Epilog

Carry on my wayward son
There'll be peace when you are done
Lay your weary head to rest
Don't you cry no more

Kansas - Carry on my wayward son

Gabriel ist zurück in seinem Himmel. Nichts hat sich verändert, und doch ist alles anders. Er hat Castiel gesehen. Seinem Bruder geht es gut. Er ist nicht glücklich, aber er ist am Leben.

Und er weiß, dass Gabriel es geschafft hat. Ihr Treffen ist nur kurz gewesen, nicht einmal einen Erdentag lang. Und doch ist es mehr als genug gewesen, damit Gabriel Metatrons Strafe und die Ketten mit einem Lächeln erträgt. Seine Interpretation von Metatrons Skript hat Ereignisse ins Rollen gebracht, an deren Ende Metatrons Tod und seine Freiheit stehen würden.

Gabriel war rastlos. Die Ketten an seinen Flügel vibrierten, verhinderten ausgesprochen effektiv jeden Ansatz von Resonanz. Er tigerte in seinem persönlichen Himmel auf und ab, kurz davor, etwas zu zerstören. Natürlich wusste er, dass er damit höchstens sich selbst verletzen würde, immerhin war sein persönlicher Himmel eine Erweiterung seiner selbst, und doch…

Seit mehr als einem Erdenjahr hielt Metatron ihn mit der Macht der Engelstafel fest. Sein Himmel war abgeschottet; er bezweifelte, dass die anderen Engel überhaupt wussten, dass er wieder da war.

Und Metatron tat einfach nichts.

Nach einem Jahr Einsamkeit war er bereit, fast alles zu tun, nur um die Wände seines Himmels nicht mehr sehen zu müssen. Die schwarz-weißen Fliesen der Küche, das bunt eingerichtete Wohnzimmer mit den Bildern an den Wänden… Es ödete ihn einfach nur noch an. Seine gebundene Gnade war noch nicht einmal in der Lage, Gesellschaft heraufzubeschwören.

Von einem Moment zum nächsten befand er sich in einem Sessel in Metatrons Schreibstube, die Fesseln straff an ihrem Platz. Metatrons zufriedenes Grinsen gab Gabriel noch immer Anlass für Gewaltphantasien.

„Ah Gabriel, wie schön, dich wiederzusehen. Hattest du einen angenehmen Aufenthalt bisher?"

Gabriel schenkte ihm seinen mörderischsten Blick.

„Ja, ich weiß, der Zimmerservice war auch schon mal besser, aber du weißt ja, wie das ist, es ist so schwer, heutzutage fähiges Personal zu finden", fuhr Metatron übertrieben fröhlich fort und sortierte einen dicken Stapel Blätter auf seinem Schreibtisch. „Ich habe eine Rolle für dich in meinem neuesten Stück. Na, kein Grund mir zu danken, das mache ich doch gerne. Hier, lies!"

Der Papierstapel flog zu Gabriel und landete schwer in seinem Schoß. Metatron tippte zwei Zeilen auf seiner Schreibmaschine, und Gabriel spürte, wie die Fesseln an seinen Armen sich weit genug lockerten, dass er das Skript aufnehmen und öffnen konnte. Er las die ersten Zeilen.

„Ist das dein Ernst?", fragte er ungläubig und blätterte einige Seiten weiter. „Das ist Michael Bay-Niveau und du erwartest allen Ernstes, dass ich da mitmache?"

Metatron kicherte leise. „Oh mein lieber Gabriel, dir bleibt gar nichts anderes übrig."

„Castiel wird nicht darauf hereinfallen. Du hast meine Persönlichkeit geschreddert und diesen Zombiecharakter draus gemacht. Selbst wenn ich wollte, könnte ich das nicht überzeugend darstellen", antwortete Gabriel angewidert und schlug das Skript zu. „Casa Erotica als Eröffnungsszene ist ausgelutscht und unglaubwürdig. Castiel und ich haben mehr als ein Jahr damit verbracht, gemeinsam um unser Leben zu kämpfen. Du kannst ihn nicht über mich manipulieren."

Erneut lachte Metatron. „Habe ich etwa vergessen, dir das zu erzählen, Gabriel? Castiel kann sich dank Naomi an nichts erinnern. Die allgemein akzeptierte Version der Geschichte ist, dass Naomi ihn mit einer Garnison Engel aus dem Fegefeuer geholt hat. Das ist die hohe Kunst der Reboots – und deine Geschichte bedarf ebenso dringend einer Überholung. Für ihn bist du nur der Erzengel, der von Luzifer getötet wurde, plötzlich wieder auftaucht und ihn um Hilfe bittet."

Gabriel erstarrte, seine Gedanken rasten. Er glaubte Metatron jedes Wort, er hatte die Macht der Engelstafel am eigenen Leib erlebt. Wenn Castiel sich an nichts erinnern konnte, dann war es kein Wunder, dass Gabriel im Fegefeuer keine Nachricht von ihm erhalten hatte. Und wenn Naomi es gewesen war, die die Erinnerungen im Zuge einer ihrer „Umerziehungsmaßnahmen" entfernt hatte… Dann gab es auch keine Möglichkeit, sie wiederherzustellen.

Er benötigte unbedingt mehr Freiheiten.

„Verdammt... Aber musst du mir unbedingt die Rolle von Megan Fox geben? Das ist unglaubwürdig, wenn meine einzige Funktion das gerettet werden und hübsch aussehen ist", schmollte er übertrieben und kratzte sich am Kinn, ein perfektes Symbol gelangweilter Arroganz. „Außerdem ist Cassie als Superheld etwas übertrieben."

Innerlich zuckte er zusammen bei Castiels Namen, doch Metatrons langsames Nicken zeigte, dass manchmal der Zweck die Mittel heiligte. Langsam beugte Gabriel sich ein wenig vor. Es wurde Zeit für den finalen Schlag.

„Ich kann für dich den Betaleser machen. Niemand erfährt davon und es wird dein Name sein, der in die Geschichte eingeht. Es wird perfekt sein", erklärte Gabriel mit bescheidener Stimme und lenkte unauffällig seine Gnade auf Metatron. Ein verschobenes Neuron hier, ein elektrischer Impuls dort, seine Gnade getarnt durch jahrelange Erfahrung als Trickster. Am Ende war Metatron der Meinung, der Vorschlag war sein eigener, und gab Gabriel den Befehl, das Skript zu überarbeiten.

Als Erstes kürzte er seinen Auftritt im Porno und baute seine persönliche Sigille, das Horn Gabriels, ein. Wenn etwas Castiels Aufmerksamkeit erregen würde, dann dies. Ein kleiner Anschlussfehler hier, etwas künstlerische Freiheit dort, und er war sich sicher, dass er Castiel alle benötigten Informationen überlassen konnte. Metatron hatte keine Ahnung, welchen Fehler er mit der Gefangennahme Gabriels begangen hatte.

Der Trickster namens Gabriel schwebt in seinem warmen Himmel, zufrieden, losgelöst. Seine Finger gleiten über die Ketten, kribbeln, wenn sie die summenden Energiebänder berühren. Er kämpft nicht mehr. Er wartet.

Gabriel hätte seine Energie verschwendet, wäre wieder und wieder gegen die Macht der Engelstafel angerannt, bis seine Gnade sich aufgelöst hätte. Unfähig, sich der Gefangenschaft zu ergeben und zu schwach, sich dem Einfluss der Engelstafel zu entziehen.

Der Trickster hätte sich nur zu schnell dem mächtigeren Wesen unterworfen und es genossen, seinen Willen auszuführen und Strafen zu verteilen.

Gemeinsam jedoch können sie warten, unauffällig und doch wachsam, denn eines Tages wird Metatrons Aufmerksamkeit nachlassen. Seine Macht rührt allein von der Engelstafel, und er wird sie nicht dauerhaft bei sich behalten können. Castiel und die Winchesters wissen, dass er lebt, und sie haben die nötigen Informationen, um Metatron zu besiegen. Die Zeit wird kommen, da die Ketten sich lösen und seine Schwingen frei sind.

Der Trickster Gabriel kann warten.

Und schließlich geht ein Ruck durch den Himmel, explosiv freigesetzte Energie, die Ketten glühen auf, brennen in ihn und… verschwinden. Die Engelstafel ist nicht mehr.

Der Trickster Gabriel lächelt und streckt die Flügel.