Die Frauen

Es ist einige Zeit vergangen seit Caius den Raum verlassen hat und Martha ist noch immer verwirrt, wenn sie sich auch soweit wieder gefasst hat. Neugierig erkundet sie das Zimmer, welches wohl sein eigenes zu sein scheint. An einer Wand entdeckt sie das Symbol der Volturi, das an einer Art Kette hängt. Es ist aus massivem Material, doch es wurde sehr präzise gearbeitet. Jedes kleinste Detail ist sauber ausgearbeitet und das komplette Symbol wurde vergoldet. Beeindruckt von der Handwerkskunst fährt Martha vorsichtig die feinen Linien nach, stets darauf bedacht es nicht zu stark zu berühren. Seufzend denkt sie an die Zeit zurück, in der die Menschen noch hauptsächlich auf diese Art und Weise ihren Lohn verdient hatten. Heute hingegen findet man solche Kunstwerke nur noch in rar gesäten, ausgewählten Läden oder auf so genannten Antiquitäts-Märkten. Ihre Gedanken schweifen weiter zu ihren Schwestern. Wie es ihnen wohl ergehen mag? Ob sie sich Gedanken um sie machen?
Doch ehe sie einen weiteren Gedanken fassen kann, ertönt ein kurzes Klopfen an der Tür. „Ja?", fragt Martha nach und im gleichen Moment öffnet sich die Tür. Zwei Frauen betreten den Raum, doch es scheinen noch weitere Vampire mit ihnen gekommen zu sein, die jedoch vor der Tür warten. Die brünette Vampirin schließt die Tür während die andere bereits auf die Deutsche zu geht. „Du musst Martha sein", beginnt sie. „Es ist schön dich endlich persönlich zu treffen. Das Gespräch um dich reichte sogar bis in unsere Gemächer", meint die Andere leicht amüsiert. „Es freut mich ebenso euch kennen zu lernen", erwidert Martha und sie schüttelt die Hände der beiden Frauen, ehe sie fortfährt. „Entschuldigt bitte die Frage, aber dürfte ich erfahren, wer ihr seid?"
Die Frau zu ihrer rechten beginnt leise zu kichern und legt ihr entschuldigend die Hand auf die Schulter. „Mein Name ist Sulpicia und das ist Athenodora." Nun bildet sich auch ein Lächeln auf Marthas Gesicht. Zwar kann sie mit den Namen der beiden nichts anfangen, doch sie scheinen nett zu sein und um einiges offener als die Vampire, die sie bisher unter diesem Dach getroffen hat. Mit einer Handbewegung dirigiert Athenodora die Anderen zu der edlen Sitzgarnitur in der Ecke. Sie selbst nimmt auf dem Sessel Platz, während Sulpicia und Martha mit der Couch vorliebnehmen. „Wie lange seid ihr beide schon hier?", fragt Martha und sieht abwartend zu ihren neuen Bekanntschaften. Diese sehen sich nachdenklich an. „Das ist eine sehr lange Zeit", meint die Brünette neben ihr nachdenklich. „Über 2000 Jahre, denke ich", fährt Athenodora fort, doch ihr Tonfall wirkt dabei keinesfalls so ausgeglichen wie der ihrer Freundin. Vielmehr wirkt sie abschätzend und prüfend. „Wir gehören zu den Ältesten und du bist die Jüngste des Clans." Sulpicia sieht die Angesprochene amüsiert an und lacht kurz auf. Die Stimmung die Sulpicia derzeit im Raum verbreitet ist vollkommen locker, auch wenn sich Martha hin und wieder fragt, warum sie so äußerst gut gelaunt ist. Gibt es etwas von dem sie nichts weiß? Athenodora wirkt auf sie eher zurückhaltend und abschätzend, womit Martha eigentlich keine Probleme hat schließlich kennen sie sich erst wenigen Minuten. Doch die Art und Weise wie sie sie mustert kommt ihr seltsam vor.
„Dem scheint wohl so", beginnt Martha und blickt für einen Augenblick gedankenversunken auf den Marmortisch vor sich, „Wisst ihr vielleicht warum ich hier bin? Ich weiß, dass ich das Gesetz brach und dafür hätte bestraft werden müssen." Nachdenklich sieht sie zu den Frauen und schließlich lässt sie ihren Blick ein wenig durch den Raum schweifen ohne etwas genau wahrzunehmen. Sie weiß zwar, dass Caius etwas von Gefährten sagte, doch glauben wollte sie es noch nicht. Das konnte einfach nicht wahr sein. Immer wieder sagt sie sich das in Gedanken. Dementsprechend bemerkt sie auch nicht den vielsagenden Blick den die Frauen austauschen. Mit einem leisen Räuspern zieht Athenodora die Aufmerksamkeit auf sich, ehe sie mit leicht verbitterter Stimme zu reden beginnt. „Es scheint wohl, als wäre mein Mann sehr angetan von dir." – „Und meiner ist angetan von denen, die die Aufmerksamkeit seiner Brüder geweckt haben", endet Sulpicia. Die beiden Ältesten sehen zu Martha, die ihre Gedanken zu ordnen scheint. Stille breitet sich für einige Zeit im Raum aus und keiner der Vampire rührt auch nur einen einzigen Muskel. Martha legt die Stirn in Falten und sieht Athenodora an. „Moment, soll das bedeuten Caius ist dein Mann?" Die Angesprochene lächelt matt. „So ist es!"
Sie wusste zwar seit vielen Jahren, dass sie und Caius keine Gefährten sind, doch sie liebten sich. Es fehlte zwar immer ein Stück, das den jeweils anderen vervollständigte, doch darüber dachten sie nie nach. Nun nach so langer Zeit zu erfahren, dass ihr Liebster seine wahre Gefährtin gefunden hatte, war ein Schock und doch wusste sie, dass dieser Tag irgendwann kommen musste. Es war ein Spiel das sie spielten, ein Wagnis das nun ein jähes Ende gefunden hat. Athenodora weiß, dass sie keinem der beiden einen Vorwurf machen kann, schließlich war es nur eine Frage der Zeit und sie gönnt ihm sein Glück, die Chance die sich ihm bietet. Doch nun an einem Tisch mit derjenigen zu sitzen, die ihre jahrtausendlange Liebschaft mit einem einzigen Blick auseinanderreißt, erfüllt sie mit Wut und Trauer zugleich. Die gewohnte Leichtigkeit, die sie täglich mit Sulpicia und Corin verspürt scheint wie weggefegt. Immerhin würde sie weiterhin im Clan bleiben, bei ihren Schwestern Sulpicia und Corin und ihren Brüdern Aro und Marcus. Nur eines weiß sie gewiss, beste Freundinnen würden sie und Martha niemals werden können. Nicht einmal im Clan akzeptieren, schließlich ist sie schuld an dem plötzlichen Umbruch. In dem Moment wird ihr klar, sie muss sich etwas einfallen lassen.

„Und dein Mann ist Aro?", fährt Martha fort und wendet sich an die Person neben ihr. Diese nickt ihr zu und blickt ihr freundlich entgegen. Doch die Sprechende verfällt anschließend wieder in Stille. Sie macht sich Gedanken darüber, was Athenodora wohl über sie denken würde, wenn Caius mit seiner Aussage über die Gefährten-Sache Recht behält. Natürlich entgeht Athenodora der Blick der Deutschen nicht. Ihr wird die ganze Situation schließlich zu viel. Sie kann nicht länger so tun, als würde Martha hier mehr als willkommen sein. „Ich werde zurück gehen!", meint sie in einem kühlen Tonfall. Sulpicia blickt aufmunternd zu ihrer Schwester und schließlich zu der Deutschen. „Ich komme gleich nach", erwidert Sulpicia sanftmütig und sieht ihrer Schwester hinterher. Stille herrscht für kurze Zeit im Raum, als Athenodora schwungvoll die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt. Fragend sehen sich die beiden übrigen Frauen an. Ehe Sulpicia erneut eine Konversation startet.
Es vergeht einige Zeit, in der sie über viele unbeschwerliche Themen reden, schließlich gelangen sie zum Thema ‚Verwandlung'. „Also hast du deinen Gefährten bereist als Mensch gefunden? Du Glückliche", meint Martha als Sulpicia ihre Geschichte erzählt hat. Keine von ihnen kann sich 100-prozentig an alles erinnern, doch ein Großteil ist noch vorhanden. „Ja das können nicht viele behaupten", meint Sulpicia lächelnd. „Und jetzt zu dir." Auffordernd sieht sie die Deutsche an. „Lass mich überlegen", beginnt Martha und tippt sich nachdenklich an ihr Kinn, „ich sollte vom Brunnen einen Eimer Wasser für die Nacht holen. Natürlich hatte man auch bei uns von dem großen Vampirkrieg gehört, doch viele taten es als Lügen ab und in unserer Gegend hatte man selten Vampire gesehen. Manche glaubten sogar, dass es sie gar nicht gibt." Die Frauen sehen sich amüsiert an und Martha fährt fort. „Gerade hatte ich den Eimer aus dem Brunnen gezogen und wollte mich auf den Rückweg machen, als ich von einem Vampir angefallen und gebissen wurde. Er war nicht darauf aus mich zu töten, er hatte irgendetwas in einer fremden Sprache gemurmelt und war Sekunden später schon wieder verschwunden. Nach meiner Verwandlung hatte ich glaube ich das halbe Dorf verwüstet und kurze Zeit später wurden die Volturi zum führenden Clan und die Regeln traten in Kraft", endet Martha mit ihrer Erzählung. „Ach ja, die Zeit als Neugeborene", schwelgt Sulpicia in Erinnerungen. „Didyme war die Einzige, die ich kannte die von Beginn an eine hervorragende Selbstkontrolle hatte", fährt sie schließlich fort. „Didyme?", fragend sieht Martha die brünette Vampirin an. Es dauert einen Augenblick bis die Ältere aus ihrem tranceartigen Zustand erwacht. „Didyme war Aros biologische Schwester und Marcus' Gefährtin", erklärt sie schließlich und Martha spürt, dass sie nicht weiter nachforschen sollte.
Nach einiger Zeit, in der die Frauen sich über diverse Themen unterhalten, beispielsweise über die rasante Entwicklung der Menschen in den letzten Jahrzenten, blickt Sulpicia plötzlich auf. Ihr Blick wirkt nahezu schmerzvoll, sie verspürt eine Leere die sie augenblicklich füllen muss. Bevor Martha auch nur danach fragen kann, beginnt Sulpicia zu reden. „Ich sollte auch zurück. Corin und Athenodora warten sicher schon auf mich." Die Ältere steht auf und blickt die Deutsche auffordernd an. „Möchtest du dich mir anschließen?" Kurz wägt die Angesprochene dies ab, doch sie hält es für besser, in diesem Raum zu bleiben. Nicht zuletzt da sie nicht weiß, wie sie sich gegenüber Athenodora verhalten soll. „Tut mir leid, vielleicht ein anderes Mal." Sulpicia umarmt Martha einmal kurz und begibt sich zur Tür. „Es war nett dich kennen gelernt zu haben", meint Sulpicia ehe sie den Raum verlässt.
Für einen Moment verweilt Martha noch an Ort und Stelle, ehe sie die Tätigkeit fortsetzt, die sie vor Sulpicias und Athenodoras Erscheinen begonnen hatte; den Raum erkunden. Neugierig geht sie zu dem Bücherregal und nimmt eines der Werke heraus. Es beinhaltet einige handgeschriebene Texte von Caius und dem Datum nach zu urteilen, müssen diese aus der Zeit kurz vor dem Krieg stammen. Wissbegierig durchforstet sie einige Seiten, ehe sie ein mulmiges Gefühl ereilt. Schnell stellt sie das Buch zurück auf seinen Platz und entfernt sich vom Regal und das keine Sekunde zu spät. Im nächsten Moment wird die Tür geöffnet und Caius steht im Raum. Durchdringend sieht er sie an und schließt die Tür hinter sich. „Es gibt einiges zu besprechen", mit diesen Worten dirigiert er sie, wie Athenodora zuvor, zu der Couch und setzt sich auf den Sessel. Sein rechtes Bein schlägt er über sein linkes während er Marthas Bewegungen studiert. Seine Hände liegen auf den Armlehnen und er sitzt dort mit einer Grazie wie nur er sie aufbringen kann.
„Du wirst neue Kleider erhalten, die deinem neuen Stand entsprechen und bei jedem offiziellen Anlass zu tragen sind", beginnt er monoton, noch ehe Martha richtig Platz genommen hat. „Des Weiteren werden ein alter Freund und sein Clan in den nächsten Tagen bei uns eintreffen. Deine Anwesenheit wird verlangt!" Der Frau bleibt nichts anderes zu tun als zu nicken. Sie braucht einen Moment um das Gesagte zu verarbeiten. Caius setzt sich aufrecht in den Sessel und seine komplette Haltung versprüht förmlich eine autoritäre Aura. „Während dieses Besuchs wirst du nicht von meiner Seite weichen, auch wenn Aro etwas anderes wünschen sollte. Verstanden?" Verwirrt blickt Martha ihn an. Ist das seine Art und Weise zu zeigen, dass er sie in Sicherheit wissen will? Doch sie versteht nicht, warum der Besuch eines befreundeten Clans in irgendeiner Weise gefährlich werden könnte. Als sie nach wenigen Momenten immer noch nicht antwortet, erhärtet sein Blick. Ein dunkles Knurren entweicht seiner Kehle und bringt die Deutsche dazu, sich wieder mit seiner Aussage zu befassen. „Verstanden!", antwortet Martha schnell, um einen möglichen Wutausbruch zu vermeiden der ausnahmslos gegen sie gerichtet wäre. Im Anschluss ist es still im Raum, eine Ruhe die Martha wieder zum Denken anregt. „Ich frage mich nur, wann ich meine Schwester wiedersehen kann", flüstert sie ohne wirklich zu bemerken, dass sie dies laut ausgesprochen hat. Caius zieht eine Augenbraue nach oben. „Ich fürchte das wird in nächster Zeit nicht möglich sein", antwortet er ihr in einer sachlichen Tonlage. Augenblicklich schnellt ihr Blick zu ihm. „Das kann nicht dein Ernst sein", stellt sie empört klar. Ihre Schwestern sind ihr wichtig und daran kann auch kein Volturimeister etwas ändern.
Im gleichen Moment verdunkeln sich Caius' Gesichtszüge. „Eine Frau hat einem Mann zu gehorchen und nicht zu widersprechen. Selbst deine Generation sollte dieses einfache Schema noch gelernt haben." Seine Worte sind klar und bedrohlich leise und ihre Wirkung doppelt effektiv. Getroffen blickt Martha zu Boden, das schlechte Gewissen scheint sie nahezu aufzufressen. Natürlich wurde ihr dieser Grundsatz zwischen Mann und Frau gelehrt, umso mehr plagen sie jetzt die Auswirkungen ihres falschen Handelns. „Aber ich muss mit ihnen sprechen, wissen dass es ihnen gut geht. Irgendwann, bitte", kommt es nun flehend über ihre Lippen. Ein amüsiertes Schmunzeln bildet sich auf dem Gesicht des Blonden, das entspricht doch schon eher der Art wie sie sich verhalten sollte. Eine Frau, die weiß wie sie sich zu benehmen hat, nicht wie die Jugendlichen heutzutage. Er bekommt zwar nicht alles mit, was im menschlichen Alltag von statten geht, dennoch bemerkt er die miserablen Verhaltensmuster der neueren Generationen. „An deiner Stelle würde ich mir in naher Zukunft keine allzu großen Hoffnungen machen", geht er auf ihre Aussage ein. Ergeben senkt sie den Kopf und nickt. Sie würde ihm nicht erneut widersprechen, dies wäre wider ihre Erziehung. Der Mann ist nun mal das Oberhaupt und insbesondere Caius sollte man dahingehend nicht unbedingt auf den Prüfstand stellen. Zumindest vorerst, denn eine Vampirin, die 1500 Jahre in nahezu zügelloser Freiheit gelebt hat, kann man nicht so einfach einsperren. Da kann selbst eine gute Erziehung nicht weiterhelfen, wenn eine eingepferchte Bestie mit allen Mitteln nach Freiheit strebt.