28. Dezember 2013

Es war später Vormittag, als Chris allmählich erwachte. Draußen vor dem Fenster tanzten ein paar Schneeflocken vorbei. Der Himmel war mir schweren grauen Wolkenbergen verhangen.

Er hatte das Gefühl, seit langer Zeit endlich wieder richtig erholt aufzuwachen.

Die vergangenen Monate hatten ihn gefordert, wie selten eine Zeit in seinem Leben.

Erst Edonien, wo er sein Team verloren hatte, dann waren mehrere Städte von bioterroristischen Anschlägen getroffen worden. Er hatte seinen Kollegen Piers Nivans verloren und den Verlust der Familie übermitteln und auf der Beerdigung eine Rede halten müssen.

Und schließlich war da Jake Muller, der Sohn seines toten Erzfeindes Albert Wesker.

Es war ein Schock, ja unbegreiflich für ihn gewesen, als er von Kennedy erfahren hatte, wer Jake war.

Im Oktober hatte er mit dem Jungen endlich das überfällige Gespräch geführt, vor dem er, wie er zugeben musste, Angst gehabt hatte.

Es war nicht leicht für ihn gewesen, dem jungen Söldner gegenüberzutreten, nachdem er dafür gesorgt hatte, dass er niemals seinen Vater kennenlernen würde. Es war nicht leicht, in das Gesicht, in die Augen zu sehen, die Wesker so ähnlich waren.

Jake hatte versucht, die Schilderungen, die schlimmen Taten seines Vaters und seine Ermordung, so souverän wie möglich aufzunehmen, hatte versucht, gleichgültig zu klingen. Doch Chris wusste genau, welche Wut in ihm steckte. Wut auf seinen Vater und Wut auf Chris.

Chris hatte sich Mühe gegeben. Er hatte versucht, so ehrlich und neutral wie möglich zu bleiben. Sich die Abscheu, die er für Wesker empfand nicht anmerken zu lassen. Er hatte Jake sogar das letzte Erinnerungsstück an seinen Vater gegeben, doch als sie nach dem Gespräch auseinandergegangen waren, hatte er das Gefühl gehabt, alles komplett falsch angegangen zu sein und so viel, was er sich eigentlich vorgenommen hatte, nicht gesagt zu haben.

Die Begegnung mit Jake war über zwei Monate her und trotzdem beschäftigte sie Chris immer noch. Er sorgte sich um den Jungen und er hatte Mitleid. Er konnte nur erahnen, welche Last Jake mit sich tragen musste.

Wahrscheinlich war es nicht das letzte Mal, dass er und Jake sich begegnen würden.

Chris seufzte und warf einen kurzen Blick nach rechts und sah, dass Jill noch schlief. Er lächelte und strich ihr vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Mittlerweile erinnerte nichts mehr an Jills einstige Gefangenschaft in den Händen Weskers. Ihre Haare waren im Laufe der Zeit wieder dunkler nachgewachsen und hatten beinahe das ursprüngliche Braun erreicht, und ihre Haut war nicht mehr kreidebleich.

Chris und sie waren über Weihnachten vom Dienst freigestellt worden. Sie genossen die freie Zeit, die sie gemeinsam verbringen konnten und ihren wohlverdienten Urlaub.

Nach Chris' Rückkehr aus China hatte er sich endlich eingestanden, wie er wirklich zu Jill stand. Jahrelang hatte er sich eingeredet, dass sie nur eine enge Freundin und Kollegin war, doch insgeheim, das wusste er heute, war sie weit mehr als das gewesen.

Vielleicht hatte er Angst gehabt, das wusste er nicht. Er wusste nur eins: Er wollte mit Jill zusammen sein, alles andere war nebensächlich.

Vor Kurzem hatten sie sich schließlich verlobt und momentan planten sie ihre Hochzeit.

Nachdem sich die Situation weltweit dank der Hilfe des Impfstoffes wieder entspannt hatte, konnten sie sich endlich auf sich und ihr Privatleben konzentrieren.

Chris betrachtete Jill einige Zeit schweigend, dann regte sie sich plötzlich.

Sie streckte sich und gähnte ausgiebig.

„Hey, du bist ja schon wach", sagte sie verschlafen und richtete sich auf.

„Ja, konnte nicht mehr schlafen. Aber schon ist gut. Es ist elf vorbei." Seine Stimme war ein wenig heiser.

„Na und? Wir haben doch Zeit." Sie lächelte ihn an. „Keine Verrückten, die die Welt zerstören wollen. Nur wir beide und Urlaub."

Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn.

Chris lachte leise. „Ja."

„Sonderlich überzeugt siehst du aber nicht aus", stellte Jill fest und spielte damit auf seine nachdenkliche Miene an. „Was ist los? Dich beschäftigt doch was."

„Die letzten zwölf Monate waren einfach sehr hart für mich, das ist alles", sagte Chris. „Ich schätze, ich bin einfach noch nicht richtig runtergekommen."

„Ist es wegen Jake?"

Chris hatte Jill von Weskers Sohn und ihrem Gespräch erzählt.

„Auch, ja."

„Der Junge bedeutet dir viel, oder? Das ehrt dich, Chris. Wenn man bedenkt, wer er ist. Hast du schon mit deiner Schwester telefoniert?"

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich kam irgendwie noch nicht dazu. Wir waren ein bisschen anderweitig beschäftigt."

Jill grinste vielsagend. „Sie muss doch für TerraSave weg, oder?"

„Ja, in zwei Tagen. Ich werde das heute noch erledigen."

„Hast du Claire von Jake erzählt?"

„Nein und ich weiß nicht, ob ich es tun werde. O'Brian hat es als Top Secret eingestuft. Je weniger Leute Bescheid wissen, desto besser."

„Wie geht's der Familie Nivans eigentlich? Hast du etwas gehört?"

„Nein. Ich hatte auf der Beerdigung das Gefühl, dass sie mir die Schuld an Piers' Tod geben. Sie waren nicht freundlich mir gegenüber."

„Nimm dir das nicht so zu Herzen", mahnte Jill. „Du hast alles getan, was du konntest."

„Ich weiß, nur warum hab ich immer das Gefühl, es ist falsch oder reicht nicht?"

„Du und Piers ihr habt Großartiges geleistet. Und darauf solltest du stolz sein."

Sie verfielen in Schweigen. Jill lehnte sich an Chris Schulter und schloss die Augen.

„Ich hab jetzt Lust, auf ein richtig ausgedehntes Frühstück", sagte Jill. „Und danach schau ich weiter nach einem Kleid."

Schon seit Wochen blätterte Jill Kataloge durch, um ein passendes Kleid für ihre Hochzeit zu finden. Einen genauen Termin gab es zwar noch nicht, aber sie waren sich beide einig, dass sie bis zum Frühjahr warten wollten.

„Es ist ein Wahnsinn", meinte Chris. „Wir beide heiraten."

„Lange genug haben wir dafür gebraucht", sagte Jill, schmiegte sich an ihn und begann, ihn zu küssen.

Chris war gerade im Begriff darauf einzugehen, da läutete plötzlich Chris' Handy und durchbrach ihre traute Zweisamkeit.

Er und Jill sahen sich entgeistert an.

„Wer ruft denn jetzt an?", fragte Chris, erhob sich und eilte nach nebenan, um den Anruf entgegenzunehmen. Während er den Flur hinunterging bahnte sich schon eine gewisse Ahnung an, er hoffte jedoch inständig, sie möge sich nicht bewahrheiten.

Als er sein Diensttelefon nahm und auf dem Display den Namen seines Vorgesetzten las, schwand seine Hoffnung sofort.

„Ja, Redfield."

„Christopher, tut mir so Leid, wenn ich Ihren Urlaub stören muss", sagte O'Brian und er klang dabei beunruhigt. „Sie und Jill müssen sofort hierher kommen. Es ist wichtig. Wir haben ein großes Problem."


Es dauerte keine Stunde bis Chris und Jill in der Hauptzentrale der B.S.A.A. eintrafen.

O'Brians Sekretärin führte die beiden sogleich in den Konferenzraum. Genau in denselben Raum, in dem Chris und Jake vor über zwei Monaten miteinander gesprochen hatte.

Ihr Vorgesetzter wartete bereits ungeduldig. Er war aber nicht die einzige Person im Raum.

„Sheva?"

Die junge Afrikanerin wandte sich um und ihr Gesicht hellte sich auf, als sie Chris und Jill erkannte. Sie hatte sich in vier Jahren kaum verändert. Nur ihr Pferdeschwanz war länger geworden.

„Wir haben uns ja lang nicht gesehen!", sagte sie und schüttelte beiden die Hände.

„Warum bist du hier?", fragte Chris.

„Man rief mich gestern an, dass ich so schnell es ging, in die Staaten kommen sollte. Ich kam vor einer Stunde am Flughafen an. Mehr weiß ich allerdings bislang auch nicht", erklärte Sheva mit Blick auf O'Brian. „Er hat mir noch nichts sagen wollen, bis ihr beide nicht auch da seid."

„Wie geht's dir, Sheva?", fragte Chris.

„Sehr gut, danke. Ich freue mich, euch wiederzusehen."

„Was macht Josh? Oder ist er auch gekommen?"

„Nein, Josh ist nicht hier. Stellt euch vor. Er hat geheiratet und hat jetzt eine Familie."

„Nicht schlecht. Jill und ich haben uns auch verlobt", erklärte Chris.

„Wirklich?", fragte Sheva überrascht und wechselte einen Blick zwischen den beiden. Jill nickte.

„Herzlichen Glückwunsch."

„Danke."

„Und wisst ihr, warum wir hier sind?"

„Nein, uns hat man auch nichts gesagt", sagte Chris und die drei wandten sich dem Leiter der B.S.A.A. zu.

O'Brian stand am Fenster und blickte hinaus. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

„Clive?", fragte Jill vorsichtig. „Warum sind wir hier? Was ist passiert?"

O'Brian atmete tief durch, dann wandte er sich den drei Agenten zu. Chris konnte sich nicht erinnern, ihn jemals so besorgt gesehen zu haben. Sein Gefühl sagte ihm, dass etwas nicht in Ordnung war. Ganz und gar nicht in Ordnung.

O'Brian nahm eine Fernbedienung vom Tisch und richtete sie auf den großen Monitor, der nahe ihnen am Ende des langen Konferenztisches befestigt war. Der Bildschirm flammte auf und zeigte eine Karte von Südamerika.

„Die Südamerika-Abteilung der B.S.A.A. hat uns gestern eine Meldung zukommen lassen", begann er dann ohne Umschweife zu erklären, als wolle er sofort auf den Punkt kommen.

Die Karte, die anhand eines Satellitenbildes erstellt worden war, vergrößerte sich automatisch. Soweit Chris erkennen konnte, befanden sie sich über Bolivien.

„Offenbar ist jeglicher Kontakt zu einer Stadt in Bolivien verloren gegangen. Ciudad de muchos colores. Die Stadt liegt mitten im Regenwald."

Chris, Jill und Sheva sahen sich fragend an.

„Was hat das zu bedeuten?"

„Sie haben daraufhin ein Erkundungsteam hingeschickt, um festzustellen, was passiert ist. Das ist es, was sie gefunden haben."

Er schaltete um und Bilder von einer kleinen Stadt erschienen auf dem Monitor. Sie waren von einem Hubschrauber aus aufgenommen worden.

Jill schlug sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund.

„Oh nein", murmelte sie kopfschüttelnd.

„Das darf doch nicht wahr sein", sagte Chris und betrachtete voller Zorn die Bilder.

In den Straßen der Stadt brannten Autos, Menschen, zu abscheulichen Bestien mutiert, und B.O.W.s liefen wild durcheinander. Chaos herrschte.

Sheva starrte voller Abscheu auf die Aufnahmen. „Ist das ...?"

„Wir müssen von einem bioterroristischen Anschlag ausgehen", sagte O'Brian ernst.

Bevor Chris etwas sagen konnte, fügte er hinzu: „Wir wissen nicht, wer dahinter steckt oder aus welchem Grund man sich ausgerechnet diese Stadt ausgesucht hat. Wir tappen im Dunkeln. Das Einzige, das wir mit Sicherheit bestätigen können, ist, der Anschlag wurde nicht mithilfe des C-Virus verübt. Wir sind mit einer neuen Gefahr konfrontiert."

„Nein", flüsterte Jill und wechselte einen Blick mit ihrem Verlobten.

Chris konnte es nicht glauben. Es hatte ein halbes Jahr gedauert, bis sich die Welt von den Anschlägen von Neo-Umbrella und dem C-Virus erholt hatte, und nun stand ihnen bereits die nächste Bedrohung bevor. Konnten sie denn niemals zur Ruhe kommen?

„Was sollen wir jetzt tun?", fragte er schließlich, obwohl er die Antwort auf die Frage bereits wusste.

„Ich stelle ein Team zusammen, das Sie, zusammen mit Ihrer Verlobten, leiten werden, Christopher. Agentin Alomar wird Sie ebenfalls begleiten. Sie werden schon morgen früh nach Südamerika aufbrechen. In Argentinien werden Sie sich mit unseren Leuten vor Ort treffen, um dann über den Luftweg nach Ciudad de muchos colores zu gelangen. Am Boden ist es zu gefährlich."

„So viel zu unserem Urlaub", bemerkte Jill schmunzeln. „Ich schätze, der Terror lässt uns keine Ruhe."

„Ja, Jill", sagte O'Brian und er wirkte plötzlich noch beunruhigter als zuvor. Nervös spielte er mit der Fernbedienung in seiner Hand. Er schien nach den richtigen Worten zu ringen.

Chris beschlich das untrügliche Gefühl, dass Südamerika nicht die einzige Hiobsbotschaft bleiben würde.

„Clive, alles in Ordnung?", fragte er schließlich vorsichtig.

Dem Angesprochenen war jetzt die Hilflosigkeit und Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.

„Chris, Jill, Sheva."

Er betätigte abermals die Fernbedienung, sodass der Bildschirm umschaltete.

„Ich weiß überhaupt nicht, wie ich euch das sagen soll. Aber ich fürchte die Kollegen haben uns noch etwas anderes zugespielt, das sie selbst aus anonymer Quelle erhalten haben. Seht selbst."

Auf dem Monitor erschien eine Videoaufnahme.

Chris, Jill und Sheva mussten näher an den Bildschirm herantreten, um überhaupt etwas erkennen zu können. Die Aufnahmen waren verwackelt und viel zu dunkel. Man konnte ein Labor erkennen, als das Bild vergrößert wurde. In der Mitte des ansonsten im Dunkeln verborgenen Raumes befand sich eine Art Wassertank. Und darin befand sich unverkennbar eine Person.

Eine wohl vertraute Person, von der sich Chris gewünscht hatte, sie nie wieder sehen zu müssen.

Je mehr Sekunden verstrichen, je näher die Kamera zu dem Objekt zoomte, das in dem Tank ruhte, und je deutlicher sich die Gesichtszüge des verhassten Mannes abzeichneten, desto stärker ballten sich Chris' Hände zu Fäusten. Taubheit schien sich in seinem Körper auszubreiten. Er bemerkte kaum noch die Anwesenheit der anderen Personen im Raum, so fixiert war sein Blick auf den Monitor gerichtet.

„Chris ..."

Jill ergriff den Arm ihres Verlobten.

„Ja, ich sehe es."

„Das kann nicht sein", sagte Sheva und schüttelte ungläubig den Kopf.

Vor ihnen auf dem Video war niemand geringeres als Albert Wesker zu erkennen. Das Material war laut dem eingeblendeten Datum vier Monate alt.