Es dauerte, bis Wesker allmählich begriff, dass er in einem Krankenzimmer lag und die gleichmäßigen Piep-Töne der Geräte seinen Herzrhythmus wiedergaben. Er lag zugedeckt auf weichem Grund in einem Bett und sein Kopf ruhte auf einem Kissen.

Er war schwach und kraftlos und konnte kaum die Augen offen halten. Nur unter größter Anstrengung schaffte er es, seine linke Hand zu heben. Man hatte ihm einen Zugang für eine Infusion gelegt.

Er wollte seinen Kopf heben und sich hochstemmen, aber sein Hals schmerzte und er hatte keinerlei Kraft. Außerdem spürte er seinen rechten Arm nicht gut. Er war zwar da, doch schien er ihm seltsam fremd, wie ein Fremdkörperteil, der nicht zu ihm gehörte.

Er war müde und seine Augen fielen erneut zu. Er hatte Kopfschmerzen und Herzklopfen und ihm war speiübel. Sein Magen schien zusammengekrampft, als hätte er sehr lange nichts gegessen und sein Mund war wie ausgetrocknet.

Wesker fühlte sich so elendig, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er verstand nicht, was passiert war. Und noch weniger verstand er die seltsamen Träume, die er dauernd durchlebte.

Er hörte Geräusche in seiner Nähe und zwang sich, die Augen noch ein letztes Mal zu öffnen und den Kopf nach links zu wenden.

Durch die Glasscheibe sah er eine Gruppe von Menschen, die sich unterhielten. Sie sahen zu ihm und deuteten auf ihn. Ihre gedämpften Worte drangen zu ihm: „Er ist aufgewacht. Benachrichtigen Sie O'Brian."

Er kannte niemanden mit diesem Namen und es war ihm im Moment auch einerlei. Er hörte noch die Tür aufgehen, sah verschwommen, wie sich jemand über ihn beugte, doch er konnte sich nicht mehr gegen die starke Müdigkeit wehren und fiel erneut in tiefen Schlaf.

Er träumte viel von gesichtslosen Gestalten, seinem früheren Kollegen William Birkin, von seiner S.T.A.R.S.-Zeit und von einem Hund, doch jedes Mal, wenn er angenehme Erinnerungen durchlebte, wurden diese von Schmerz, Kälte und Dunkelheit überschattet und er war wieder von Lava umgeben und sah die Raketenwerfer auf sich zufliegen. Immer und immer wieder musste er den Moment seines Todes miterleben, war gezwungen die starken Schmerzen noch einmal zu empfinden und musste spüren, wie er Uroborus hilflos ausgeliefert war.

Das nächste Mal, als er erwachte, fühlte er sich etwas besser und kräftiger. Ein paar Ärzte und Schwestern standen um sein Bett herum.


Chris stand gerade im Bad und hatte sich rasiert, als sein Diensthandy klingelte. Er hatte sich angewöhnt, es ständig mit sich herumzutragen, immer in der Hoffnung, eine erfreuliche Nachricht zu bekommen, die sie endlich weiterbringen würden.

„Ja?"

„Christopher, Wesker ist aufgewacht."

„Was?! Können wir mit ihm reden?"

„Nein, Dr. Martin sagte, wahrscheinlich erst in ein paar Tagen. Er ist noch sehr geschwächt und schläft die meiste Zeit, aber er ist jetzt außer Lebensgefahr und in stabilerem Zustand. Er war zumindest ansprechbar. Wir müssen ihm leider noch etwas Zeit geben, fürchte ich."

„Verstehe", sagte Chris und konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Seine Hoffnung schwand augenblicklich.

„Nur Geduld, Christopher", beschwichtigte ihn O'Brian. „Der Zeitpunkt, an dem wir uns gegenübertreten müssen, wird früh genug kommen."

„Hat man etwas von Jake Muller und Agent Birkin gehört?"

„Noch nicht. Der D.S.O. arbeitet fieberhaft daran, aber sie haben keine Spur", sagte O'Brian.

„Verdammt."


Sherry stieß das Gitter des Luftschachts auf und schlüpfte vorsichtig nach unten in ein spärlich beleuchtetes Labor. Sie hatte zuvor sichergestellt, dass niemand hier war und auch keine J'avos sie sehen konnten.

Ihr war kalt und sie fröstelte in ihrer leichten Kleidung. Sie musste unbedingt etwas Wärmeres und vor allem eine Waffe finden.

Das Labor war in ein sanftes, blaues Licht getaucht, das von drei Wassertanks ausging. Sherry hätte sie eigentlich nicht beachtet, weil sie damit rechnete, irgendwelche scheußlichen Kreaturen darin vorzufinden, was sie jetzt jedoch sah, ließ ihr den Atem stocken.

Die Tanks enthielten keine B.O.W.s, sondern Menschen! Sie alle schliefen und waren durch unzählige Kabel mit der Maschine verbunden.

„Was geht denn hier vor sich?", murmelte Sherry zu sich selbst, als sie sich zögerlich näherte.

Der linke Tank beherbergte einen Mann, dessen rechte Körperseite durch eine Mutation schrecklich entstellt war. Bis in sein Gesicht war der Virus gekrochen.

Sherry erkannte das Gesicht nicht wieder, obwohl es ihr mehr als bekannt vorkam. Sie wusste genau, dass sie den Mann schon einmal irgendwo gesehen hatte, aber konnte nicht sagen, wo und in welchem Zusammenhang.

Erst als ihr Blick auf seine Jacke fiel, auf der er ein B.S.A.A.-Abzeichen trug, fiel es ihr mit einem Schlag ein.

„Das ist doch ... Piers Nivans! Chris Redfields Partner!"

Soweit Sherry informiert war, war er eigentlich in dem Unterwasserölfeld in China ums Leben gekommen, doch offenbar hatte jemand seinen Körper geborgen und benutzte ihn für seine Zwecke.

„Das gibt's doch nicht!"

Der rechte Tank beherbergte ein Mädchen, Sherry schätzte sie vielleicht auf 13 Jahre. Sie hatte einen fast kahlrasierten Kopf und war extrem dünn. Sie sah blass und krank aus, ihre Körperhaltung war verkrampft, manchmal sah man sie zucken. Sherry schlug sich bei ihrem Anblick vor Schreck die Hand vor den Mund.

In der Mitte fiel ihr Blick auf ein anderes Mädchen. Sie war vielleicht 8 Jahre alt und hatte langes schwarzes Haar, das in wogenden Bewegungen im Wasser glitt. Sie hatte sanfte Gesichtszüge und wirkte entspannt. Ihr Körper war in embryonaler Stellung. Als Sherry etwas näher trat und sich die Aufzeichnungen über die Vitalwerte ansah, stellte sie fest, dass nur Piers und das Mädchen rechts lebten. Das Mädchen in der Mitte zeigte kein Lebenszeichen, weder EEG, noch EKG.

Sherry schritt auf die andere Seite des Raumes zu einem Computer. Sie hatte gerade angefangen zu tippen und die Dokumente über die Experimente aufzurufen, als über ihr der Alarm losging. Sie sah gerade noch etwas über ein Testobjekt 110975 und ein Projekt „Faith", ehe ihr der weitere Zugang verweigert wurde. Draußen auf den Gängen bewegte sich etwas. So schnell sie konnte verschwand sie wieder nach oben in die Luftschächte, gerade noch rechtzeitig, bevor ein Trupp bewaffneter J'avo in das Labor stürmte. Sie atmete erleichtert aus. Sie musste es irgendwie schaffen, mit Hunnigan Kontakt aufzunehmen.


„Was?! Wie bitte?! Mein Onkel?!", fragte Jake völlig verwirrt. „Ich hab keinen Plan, von was Sie da reden."

„Das ist im Moment nicht wichtig, Jake", sagte der seltsame Unbekannte. „Wir müssen Sherry Birkin finden und hier raus! Hier." Er reichte Jake neue Magazine für die Pistole.

Er nahm sie und lud seine Waffe nach.

„Wer zum Henker sind Sie? Und woher kennen Sie meinen und Sherrys Namen?"

„Ich erkläre dir alles später, Jake, verlass dich drauf. Komm."

Der Unbekannte wies Jake an, ihm in den Aufzug zu folgen, dann drückte er schnell ein Stockwerk.

„Ist das da Pfeil und Bogen auf ihrem Rücken?", fragte Jake, der jetzt erst bemerkte, mit welchen Waffen der Mann ausgestattet war.

„Ich bevorzuge etwas unkonventionellere Waffen."

Jake schüttelte den Kopf. „Woher wollen Sie wissen, wo Sherry ist?", fragte er misstrauisch.

„Der Alarm sagt Ebene 4, außerdem habe ich mir die Aufzeichnungen der Überwachungskameras angesehen. Wir sind hier im achten Untergeschoss, es wird etwas dauern, bis wir oben sind. Hoffentlich ohne unangenehme Zwischenfälle."

Der Fremde sollte sich getäuscht haben. Im fünften Untergeschoss kam der Aufzug plötzlich zum Stehen und die Tür öffnete sich. Bewaffnete J'avo standen davor.

Jake konnte nur noch seine Hände schützend vor sein Gesicht halten, ehe das Feuer eröffnete wurde. Sein Retter wurde mehrfach getroffen und Blut spritzte, doch offenbar machte es ihm nichts aus. Er erledigte die J'avo ohne Mühe mit seinem Schwert, zog dann blitzschnell seinen Bogen und schoss den Flur hinunter auf einen weiteren Trupp J'avo.

Für einen Moment passiert nichts, dann explodierte der Pfeil und hinterließ etwas auf dem Gang, das Jake nur als mächtige Sauerei bezeichnen konnte.

„Was zur Hölle?!", fluchte Jake.

„Ich habe ja gesagt, ich bin etwas unkonventioneller."

Sie fuhren weiter nach oben und erreichten schließlich ihr Stockwerk. Jakes Retter zog ein kleines Gerät aus seiner Tasche, auf dem er Bilder der Überwachungskameras sehen konnte.

„Wir kriegen bald Besuch, wir sollten hier verschwinden."

Völlig unbehelligt davon, dass er soeben mehrfach angeschossen worden war, eilte er zielstrebig weiter. Jake folgte ihm unfreiwillig.

„Sie kennen sich hier ja sehr gut aus."

„Ich war schon mal hier. Da vorne!"


Sherry war in der misslichsten Lage seit Langem. Zwar hatte sie sich in die Luftschächte zurückretten können, doch hatte man sie dort entdeckt. Sie kroch so schnell sie konnte, doch sie hörte unter sich die J'avo. Ein paar Mal schossen sie nach oben und durchlöcherten das Metall. Da man jetzt wusste, wo sie war, konnte man sie leicht einkesseln. Überall, wo sie die Möglichkeit gehabt hätte, in einen Raum zu gelangen, lauerten bereits bewaffnete Truppen auf sie.

Als sie ein Gitter aufstoßen wollte, versuchte ein J'avo zu ihr nach oben zu gelangen. Sherry verpasste ihm einen kräftigen Tritt mit den Füßen. Sie konnte gerade noch rechtzeitig zurückkriechen, bevor sich ein Kugelhagel in die Wand entlud.

„Shit, shit, shit", fluchte sie. Ein Schuss streifte ganz knapp ihren Oberschenkel. Sie spürte den Luftzug auf ihrer Haut. Panik überkam sie. Sie wusste nicht mehr, was sie tun sollte.

Ein J'avo versuchte zu ihr hoch zu klettern, doch irgendetwas zog ihn nach unten. Er jaulte vor Schmerz auf, als sich irgendetwas in seinen Körper bohrte.

Plötzlich war es still. Sherry schlug das Herz bis zum Hals.

Sie wollte die Chance schon nutzen, um einen anderen Weg einzuschlagen, da hörte sie eine Stimme.

„Sherry!"

„Jake!"

„Sherry, du kannst rauskommen."

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie schlüpfte aus dem engen Schacht und fiel ihrem Freund in die Arme. Sie war überglücklich und erleichtert, ihn heil wiederzusehen.

„Sherry, ich habe mir Sorgen gemacht", sagte Jake. „Ich dachte schon, die hätten dir was angetan."

„Es ist alles OK mit mir. Sie haben mir nichts getan", erklärte Sherry. „Aber wir haben jetzt keine Zeit. Ich habe gesehen, dass Piers Nivans am Leben ist! Er ist hier und wird gefangen gehalten."

„Was? Piers Nivans? Ist das nicht dieser B.S.A.A.-Typ, der Partner von Redfield?"

„Ja. Man dachte, er seit tot, aber offenbar lebt er. Er wird in einem Labor festgehalten. Wir müssen ihm helfen!"

„Ist noch jemand hier?" Ein Mann trat neben sie. Er war in einen schwarzen, langen Umhang gekleidet und sein Gesicht war durch eine Kapuze verdeckt.

„Jake, wer ist das?", fragte Sherry misstrauisch. Der Mann mit seinem Bogen und dem Schwert war ihr unheimlich.

„Er hat mir geholfen, sonst hätten die mich erwischt." Er deutete auf die toten J'avo am Boden.

„Aber wer ist das?"

„Ich werde euch alles erklären, wenn wir hier raus sind", sagte der Mann ernst. „Aber ich muss wissen, ist noch jemand hier, der gefangengehalten wird?"

„Ich habe zwei Mädchen gesehen. Sie sind im selben Labor. Ich habe im Computer etwas von einem Testobjekt und einem Projekt „Faith" gelesen."

„Faith, dann ist sie also hier", murmelte der Fremde, mehr zu sich selbst. Er schien plötzlich tief in Gedanken versunken. In dem Moment ertönten von draußen die Stimmen weiterer J'avo, die in den Raum stürmen wollte.

„Hey", sagte Jake zu dem Unbekannten, der kurz erschrak, als er aus seinen Gedanken gerissen wurde. „Was ist los? Wir müssen hier raus."

„Ja", sagte er dann. „Kommt."


Sie kämpften sich den Weg nach draußen und erledigten weitere Angreifer. Sherry konnte warme Kleidung und eine Waffe für sich erobern. Sie eilten durch ein Treppenhaus.

„Wo sind wir eigentlich?", fragte Sherry während sie liefen. „Wohin hat man uns gebracht?"

„Weißt du, ich werte es schon mal als gutes Zeichen, dass die Beschilderung englisch ist und nicht in irgendwelchem Schriftzeichen", scherzte Jake, als er einen J'avo niederschoss. „Also kann es nicht ganz so weit von Zuhause weg sein."

„Haha, Jake, sehr witzig."

„Wir sind in Alaska, in einer geheimen Umbrella-Forschungsstation", erklärte ihr mysteriöser Retter sachlich. Er schoss ein paar Pfeile auf ihre Angreifer, die von der Explosion weggerissen wurden. „Es tut mir ja leid, dass ich euch nicht früher geholfen habe, aber ich musste wissen, wo sie euch hinbringen. Ich hab die Typen von eurer Wohnung bis hierher verfolgt."

„Alaska?!"

„Moment mal", warf Jake ein. „Sie waren bei unserer Wohnung?! Warum haben Sie uns nicht geholfen?!"

„Ich kam gerade dort hin, als sie euch fortgeschleppt haben. Es tut mir leid, aber, wie gesagt, ich musste wissen, wo man euch hinbringt. Schnell da rein."

Er öffnete ein Büro und verbarrikadierte die Tür, sobald sie drinnen waren.

„OK, hört mir zu. Wir haben nicht viel Zeit, bis wieder neue Truppen kommen. Wir sind hier praktisch in einem Berg- bzw. Gletschermassiv. Unten im Tal ist ein Fluglandeplatz und ein Hangar. Dort stehen Flugzeuge und Hubschrauber. Wir müssen irgendwo dorthin kommen. Dann könnt ihr nach Hause."

„Und Sie schulden uns ein paar Antworten, guter Mann", sagte Jake eindringlich.

„Die sollt ihr ja auch bekommen. Versprochen, Jake. Und ich verspreche dir auch, dass ihr es nicht bereuen werdet, mir zu vertrauen. Ich kann euch alles erklären, was in Südamerika passiert ist."

Jake und Sherry wechselten einen Blick miteinander. Keinem der beiden war der Fremde geheuer, doch sie hatten keine andere Wahl als ihm zu vertrauen. Und er hatte ihnen immerhin geholfen. Wenn er feindlich gesinnt wäre, hätte er keinen Grund dafür, ihnen zur Flucht zu verhelfen.

„Wir werden sehen."

„Wie ist der Weg?", fragte Sherry.

„Wir müssen erst mal zum Ausgang", erklärte der Fremde. „Dann fahren mit Schnellmobilen ins Tal. Ich hoffe bloß, dass wir keine ungewollten Gäste auf unserer Reise bekommen werden. Die Witterungsbedingungen um diese Jahreszeit sind hier sehr gefährlich. Es können leicht Lawinen abgehen und es kommt immer wieder zu heftigen Schneestürmen."

„Wie kommen wir nach draußen? Überall sind J'avo! Und wir sind nicht gerade gut ausgerüstet", meinte Sherry schmunzelnd mit Blick auf ihre halbleere Waffe und ihre Kleidung, die ihr zu groß war und nicht zusammenpasste.

„Ich habe mich in das Überwachungssystem eingehackt und kann die Bilder mitverfolgen. Sie rotten sich zusammen und wollen uns den Weg versperren. Die Aufzüge funktionieren nicht mehr. Unsere letzte Chance ist die Treppe, aber da werden sie auf uns warten. Und ich habe die Befürchtung, dass sie B.O.W.s einsetzen werden."

„Großartig", knurrte Jake verärgert.

„Nehmt zumindest die", sagte der Unbekannte und rechte ihnen jeweils zwei Handgranaten.

„Wir gehen da lang."

Er sprang mit Leichtigkeit durch die Glasscheibe auf den Flur mitten in eine Gruppe J'avo, die mit dieser Attacke nicht gerechnet hatten, und erledigte sie mit seinem Schwert, dann schoss er in einiger Entfernung einen Hunter aus der Luft, der zum Sprung auf ihn angesetzt hatte.

Sie kämpften sich ihren Weg durch eine Horde Monster und erreichten schließlich ein Stockwerk, wo sich Küche, Kantine, die Schlafräume der Forscher und ein großer Konferenzraum befanden.

„Die Treppe da vorne führt uns in den Eingangsbereich, dort ist der Aufzug zur Oberfläche!", wies sie ihr Retter an.

„Wir haben Gesellschaft!", rief Jake, dann feuerte er in ihre Verfolger. Sherry warf eine der Granaten nach ihnen. Die Explosion riss Teile der Wände ein. Ein paar J'avo wurden getötet, doch die meisten waren zur Seite gesprungen und über die Treppe von unten strömten immer neue nach oben.

„Ich kümmere mich um die, holt den Aufzug! Bei Notfall braucht er einen Code!" Der Mann gab Sherry einen Zettel in die Hand, auf dem ein langer Passcode notiert war. Er stürzte sich sogleich ins Gefecht.

Jake musste zugeben, dass seine Kampftechnik beeinruckend war. Er hatte noch nie jemanden gesehen, der sich so schnell bewegen konnte. Der Mann wich so schnell den Kugeln aus, dass man ihm mit den Augen kaum folgen konnte. Es war als teleportiere er sich blitzschnell. Jeder Schlag war gezielt und verfehlte seine Wirkung nicht. Er brauchte gerade mal einen Treffer, um einen J'avo auszuschalten. Selbst Jake, der durch seine Veranlagung und die Dosis C-Virus, die er sich in Edonien gespritzt hatte, stärker war als ein normaler Mann, konnte nicht mit ihm und seiner gewaltigen Kraft mithalten.

Er schaffte es, die Übermacht, die gegen sie stand, zumindest so lange in Schach zu halten, bis Sherry den Code eingetippt hatte.

„Hab es!", rief sie aus. „Der Aufzug kommt!"

Sie und Jake stürmten in den Fahrstuhl, als sich die Türen öffneten. Ihr Helfer feuerte einen letzten Pfeil in die Gruppe J'avo, dann folgte er ihnen. Er erreichte sie gerade noch so, bevor sich die Türen schlossen. Drinnen jedoch stürzte er gegen die Wand und stöhnte vor Schmerz auf. Ein Messer steckte in seinem linken Schulterblatt.

„Sie sind verletzt!", sagte Jake.

„Halb so wild", wehrte der Fremde ab. „Zieht es einfach raus."

Jake war sich unsicher, was er tun sollte, doch schließlich packte er den Griff und zog vorsichtig die Klinge aus dem Fleisch. Etwas Blut quoll hervor und durchtränkte den Umhang des Unbekannten.

„Geht schon", sagte dieser atemlos. „Gleich sind wir an der Oberfläche."

Als sie ausstiegen, befanden sie sich auf einer in den Felsen geschlagenen Plattform, die mit einer dicken Schneeschicht bedeckt war. Der Fremde hatte nicht untertrieben. Sie waren praktisch mitten im Gebirge, von Stein, Schnee und Gletschern umgeben. Weit und breit erstreckte sich ein weißes Meer vor ihnen. Unten im Tal meinte Jake die Landefläche für Hubschrauber erkennen zu können.

So schnell sie im tiefen Schnee konnten, hasteten sie zu den Schneemobilen und starteten. Hinter ihnen erschienen J'avo, die sie an der Flucht hindern wollten. Der Unbekannte schoss einen seiner explosiven Pfeile ab und traf damit den Schnee über dem Aufzug. Jake warf eine Granate.

„Das war vielleicht keine so gute Idee", sagte er, beim Anblick der Schneemassen, die sich durch die Wucht der Explosion lösten. Die J'avo wurden verschüttet und die Lawine drohte, sich auch auf die drei zu stürzen.

„Los!" Sie fuhren mit voller Geschwindigkeit den Berg hinunter, doch die Schneemassen holten sie bald ein. Glücklicherweise erreichten sie noch rechtzeitig einen Wald, der die Lawine zumindest abbremste.

Jake spürte noch, wie ihn eine Wucht von hinten umriss und er mit dem Gesicht voraus im Schnee landete. Er kugelte den Abhang weiter und das Schneemobil zerschellte an einem Felsen. Er hörte Sherry schreien und auch ihr Gefährt wurde durch die Luft geschleudert und zerbrach in seine Einzelteil, als es auf hartem Eis aufschlug.

Eine schwere Schneedecke fegte über sie hinweg und begrub sie unter sich.

Es dauerte, bis sich Jake und Sherry allmählich zurück an die Oberfläche graben konnten. Beide schnappten nach Luft.

„Sherry, bist du OK?"

„Ja, nur ein bisschen durchgeschüttelt. Und kalt ist mir."

Der Adrenalinstoß in Jakes Körper ebbte langsam ab und auch er bemerkte allmählich wie kalt es wirklich war. Sie waren für die Witterung nicht richtig angezogen. Seine Füße waren taub und er spürte seine Finger nicht mehr, weil er sich mit seinen Händen durch den Schnee gegraben hatte. Er zitterte. Seine Haut verfärbte sich langsam blau. Außerdem hatte er Hunger und Durst. Sie mussten weiter, denn lange würden sie es in der Kälte nicht aushalten.

„Wo ist der Kerl, der uns gerettet hat?", fragte Sherry. Eine gute Frage, wie Jake fand, der Typ war nirgends zu entdecken.

„Wie sollen wir den denn unter dem Schnee finden?"

„Das müssen wir gar nicht", sagte Sherry und Besorgnis lag in ihrer Stimme. „Schau mal da."

Sie zeigte ungefähr zehn Meter von ihnen entfernt auf eine schwarze Gestalt.

„Oh shit", sagte Jake.

Ihr unbekannter Retter war direkt auf einem abgebrochenen Ast gelandet, der sich mitten durch seine Körpermitte gebohrt hatte. Der Schnee um ihn herum war blutdurchtränkt. Er rührte sich nicht mehr.

Jake kämpfte sich hoch und stapfte zu ihm hinüber, um zu sehen, ob er seine Bruchlandung überlebt hatte. Er machte sich wenig Hoffnung, doch selbst wenn der Mann noch lebte, was unwahrscheinlich war, würde er niemals so lange durchhalten, bis sie ein Krankenhaus erreicht hatten.

„Hey, was ist mit Ihnen? Geht's Ihnen gut?", fragte Jake und berührte den Mann vorsichtig. Er rührte sich schwach.

„Hilf mir hoch", sagte er mit leiser Stimme.

„Nein! Sie haben schon viel Blut verloren, wenn sie jetzt aufstehen ... Sie sind aufgespießt worden!"

„Hilf mir hoch."

„Nein, das geht nicht. Wir ... wir werden Hilfe holen. Halten Sie durch!"

„Jake, vertrau mir. Hilf mir, aufzustehen."

Jake rang mit sich. Schließlich ließ er sich, wenn auch äußerst widerwillig, ein. „Also schön, aber ich habe Sie gewarnt. Auf Ihre Gefahr hin. Sherry, kannst du mir helfen?"

Sie ergriffen jeder einen Arm des Mannes, dann hievten sie ihn nach oben von dem Ast weg. Wie zu erwarten, stöhnte der Mann vor Schmerz und mehr Blut quoll aus der Wunde. Entkräftet sank er auf die Knie.

„Ich habe Sie gewarnt, Mann", sagte Jake, doch bei dem Anblick, der sich ihm bot, brach er ab und wich geschockt einige Schritte nach hinten.

Die Wunde des Mannes begann, sich von selbst zu heilen. Fleisch und Muskeln setzten sich wieder zusammen und schlossen das Loch, das der Baum in seinen Körper geschlagen hatte.

„Schulter ist auch wieder normal", sagte der Unbekannte, während er knackend seine Schulter rollte, so als wäre es alltäglich, dass sich jemand binnen weniger Minuten von einer tödlichen Verletzung heilen konnte. Er streckte sich ein wenig und atmete tief durch. Dann zog er seinen Ärmel nach oben und überprüfte ein Gerät, das um seinen Unterarm gebunden war. „Alles bestens, wunderbar."

„Was zur Hölle ...?!", sagte Jake, dann zog er seine Waffe und zielte damit auf den Mann. Sherry tat es ihm gleich. Dieser meinte nur gelassen: „Tut mir Leid, das muss alles sehr rätselhaft für euch sein.

„Sie schulden uns Antworten!", sagte Sherry fordernd.

„Eine Menge Antworten. Und ich würde Ihnen raten, nicht mit Erklärungen zu geizen oder uns zu verarschen!", fügte Jake wütend hinzu. „Also, jetzt endlich raus damit! Wer sind Sie?!"

„Die Antworten sollt ihr bekommen. Das hab ich euch ja versprochen."

„Wir sind ganz Ohr", meinte Jake ungeduldig. Er zielte immer noch auf ihren Retter.

„Also, wer sind Sie? Und woher kennen Sie uns überhaupt? Warum sagen Sie, dass Sie mein „Onkel" sind?! Und was hat das von eben gerade zu bedeuten?"

Der Fremde lachte leise. „Nun ja, ich bin ja nicht der Einzige, der besondere Kräfte hat." Er warf einen Blick auf Sherry, die ihn entsetzt anstarrte. „Wie ..."

„Ich habe gesagt, dass ich dein Onkel bin, Jake, weil ich deinen Vater kannte. Wir sind zusammen aufgewachsen und waren so etwas wie Brüder."

„Was?!" Damit hatte Jake nicht gerechnet. Er ließ seine Waffe sinken. „Sie kannten meinen Dad?"

„Wahrscheinlich besser als jeder andere. Deshalb sah ich mich verpflichtet, seinem Sohn zu helfen."

„Wer sind Sie?", fragte Sherry erneut eindringlich und misstrauisch.

Der Fremde zog vorsichtig seine Kapuze vom Kopf. Sherry und Jake verschlug es den Atem.

Der Mann sah Albert Wesker zum Verwechseln ähnlich, nur dass er schwarze Haare und einen leichten dunklen Bartschatten hatte. Er trug ebenfalls eine Sonnenbrille.

„Mein Name ist Alex Wesker."