Leon S. Kennedy 1977: Danke, der Bericht ging zum Glück schneller und besser, als ich gedacht habe. :) Hoffentlich fällt die Zensur dann auch einigermaßen aus.^^
In den folgenden Kapiteln werden wir dann endlich ein paar Handlungsstränge zusammenführen, mit Wesker und Alex vor allem. Ich bin schon gespannt darauf, weil wir uns dann endlich langsam an die Hauptgeschehnisse ranarbeiten werden. Lasst euch überraschen. :) Hat einer schon eine Idee, was es mit Projekt „Faith" auf sich haben könnte?
„Hunnigan?! Hunnigan, Gott sei Dank!", sagte Sherry und atmete erleichtert auf.
„Agent Birkin, sind Sie wohlauf?!", fragte Ingrid Hunnigan. „Und wo halten Sie sich auf?"
„Mir geht es gut, ja. Wir sind auf dem Weg nach Hause. Jake Muller ist bei mir. Er ist ebenfalls wohlauf."
„Dem Himmel sei Dank", sagte Hunnigan mindestens genauso erleichtert wie Sherry. „Wir haben versucht, sie zu erreichen, haben die letzten Tage damit verbracht, unermüdlich nach Ihnen zu suchen, aber wir hatten keinerlei Anhaltspunkte. Wo waren Sie und Jake Muller?"
„Ein paar Leute haben uns in unserer Wohnung überfallen und nach Alaska in eine geheime Umbrella- Anlage verschleppt. Aber Details bekommen Sie, wenn wir zurück in Washington sind. Ich schätze, wir dürften in ein paar Stunden da sein. Informieren Sie bitte sofort die B.S.A.A., es ist dringend. Wir haben in dieser Anlage Agent Piers Nivans gefunden. Er lebt!"
„Was? Ist das wahr?!"
„Ja. Und noch zwei weitere Personen werden festgehalten. Wir müssen sie befreien!"
„OK. Bis Sie hier sind, werden wir alles in die Wege leiten. Wo genau sind Sie gerade?"
„Wir überfliegen bereits wieder die Vereinigten Staaten. Ein paar Stunden noch, dann sind wir zurück."
„Sind Sie beide wirklich in Ordnung? Sind sie nicht verletzt?"
Sherry verneinte. „Man hat nichts mit uns angestellt. Wir sind OK."
„Alles klar, wir erwarten Ihre Ankunft", sagte Hunnigan. „Fliegen Sie zum Flughafen, dort werden unsere Leute auf Sie warten."
Sherry legte auf und ließ sich erleichtert in ihrem Sitz zurückfallen. Immer wieder in den vergangenen Stunden hatte sie versucht, Kontakt mit dem D.S.O. aufzunehmen, doch meist hatten sie kein Netz gefunden. Nachdem sie jetzt endlich nach einer gefühlten Ewigkeit ihren Arbeitgeber benachrichtigen konnte, fiel ihr ein Stein vom Herzen.
Im Hangar der Umbrella- Anlage angekommen, hatten sie sich mit einer Gruppe J´avo auseinandersetzen müssen, doch mit Alex an ihrer Seite hatten sie es glücklicherweise ohne Probleme geschafft. Sie wusste nicht, was sie ohne seine Hilfe getan hätten.
Sie und Jake saßen im hinteren Teil des kleinen Flugzeuges, während Alex die Maschine flog. Sie waren erschöpft und völlig durchgefroren und es war ein wunderbares Gefühl endlich in Sicherheit und vor allem in einer warmen Umgebung zu sein.
Jake sah die ganze Zeit zu Alex nach vorne und Sherry konnte an seinem Gesichtsausdruck erahnen, was ihm durch den Kopf ging. Wahrscheinlich hatte er tausend Fragen, doch er musste sich im Moment zurückhalten. Und sie konnte sich gut vorstellen, was in ihm vorging, jetzt, wo er eine Person getroffen hatte, die seinen Vater kannte, die ihm Zugang zu dem verschaffen konnte, was sonst in ungreifbarer Ferne lag. Sie wusste genau, was sich Jake jetzt erhoffte und sie wünschte sich für ihn, dass er nicht enttäuscht werden würde.
„Hattest du Glück mit dem Empfang, Sherry?", fragte Alex vom Cockpit aus.
„Ja, endlich. Hier ist das Netz endlich deutlich besser", seufzte Sherry. „Sie wissen Bescheid. Wir werden am Flughafen erwartet."
„Alex?", fragte Jake, „Kommen Sie mit uns?"
Alex zögerte lange, bevor er antwortete. „Ich bin unentschieden, was ich tun soll. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie man dort auf mich reagieren wird."
„Wir werden ihnen sagen, was passiert ist", entgegnete Jake sofort. „Sie haben uns den Arsch gerettet."
„Ich fürchte, dass ich mich darauf nicht einlasen kann", sagte Alex. „Ich werde sicherstellen, dass ihr beide sicher nach Hause kommt, doch dann, muss ich euch leider wieder verlassen."
Ein entsetzter Ausdruck trat auf Jakes Gesicht. „Sie können nicht gehen. Sie haben gesagt, Sie... wollen mir etwas über meinen Vater erzählen."
„Das werde ich tun, Jake, aber vorher habe ich etwas sehr Wichtiges zu erledigen."
„Das hat mit den Gefangenen in der Anlage zu tun, oder? Mit diesem Projekt „Faith". Alleine werden Sie es schwer haben. Wenn wir zurück in Washington sind, können wir Ihnen dabei helfen."
„Ich... fürchte, ich muss ablehnen. Ich kann mir keine Verzögerungen erlauben."
„Alex", sagte Jake, diesmal mit mehr Nachdruck. „Ich weiß, dass Sie keinen Bock auf diese Regierungstypen haben, aber... ich bin mir sicher, dass es klüger wäre, mit uns mitzukommen. Was auch immer Sie tun wollen, mit Hilfe geht es besser, da bin ich sicher."
Sherry konnte nachvollziehen, warum Jake Alex so vehement zum Bleiben überreden wollte. Er wollte es nicht zulassen, dass sich die Chance, die sich für ihn aufgetan hatte, sogleich wieder in Luft auflöste.
Alex warf einen kurzen Blick über seine Schulter. Auf seinem Gesicht war deutlich zu erkennen, dass er innerlich mit sich rang. Wahrscheinlich war ihm gerade das selbe durch den Kopf gegangen wie Sherry.
„Was tut er da?", fragte Chris. Er, Jill, Rebecca und Helena Harper standen vor Weskers neuem Zimmer und beobachteten ihn durch die Glasscheibe.
„Er sitzt nur da und starrt in die Gegend."
„Das ist es, was Dr. Martin meinte, Chris", sagte Rebecca ernst. „Weskers ist depressiv. Wenn er nicht gerade Aggressionen zeigt und wild um sich schlägt, macht er das. Er sitzt nur da."
„Hat er mittlerweile gegessen?", fragte Jill.
„Nein, wir haben es heute noch mal versucht, aber er hat uns wieder rausgescheucht und hat das Tablett auf den Boden geschmissen. Da ist nichts zu machen. Wenigstens hat er es endlich begriffen, welches Jahr wir haben und ungefähr, was passiert ist. Also er versteht, warum er hier ist und unter welchen Umständen es dazu gekommen ist. Wollen Sie das wirklich tun, Agent Harper?"
Rebecca musterte die Regierungsagentin. Diese jedoch nickte.
„Ich werde es versuchen. Ich werde tun, was ich kann."
„Aber Sie wissen, nichts von..."
„Ich weiß, ich darf ihm nichts von seinem Sohn sagen. Ich fürchte nur, dass ich erst mal Vertrauen zu ihm gewinnen muss, damit er mit uns kooperiert. Von daher dürfen Sie jetzt nicht zu viel erwarten."
„Ja", sagte Chris schweren Herzens. „Bringen Sie ihn erst mal dazu, dass er was isst. Und dass er Sie nicht durch die Tür hinaus katapultiert."
Helena lächelte zuversichtlich. „Meine Schwester Deborah war ziemlich eigen mit dem Essen als wir Kinder waren. Sie hatte auch oft solche Phasen, in denen sie alles verweigert hat, was man ihr hingestellt hat. Meine Eltern hat das zur Weißglut getrieben, aber bei mir hat sie immer gegessen. Ich habe es immer geschafft. Ich habe Erfahrung darin, Leute zum Essen zu bringen, die nicht wollen."
Chris nickte nur und sagte nichts weiter. Er hatte Zweifel, wollte aber Helena nicht entmutigen, nachdem sie sich freiwillig dazu bereit erklärt hatte, die Höhle des Löwen zu betreten.
In diesem Moment kam ein Angestellter der Betriebskantine auf die Gruppe zu. Er reichte Helena einen Teller mit einem Sandwich und einem zerschnittenen Apfel.
„Also dann."
„Wir drücken Ihnen die Daumen, Agent Harper", sagte Jill.
Sie sahen noch, wie Helena im Krankenzimmer verschwand und die Tür hinter sich zuzog. Rebecca wurde für einen kurzen Moment in ein Gespräch mit einem Teammitglied verwickelt, sodass Chris und Jill für sich waren.
„Sag mal, Jill. Hast du Mitleid mit Wesker?", fragte Chris vorsichtig. Er wusste selbst nicht, warum er seiner Verlobten diese Frage stellte. Er bereute es augenblicklich. Es war ihm eben gerade eingefallen, als er Wesker in seinem erbärmlichen Zustand durch die Scheibe sitzen sah.
„Ich weiß es nicht", sagte Jill ehrlich. „Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll. Ich weiß nur so viel: nachdem, was er mir angetan hat, empfinde ich eher so etwas wie... Genugtuung. Er muss jetzt das, was er anderen angetan hat, am eigenen Leib erfahren. Und zwar so, dass er mir tatsächlich in gewisser Weise leid tun kann. Für Wesker gibt es nichts schlimmeres als diese Schmach und Demütigung und ich gebe zu, dass ich finde, dass er das verdient hat."
Vorsichtig drückte Helena die Klinke nach unten und betrat Weskers Zimmer. Sie schloss die Tür hinter sich, damit sie ungestört waren. Es mutete seltsam an, den Mann, über den sie bislang nur gelesen hatte, leibhaftig vor sich zu sehen. Natürlich waren die Berichte über ihn, die ihr O´Brian zur Verfügung gestellt hatte, keineswegs schmeichelhaft. Helena wischte alles, was sie über Albert Wesker wusste, beiseite und bemühte sich, möglichst unvoreingenommen an die Sache heranzugehen.
Wesker saß mit dem Rücken zu ihr auf seinem Bett und rührte sich nicht. Der Raum lag in dämmrigen Licht, weil er keine Lampe angeschaltet hatte. Sie entschied sich, es auch dabei zu belassen, um ihn nicht unnötig aufzuregen. Sie konnte ihn verstehen. Nach dem Tod ihrer Schwester hatte sie es ebenfalls vorgezogen, in einem dunklen Raum allein für sich zu sein.
Am Boden nahm sie schwach das Tablett wahr. Ein zerbrochener Teller lag in Scherben da und hatte seinen Inhalt über den Boden verteilt.
„Verschwinden Sie wieder. Ich spreche nicht mit der B.S.A.A.", zischte Wesker leise, aber bestimmt. Ein bedrohlicher Ton lag in seiner Stimme.
„Ich bin nicht von der B.S.A.A.", sagte Helena, während sie sich sehr langsam näherte. „Und wenn Sie nicht möchten, dann müssen Sie nicht mit mir reden. Ich möchte Ihnen aber gerne etwas sagen."
Sie nahm auf der anderen Bettkante Platz und stellte den Teller neben sich auf die Decke.
„Mein Name ist Helena Harper."
Wesker gab keine Reaktion von sich. Er sah nur gerade aus.
„Ich verstehe Sie sehr gut, dass Sie sich hier nicht wohlfühlen. Das würde mir mit Sicherheit genauso gehen."
Helena sprach ruhig und geduldig.
Wesker wandte seinen Kopf ein Stück nach links, doch schaute er sofort wieder nach vorne. Sie wusste, dass er ihr zuhörte, auch wenn er Desinteresse vorspielte.
„Man hat Ihnen schlimme Dinge angetan, das weiß ich, und ich hoffe, dass es Ihnen bald besser geht."
Sie überlegte. „Ich weiß, dass Sie hier rauswollen. Es ist nicht schön, wenn man eingesperrt ist, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich denke, Sie wissen aber, dass... Sie es in Ihrem Zustand nicht einmal den Flur hinunterschaffen könnten."
Sie schob ihm kaum merklich den Teller näher hin.
„So wenig es Ihnen auch behagt, der B.S.A.A. ausgeliefert zu sein, ich verstehe Ihren Protest wirklich, im Moment haben Sie aber so wenig Chancen. Ich sehe, dass es Ihnen nicht gut geht und ich kann nur erahnen, was in Ihnen vorgeht, aber Sie tun sich keinen Gefallen. So werden Sie es nicht schaffen. Sie sind vernünftig, das weiß ich, und Sie können ihre Situation abwägen. Ich bitte Sie nur darum, nachzudenken, ob Sie so weiterkommen werden."
Mit diesen Worten erhob sie sich vom Bett und ging langsam zur Tür. Sie hatte die Hand schon auf der Klinke, da wandte sie sich noch einmal um und sagte: „Gute Nacht."
Wesker hörte die Tür ins Schloss fallen. Er war wieder allein.
Er drehte sich um und sah den Teller auf seinem Bett stehen. Apfelschnitzen und ein mit Käse belegtes Brot lagen darauf.
Wesker schüttelte den Kopf. Er musste sich über die Ruhe und die Gelassenheit die Helena Harper ihm gegenüber an den Tag gelegt hatte, wundern. Sie schien keine Angst vor ihm gehabt zu haben und war sehr freundlich und geduldig gewesen. Ganz im Gegensatz zu allen anderen um ihn herum zeigte sie keine Feindseligkeit. Sie war die erste Person gewesen, die wirklich normal mit ihm gesprochen hatte und die ihn nicht bedrängt hatte. Nicht im Mindesten war sie von seiner abweisenden Art aus dem Konzept gebracht worden.
Er musste zugeben, dass er etwas irritiert war. Ihre Ruhe schien auf ihn übergegangen zu sein und zum ersten Mal, seit er hier aufgewacht war, hatte er nicht den Drang verspürt, sich zu schützen und zu verletzen. Natürlich war ihr Verständnis, das sie ihm zeigte, Teil ihrer Strategie gewesen, doch gegenüber ihr verspürte er keine rasende Wut wie bei den B.S.A.A.- Leuten.
Abermals stieg der Zorn in ihm auf. Zorn darüber, dass die Frau natürlich Recht gehabt hatte. Sein körperlicher Zustand mochte sich zwar stabilisiert haben, doch wenn er weiterhin das Essen verweigerte, würde es mit Sicherheit nicht besser werden. Und seine Chancen, aus seinem Gefängnis zu entfliehen, lagen momentan schwindend gering.
Sein Blick wanderte erneut zu dem Teller. Sein Körper signalisierte ihm schon lange kein Hungergefühl mehr, doch er wusste, dass er Nahrung brauchte und annehmen musste, auch wenn es ihm nicht passte.
Er war abgemagert und schwach und konnte sich kaum auf den Beinen halten, außerdem schmerzten seine Eingeweide vor Nahrungsmangel. Doch beim Gedanken daran, von seinen Feinden etwas annehmen zu müssen, von ihnen abhängig zu sein, kam ihm die Galle hoch.
Das Sandwich musste einen Blick voller Verachtung und Abschätzigkeit ertragen.
Die lange, intensive Auszehrung schien seine Sinne geschärft zu haben, denn er konnte deutlich den Geruch des frischen Brotes und des leicht säuerlichen Apfels riechen, obwohl der Teller etwas entfernt von ihm stand. Ungewollt lief ihm das Wasser im Mund zusammen und es kostete ihn seine ganze Selbstbeherrschung, das Essen nicht anzurühren.
Es war freilich ein Kampf, den er nicht gewinnen konnte.
Er rang ein paar Minuten mit sich, doch schließlich konnte er dem verführerischen Duft nicht länger widerstehen und nahm das belegte Brot. Er betrachtete es. Er zögerte lange, bis er schließlich einen zaghaften Bissen nahm.
Sobald das Essen in seinen Mund gelangte und sein Körper registrierte, dass Energie zugeführt wurde, fühlte er sich besser und sein Blutzucker stieg wieder auf ein normales Maß.
Das Geschmackserlebnis eines simplen Brotes mit Butter und Käse war praktisch unbeschreiblich. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass er etwas derart gutes gegessen hatte und noch länger, dass er überhaupt gegessen hatte.
Es war so fremd und ungewohnt, wieder Nahrung aufzunehmen, aber so ungern Wesker es zugab, es war im Moment der höchste Genuss.
So wohltuend der Genuss auch war, er hasste sich für seine Schwäche und dafür, dass man diese Schwäche ausnutzen konnte, um ihn zu erniedrigen. Wahrscheinlich kostete Chris es genüsslich aus, ihn zu quälen.
Er ließ einen Teil des Brotes und des Apfels liegen, weil er nicht mehr konnte. Es war für einen erwachsenen Mann wie ihn eine viel zu geringe Menge, doch mehr vermochte sein Magen im Moment nicht zu bewältigen.
Obwohl er nicht viel zu sich genommen hatte, reichte es aus, um seine Lebensgeister wieder zu beleben und sich besser zu fühlen. Sein Kopf dröhnte nicht mehr so stark und die Übelkeit verschwand allmählich.
Gestärkt erhob er sich von seinem Bett und schritt durch den Raum, während er sich gedanklich mit seiner Situation auseinandersetzte.
Er hatte große Erinnerungslücken und wusste nicht, was passiert war. Er hatte keine Idee, was seinen körperlichen Zustand verursacht haben mochte oder wer ihm das angetan haben konnte. Die B.S.A.A. hatte ihn wohl vor irgendetwas gerettet. Er befand sich im Jahr 2014. Zuletzt war er in 2009. Wenigstens konnte er alle Ereignisse, die vor seinem Tod lagen, wieder in einen richtigen zeitlichen Zusammenhang bringen.
Es war ihm völlig schleierhaft, wie er den Vulkan überlebt haben konnte oder wer ihn ins Leben zurückgeholt hatte. Er suchte angeregt in seiner Erinnerung nach Bilder, aber er fand nur Dunkelheit. Ein Gefühl, dass eine vertraute Person damit zu tun hatte, beschlich ihn und er glaubte, dass er in den letzten Tagen von ihr geträumt hatte, aber er konnte keine klaren Gesichtszüge ausmachen. War sie es gewesen, die ihn aufgeforderte hatte, wach zu bleiben, als Uroborus ihn in seinen Fängen hatte?
Er wusste es nicht. Er wusste gar nichts.
Er fand sich in eine Situation hineingeworfen, die er nicht beeinflussen konnte, der er hilflos ausgeliefert war, über die er keine Kontrolle hatte. Er war Chris Redfield und der B.S.A.A. hilflos ausgeliefert! Er war in der misslichsten Lage seines Lebens. Und er konnte sich ausrechnen, dass sie von ihm Informationen haben wollten. Er war der einzige, der ihnen sagen konnte, was in Südamerika passiert war. Von ihm erhofften sie sich, Hinweise auf die Drahtzieher zu bekommen.
Bei diesem Gedanken beschleunigte sich sein Atem und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Hass pulsierte durch seine Adern und seine Augen leuchteten rot auf.
Wenn er selbst nicht mal wusste, was mit ihm geschehen war, wie sollte er der B.S.A.A. dann helfen können?!
Er zwang sich, sich zu beruhigen. Er musste jetzt Ruhe und vor allem einen kühlen Kopf bewahren. Sein Meister, der ihn das Kämpfen gelehrt hatte, hatte ihm einmal gesagt, sich nicht von unkontrollierter Wut beherrschen zu lassen und auch eine ausweglose Situation zu seinen Gunsten zu verändern. Man musste nur die Gegebenheiten akzeptieren und in seine Überlegungen einschließen. Der alte Mann hatte gut reden, aber Wesker wurde in dieser Situation daran erinnert, wie wichtig es jetzt für ihn wahr, diesen Rat zu beherzigen.
Auch wenn ihm seine Lage nicht behagte, er musste seinen Ärger jetzt beiseite schieben und sich überlegen, wie er das Beste aus diesem Chaos machen konnte.
Fest stand schon mal eines: In seinem momentan schlechten körperlichen Zustand war an Flucht gar nicht zu denken. Außerdem hatte er keinen Zufluchtsort und keine finanziellen Mittel.
War Ada Wong eine Lösung?
Er verwarf diesen Einfall sofort wieder. Um mit Ada Kontakt aufzunehmen, brauchte er mindestens ein Telefon oder einen Computer. Beides war nicht zu beschaffen. Außerdem wusste er nicht, ob die Kontaktdaten die selben geblieben waren. Und aus so einem großen, gutgesicherten Gebäudekomplex würde es schwer werden, ihn zu befreien.
Die oberste Priorität hatte auch im Moment seine Gesundheit.
Nein, er musste sich etwas anderes überlegen.
Die Gegebenheiten der ausweglosen Situation nutzbar machen.
Er war von der B.S.A.A. abhängig, aber er hatte bisher das offensichtliche übersehen. Nachdem sie etwas von ihm wollten, waren sie auch in gewisser Weise von ihm abhängig. Und diesen Umstand würde er ausnutzen.
Vielleicht konnte ihm dabei eine gewisse Helena Harper überaus behilflich sein, dachte er und sein Mund verzog sich in ein spöttisches Grinsen.
Chris und Jill waren erschöpft, aber mit neuer Zuversicht nach Hause gekommen. Sie hatten Helenas Vorhaben wenig Erfolgsaussichten zugestanden, aber sie waren eines besseren belehrt worden.
Helena hatte es tatsächlich geschafft, sich Wesker zu nähern und mit ihm zu reden, ohne, dass er aggressiv auf sie losgegangen war. Am Ende hatte er sogar das Essen, das sie ihm angeboten hatte, angenommen.
„Ich kann das immer noch nicht fassen", sagte Jill, während sie sich im Bad auszog und sich ein Bad einließ. „Ich schäme mich fast, dass ich Helena das nicht zugetraut habe. Sie war großartig!"
Sie stieg ins warme Wasser und schloss genüsslich die Augen. Das warme Wasser war wohltuend. Chris ging neben der Badewanne in die Hocke und stützte sich auf den Rand.
„Ich hätte das auch nicht erwartet", gab Chris offen zu. „Sie hat nicht untertrieben, als sie sagte, dass sie Übung darin hat, Menschen zum Essen zu bringen. Sie hat es sogar bei Wesker geschafft. Was hat sie anders gemacht? Ein dutzend Leute unseres Teams reden seit Tagen an ihn hin..."
„Keine Ahnung, wahrscheinlich weil sie nicht von der B.S.A.A. ist."
„Wie auch immer. Ich hoffe, Wesker wird dann ein wenig umgänglicher, wenn er was im Magen hat", meinte Chris sarkastisch. „Und ich hoffe, dass wir bald mit ihm reden können. Freu mich ja schon so sehr."
Das Telefon klingelte.
„Ich gehe schnell."
Es war O´Brian. „Christopher, ich habe schon von der guten Neuigkeit gehört. Agent Harper hat es tatsächlich geschafft, einen Kontakt zu Wesker herzustellen."
„Ja, wir konnten es selbst kaum glauben."
„Und ich freue mich, euch eine weitere gute Nachricht mitteilen zu können. Agent Sherry Birkin und Jake Muller sind wohlbehalten zurück."
„Was?! Wie..."
„Ingrid Hunnigan wollte mir nichts näheres sagen, aber offenbar haben sie es geschafft, sich allein aus den Händen ihrer Entführer zu befreien."
„Das ist gut zu hören."
„Zwei Lichtblicke, Christopher. Alles weitere werden wir in den kommenden Tagen besprechen. Der D.S.O. wird wieder Kontakt mit uns aufnehmen und uns weitere Informationen zukommen lassen. Bis dahin ruht euch aus. Es war eine anstrengende Woche."
Sie verabschiedeten sich und Chris kehrte ins Badezimmer zurück. Jill streckte gerade lasziv eines ihrer makellosen Beine aus dem Wasser. Sie nahm etwas Schaum auf die Hand und pustete ihn grinsend in Chris´ Richtung.
„Ich fühle mich so allein, hier ist noch sehr viel Platz", sagte sie einladend.
Das ließ sich Chris nicht zweimal sagen. Er legte seine Kleidung ab, die achtlos zu Boden fiel und stieg zu Jill in die Badewanne.
Für die kommenden paar Stunden war alles andere Nebensache.
Alex Wesker fand sich sofort in einem Verhörzimmer wieder, nachdem er mit Jake Muller und Sherry Birkin in Washington angekommen war. Sherry und Jake hatten sich vehement für ihn ausgesprochen und mehrfach darauf hingewiesen, dass er es war, der ihnen das Leben gerettet und sie aus der Gefangenschaft befreit hatte, doch der National Sicherheitsberater, Gabriel Benton, hatte nicht auf sie hören wollen und sofort seine Inhaftierung angeordnet.
Er war nicht einmal verärgert darüber, denn wer konnte es den Leuten von der Regierung übel nehmen, dass sie einen Mann, der Albert Wesker zum Verwechseln ähnlich sah und noch dazu den selben Nachnamen trug, in Gewahrsam nahmen und verhören wollten? Er hatte schon auf dem Flug nach Washington abgewogen, was seine nächsten Schritte sein würden und sich widerwillig für das naheliegendste und notwendige entschieden: mit der Regierung zu kooperieren. Auf Jakes dringliche Bitte hatte er schließlich nachgegeben.
Er konnte nicht behaupten, dass er der Zusammenarbeit mit Begeisterung entgegensah. Es war vielmehr ein Übel, das er in Kauf nehmen musste. Er hatte leider schon einige Male feststellen müssen, und dies zuzugeben war ihm äußerst schwer gefallen, dass er alleine zu wenig ausrichten konnte. Er stand auf verlorenem Posten und die Zeit drängte. Außerdem war es an der Zeit, dass er den zuständigen Behörden, die wegen des Vorfalls in Südamerika weiterhin im Dunkeln tappten, die Informationen zukommen ließ, die er hatte, damit endlich etwas unternommen werden konnte.
Manchmal fragte er sich, ob er damit nicht schon zu lange gewartet hatte.
Er saß nun eben diesem Herrn, Gabriel Benton, sowie einer Dame, die er als Ingrid Hunnigan identifizierte, gegenüber.
Gabriel Benton war ein Mann mittleren Alters mit dunklem Haar und einem leichten Bartansatz. Er war in einen feinen Anzug und Krawatte gekleidet. Auf Alex machte er den Eindruck eines feinen, arroganten Stadtpinkels.
Ingrid Hunnigan trug ein blaues Kostüm und eine Brille. Ihr Haar war streng zurückgebunden. Sie wirkte sehr jung, doch ihr Gesicht war deutlich von den Sorgen der letzten Zeit gekennzeichnet. Sie war angespannt.
„Sieh an, sieh an", sagte Benton in spöttischen Tonfall. „Da gehen uns in kurzer Zeit nicht nur ein, nein, zwei Wesker ins Netz. Ich hatte ja bislang angenommen, es gäbe nur einen von der Sorte, aber ich wurde eines besseren belehrt, wie es scheint. Man lernt eben nie aus."
Er ging langsam im Raum umher. Alex folgte ihm mit den Augen. Hunnigan saß vor ihm am Tisch.
„Mr. Wesker, Sie verstehen sicher die Umstände, unter denen wir uns gezwungen sehen, Sie hier festzuhalten."
Alex nickte.
„Mr. Muller und Agent Sherry Birkin haben ausgesagt, Sie hätten sie aus der Umbrella- Anlage in Alaska befreit. Ist das richtig?", fragte Hunnigan.
„Das ist richtig."
„Können Sie uns erklären, warum Sie das gemacht haben? Für einen Mann wie Sie... ist das doch sicher... etwas ungewöhnlich", sagte er und Alex verstand sofort, was er unterschwellig andeuten wollte.
„Auch ein Wesker hat mal einen guten Tag, wenn wir nicht gerade die Welt zerstören wollen, kann das schon mal vorkommen", gab Alex als knappe Antwort schnippisch zurück.
„Sicher", meinte Benton.
Hunnigan warf ihm einen Blick zu, der eine deutliche Sprache sprach. Sie fuhr fort.
„Ihnen ist hoffentlich bewusst, dass wir Ihnen einige Fragen stellen müssen? Agent Birkin deutete an, dass Sie Informationen über den Vorfall in Südamerika hätten. Ist das korrekt?"
„Das ist korrekt", sagte Alex, nachdem er tief Luft geholt hatte.
Nach außen hin war er absolut ruhig und gelassen, doch in seinem Inneren sah es anders aus. Sein Herz pochte wie wild und er war rasend vor Ungeduld. Mit jeder Minute Zeit, die verstrich, sanken seine Chance, erneut in die Forschungsanlage in Alaska eindringen zu können und die Gefangenen befreien zu können.
„Wir sind ganz Ohr", sagte Benton und machte eine einladende Geste mit der Hand.
„Ich fürchte nur, dass ich Sie vorerst enttäuschen muss. Ich werde Ihnen erzählen, wie es zu der Entführung von Sherry Birkin und Jake Muller kam und was in Alaska passiert ist. Alles andere werden Sie erst von mir erfahren, wenn wir die Gefangenen in Alaska befreit haben. Das haben Ihnen Sherry und Jake ja auch mitgeteilt, oder? Ein bislang totgeglaubter B.S.A.A.- Agent soll dort sein. Sie haben vor einer knappen Stunde Kenntnis davon erlangt und haben bislang nichts unternommen."
„Ich glaube kaum, dass Sie in der Position sind, Forderungen zu stellen, Mr. Wesker", entgegnete Benton und offenbar brachte ihn Alex ruhige und kalte Art zur Weißglut.
„Das glaube ich sehr wohl, Mr. Benton", sagte Alex berechnend. „Ich habe in einen sehr, sehr, sehr sauren und bitteren Apfel gebissen, um hier zu sein und eigentlich verdanken Sie das Jake Muller. Ja, verdammt noch mal, ich bin in der Position, Forderungen zu stellen. Ohne mich haben Sie gar nichts, oder? Ich gehe doch recht in der Annahme, dass Sie weiterhin im Dunkeln tappen, was den Ausbruch anbelangt." Es war eine Feststellung.
Hunnigan und Benton sagten beide nichts.
„Aha. Also..."
„Wenn wir unverzüglich nach Alaska fliegen, um die Gefangenen zu befreien, werden Sie Ihre Informationen mit uns teilen, sehe ich das richtig?", fasste Hunnigan das Gesagte zusammen.
„Exakt."
„Was, wenn wir uns weigern?"
„Nun ja, wie ich bereits sagte, ohne mich haben Sie nichts. Mir ist es gleich, ich muss nicht hier sein. Ich kann augenblicklich aus diesem Gebäude herausspazieren und Sie werden mich nie wieder sehen. Ich kann allerdings nicht garantieren, dass es nicht ein paar Verletzte dabei geben wird. Also täten Sie sehr gut daran, auf meine Forderung einzugehen."
Benton fletschte vor Wut die Zähne.
„Eigentlich haben wir auch ohne Sie etwas in der Hand. Zufällig ging uns vor geraumer Zeit ihr Namensvetter in die Fänge."
„Ach ja, der gute Albert. Ich hörte schon, dass die B.S.A.A. ihn in Gewahrsam hat. Sie sagen, er könne Ihnen weiterhelfen? Hm, mal sehen, weiß er überhaupt, wo er ist und welches Jahr wir haben?"
„Das müssen wir uns nicht anhören", sagte Benton entschieden. Er wies Hunnigan an, ihm nach draußen zu folgen.
„Mr. Wesker, Sie sollten sich genau überlegen, was Sie tun."
„Überlegen Sie es sich lieber gut. Ich brauche keine fünf Minuten hier raus."
Benton und Hunnigan beobachten Alex über eine Kamera im Nebenraum. Er saß nur bewegungslos am Tisch und wartete.
„Dieser Kerl besitzt die Frechheit, uns zu erpressen", sagte Benton.
„Er spielt seinen Trumpf aus", stellte Hunnigan fest. „Regen Sie sich nicht auf, Mr. Benton. Erpresst wird man nur, wenn man es zulässt. Wir sollten nicht weiter den Konfrontationskurs fahren, sondern unsere Chance nutzen. Alex Wesker hat sich freiwillig der Regierung gestellt und bietet seine Hilfe an. Was wollen Sie denn noch? Außerdem dürfen wir nicht über die Tatsache hinwegsehen, dass er Jake Muller und Agent Birkin das Leben gerettet hat."
Benton schnaubte nur. Er hatte wenig Verständnis für Hunnigans Ansichten.
„Bleibt uns etwas anderes übrig? Da draußen sind Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Wollen wir länger hier herumdiskutieren?", fragte sie ernst. „Alex Wesker kann uns helfen. Er wird auf unserer Seite stehen, wenn wir es zulassen. Wir können es nicht verantworten, eine solche Chance verstreichen zu lassen!", appellierte sie an ihren Vorgesetzten, der deutlich mit sich rang.
Schließlich sagte er: „Also schön, ich vertraue Ihrem Urteil, Ingrid, aber auf Ihre Verantwortung. Reden Sie noch mal mit ihm. Aber er bleibt in Gewahrsam."
Hunnigan nickte.
