Kapitel 9

Now there's no chance for god to save us
We made our choices

Darkhaus – Hour of Need

Mehr als einmal ist Gabriel überzeugt, dass sie die Barrieren nicht erreichen werden, bevor entweder der Nachtmahr die Geduld oder sie beide den Kampf gegen das Fegefeuer verlieren. Die weite Ebene des Graslandes spannt sich endlos vor ihnen auf. Tiefhängende graue Wolken versprechen Regen, der niemals kommen wird.

„Komm schon, Castiel", murmelt er seinem Bruder aufmunternd zu. Auf keinen Fall darf er zeigen, wie sehr das Fegefeuer an ihm zerrt. „Wir schaffen das, es ist nicht mehr weit."

Und doch vielleicht zu weit. Die Leviathane sind nah. Die Stille ist noch näher. Gabriel packt Castiel fester an der Schulter und trägt ihn halb. Inzwischen ist er sich sicher, dass allein die Verbindung zu Dean Castiel davor bewahrt, seine Gnade und sich selbst einfach aufzugeben.

„Kannst du ihn noch immer spüren?", fragt er sanft, um seinen Bruder abzulenken und sich selbst zu vergewissern, dass sie noch immer auf dem richtigen Weg sind. Ihre Flügel schwingen so langsam, dass sie kaum noch als Welle zu erkennen sind. Fliegen ist damit unmöglich.

Castiel nickt und lächelt kaum merklich. „Immer." Besonderes Band, in der Tat.

Ein halbes Dutzend Schritte später spürt Gabriel die Veränderung. Eine neue, fremdartige Energie, die nicht dem Fegefeuer gehört. Die sich fast wie Heimat anfühlt…

„Hier", sagt er schließlich und stoppt. Die Barriere ist für das Auge ihrer Hüllen nicht zu erkennen, doch das Leuchten im ultravioletten Bereich ist für seine Engelsinne mehr als auffällig, als er aktiv danach sucht. Castiel nickt, natürlich nimmt auch er die Barriere wahr. Jeder Engel kennt diese Energiesignatur, auch wenn die meisten Engel nicht wissen, dass sich direkt dahinter die Heimat der Monster befindet.

„Ich werde versuchen, einen Weg direkt zur Erde zur finden", erklärt Gabriel, während er seine Sinne ausstreckt und nach dem idealen Angriffspunkt sucht. „Ich denke, du möchtest genau wie ich möglichst wenig Zeit im Himmel verbringen, bis wir genau wissen, wie die Situation ist."

Castiel zieht seine Engelsklinge und steht Wache, während Gabriel seine Gnade in die Barriere lenkt und sorgfältig die Frequenzen anpasst, wie er es zu Zeiten des Krieges gegen die Leviathane nahezu täglich getan hat. Die Barriere entzieht sich ihm jedoch immer wieder und schließlich gibt Gabriel mit einem entnervten Seufzen auf.

„Ich brauche einen Anker auf der anderen Seite", gibt er zu. „Seit dem Krieg gegen die Leviathane haben wir die Barriere immer wieder verbessert und verstärkt, ich kann nicht wie früher einfach die Energie auflösen und durchgehen."

Frustriert schlägt seine Gnade gegen die Barriere, sorgt für einen sichtbaren Funkenregen. Ungerührt tritt Castiel einen Schritt zurück und wartet, bis Gabriel sich wieder beruhigt hat. „Es ist überaus praktisch, dass wir einen Anker haben", sagt er schließlich.

„Sei nicht albern, es gibt keinen Engel auf der Erde, der weiß, dass wir hier…" Gabriel starrt ihn an. Castiels Gesichtsausdruck lässt sich nur mit selbstzufrieden beschreiben. Gabriel stöhnt und massiert sich die Schläfen. Wie hat er das nur übersehen können? „Dean Winchester."

„Ich habe Dean aus der Hölle gezogen und dabei ein Zeichen meiner Gnade hinterlassen. Er sollte ausreichen."

Gabriel ist sich sicher, dass Erzengel keine Kopfschmerzen haben sollten. Der Druck in seinen Schläfen muss von den Schwingungen des Fegefeuers stammen. Schließlich schüttelt er unwillig den Kopf, klatscht in die Hände und konzentriert sich wieder auf Castiel. „In Ordnung, also neuer Versuch. Nicht bewegen, das wird sicher unangenehm für uns beide. Ausnahmsweise darfst du soviel an dein Boytoy denken, wie du möchtest – nur bitte nichts Grafisches."

Castiel schenkt ihm lediglich einen mördischen Blick, der Gabriel amüsiert kichern lässt. Sein Bruder hat seine Art, mit der Situation umzugehen, er hat seine eigene.

„In Ordnung, auf drei." Gabriel hebt die Hände und konzentriert sich ganz auf seine Gnade. „Drei."

Seine Gnade fließt durch seine Arme, wird von Castiels Gnade empfangen und sanft in eine bestimmte Richtung gelenkt. Gabriel vertraut seinem Bruder, dennoch ist es ein harter Kampf, sich nicht gegen den Zug zu wehren, einfach nur Kraft zur Verfügung zu stellen, während Castiels Gnade sich durch die Barriere arbeitet. Er hofft, dass es schnell geht. Der Zug der Gnade schwächt ihn mehr, als er es im Fegefeuer je erleben wollte. Er spürt die Augen der Monster auf sich, wie die Aufmerksamkeit eines jeden auf sie fixiert ist. Castiel vor ihm verblasst.

„Du flackerst", stellt Gabriel überrascht fest. Sein Bruder scheint an zwei Orten gleichzeitig zu sein, seine Hülle eindeutig hier, seine Gnade jenseits der Barriere. Dann kehrt die Gnade zurück und die Hülle wird durchsichtig. Es ist verstörender als Gabriel gedacht hätte.

Castiel keucht erschrocken auf, und mit einem Schlag ist er wieder vollständig. Leider auf der falschen Seite der Barriere. „Ich habe Dean gesehen. Zweimal."

„Schön für dich", erwidert Gabriel abgelenkt, als er versucht, seine Gnade unter Kontrolle zu bekommen. Das abrupte Ende der Verbindung zur Erde wirkt wie eine Rückkopplung. Haltsuchend klammert er sich mit beiden Händen an Castiels Schultern fest, um nicht einfach zusammenzubrechen. Die wirbelnden Energien schütteln seinen Körper, während seine Gnade sich in ihn zurück zu falten versucht.

"Das erste Mal fuhr er in seinem Auto an mir vorbei. Dann stand ich vor dem Fenster einer Blockhütte und es hat geregnet", erklärt Castiel, während er Gabriel mit seiner Gnade unterstützt. "Wir müssen es noch einmal versuchen, ich bin sicher, wir können den Übergang schaffen."

"Castiel, so erfrischend ich deinen Enthusiasmus auch finde, das wird nichts. Der Weg zur Erde ist zu weit, selbst mit Dean als Anker können wir den Übergang nicht einmal annähernd lange genug öffnen", widerspricht Gabriel mit sanfter Stimme. Er kann den Engel beben spüren. Er hasst sich dafür, dass er Castiels Hoffnungen so brutal zerstören muss. Seinem Bruder ist klar, dass dies ihr erster und einziger Versuch war, doch er kann und will Dean nicht aufgeben. Gabriel seufzt und schließt schicksalsergeben die Augen. "Wir versuchen es noch einmal mit dem Himmel."

Er will nicht darüber nachdenken, was es für ihn bedeutet, in den Himmel zurückzukehren. Wieder der Erzengel statt des Tricksters zu sein. Das mächtigste Wesen im Himmel zu sein, dem die Engel instinktiv folgen werden. Seine Brüder und Schwestern wiederzusehen, die er vor so langer Zeit hinter sich gelassen hat. Raphaels, Michaels und Luzifers verlassene Himmel sehen und wissen, dass er der einzige Überlebende ist.

„Gabriel…"

„Halt die Klappe und fang an", unterbricht Gabriel den Engel müde und konzentriert sich auf seine Gnade. Er wird auch das irgendwie überleben.

Sofort spürt er Schwäche in sich aufsteigen, als die Barriere die Energie aus seiner Gnade zieht. Der Weg in den Himmel ist einfach zu öffnen, die vertrauten Frequenzen richten sich wie von selbst auf. Die Barriere zwischen Himmel und Fegefeuer ist um Einiges leichter zu durchbrechen als die zwischen Fegefeuer und Erde. Er kann Castiels Unbehagen angesichts des Gedankens, in den Himmel zurückzukehren, nachvollziehen, aber auf gar keinen Fall werden sie hier im Fegefeuer bleiben. Castiels Arme bewegen sich steif und abgehackt, je mehr Gnade er von der Kontrolle seiner Hülle abzieht.

Schließlich feuert die Barriere einen Lichtblitz über alle Frequenzen und der Übergang ist offen. Gabriel hört seinen Bruder erleichtert seufzen, als die Gnade zurückkehrt und er sich durch die Nähe des Himmels schlagartig besser fühlt. Es ist kaum Kraft erforderlich, das Portal offen zu halten.

„Wir haben es geschafft, Gabriel", sagt Castiel mit staunender Stimme, als könne er es selbst nicht fassen. Gabriel weiß trotz seines Unwohlseins, wie es ihm geht. „Wir können hier raus."

Im gleichen Moment sieht Gabriel in der Ferne den Alpha-Nachtmahr und Dick Roman. Beide umgeben von Leviathanen und Monstern des Fegefeuers. Sie kommen schnell näher, und er verdankt es nur der Weite der Steppe, dass er sie rechtzeitig bemerkt hat. Er kann sie nicht spüren. Irgendetwas verdeckt ihre Lebenszeichen, und schlagartig weiß er, wie das alles enden wird.

„Oh Scheiße", entfährt es ihm, und der Trickster zeigt die vergessenen Erinnerungen. „Gottverdammte Scheiße."

Der Trickster hatte keine Angst, doch er war… beunruhigt. Die Nicht-Erinnerungen hatten in letzter Zeit so sehr zugenommen, dass er kaum noch wusste, wo sie aufhörten und er begann. Nicht immer zogen sie ihn so sehr in den Bann, dass er Zeit verlor. Meistens waren es nur kleine Bilder, das silberne Blitzen einer Klinge statt seines angespitzten Knochens, das leise Rauschen von energiereichen Schwingungen, die ihn wie Flügel durch das Fegefeuer tragen wollten. Goldenes Licht, das Monster zerschmetterte und ihn warm einhüllte.

Hinzu kam, dass einige Monster sich seltsam verhielten. Er konnte nicht genau benennen, was ihn störte, doch er hatte das vage Gefühl, dass sie einen Plan verfolgten, und es gefiel ihm nicht. Sie schienen ihn in eine bestimmte Richtung treiben zu wollen. Es gab nur einen Weg, der nicht von Monstern überflutet war, und er war gezwungen, diesem zu folgen, wenn er sich nicht Ewigkeiten in ermüdenden und langweiligen Kämpfen verausgaben wollte.

Nach dem hundertsten Werwolf und dem zigsten Vampir wurde es einfach eintönig.

Also gab er nach und ließ sich durch das Fegefeuer treiben, bis der Nadelwald von Bäumen mit großen, weichen Blättern abgelöst und das Unterholz dichter wurde. Er folgte dem kaum sichtbaren Pfad durch den Wald, bis die Bäume seltener wurden und sich eine weite Grasebene vor ihm ausbreitete.

Die flache Landschaft bot keinerlei Deckung für die Monster, und so war es ein Leichtes, die angreifenden Vampire zu enthaupten, noch bevor sie richtig wussten, was sie angriff. Der Trickster lachte. Der ewig graue Himmel des Fegefeuers hing wie eine tiefe, drohende Kuppel über ihm, und dennoch fühlte er sich zum ersten Mal seit geraumer Zeit lebendig und frei. Wohin auch immer die Monster ihn hatten treiben wollen, sie hatten ihm einen Gefallen getan.

Mit einem Fingerschnippen beschwor er sich einige Karamellriegel als Wegzehrung und ging los, den Wald hinter sich zurücklassend.

Bereits nach kurzer Zeit entdeckte er, dass die Steppe ihre ganz eigenen Gefahren barg. Das kniehohe Gras war die ideale Tarnung für Schlangen und Spinnen aller Art, die jedoch schon bald feststellten, dass es leichtere Beute als den Trickster gab und ihn in Ruhe ließen. Beunruhigender waren dagegen die Nachtmahre, welche sich wieder und wieder als schwarzer Nebel am Boden herumdrückten und ihm näher kamen, als ihm lieb war.

Natürlich hatte er keine Angst.

Dennoch war er erleichtert, als er einen dreckigen Tümpel, umgeben von trockenem Schilf, erreichte und nichts spürte außer einem Ekimmu, der sich nicht auf ihn zubewegte und wahrscheinlich seine eigenen Kämpfe bestritt.

Mit einem Gedanken klarte das Wasser des Tümpels auf, offenbarte einen felsigen Grund. Ein weiterer Gedanke ließ das Schilf ergrünen. Nachdenklich sah der Trickster auf seine neu erschaffene Oase. Etwas fehlte noch.

Es gab eine Zeit, da hätte er mit Freuden zumindest ein Fußbad genommen und das kühle Wasser über seine Zehen gleiten lassen, während die Steine seine Fußsohlen massierten. Jetzt dagegen... Eher nicht.

Mit einem verärgerten Schnauben wandte er sich ab und verschränkte die Arme. Er mochte den blöden Tümpel eh nicht.

Ein helles Blitzen in der Ferne weckte seine Aufmerksamkeit. Erleichtert nahm er die Ablenkung an - es war nicht so, dass er das Wasser fürchtete, aber das Licht sah doch bei weitem interessanter aus. Ohne einen Blick zurück zu werfen, machte er sich auf den Weg dorthin.

Ultraviolettes Gleißen empfing ihn. Außerdem Leviathane und Nachtmahre.

Noch bevor er auch nur an Flucht denken konnte, umkreisten ihn acht Leviathane und noch mehr Nachtmahre. Wie nur hatten sie sich an ihn anschleichen können? Leviathane waren nicht grade für ihre Unauffälligkeit bekannt...

Natürlich. Der Ekimmu. Natürlich konnte es die Energien verdecken, ernährte es sich doch genau davon. Es war ungewohnt, dass Monster im Fegefeuer zusammenarbeiteten, aber der Trickster erholte sich schnell von seiner Überraschung. Unbewusst beschwor er seinen Knochenspieß und spannte den Körper an, bereit zum Kampf.

Er ließ den Blick über die Gruppe schweifen, suchte mit allen Sinnen nach der Präsenz der Monster vor ihm, konnte jedoch nichts finden. Natürlich konnte er sie sehen, doch was auch immer er sonst in ihnen spürte, war verdeckt. Der Ekimmu war überaus effizient. Das Leben im Fegefeuer war mit einem Schlag interessanter und gefährlicher geworden, sollten sich diese Allianzen unter Monstern ausweiten.

Einer der Nachtmahre nahm körperliche Gestalt an, verdichtete den schwarzen Rauch zu einer vage humanoiden, detailarmen Form.

„Hallo, Loki", grüßte das Monster den Trickster mit sanfter Stimme. „Es ist schön, dich wiederzusehen."

Der Trickster schnaubte amüsiert. Ein höfliches Monster, was es nicht alles gab. „Ja, ist klar. Bitte verzeih mir, dass ich diese Gefühle nicht erwidern kann. Kenn ich dich?" Die Leviathane zischten ihn aufgebracht an, doch dem Trickster war klar, dass nicht sie die Anführer hier waren. Genauso wenig die wabernden Schatten. Nein, das einzige Monster, das er im Auge behalten musste, war diese unfertig wirkende Gestalt vor ihm.

Der Kreis der Leviathane bewegte sich, schloss sich enger um ihn. Die einzige Lücke war von dem seltsam leuchtenden Ding vor ihm versperrt. Der Nachtmahr gluckste leise. „Ich wüsste nicht, was so witzig ist", schnappte der Trickster angespannt, als die Leviathane näher kamen und er nur in Richtung der Energie ausweichen konnte. Drei Leviathane waren kein Problem. Vier waren herausfordernd und ab fünf wurde es anstrengend. Acht Leviathane dagegen... Noch dazu der Ekimmu und die Nachtmahre.

Der Trickster hatte das unangenehme Gefühl, dass das Abenteuer Fegefeuer für ihn bald vorbei sein würde.

„Für einen Trickster hast du überaus interessante Ängste. Ich bin sicher, du erinnerst dich noch an mich. Wir sind uns bereits begegnet, Loki... oder sollte ich eher sagen Engel?", erwiderte der Nachtmahr und zeigte auf die Energie. „Öffne die Barriere oder ich zeige dir, was alles aus deinem hübschen Gehirn gekrochen kommt, wenn es still wird. Die Engelsklinge in deiner Brust war erst der Anfang, und dieses Mal wirst du mir nicht entkommen können."

Der Trickster erstarrte. Der Nachtmahr war das Gänseblümchenmonster. Übelkeit stieg in ihm auf, als gegen seinen Willen die Erinnerungen in sein Bewusstsein drangen. Schwer atmend kämpfte er um die Kontrolle, wollte sich nicht irgendeinem beliebigen Monster ergeben. Er war der Trickster, verflucht noch eins, und hatte als solcher einen gewissen Anspruch. Es war das ferne Rauschen von Luft, die durch auf und ab schlagende Flügel verdrängt wurde, welches ihn zurück holte. Natürlich verschwand es, als die Realität um ihn herum wieder Form annahm, und der Trickster vergaß es. Wahrscheinlich gehörte es den Nicht-Erinnerungen und die konnte er im Moment wirklich nicht gebrauchen. Es wurde eher Zeit, aktiv zu werden.

„Ah, du erinnerst dich endlich", fuhr der Nachtmahr mit seiner unerträglich sanften Stimme fort, die auf den Trickster wie Fingernägel auf einer Schiefertafel wirkte. „Nun, öffne bitte die Barriere. Wir haben einen Himmel zu erobern."

Unauffällig stabilisierte er seinen Stand, spannte die Muskeln an. In Sekundenschnelle spielte er verschiedene Szenarien in seinem Kopf durch, in der Hoffnung, mindestens eines zu finden, bei dem er überlebte. Bis dahin musste er improvisieren.

Der Trickster schüttelte den Kopf. Er hatte absolut keine Ahnung, was er mit der Energie - offenbar die erwähnte Barriere - anstellen sollte, außer sie für ihre offensichtliche visuelle Schönheit zu bewundern. „Ich sags ja nur ungern, aber da habt ihr wohl Mist gebaut. Ich kann rein gar nichts tun und selbst wenn ich könnte, warum sollte ich?" Er lachte. „Mir gefällt's hier. Und ihr gefallt mir hier auch ganz gut."

Kaum dass er das letzte Wort gesprochen hatte, sprang er mit einem schnellen Satz zum Leviathan, der ihm am nächsten war, und trieb seine Waffe durch dessen Körper. Noch bevor die Leiche auf dem Boden aufgeschlagen war und die anderen Leviathane verarbeiten konnten, was geschehen war, hatte er drei weitere getötet und mit einem Fingerschnippen einen heftigen Wind herauf beschworen, der die nichtmanifestierten Nachtmahre um ihre Form kämpfen und schließlich fortwehen ließ. Der Ekimmu warf ihm nur einen langen Blick zu und zog es vor, fortzugleiten. Vier Leviathane nieder, blieben weitere vier plus der Gänseblümchennachtmahr. Es hatte schon besser ausgesehen für ihn.

Noch bevor er die nächsten Gegner attackieren konnte, schlug die Stille zu. Von einem Herzschlag zum nächsten verstummte das Fegefeuer. Der Atem des Tricksters stockte, als kalter Schweiß auf seinem gesamten Körper ausbrach und er wie gelähmt stehen blieb.

Die Leviathane verloren vor seinen Augen die Form, verwandelten sich, die riesigen Kiefer ihrer tatsächlichen Gestalt wie ein doppelt belichtetes Foto noch immer sichtbar. Ein jung aussehender Mann mit bleicher Haut und schwarzen Haaren und blauen Augen, attraktiv nach menschlichen Maßstäben. Blaue Macht leuchtete in ihm, grausam und effizient. Ein dunkelhäutiger älter wirkender Mann mit einem sardonischen Lächeln. Er glühte grün aus dem Inneren heraus. Michael und Raphael, flüsterte eine Erinnerung ihm ihre Namen zu. Eine kleine, schlanke Frau in einem roten Kleid, die dunklen Augen voll Leidenschaft und Wut. Kali, die Göttin. Die vierte Person war nur unwesentlich größer, unrasiert, unsauber. Gott, sein Vater. Die Hüllen, die sie trugen, als er ihnen das letzte Mal begegnet war.

Außer dass er sich an keinen von ihnen erinnern konnte. Es waren nicht seine Erinnerungen, sie gehörten jemand anderem. Sie waren Teil der Nicht-Erinnerungen, und er konnte sie nicht ertragen. Kalte Angst griff mit Eiseshänden nach seinem Herzen. Er konnte nicht atmen, seine Lungen schrieen nach Luft, doch die Angst drückte ihm die Kehle zu.

Die Waffe fiel aus seiner Hand, als er auf die Knie sank. Vor ihm stand der Nachtmahr, wieder in der Gestalt seines blonden Bruders mit der roten Macht - Luzifer, kam ihm der wenig hilfreiche Gedanke -, die silberne Klinge drohend erhoben. Der Trickster wimmerte, rollte sich in sich zusammen. Er wollte sich ihnen nicht so verletzlich zeigen, doch noch weniger wollte er ihnen ins Gesicht schauen.

„Bist du sicher, dass das ein Engel ist?", fragte Michael mit monotoner Stimme.

„Er ist erbärmlich", fügte Kali hinzu, dicht gefolgt von Gottes „Schwach".

Eine Hand berührte sein Haar, ließ ihn erschrocken aufkeuchen. In blinder Panik versuchte er sie wegzuschlagen, doch mit hartem Griff packte sie ihn und zog ihn hoch. Der Nachtmahr schenkte ihm ein sanftes Lächeln, bevor er ihn umdrehte und den Leviathanen präsentierte. „Es ist ein Engel und er wird die Barriere öffnen. Nicht wahr, mein lieber Loki?"

Der Trickster versuchte den Kopf zu schütteln. Sein Körper war wie gelähmt, jeder seiner Sinne schrie ihm zu, er müsse fliehen, und doch konnte er keinen Muskel rühren.

„Er ist nur ein beliebiges Monster", schnaubte der Raphael-Leviathan höhnisch und spuckte dem Trickster vor die Füße. „Töten wir ihn."

Zustimmendes Nicken von allen, und der Nachtmahr sah den Trickster traurig an. „So sei es dann." Der Trickster fiel zu Boden, als der harte Griff von einem Moment zum anderen verschwand, und rollte instinktiv außer Reichweite. Das war es dann also. So würde der Trickster enden. Weniger ruhmreich als gedacht, aber immer noch besser als weiter die Stille zu ertragen, gefüllt mit den Monstern der Erinnerungen, die nicht ihm gehörten.

Die silberne Klinge hoch erhoben kam der Nachtmahr auf ihn zu, bereit zuzustechen. Am Ende war es die tosende Erschütterung des Fegefeuers, die ihn rettete. Etwas hatte das Fegefeuer betreten, was keinen Platz hier hatte. Unpassend, fremd, wie ein Juckreiz in allen Sinnen. Mächtig. Ein Engel.

Die Gestalten um ihn erstarrten. „Der Erste", hauchte der Michael-Leviathan schließlich nahezu ehrfürchtig.

„Er ist zurückgekehrt", stimmte Gott zu. „Seine Mission auf der Erde war erfolgreich und nun führt er uns zu den anderen. Wir kehren zur Erde zurück."

Der Nachtmahr runzelte die Stirn. „Das ist in der Tat erfolgversprechend. Zeigt mir den Weg." Er warf einen Blick auf den Trickster. „Um dich kümmere ich mich später, Loki." Die Leviathane hoben ab, aufgeregt, dem ersten Leviathan zu folgen. Der Nachtmahr verlor die Form, wurde zu schwarzem Rauch und folgte seinen Verbündeten. Offensichtlich hatten die Monster den Engel nicht wahrgenommen, lediglich den mächtigen Leviathan, der mit ihm im Fegefeuer gelandet war.

Die Geräusche kehrten zurück, als der Nachtmahr sich entfernte. Von einem Moment zum nächsten sah der Trickster nicht mehr furchteinflößende menschliche Gestalten vor sich. Erleichtert schnappte er nach Luft und sprang auf. Nichts wie weg. Nur fort, bevor der Nachtmahr zurückkehrte und ihn in seine Illusionen einwickelte.

Die Signatur des Engels wirkte wie ein Leuchtfeuer, rief unterbewusst nach ihm. Er wusste nicht, wie die Leviathane das Gleißen übersehen konnten, und es interessierte ihn auch nicht. Er wusste nur, er musste unbedingt verhindern, dass der Nachtmahr und die Leviathane den Engel vor ihm fanden. Mühsam schob er die Angst bei dem Gedanken, ihnen erneut zu begegnen, beiseite. Nur nicht daran erinnern, was geschehen war.

Niemals daran denken, nicht aufhalten lassen.

Er lief los, der angespitzte Knochen vergessen wie seine Erinnerung an die unerfreuliche Begegnung mit dem Gänseblümchenmonster. Nicht daran denken. Es zu den Nicht-Erinnerungen schieben, verdrängen und überleben.

Er war der Trickster. Ein Monster. Monster jagten Engel und genau das würde er jetzt tun.

Das erste Mal sah er den Engel aus der Ferne, die Gedanken in Aufruhr, der Geist verworren und unzusammenhängend...

Zu einer anderen Zeit hätte er Castiels entgeisterte Miene angesichts seiner Blasphemie amüsant gefunden. Jetzt sorgt sie nur dafür, dass er sich noch schlechter fühlt. Die Monster sind da. Von einem Moment zum nächsten herrscht Chaos, als Gabriel mit seiner Engelsklinge in der Hand umherwirbelt und sie vom Übergang fernzuhalten versucht. Castiel kann trotz seiner gestärkten Gnade kaum aufrecht stehen, dennoch beschwört auch er seine Engelsklinge. Eine Welle tiefer Zuneigung für seinen Bruder durchfährt ihn, und sein Entschluss steht fest. Sie können das Portal nicht mehr lange offen halten, und sie dürfen nicht zulassen, dass die Monster in den Himmel eindringen. Castiels Sicherheit hat höchste Priorität.

Castiels Gnade flackert, kurz vorm Ausbrennen, als der geballte Einfluss der Leviathane ihn trifft. Entschlossen greift Gabriel nach dem Trickster, sucht jede Kraft, die er in sich spürt, und schickt die Energie gegen die Monster, lässt sie zurückweichen. Es verschafft ihm vielleicht zehn Sekunden, aber die müssen reichen. Er packt Castiel und schleift ihn direkt vor das Portal.

„Es tut mir leid, Castiel", Gabriel spürt die so vertraute Energie des Himmels, die ihn anzieht und Frieden verspricht. Der Trickster in ihm schreit. „Es tut mir wirklich leid, dass ich nicht der Erzengel sein kann, den du brauchst. Oder der Bruder, den du verdienst."

Er umarmt Castiel impulsiv, berührt ihn ein letztes Mal mit seiner Gnade. Castiel will etwas sagen, hebt die Hände, unsicher, was von ihm erwartet wird. „Halt die Klappe", flüstert Gabriel ihm ins Ohr, schiebt ihn von sich und stößt ihn ins Portal. „Grüß die Winchesters von mir."

Er zieht seine Gnade zurück, das Portal fällt in sich zusammen und die Monster sind über ihm. Gabriel überlässt sich dem Trickster und betet, dass sein Bruder in Sicherheit ist.

Der Trickster flieht.