Arbeit geleistet. Gabriel ist sich nicht sicher, ob die Zufriedenheit von ihm oder vom Trickster ausgeht – unerwarteterweise ist es ihm egal. Es ist nicht der Trickster, der ihn tot sehen will – im Gegensatz zu den Schrecken des Fegefeuers. Wenn er dadurch Castiel am Leben halten kann, heißt er den Trickster gern willkommen.

Er packt Castiel an der Schulter und hebt ab, seine Flügel geschädigt und schwach. Es ist pure Verzweiflung, die ihn weitertreibt. Castiel lässt sich willenlos mitschleifen, seine Gnade klammert sich an Gabriels, sucht Nähe und Wärme. Gabriel darf sich von seiner Angst um seinen Bruder nicht ablenken lassen. Castiel ist zu sehr von ihm abhängig.

„Ich habe ihn fast verloren", murmelt Castiel leise. „Dean", antwortet Castiel auf seine Nachfrage und erklärt damit gleichzeitig, wie sich ein Soldat des Himmels so einfach von einem Monster überrumpeln lassen hat. Am Ende dreht sich doch immer alles nur um einen Menschen. Seine Schultern brennen, als seine Flügel die Resonanz verlieren.

Schließlich landet Gabriel unelegant am Fuß eines besonders beeindruckenden Baumes am Rande eines weiten Graslandes. Castiel geht mit einem unterdrückten Stöhnen zu Boden, Gabriel stützt sich an den Baum, sucht die Standfestigkeit des harten Holzes. Seine Flügel sind das reinste Chaos, kaum noch als Schwingungen zu erkennen. Er wird in nächster Zeit nirgendwohin fliegen.

„Was bei jenem, den wir beide Vater nennen, war das bitteschön? Was ist los mit dir, Castiel?", fährt er seinen Bruder aufgebracht an. Die Schwäche seiner Flügel breitet sich aus. Sie beide brauchen unbedingt eine Rast, nur eine kurze Zeit der Ruhe, um die Flügel zu ordnen und durchzuatmen. Zeit, die ihnen nicht vergönnt sein wird. „Du wärst fast gestorben. Wie willst du zu Dean zurück, wenn du hier draufgehst?"

„Es geht mir gut", erwidert Castiel, ohne ihn anzusehen. Seine Hände sind gegen seinen Unterbauch gepresst, sein Gesicht blass und schweißglänzend.

Gabriel lacht humorlos. Der Baum ist Stabilität, ist Sicherheit. „Du hast zuviel Zeit mit den Winchesters verbracht, kleiner Bruder. Du lügst schon genauso wie sie."

„Es geht mir gut", wiederholt Castiel und starrt ihn zornig an. „Es ist nichts." Seine Stimme zittert. Der verkrampfte Kiefer und die tiefen Falten um die Augen offenbaren seine Schmerzen. Sein Bruder ist mindestens ebenso stur wie er tapfer ist.

Gabriel seufzt entnervt auf. Die Vampire haben ihn als Engel geschwächt, machen es schwerer, nicht einfach im Trickster zu versinken und die Verantwortung für Castiel von sich zu schieben. Die Versuchung nach Schokolade ist schier überwältigend.

Gabriel gibt ihr nicht nach. Der Trickster kann ihm jetzt nicht erneut helfen.

Stattdessen kniet er neben Castiel nieder, schiebt dessen Hände beiseite. „Du blutest", stellt er das Offensichtliche fest. Es ist verstörend, das rote Blut von Castiels Hülle zu sehen. Offensichtlich ist nur die Hülle betroffen, Gabriel kann keine Verletzung in Castiels Gnade erkennen – kein blaues Leuchten, das aus der Hülle tropft.

„Natürlich. Es ist eine Stichwunde", erwidert Castiel beißend und drückt erneut die Hand auf seine Verletzung. Er stöhnt unterdrückt auf, will seine Schmerzen verbergen. Gabriel lässt sich nicht täuschen.

„Aber es sollte nicht mehr bluten. Es sollte längst verheilt sein", betont Gabriel das Offensichtliche. Castiel schnaubt unamüsiert. Er hat den Eindruck, dass sein Bruder kurz davor steht, Gabriel mit einem „Stell keine dämlichen Fragen" in seine Grenzen zu weisen. Die Vampire müssen Castiel stärker geschwächt haben als befürchtet. Oder Dean Winchester hat stärker abgefärbt als vermutet. Gegen seinen Willen muss er lachen. „Schon gut, Hinweis verstanden. Halt still."

Gabriel tastet nach seiner Gnade, fühlt sich kaum noch als Engel. Die Gnade ist auf seine Flügel fokussiert, während sein Körper versucht, den Schaden durch das Fegefeuer und die Vampire im Schach zu halten. Seine vier Schwingungen überlagern im instinktiven Versuch, sich zu stärken.

„Was ist mit deiner Gnade, Gabriel?", fragt Castiel schließlich durch zusammengebissene Zähne. Seine Flügel sehen besser aus als Gabriels. „Das warst nicht du vorhin."

Gabriel seufzt. Natürlich entgeht nichts der Aufmerksamkeit seines Bruders. Er ist nicht ohne Grund der Anführer seiner Garnison gewesen.

Gabriel legt seine Hand auf Castiels, sendet seine Gnade in die Wunde. Er bekommt kaum eine Reaktion von Castiels Gnade, statt der gewohnten Wärme nur Kälte. Castiel sieht ihn mit schmerzverzerrter Miene an, atmet schwer, während Gabriel ihm von der Hilfe des Tricksters während des Kampfes berichtet. Er kann die kriechende Trägheit in Castiel spüren, die Schwäche seiner Hülle aufgrund des Blutverlustes. Es dürfte Castiel nicht so sehr beeinflussen. Allein wird er Castiel niemals rechtzeitig zur Barriere schaffen können.

Vorsichtig lenkt er seine Gnade zu Castiel, nutzt die Kraft, um zerrissene Blutgefäße und zerfetztes Fleisch zusammenzufügen. Krampfhaft geschlossene Augen; Castiel, der nicht der Schwäche seiner Hülle nachgeben will und doch soviel menschlicher ist, als Gabriel es je sein könnte. Ein unterdrücktes Wimmern, eine Hand, die sich in die seine krallt, nach Halt sucht. Gabriel ist froh, seinem Bruder wenigstens das geben zu können. Er summt beruhigend eine Melodie, so alt wie das Universum, während er die furchtbare Verletzung heilt.

Die Stille kommt näher.