Nervös trommelte Jake mit seinen Fingern auf dem Tisch. Vor ihm lag das Telefon und ein kleiner, weißer Zettel, auf dem er eine Nummer notiert hatte. Er saß seit einer halben Stunde ruhig da und überlegte, ob er seinen Plan wirklich in die Tat umsetzen sollte oder nicht. Er kam sich dabei dämlich vor.

Es war eine blödsinnige Idee, aber für Jake stellte es den letzten Strohhalm dar, den er noch ergreifen konnte. Sollte es ins Leere verlaufen, so nahm er sich vor, würde er die Sache ruhen lassen. Natürlich hoffte er innerlich, es wäre nicht umsonst.

Er konnte gar nicht sagen, was er sich davon erwartete, er hatte einfach nur das Gefühl, dass er alle Möglichkeiten nutzen sollte. Vielleicht hatte er ja auch Pech und sie wohnte gar nicht mehr in New York. Er hatte ihre Nummer aus dem Telefonbuch.

Sherrys Stimme klang noch in seinen Ohren: „Jake, mach dir keine Gedanken um die Vergangenheit. Du musst die Vergangenheit ruhen lassen."

Im Prinzip gab er ihr Recht, doch er konnte diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Er hatte ihr aber vorsichtshalber nichts von seinem Vorhaben erzählt, damit sie nicht versuchte, ihm die Sache auszureden.

Schließlich überwand er sich, nahm das Telefon und wählte die Nummer. Es klingelte fünf Mal.

„Hallo?" Eine Frauenstimme meldete sich. Jakes Herz machte einen Hüpfer.

„Hi, ähm, spreche ich mit Luise Schmidt?"

„Ja. Wer ist da?" Die Frau klang jetzt misstrauischer.

„Hier ist Jacob. Muller."

Stille am anderen Ende.

„Du lieber Himmel! Jake!"

„Sie wissen, wer ich bin?"

„Ja, aber natürlich. Wie könnte ich dich vergessen?"

Jakes Gedanken rasten und sein Herz klopfte wie wild.

„Sie ... Sie kennen mich also? Dann erinnern Sie sich doch bestimmt an meine Mutter? Anna Muller?"

„Ja, natürlich", sagte Luise sofort. „Ich habe so oft an euch gedacht. Wie geht es Anna?"

Jake schluckte. „Mum ist tot. Sie ist 2008 gestorben."

„Oh nein. Das tut mir so Leid, Jake. Was ist passiert?", fragte Luise betroffen.

„Sie war krank. Und leider konnte sie nicht richtig behandelt werden", erklärte Jake und sein Inneres verkrampfte sich. Er wurde nicht gerne daran erinnert, wie sehr seine Mutter gelitten hatte. Das Bild von ihr, wie sie leblos in ihrem Bett gelegen hatte, trat vor sein geistiges Auge und sein Magen schnürte sich zusammen.

„Es tut mir so Leid. Ich wusste das nicht. Anna und ich hatten sehr viele Jahre keinen Kontakt mehr."

Luise Schmidt war eine alte Schulfreundin von Anna Muller, Jakes Mutter, gewesen, die ebenfalls Anfang der 90er-Jahre nach Amerika gegangen war. Sie lebte seitdem in New York. Vor einiger Zeit war ihm eingefallen, dass die beiden immer guten Kontakt zueinander gehabt hatten und Jake hoffte, sie könnte ihm vielleicht etwas über die Beziehung seiner Eltern erzählen.

„Ja, das weiß ich", sagte Jake.

„Aber sag mir Jake, warum rufst du an? Ich habe oft mal an dich gedacht und was aus dir geworden ist. Ich kann mich ja noch daran erinnern, als du ganz klein warst. Du bist jetzt doch schon über 20, oder?"

Jake stutzte. „Ja, bin ich, aber was soll das heißen, Sie können sich an mich erinnern, als ich klein war? Sie haben doch damals schon lange in Amerika gelebt?"

„Ja, wie deine Mutter."

„Entschuldigung, ich verstehe nicht. Ich bin in Edonien geboren."

Jetzt war es an Luise zu stutzen. „Nein, nein, Jake. Du bist in Amerika geboren. Hier in New York. Deine Mutter hat bei mir gewohnt, als sie schwanger war und als du geboren warst, ist sie zurück nach Europa."

Jake verstand überhaupt nichts mehr. Seine Mutter hatte ihm immer erzählt, dass sie nach der Trennung von seinem Vater sofort nach Edonien zurückgegangen sei. Nie hatte sie erwähnt, dass sie noch gewartet hatte, bis er geboren war.

„Mum hat mir erzählt, dass ich in Edonien geboren bin", erklärte er. „Ich wusste gar nicht, dass ... Das ... Ehrlich gesagt, damit habe ich nicht gerechnet", gab er schließlich zu. Die Information war zu viel für ihn.

„Wissen Sie, ich habe Sie eigentlich angerufen, weil ich wissen wollte, ob Sie etwas über die Beziehung meiner Eltern und meinen Vater wissen, aber das ..."

„Ich bin jetzt selbst genauso erstaunt wie du, Jake", gab Luise zu. „Hat dir Anna nicht davon erzählt, wie sie bei mir war?"

„Nein. Sie hat mir generell sehr wenig erzählt. Und in dem Punkt hat sie mich sogar angelogen."

„Weißt du", sagte Luise nachdenklich. „Du darfst deiner Mutter nicht böse sein, wenn sie dir nicht ganz die Wahrheit erzählt hat."

„Wieso? Was meinen Sie?"

Luise holte tief Luft. „Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern. Es war im April 1992. Deine Mutter stand plötzlich mit all ihren Sachen bei mir vor der Tür und sagte, sie bräuchte Hilfe. Sie hat mir erzählt, dass sie schwanger ist und sich von dem Vater des Kindes getrennt hatte. Sie war dann bis zu deiner Geburt bei mir und du bist hier in einem Krankenhaus geboren worden."

„Hat Mum zufällig erwähnt, warum sie sich von meinem Vater getrennt hat?" Jake hielt den Atem an. Sein ganzer Körper war angespannt.

„Sie hat gesagt, er hätte sie verlassen, weil ihm die Beziehung nichts bedeutet hätte. Ehrlich gesagt, hatte ich daran aber meine Zweifel."

„Inwiefern?", hakte Jake nach. Sein Herz klopfte so stark, dass es in seinem Hals schmerzte.

„Sie hat mir davor immer erzählt, wie glücklich sie zusammen waren. Es ging ihr so gut mit deinem Vater und nichts hat darauf hingedeutet, dass sie sich trennen würden. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie mir nicht die Wahrheit erzählt hat. Sie hat nur wage angedeutet, dass es etwas mit seiner Arbeit zu tun hatte. Aber mehr weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie sehr niedergeschlagen war. Ich habe sie noch nie so gesehen. Sie muss deinen Vater sehr geliebt haben, wenn sie die Trennung so mitgenommen hat."

Das hatte sie, dachte Jake säuerlich.

„Hat sie noch irgendwas gesagt?"

„Nein, das war alles und ich gebe zu, dass ich sie nicht weiter gefragt habe. Sie war sehr verschlossen und geheimnisvoll. Irgendetwas war nicht in Ordnung mit deinem Vater und der Situation. Es hat ihr das Herz gebrochen, Jake. Sie hat so oft geweint und manchmal stand sie vor dem Telefon und wollte ihn anrufen, aber ... Sie hat es nie gemacht. Dein Vater wusste gar nicht, dass es dich gibt. Anna hat immer gesagt, es wäre besser so, wenn er nichts davon weiß. Vielleicht hatte es auch etwas mit seiner Arbeit zu tun, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ihr das sehr wehgetan hat und sie hatte wegen dir Schuldgefühle, dass sie dir deinen Vater vorenthält."

„Sie wollte es ihm sagen? Aber hat es nicht. Und irgendwas war mit seiner Arbeit, dass er Mum verlassen hat", sagte Jake, mehr zu sich selbst. Eine Erkenntnis breitete sich in ihm aus.

„Ja", sagte Luise. „Anna hat die restlichen Monate gearbeitet und hat den Umzug vorbereitet. Du kamst ungefähr einen Monat zu früh, schon im Oktober. Ich kann mich genau erinnern, als wir ins Krankenhaus sind. Es gab ein paar Komplikationen, deshalb musste ein Kaiserschnitt gemacht werden. Nach deiner Geburt ist Anna mit dir zusammen nach Edonien. Ich habe ihr immer gesagt, dass ihr hier eine bessere Zukunft haben würdet, aber ... Sie hielt es für besser und ich konnte sie nicht überzeugen. Ich habe es nicht verstanden, weil Amerika immer ihr Traum war, aber offenbar dachte sie, es wäre besser für euch beide. Vielleicht wollte sie dich schützen. Es tut mir Leid, Jake, ich wusste nicht, dass deine Mutter dir nicht die Wahrheit erzählt hat."

„Ist schon gut", sagte Jake sofort. In seinem Inneren kochte es. Er war von dem, was er eben erfahren hat, sehr aufgewühlt.

„Ich danke Ihnen vielmals, Luise, Sie haben mir sehr weitergeholfen."

„Gerne, Jake. Weißt du, wenn du noch weitersprechen möchtest, du kannst mich jederzeit wieder anrufen. Wenn du mal in New York sein solltest, dann kannst du vorbeikommen. Ich kann dir auch das Krankenhaus zeigen, in dem du geboren wurdest. Es musste zwar in der Zwischenzeit schließen, aber das Gebäude steht noch."

„Danke. Ich werde darauf zurückkommen", sagte Jake. „Es hat mich gefreut, mit Ihnen zu reden."

„Ebenso, Jake. Ich würde dich so gern sehen und kennenlernen. Ich hab dich ja zuletzt als Baby gesehen. Was ist aus dir geworden? Was machst du jetzt?"

„Ich lebe jetzt auch in Amerika, hab einen Job.", erklärte Jake. „Und ich habe eine Freundin."

„Das freut mich für dich. Deine Mutter wäre sehr stolz auf dich."

„Danke."

„Ich wünsche dir auf jeden Fall alles Gute für die Zukunft. Es hat mich sehr gefreut, mit dir zu sprechen und vielleicht höre ich mal wieder von dir. Ich hoffe, ich habe dir weitergeholfen."

„Das haben Sie, das haben Sie wirklich", sagte Jake. „Vielen Dank und ich wünsche Ihnen auch alles Gute."

Sie verabschiedeten sich und Jake legte auf.

Er blieb eine Weile am Tisch sitzen. Mittlerweile war es dunkel draußen geworden.

Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Er war ohne große Erwartungen in das Gespräch gegangen, doch was er dadurch erfahren hatte, überstieg alles, was er sich hätte vorstellen können.

Die Dinge, die er erfahren hatte, stellten die gesamte Geschichte in einem völlig anderen Licht dar.

Seine Mutter hatte ihn über vieles angelogen und er war zumindest in einem Punkt zu Unrecht wütend auf seinen Vater. Wesker hatte gar nicht von ihm gewusst.

Er hatte Recht gehabt. Sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht. Es gab Ungereimtheiten. Er hatte es die ganze Zeit gewusst und jetzt hatte er die Bestätigung.

Er musste mit Sherry darüber sprechen.


Cuidad de muchos colores, Südamerika

„Jill, vielleicht solltest du Dr. Svensson anrufen und mit ihr darüber sprechen", sagte Chris vorsichtig, denn er wollte seine Verlobte nicht glauben lassen, er halte sie für verrückt.

Dr. Marta Svensson war Jills Psychiaterin, bei der sie nach der Gefangenschaft durch Albert Wesker drei Jahre lang eine Therapie gemacht hatte, um die schrecklichen Vorkommnisse zu verarbeiten. Sie war spezialisiert auf Traumata und Opfer von Entführungen und hatte Jill erfolgreich geholfen, mit den Dingen, die sie unter Einfluss des P30 begangen hatte, sowie mit ihren Ängsten und Albträumen fertig zu werden.

„Ich weiß, dass du mir nicht glaubst, Chris", sagte Jill gereizt. Sie debattierten bereits seit Stunden über dasselbe Thema.

„Ich will nicht mit Dr. Svensson reden, es ist alles in Ordnung mit mir! Ich weiß, dass sich das verrückt anhört, aber ich bin überzeugt davon, dass ..." Sie zögerte. „... dass er das war."

Chris wusste nicht, was er sagen sollte, denn er wollte sich nicht streiten. Nach dem Einsatz und dem Verlust seines Teams war er viel zu erschöpft und niedergeschlagen dafür.

„Jill. Eigentlich ist Wesker seit über vier Jahren tot. Eigentlich kann er nicht da gewesen sein. Irgendjemand anders hat dich gerettet und die ähnliche Situation muss deine Erinnerungen und Gefühle von damals getriggert haben."

Jill atmete geräuschvoll aus. „Ich weiß, was ich weiß Chris."

Sie holte tief Luft und es war ihr anzumerken, wie viel Überwindung es sie kostete, über ihre Empfindungen zu sprechen.

„Du weißt nicht, wie sich das angefühlt hat. Diese Hände, diese Umarmung, dieser Körper an meinem. Sogar der Geruch war der selbe. Chris, ich habe drei Jahre in seiner Nähe verbracht, ich habe mich nicht getäuscht. Und außerdem, denk an das Video. Da ist eindeutig Wesker drauf. Und jetzt haben wir den entgültigen Beweis, dass er wieder da ist!"

Sie war jetzt aufgeregt. In ihrem Gesicht spielten sich Angst, Verzweiflung und der Schmerz über die Vergangenheit wider.

„Ich weiß, ich weiß. Es ist nur ..."

Jills Anblick schmerzte Chris.

„Er ist in einem Vulkan versunken. Zwei Raketenwerfer haben ihn weggefegt. Das hätte nicht mal Wesker überlebt. Und wenn er wirklich da draußen ist, wenn Wesker wirklich auf diesem Video ist, warum taucht er erst jetzt ganz plötzlich auf? Und warum sollte er dich retten? Er wollte uns tot sehen. Sein Lebensinhalt war es mich zu vernichten."

Darauf konnte Jill nichts erwidern. Ihr Verstand sagte ihr überdeutlich, wie Recht Chris hatte und dass sie sich alles nur eingebildet hatte, doch ihr Herz sträubt sich gegen die rationalen Argumente, mochten sie auch noch so überzeugend sein. Für sie stand es fest, dass Wesker zurück war und sie vor dem B.O.W. gerettet hatte.

„Chris, wir müssen dem unbedingt nachgehen", forderte Jill eindringlich.

Als Chris und Jill das Zelt verließen, kam ihnen Isabel entgegen. Sie wirkte ebenfalls mitgenommen.

„Geht es Ihnen beiden gut? Ich hoffe, Ihre Verletzungen sind nicht so gravierend."

Chris verneinte. „Nein, glücklicherweise sind wir einigermaßen wohlauf. Jill wurde nur am Bein verletzt, aber Ihr Sanitäter hat die Wunde versorgt."

„Das ist gut zu hören. Es tut mir sehr Leid um ihr Team. Das war nicht vorherzusehen."

„Danke." Chris schluckte hart, weil sich ein Kloß in seinem Hals gebildet hatte.

„Ich habe etwas."

Sie wies die beiden an, ihr zu folgen.

„Wird die Mission nicht abgebrochen?", fragte Chris.

„Ich habe meinen Vorgesetzten über alles in der Stadt informiert", erklärte Isabel.

Sie führte sie in ihr Zelt, wo sie an ihrem Laptop gearbeitet hatte. Der Bildschirm zeigte Satellitenbilder. Sheva wartete bereits auf ihre Teamkollegen.

„Unsere Zentrale hat uns angewiesen, die Mission abzubrechen. Wir werden nicht mehr in die Stadt gehen, es ist einfach zu gefährlich. Aber wir sollen einer anderen Sache nachgehen."

Sie betätigte die Maus ihres Laptops.

„Die brasilianische Regierung hat uns ein paar Satellitenaufnahmen zur Verfügung gestellt und wir konnten daraus eine Grafik erstellen. Wir können jetzt ungefähr sagen, wie sich die Infektion ausgebreitet hat und woher sie kam. Das ist hochinteressant, sehen Sie mal."

Sie drehte ihnen den Computer hin, sodass sie die Bilder verfolgen konnten.

Die Ausbreitung der Infektion war orange auf der Karte markiert. Sie erschien am nördlichen Rand wie aus dem Nichts und breitete sich von dort über die gesamte Stadt aus.

„Sehen Sie, wo es anfängt?", fragte Isabel.

„Ja. Mitten in der grünen Fläche", sagte Jill und deutete auf das Grün, das die Stadt umgab.

„Die Infektion kam eindeutig von Norden in die Stadt. Aber sie taucht urplötzlich, einfach so auf. Einen Mensch als Träger können wir ausschließen, denn dann hätte es in der Stadt passieren müssen. Ein Luftangriff kommt auch nicht in Frage, weil es keine Hubschrauber, Flugzeuge oder ähnliches gab, das zu diesem Zeitpunkt die Stadt überflogen hat. Es kam aus dem Wald."

„Aber Moment mal", warf Chris ein. „Wie kann das Virus einfach aus dem Wald kommen? Dort ist doch nichts."

„Eben genau. Das Virus kann aber nicht einfach wie durch Zauberhand erschienen sein", sagte Isabel. „Es muss eine Quelle geben. Und offensichtlich sitzt die irgendwo dort im Regenwald."

„Chris, könnte dort vielleicht eine ehemalige Umbrella-Forschungsanlage sein? Oder vielleicht agiert Neo-Umbrella von dort", meinte Jill.

„Uns ist nichts dergleichen bekannt, ich habe nachgefragt", erklärte Isabel. „Meine Vorgesetzten meinen aber, dass wir diesem begründeten Verdacht nachgehen sollten. Wenn dort wirklich eine derartige Einrichtung liegen sollte, stammt der Virus zweifelsohne von dort. Es kann ein Unfall oder Absicht gewesen sein, dass sie Cuidad de muchos colores gewählt haben."

Chris und Jill sahen sich an und wechselten einen Blick mit Sheva.

„Chris, wir sollten dem nachgehen. Vielleicht finden wir dort ja auch ..."

Chris nickte.

„Irgendjemand ist dort draußen. Er hat Ihnen immerhin das Leben gerettet", sagte Isabel. „Sei er nun Freund oder Feind. Vielleicht treffen wir denjenigen dort."


Irgendwo in Russland

Claires Kopf pochte schmerzhaft, als sich der Schleier aus Dunkelheit um sie herum langsam lichtete. Es dauerte einige Augenblicke bis die Umgebung scharfe Umrisse annahm.

Mühevoll rappelte sie sich hoch. Als sie ihren Hinterkopf befühlte, stellte sie fest, dass sich eine Beule gebildet hatte. Um ihrem rechten Oberarm hatte jemand einen Verband angelegt. Irgendeine Wunde darunter pochte schmerzhaft und war dick geschwollen.

Sie war benommen und fühlte sich schwindelig.

„Legen Sie sich wieder hin, Ms. Redfield", sagte eine männliche Stimme von der anderen Seite des Raumes. Sie war tief und sanft und ein wenig heiser.

„Wer ... Wer sind Sie? Und woher wissen Sie, wer ich bin?", fragte Claire.

„Sie tragen einen TerraSave-Ausweis bei sich", erklärte der Mann schlicht. „Da steht ihr Name drauf."

„Wo bin ich? Und wer sind Sie?"

So behutsam es ging, richtete sie sich auf und richtete ihren Blick sofort auf den Fremden.

Der Mann hatte kurze dunkle Haare und war in eine Kampfuniform gekleidet. Er war groß und hatte eine muskulöse Statur. Als er auf sie zutrat, erkannte sie eine Spritze in seiner Hand.

„Was ..."

Claire war sofort alarmiert. Sie wollte nach ihrer Waffe greifen, doch sie war nicht mehr an ihrem Gürtel.

„Wenn Sie Ihre Waffe suchen, die ist da neben Ihnen auf dem Tisch."

Der Mann deutete nach links. Dort auf einem Tisch lagen ihre Pistole, ihr Ausweis, ein Messer und ihre restliche Ausrüstung, die sie in der Tasche bei sich gehabt hatte.

Als der Mann sich ihr näherte, hob sie sofort abwehrend eine Hand, um ihn auf Abstand zu halten.

„Keinen Schritt weiter! Sagen Sie mir sofort, wer Sie sind!"

Der Mann lachte leise auf, dann meinte er nur: „Keine Sorge, ich will Sie nicht auffressen, im Gegensatz zu den B.O.W.s da draußen. Die haben Ihnen ganz schön zugesetzt."

„Ich habe Sie gefragt, wer Sie sind", mahnte Claire.

„Mein Name ist Edward. Aber den meisten bin ich unter der Bezeichnung HUNK bekannt. Sie dürfen mich gerne so nennen."

Claire fixierte HUNK skeptisch.

„HUNK? Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?"

„Ich bin Agent, genau wie Sie. Und ich bin ebenfalls auf einer Mission."

„Tatsächlich?!", murmelte Claire misstrauisch.

„Was wollen Sie mit der Spritze?!", fragte sie sogleich alarmiert, als er sich näherte.

Sie versuchte, von ihm wegzukommen, doch in ihrem Zustand war das freilich unmöglich.

„Das ist gegen die Schmerzen. Damit werden Sie sich besser fühlen. Sie sollten sich wirklich noch etwas ausruhen."

Claire beobachtete HUNK mit Argusaugen.

„Hey, ich will Ihnen nicht wehtun. Ich will Ihnen helfen", sagte der Fremde. „Den Verband habe ich Ihnen angelegt. Ich habe die Bisswunde versorgt."

Claire warf einen kurzen Blick auf ihren Oberarm, dann sah sie wieder den Mann namens Edward an.

„Wer sind Sie? Und warum haben Sie mich gerettet?"

„Meinen Namen habe ich Ihnen schon gesagt, HUNK, und ich verstehe zumindest ein bisschen von erster Hilfe. Und ich sitze hier genauso fest wie Sie. Von daher sind wir auf der selben Seite und Sie können mir vertrauen."

Claires Augen weiteten sich vor Schreck. „Was?! Wo bin ich?! Ich kann mich nicht erinnern!"

„Sie sind in Weißrussland und wurden von einem B.O.W. in eine unterirdische Forschungsanlage von Umbrella verschleppt. Ich nehme mal an, Sie und ihr Team von TerraSave wollten hier irgendetwas untersuchen. Aber Sie sind wohl von den B.O.W.s angegriffen worden."

Plötzlich dämmerte es Claire. Ihr Team ...

„Wo ist mein Team?", fragte sie besorgt, doch eine böse Ahnung beschlich sie.

„Es tut mir Leid, aber ich fürchte, Sie sind die einzige Überlebende. Sie hatten verdammtes Glück. Wenn ich Sie nicht gefunden hätte, dann ..."

Claire blickte HUNK entsetzt an. Ihre Leute, sie waren ... Ihr Team war tot und sie konnte sich glücklich schätzen, dass sie noch lebte.

„Darf ich Ihnen jetzt die Spritze geben?"

Claire musterte ihn argwöhnisch, dann nickte sie. Sie hatte nicht das Gefühl, dass er ihr feindlich gesinnt war. Sie überwachte jede einzelne seiner Bewegungen.

Glücklicherweise trat die Wirkung des Schmerzmittels rasch ein und der Schmerz in ihrem Arm ließ nach.

„HUNK, wo sind wir hier? Ich kann mich nicht erinnern. Sie sagten etwas von einer Umbrella-Anlage."

„Ja, in der Tat. Wir sind hier in einer alten Umbrella-Forschungsanlage. Ich habe Sie vor dem B.O.W. gerettet. Das hier ist die Krankenstation."

„Ja, das sehe ich", bemerkte Claire sarkastisch. „Was ist passiert? Was ist mit meinen Leuten? Und warum sind Sie hier? Für wen arbeiten Sie? Für die B.S.A.A.? Das kann eigentlich nicht sein. Neo-Umbrella?"

„Nein, ich arbeite nicht für die B.S.A.A. und auch nicht für Neo-Umbrella", sagte HUNK ruhig. Er wandte sich um und schritt zur Mitte des Raumes, wo er auf einem Tisch seine Ausrüstung abgelegt hatte. Ein Helm mit Gasmaske lag dort, daneben eine TMP und einige Handgranaten.

„Ich bin in Eigenrecherche hier, mehr müssen Sie nicht wissen. Ihr Team ist zerfleischt worden, Details erübrigen sich da ja wohl."

„Was ist mit den B.O.W.s?", erkundigte sich Claire. Sie versuchte aufzustehen, doch es fiel ihr schwer, sich aufrecht zu halten. Sie hatte das Gefühl, sie hätte überall am Körper blaue Flecken.

„Den einen, der sie als Beute verschleppen wollte, habe ich erledigt. Ich habe mich in der Anlage ein bisschen umgesehen. Offenbar haben hier ziemlich viele Leute gearbeitet, aber durch einen Unfall scheinen die Viecher ausgebüchst zu sein. Der Großteil der Forscher ist entweder tot oder geflohen. Die B.O.W.s sind wahrscheinlich aus Hunger nach draußen und haben ihr Team angefallen. Ich war eigentlich auf dem Weg zu dieser Forschungsanlage, als ich Sie gesehen habe. Ich habe Sie gerettet und mit hierher genommen. Ich habe es geschafft, das Haupttor zu verbarrikadieren. Die B.O.W.s sind draußen, aber das heißt, dass wir jetzt hier drin festsitzen. Es gab einen Kurzschluss in der Elektronik und der Strom ist ausgefallen."

„Großartig", meinte Claire. Sie verzog das Gesicht, als ein paar Knochen in ihrer Wirbelsäule unangenehm knackten.

„Sie sind ganz schön durch die Gegend geschleudert worden. Die haben mit Ihnen gespielt. Was haben Sie und Ihr Team eigentlich hier draußen gemacht?"

„Wie Sie ja meinem Ausweis entnommen haben, arbeite ich für TerraSave. Wir sollten uns mit einem Kontaktmann in einem Dorf treffen. Wir haben jemanden verfolgt, der wohl mit B.O.W.s auf dem Schwarzmarkt handelt. Bis zu diesem Zwischenfall."

„Verstehe."

HUNK lud ein neues Magazin in seine Maschinenpistole nach und befestigte die Granaten an seinem Gürtel.

„Was haben Sie vor?", fragte Claire. „Wie kommen wir hier raus?"

„Gute Frage. Ich habe bestimmt keine Lust, hier zu versauern, aber ich fürchte, wir müssen erst ganz nach unten, um den Strom wieder anzustellen. Der Generator befindet sich im 6. Untergeschoss."

„Moment mal, wir sind unter der Erde?"

„Ja, was dachten Sie denn? Im 2. Untergeschoss. Im 1. sind die Wohnungen der Forscher und die Küche."

Claires Gedankten rasten. Sie fühlte sich völlig übermannt von der Situation. Das letzte, an das sie sich erinnern konnte, war die Ankunft im Dorf gewesen. Sie und ihr Team waren nicht darüber informiert worden, dass es eine versteckte, geheime Umbrella-Anlage in der Nähe ihres Treffpunktes gab.

„Sie kennen sich ja hier sehr gut aus", bemerkte sie misstrauisch.

HUNK antwortete nicht, sondern reichte ihr nur einen Plan der Anlage. „Hab ich gefunden."

„Wenn der Strom ausgefallen ist, wieso haben wir hier dann Licht?", fragte sie und deutete auf die leuchtende Lampe an der Decke.

„Die Krankenstation hat ein Notstromaggregat. Aber es wird auch nicht ewig halten", erklärte HUNK. „Draußen auf den Gängen ist es dunkel."

Claire steckte ihre Waffe und ihre übrige Ausrüstung wieder ein und schlüpfte in ihre Jacke, die über einer Stuhllehne hing.

„Großartig. Der Tag hätte nicht besser anfangen können. Wissen Sie zufällig, ob es irgendeine Form der Kommunikation nach außen gibt? Telefon, Funk, Computer, irgendwas. Ich muss dringend mit meinen Leuten und mit meinem Bruder sprechen."

„Irgendetwas wird es geben. Aber erst müssen wir den Strom wieder anstellen."

„Das heißt wohl, wir müssen zusammenarbeiten", sagte Claire wenig begeistert. Auch wenn von dem mysteriösen HUNK keine Gefahr auszugehen schien, blieb sie doch misstrauisch. Sie traute ihm nicht.

„Das sehe ich auch so", sagte er schmunzelnd und Claire nahm an, dass ihm derselbe Gedanke gekommen war. „Ist die Pistole Ihre einzige Waffe?"

„Ja. Abgesehen von meinem Kampfmesser. Da Sie fragen, nehme ich an, da draußen ist irgendetwas?"

„Das hoffe ich nicht. Die B.O.W.s sind alle draußen. Es war bisher alles ruhig. Es gab auch keinen Virusausbruch. Was allerdings weiter unten lauern könnte, weiß ich nicht. Ich mach mir um die Dunkelheit mehr Sorgen. Haben Sie eine Taschenlampe dabei? Ich habe nur diese eine."

Er zog eine Taschenlampe aus seiner Tasche. Claire sah sofort bei sich nach, doch sie musste verneinen. Sie war sich zwar sicher, dass sie eine dabeigehabt hatte, doch als sie ihre Sachen durchsuchte, stellte sie fest, dass mehr Gegenstände fehlten. Bei dem Kampf mit den Monstern musste sie einen Teil ihrer Ausrüstung verloren haben. Als sie merkte, dass ihr Handy weg war, setzte ihr Herz einen Moment aus.

„Was ist mit Ihnen?", fragte HUNK, der ihren Gesichtsausdruck bemerkt hatte.

„Ich habe mein Handy verloren."

„Das ist jetzt unser geringstes Problem. Gehen wir."

HUNK schaltete seine Taschenlampe an und schritt zielstrebig zur Tür. Claire zögerte kurz, dann folgte sie ihm widerwillig. Sie nahm den Plan und besah sich die darauf verzeichneten Gänge. Natürlich hätten sie über den Aufzug nach oben oder unten gelangen können, doch durch den Stromausfall fiel diese Option aus. Es gab allerdings auch keine Treppen.

Die Dunkelheit drückte auf Claires Augen, als sie den Gang betraten.

HUNK richtete das Licht nach allen Seiten und sie erkannten weitere Zimmer. Gespenstische Stille lag über der Anlage.

„Wir müssen nach rechts", sagte Claire und deutete im schwachen Licht den Lageplan. Von da können wir in die Luftschächte steigen. Wir können aber auch den Aufzugschacht benutzen. Was würden Sie vorschlagen?"

„Die Luftschächte sind zu klein. Der Aufzugschacht ist besser. Aber wir brauchen etwas, um die Tür aufzustemmen."

Sie tasteten sich langsam durch die düsteren Gänge vor, bis zur Aufzugtür. Sie war zerkratzt und völlig nach innen eingedruckt, sodass sie einen Spalt geöffnet war. Eine Leiche war darin eingeklemmt.

Claire wandte sich angewidert ab. Übelkeit stieg in ihr auf. Der Mann trug einen weißen Kittel und hatte offenbar hier als Forscher gearbeitet. Die Wände waren mit Blut beschmiert.

„Wahrscheinlich war er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort", meinte HUNK und versuchte, die Türen ein Stück weiter aufzustemmen, damit er sich hindurchschieben konnte. Er sah nach oben und unten und leuchtete mit der Taschenlampe.

„Der Aufzug ist da unten irgendwo", sagte er mit einem Fingerzeig nach unten. „Ich sehe ihn da unten."

„Und wie kommen wir jetzt darunter?", fragte Claire, in deren Magen sich ein mulmiges Gefühl breit gemacht hatte. „Doch hoffentlich nicht an den Seilen?"

„Nein, an der Wand. Da gibt es irgendwo eine Leiter. Ich leuchte hin."

Er richtete die Taschenlampe in den Aufzugschacht. Die Stiegen und Tritte befanden sich zu ihrer Rechten.

„Das ist für Wartungsarbeiten. Wie steigen so weit nach unten, wie es geht. Ladies first."

Sie warf ihm einen bösen Blick zu. Er trat zur Seite, dass Claire sich durch die verbogene Tür zwängen konnte. Sie hatte es leichter als er, da sie schlanker und schmaler war.

Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als sie sich an die Tür krallte und mit einem Fuß nach Halt suchte. Sie fand schließlich einen Tritt und suchte sich festen Halt, dann schob sie sich vorsichtig weiter.

Es dauerte ein paar Minuten, bis sie vollständig auf der schmalen Leiter stand. Sie schluckte hart und bemühte sich, nicht nach unten zu sehen.

„Sie müssen runterklettern", sagte HUNK.

Ihre Gliedmaßen zitterten heftig und Angstschweiß stand auf ihrer Stirn, als sie vorsichtig Tritt für Tritt nach unten kletterte.

HUNK befestigte die Taschenlampe an seinem Gürtel, dann stieg er ihr nach.


Sie schafften es, bis ins fünfte Untergeschoss zu gelangen, dort wurde ihnen der Weg jedoch vom Aufzug versperrt.

„Der Aufzug hat an der Tür gehalten", sagte HUNK und sprang auf das Dach des Fahrstuhls.

Claire war heilfroh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Sie atmete erleichtert aus.

Zusammen stemmten sie die kleine Luke in der Decke der Aufzugkabine auf und sprangen hinein.

Die Tür zur fünften Etage stand fast ganz offen.

„Der Strom ist wahrscheinlich genau dann ausgefallen, als jemand ihn gerufen hat und die Tür aufgegangen ist", bemerkte Claire.

HUNK und sie schritten in den Gang, doch zur Vorsicht hatten beide ihre Waffen im Anschlag.

Alles war ruhig, für Claires Geschmack etwas zu ruhig. Ihre Erfahrung lehrte sie, dass die vermeintlich gefahrlose Stille trügerisch und tückisch sein konnte.

Im Licht der Taschenlampe erkannten sie viele Glaswände, dahinter Laboratorien. Überall waren Blutspritzer oder Blutspuren. Einige Scheiben waren angebrochen. Die Labors waren verwüstet. Leichen lagen herum.

„Sehen Sie mal dort", sagte HUNK und wies auf einen Raum, in dem sich Käfige befanden.

Alle waren aufgebrochen. Die zerfetzte Leiche eines Forschers lag daneben. Eine Glasscheibe war völlig zertrümmert, eine Tür aus den Angel gerissen worden. Im Boden befand sich ein riesiges Loch.

„Jetzt wissen wir, woher die B.O.W.s gekommen sind", sagte Claire. „Sie waren hier gefangen, aber sind ausgebrochen."

„Wir können durch das Loch in die sechste Etage steigen", sagte HUNK.

„Warten Sie kurz", sagte Claire und hielt ihn zurück. „Ich will mir die Labors etwas genauer ansehen."

Er folge ihr widerwillig in einen der Forschungsräume.

„Geben Sie mir mal bitte die Taschenlampe", bat Claire und er überreichte sie ihr, sodass sie die Gegenstände untersuchen konnte. Auf den Tischen standen Mikroskope und zahlreiche Computer. Ein paar Regal waren umgeworfen oder zertrümmert. Reagenzgläser hatten ihren Inhalt über den Boden ergossen.

Eine Forscherin und ihr Kollege lagen tot am Boden in einer Blutlache. Claire ging neben ihnen in die Hocke und las ein Klemmbrett auf, auf dem sich jemand Notizen gemacht hatte.

„Was ist denn der D-Virus?", fragte sie, als sie die Seite überflog. Ihre schlimmste Ahnung hatte sich bestätigt. Eine neue biologische Gefahr drohte.

Sie musste so schnell es ging, mit Chris sprechen, denn vielleicht hatte der neue D-Virus etwas mit dem Ausbruch in Südamerika zu tun, den die B.S.A.A. gerade untersuchte.

Sie riss die Seiten vom Klemmbrett ab und steckte sie in ihre Jeans.

„Leuchten Sie mal hier rüber", sagte HUNK von der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Claire tat wie geheißen und zuckte sogleich furchtbar zusammen.

Ein mindestens drei Meter langer echsenartiger B.O.W. lag tot, mit zerplatztem Kopf, an die Wand gepresst da, daneben ein toter Mann.

„Das könnte sich als nützlich erweisen", sagte HUNK und hob ein Gewehr vom Boden auf.

„Was auch immer hier geforscht wurde", sagte Claire nachdenklich. „Es gibt offensichtlich einen neuen Virus. Ich muss so schnell es geht, meine Leute informieren."

„Dann würde ich sagen, schalten wir so schnell es geht den Strom wieder an."

Sie gingen den Gang entlang zurück zu dem Raum, in dem die Versuchstiere gehalten wurden, doch plötzlich schaltete sich das Licht ein. Ein Alarmsystem ertönte und dröhnte laut in ihren Ohren. Eine melodische Frauenstimme warnte: „Achtung, Gefahrenstufe 3. Evakuierung einleiten. Alle Mitarbeiter sofort zu den Ausgängen. Achtung ..."

Erschrocken erstarrten beide auf der Stelle.

„Was zum ...?!", fragte HUNK sofort alarmiert und hob seine Waffe.

„Es muss jemand hier sein!", sagte Claire sofort. „Jemand hat den Generator wieder angeschaltet!"

Sie eilte den Gang entlang zum Aufzug. „Kommen Sie! Vielleicht lebt noch jemand!"

Sie hämmerte ungeduldig auf den Knopf.

Claire und HUNK erreichten das sechste Untergeschoss und stiegen mit gezückten Waffen aus dem Aufzug. Der Alarm ertönte weiterhin unaufhörlich und Claires Ohren schmerzten.

„Hallo! Ist hier jemand?!", rief sie und sah nach allen Seiten. „Ich bin von TerraSave. Kommen Sie raus."

Der Maschinenraum war nur schwach beleuchtet und ein seltsames Zwielicht drückte auf ihre Augen. Es war kaum etwas zu erkennen.

„Hallo?!"

„Bitte helfen Sie mir!", ertönte plötzlich eine Stimme von irgendwoher.

Instinktiv hoben HUNK und Claire ihre Waffen und zielten in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

„Wer ist da? Sagen Sie uns, wer Sie sind!", rief Claire.

Ein Mann, in einen weißen Laborkittel gekleidet, trat auf sie zu. Er ging nach vorne gebeugt und hielt sich die Brust.

„Geht es Ihnen gut?", fragte Claire sofort und eilte zu ihm. „Haben Sie den Strom wieder angestellt?"

„Es geht schon. Ja, ich war das."

„Sind Sie ein Überlebender dieser Katastrophe?"

„Ja. Ich konnte mich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die B.O.W.s, sie sind ..."

„Sie sind alle nach draußen entkommen", sagte HUNK.

„Nein, Sie verstehen nicht. Es sind noch welche hier drin. Sie werden uns jagen!"

Panik trat auf das Gesicht des Mannes.

„Beruhigen Sie sich", sagte Claire. Auf dem Namensschild des Forschers las sie den Vornamen Arthur.

„Arthur, sagen Sie uns bitte, was passiert ist."

„Es gab einen Unfall. Sie sind entkommen. Es ist eine Katastrophe!" Er zitterte und atmete heftig.

Claire wandte sich an HUNK. „Wir nehmen ihn mit. Sagen Sie, Arthur, gibt es noch mehr Überlebende?"

„Ich weiß es nicht. Sie verstehen nicht. Der dritte Stock!"

„Sie kommen mit uns."

Sie gingen zum Aufzug zurück und Claire drückte sofort auf den Knopf mit der Eins.

„Wir müssen so schnell es geht, hier raus", murmelte sie. Die Türen des Aufzugs schienen sich wie in Zeitlupe zu schließen. Es kam Claire wie eine Ewigkeit vor, bis sie sich endlich in Bewegung setzten.

„Der dritte Stock!", wiederholte der Mann immer wieder.

„Was ist auf dem dritten Stockwerk?", fragte HUNK ungeduldig. „Ich will keine bösen Überraschungen."

„Da ist sie. Wir haben sie von den anderen getrennt gehalten, aber ... Oh, Gott."

Schweißperlen rannen Arthur übers Gesicht und er schien den Tränen nahe. Er drückte sich panisch an die Wand.

Claire wechselte einen Blick mit HUNK. „Was auch immer hier ist, ich will ihm nicht begegnen."

Sie musste ihm zustimmen. Sie wollte nur hier raus und nach Hause. Unter ihrem Verband begann es wieder unangenehm zu pochen. Das Schmerzmittel ließ nach. Die Müdigkeit nagte an ihr und es war auch schon geraume Zeit her, dass sie etwas gegessen hatte.

„Arthur, gibt es für Notfälle ein Selbstzerstörungssystem?" Claire erinnerte sich, dass alle Umbrella-Einrichtungen eine solche Funktion besaßen.

„Ja. Wir dafür müssten wir in den vierten Stock", antwortete der verängstigte Forscher. „Aber das ist viel zu gefährlich!"

HUNK hielt den Aufzug an. Die Ziffernanzeige war gerade von fünf auf vier gewechselt.

„Kommen Sie, Sie gehen voraus."

„Zeigen Sie uns, wo es langgeht", sagte Claire so ruhig es ging. Sie und HUNK traten auf den Gang, doch Arthur blieb im Aufzug.

„Nein, ich gehe da nicht raus!" Er drückte sich in eine Ecke des Aufzugs.

„Bitte, Sie müssen uns helfen!", flehte Claire.

Sie wollte gerade ihre Hand ausstrecken, als plötzlich ein Knall ertönte und der Mann nach vorne fiel. Ohne Kopf. Eine krallenbewährte Hand hatte das Dach des Aufzugs durchstoßen.

Claire erstarrte auf der Stelle. Blutstropfen rannen über ihre Wangen.

Ein zischendes Knurren ertönte und das Dach des Aufzugs wurde vollständig aufgerissen. Ein Reptilien-B.O.W. zwängte sich hindurch.

„Laufen Sie, Claire!"

HUNKs Stimmte schien wie aus weiter Ferne zu kommen. Er musste sie an der Hand nehmen und mit sich reißen, denn sie konnte sich durch den Schock nicht bewegen.

Sie liefen so schnell sie konnten den Gang entlang, ohne zu wissen, wohin sie sollten. Das Monster war ihnen dicht auf den Fersen. Sie konnten seine klauenbewährten Füße über den Boden stampfen hören.

Sie bogen scharf nach rechts um eine Ecke und stürmten in ein Labor. Der B.O.W. konnte nicht so schnell abbremsen und schlitterte weiter gegen die Wand, was ihnen ein paar Sekunden Zeit verschaffte. HUNK reagierte geistesgegenwärtig, warf die Tür zu und schob ein Regal davor. Dann prüfte er sofort die Ladung des Gewehres, das er mitgenommen hatte.

„Ms. Redfield!", rief er mahnend.

Claire brauchte einen Moment, um ihren Schock zu überwinden. Ihre Finger zitterten stark, als sie ihre Pistole nahm und entsicherte.

Durch die Glasscheibe konnten sie den B.O.W. sehen. Er betrachtete seine Beute und schien zu überlegen, wie er am besten zu ihnen gelangen konnte. Er sprang gegen die Scheibe, doch das Sicherheitsglas bekam nur einen leichten Sprung.

„Was sollen wir tun?!" Claire spürte Panik in sich aufsteigen. Die Frauenstimme erinnerte sie unermüdlich alle paar Sekunden an die Evakuierung. Ihre Ohren klingelten.

„Haben Sie den Plan noch? Wo führt der Luftschacht da oben hin?"

Das Monster versuchte jetzt, die Tür einzurammen. Es knallte jedes Mal laut, wenn es gegen das Material schlug.

„Keine Ahnung!", rief Claire panisch. Sie konnte nicht mehr klar denken.

Zwei weitere Male schlug das Reptil gegen die Tür, bis es das Holz zerbrochen hatte. Das Regal fiel um und es stürmte laut brüllend in den Raum.

HUNK entlud die Gewehrladung in seinen Leib.

Es brüllte auf vor Schmerz und sein Blut spritzte. Es geriet ins Straucheln und kam auf dem glatten Boden ins Schlittern. Es stürzte laut krachend und splitternd in eine Regalwand und riss dabei einen Tisch mit Laborequipment um.

Claire feuerte ebenfalls. Sie traf es mehrfach in Kopf und Herz.

Es zuckte noch ein paar wenige Male, dann blieb es regungslos liegen und sein Blut breitete sich über den Boden aus.

„Verdammt noch mal!", fluchte HUNK. Er warf das leere Gewehr achtlos zur Seite.

Als Claire sich einigermaßen gefangen hatte, schritt sie zielstrebig zu einem noch intakten Computer.

„Irgendwo muss sich doch der Alarm ausstellen lassen."

Sie fand schließlich das Sicherheitssystem und deaktivierte den Alarm, sodass die Sirene und die Frauenstimme erstarben.

Dann suchte sie nach einer Möglichkeit die Außenwelt durch eine Nachricht zu erreichen.

Sie fand ein E-Mail-Programm und schrieb eilig ihren Aufenthaltsort und was passiert war in eine neue Nachricht.

Inständig hoffte sie, die Nachricht möge rechtzeitig ihre Leute erreichen, dass Hilfe geschickt werden konnte.

„Wir müssen weiter", drängte sie HUNK.

Claire drückte auf „Senden", doch sie suchte noch etwas anderes.

„Was tun Sie?! Wir müssen weiter!"

„Ich suche den Selbstzerstörungsmechanismus."

Sie tippte einen Countdown von 30 Minuten ein und startete.

„Der Selbstzerstörungsmechanismus wurde aktiviert. Evakuierung einleiten. Verbleibende Zeit bis zur Detonation 30 Minuten", ertönte es über ihnen.

„Wir haben eine halbe Stunde, ab jetzt."

Dann folgte sie HUNK Richtung Aufzug. Sie hatten ihre Waffen schussbereit.

Nachdem ein Aufzug unbrauchbar geworden war und sie nicht wussten, ob noch mehr Monster durch den Schacht nach unten kamen, eilten sie so schnell sie konnten auf die andere Seite, wo es einen größeren Lastenaufzug gab.

Sie passierten Labors und verschlossene Räume, mussten über Leichen und Blutlachen hinwegsteigen.

Als sie den Gang entlangliefen, hielt Claire plötzlich inne.

„Warten Sie mal", sagte sie zu HUNK, der sie erwartungsvoll ansah. „Ich habe etwas gehört."

Hilfe."

„Da ruft jemand um Hilfe!"

Claire horchte nacheinander an den Türen.

Hilfe!", rief eine weibliche Stimme schwach auf der anderen Seite eines Lagerraums.

Claire und HUNK brachen zusammen die Tür auf. Er zog sofort seine Waffe und zielte in die Dunkelheit, Claire jedoch sah sich sofort angestrengt um, um die Person zu finden, die um Hilfe gerufen hatte. Plötzlich waren leise Schritte zu hören.

Eine Frau, eine Asiatin, trat in ihr Sichtfeld. Sie hatte langes schwarzes Haar, dass ihr offen über die Schultern fiel und trug nur eine Art Nachthemd. Sie war sehr schlank und blass.

„Bitte helfen Sie mir", flehte sie mit zittriger Stimme.

„Wie heißen Sie?", fragte Claire und hielt die Frau an der Schulter fest, um sie zu beruhigen.

„Sagen Sie mir Ihren Namen."

„Mein Name ist Laura Yamamoto."

„OK, Laura. Was machen Sie hier? Sind Sie eine Überlebende?"

Doch Laura schien nicht auf Claires Worte zu hören. Panisch sah sie sich um.

„Mein Mann! Wo ist mein Mann?!"

„Ihr Mann? Haben Sie hier gearbeitet?"

„Mein Mann, ich muss meinen Mann unbedingt sprechen!"

Claire wandte sich hilfesuchend an HUNK, der jedoch genauso unbeholfen wirkte.

„Geht es ihm gut?!"

„Wir wissen nicht, wo Ihr Mann ist", sagte Claire. „Bitte sagen Sie uns, was passiert ist."

„Die ... die haben ..."

Sie atmete schnell und war völlig verschwitzt. Sie war völlig verwirrt und durcheinander.

„Sie haben unsere Tochter. Sie haben mich entführt, um ihn zu erpressen. Sie wollen seine Arbeit für sich nutzen! Sie haben meinen Mann. Und sie wollen ... sie wollen ..."

Claire verstand kein Wort. „Wer hat das getan?!"

Die waren das. M!"

„M?", fragte HUNK verwirrt.

„Der Selbstzerstörungsmechanismus wurde aktiviert. Evakuierung einleiten. Verbleibende Zeit bis zur Detonation: 21 Minuten."

„Kommen Sie mit uns", sagte Claire. „Das Labor wird bald in die Luft fliegen."

Claire stützte Laura, als sie zurück zum Aufzug eilten. Die Frau knickte immer wieder ein und bekam schwer Luft.

„Mein Mann, meine Tochter ...", murmelte sie immer wieder.

„Sie werden ihre Familie bald wiedersehen", sagte Claire, um ihr Mut zuzusprechen, überzeugt war sie allerdings nicht von ihren Worten.

Sie kamen im obersten Untergeschoss an, als ihnen die Computerstimme gerade verkündete, dass sie nur noch 15 Minuten hatten.

Als sie aus dem Aufzug stiegen, durchquerten sie eine große Küche und Kantine.

HUNK ging voraus, immer die Waffe zum Schuss bereit. Claire tat sich zunehmend schwer, der Frau zu helfen. Sie fielen zurück.

„Kommen Sie Ms. Redfield! Wir müssen uns beeilen!", drängte HUNK ungeduldig.

„Laura, wir müssen hier raus!", flehte Claire, doch sie schien nicht zu der Frau durchzudringen.

Laura atmete laut und brach zusammen. Sie fiel auf die Knie.

Claire kniete sich neben sie und fasste sie an den Schultern.

„Laura, beruhigen Sie sich bitte. Wir kommen hier raus. Es ist nur noch ein kleines Stück. Wir müssen weiter!"

„Der Selbstzerstörungsmechanismus wurde aktiviert. Evakuierung einleiten. Verbleibende Zeit bis zur Detonation: 14 Minuten."

„Laura, ich bitte Sie ...", flehte Claire, doch sie brach ab. Etwas war mit der Frau nicht in Ordnung.

„Claire, gehen Sie weg von ihr!"

HUNK riss Claire weg von Laura Yamamoto.

„Bitte", presste Laura hervor. Sie schlang ihre Arme um ihren Oberkörper. Sie hatte Schmerzen und ein Schrei entfuhr ihr.

„Was ist mit ihr?!", fragte Claire entsetzt.

An Lauras Armen breiteten sich schwarze Streifen aus. Irgendetwas kroch durch ihre Blutgefäße.

„Gehen Sie weg!", rief sie unter Schmerzensschreien. „Bitte! Sie müssen meinen Mann finden! Sie müssen sie aufhalten! Sie wollen die Welt ... zer ...stö ..."

Sie konnte ihren Satz nicht zu Ende führen. Sie krümmte sich vor Schmerz nach vorne.

Das schwarze Geflecht zog sich über ihren gesamten Körper und auf einmal erbrach sie eine schwarze Masse auf den Boden.

Schwarze wurmähnliche Wesen schlangen sich um Lauras Körper, hüllten sie darin ein. HUNK und Claire wichen erschrocken zurück.

Die Frau wurde komplett von den sich windenden Würmern eingeschlossen.

„Oh Gott!", raunte Claire.

Das schwarze Ungetüm schlug mit einer Tentakel nach ihnen aus. Gerade noch rechtzeitig sprangen sie zur Seite und rollten sich über den Boden ab. Claire kam schmerzhaft auf der Schulter auf. Sie spürte etwas glitschiges an ihrer Hose. Ein Wurm hatte sich wie ein Egel an ihr festgebissen und drohte ihre Hose zu durchdringen. Sie musste ihr Messer benutzen, um es abzuschütteln. HUNK riss einen Wurm von seinem Hals, bevor er sein Gesicht umschlingen konnte.

Sofort nachdem sie sich befreit hatten, zogen die beiden ihre Waffen und feuerten, doch das Monster blieb davon unbeeindruckt.

Die schwarze Masse kroch wie ein Schatten über den Boden und breitete sich immer weiter aus. Es verschlang Tisch und Stühle und kroch die Wände nach oben.

„Der Selbstzerstörungsmechanismus wurde aktiviert. Evakuierung einleiten. Verbleibende Zeit bis zur Detonation: 10 Minuten."

„Wir müssen hier raus!", rief HUNK und feuerte die letzten Kugeln seine Magazins ab. „Laufen Sie!"

Claire feuerte noch einige Kugeln ab, die von der schwarzen Masse verschluckt wurden, dann wandte sie sich um und rannte.


Claire und HUNK rannten so schnell sie konnten und schafften es gerade noch rechtzeitig, genügend Distanz zwischen sich und die Forschungsanlage zu bringen, bevor die Explosion das Monster verschlang und alles zerstörte. Die Druckwelle schleuderte sie einige Meter durch die Luft und sie schlugen hart auf dem Waldboden auf.

Claires Ohren klingelten von dem lauten Knall und der beißende Qualm ließ sie husten. Eine gewaltige Feuer- und Rauchfontäne stieg weit in den Himmel auf.

Von den Strapazen völlig entkräftet und atemlos blieb sie am Boden liegen. Sie hatte keine Kraft mehr, sich hochzustemmen und sie spürte ein Stechen in der Seite. Sie atmete schwer.

HUNK tat etwas neben ihr, doch sie achtete nicht mehr auf. Und sie hörte auch nicht den Hubschrauber über ihnen.