Unbekannter Ort, 2009
„Dr. Wesker?"
Der Angesprochene antwortete nicht. Er stand nur regungslos, mit den Armen hinter dem Rücken verschränkt vor einem gläsernen Wassertank und betrachtete das Forschungsobjekt, das sich darin befand. Das Labor lag im Dunkeln. Nur der hohe Behälter war erleuchtet und die Flüssigkeit tauchte den Raum in schwaches grünes Licht. Von den Geräten ging ein leises Summen aus.
„Alexander?"
Erst jetzt wandte sich der Mann namens Alexander Wesker um. Er war groß und vollständig in Schwarz gekleidet. Einer seiner Mitarbeiter hatte das Labor betreten.
„Dr. Isaacs, was tun Sie so spät hier unten?"
Dr. Isaacs war ein kleiner, untersetzter Mann mit schütterem Haar und Brille. Er trug einen weißen Laborkittel.
„Ich wollte nach Ihnen sehen. Ich war besorgt."
Wesker ging nicht darauf ein, sondern wandte sich wieder dem Wassertank zu. Kleine Blasen stiegen in der Flüssigkeit nach oben. Einige Zeit standen sie die beiden Forscher schweigend nebeneinander und betrachteten das Schauspiel vor ihnen.
„Es ist zu spät", sagte Dr. Isaacs schließlich, wobei er sich bemühte, möglichst taktvoll zu klingen, um seinen Vorgesetzten nicht zu verärgern. Es war jedoch auch Besorgnis aus seiner Stimme herauszuhören.
„Ja, da haben Sie wohl Recht, Dr.", antwortete Alex, doch er lächelte dabei, was seinen Mitarbeiter irritierte.
„Theoretisch. Theoretisch sind das nur leblose, tote Überreste ohne messbare Hirnfunktionen oder Kreislaufaktivität. Faktisch jedoch sieht es ein bisschen anders aus."
Er deutete auf ein Mikroskop, das auf der Ablage neben dem Wasserbehälter stand. Dr. Isaacs sah seinen Vorgesetzten fragend an. Als dieser ihm ermutigend zunickte, schritt er zu dem Mikroskop und blickte hindurch.
Als er die Situation begriffen hatte, wandte er sich bestürzt an Wesker, offenbar außerstande, die treffenden Worte zu finden.
„Wie ist das möglich?!"
„Ich habe es Ihnen ja gesagt."
Dr. Isaacs warf einen erneuten Blick durch das Mikroskop.
„Das ist unglaublich."
„Anhand der Gewebeprobe, die ich genommen habe, sieht man eindeutig, dass der Virus noch aktiv ist und bereits den Zellerneuerungsprozess eingeleitet hat. Die Zellteilung verläuft zwar nicht linear ab, sondern mal langsam, mal beschleunigt, aber sie ist da. Das bedeutet Leben."
Dr. Isaacs wandte sich mit ernstem und besorgtem Gesicht an Alex.
„Sie wissen, dass ich loyal bin. Ich habe Sie immer unterstützt, egal, was Sie getan haben, doch in diesem Fall ..." Er brach ab und suchte nach den richtigen Worten.
„Sind Sie sich sicher, dass Sie das tun wollen? Nach allem ... Und es könnte Jahre dauern. Warum?"
Alex Wesker sah mit ausdruckloser, versteinerter Miene auf das Etwas, das in der Flüssigkeit trieb. „Ich schulde ihm etwas."
Ein kleiner Junge spielte fröhlich und ausgelassen lachend auf einer gründen Wiese. Ein weiß-schwarzer Hund sprang laut bellend um ihm herum. Wasser spritzte. Es war ein warmer Sommertag und die Sonne strahlte vom Himmel.
Dunkelheit.
Ein Mann stand vor ihm und zielte mit einer Waffe auf ihn.
Dunkelheit.
Er sah tief in ihre blauen Augen. Ihre Gesichter nähersten sich einander. Sie schloss die Augen. Sein Herz pochte vor Aufregung. Hoffentlich erwischte sie niemand, denn eigentlich durften sie niemanden von draußen mitbringen. Ihr warmer Atem strich über seine Haut. Er spürte ihre weichen Lippen auf den seinen ...
Abermals verschwammen die Bilder in Dunkelheit.
Der Mann trug eine Uniform der BSAA und er war nicht allein. Eine Frau begleitete ihn. Sie schossen auf ihn. Er spürte den Luftzug, als die Kugeln knapp an ihm vorbei die Luft durchschnitten. Die beiden Personen fügten ihm Schmerzen zu. Irgendetwas kroch wie Gift durch seinen Körper. Die Bilder vor seinen Augen verschwammen ...
Sie war 22. Sie sagte, sie käme aus Edonien, in Osteuropa, und wolle ihr Glück in Amerika suchen. Er war gern mit ihr zusammen. In ihrer Gegenwart spürte er Dinge, die ihm fremd waren. Er konnte, er durfte sie nicht mehr sehen. Er verließ die Wohnung und kehrte nie zurück ...
Die Szene wurde überschattet.
Schmerzen. Alles, was er fühlte, waren unerträgliche Schmerzen. Sein Geist war wie benommen. Über sich sah er den Mann und die beiden Frauen. Der Hubschrauber dröhnte in seinen Ohren. Irgendetwas in ihm tobte vor blankem Hass und Zorn. „Chriiiiiiis!" Er versuchte, nach ihm zu greifen, doch er wurde von gewaltigem Schmerz überwältigt und die Dunkelheit verschlang ihn ...
Er konnte und wollte die Schmerzen nicht mehr ertragen. Er wollte dieser schrecklichen Dunkelheit, den quälenden Erinnerungen endlich entfliehen. Er riss und zerrte, wollte sich losreißen, doch etwas hielt ihn fest. Er war so schwach. Sein Atem und sein Herzschlag wurden schneller, von irgendwoher ertönte ein Pfeifton. Er spürte die Nässe auf seiner Haut, er war im Wasser. Doch er konnte atmen. Glas zerbrach. Seine Augenlider waren schwer wie Blei. Die Bilder vor seinen Augen waren nur schemenhaft. Gestalten in weißen Gewändern umringten ihn. Gedämpfte Stimmen drangen an seine Ohren. Hände berührten ihn. Abermals versank er in Dunkelheit.
