Kapitel 10
Willkommen im Paradies!
Hier herrscht und siegt
die Wahrheit, die Klarheit,
die Reinheit. Kein Mitleid!
Letzte Instanz – Kalter Glanz
Castiels erste Empfindung ist ein pochendes Hämmern in seinem Kopf. Gleißendes Weiß blendet ihn, als er vorsichtig die Augen öffnet. Er kann sich nicht bewegen. Mit einem unterdrückten Stöhnen tastet er nach seiner Gnade, lenkt sie sanft in seine Hülle, um die Schäden des Fegefeuers zu neutralisieren. Er weiß, dass die Zeit im Himmel fließend ist, sich anders als auf der Erde in jede Richtung bewegen kann. Dennoch hat er den Eindruck, dass es zu lange dauert. Fast, als ob die Energie gedämpft wäre...
Er öffnet erneut die Augen, blinzelt durch die Tränen, bis seine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt haben. Ein weißer, schmuckloser Raum, gefüllt mit Behandlungsliegen. Raphaels Himmel, nach dem Tod des Erzengels übernommen von Naomi. Jener Raum, der ihn und viele andere Engel mit Unbehagen erfüllt, obwohl keiner von ihnen einen Grund dafür nennen könnte. Ein Blick auf sich lässt ihn eine Ursache erahnen.
Seine Hülle ist an die Liege gebunden, breite Metallschellen mit eingravierten Sigillen um seine Handgelenke. Was er von den Sigillen erkennen kann, verheißt nichts Gutes. Zumindest ist ihm nun klar, warum seine Gnade sich so träge verhält – er kennt den Engel, der diese speziellen Binde-Sigillen entworfen hat, und er weiß, dass sie ausgezeichnete Arbeit abliefert.
Er ist dem Fegefeuer entkommen, nur um hier erneut gefangen zu sein. „Hallo?", ruft er laut, hofft, dass er das Missverständnis aufklären kann. Seine Schwingen sind gebunden, nutzlos. Ihm ist klar, dass eine freundliche Begrüßung anders aussieht, selbst für himmlische Verhältnisse. Er ist bereit, für die Sünden gegen seine Brüder und Schwestern zu büßen, er wird klaglos jede Strafe auf sich nehmen, die sie ihm auferlegen. Doch zuerst muss er sie überzeugen, Gabriel aus dem Fegefeuer zu befreien.
Und es muss schnell geschehen.
Niemand reagiert auf sein Rufen, also muss er drastischere Maßnahmen ergreifen. Mit einem tiefen Seufzen schließt er die Augen und greift nach seiner Gnade. Er lenkt die gesamte Energie nach außen, ein Signalfeuer für jeden Engel, das nicht ignoriert werden kann.
Es dauert nicht einmal eine Sekunde, doch es genügt. Ein leises Flattern und die vertraute Präsenz einer Gnade neben ihm zeigen, dass er nicht mehr allein ist. Als Castiel die Augen öffnet, steht Naomi persönlich neben ihm und lächelt auf ihn herab.
„Hallo Castiel", begrüßt sie ihn. „Es ist gut, dich wiederzusehen."
Castiels Unbehagen aufgrund von Raphaels Himmel steigert sich bei Naomis Anblick zu kaum unterdrückbarer Furcht. Naomi hat diese Wirkung auf Engel und jeder weiß dies. Er kann die Reaktionen seiner Hülle unter Kontrolle behalten, er wird sich nicht von seinen Gefühlen kontrollieren lassen. Er hat eine Mission.
„Naomi, bitte, du musst eine Garnison in das Fegefeuer schicken, Gabriel ist noch dort und die Leviathane werden -"
„Gabriel?", unterbricht Naomi ihn verwirrt und legt die linke Hand auf Castiels Stirn. „Bist du sicher?"
Naomis Gnade pulsiert über ihre Fingerspitzen in Castiel, drückt gegen sein Bewusstsein und verlangt Informationen. Castiels erster Reflex ist es, sich zu verschließen und sie zu verdrängen, doch sie erhöht den Druck lediglich, überwindet Castiels gebundene Gnade nahezu mühelos. Sie ist in seinem Kopf und er mag es nicht.
„Ja. Bitte Naomi, lass mich ihn befreien", Castiel bettelt nicht gern, doch es geht um Gabriel, dessen Leben mit jeder Sekunde, die er verliert, gefährdeter ist. Naomi sieht ihn nur kalt an und greift nach etwas auf dem Tisch neben der Liege. Als ihre rechte Hand in sein Blickfeld kommt, sieht er den Bohrer, die metallische Spitze glänzt verhalten im grellen Licht von Naomis Himmel. Ein helles Sirren ertönt, als der Bohrerkopf sich zu drehen beginnt und näher kommt.
Kalte Panik steigt in Castiel hoch, und erfolglos drückt er gegen die Fesseln, versucht dem Bohrer zu entkommen. Naomis Gnade in seinem Kopf drängt sein Bewusstsein in eine Ecke, und die Farben verblassen. Castiel kämpft gegen die Dunkelheit.
„Ich glaube dir nicht, Castiel. Gabriel wurde von Luzifer während der Apokalypse, welche du verdorben hast, wie ich anmerken darf, getötet. Ich weiß nicht, welches Spiel du spielst, und glaube ja nicht, dass ich oder irgendjemand hier deine Morde an unseren Geschwistern vergessen hätten. Aber zum Glück bin ich nicht auf deine Worte angewiesen, sondern kann", Naomi unterbricht sich einen Moment, wandert mit ihrer linken Hand tiefer und hält mit Daumen und Zeigefinger Castiels Auge offen, „direkt sehen, was in dir gespeichert ist."
Der Bohrer senkt sich und Castiel versinkt schreiend in alles verdeckendem roten Schmerz, als Naomis Gnade sich unerbittlich in seinen Verstand frisst.
Viel Zeit ist vergangen. Naomi ist die ganze Zeit bei ihm, er spürt ihre Gnade wie Fingernägel in seinem Gehirn. Castiel spürt eine unheimliche Leere an der Stelle, wo die Erinnerungen des letzten Jahres liegen. Etwas fehlt für den Zeitraum, nachdem Dean zur Erde zurückgekehrt und bevor er im Himmel aufgewacht ist...
Erneut liegt er auf der Liege, kaltes Metall an seinen Handgelenken, und wieder hört er den Bohrer.
Er erwacht keuchend auf der Liege in dem weißen Raum, ein dumpfer Schmerz unter seinem linken Auge, Tränen laufen über seine Wange. Seine Finger sind blutig-rot, als er sich über sein Gesicht fährt. Mit einem Gedanken heilt er sich. Etwas ist geschehen, aber es ist nicht von Priorität. Er muss zur Erde zurück. Er muss Dean sagen, dass er aus dem Fegefeuer zurück ist.
Deans Gefühle ziehen an ihm, geben ihm die benötigte Richtung. Entschlossen bringt er seine Flügel in Resonanz und hebt ab. Er landet in einem kleinen Motelbadezimmer, sieht sich selbst und Dean im Spiegel. Seine Fragen zu den Geschehnissen des letzten Jahres können warten. Er ist heimgekehrt.
„Hallo, Dean."
Gabriel rennt. Das Dutzend Leviathane hinter ihm keucht, bald werden sie von anderen Leviathanen abgelöst und sich erholen. Gabriel hat diese Möglichkeit nicht. Seit Castiels Entkommen aus dem Fegefeuer wissen alle Monster, dass er in der Lage ist, einen Übergang zum Himmel zu ermöglichen, und sie alle liefern sich ein gnadenloses Wettlaufen, wer ihn zuerst erwischt.
Wenn es nach Gabriel geht, natürlich niemand von ihnen. Doch auch wenn der Trickster ihn stärkt, die schwächenden Fegefeuerschwingungen endlich keine Gefahr mehr für ihn sind, so stören die Leviathane doch permanent seine Flügel. Was ist ein Engel, der nicht fliegen kann?
Er darf nicht riskieren, von Monstern oder Leviathanen gefangen zu werden – die Erlebnisse mit dem Alpha-Nachtmahr haben ihm gezeigt, dass es schlimmere Schicksale als den Tod gibt. Er muss nicht mehr um sein Leben fürchten, doch dafür umso mehr um seinen Verstand.
Nach alldem, was Castiel ihm über die Geschehnisse seit der Apokalypse berichtet hat, ist er nicht sicher, dass die Engel zahlreich und organisiert genug sind, einem geballten Angriff aus dem Fegefeuer standzuhalten, insbesondere, wenn der Gegner nicht dauerhaft sterben kann.
Es ist nach wie vor schwer, den Verlauf der Zeit im Fegefeuer einzuschätzen, doch Gabriel ist sich sicher, dass auf der Erde inzwischen mehrere Wochen vergangen sind. Irgendetwas muss Castiel aufgehalten haben.
Immer wieder betet er zu seinem Vater, dass Castiel in Sicherheit ist. Dass er den Weg zur Erde zurück gefunden und der Himmel ihm vergeben hat. Dass er Gabriel nicht vergessen hat.
Sein Glaube wird von Tag zu Tag schwächer.
Mit einem erschöpften Aufflackern seiner Gnade löscht er einen besonders dreisten Werwolf aus und läuft weiter. Der Rest des Rudels hinter ihm heult laut auf, und fast meint Gabriel ihren stinkenden Atem riechen zu können, als sie durch die dichten Büsche seitlich des schmalen Pfades brechen.
Gabriel wirft einen schnellen Blick über die Schulter, versucht die Entfernung zu den Monstern abzuschätzen. Sein Fuß, der sich in einer hochstehenden Wurzel verfängt, zeigt ihm, dass er schon bessere Ideen gehabt hat. Mit einem lauten Schrei geht er zu Boden, landet mit dem Gesicht im weichen Boden des Waldes. Dankbarkeit für die kleinen Dinge steigt in ihm auf, als sich die Schmerzen seines verdrehten Fußes zu den allgegenwärtigen seiner überlasteten Hülle hinzugesellen.
Mit einem unterdrückten Stöhnen stemmt er die Hände in den Boden und wendet sich um. Er will den Werwölfen wenigstens ins Gesicht sehen, wenn sie ihn fangen und zu den Leviathanen bringen. Der Alpha-Leviathan in der Gestalt Dick Romans hat ihm bei mehreren kurzen Beinahekämpfen mehr als deutlich gemacht, dass er genau weiß, wie man Engel zum Reden bringt.
„Na kommt schon, bringen wir es hinter uns", ruft er seinen Verfolgern zu und wartet auf das unausweichliche Geräusch schwerer Körper, die durchs Unterholz brechen und ihre Beute feiern.
Nur dass er statt des Fegefeuers plötzlich einen schweren Holzschreibtisch beladen mit Papieren und Schreibutensilien vor sich sieht und weichen Teppich unter seinen Fingern spürt. Die Schwingungen der Leviathane und des Fegefeuers sind verschwunden, abgelöst vom vertrauten Untergrundrauschen des Himmels und leiser Klaviermusik von einem antiken Grammophon. Überrascht schnappt er nach Luft, als seine Gnade sich in ihm entfaltet und seine Flügel sich schwungvoll ausbreiten. Die verdrängte Luft lässt rechts und links von ihm Bücher von ihren hohen Stapeln fallen. Er befindet sich in dem Studierzimmer eines Gelehrten aus dem 17. Jahrhundert. Ihm fällt kein Engel ein, der seinen persönlichen Himmel so eingerichtet hat, aber Gabriel ist bereit zu nehmen, was er kriegen kann.
Alles ist besser als das Fegefeuer.
„Ah, was für ein ausgezeichneter Übergang", ertönt eine volltönende, selbstzufriedene Stimme und mit einem Satz erhebt sich Gabriel. Instinktiv fährt seine Engelsklinge aus und er geht in Verteidigungsstellung.
Vor ihm am Schreibtisch sitzt ein kleiner, rundlicher Mann mit grauen Locken vor einer Schreibmaschine und lächelt breit. „Ja doch, meine Überleitungen sind zum Morden gut, aber doch würde ich es vorziehen, wenn du das lassen könntest. Mal sehen…".
Der unbekannte Engel beginnt hektisch auf der Schreibmaschine zu tippen. „'Der Erzengel Gabriel erholte sich von seiner Überraschung und ließ die Klinge verschwinden. Er konnte Metatron vertrauen, es gab keinen Grund, ihm keinen Glauben zu schenken. Er schwor -'"
„Was bei unserem Vater soll das werden?", unterbricht Gabriel ihn misstrauisch, als seine Engelsklinge gegen seinen Willen verschwindet. Metatron. Er erinnert sich an den Schreiber Gottes, genauso weiß er aber auch, dass der Schreiber zusammen mit ihrem Vater in der Versenkung verschwunden ist. Von der Schreibmaschine spürt er geballte Macht ausgehen, nahezu von der Stärke Gottes. Er hat das dumpfe Gefühl, dass er eine tödliche Umgebung gegen die nächste ausgetauscht hat, nur dass sich Metatron besser beherrschen kann als die Monster des Fegefeuers. „Miserable Gute-Nacht-Geschichten für kleine Kinder?"
Er klingt eindeutig selbstsicherer als er sich fühlt.
„Ah, aber nicht doch, nur Geduld. Die besten Geschichten müssen in ihrem eigenen Tempo erzählt werden, Gabriel", erwidert Metatron mit einem kleinen Kichern und tippt weiter. Starke Energiebänder schlingen sich um Gabriels Flügel, verhindern effektiv jede Resonanz. Weitere Energien fesseln seine Gnade. „So gefällst du mir schon besser. Die Farbe steht dir, wenn ich das so dreist sagen darf."
Gabriel hasst das selbstzufriedene Grinsen. Wütend holt er mit seiner Gnade nach Metatron aus, bereit den geballten Zorn eines Erzengels auf ihn niederregnen zu lassen. Vergeblich. Wie aus weiter Ferne hört er Metatron lachen, als die Energien zu ihm zurück schlagen, gehalten und verstärkt von den summenden Fesseln. Ächzend klammert er sich an die Kante des Schreibtisches und wartet die heftigen Interfenzen ab. Eindeutig ein Fegefeuer gegen das nächste getauscht.
„Natürlich möchtest du nun wissen, wie das sein kann. Nun Gabriel, du musst wissen, dass durch einige glückliche Zufälle die Engelstafel in meinen Besitz kam, und als die gute Naomi mit einer wilden Geschichte unseres Lieblings-Cassies", ein dumpfes Grollen entkommt Gabriel angesichts dieser Respektlosigkeit, „von einem Erzengel im Fegefeuer ankam… Nun, da konnte ich dich natürlich nicht dort zurücklassen. Du wirst verstehen, dass du mir dafür einige Gefallen schuldest. Natürlich kann ich dich nicht frei im Himmel herumlaufen lassen, stell dir nur die Verwirrung der Engel vor, du bist ja mehr das Biest als die Schöne. Dank der Engelstafel bin ich Gott, und ich werde das in Ordnung bringen. Ich werde alles in Ordnung bringen."
Metatron tippt weiter auf seiner Schreibmaschine, deren Macht nun für Gabriel eindeutig als die der Engelstafel zu erkennen ist. Und er hat seinem Vater noch gesagt, dass es eine selten dämliche Idee ist, diese Worte nieder zu schreiben… Er fühlt eine tiefe Ruhe in sich aufsteigen, die eindeutig nicht die seine ist. Er möchte Metatron zerschmettern, seine Gnade durch dieses grässliche Grinsen treiben, unaussprechliche Dinge mit dem Engel anstellen. Doch gleichzeitig ist er friedlich und entspannt, lächelt freudig bei dem Gedanken, in seinen Himmel zurückzukehren und niemanden zu sehen.
Die Schreibmaschine gibt ein helles Ping von sich und Metatron fährt in der nächsten Zeile fort.
‚Der Erzengel Gabriel kehrte in seinen Himmel zurück, zufrieden und sicher. Keine Feinde, kein Kampf, nur das warme Fließen seines Himmels. Metatron war gut zu ihm gewesen, und freudig erwartete er den Tag, an dem er seine Dankbarkeit beweisen konnte.'
Die Worte tanzen in Gabriels Bewusstsein, formen die Realität nach Metatrons Wünschen. Gabriels unbedeutender Meinung nach ist Metatrons Geschreibe auf Ramschniveau und gerade gut genug für Groschenromane. Der heftige Stoß, mit dem er in seinen persönlichen Himmel verbannt wird, zeigt ihm, dass Metatron ihn gehört hat. Er klammert sich an diesen kleinen Sieg, als wäre es sein letzter.
