Cuidad de muchos colores ist natürlich eine fiktive Stadt. Ich wollte sie zuerst Ciudad azul oder Ciudad verde nennen, aber diese Namen gibt es wohl tatsächlich. :( Dann hab ich sie kurzerhand eben die Stadt der vielen Farben genannt. ;)
Die Motoren des Flugzeugs brummten rhythmisch. Draußen hatten sich graue Wolkenberge aufgetürmt.
Chris hatte die letzten Stunden, seit sie am Flughafen Richtung Südamerika gestartet waren, unentwegt auf sein Laptop gestarrt und sich immer wieder die Aufnahmen angesehen, die er von O'Brian bekommen hatte.
Das Video dauerte 8 Sekunden, nur ein paar Augenblicke, aber für Chris waren es die einprägsamsten Sekunden seines Lebens.
Während er das Gesicht des Mannes auf dem Monitor betrachtete, tauchten vor seinem geistigen Auge die Bilder aus Afrika wieder auf. Wesker, von Uroborus entstellt, der versuchte, den Helikopter in den Vulkan zu ziehen, Jill, die auf die Raketenwerfer deutete, er und Sheva, wie sie Ziel nahmen und feuerten und schließlich die gewaltige Explosion, die Wesker vernichtet hatte.
Wesker war vernichtet worden.
Über vier Jahre waren seit seinem Tod vergangen. Und jetzt plötzlich sollte er zurück sein?
Chris untersuchte jedes Detail im Video, stoppte, ließ es weiterlaufen, spulte vor und zurück.
Sein Kopf war leer, ebenso sein Inneres. Die Taubheit, die seinen Körper erfasst hatte, seit O'Brian ihnen das Video zum ersten Mal gezeigt hatte, war noch nicht abgeklungen. Er schätzte, dass er unter Schock stand. Gestern hatten er und Jill noch ihren Urlaub genossen und jetzt stand die Welt abermals einer bioterroristischen Bedrohung gegenüber, vielleicht sogar einer schlimmeren als zuvor.
Der Großteil von Weskers Körper lag im Dunkeln, man konnte nur einen Teil seines Oberkörper und sein Gesicht ausmachen. Er hatte die Augen geschlossen, als würde er schlafen. Er befand sich in einem mit Flüssigkeit gefüllten Glasbehälter, der Chris wage an die Cryostase erinnerte. Das Labor um ihn herum war nicht zu erkennen und man konnte keine Rückschlüsse daraus ziehen, wo das Material aufgenommen wurde. Die Qualität der Aufnahme war schlecht, sodass es schwierig war, abschließend zu sagen, wer der Mann wirklich war.
O'Brian hatte dafür plädiert, die Angelegenheit mit größter Diskretion zu behandeln und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, bis Genaueres bekannt war und der Auftrag an Chris und das Team war herauszufinden, ob es sich wirklich um Albert Wesker handelte oder nicht.
Vermutlich wollten sich alle die leise Hoffnung bewahren, es könnte eine andere, völlig fremde Person sein.
Chris hatte während des Fluges mit niemandem gesprochen und niemand hatte es gewagt, ihn zu stören. Als sie nur noch eine knappe halbe Stunde vom Zielort entfernt waren, näherte sich Sheva vorsichtig. Sie nahm auf dem Sitz neben ihm Platz und warf einen kurzen Blick auf die Großaufnahme von Weskers Gesicht, die Chris so eingehend betrachtete.
„Denkst du wirklich, dass Wesker zurück ist?", fragte sie vorsichtig. „Ich weiß nicht so recht. Der Film ist viel zu dunkel und die Bilder sind unscharf, man kann es also nicht mit Sicherheit sagen."
Chris wusste ihre Versuche, seine Anspannung etwas zu lindern, durchaus zu schätzen, doch alle Beteuerungen, das Offensichtliche klein zureden oder zu leugnen, konnten ihn nicht überzeugen.
„Ich weiß nicht, was ich glauben soll", sagte Chris und starrte weiterhin gebannt auf das Gesicht in dem Video. „Ich wehre mich dagegen, zu glauben, dass es Wesker ist. Aber sieh es dir doch an. Das kann nur er sein."
Er drehte ihr den Bildschirm hin, sodass sie das Standbild besser betrachten konnte.
„Du hast ja recht, es sieht ihm wirklich unheimlich ähnlich, aber ... Wie sollte er den Vulkan überlebt haben?"
Chris schüttelte den Kopf. Er wusste überhaupt nicht mehr, was er noch glauben oder denken sollte. Sein Verstand sagte ihm, dass Wesker nicht leben konnte und doch sah er sein Gesicht in einer vier Monate alten Videoaufnahme vor sich.
„Ich habe keine Ahnung."
„Wenn es wirklich Wesker ist, dann muss ihm ja jemand geholfen haben. Ich erkenne diesen Tank wieder", mischte sich Jill in ihr Gespräch ein. Sie trat ebenfalls zu ihnen.
„Es ist ein Cryostase-Tank. Er scheint da drin zu schlafen, also muss irgendjemand ihn versorgen."
„Wesker hatte viele Kontakte", fuhr Chris fort. „Vielleicht jemand von TriCell, der eine Rückkehr plant."
„Ich weiß es nicht", sagte Jill missmutig. Sie war etwas blass und sie vermied es, auf das Laptop zu sehen. Chris ahnte, warum. Bei Weskers Anblick wurde sie wahrscheinlich an ihre drei Jahre der Gefangenschaft bei ihm und an die Dinge, die er ihr angetan hatte, erinnert.
„Glaubt ihr, wenn Wesker wirklich zurück ist, dass er für den Anschlag in Südamerika verantwortlich ist?", fragte Sheva weiter.
„Keine Ahnung", meinte Chris und seine Miene verfinsterte sich. „Ich kann für ihn nur hoffen, dass er es nicht ist."
„Ich weiß nur eines", sagte Jill. „Es war kein Zufall, dass wir dieses Video bekommen haben. Es sollte seinen Weg früher oder später zu Chris finden."
Chris und Sheva nickten einstimmig.
„Ich kann das eigentlich wirklich nicht glauben, dass er den Vulkan und die Explosion überlebt haben soll", sagte Sheva. „Aber ich schätze, es bringt nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Wir werden sehen, was sich ergibt. Ich bete jedenfalls dafür, dass das alles nur ein großer Irrtum ist."
„Captain."
Ein junger Mann trat zu ihnen. Chris sah auf.
„Wir landen in fünfzehn Minuten."
„Alles klar, danke. Wir sollten uns bereit machen." Er schloss das Video und klappte seinen Laptop zu.
Als sie wenig später aus dem Flugzeug traten, schlugen ihnen eine unerwartet hohe Temperatur und Luftfeuchtigkeit entgegen und Chris musste sich daran erinnern, dass sie trotz des Wintermonats ja in die Tropen und den Regenwald gereist waren und es weder Schnee noch Kälte hier gab.
Auf dem Rollfeld erwartete sie bereits eine Truppe der örtlichen B.S.A.A.
Als Chris, Jill und Sheva von der Treppe auf den Asphalt traten, löste sich eine Frau aus der Gruppe und kam auf sie zu.
Sie hatte rostbraune Haut und hatte ihre langen schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug eine Kampfuniform. Ihre durchtrainierten Oberarme waren tätowiert. Als sie Englisch sprach hörte man einen deutlichen spanischen Akzent.
„Bienvenidos a Bolivia", begrüßte sie die Ankömmlinge und salutierte. „Ich hoffe, Sie hatten einen guten Flug. Wir haben Sie bereits erwartet. Isabel García, B.S.A.A. Südamerika."
„Chris Redfield."
„Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mr. Redfield. Und Sie müssen Jill Valentine und Sheva Alomar sein."
„Freut mich."
Sie schüttelten sich die Hände.
„Es ist eine Ehre für mich, Sie alle kennenzulernen. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus. Ich wünschte nur, wir würden uns unter anderen Umständen kennenlernen."
„Das geht uns auch so", sagte Chris. „Wie ist die Lage?"
„Sofort. Ich werde Ihnen auf dem Weg alles berichten. Kommen Sie, die Autos stehen bereit. Das ist mein Team. Ich habe für diese Mission meine besten Leute ausgewählt."
Die Soldaten nickten ihnen zu.
Chris, Jill und Sheva folgten Isabel und ihrem Team zu ihren Fahrzeugen.
„Wie weit ist es bis zur Stadt?", erkundigte sich Jill, während sie einstiegen und der Konvoi sich in Bewegung setzte.
„Von hier aus sind es zwei Stunden, bis zu unserem Lager. Von dort aus werden wir mit Hubschraubern in die Stadt fliegen. Sofort, nachdem man gemerkt hat, was passiert ist, hat die Regierung alle Zugänge vom Boden aus gesperrt. Die Stadt ist komplett abgeschirmt worden, damit die Infektion nicht nach außen dringen kann."
„Gut."
„Glücklicherweise liegt die Stadt sehr weit abgelegen, sodass nicht die Gefahr besteht, dass die Infektion sich ausbreitet", erklärte Isabel. „Durch die schnellen Maßnahmen der Regierung ist Schlimmeres verhindert worden."
„Von welchem Ausmaß sprechen wir überhaupt?", erkundigte sich Jill.
„Ciudad de muchos colores hat ungefähr 30.000 Einwohner", fuhr Isabel fort. „So weit wir sehen konnten, ist die gesamte Stadt infiziert worden. Wir rechnen zum momentanen Zeitpunkt nicht mit Überlebenden. Vielleicht eine gute Nachricht. Die Dimension der Katastrophe reicht bei Weitem nicht an Raccoon City oder Tall Oaks heran. Was uns allerdings sehr beunruhigt ist, dass wir neue, bislang unbekannte B.O.W.s gesichtet haben. Ich werde Ihnen vor Ort die Bilder zeigen."
„Können Sie sich erklären, warum man diese Stadt für den Anschlag ausgesucht hat?", fragte Chris weiter.
„Nein." Isabel schüttelte den Kopf. „Absolut nicht. Wenn es wirklich ein terroristischer Angriff war, dann hätte man sicher eine größere, namhafte Stadt gewählt. Wir wissen nicht, warum es ausgerechnet Ciudad de muchos colores ist."
Sie fuhren auf einer mit Bäumen gesäumten Landstraße entlang. Vogelschwärme stiegen in den mit grauen Wolken verhangenen Himmel auf.
„Sie haben das Video erhalten, nehme ich an?", fragte Isabel vorsichtig an Chris gewandt.
Dieser nickte. „Ja."
„Was will O´Brian diesbezüglich unternehmen? Diese Bedrohung müssen wir sehr ernst nehmen. Sollte Albert Wesker ..."
„O'Brian will erst mal abwarten", sagte Chris sofort. „Er will die Sache so lange es geht bedeckt halten und keine Panik schüren. Wir müssen erst mal genauere Untersuchungen anstellen."
„Das verstehe ich", sagte Isabel.
„Wie haben Sie dieses Video überhaupt erhalten?", wollte Jill wissen.
„Es wurde unserer Zentrale in Buenos Aires anonym geschickt. Natürlich haben wir versucht, es zurückzuverfolgen, aber wir wissen nicht, woher es genau kam. Aber umso wichtiger ist es, dass wir dem nachgehen."
„Wo haben Sie ihr Lager?", fragte Sheva.
„Wir haben unsere Zelte direkt an der Straßensperre auf der Hauptzugangsstraße errichtet. Unsere Ausrüstung lagert auch dort und die Hubschrauber stehen bereit. Wenn wir angekommen sind, zeige ich Ihnen alles weitere."
Im Lager angekommen, führte Isabel Chris, Jill und Sheva in ihr Zelt, um sie über die genaue Situation innerhalb der Stadt zu informieren.
Auf einem Tisch hatte sie Bilder, Lagepläne der Stadt und Aufzeichnungen ausgebreitet.
„Das ist der Stadtplan von Ciudad de muchos colores", erklärte Isabel. „Die Kanalisation ist hier verzeichnet."
Sie deutete auf zwei große Skizzen, die das verzweigte Straßennetz und die unterirdischen Kanäle zeigte. Chris sank das Herz, als er den breiten blauen Strich sah, der durch die gesamte Stadt führte.
„Abgesperrt ist hier, hier und hier. An dem Punkt befinden wir uns." Nacheinander zeigte sie auf die Straßen, die aus der Stadt hinausführten und schließlich auf ihren Stützpunkt.
„Wo wird uns der Hubschrauber absetzen?", fragte Chris.
„Genau dort." Isabel deutete auf ein großes Gebäude. „Das ist ein Hochhaus, das einen Landeplatz auf dem Dach hat."
„Wann starten wir?"
„Geplant war in einer Stunde. Unser Team stellt gerade unsere Ausrüstung zusammen."
„Wie werden wir vorgehen?"
„Geplant ist momentan nur eine Erkundungsmission. Wir haben die Stadt bisher nur aus der Luft beobachtet, aber wir konnten nicht rein. Es herrschte nur Chaos. Wir mussten warten, bis sich alles beruhigt hat."
„Das heißt, wir werden erst mal nur die Lage einschätzen?", fragte Jill.
„Ja, alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Durch die Aufnahmen, die wir aus der Luft gemacht haben, konnten wir ein paar vorsichtige Prognosen aufstellen. Genaueres aber können wir erst sagen, wenn wir die unten waren. Wir wissen noch nicht einmal genau, mit was man die Leute diesmal infiziert hat, und es sind bislang völlig unbekannte B.O.W.s aufgetaucht. Unsere Regierungen verlangen Informationen, damit sie weiterhandeln können."
„Was passiert mit der Stadt? Ich hoffe doch nicht dasselbe wie mit Raccoon City?", fragte Sheva besorgt.
Isabel seufzte. „Ich kann es Ihnen nicht sagen. Lassen wir es erst mal auf uns zukommen."
„Diese B.O.W.s", fragte Chris. „Sie sagten, Sie hätten Bilder aus der Luft machen können ..."
„Ja. Hier sind sie. Ich habe die besten und schärfsten auf meinem Computer."
Isabel holte ihr Laptop und startete es. Dann rief sie eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotos auf.
Chris, Jill und Sheva beugten sich näher an den Bildschirm, um genauer sehen zu können.
„Wir haben zuerst gedacht, es sind Hunter, aber dann ..."
Die Bilder zeigten ein reptilienartiges Wesen, einer großen Eidechse nicht unähnlich. Es ging leicht nach vorne gebeugt auf zwei kräftigen Hinterbeinen und hatte große Krallen an den Vorderläufen. Sein Rücken wurde durch einen stacheligen Schuppenpanzer geschützt.
„Dieser Reptilien-B.O.W. scheint giftig zu sein und durch seinen Biss die Infektion zu verbreiten. Wir müssen hier also größte Sorgfalt walten lassen. Das andere ist das hier."
Isabel betätigte die Maus und ein neues Bild erschien. „Es scheint irgendein Säugetier zu sein."
Tatsächlich sah der B.O.W. aus wie eine Katze. Er war jedoch mindestens mannshoch und hatte große, kräftige Kiefer. Chris erinnerte es entfernt and die Zombiehunde aus dem alten Herrenhaus.
„Diese neuen, unbekannten Kreaturen sind aber nicht unser einziges Problem. Zwar hat die schnelle Quarantäne der Stadt eine Ausbreitung der Infektion bislang verhindert, doch unsere größte Sorge im Moment ist der Fluss, der durch die Stadt durchführt. Den können wir natürlich nicht aufhalten."
Chris nickte zustimmend. „Wollen wir hoffen, dass alles gut wird."
Nach der Besprechung verließen Chris, Jill und Sheva Isabels Zelt und begaben sich zu ihrem Team, das bereits begonnen hatte, sich mit Waffen auszustatten.
Sie nahmen jeder eine Pistole und zwei Ersatzmagazine, Chris zusätzlich eine Schrotflinte, Jill ein Maschinengewehr und Sheva ein Scharfschützengewehr mit. Außerdem steckten sie Kampfmesser und Granaten ein.
Chris steckte gerade sein Messer an seinen Gürtel, als plötzlich sein Handy klingelte.
Er entschuldigte sich bei den anderen und entfernte sich ein Stück von der Gruppe, um ungestört reden zu können. Als er den Namen des Anrufers auf dem Display sah, hellte sich seine Miene auf.
„Na, Little Sis'", sagte er, nachdem er abgehoben hatte. Die Stimme seiner Schwester zu hören, war zumindest eine kleiner Trost in ihrer ernsten Lage.
„Hey, Chris", sagte Claire. „Seid ihr gut angekommen?"
„Ja."
„Und wie sieht es dort aus? Es gab wieder einen Anschlag, oder? Hier bei uns ist das auch schon Thema."
„Ja. Und leider können wir momentan nichts Positives berichten. Wir gehen bald rein. Sehen wie die Stadt aussieht."
„Verstehe."
„Und du? Bist du schon unterwegs?"
Claire musste für TerraSave nach Russland reißen, um den Verdacht zu überprüfen, ob ein Mann dort illegal auf dem Schwarzmarkt mit B.O.W.s handelte.
„Mein Team und ich sitzen im Flugzeug", sagte sie. „Wir dürften bis morgen dort sein."
„Pass gut auf dich auf, Claire, OK?", sagte Chris eindringlich.
„Hey, ich bin schon ein großes Mädchen", meinte Claire im Scherz. Chris war immer noch häufig etwas überbehütend und vergaß beizeiten, dass sie beide längst erwachsen waren. Er musste sich eingestehen, dass die Angst, seine jüngere Schwester zu verlieren, tief in ihm saß. Er hatte so viele Leute bereits verloren, sollte seiner Schwester etwas geschehen, würde er sich dies niemals verzeihen. Und wenn sie, wie jetzt, allein auf einer Mission war, konnte er sie nicht einmal beschützen.
„Weiß ich doch."
„Pass auch du gut auf dich auf. Und auf Jill."
„Natürlich."
„Machs gut und meld dich wieder bei mir", sagte Claire und sie verabschiedeten sich. Chris sah gedankenverloren auf sein Handy.
„Das war Claire, oder?", fragte Jill.
„Ja. Sie muss nach Osteuropa reisen. Ich ..."
„Du machst dir Sorgen, oder? Claire schafft das", beschwichtigte ihn Jill. „Sie hat immer alles gemeistert."
„Du hast Recht."
Sie begaben sich zu ihrem und Isabels Team zurück und bereiteten sich auf den Flug in die Stadt vor.
Der Hubschrauber dröhnte ihn Chris' Ohren, als sie über die Dächer der Stadt auf das Hochhaus zusteuerten, auf dem sie landen wollten.
Chris sah überall kleine Brände und Rauchschwaden, Häuser und Autos waren zerstört worden, Menschen wandelten als lebende Tote durch die Straßen. Die B.O.W.s schienen verschwunden zu sein, denn er konnte keine von oben erblicken.
Er spürte Wut in sich aufsteigen und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Wer auch immer für den Tod so vieler Unschuldiger verantwortlich war, musste zur Rechenschaft gezogen werden. Er fühlte sich verantwortlich und er konnte es nicht mehr zulassen, dass noch mehr Schaden durch Bioterroristen verursacht wurde. Die Verantwortlichen mussten endlich ausgeschaltet werden. Ein für alle mal. Koste es, was es wolle.
Ein Mann saß vor einem Bildschirm und beobachtete das Geschehen. Eine zweite Person, in einen langen Kapuzenumhang gehüllt, betrat den Raum.
„Die B.S.A.A. ist hier."
„Ja. Und sie werden mit Sicherheit bald ihren Weg zu uns finden. Wir werden ihnen einen gebührenden Empfang bereiten. Mach dich bereit."
Die vermummte Gestalt nickte und verließ den Raum. Der Mann lächelte.
Sie stiegen aus den Helikoptern und hielten ihre Waffen bereit.
„Wir werden uns über das Treppenhaus nach unten durchschlagen", erklärte Isabel. „Dann werden wir unsere Route beginnen. Die Pläne haben Sie?"
Chris, Jill und Sheva nickten.
Die beiden Teams hatten eine bestimmte Strecke vereinbart, die sie zu allen wichtigen Plätzen der Stadt führen sollte und die sie bis in drei Stunden abarbeiten wollten.
Ihr Auftrag war eine genaue Einschätzung der Lage, mögliche Überlebende zu evakuieren und die neuen B.O.W.s zu untersuchen. Zusätzlich mussten sie Informationen über den Ursprung des Ausbruchs finden und natürlich die dringlichste Frage klären, ob Albert Wesker etwas mit dem Anschlag zu tun hatte. Vor letzterem hatte Chris am meisten Angst und die ganze Zeit hatte er ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.
Sie waren auf reiner Erkundungsmission und Teil ihres Befehls war, sich nicht auf unnötige Kämpfe einzulassen. Ihre Bewaffnung diente der Verteidigung.
Die Teams würden die Route jeweils in entgegengesetzte Richtung beginnen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt sollten sie sich an einem verabredeten Ort treffen. Sie alle waren mit Funkgeräten und Videokameras ausgestattet, sodass sie sich unterwegs verständigen und Filmaufnahmen zur Berichterstattung drehen konnten.
Stockwerk um Stockwerk kämpften sie sich durch das Bürogebäude nach unten, bis sie schließlich den Haupteingang erreichten, der zur Straße führte.
Sie wünschten sich Glück, trennten sich und die Teams setzten ihren Weg allein fort. Chris, Jill und Sheva führten ihre Leute durch eine Reihe von Seitenstraßen. Sie passierten das Rathaus und einige Verwaltungsgebäude, sowie eine Schule, bis sie schließlich den Stadtpark erreichten.
Ein Mädchen saß zusammengekauert und regungslos in der Eckes eines kleinen Büros unter einem alten Schreibtisch.
Sie war zierlich und schmächtig, fast anorektisch und Menschen, die sie sahen, hätten sie für ein junges Schuldkind halten können. In Wirklichkeit war sie jedoch 17 Jahre alt.
Ihr Kopf war kahlrasiert und nur ein dünner, dunkler Stoppelansatz ließ vermuten, dass sie einmal braune Haare gehabt hatte. Sie trug eine schwarze, enge Hose und ein weites, graues Vleece-Shirt. Ihre Arme waren fest um ihren Körper geschlungen.
Angst lag in ihren dunkelbraunen Augen und ihr Blick war starr auf die offene Tür gerichtet.
Ein langer düsterer Flur lag dahinter. Bereits seit Stunden harrte sie in ihrem Versteck aus und lauschte auf jedes Geräusch, das seine Rückkehr andeuten würde. Sie hatte Angst, dass er nicht wiederkommen und sie einfach hier lassen würde, weil sie etwas Dummes angestellt hatte.
Als sie Schritte hörte, weiteten sich ihre Augen.
Ein Mann, der in einen weiten schwarzen Umhang gekleidet war, betrat den Raum. Er hatte seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen und trug eine Maske, sodass man seine Gesichtszüge nicht erkennen konnte.
Als sie ihn sah, entspannte sich ihr Körper. Sie war froh, dass er wieder hier war, doch sie fürchtete auch, dass er mit ihr schimpfen würde.
„Wieder da", sagte sie. Der Mann nickte ihr zu, dann schritt er zu einem Regal, an dem ein halbautomatisches Scharfschützengewehr und eine Schrotflinte lehnten.
„Du böse?", fragte das Mädchen eingeschüchtert und sah ihn schuldbewusst an. Seit sie mit der Außenwelt konfrontiert war, wirkte sie immer zu ängstlich, wie ein scheues Tier.
Der Mann, der gerade begonnen hatte, Magazine für seine Pistole aus dem Regal zu entnehmen, hielt inne, legte seine Waffe beiseite und ging vor ihr in die Hocke. Sie wagte es nicht, unter dem Tisch hervorzukommen.
„Nein, ich bin dir nicht böse, kleine Lady", sagte er in perfektem, fast akzentfreiem Deutsch.
„Aber du musst mir versprechen, dass du nicht mehr wegläufst. OK?"
„OK", sagte sie.
„Hast du Angst?"
Sie sah ihn mit traurigen Augen an und nickte.
„Wir werden es schaffen. Hier bist du erst mal sicher. Was haben wir gesagt?"
„Verstecken. Ruhig. Nicht rauskommen."
„Gut. Das heißt, du bleibst hier, verstanden?"
Sie nickte.
„Ich habe etwas zu essen für dich." Er schob ihr Brot, etwas Käse und eine Schachtel Kekse zu. Sie freute sich über die Süßigkeit, doch ihr Gesicht zeigte sofort wieder einen verängstigten Ausdruck, als sie sah, dass er seine Pistole einsteckte und das Scharfschützengewehr schulterte.
„Wieder weggehen?", fragte sie leicht panisch.
„Ich muss. Ich habe etwas zu erledigen", sagte der Mann. „Ich werde wiederkommen. Du musst einfach nur hier auf mich warten."
Plötzlich änderte sich ihr Gesichtsausdruck. Ihr Blick wurde leer, als würde sie durch ihn hindurchsehen, als wäre sie gedanklich in einer anderen Welt.
„Du traurig. Warum?"
Der Mann musterte sie nur, erwiderte aber nichts auf ihre Frage. „Bis später."
Er schritt mit wehendem Umhang davon.
Chris, Jill und Sheva und ihr Team kämpften sich weiterhin durch die versuchte Stadt. Es war noch eine ganze Stunde, bis sie sich mit Isabel und ihren Leuten treffen wollten, doch sie hatten ihnen bereits über Funk mitgeteilt, dass sie die Mission so schnell es ging abbrechen mussten. Weil die Straßen aufgrund der vielen Infizierten zu gefährlich waren, hatten sie sich entschieden, den Weg über die Dächer fortzusetzen.
Eine Horde der neuen B.O.W.s schien darauf gewartet zu haben und hatte sie in einen Hinterhalt gelockt und die Hälfte ihres Teams getötet. Ihre Munition ging zur Neige und sie hatten es nur knapp geschafft, zu entkommen. Die ungewöhnlich intelligenten Tiere kesselten sie von allen Seiten ein und trieben sie zum Flussufer.
Chris feuerte im Rennen ein paar Schuss ab und traf einen Katzen-B.O.W. ins Maul. Das Tier kam zum Straucheln und stürzte, doch seine Artgenossen, mindestens acht Expemplare, preschten weiterhin erbarmungslos auf sie zu.
Sie liefen so schnell sie konnten und hatten unterwegs den Großteil ihrer Ausrüstung zurückgelassen, doch der Abstand zwischen Jägern und Gejagten wurde stetig geringer.
Vor sich konnten sie den Hafen erkennen. Ein Güterschiff trieb gekentert im Wasser und ein Ölfilm hatte sich auf der Oberfläche gebildet.
„Captain, wir können nirgendwo mehr hin!", rief Jones, ein Überlebender Soldat. Er feuerte so gut es ging auf die Monster, doch wurde bald von der Herde eingeholt.
„Jones!", schrie Chris, doch sie konnten nur hilflos zusehen, wie ihr Kamerad in Stücke gerissen wurde.
„Chris, wir müssen etwas tun!", sagte Sheva mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ein Gesteinsbrocken hatten sie einige Zeit zuvor an der Schulter getroffen und sie hatte Mühe ihr schweres Scharfschützengewehr zu tragen.
Chris' Gedanken rasten. Sie hatten den Fluss im Rücken und wurden weiter von den B.O.W.s eingekreist. Schweißtropfen liefen sein Gesicht hinunter. Er entlud seine Schrotflinte in eines der Monster, doch traf es nur an der Flanke.
Schließlich konnten sie nicht mehr weiter. Hinter ihnen war das Flussufer und ein Anlegesteg.
Die B.O.W.s kamen zum Stehen und umkreisten sie. Begierig rissen sie ihre Mäuler auf und der Geifer tropfte von ihren langen, scharfen Zähnen.
„Chris!", rief Jill. Sie entleerten ihre letzten Magazine, doch die verbliebenen Kugeln konnten die Monster nicht aufhalten.
Einer der B.O.W.s stürmte auf den am äußersten Rand stehenden Mann zu und riss ihn zu Boden. Der Mann schrie, als sich die Zähne des Tieres in seinen Torso bohrten und Blut spritzte.
„Nein!", schrie Chris, doch er wusste, dass sie keine Chance mehr hatten. Der Rest der Herde fiel über sie her.
Chris hielt schützend die Arme vor sein Gesicht, doch plötzlich wurde der B.O.W., der ihn verschlingen wollte, von einem Schuss zur Seite gerissen. Das Tier heulte vor Schmerz auf und blieb in einer Blutlache liegen.
Die anderen wichen zurück und ließen von ihrer Beute ab. Es fielen drei weitere Schüsse, die eine Katze in den Kopf traf und auf dem Asphalt aufschlugen, sodass die übrigen aus Angst zurückwichen und schließlich die Flucht ergriffen.
„Was war das?!", fragte Jill sofort alarmiert. „Irgendjemand hat geschossen!"
Entgeistert blickten sie nach allen Seiten und zu den Dächern der umliegenden Häuser, doch sie konnten nichts erkennen. Isabel und ihr Team waren noch nicht an ihrem Treffpunkt eingetroffen.
„Wir haben keine Zeit mehr. Weiter!", wies Chris sie an.
„Schnell, wir müssen weg! Wir müssen die Gelegenheit nutzen!", sagte Sheva.
Sie hetzten weiter atemlos die Uferpromenade entlang und warfen immer wieder einen Blick nach hinten, um zu sehen, ob sie noch verfolgt wurden.
Sie erreichten einen Platz mit vielen Cafés, auf dem unzählige Tisch und Stühle standen und von dem aus man den Fluss überblicken konnte. Ein breiter Steg ragte in den Fluss hinein.
„Captain García, bitte kommen!", sagte Chris in sein Funkgerät. „Captain García, bitte kommen!" Er hatte keinen Empfang mehr und bekam nur statisches Rauschen als Antwort.
„Verdammter Mist!"
„Captain, was sollen wir machen? Wir haben keine Munition mehr!", sagte einer seiner Soldaten.
Chris wollte gerade antworten, als er von Lärm hinter sich unterbrochen wurde. Alarmiert hoben sie ihre Waffen und zielten.
Die Straße hob sich und der Asphalt platzte auf. Ein Reptilien-B.O.W. steckte seinen Kopf heraus und stieg aus der Erde. Es war größer, als die, die sie auf den Fotos gesehen hatten, und hatte einen langen Schwanz. Es erinnerte Chris wage an den Ogroman, hatte aber mehr Ähnlichkeit mit einem Dinosaurier.
Es brachte einen schrecklichen Geruch nach Verwesung und Kanalisation mit sich.
Als es die Gruppe Menschen erblickte, begann es laut zu brüllen und griff an.
Es fegte ihre Teammitglieder mit Leichtigkeit zur Seite, sodass nur Chris, Jill und Sheva übrig blieben.
Sie hatten keine Wahl mehr, als den Schlägen des Untiers auszuweichen. Ihre Munition war aufgebraucht.
In der Ferne hörte Chris einen Hubschrauber nahen. Der Pilot begann sofort zu feuern, doch das Monster holte aus und sie mussten abdrehen, um nicht aus der Luft geholt zu werden.
„Jill, Sheva!" Chris und Sheva rollten sich über den Boden ab, um nicht von den klauenbesetzten Füßen zermalmt zu werden.
Der B.O.W. holte mit seiner großen Pranke aus und erwischte Jill am Oberschenkel, da sie nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Sie wurde durch die Luft geschleudert und landete hart auf dem Holzsteg. Nur das Holzgeländer stoppte sie, bevor sie ins Wasser rutschen konnte.
„Jill!", rief Chris, doch sein Rufen ging im lauten Gebrüll des Monsters unter. Er wollte zu seiner Verlobten laufen, doch der Schwanz des Ungetüms stieß ihn zur Seite. Er wurde durch eine Reihe von Tischen und Stühlen geworfen und schlug hart auf dem Rücken auf.
Jill sah den B.O.W. auf sich zupreschen und unter ohrenbetäubendem Gebrüll seine gewaltigen Kiefer entblößen. Sie war unfähig sich zu bewegen. Sie zielte noch mit der Waffe auf das Monster und drückte ab, doch ihr Magazin war leer. Ihr Bein blutete stark und allmählich übermannte sie die Müdigkeit.
Angst und Panik lähmten sie. Sie konnte nirgendwo hin. Sie war eingekesselt. Mit letzter Kraft versuchte sie noch wegzukriechen, doch es war ein hoffnungsloses Unterfangen. Selbst wenn sie es ins Wasser schaffte, der B.O.W. würde sie schnappen.
Isabel und ihr Team feuerten vom Hubschrauber aus, doch der dicke Panzer des Reptils verhinderte, dass es Schaden durch die Kugeln erleiden konnte.
Das Gewicht des Untiers brachte die Holzleisten unter seinen Krallen zum Splittern. Der Abstand zwischen ihm und seiner Beute wurde von Sekunde zu Sekunde kleiner.
„Neeeein!", schrie Jill verzweifelt und wandte den Blick ab. Das Geschrei des Monsters dröhnte so laut in ihren Ohren, dass sie dachte, ihre Trommelfelle würden platzen. Sie spürte, wie der Steg unter ihr wegbrach.
Es war vorbei. Gleich würde der Schmerz sie treffen und die Dunkelheit sie einschließen.
Doch nichts passierte. Die nächsten Augenblicke spielten sich so schnell hintereinander ab, dass sie kaum realisierte, was passierte.
Der B.O.W. hatte sie erreicht, sie konnte seinen fauligen, stinkenden Atem riechen und spürte Tropfen von Speichel auf ihrem Gesicht. Sie verlor auf dem zusammenbrechenden Steg den Halt. Irgendetwas schloss sich fest um ihren Körper und sie wurde hoch in die Luft gerissen. Wind fuhr durch ihre Haare.
Sie spürte keinen Schmerz, das Monster hatte sie nicht erwischt. Sein Brüllen wurde leiser.
Stattdessen hatten sich zwei kräftige Arme um sie geschlungen und eine Person, offenbar ein Mann, drückte sie fest an ihren Körper.
Sie verkrampfte und klammerte sich verzweifelt an die muskulöse Brust des Unbekannten.
Ihr Flug sollte nur ein paar Sekunden dauern, bis sie wieder festen Boden unter sich spürte. Vorsichtig öffnete sie die Augen und erblickte eine in einen schwarzen Umhang gewandte Gestalt, deren Gesicht jedoch von einer Kapuze verdeckt wurde. Der Mann löste seinen Griff um sie und legte sie vorsichtig auf dem kalten Metall ab. Für einen Moment blieb er über ihr stehen und sie starrten sich an, dann eilte er davon und verschwand aus ihrem Blickfeld.
Jills Herz schlug so heftig, dass ihr Hals schmerzte. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte.
Wie gelähmt lag sie auf der glatten Oberfläche. Sie konnte sich nicht bewegen. Ihre Hände zitterten. Dann wurde sie von den schrecklichen Erinnerungen aus der Vergangenheit heimgesucht. Von denen, die sie doch so sehnlichst vergessen wollte.
Wesker hielt Chris und holte zum Schlag gegen ihn aus. Jill rannte. Sie packte Weskers Oberkörper und sie fielen.
Jill spürte Weskers Arme um ihren Körper. Ihr Kopf lehnte an seiner Brust und sie atmete den Duft des Leders ein.
Sie spürte, wie seine Hände über ihre Haut glitten.
Weskers starke Arme hielten sie. Er trug sie dicht an seinen Körper gepresst. Er legte sie auf kaltes Metall.
Wenn es etwas gab, dessen sich Jill absolut sicher war, dann dass Albert Wesker sie gerettet hatte ...
