Ankunft des Cullen-Clans

Gedankenverloren wandert Martha durch die unterirdischen Hallen der Volturi-Festung. Das spärliche Licht genügt der Vampirin um ihre Umgebung genauestens wahrzunehmen. Sie wollte aus diesem Raum hinaus, alles erscheint ihr so unwirklich. Der plötzliche Wandel ihres Schicksals, das sonderbare und doch bedrohliche Verhalten von Athenodora und der immerwährende Kummer um ihre verlorenen Schwestern. Sie hatte zumindest gehofft noch einmal mit ihnen sprechen zu können. Ein einziges Mal, das ihr jedoch verwehrt bleibt. Wie konnte es nur soweit kommen. Es war nur ein Blick, der ihre ganze Existenz auf den Kopf stellte.
Nahezu beiläufig und doch behutsam fährt sie die Konturen der Säule entlang, ehe sie bemerkt, dass sich ihr jemand nähert. Hätte sie nicht das leise Flüstern zwischen dem Fremden und der Wache, die sie natürlich nicht aus den Augen lässt, vernommen, so hätte sie es doch spätestens bei dem zarten Luftzug bemerkt. Gepaart mit dem einmaligen Geruch desjenigen, der in ihrer derzeitigen Misere eine tragende Rolle spielt. Doch seltsamerweise beunruhigt sie dies im Augenblick nicht im Geringsten. Sie bleibt weiterhin in ihrem nachdenklichen, fast schon tranceartigen, Zustand. „Ich sehnte mich nach etwas Abwechslung", rechtfertigt sie sich selbst auf die ungestellte Frage hin. Ihre Hand wechselt von der groben Linie hin zur feinen Verzierung auf Brusthöhe der Marmorsäule. Eine Zeit lang ist es still ehe Caius das Wort erhebt.
„Du scheinst dich für Kunst zu interessieren", meint er beiläufig doch sie hört den interessierten Unterton aus seiner Stimme heraus. Mit wachsamen Augen beobachtet er die Frau vor sich. Ihr ein Haar zu krümmen käme ihm niemals in den Sinn. Doch er verweilt lang genug auf diesem Planeten und hatte genug Zeit die Psyche zu studieren, um zu wissen in welcher Phase sich seine Gefährtin befindet. Doch diesen einen Wunsch kann er ihr nicht erfüllen. Nicht einen Schritt wird sie, sofern irgend möglich, mehr vor diese Tore setzen. Es wäre zu gefährlich!
Verträumt nickt Martha auf seine Aussage hin. Nur langsam beginnt sie ihr Schicksal zu akzeptieren, lange genug hatte sie Zeit darüber nachzudenken. Seit sie wieder in der Festung ist, hat sie jegliches Zeitgefühl verloren. Es könnten Tage oder auch nur Stunden gewesen sein. Einer Sache ist sich allerdings klar geworden, sie würde ohnehin nicht entkommen können. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst ist, würde es ihr ein Stück ihres Herzens herausreißen.
Erstaunt hält sie plötzlich inne, als sie eine Hand auf der ihren spürt. Nur einen leichten Druck verspürt sie und dennoch ist es für ihn ein Leichtes sie zu führen, ihr eine Richtung zu geben nur um diese im nächsten Moment wieder zu ändern. Zaghaft lehnt sich Martha etwas nach hinten und lässt sich gegen ihn sinken. Es braucht keine Worte, jeder Laut würde die ungewohnte Zweisamkeit zerstören. Nach einer Zeit vernehmen beide Schritte, woraufhin sich Martha wieder aufrichten will, doch Caius stoppt sie in der Bewegung; hält sie sanft und doch bestimmend an Ort und Stelle. Es gibt niemanden, dem sie Rechenschaft ablegen müsste und erst recht nicht einer Wache. „Meister Aro fragt nach Euch, Meister Caius", Afton verbeugt sich leicht während der Angesprochene innerlich aufseufzt. „Geh zurück auf deinen Posten!", befiehlt er der Wache leise und diese geht der Aufforderung umgehend nach. „Du erinnerst dich an unsere Absprache?", fragt Caius nun seine Gefährtin geradeheraus. „Natürlich!", antwortet Martha verwirrt. Sie versteht immer noch nicht was an diesem Clan so gefährlich sein soll.

Nur kurze Zeit später erreichen Caius und Martha den Thronsaal, dort werden Sie bereits von Aro und Marcus erwartet. „Caius, Bruder, schön dass ihr so schnell hier sein konntet. Carlisle dürfte bald eintreffen." Dann richtet er seine Aufmerksamkeit an die Vampirin hinter seinem Bruder. Er geht einige Schritte auf sie zu, ehe er vor ihr zum Stehen kommt. Mit einem Lächeln auf den Lippen beginnt er zu reden. „Ich hoffe du hast dich bereits gut eingelebt", noch während er diese Worte an sie richtet, hält er ihr auffordernd seine Hand hin. Die Frau ist trotz der Tatsache, dass sie nun Mitglied dieses Zirkels ist, ein wenig verunsichert und richtet einen kurzen hilfesuchenden Blick an Caius. Dieser fixiert jedoch Aro und scheint ihre Bitten nicht wahrzunehmen.
„Nur keine Scheu, Liebes", geht der brünette Vampir auf ihr Handeln ein und verleiht seiner Aussage Nachdruck indem er nun direkt vor ihr steht und ihre Hände nur noch Zentimeter voneinander entfernt sind. Schnell richtet Martha ihre Aufmerksamkeit wieder auf Aro und legt schließlich ihre Hand in seine. Triumphierend lächelnd beginnt er damit ihre Gedanken zu durchforsten, doch sein Gesichtsausdruck ändert sich Sekunden später. Er muss dringend Rücksprache mit Corin und Chelsea halten, die Bindungen und Gefühlswelten von Martha und besonders Athenodora müssen korrigiert und stabilisiert werden. Doch damit wird er sich später befassen, zunächst muss er sich um den Cullen-Clan kümmern.
„Interessant", murmelt er als er ihre Hand loslässt, im Umdrehen Caius noch einen wissenden Blick zuwirft und schließlich zu seinem Thron geht. Martha ist für einen kurzen Moment wie erstarrt, doch als sie Caius' Hand auf ihrer Schulter spürt folgt sie ihm. Er nimmt Platz und dirigiert sie dabei zu seiner Rechten, dort stellt sie sich leicht hinter seinen Stuhl und blickt etwas nervös durch den Raum. Für einen kurzen Augenblick hält sie Blickkontakt mit Marcus, ehe dieser wieder die Tür fixiert. Nach und nach treffen die Wachen ein. Afton positioniert sich neben Marcus, Santiago und ein ihr unbekannter, männlicher Vampir stellen sich auf die linke Seite des Raumes, Jane und Alec hingegen auf die Rechte. Erst jetzt bemerkt Martha die kleine, zierliche Vampirin die ihren Platz hinter Aro eingenommen hat. Sie ist ein Schild, soweit Martha informiert ist, doch weitergehende Informationen konnte sie bisher nicht erlangen. Bevor ihre Blicke weiter die Runde machen können, erreicht sie ein beißender Geruch, der sie direkt dazu verleitet das Atmen einzustellen. Verwirrt legt sie ihre Stirn in Falten, auch einige der Wachen scheinen diesen Gestank angewidert wahrzunehmen. Die Meister scheint dies jedoch nicht zu stören, langsam ereilt Martha eine Ahnung, was Caius ihr mit seinen Andeutungen sagen wollte. Ihre Hände formen sich zu Fäusten und in diesem Moment öffnet sich die Tür zum Thronsaal.

Angeführt von Demetri betreten Carlisle und sein Clan die Halle. Der Tracker positioniert sich direkt an der rechten Seite der Tür, Felix der die Nachhut bildet, begibt sich zu seinem Posten auf der linken Seite. Carlisle steht an der Spitze der Gruppierung, seine Ehefrau Esme nur knapp dahinter, eine Hand auf seine Schulter gelegt blickt sie durch den Raum. Hinter den beiden stehen Alice und Jasper, sowie Renesmee und Jacob, die besonders argwöhnisch von den Wachen betrachtet werden. Bella und Edward befinden sich als Unterstützung direkt hinter den beiden, ihre Hände ineinander gelegt um sich gegenseitig Mut zuzusprechen. Neben ihnen haben sich Rosalie und Emmett positioniert, welche ernst in die Runde blicken.
„Carlisle, wie schön dich und deinen Clan nach so langer Zeit unter angenehmeren Umständen zu sehen", beginnt Aro und geht die Stufen hinab. Renata folgt ihm dabei wie ein zweiter Schatten. Mit einem leichten Lächeln geht Carlisle schließlich auf den Anführer der Volturi zu. „Die Freude ist ganz meinerseits, alter Freund." Zur Verwunderung vieler fragt Aro Carlisle nicht danach seine Gedanken zu lesen, auf welche erdenkliche Art auch immer. Leicht richtet sich der Blick des Meisters auf das jüngste Mitglied. „Erstaunlich diese Veränderung", dann wendet er sich an Bella. „Deine Tochter hat sich in eine junge Schönheit verwandelt." Die Angesprochene blickt ihn weiterhin ausdruckslos an, weshalb Aro sich wieder an den Mann vor ihm wendet. „Ich würde sie gerne näher kennen lernen!" Dieses Mal ist auch der befehlende Unterton wieder hörbar, doch auch das ungemeine Interesse kann er nicht vollends verbergen.
Carlisle dreht sich etwas um. „Renesmee, kommst du bitte." Auf diese Aufforderung hin blickt die Halbvampirin noch einmal zu ihren Eltern, die aufmunternd nicken. Tief durchatmend macht sie sich auf den Weg, wird jedoch von Jacob am Ellenbogen festgehalten. Dieser sieht ihr in die Augen mit einem Blick, der sie davon abhalten soll. Lächelnd entgegnet sie diesem und befreit sich aus seinem Griff kann jedoch nicht verhindern, dass er ihr folgt. Das weckt augenblicklich den Instinkt der Wachen, die im gleichen Zug einen Schritt auf den gesamten Clan zu machen, um ihren Meister zu schützen. Aro hebt kurz seine Hand, um ihnen zu signalisieren noch zu warten.

Langsam gehen Renesmee und Jacob auf den Anführer zu, bis sie neben Carlisle ankommen. „Hallo Aro", beginnt die junge Frau wie damals auf dem Feld, doch ihre Stimme ist nun nichtmehr so kindlich, sondern deutlich reifer und fraulicher geworden. Eindringlich mustert Aro die Halbvampirin und hält ihr die Hand hin, die sie nach kurzem Zögern auch annimmt. In der Zwischenzeit war sie in der Lage ihre Kräfte besser unter Kontrolle zu bekommen und nicht jedem, der sie berührt ihre Gedanken zu zeigen. Sie ist mit der Zeit erwachsener geworden.
Fasziniert durchforstet Aro ihre Gedanken und saugt dabei jedes noch so kleine Detail auf, um von dieser neuen Rasse zu lernen. Während dieser Zeit ist es ruhig im Raum, die Cullens versuchen ihre Ungeduld zu unterdrücken, einzig Jacob wechselt unruhig von einem auf den anderen Fuß. Ihn stört nicht allein die Tatsache, dass er hier in einem Schloss voller Vampire ist, sondern auch dass seine Freundin und seine zweite Familie ihre Existenz rechtfertigen müssen. Sein Atem wird hektischer und er muss sehr aufpassen, dass sein innerer Wolf nicht die Kontrolle übernimmt. Kurz bevor er endgültig die Beherrschung verliert löst Aro schließlich seine Hand von Renesmees und schaut für einen Moment nachdenklich drein. Tausende Gedanken sind in seinem Kopf, Informationen und erste Pläne die er zunächst sortieren muss.
„Wie du siehst Aro, wir haben keine Geheimnisse vor den Volturi", richtet Carlisle das Wort an den Meister vor sich. Nun scheint wieder etwas Leben in ihm zu erwachen. „In der Tat", antwortet er darauf und wendet sich kurz zu seinen Brüdern. „Du wirst sicher verstehen, lieber Freund, dass wir mehr darüber erfahren wollen und euch deshalb bald einen weiteren Besuch abstatten werden", Aro pausiert für einen Moment, ehe sich erneut ein schmales Lächeln auf seinen Lippen breit macht. Dass er dabei für einen kurzen Moment an Martha hängen bleibt, lässt Caius nichts Gutes erahnen.
„Carlisle", beginnt er euphorisch, „ich möchte dir unser neuestes Mitglied vorstellen!" Dabei dreht er sich von den Cullens um zu Martha und blickt sie auffordernd an.