Kapitel III – Tot
Es war einige Zeit vergangen und Hermine hatte es geschafft sich wieder mehr auf den Unterricht zu konzentrieren. Dennoch beobachtete sie Draco manchmal. Auch wenn sie sich geschworen hatte sich aus seinen Angelegenheiten herauszuhalten bereitete sein Zustand ihr dennoch Sorgen. Er wurde immer aggressiver anderen Schülern gegenüber. Selbst die meisten Slytherins hielten nun Abstand zu ihm. Allein Blaise Zabini war so gut wie immer in seiner Nähe. Er schien von seinen Wutausbrüchen unbeeindruckt zu sein und rettete so manchem Schüler den Tag, wenn sie sich in Dracos Schusslinie befanden. Sie selbst versuchte ihm seit ihrer Auseinandersetzung vor einigen Tagen nach dem Nachsitzen ebenfalls aus dem Weg zu gehen. Harry und Ron hingegen schienen sich keine Gedanken um sein Verhalten zu machen. Sie schoben es einfach auf die Tatsache, dass er eben ein Malfoy war. Es war also zwecklos mit ihnen darüber reden zu wollen.
Nun war das Wochenende gekommen und Hermine war bereits früh wach. Die anderen Mädchen waren alle noch am Schlafen und ihre Freunde würde sie so früh sicher nicht antreffen. Noch etwas müde schleppte sie sich nach dem Anziehen ins Badezimmer, wusch sich das Gesicht und putzte sich die Zähne. Ein kleiner Spaziergang am Morgen würde sicher nicht schaden, dachte sie sich und machte sich auf den Weg. Die Flure waren so gut wie leer, wie sie erwartet hatte. Nur ein Lehrer und eine kleine Gruppe von Schülern kamen ihr entgegen bis sie auch schon den Ausgang erreicht hatte.
Nachdem Hermine durch die großen Türen des Schlosses trat und an die frische Luft gelangte, streckte sie sich ausgiebig und atmete tief durch. Es war ein wolkenloser Tag und eine leichte Brise raschelte in den Bäumen. Die Brünette ließ ihren Blick schweifen und erkannte nicht weit von ihr eine Silhouette, welche urplötzlich zusammenbrach. Augenblicklich reagierte Hermine und rannte der Person entgegen, welche kraftlos versuchte sich wieder aufzurichten. Sie erkannte das platinblonde Haar des Slytherin sofort und ließ sich neben ihm auf die Knie fallen als sie bei ihm war.
Draco sah mehr als mitgenommen aus. Sein ganzer Leib zitterte, seine Kleidung zerrissen und blutdurchtränkt. Der Anblick brannte sich augenblicklich in ihr Gedächtnis ein und versetzte sie in eine Schockstarre. Was war mit ihm geschehen? Heiser stammelte er Worte vor sich hin und schien sie gar nicht wahrzunehmen. Erst als er laut knurrte konnte die Brünette sich wieder aus ihrer Schockstarre befreien und half ihm aufzustehen. „Was ist mir dir passiert?", fragte sie und ihre Stimme bebte. Doch ihre Worte schienen nicht an sein Gehör zu dringen. Er stammelte weiter vor sich hin oder knurrte wie ein wildes Tier. Seine grauen Augen musterten sie zuckend, doch er schien sie nicht direkt anzusehen. Es kam ihr vor, als schaue er direkt durch die hindurch, so als sei sie für ihn gar nicht wirklich existent. Hermine musste irgendetwas tun, das war ihr klar, doch was sie genau tun sollte war ihr nicht klar. Ihre Gedanken ratterten tausend Möglichkeiten durch, doch blieben nur wenig sinnvolle Alternativen bestehen. Entweder sie brachte Draco in den Krankenflügel, wo Madame Pomfrey jedoch tausend Fragen stellen würde und sicher nicht nur ihm sondern auch ihr selbst negative Aufmerksamkeit bescheren würde. Oder sie würde ihn vorerst ungesehen ins Schloss schaffen und sich selbst ein Bild von seinen Verletzungen machen. Schließlich war sie keine unbegabte Hexe, vielleicht würde sie bereits helfen können. Ihr Verstand schrie sie innerlich an, dass sie doch vernünftig sein sollte, doch ihr Instinkt sagte ihr etwas anderes.
So gut es ging hielt sie den blutüberströmten Slytherin aufrecht und brachte ihn ins Schloss. Zu ihrem Glück konnte er noch richtig laufen, sodass sie relativ schnell vorankamen. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen schlichen sie durch die Gänge. Aufmerksam lauschte Hermine um jede Ecke, ob sich dort ein Schüler oder Lehrer befand, ehe sie weiter liefen. Irgendwie hatte Hermine es geschafft ihn ungesehen in die verlassene Mädchentoilette zu schleifen. Sie wusste kaum, warum sie ihn nicht in den Krankenflügel gebracht hatte, doch sie wusste, dass er in größeren Schwierigkeiten steckte als eine harmlose Auseinandersetzung. Mittlerweile hatte Draco sich beruhigt. Kein Laut kam ihm mehr über die Lippen, jedoch ging auch keine Regung mehr von ihm aus. Es kam ihr vor, als hätte eine Besessenheit plötzlich wieder von ihm abgelassen und ließ ihn totenstill zurück. Ausdruckslose Augen starrten sie an, nachdem sie ihn vorsichtig auf den Boden gelegt hatte. Der Blonde sagte nichts, sah sie an ohne sie wirklich zu sehen. Hastig riss sie die letzten Fetzen seines Hemdes entzwei und suchte nach den Wunden, doch es waren keine da. Er war körperlich völlig unversehrt. Nur Schmutz und Blut bedeckten seine bleiche Haut. Mit schreckgeweiteten Augen sah sie Draco an und begann selbst zu zittern. Eine Wahrheit schien sich in ihren Kopf zu drängen, welche sie am liebsten sofort von sich gestoßen hätte. „W-wessen Blut ist das...?", ihre Stimme klang brüchig und unter ihren Händen begann Draco sich plötzlich zu regen. Er schien zu zucken und zu wimmern. Hermine zog die Augenbrauen zusammen und sah ebenso verwirrt wie abgestoßen zu ihm hinunter. Er wimmerte nicht – er lachte! Ein heiseres und kaum hörbares Lachen entwich seinen Lippen. Ein eiskalter Schauer lief Hermine über den Rücken. Er musste verrückt sein! Wahnsinnig! Völlig durchgedreht! Befleckt von fremdem Blut begann er wie ein irrer zu lachen. Instinktiv wich das Mädchen zurück und glotzte ihn in absurder Faszination an. Es klang so falsch, so unecht, dass sie kaum realisieren konnte, dass es wirklich geschah. Sie hatte ihn schon lachen gehört, etwa wenn er mit seiner Gefolgschaft unterwegs war oder glaubte einen besonders intelligenten Spruch gebracht zu haben. Doch sein Lachen klang nun fremdartig, als sei ein weiteres Ich in seinem Körper gefangen, welches nun zum Vorschein trat. Sie hatte ihn immer für einen Idioten gehalten der zwar große Sprüche klopfte aber eigentlich ein Feigling war. Doch für einen Psychopathen der lachend Leute mordete? Nein, irgendetwas verlief hier gewaltig schief.
Nach einer endlos scheinenden Weile verstummte er und starrte wieder ausdruckslos an die Decke. Langsam begann auch Hermine sich wieder zu fangen. Sie atmete tief durch betrachtete ihre zitternden Hände, bis auch sie wieder still hielten. Sie musste doch irgendetwas tun. Ob es nun sein Blut war oder nicht, er brauchte Hilfe und sie war die einzige die ihm in diesem Moment Hilfe bieten konnte. Plötzlich vernahm sie einen lauten Atemzug von Draco, als sei ihm eine schwere Last von der Brust genommen worden, ehe er sich auf seine Arme aufstützte und sich offensichtlich verwirrt umsah. „W-was... wo... passiert...?", er stammelte abgebrochene Worte vor sich hin, bevor seine sturmgrauen Augen die Hermines erblickten. Aus dem Augenwinkel vernahm sie seine Hand, welche gedankenlos das schmierige Blut zwischen den Fingern rieb. „Ich habe dich auf den Ländereien gefunden. Dort bist du wohl zusammengebrochen.", begann sie zu sprechen, nachdem sie ihre Stimme wiedergefunden hatte, „Also habe ich dich hergebracht." In ihrer Erklärung schien einiges zu fehlen, denn der Blonde sah sie noch immer fragend an. „Was ist passiert?", fragte sie ohne auf seine wortlose Frage einzugehen. Sie wusste ja selber keine Antworten, diese musste er schon selbst liefern. Eigentlich hatte Hermine damit gerechnet, dass er sich patzig von ihr abwenden würde, fragen würde, was sie das angehen würde und gehen würde. Doch offensichtlich war er so durcheinander, dass er völlig aus seiner üblichen Rolle fiel. „Ich weiß es nicht...", brachte er tonlos hervor und betrachtete das Blut, das an ihm klebte. Die Gryffindor glaubte ein Funkeln in seinen Augen erkannt zu haben. Einen kurzen Moment in dem sich der Nebel in seinem Kopf lichtete und wissende Gier hervorstach. Kaum merklich schüttelte sie den Kopf um den Gedanken loszuwerden und konzentrierte sich wieder auf ihre Atmung. Schließlich erlangte sein Blick wieder Klarheit und die Präsenz der anderen Existenz fiel augenblicklich in sich zusammen. Ein weiteres Mal sah er sich um, dieses Mal jedoch aufmerksamer, als stelle er erneut zum ersten Mal fest, wo er sich befand. Angestrengt versuchte er sich aufzusetzen, rutschte bei dem ersten Versuch jedoch mit seinem Arm weg und landete wieder auf dem Rücken. Ohne nachzudenken machte Hermine ein paar Schritte auf ihn zu, packte ihn am Arm und stützte ihn am Rücken, damit er sich aufsetzen konnte. Zu ihrer Überraschung ließ er sie schweigend gewähren. Dann setzte sie sich neben ihn auf den kalten Boden, legte die Hände in den Schoß und sah ihn sorgenvoll an. „Malfoy?", ihre Stimme klang zögernd, so als wollte sie sichergehen, dass ihre Stimme ihn nicht plötzlich aufschrecken ließ. „Wieso hast du mir geholfen?", er schien ihrem Blick auszuweichen. Vielleicht hatte er Angst davor zu erkennen, dass sie wirklich da war, dass diese Situation real war. Hätte sein Verstand diese Erkenntnis zugelassen, da war Hermine sich sicher, hätte er sich anders verhalten, nicht so ruhig, nicht so... echt. „Ich konnte dich doch nicht einfach dort liegen lassen.", antwortete sie mit sanfter Stimme, als sei es völlig selbstverständlich gewesen. Dieser Vorfall bestätigte Hermine nur, dass Draco Probleme hatte und wenn man einem Draco Malfoy anmerkte, dass er Probleme hatte, dann mussten es große Probleme sein. Sie konnte nicht einfach dabei zusehen, wie er sich zu zerstören schien, selbst wenn er sich sonst wie ein riesen Idiot aufführte. Das hatte er einfach nicht verdient. „Natürlich hättest du mich liegen lassen können.", durchbrach er die kurze Stille, welche zuvor eingetreten war. Seine brüchige Stimme verriet ihr, dass er nicht damit gerechnet hatte von irgendwem Hilfe zu bekommen. Hermine war bewusst, dass es zwecklos war diese Diskussion zu führen, also kommentierte sie seine Bemerkung lediglich mit einem Kopfschütteln. Auch wenn er es nicht zugeben würde, so brauchte er doch Hilfe und wenn alle anderen vor ihm zu fliehen schienen, dann würde sie ihm eben helfen. Vielleicht war es ein absurder Gedanke, dass ausgerechnet sie ihm helfen wollte, doch in diesem Moment fühlte es sich einfach richtig an. Erst jetzt sah er sie wirklich an und vielleicht realisierte er erst in diesem Moment, dass sie wirklich da war. Doch er sagte nichts weiter. Seine ausdruckslosen grauen Augen blickten zu ihr herüber und schweigend blickte sie zurück. Stille erfüllte den Raum, doch Hermine nahm es nicht als unangenehm war. Vielmehr erfüllte die Stille sie mit einer inneren Ruhe, einem Gleichgewicht, welches sich ausbreitete und sie glaubte auch in Dracos Augen zu erkennen, dass die Stille ihm gut tat. Ihr fiel auf, dass sie ihn nie wirklich angesehen hatte und zum ersten Mal das tosende Grau in seinen Augen bewusst wahrnahm. Es war merkwürdig ihn so zu sehen und doch fand sie Gefallen daran zu erkennen, dass hinter dem Eisprinzen von Slytherin doch tiefere Emotionen steckten. So saßen sie sich eine endlos scheinende Weile gegenüber und sahen einander an ohne ein Wort zu wechseln, bis Hermine ein Geräusch von den Fluren aus vernahm. Es wurde langsam Zeit, dass sie hier verschwanden, denn bald würden mehrere Schüler auf den Fluren sein und dann würde es für Draco schwierig werden unbemerkt in den Gemeinschaftsraum zu gelangen. „Kannst du aufstehen?", fragte sie und ihre eigene Stimme wirkte fast fremd auf sie. Der Blonde nickte. Etwas unbeholfen stützte er sich mit den Armen vom Boden ab und schaffte es mit Hermines Hilfe aufzustehen. Es schien ihm schon merklich besser zu gehen, auch wenn er durch seine zerrissene Kleidung und das Blut darauf nicht den Anschein machte. Hermine versuchte den Gedanken an das Blut zu verdrängen. Nach einigen Schritten schien Draco wieder ohne Hilfe laufen zu können und mit einem letzten Blick verabschiedete er sich wortlos um in die Kerker zurückzukehren und ließ Hermine alleine zurück. Nichtwissend was sie davon halten solle starrte sie auf die Tür, durch welche er gerade verschwunden war. „Was ist dir nur passiert...?", flüsterte sie in die Leere des Raumes, ehe sie ihn selbst zurückließ.
Als Hermine am Abend die große Halle betrat war das Getuschel an den Tischen groß. Sie wusste nicht, was für Gerüchte schon wieder umhergingen und eigentlich interessierte es sie auch nicht sonderlich. Meist war es nicht von belangen was die Schülermasse bewegte und häufig war an den großen Gerüchten nichts dran. In Gedanken versunken setzte sie sich zu Harry und Ron an den Tisch, welche bereits vor ihr dagewesen waren und begrüßte sie herzlich. Da Hermine sich den ganzen Tag über in die Bibliothek zurückgezogen hatte und auch nicht zum Mittagessen erschienen war, hatte sie die beiden bis dahin noch nicht gesehen. „Hey, wo hast du denn den ganzen Tag gesteckt?", fragte Harry direkt drauflos, während er sich etwas zu Essen nahm. „Sie war sicher in der Bibliothek und hat nichts mitbekommen, stimmts?", murmelte Ron während er sich Kartoffelsalat in den Mund schaufelte. Hermine ignorierte Rons widerliche Angewohnheit mit vollem Mund zu sprechen wie üblich und nickte. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie ein Blondschopf die große Halle betrat und sich an den Slytherintisch setzte. Sie brauchte nicht hinzusehen um sich sicher zu sein, dass es Draco war, welcher gerade eingetreten war. Offensichtlich ging es ihm schon besser, was Hermine ein wenig erleichterte. „Was habe ich denn nicht mitbekommen?", fragte sie eher beiläufig, während sie sich etwas Tee einschenkte. Etwas ungläubig darüber, dass Hermine offenbar wirklich noch nicht die neusten Nachrichten gehört hatte starrten Harry und Ron sie an. Hastig schnappte sich Harry einen Tagespropheten, welcher den Kürbissaftflecken nach zu urteilen schon seit dem Frühstück hier gelegen hatte. „In Hogsmead, in der Nähe vom Eberkopf haben sie einen Zauberer tot aufgefunden. Man vermutet, dass ihn ein großes Tier oder sogar ein Werwolf angegriffen habe.", erklärte Harry ihr kurzerhand und drückte ihr den Tagespropheten in die Hand. Mit einem Mal überkam sie eine schreckliche Ahnung. Ihre Hände begannen leicht zu zittern, als sie den Artikel überflog.
...beim Eberkopf... ein betrunkener Spieler tot... an Wunden verblutet... großes Tier... Werwolf...
Sie schluckte hart und fand kaum Worte für das, was ihr gerade durch den Kopf schoss. Konnte es sein? So fürchterlich die Wahrheit auch war, es gab keine andere. Wie aus Reflex sah sie hoch und hinüber zum Slytherintisch. Völlig aufgebracht war Draco aufgesprungen und stürmte unter den Blicken vieler Schüler aus der großen Halle. Sie erkannte das Blaise ebenfalls einen Tagespropheten in den Händen hielt und ihn offenbar Draco gezeigt hatte. Es war nicht sein Blut gewesen, das musste Draco in diesem Augenblick schlagartig realisiert haben, so gut er es auch versucht hatte zu verdrängen. Jetzt war ihm klar, wessen Blut es war und dieser jemand war tot...
A/N: Ich entschuldige mich dafür, dass das nächste Kapitel so lange gedauert hat, aber leider hat mit die Arbeit und die Uni doch mehr in Anspruch genommen, als ich gehofft hatte. Aber es wird auf jeden Fall weitergehen :)
