Bindungen

20 Minuten nachdem die Leichname beseitigt wurden, wagt Eva wieder das Wort zu erheben. Die Meister haben sich mittlerweile auf ihren Plätzen eingefunden und für wenige Minuten beraten. „Was passiert mit unserer Schwester?", ihre Stimme ist nicht sonderlich laut, doch kraftvoll. Schließlich ist sie die Anführerin eines Zirkels und ihre Schwester wird noch zur Rechenschaft gezogen werden. Sie muss und möchte wissen, was auf sie alle zukommt. Aro richtet seinen Blick auf die drei Frauen am Rande. „Caius wird sich noch heute um sie kümmern", er deutet mit einer kurzen Handbewegung auf den Bruder zu seiner Linken. Er seufzt einmal auf und legt seine Hände abwartend auf die Lehne. „Ihr habt jedoch keinen Fehler begangen", erhebt plötzlich Markus das Wort. Schwerfällig und doch graziös richtet er sich von seinem Thron auf. „Deshalb darf ich euch nun bitten zu gehen." Stirnrunzelnd sehen die Schwestern zu den Meistern. Nur widerwillig unterdrückt Amelie ein Fauchen, Eva geht ein Stück weit auf ihre Herrscher zu. Dabei sind ihr Demetri und Felix stetig auf den Fersen. „Bitte, lasst und noch ein einziges Mal zu ihr", fleht sie. Doch Caius bedeutet den beiden Wachen, die ohnehin direkt neben Eva stehen, diese und ihren restlichen Clan nach draußen zu eskortieren. „Bitte geht nun", erhebt Markus wieder das Wort und der deutsche Clan wird mehr oder minder freiwillig vor die Tür geleitet. Felix und Demetri werden sicherstellen, dass die Drei das Schloss und Volterra verlassen werden. Glücklicherweise ist es noch immer Nacht, dennoch müssen sich die Deutschen beeilen rechtzeitig in sichere Gegenden vorzudringen, bevor die Sonne aufgeht.
Kopfschüttelnd sieht der Schwarzhaarige zu seinen Brüdern. „Immer diese Dramen", er seufzt einmal auf, „aber glückliche Enden sind eben so rar gesät." Erinnert an die Aussage, die er vor einiger Zeit gegenüber dem Cullenjungen getroffen hatte, wendet Caius seinen Kopf nur eine Millisekunde später zu seinem Bruder. „Ich bin noch immer der Meinung, dass wir den Cullen-Clan hätten vernichten müssen." – „Caius, bitte", wirft Aro ein, doch sein Bruder fährt fort. „Carlisle hat unsere Regeln zu oft gebrochen. Er scheint zu vergessen, wo seine Loyalität zu liegen hat." – „Bruder, diese Diskussion haben wir nun schon oft genug geführt", beginnt der Schwarzhaarige erneut, „unser Freund Carlisle hat immer noch etwas, das ich will." Wutschnaubend verlässt Caius den Thronsaal und macht sich auf den Weg in die Kellerräume. Nur kurze Zeit später, steht er bereits an der Zelle, in der Martha schon auf ihre Strafe wartet. Er weist die Wache vor der Tür an, diese zu öffnen und auf weitere Anweisungen zu warten. Nickend führt diese die angewiesene Aufgabe aus und positioniert sich vor der Tür, um auf seinen Meister zu warten. Mit einem Mal ist Caius' Wut wie verflogen, sie ist zwar immer noch zu kleinen Teilen vorhanden, doch er fühlt sich plötzlich ausgeglichener und verspürt wieder nicht den Drang diese einfache Nomadin zur Rechenschaft zu ziehen. Seine Wut wächst wieder, doch dieses Mal ist es die Wut auf sich selbst, auf seine mangelnde Selbstkontrolle. Er weiß nicht warum er diesen Menschen, der Martha so nah war, selbst töten und möglichst lange quälen wollte. Oder warum er ihnen überhaupt Demetri und Heidi hinterhergeschickt hat. Er wollte sie in Sicherheit wissen und dennoch weiß er nicht warum. Er kennt sie nicht, sie hat das wohl wichtigste Gesetz ihres Daseins gebrochen und trotzdem sorgt er sich um sie. Einer Sache ist er sich groteskerweise sicher, sollte es jemand wagen, ihr ein Haar zu krümmen, würde er persönlich dafür sorgen, dass diese Person eine gerechte Strafe erhält.
Kurz schließt Caius die Augen, er muss zunächst etwas testen. Aus diesem Grund verlässt er die Zelle wieder, was von Martha mit einem verwirrten und erleichterten Blick zugleich quittiert wird. Nachdem er sichergestellt hat, dass die Tür ordnungsgemäß verriegelt ist, macht er sich auf den Weg zu seiner Frau. Er liebt sie, das ist unbestreitbar, doch die Wirkung, die diese Vampirin im Kerker auf ihn hat, die hat noch nicht mal seine eigene Frau auf ihn. Er erhofft sich Antworten zu finden und im schlimmsten Fall muss er wohl seinen Bruder, Markus, aufsuchen. Er würde ihm mitteilen können, welche skurrile Verbindung zwischen der Nomadin und ihm besteht.
„Athenodora?" Caius betritt das zweite Zimmer im Turm der Frauen. Hier verbringt seine Gemahlin den größten Teil ihrer Zeit. Eiligen Schrittes kommt die Angesprochene aus dem anliegenden Raum und blickt ihren Mann fragend an. „Ich muss mit dir reden", beginnt der Meister der Volturi und nimmt auf einer der vielen Sitzmöglichkeiten Platz. „Was ist denn los?" Athenodora setzt sich neben ihn, legt ihre Hand behutsam auf die seine und mustert ihn besorgt. „Die Nomaden, die wir derzeit beherbergen, haben unser Geheimnis preisgegeben." – „Die Deutschen?", fragt seine Frau sicherheitshalber nach, da die Informationsbeschaffung in diesem Turm nicht sonderlich einfach ist. Caius nickt zur Bestätigung. „Hier in Volterra?", fährt Athenodora geschockt fort. „Nein, in Pisa", antwortet ihr Mann. Ein wenig erleichtert schließt sie kurz die Augen, ehe sie ihn wieder ansieht. „Sie wurden zur Rechenschaft gezogen, nehme ich an?" Sie kennt ihren Mann bestens und weiß wie er mit Straftätern umgeht. Er fackelt nicht lange, doch irgendetwas scheint ihn dieses Mal zu beschäftigen.
Caius weicht ihrem Blick aus und sieht durch den Raum. Einerseits ist sein jetziges Handeln sehr egoistisch, da er den direkten Vergleich zwischen seiner Frau und Martha spüren will. Andererseits ist es ihm mehr als willkommen, ein normales Gespräch mit jemandem zu führen, der einen versteht. „Die Sterblichen wurden vernichtet", beginnt er mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen als er daran zurückdenkt „drei des Clans wurden fortgeschickt!" Nun blickt er Athenodora an, diese mustert ihn verwirrt doch sagt nichts. „Die Vierte wartet in unseren Kerkern auf ihre Bestrafung", fährt Caius fort und steht auf. Er versteht es einfach nicht. Seine Frau vermag ihn zwar zu beruhigen, doch bei weitem nicht in dem Ausmaße wie die Deutsche in den Kerkern. Und obwohl er sie nicht kennt, fühlt es sich an als hätten sie Jahrhunderte zusammen verbracht. Nachdenklich marschiert er durch den Raum, ehe er nach einiger Zeit innehält. „Du wirkst aufgewühlt, Liebster", meint Athenodora mit ruhiger Stimme. Sie steht nun neben ihm und legt ihre Hand auf seine Schulter. „Es scheint mir, als kenne ich diese Nomadin seit einiger Zeit und doch habe ich sie vor 50 Jahren das erste Mal gesehen", antwortet er ihr wahrheitsgemäß. Und plötzlich ereilt die brünette Vampirin eine Vermutung. „Vielleicht solltest du dich mit deinen Brüdern unterhalten. Ich denke Markus könnte dir damit weiterhelfen." Seufzend sieht er zu ihr hinüber. „Vermutlich hast du Recht", meint er und küsst ihre Stirn, ehe er aus dem Raum eilt und den Turm schnellen Schrittes wieder verlässt. Er macht sich direkt auf den Weg zu seinem schweigsameren Bruder.
Als Caius den Raum verlässt, lässt sich Athenodora nachdenklich auf die Couch sinken. Sie weiß, dass sie beide keine Gefährten sind, es war zunächst ein Schock als Markus ihnen das erzählte. Doch mit der Zeit wurde es mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt und ihr Gemahl scheint es vollkommen vergessen zu haben. Oft hat sich Athenodora Gedanken darüber gemacht, was sie tun würde, wenn er seine wahre Gefährtin finden würde. Den Clan verlassen und fortan als Nomadin weiterleben? In die Wache wechseln und eventuell Heidi unterstützen? Kopfschüttelnd steht sie wieder auf und geht zu Sulpicias Raum. Sie beide teilen das gleiche Schicksal im Turm. Sie leben seit Millennien in diesem Zirkel mit ihren Ehemännern und haben einen Meister zum Partner. Jedoch waren Sulpicia und Didyme diejenigen, die auch ihre wahren Gefährten in einem Meister gefunden hatten, doch leider ging Letztere viel zu früh und die Lücke die sie hinterlassen hat kann nicht so einfach geschlossen werden.
Schwungvoll öffnet Caius die Türen zu Markus' Räumlichkeiten und geht mit langen Schritten auf seinen Bruder zu. Markus steht an einem der hinteren Tische und hält eine Schriftrolle in den Händen. Leicht blickt er auf, als er den Blonden auf sich zugehen sieht. „Caius? Wie kann ich dir helfen?" Langsam legt er das Papier wieder auf den Tisch und richtet nun seine vollständige Aufmerksamkeit auf den Angesprochenen. „Markus, welcher Art waren die Verbindungen, die du bei der schuldigen Nomadin ausmachen konntest?", fragt Caius gerade heraus und sieht seinen Bruder auffordernd an. „Nun", beginnt der Schwarzhaarige „sie hat einen nahezu familiären Bund zu ihren Schwestern", fährt er fort und sortiert einige Unterlagen auf dem Tisch. „Desweiteren ist ihr Bund zu den Volturi vollkommen loyal", endet er und blickt nun zu Caius, der ihn weiterhin auffordernd ansieht. Nach einer kurzen Pause fährt Markus fort, „Oh natürlich, da gibt es auch noch einen Bund zwischen Martha und dir, Bruder." Nachdenklich legt der Angesprochene die Stirn in Falten. „Von welchem Bund sprichst du?", forscht er weiter nach. Langsam geht Markus auf ihn zu und sieht ihn wissend an. „Von dem Bund, den nur Gefährten eingehen", erläutert er und wirkt für einen kurzen Moment in Gedanken versunken. Auch Caius verweilt einen Augenblick lang in Stille, ehe er das Wort erneut erhebt. „Und es gibt keinen Zweifel daran, Bruder?" – „Nicht den Geringsten", erwidert Markus noch immer leicht abwesend. Noch einmal sehen sich die Brüder in die Augen, bevor Caius leise fauchend den Raum wieder verlässt, dabei lässt er die Türen hinter sich kräftiger als nötig ins Schloss fallen.
Auf den Fluren kommt ihm bereits Aro entgegen. Freudig breitet er seine Arme ein wenig aus. „Caius, wie schön, dass ich dich endlich gefunden habe", beginnt er und kommt vor ihm zum Stehen. „Ich hatte mich nur gefragt, wann du dich um unseren Straftäter kümmerst? Ich war soeben bei ihr", fährt Aro fort und macht eine ausschweifende Handbewegung „nicht, dass sie unser Geheimnis noch weiteren Personen verraten hat." Ein leises Knurren entweicht Caius' Kehle, bevor er auf die Frage antwortet. „Noch heute, wie vereinbart." Nickend sieht Aro ihn an. „Wundervoll", meint er euphorisch und hält ihm seine Hand entgegen. „Würdest du deine Gedanken mit mir teilen?" Widerwillig geht der Blonde darauf ein, weiß er doch bestens über die manipulativen Fähigkeiten seines Bruders Bescheid. Doch selbst wenn er wollte, er würde sich letzten Endes dem Wort von Aro beugen.
Für einige Zeit stehen die beiden auf dem Gang ohne das einer auch nur einen Muskel rührt. Der Gesichtsausdruck des Schwarzhaarigen wechselt von euphorisch zu vorfreudig über verwirrt bis hin zu nachdenklich. Schließlich lässt er seine Hände sinken und blickt gedankenversunken drein. „Bruder, ich bin nicht in der Stimmung für deine Spielchen", meint Caius genervt. Doch gerade als er sich auf den Weg zu seinem Teil des Schlosses machen will, erhebt Aro das Wort. „Wir sollten uns beraten", er dreht sich um und sieht wissend in die Iriden seines Gegenübers „meinst du nicht auch, Caius?" Ein dunkles Grollen verlässt Caius' Kehle auf die Aussage seines Bruders hin. Wohlwissend, dass er ihm nicht widersprechen kann und wird, machen sie sich auf den Weg zurück in Markus' Räume, der die Diskussion wohl mitbekommen haben dürfte.