22. Oktober 2013
Jake hatte in seinem kurzen Leben bereits viel gesehen und erlebt, aber er konnte sich nicht erinnern, jemals in so einer absurden Situation gewesen zu sein.
Es war leicht, einer Horde B.O.W.s gegenüber zu stehen, zu schießen und zu töten. Man brauchte nicht zu denken oder zu fühlen, man musste nur handeln.
Was man aber tun sollte, was man denken oder fühlen sollte, wenn man Chris Redfield, dem Mann, der Albert Wesker ermordet hatte, gegenüber saß, das wusste Jake nicht.
Was er freilich wusste, war, dass der Tag ihres Zusammentreffens früher oder später unvermeidbar gewesen war.
Jake hatte, nachdem er sein Blut für die Herstellung eines Impfstoffes zur Verfügung gestellt hatte und Sherry in die Staaten zurückgekehrt war, viel Zeit zum Nachdenken gebraucht. Die Erkenntnis über seine Herkunft und die Tatsache, dass er dem Mann begegnet war, der für den Tod seines Vaters verantwortlich war, hatten ihn all die Monate beschäftigt. Die Aussicht, mehr über seinen Vater zu erfahren, war seit seiner Kindheit sein Wunsch gewesen, doch er hatte nie geglaubt, jemals die Möglichkeit zubekommen. Als es schließlich soweit war, musste er sich eingestehen, dass alles zu viel und er noch nicht so weit war.
Er war durch den Nahen Osten gereist und hatte als Söldner ein paar Dörfer von B.O.W.s befreit, bis er endlich innerlich dazu bereit war, sich dem zu stellen, dem er so lange aus dem Weg gegangen war.
Und nun, saß er hier, in der Zentrale der amerikanischen B.S.A.A. in einem leeren Konferenzraum, sich gegenüber Chris Redfield.
Jake hatte nicht lange gefackelt. Nach seiner Ankunft mit dem Flugzeug, war er schnurstracks in das Gebäude marschiert, hatte die Empfangsdame und eine Sekretärin ignoriert und nach Redfield verlangt.
Dieser hatte gerade seine Sachen gepackt, als Jake in sein Büro gestürmt kam. Chris hatte die aufgeregte Sekretärin, die sich zu entschuldigen versuchte, beruhigt und sie gebeten, Jake in den Konferenzraum zu führen, wo er warten sollte. Etwas später war Chris nachgekommen und hatte die Tür geschlossen, sodass sie ungestört reden konnten.
Bislang allerdings waren sie sich nur wortlos gegenüber gesessen. Jake saß lässig in seinem Stuhl zurückgelehnt und hatte die Beine überkreuz auf dem Tisch abgelegt. Chris musterte ihn eindringlich. An seiner linken Wange hatte er ein feine Narbe an der Stelle, an der Jakes Kugel sein Gesicht gestreift hatte.
„Ich hab irgendwie keinen Plan, warum ich eigentlich hier bin", meinte Jake schließlich und blickte zum ersten Mal auf. „Was ich mir davon erhoffe."
Er nahm seine Füße vom Tisch und erhob sich. Chris´ Blick ruhte die ganze Zeit auf ihm, als er mit verschränkten Armen langsam im Raum auf und abschritt.
„Ich hatte mir ja überlegt, ob ich dir nicht doch eine Kugel durch den Kopf jagen soll." Er deutete auf die Narbe an Chris´ Wange. „Aber ich schätze, ich will Antworten."
Chris nickte. „Die sollst du bekommen. Ich habe mich die ganze Zeit, seit China, gefragt, wann ich dich wiedersehen würde."
„Und jetzt bin ich da. Also, bringen wir es hinter uns", sagte Jake fordernd.
Auch wenn es nach außen nicht den Anschein hatte, er fühlte große innere Unruhe in sich. Er hatte bei Weitem gefährlichere Situationen gemeistert, aber das Gespräch mit Redfield schien ihm die größte und schwierigste aller Herausforderungen zu sein.
„Was willst du wissen?", fragte Chris.
„Alles. So viel wie es zu sagen gibt", sagte Jake hart.
„Gut."
Chris erhob sich jetzt ebenfalls, schritt langsam zum Fenster und blicke nachdenklich nach draußen. Es war auch für ihn keine leichte Situation, dem Kind seines Erzfeindes gegenüberzustehen. Vor allem nicht, weil er nachvollziehen konnte, wie sich der Junge fühlte und weil es ihm einen schmerzhaften Stich versetzte, wie verbittert Jake war. Das Leben hatte diesen jungen Menschen gezeichnet und ihm übel mitgespielt. Jake mochte nach außen hin noch so gleichgültig oder unnahbar wirken, Chris wusste genau, dass er seinen Schmerz und seine Wut weggesperrt hatte.
„Ich war bei der Air Force, aber kam desöfteren in Konflikt mit meinen Vorgesetzten. Deshalb bin ich mit Anfang 20 gegangen und stand praktisch vor dem Nichts. Ein Freund von mir, Barry Burton, hat sich um eine Stelle im Raccoon City Police Department beworben, weil dort 1996 eine neue Einheit gegründet wurde. Die S.T.A.R.S. Er brachte mich dazu, mich ebenfalls zu bewerben, weil ich nichts zu verlieren hatte.
So traf ich auf deinen Vater. Er war Captain des Alpha- Teams und mein Vorgesetzter. Wir haben zwei Jahre zusammen gearbeitet. Ich habe deinen Vater immer sehr bewundert und als Captain habe ich zu ihm aufgesehen. Bis zu diesem Vorfall im Herrenhaus."
Chris konnte auch heute noch manchmal die Geschehnisse von damals nicht wirklich begreifen. Er hatte es nie gerne zugegeben, aber Weskers Verrat hatte ihn schwer erschüttert.
„Dein Vater war ein Doppelagent für Umbrella und unser Team war auf einer Lüge aufgebaut worden. 1998 kam es zu seltsamen Vorfällen in Raccoon. Mordfälle häuften sich und am Abend des 24. Julis brachen wir in die Arklay Mountains auf, weil Bravo- Team vermisst wurde. Wir sollten die seltsamen Vorkommnisse untersuchen..."
Er musste Luft holen. Die Bilder jener Nacht erschienen vor seinem geistigen Auge.
„Dein Vater hat uns eine Falle gelockt. In Wirklichkeit wollte man Daten über B.O.W.s sammeln. Wir kamen in das alte Herrenhaus, wo am T-Virus geforscht worden war. Durch einen Unfall wurden die Bewohner dort in Monster verwandelt. Wir fanden heraus, dass dein Vater dort gearbeitet hat und dass Umbrella die S.T.A.R.S. vernichten wollte.
Dein Vater hatte seine Flucht geplant. Er täuschte seinen Tod vor, indem er sich vor einem Tyranten töten ließ.
Neben mir, sind meine spätere Partnerin Jill Valentine, Barry Burton und Rebecca Chambers als die einzigen Überlebenden rausgekommen.
Das Haus wurde zerstört und wir alle dachten, dein Vater wäre tot. Dem war aber nicht so."
Er wandte sich um und sah Jake an.
„Ich traf ihn auf Rockfort Island wieder, eine Insel mit einem Gefängnis, wo meine Schwester Claire festgehalten wurde. Später dann in der Antarktis. Er war auf den T-Veronica-Virus aus, eine andere kranke Erfindung von Umbrella. Dein Vater hatte sich einen Virus injiziert, der ihm übermenschliche Kräfte verliehen hat, deshalb hat er überlebt. Da hat es angefangen."
„Was?", fragte Jake.
„Nach dem ich im Herrenhaus seine Pläne vereitelt hatte, begann er... so eine Art Obsession zu entwickeln, mich zu töten und das hat sich all die Jahre in puren Wahnsinn gesteigert.
Da ist der Grundstein für diese Feindschaft gelegt worden. Nachdem er unser Team in den Tod geführt hat und Raccoon zerstört worden war, hatte ich nur noch Verachtung für ihn übrig. Und nach dem Vorfall in der Antarktis, wo er meine Schwester bedroht hat, wurde es auch persönlich."
Jake sah Chris mit ausdrucklosem Gesicht an.
„Jill und ich und ein paar andere machten es uns zum Ziel, Umbrella aufzuhalten und Bioterrorismus zu bekämpfen. Deshalb gründeten wir die B.S.A.A. Meine Schwester ist bei TerraSave.
Wir verloren Wesker für viele Jahre aus den Augen. Er verschwand wie vom Erdboden verschluckt. 2003 war Umbrella schließlich am Boden und die Firma wurde aufgelöst. B.O.W.s und anderes Zeugs gelangte auf den Schwarzmarkt. Wir glauben, dass dein Vater eine gewisse Rolle dabei gespielt hat, aber Details kennen wir nicht.
2006 sind Jill und ich nach Europa gereist. Wir wollten Oswell E. Spencer finden, den Gründer von Umbrella. Er hatte sich jahrelang versteckt gehalten und eine Quelle hat uns einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort gegeben. Wir hatten ein paar wage Vermutungen, dass Wesker und er in Verbindung standen und haben uns davon erhofft, dass der alte Mann uns zu ihm führen könnte.
Spencer war tot. Dein Vater hat ihn ermordet. Warum wissen wir nicht. In Spencers Anwesen haben wir ein paar seltsame Tagebucheinträge gefunden, die von einem Wesker- Projekt sprachen. Offenbar war dein Vater als Kind von Umbrella entführt und als Versuchsobjekt missbraucht worden. Es gab auch noch andere betroffene Kinder. Etwas genaues wissen wir allerdings nicht."
Chris hielt für einen Moment inne. Die Erinnerungen an jene Nacht, waren die schwersten seines Lebens.
„Jill und ich wollten ihn dingfest machen, aber selbst zu zweit waren wir keine Gegner für ihn. Der Virus hat ihn einfach zu stark gemacht.
Dein Vater war in dieser Nacht kurz davor, mich zu töten. Er hätte es beinahe geschafft, aber..."
Vor seinem inneren Auge sah er Wesker, wie er zum Schlag ausholte und Jill, die auf sie zugestürmt kam.
„Jill hat mir das Leben gerettet, in dem sie sich und Wesker aus dem Fenster in die Tiefe gestürzt hat. Es wurden keine Leichen gefunden und die beiden wurden für tot erklärt."
„Lass mich raten, ab da wurde es dann richtig persönlich", bemerkte Jake.
Chris nickte nur.
„2009 musste ich nach Afrika reisen, weil es auch dort zu seltsamen Vorkommnissen gekommen war. Meine damalige Partnerin, mit der zusammen ich deinen Vater getötet habe, Sheva Alomar, wir waren hinter einem Mann namens Ricardo Irving her, später fanden wir heraus, dass die Pharmafirma TriCell damit zu tun hatte. Dein Vater hat mit ihnen Geschäfte gemacht, um ein Projekt namens „Uroborus" zu verwirklichen. Er wollte damit die ganze Welt infizieren. Er hatte diese... größenwahnsinnige Vorstellung, ein Gott zu werden und... eine neue Ära einzuläuten. Uroborus sollte nur die mit einer besonderen DNA übrig lassen. Er war drauf und dran, die Welt zu zerstören, auch wenn er sie in seinen Augen retten wollte."
Jake hatte sich jetzt wieder abgewandt und schritt langsam vor Chris auf und ab.
„Wesker hatte Jill drei Jahre gefangen gehalten und wollte sie als Druckmittel gegen mich einsetzen. Wir konnten sie zum Glück befreien.
Sheva und ich haben ihn schließlich gestellt. Um seine Kräfte aufrecht zu erhalten, musste er sich eine Art Serum spritzen. Wir haben ihn schwächen können, indem wir ihm eine Überdosis verpasst haben. Die Ironie an der ganzen Sache ist, dass Uroborus ihm schließlich zum Verhängnis geworden ist. Seine eigene Arbeit hat sich gegen ihn gewandt, ihn umgebracht, genauso wie sein Hass auf mich und seine Arroganz."
Chris zögerte einen Moment bevor er fortfuhr. Er hatte diese Gedanken bisher mit niemandem geteilt, nicht mal mit Jill, aber er hatte das Gefühl, das jetzt der richtige Zeitpunkt dafür war.
„Ich hatte Alpträume von dieser Zeit in Afrika. So sehr ich deinen Vater auch verachtet habe, manchmal verspüre ich auch Reue. Und manchmal sogar Mitleid. Dein Vater hätte ein großartiger Mensch sein können, denn er war... eine großartige Persönlichkeit, deswegen habe ich immer zu ihm aufgesehen. Doch leider ließen es die Umstände in seinem Leben nicht zu und er hat Zeit seines Lebens seine Fähigkeiten für die falsche Seite eingesetzt. Ich weiß, dass es richtig war, was Sheva und ich getan haben, denn es war nötig. Es tut mir... sehr, sehr Leid, Jake, dir all diese Dinge sagen zu müssen."
„Schon gut, spar dir das. Ich wusste vorher schon, dass er ein mieser, kranker Scheißkerl war. Immerhin hat er meine Mutter sitzen lassen. Und du und deine B.S.A.A.- Freunde, ihr seid wieder mal die Helden. Bravo!"
Jake wirkte aufgebracht und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, wie viel Wut in ihm steckte. Chris spürte, dass der Junge Wesker abgrundtief verachtete, doch gleichzeitig sprach auch der Schmerz aus ihm.
Es war offensichtlich, dass es Jake traf, ohne Vater aufgewachsen zu sein und dass Chris dafür verantwortlich war, dass sie sich auch nie wieder kennenlernen konnten.
Der Junge brachte ihm Abneigung entgegen, weil er seinen Vater getötet hatte, doch gleichzeitig beschlich Chris das Gefühl, dass Jake nur so vehement versuchte, seinen Vater zu hassen, weil er sich versuchte zu rechtfertigen. Weil er zeigen wollte, dass er nicht wie Wesker war.
„Du hast alles Recht der Welt, sauer auf deinen Vater zu sein und auch auf mich. Ich wünschte, es wäre anders für dich. Und es tut mir wirklich Leid für dich."
„Was verstehst du denn schon?", fragte Jake abwehrend.
„Ich verstehe so viel, Jake, dass ich weiß, wie schwer es für dich ist."
Jake hatte dafür nur ein Schnauben übrig.
„Du musst nicht versuchen, irgendetwas zu beweisen. Du bist nicht dein Vater und das wirst du auch nie sein."
„Ts." Jake schüttelte den Kopf.
Chris fühlte sich hilflos. Er wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Alle Dinge waren bereits gesagt. Er hatte Jake das erzählt, dass er über Wesker wusste. Er wünschte sich nichts mehr, als Jake helfen zu können.
„Hast du deinen Vater jemals gesehen?", fragte Chris schließlich nach einer kurzen Pause. Er hatte wieder am Tisch Platz genommen.
Jake verneinte.
„Ich habe ein Foto hier. Möchtest du ihn sehen?"
Nach längerem Zögern, antwortete Jake: „Ja."
„Hat dir deine Mutter von deinem Vater erzählt?", fragte Chris, während er aus seiner Tasche eine blaue Akte herausholte.
„Nein, bis China wusste ich nichts von Wesker."
Chris öffnete die Mappe, blätterte die Seiten durch und holte schließlich ein Foto heraus.
„Das ist unser altes S.T.A.R.S.- Team", erklärte er. „Das Foto ist von 1998 und nicht gerade aktuell, aber ein anderes haben wir leider nicht von ihm. Das ist dein Vater."
Er deutete auf den Mann mit der Sonnenbrille, der hinter Jill stand.
Jake setzte sich wieder auf den Stuhl von vorhin, zog das Foto zu sich heran und betrachtete es. Es war unmöglich für Chris, zu deuten, was in dem Jungen vorging.
„Weißt du... irgendetwas über die Beziehung deiner Eltern, Jake? Wie sie sich getroffen haben oder was mit ihnen passiert ist?"
„Nein, herzlich wenig. Nur, dass er sie verlassen hat."
Er betrachtete schweigend das Bild.
Chris hatte schon damals in China festgestellt, dass Jake eine völlig andere Person war als Wesker. Die beiden waren sich charakterlich überhaupt nicht ähnlich. Doch wenn man Jake ins Gesicht sah, erkannte man seinen Vater sofort. Er hatte Weskers Augen.
„Ich verstehe einfach nicht, wie Mum an so einen geraten konnte", sagte Jake plötzlich mit sehr viel Bitterkeit. „Sie hat immer so hoch von ihm gesprochen. Ich konnte das nie verstehen. Und jetzt, wo ich weiß, wer mein Vater ist, kann ich es noch weniger verstehen."
Er sah das Foto jetzt mit einer Mischung aus Ekel und Abscheu an.
„Aber sie hat mir nie verraten, wer er ist, nicht mal seinen verdammten Namen. Eigentlich hat sie überhaupt nie etwas gesagt. Als sie starb, hinterließ sie mir eine Nacht. `Hasse deinen Vater nicht, er liebt dich und denkt an dich.´ Ein Haufen Bullshit! Er hat sie nicht nur sitzengelassen, nein, mein ganzes Leben lang war sie nur am Boden wegen ihm, sie hat ihr Leben für diesen Bastard weggeschmissen. Und der? Hat sich einen Scheißdreck dafür interessiert."
Verärgert knallte er das Bild auf den Tisch.
Chris musterte Jake einen Moment, dann sagte er, seine Worte wohl abgewogen:
„Jake, hör mal. Ich möchte auch nicht, dass du deinen Vater hasst."
Jake starrte Chris ungläubig an.
„Dein Vater hat viele schreckliche Dinge getan, hat vielen Menschen Schaden zugefügt, jemand musste ihn aufhalten, das war unvermeidbar. Trotzdem, der Mann, den ich in diesem Vulkan versenkt habe, war nicht mehr der Captain, zu dem ich einst aufgesehen habe, und das war auch nicht mehr der Mann, den deine Mutter geliebt hat. Das war ein dem Wahnsinn verfallenes Monster. Ein Monster, das Umbrella und dieser Virus geschaffen haben. Und ich versichere dir, wenn es einen anderen Weg gegeben hätte, ich wäre der erste gewesen, der ihn eingeschlagen hätte. Aber es ging leider nicht anders. Vielleicht tröstet dich das etwas."
Jake nickte nur und wandte sich zum Gehen. Als er die Tür erreichte, hielt ihn Chris zurück.
„Warte noch. Ich möchte dir noch etwas geben."
„Was?" Jake wandte sich erstaunt um. Chris öffnete plötzlich einen Plastikbeutel und entnahm ihm eine Pistole.
„Hier."
Er reichte sie Jake. Dieser betrachtete die Waffe mit Argwohn. Er erkannte sofort, dass es eine Samurai Edge war. An der Seite hatte sie ein S.T.A.R.S- Logo.
„Was ist das?"
Chris zögerte kurz. „Das war... die Waffe deines Vaters."
„Was?!"
„Ich konnte sie in Afrika durch Zufall retten. Sie war seitdem natürlich als sichergestelltes Beweismittel im Archiv."
Er deutete auf den Beutel, dem er die Waffe entnommen hatte, und an dem an Schild mit der Fallnummer befestigt war.
„Da die Akte Wesker ja entgültig geschlossen ist, hab ich erwirken können, dass du sie haben kannst. Wenn du sie denn möchtest."
Jake nickte langsam. „Danke."
Als er durch die Tür trat, sagte Chris: „Albert Wesker mag vielleicht dein Vater sein, Jake, aber das heißt nicht, das du so bist wie er. Und du wirst auch nie so sein wie er."
Albert Wesker schrie. Er schrie vor Schmerz und unendlichen Qualen. Tiefer und tiefer glitt er hinab in die glühend heiße Lava. Sein Körper brannte, Flammen verätzten seine Haut, fraßen sich in sein Fleisch, bis er zu einem schwarzverkohlten, entstellten Etwas wurde. Doch es war nicht Albert Wesker, der brannte, es war Jake...
Jake saß aufrecht im Bett. Instinktiv untersuchte er mit den Händen seinen Oberkörper, um zu sehen, dass alles in Ordnung war. Sein Herz schlug so schnell, als wäre er eben eine weite Strecke gerannt, und er war klatschnass geschwitzt.
Es dauerte ein paar Momente, bis er merkte, dass er geträumt hatte und dass sein Körper nicht von einem Flammenmeer zerfressen wurde, dass er nicht vom hellen Schein der Lava umgeben war, sondern in seinem dunklen Schlafzimmer. Erleichtert atmete er aus.
Das Fenster war geöffnet und eine kühle Brise erfüllte den Raum. Nach der sengenden Hitze und dem widerlichen Gestank nach Schwefel und verbranntem Fleisch, die er in seinem Traum erlebt hatte, nahm er frische Luft dankbar an. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte 2:34 Uhr in grünleuchtenden Ziffern.
Plötzlich regte sich etwas neben ihm.
„Jake?"
Es war Sherry. Offenbar war sie aufgewacht, als er hochgeschreckt war.
„Alles OK?"
„Ja, passt schon. Nur schlecht geträumt. Sorry, wollte dich nicht wecken."
Sherry richtete sich auf und schaltete ihre Nachttischlampe an. Oranges Licht flutete durch den Raum. „Schon wieder? Das kommt sehr häufig vor in letzter Zeit. Willst du drüber reden?"
Jake seufzte. „Ich weiß nicht."
Genau genommen hatte er schon länger überlegt, ob er mit Sherry darüber reden sollte, was er in regelmäßigen Abständen in seinen Träumen durchmachte, aber er hatte sich bislang nicht dazu durchringen können. Es war ihm unangenehm, außerdem wusste er ziemlich genau, warum er diesen Scheiß träumte und was er zu bedeuten hatte. Und er wusste auch Sherrys Antwort darauf.
„Hey, seit du mit Chris gesprochen hast, hast du diese Albträume. Ich mach mir Sorgen."
Nach kurzem Zögern fragte sie vorsichtig: „Das hat mir deinem Vater zu tun, oder?"
Er mied ihren Blick und ihm wäre es lieber gewesen, sie säßen in Dunkelheit.
Er nickte schließlich knapp.
„Erzähl schon", forderte Sherry. Sie setzte sich bequemer gegen den Bettrahmen und sah ihn erwartungsvoll an.
„Das verfolgt mich schon länger", begann Jake schließlich. „Es ist immer der selbe Traum. Ich sehe meinen Vater, wie er in diesem Vulkan brennt. Ich kann seine Schreie hören und spüre seine Qualen und Schmerzen. Ich sehe wie er in der Lava versinkt. Aber dann merke ich, dass es nicht mein Vater ist..." Er wandte sich um und sah Sherry ins Gesicht. „... sondern ich. Ich brenne in diesem Vulkan."
Besorgnis trat auf Sherrys Gesicht. Ihre kurzen hellblonden Haare waren vom Schlafen durcheinander.
„Jake..."
„Ja, ja, ja!", unterbrach er sie sogleich. „Ich weiß." Er hob abwehrend die Hände. „Ich weiß, was du sagen wirst. Jake, du bist nicht wie dein Vater!"
Sherry knuffte ihn mit der Faust in die Seite und warf ihm einen tadelnden Blick zu.
„Und von mir aus wiederhole ich es noch weitere fünf dutzend Mal für dich. Du bist nicht wie dein Vater, Jake."
„Das hat mir der B.S.A.A.-Typ auch die ganze Zeit versichert", fuhr Jake säuerlich fort.
„Aber glaubst du ich merke das nicht? Wie mich die Leute ansehen. Redfield hat mir ein Foto gezeigt. Ich sehe meine Vater ziemlich ähnlich und wenn die Leute hören, wer ich bin, haben sie ihr Urteil schon gefällt."
Sherry legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Es ist egal, wie oft mir alle versichern, dass ich nicht wie er bin, ich kann nun mal nichts an der Tatsache ändern, dass ich der Sohn von Albert Wesker, einem kranken Psychopathen, der die Welt zerstören wollte, bin. Ich kann mich noch so sehr anstrengen nicht so zu werden wie er, er wird trotzdem... immer ein Teil von mir sein."
Ihre Hand glitt mitfühlend über seinen Arm, aber sie sagte nichts. Sie konnte darauf nichts erwidern.
„Was hast du eigentlich mit Chris alles besprochen?"
„So ziemlich die ganze Geschichte. Was ich vorher schon im Groben wusste, nämlich dass Wesker ein kranker Irrer war, weiß ich jetzt im Detail", meinte Jake gespielt amüsiert. „Er hat mir Weskers Waffe gegeben. Die hat... Die hat Afrika überlebt."
Schweigen entstand zwischen ihnen. Sherry rang plötzlich mit sich. Seit Jake und sie sich kannten, überlegte sie, ob sie ihm die Wahrheit sagen sollte. Bislang war sie sich unsicher gewesen, doch früher oder später musste sie in den sauren Apfel beißen.
„Jake, es gibt da ein paar Dinge, die ich dir nicht gesagt habe."
Sie war plötzlich verlegen und wich nervös seinem Blick aus.
„Und was?"
„Ich kannte deinen Vater."
Jake sah sie erstaunt und ungläubig an. „Wie...? Was meinst du damit?"
Sherry holte tief Luft, bevor sie zu sprechen begann. Es war ersichtlich, dass es ihr nicht leicht fiel über ihre Erinnerung zu sprechen.
„Ich habe dir doch von meinem Vater erzählt? Erinnerst du dich?"
Jake nickte. „Er starb doch in Raccoon an diesem Virus."
Sherry nickte. „Mein Vater war Wissenschaftler und hat für Umbrella gearbeitet." Sie zögerte.
„Sherry?"
„Dein Vater hat auch als Forscher für Umbrella gearbeitet. Er war ein Kollege meines Vaters und ein... na ja, wenn man das so nennen kann, auch ein Freund meiner Eltern. Ich kenne ihn aus meiner Kindheit."
Jake blickte sie entgeistert an. „Wieso hast du nichts gesagt?!"
„Jake... Das ist nicht so einfach."
„Was soll das bedeuten?" Er wurde lauter und fordernder.
„Du weißt ja, dass ich mit dem G- Virus infiziert wurde und diese... Superkräfte habe."
Jake nickte. Wegen ihrer Heilkräfte nannte er sie Supergirl.
„Dein Vater war... hinter mir her... deswegen. Und deswegen hab ich praktisch meine ganze Kindheit wie in einem Gefängnis verbracht."
„Wieso bin ich jetzt so gar nicht überrascht", sagte Jake ruhig, doch seine Wut und sein Verdruss waren deutlich spürbar. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Scheißkerl", fügte er dann leise murmelnd hinzu.
Sie schwiegen für eine Weile.
„Du... hast gesagt, du kanntest ihn aus deiner Kindheit", begann Jake schließlich.
„Kennen ist vielleicht übertrieben, aber ich hab ihn ein paar Mal gesehen und einmal... musste er auf mich aufpassen, weil meine Eltern nicht da waren."
„Wie bitte?!"
„Ja. Meine Eltern waren sehr beschäftigt wegen ihrer Arbeit für Umbrella und ich war viel allein als ich Kind war. Wir hatten eine Haushaltshilfe, die auch Kindermädchen für mich war, eine ältere Frau. Ihr Name war... Magda, sie kam aus... Bolivien oder so. Ich mochte sie total gern, aber sie hatte sich kurz davor bei einem Sturz die Treppe runter den Knöchel gebrochen und konnte nicht an diesem Abend. Meine Eltern mussten zu einer Konferenz für Umbrella, aber sie konnten mich ja schlecht allein lassen. Ich war vier, knapp fünf."
„Und da hat mein Vater..."
„Ja, ich musste zu ihm. Ich weiß nicht, wie meine Eltern das angestellt haben, aber schließlich hat er zugestimmt, auf mich aufzupassen."
„Wie... wie war er so?"
„Als Kind fand ich ihn sehr einschüchternd und angsteinflößend. Er trug praktisch nur schwarz andauernd und er hatte diese Angewohnheit, immer und überall eine Sonnenbrille zu tragen. Keine Ahnung, was das sollte. Sogar im Dunkeln oder in geschlossenen Räumen."
„Das habe ich auf dem Foto gesehen, ja."
„Als ich klein war, hatte ich einen Heidenrespekt vor ihm. Heute als Erwachsene würde ich ihn anders beschreiben."
Jake sah sie erwartungsvoll an.
„Er war eine sehr ernste Person, sehr gefühlskalt und unnahbar und manipulativ. Er hatte für emotionale Regungen nichts übrig, aber verstand es sehr gut, diese gegen andere zu verwenden. Er war kaltherzig und auf sich selbst fixiert. Deshalb hatte er nie Beziehungen über seine Arbeit oder Geschäftliches hinaus."
„Und was war das mit deinem Vater? Wenn du sagst, dass sie Freunde waren..."
„Freundschaft wäre hier zu viel gesagt. William war deinem Vater ebenbürtig, deshalb hatte Wesker Respekt vor ihm und sah ihn auf der selben Stufe stehend wie er selbst. Dennoch denke ich, war da eine gewisse Rivalität. Hat... dir deine Mum... denn nie von ihm erzählt?"
Jake fiel es schwer, es zuzugeben, aber alles, was Sherry, aber auch Chris, erzählten, hörte er zum ersten Mal und es kollidierte mit dem Bild, das seine Mutter ihm von seinem Vater gezeichnet hatte.
„Doch schon, aber... sie hat immer nur gesagt, dass er ein guter Mensch war und dass ich ihn nicht hassen soll."
„Was genau hat sie dir erzählt?", fragte Sherry neugierig.
„Eigentlich nichts, das ist es ja. Bis zu unserem... unfreiwilligen Aufenthalt in China wusste ich nicht, wer mein Vater überhaupt war. Ich kannte nicht mal seinen Namen. Mum hat mir praktisch gar nichts erzählt."
Sherry strich mitfühlend über seinen Rücken.
„Als ich klein war, hab ich sie immer mit Fragen über meinen Dad gelöchert. In der Schule war ich der einzige, der keine „normale" Familie hatte. Alle anderen hatten ihre Eltern, nur ich nicht. Ich hab aber nie so wirklich was aus Mum rausbekommen. Sie hat nur gesagt, dass sie mit meinem Vater ein paar Monate zusammen war, aber er sie sitzengelassen hat, weil sie schwanger war. Danach ist sie nach Edonien zurück. Als Jugendlicher, als es Mum immer schlechter ging und wir kaum noch über die Runden gekommen sind, hab ich angefangen, ihn richtig zu hassen. Ich hab ihn richtig verachtet, dass er sich nicht um uns gekümmert hat. Mum hat das nicht gerne gesehen. Immer wenn ich über ihn geschimpft habe, hat sie geweint, weil sie so unglücklich war."
„Meinst du nicht, dass... sie dir deshalb nichts erzählt hat, weil sie dich schützen wollte?", fragte Sherry vorsichtig.
„Jetzt, nachdem ich alles erfahren habe, leuchtet mir das schon ein, aber ich verstehe nicht, warum..."
Sein Blick schweifte nachdenklich in die Ferne.
„Ich frage mich, wie meine Mum und er... wie das überhaupt irgendwie... Sie waren aus völlig unterschiedlichen Welten. Sie war ein Zimmermädchen aus Osteuropa. Und so wie er drauf war... Mum war... so eine herzensgute Person, aber er... Verstehst du, was ich meine?"
„Ja, das verstehe ich sehr gut", sagte Sherry. „Aber Jake, deine Eltern haben sich gefunden. Und das bedeutet, dass deine Mum etwas Besonderes war. Für ihn."
„Inwiefern?"
„Naja, sie mag vielleicht nur ein Zimmermädchen aus Osteuropa gewesen sein, aber sie hatte etwas, das alle anderen nicht hatten."
„Und was?"
„Den Schlüssel zum Herzen von Albert Wesker. Deswegen ist sie etwas ganz Besonderes."
Sie lächelte ihn aufmunternd an und selbst Jake konnte sich bei ihren Worten zu einem schwachen Lächeln hinreißen lassen.
„Trotzdem", sagte er erschöpft und wurde sogleich wieder ernst, „mein Vater hat sie verlassen, von daher kann in seinem Herzen nicht so viel gewesen sein. Also hat es nicht viel gebracht, dass sie einen Schlüssel dazu hatte."
„Warum genau hat Wesker deine Mum verlassen?", hakte Sherry nach. „Wegen dir? Das kann ich mir irgendwie selbst bei ihm nicht vorstellen."
Jake zuckte mit den Schultern. „So hat es mir Mum zumindest gesagt. Sie waren ja erst ein paar Monate zusammen, als sie schwanger wurde. Er hat die Beziehung beendet, weil es für ihn keine Bedeutung hatte und weil er nicht... er wollte halt nicht daran teilhaben."
Sherry schüttelte den Kopf. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte 3:15.
„Ich hatte mein ganzes Leben lang so viele Fragen", fuhr Jake fort, „und manchmal war ich auch sauer auf Mum, weil sie mir nichts gesagt hat. Und als sie starb, ließ sie mich mit diesen ganzen Fragen allein. Jetzt, wo ich meinen Vater kenne, ist der Fragenberg nur noch größer geworden. Aber meine Eltern sind tot, beide, und ich kann keine Antworten mehr bekommen. Von niemandem."
„Es tut mir so Leid, Jake."
„Dieser B.S.A.A.- Typ, Chris Redfield, der ist... eigentlich ganz in Ordnung. Ich war... allerdings ein bisschen unfreundlich zu ihm. Er hat mir viel erzählt, aber... die Fragen, die mich wirklich beschäftigen, kann mir niemand beantworten."
Sherry legte einen Arm um Jake und lehnte sich an ihn. Sie wünschte sich von Herzen, ihm zu helfen, seinen Schmerz irgendwie zu lindern, aber sie wusste, dass auch sie machtlos war.
„Schätze, ich muss irgendwie mit all dem klarkommen", meinte Jake schließlich, doch konnte er eine gewisse Verbitterung nicht verbergen.
Sherry fühlte mit ihm. Auch wenn sie nicht in der selben Situation war wie er, konnte sie seine Gefühle nachvollziehen. Auch sie hatte sich den Großteil ihres Lebens allein gefühlt und auch ihre Eltern waren früh verstorben. Doch wenigstens hatte sie ihre Mutter und ihren Vater gehabt und wusste, dass beide sie geliebt hatten. Jake hatte dies nie erfahren und trug noch dazu die Bürde, dass sein Vater für das Leid und den Tod vieler unschuldiger Menschen verantwortlich war.
„Da gibt es noch etwas anderes, das mich seit einiger Zeit beschäftigt", sagte Jake. „Aber ehrlich gesagt ist das vollkommen bescheuert."
„Was denn?"
„Je länger ich über diese ganze Sache nachdenke, desto mehr... glaube ich, dass da irgendwas nicht stimmt."
„Und was konkret?" Sie sah ihn jetzt fragend an.
„Keine Ahnung, ist bloß so ein Gefühl. Ab und zu denke ich, dass Mum mich belogen hat. Auf der einen Seite hat sie meinen Vater geliebt und war so unglücklich darüber, dass sie sich getrennt haben. Sie hat mir ja immer versichert, was für ein guter Mensch er war und dass ich ihn ja nicht hassen soll. Aber auf der anderen Seite... war er praktisch... der größte Mistkerl aller Zeiten. Das passt für mich einfach alles nicht zusammen. Und meine Intuition sagt mir, dass da mehr dahinter stecken muss. Ich kann es nicht mal genau sagen, was mich daran stört, aber irgendwas stimmt da nicht. Und ich glaube, dass Mum mich angelogen hat. Oder nein, anders gesagt, dass sie mir gezielt Dinge verheimlicht hat, meinen Vater betreffend."
„Jake", sagte Sherry beschwichtigend. „Das hat deine Mum nur gemacht, um dich zu schützen. Wahrscheinlich hat es ihr das Herz noch mehr gebrochen."
„Das leuchtet ja auch ein, aber vor was wollte sie mich schützen? Wenn sie mich schützen wollte, dann musste sie ja über ihn und seine Arbeit Bescheid wissen und das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen."
„Hm, das ist wahr..."
„Das sind so... kleine Ungereimtheiten, die mir auffallen. Ich meine, es ist, als ob mich Mum gezielt von ihm fernhalten wollte. Deswegen hat sie mir weißgemacht, er sei ein Scheißkerl, der sich nicht um sein Kind kümmert und deshalb hat sie mir auch nicht mal seinen Namen verraten oder sonst irgendwas über ihn. Weil sie nicht wollte, dass ich etwas mit ihm zu tun habe. Nur warum frage ich mich. Das kann eigentlich nur sein, wenn sie etwas wusste."
Ein Ausdruck von Sorge trat jetzt auf Sherrys Gesicht.
„Jake, hör mal bitte zu. Ich verstehe, dass dich das beschäftigt, der Punkt ist nur... du wirst die Antworten auf diese Fragen nicht mehr bekommen. Deswegen glaube ich, dass du dich damit nicht noch zusätzlich quälen solltest. Ich sehe, wie dich das... belastet und fertig macht, aber ich glaube, dass es nichts bringt, wenn du so viel... über die Vergangenheit nachgrübelst. Das heißt nicht, dass ich dich nicht verstehe. Ich habe auch so viele Fragen an meine Eltern, aber ich... habe gelernt, dass..." Sie brach ab.
Jake wagte es nicht, sie anzusehen. Er wusste, dass sie Recht hatte. Und dennoch fiel es ihm schwer, von seinen Überlegungen loszulassen, all die Fragen einfach beiseite zu schieben und nach vorne zu sehen. Es war einfach zu viel passiert und seine Herkunft, seine Geschichte, würde ihn in Zukunft weiterverfolgen, egal wie sehr er auch versuchte, in die entgegen gesetzte Richtung zu laufen.
„Ich weiß, dass du Recht hast", sagte er schließlich. „Aber ich fürchte, ich kann das nicht so einfach hinnehmen. Oder zumindest noch nicht jetzt gleich."
Langsam kam die Müdigkeit wieder über ihn und er legte sich wieder hin. Sherry blieb an das Bettgestellt gelehnt sitzen und betrachtete ihn.
„Mal angenommen... du könntest deinen Vater treffen, was würdest du ihm sagen? Oder würdest du ihn gar nicht treffen wollen?"
„Keine Ahnung. Eigentlich habe ich mir immer gewünscht, ihm eines Tages gegenüber zu stehen und es hat mich verdammt sauer gemacht, als mir eröffnet wurde, dass das nicht mehr geht. Ich glaub, ich... Ich hab keinen Plan, was ich ihm sagen sollte. Wahrscheinlich würde ich ihm eher... eine Tracht Prügel verpassen. Meine Wut an ihm auslassen", sagte Jake und stellte sich eben diese Szene mit Genuss vor. „Für das, was er Mum angetan hat."
