Leon S. Kennedy 1977: Weskers Vergangenheit werde ich etwas später wieder aufgreifen und was Alex zu verbergen hat, wird jetzt allmählich Stück für Stück aufgeklärt werden. Du darfst also sehr gespannt sein. :)


Claire musste für ein paar Stunden eingenickt sein, denn als sie die Augen wieder aufschlug, befand sich das Flugzeug bereits über dicht verschneiten Bergen.

„Hey, wir sind bald da", sagte Chris, der sie leicht an der Schulter gerüttelt hatte, um sie zu wecken. „Du solltest dich auch anziehen."

„OK", sagte Claire und rieb sich verschlafen die Augen. Sie löste den Gurt ihres Sitzes und nahm warme Thermokleidung von Chris entgegen, die sie bei ihrer Ankunft brauchen würden. Die Gegend war völlig von Schnee und Eis bedeckt und der Wetterbericht ließ wenig Positives hoffen. Es herrschten eisige Minustemperaturen und am Himmel brauten sich Wolkenberge zusammen. Sie hoffte, kein Schneesturm, wie er typisch für diese Region Alaskas war, würde ihre Mission erschweren. Chris, Jill und die anderen waren bereits in dicke Anoraks gepackt und machten ihre Waffen bereit. Das Team der B.S.A.A. und des D.S.O. kontrollierten ihre Ausrüstung.

Während sich Claire anzog, fiel ihr Blick auf die beiden Wesker. Die beiden Männer waren sich äußerlich erstaunlich ähnlich, fand Claire, doch gleichzeitig hätten sie nicht verschiedener sein können.

Albert Weskers Gesicht war ausdruckslos, wie versteinert. Seine Augen waren hinter seiner Sonnenbrille verborgen und es war nicht zu deuten, was ihm durch den Kopf ging. Er saß ruhig auf seinem Platz neben HUNK und sprach mit niemandem. Er hatte die Arme verschränkt und wirkte kalt und unnahbar. Er zeigte keinerlei Gefühlsregung nach außen.

Alex Wesker hingegen hatte seine Sonnenbrille abgenommen und rieb sich erschöpft die Augen. Er war nervös und unruhig und hatte den Kopf gesenkt. Er sprach ebenfalls mit niemandem, aber der Grund dafür war nicht, dass er aus Überheblichkeit nichts mit seiner Umwelt zu tun haben wollte. Sein Blick war seltsam leer, als sei er tief in Gedanken versunken, und Claire merkte, dass ihn etwas beschäftigte und ihm schwer zu schaffen machte. War er womöglich traurig über etwas?

Ihr war schon bei ihrer Besprechung aufgefallen, wie ungeduldig Alex gewesen war. Er hatte es gut zu verstecken gewusst, aber es war ihm anzumerken, dass ihm die Verzögerungen, die für ihre Mission entstanden waren, überhaupt nicht gefielen. Es war ihm offenbar sehr wichtig, nach Alaska zu kommen. Claire konnte sich so viel ausrechnen, dass es mit Sicherheit nichts mit Piers Nivans, der dort gefangen war, zu tun hatte. Womöglich mit den beiden Mädchen? Claire konnte sich keinen Grund dafür vorstellen, aber wer wusste, was im Kopf eines Weskers vorging.

Während sie sich ihre dicke Thermojacke und ihre Mütze anzog, sah sie, wie Chris an Alex herantrat und mit ihm über den geplanten Ablauf ihrer Mission sprach. Albert hörte aufmerksam zu, denn es betraf auch ihn. Es ging um den Zeitpunkt, wann er den Code preisgeben musste, damit Alex ihnen durch einen Hackangriff Zutritt zu Anlage verschaffen konnte.

„Da die Anlage in den Bergen liegt, wir sie nicht direkt anfliegen können und die Gegend zu Fuß praktisch unpassierbar ist, werden wir zwangsläufig erst Kurs auf den Umbrella- Hangar nehmen müssen und von dort mit Schneefahrzeugen den Hang hochfahren ", sagte Chris. „Wie lange werden Sie brauchen, um die Einrichtung zu öffnen?"

„Wahrscheinlich nicht lange. Bevor sich die Red Queen eingeschaltet hat, war ich bereits im System. Es kann sich nur um einen Zeitraum von vielleicht fünfzehn Minuten handeln", sagte Alex.

Chris nickte. „OK. Wenn wir an der Anlage sind, wissen Sie was Sie zu tun haben." Er warf einen vielsagenden Blick zu Albert, der nichts erwiderte. Er nickte lediglich zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

„Sie sollten sich ebenfalls bereit machen. Der Pilot meint, wir erreichen unser Ziel in ungefähr dreißig Minuten."

Alex erhob sich. Claire erschrak, als sich ihre Blicke trafen und sie sich für den Bruchteil einer Sekunde in die Augen sahen. Er nickte ihr höflich zu, dann wandte er sich ab, um sich ebenfalls anzuziehen und seine Ausrüstung, die er brauchen würde, in einer Tasche zu verstauen.

Claire blieb wie angewurzelt und völlig entgeistert auf der Stelle stehen. Sie war so eingenommen von Alex Blick, dass es einen Moment dauerte, bis sie wieder gefangen hatte. Es waren seine Augen, die sie irritierten.

Albert Wesker hatte blau- graue Augen, in denen nur Eiseskälte lag. Bereits sein Blick war furchteinflößend und konnte einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Nichts Menschliches lag darin, nur seine Arroganz und Verachtung.

Alex hingegen hatte dunkelbraune, fast schwarze Augen. Was sie so überrascht hatte, waren die Menschlichkeit und die Emotion, die Wärme, die in ihnen lagen und die einem in seiner Gegenwart ein weitaus angenehmeres Gefühl bescherten, als bei dem anderen Wesker.

Sie musste sogar zugeben, dass ihr seine Augen gefielen und sie fand, dass er ein gutaussehender Mann war. Er hatte deutlich sanftere Gesichtszüge als Albert, was ihm eine weniger strenge und freundlichere Art verlieh.

Claire schüttelte verärgert über sich selbst den Kopf und wies sich zurecht. Sie wandte sich der Pistole zu, die ihr ihr Bruder gerade reichte. Sie lud sie mit einem Magazin und steckte Ersatzmagazine ein.

Leon wollte sie gerade in ein Gespräch verwickeln, als plötzlich ein Ruck durch das Flugzeug ging. Alle Personen, die standen, kamen ins Torkeln und mussten sich sicheren Halt suchen. Claire fiel auf ihren Sitz zurück.

„Was war denn das?!", fragte HUNK alarmiert.

„Captain…", sagte ein Mann des B.S.A.A.- Teams.

„Captain Redfield, wir haben ein Problem!", rief der Pilot vom Cockpit. Chris eilte sofort nach vorne.

„Was ist passiert?!", erkundigte er sich sofort.

„Wir sind in ein Wolkenfeld hineingeflogen. Ein Sturm ist aufgezogen. Ich habe keine Sicht mehr! Ich weiß nicht mehr, wohin ich fliege!"

„Chris!" Claire kämpfte sich ihren Weg nach vorne zu ihrem Bruder. Sie kam kaum voran, weil die Maschine hin und schwankte, und sie musste sich an der Wand entlanghangeln.

„Was ist los?!", fragte sie, doch als sie vorne im Cockpit durch die große Frontscheibe nach draußen sah, wusste Claire sofort, was los war.

Sie waren mitten in einem Blizzard. Man konnte draußen lediglich weiße Schlieren erkennen und sie hatten keine paar Meter Sichtweite. Der Wind war so stark, dass der Pilot Mühe hatte, das Steuer gerade zuhalten. Das Flugzeug bebte und zitterte.

„Ich weiß nicht mehr, ob wir auf Course sind! Wir verlieren an Höhe!", sagte der Pilot.

„Tun Sie, was Sie können!", wies Chris sein Teammitglied an.

Claire kehrte zu den anderen zurück. „Wir haben Probleme! Wir sind mitten in einem Schneesturm! Das wir ein turbulenter Flug werden, also festhalten!"

Sie wollten auf ihre Plätze zurückkehren und sich anschnallen, um sich sicheren Halt zu verschaffen, doch in diesem Moment ertönte irgendwo auf der rechten Seite des Flugzeuges ein ohrenbetäubendes Krachen und sie bekamen schlagartig Seitenlage. Alle wurden mit voller Wucht nach links geschleudert.

Ein paar Männer aus ihrem Begleitteam wurden quer durch das Flugzeug geschleudert. Claire stieß sich die Schulter als sie an die gegenüberliegende Flugzeugwand prallte. Sie klammerte sich verzweifelt an einen Sitz. Jill fiel auf Albert Wesker und riss ihn um, sodass beide hart auf der Sitzbank aufschlugen. Wesker knurrte verärgert und hielt sich seinen Arm. HUNK und Alex schafften es rechtzeitig, Leon und Helena aufzufangen, bevor sie auf dem Boden aufschlugen. Zwei Pistolen und eine Tasche rutschten über den Boden. Chris hielt sich im Durchgang zum Cockpit fest.

„Wir verlieren Höhe, wir müssen notlanden!", rief er über das Getöse hinweg. „Festhalten!"

Claire verspürte ein unangenehmes Kribbeln im Bauch, als sie viel zu schnell gen Erde steuerten.

Verkrampft klammerte sie sich an ihren Sitz. Der Pilot tat sein Bestes und schaffte es zumindest, die Maschine zu stabilisieren, sodass sie sich nicht überschlugen. Sie trudelten mit ihrer Schlagseite weiter abwärts ins Unbekannte. Sie hatten keine Gewalt mehr darüber, wo sie der Schneesturm hintrug. Alles was sie noch tun konnten, war zu hoffen, einigermaßen heil auf dem Boden anzukommen.

„Achtung!", rief ihnen der Pilot zu und nur Sekunden später prallten sie gewaltiger Wucht auf der Erde auf. Erneut wurde die gesamte Mannschaft durch den Flugzeugkörper geschleudert. Claire kam diesmal nicht so glimpflich davon. Sie verlor den Halt und knallte mit ihrem rechten Knie auf den Boden. Schmerz fuhr durch ihren Körper, als sie sich mit den Handgelenken abfing.

Das Flugzeug rutschte noch ein kurzes Stück am Boden entlang, dann prallte es an einen Baum und kam schließlich zur Ruhe. Ein lautes Klirren war zu hören. Die Frontscheibe war zersprungen. Plötzlich fegte ein eisiger Wind herein. Der Sturm pfiff und heulte laut.

„Ist irgendjemand verletzt?", fragte Chris sofort und sah in die Runde. Er musste fast schreien, um das Unwetter draußen zu übertönen. Er rappelte sich vom Boden hoch und half dann Jill auf. Von der Kälte bildeten sich kleine Staubwölkchen, wenn sie ausatmeten.

„Ich denke nicht", sagte Leon schwer atmend, erhob sich und setzte sich erschöpft auf einen Sitz. „Wir sind OK."

Die anderen nickten zustimmend. Bis auf ein paar kleine Schrammen hatte niemand ernsthaft Schaden durch ihre Bruchlandung erlitten. Nur der Pilot hatte Schnittwunden und Prellungen davongetragen. Durch den Aufprall hatte sich der vordere Teil des Flugzeuges verformt und sein Bein war eingequetscht worden. Er stöhnte vor Schmerz, als Chris und Claire ihm aus seinem Sitz halfen und ihn stützten. Der Mann versicherte zwar, dass alles in Ordnung war, doch er konnte nur schlecht laufen.


Albert streckte seinen Arm und sein Ellbogen knackte schmerzhaft. Er spürte, wie sein Körper seine Blessuren vom Sturz heilte. Er hatte Kopfschmerzen bekommen und ihm war während des Fluges übel geworden. Dank des Virus in seinem Blut war er normalerweise nicht anfällig für diese Art von Leiden. Er schob es auf den Absturz und auf seinen immer noch angeschlagenen Körper und hoffte, es möge bald vorbeigehen. Er strich sich ein paar Strähnen seines zerzausten Haares aus dem Gesicht und suchte sich dann den Rest seiner Winterkleidung zusammen, die kreuz und quer im Flugzeug verstreut lag. Es herrschten eisige Temperaturen und er Schauer durchfuhr ihn . Die anderen taten es ihm gleich und steckten ihre Waffen ein.

Er musste es widerwillig hinnehmen, dass man ihm und Alex nicht gestattet hatte, eine Schusswaffe zu führen. Es ärgerte ihn und er konnte diese Maßnahme nur als höchst lächerlich einstufen, aber er wusste natürlich, warum die B.S.A.A. so handelte: Sie und besonders Chris trauten ihnen kein Stück über den Weg.

Albert las Alex´ Tasche, in der er seinen Computer verstaut hatte, vom Boden auf und gab sie ihm zurück. Dieser holte sofort seinen Laptop heraus und überprüfte, ob das Gerät nicht vielleicht beschädigt worden war.

„Schäden an der Ausrüstung?", fragte Chris.

„Nein, Sir", sagte ein Mann aus dem Team.

„Negativ", sagte Jill erleichtert, nachdem sie ihre Waffe und den Inhalt ihrer Tasche überprüft hatte.

„Der Computer hat keinen Schaden genommen", sagte Alex und auch ihm war die Erleichterung anzumerken.

Jeder suchte seine Sachen zusammen, dann öffneten sie die Ladeluke des Flugzeuges. Sie fanden sich mitten in der Wildnis wieder und ein eiskalter Wind wehte ihnen um die Ohren. Albert mummte sich noch ein Stück mehr in seine Jacke und zog seine Handschuhe an. Es dauerte nur Augenblicke und sie waren alle von einer Schneeschicht bedeckt.

Sie waren in einen starken Blizzard geraten und man sah praktisch die Hand vor Augen nicht. Man konnte gerade so den Baum erkennen, an dem sie zum Stehen gekommen waren. Bis zu den Knien standen sie in tiefem, festem Schnee. Albert und Alex mussten ihre Sonnenbrillen abnehmen, weil sie nichts sehen konnten.

„HQ, bitte kommen", sagte Chris in sein Funkgerät. „HQ, können Sie uns hören? Ach, verdammt", fluchte er.

„Da haben wir keine Chance, Chris", meinte Jill missmutig. „Hier gibt es keinen Empfang."

„Die Elektronik im Flugzeug ist völlig hinüber, Chris", sagte Leon. „Und in dem Sturm wird uns niemand empfangen." Sie mussten fast schreien, um sich zu verständigen.

„Shit." Chris versuchte es noch ein paar Mal, dann jedoch musste er einsehen, dass es keinen Zweck hatte. Sie waren von der Außenwelt komplett abgeschnitten und hatten keinen Kontakt mehr zum Hauptquartier.

Albert machte ein paar Schritte im Schnee und versuchte, die Umgebung auszumachen. Er erkannte schwach die Schemen einiger Bäume, doch alles was er sah, war ein weißes Meer. Der Schneesturm war so dicht, dass es unmöglich war, sich zu orientieren.

„So eine verdammte Scheiße", schimpfte Leon Kennedy. „Wir sitzen hier mitten in der Pampa. Hat irgendwer einen Plan, wo wir ungefähr gelandet sind?"

Er wandte sich an Alex und Albert, doch beide mussten verneinen. Albert kannte die Umgebung der Alaska- Einrichtung ungefähr, aber in diesem Wetter und ohne Anhaltspunkte, wo sie sich gerade befanden, war es auch für ihn schwer, einen Weg zu finden.

„Was ist eigentlich passiert? Warum sind wir abgestürzt?", fragte Claire Redfield ihren Bruder.

„Ich weiß nicht, was passiert ist", gab der Pilot schuldbewusst zu. „Wir waren plötzlich mitten drin in diesem Sturm. Ich habe nichts mehr gesehen und wahrscheinlich haben wir einen Berggipfel erwischt."

Albert trat an das Flugzeug heran, das nur noch ein unbrauchbares Wrack war. Der rechte Flügel war halb abgerissen und der Rumpf eingedellt. Auch das Cockpit war völlig zerstört, sodass die Maschine nicht mehr einsatzfähig war. Helena Harper schritt an ihm vorbei und ein Stück den Hügel hinauf.

„Captain Redfield", fragte ein Regierungsagent. „Was sollen wir tun. Wir können nicht hierbleiben. Wir haben einen Verletzten, der Hilfe braucht."

„Das stimmt, Chris. Wir müssen hier weg. Wir erfrieren im Schneesturm", sagte Jill zustimmend.

„Alex, können Sie eine Satellitenverbindung herstellen?", fragte Chris.

„Nein, leider nicht. Da die Geräte im Flugzeug kaputt sind und ich nicht die nötige Ausrüstung dabei habe, ist das unmöglich. Wir müssen einen anderen Weg finden. Ich stimme zu, dass wir uns in Bewegung setzen müssen", erklärte Alex, während er zu dem verletzten Piloten ging und die Wunden besah.

„Ich glaube, ich habe etwas gefunden!", rief Helena Harper aus der Ferne zu ihnen. Ihre Stimme war durch den Sturm kaum zu hören.

Albert schritt als erster zu ihr. Sie war der Schneise, die sie in die Bäume und den Schnee geschlagen hatten, gefolgt und hatte offenbar etwas unter der Schneedecke entdeckt. Sie war in die Hocke gegangen und schaufelte irgendetwas von Schnee frei.

„Sehen Sie mal." Sie zog etwas aus der weißen Masse.

Zuerst dachte Albert, es sei ein Stück Ast, doch dann erkannte er, dass es ein Schild war.

„Was steht da?", sagte die Agentin und versuchte, das Geschriebene zu entziffern. Sie wischte mit dem Handschuh darüber.

„Das weist auf eine Tankstelle." Albert erkannte das Zeichen auf dem Schild.

„Sind Sie sich sicher?", fragte sie skeptisch.

„Helena, was ist los?", fragte Kennedy.

„Ich glaube, ich habe was", rief Agentin Harper zurück. Sie und Albert stampften durch den Schnee zur Gruppe zurück.

„Das ist ein Straßenschild, das auf eine Tankstelle hinweist. Gibt es hier in der Nähe einen Ort? Weiß das jemand?"

„Ja", sagte HUNK. „Ich erinnere mich dunkel, dass irgendwo im Tal ein Dorf liegt."

„Ja", sagte Alex zustimmend. „Es liegt von der Anlage in Richtung Westen. Was steht auf dem Schild?"

„Drei Meilen", las Harper vor. „Das ist nicht weit. Wenn es ein Schild gibt, dann muss die Straße nicht weit sein."

Sie gingen wieder zu der Stelle, an der sie das Schild gefunden hatten. Kennedy, HUNK und Alex schaufelten sich durch eine mindestens dreißig Zentimeter dicke Schneeschicht, bis schließlich Asphalt und eine weiße Fahrbahnmarkierung zum Vorschein kam.

„Da ist die Straße! Chris, wir haben die Straße gefunden!"

Die Gruppe setzte sich langsam in Bewegung und folgte ihnen den Hügel hinauf. Zwei Männer der B.S.A.A. stützten den verwundeten Piloten, der sich kaum aufrecht halten konnte. Sein Gesicht war bei jedem Schritt schmerzverzerrt.

Sie waren vielleicht zehn Minuten draußen gestanden, seit ihrem Absturz, doch sie alle waren bereits völlig eingeschneit. Die Kälte stach und brannte auf der Haut und in den Augen. Das nahegelegene Dorf war ihre einzige Chance. Albert spürte deutlich, dass er nicht seine vollständigen Kräfte hatte. Der Gang durch den Schnee kostete ihn viel Kraft und er bekam schlechter Luft als üblich und hatte Herzrasen.

„Wir sollten uns sofort auf den Weg machen. Dann schaffen wir es vielleicht noch vor Einbruch der Dunkelheit!", rief Chris gegen das Pfeifen des Windes an. „Wir müssen unseren Plan ändern! So können wir die Mission nicht fortsetzen!"


Die Stunden zogen sich dahin. Der Sturm hatte nicht nachgelassen und die Gruppe musste gegen Eis, Schnee und heftigen Gegenwind kämpfen. An einigen Stellen reichte ihnen der Schnee bis zu den Oberschenkeln. Sie kamen nur langsam voran, weil es immer schwieriger wurde, dem Verletzten zu helfen und sie darauf achten mussten, auf der Straße zu bleiben und nicht vom Weg abzukommen. Immer wieder mussten sie ein Loch in den Schnee graben, um zu sehen, ob sie dem Straßenverlauf noch folgten. Chris versuchte abermals erfolglos, das HQ zu erreichen.

Sie gingen dicht zusammen, um sich im undurchdringlichen Schneechaos nicht zu verlieren. Alle waren durchgefroren und hatten Hunger und Durst. Außerdem wurde es langsam dämmrig und sie alle waren erschöpft und müde von den Strapazen. Ihre Kleidung war völlig durchnässt.

Wesker zitterte und seine Finger und Füße waren taub und steifgefroren. Er spürte seine Kräfte schwinden. Einen Schritt vor den anderen zu setzen wurde zunehmend beschwerlicher und er keuchte schwer. Bei jedem Atemzug traktierten tausend Nadeln seine Lunge.

Er merkte auf einmal, wie er nicht mehr mit dem Tempo der anderen mithalten konnte. Sie waren auch entkräftet und mussten sich zusammenreißen, doch niemand hatte solche Schwierigkeiten wie Wesker, niemandem schien die Anstrengung so viel auszumachen wie ihm. Und er hatte den Virus in seinem Körper, der ihm übermenschliche Kräfte verlieh. Er wusste auch instinktiv, dass es nicht mit seiner noch recht dürftigen Verfassung zusammenhing. Irgendetwas war nicht in Ordnung.

Er fiel bis ans Ende der Gruppe zurück und fand sich neben Agentin Harper wieder. Seine Beine wurden schwerer und schwerer, als seien sie mit Blei gefüllt, und eine starke Müdigkeit überfiel ihm. Er konnte nicht mehr. Jeder weitere Schritt wurde zur Qual und plötzlich schoss ein brennender Schmerz durch seinen Körper, der ihn lähmte.

Es war, als wäre ein elektrischer Schlag durch ihn hindurchgefahren, der ihm völlig paralysierte. Es fühlte sich an, als stünde sein Knochenmark in Flammen. Sein Gesicht verzerrte sich und ein Schmerzensschrei entfuhr ihm.

Er geriet ins Straucheln und fiel in den Schnee. Der Abstand zwischen ihm und der Gruppe wurde größer. Wahrscheinlich hatten sie nicht bemerkt, was mit ihm passiert war.

Er atmete schnell und unregelmäßig und sein Herz pochte in seinen Ohren. Er versuchte, allein wieder auf die Füße zu kommen, doch er schaffte es nicht. Er war zu entkräftet und seine Muskulatur schien wie gelähmt.

Zwei Arme packten ihn und halfen ihm auf. Es war Agent Harper.

„Kommen Sie, wir dürfen die Gruppe nicht verlieren", sagte sie und stützte ihn.

Wesker riss sich sofort von ihr los. Er brauchte keine Hilfe. „Lassen Sie mich zufrieden", giftete er ihr zu.

Die anderen waren ein Stück weiter vorne. Offenbar hatten sie nicht gemerkt, dass zwei Personen zurückgefallen waren.

„Wartet bitte!", rief Helena durch den Sturm.

Sie sahen schwach, wie das Team stehenblieb. Wesker versuchte weiterzugehen, doch seine Beine wollten ihm nicht mehr richtig gehorchen. Seine Knie zitterten und er war so kraftlos, dass er es kaum schaffte, gegen den tiefen Schnee anzukommen. Obwohl er sie weggestoßen hatte, kam Helena Harper wieder an seine Seite und stützte ihn, in dem sie seinen Arm um ihre Schulter legte. Er wollte ihre Hilfestellung nicht, doch er hatte keine Energie mehr, sich dagegen zu wehren. Seine Knochen schmerzten und ihm war auf einmal speiübel.

Sie gingen langsam weiter, doch sie hatten Probleme mit dem Rest des Teams mitzuhalten. Wesker fiel auf, dass sie seit einiger Zeit einen Anstieg erklimmen mussten. Irgendetwas stimmte nicht, denn sie waren bislang auf gerader Strecke gegangen.

„Wir haben es bald geschafft", versicherte ihm Helena Harper zuversichtlich. „Halten Sie noch etwas durch."

Wesker kommentierte dies nicht. Er nahm es stillschweigend, aber äußerst widerwillig hin, dass sie zusammen gehen mussten. Sie schlossen nur langsam wieder an die Gruppe auf und sie erkannten nur schemenhaft die schwarzen Jacken ihrer Mitstreiter. Mittlerweile mussten sie Taschenlampen benutzen, da ihnen die aufkommende Dunkelheit zunehmend die Sicht erschwerte. Kleine, verschwommene Kugeln aus gelbem Licht tanzten vor ihnen.

„Verdammter Mist!", rief Chris von vorne. „Wir sind vom Weg abgekommen. Wir haben die Straße verloren!"

„Was?!", hörten sie Leon Kennedys Stimme entsetzt und ungläubig rufen.

„Das darf doch nicht wahr sein!"

„So eine Scheiße! Wir haben uns verirrt!"

Die Gruppe war stehengeblieben, was Wesker und Helena Zeit gab, wieder zu ihnen aufzuschließen. Wesker merkte auf einmal, dass sich der Boden unter ihm änderte. Der Schnee wurde auf einmal leichter und lockerer und man sank tiefer ein. Die Oberfläche der Schneedecke bekam Risse, weil bei jedem ihrer Schritte eine kleine dünne Schicht abrutschte. Wesker verstand sofort. Sie standen an einem instabilen, rutschenden Abhang. Ein falscher Schritt und jemand konnte die Schneemassen in Bewegung setzen und sie womöglich lebendig begraben.

Sie hatten die anderen fast erreicht. Wesker wollte schon etwas sagen, doch da hörte er bereits jemanden schreien und die anderen verschwanden außer Sicht. Plötzlich brach der Boden unter ihm Weg und er hatte keinen Halt mehr. Er riss Helena mit sich. Die beiden verloren das Gleichgewicht, als die Schneemassen unter ihnen ins Rollen kamen. Sie versuchten noch sich festzuhalten, doch gegen die Gewalt des Schnees hatten sie keine Chance. Sie rutschten und kugelten einen Abhang hinunter, wurden über Felsen und Baumstämme hinweggetragen, überschlugen sich mehrfach.

Erst nach mehreren hundert Metern kamen sie zum Stehen, als eine Gruppe Bäume ihren Sturz abfing. Sie knallten mit voller Wucht an einen Felsvorsprung und eine dicke Schneedecke begrub sie unter sich.

Wesker konnte sich nicht bewegen. Der schwere Schnee drückte ihn nach unten und Helena klammerte sich noch immer an ihn. Sie war bewusstlos. Er konnte nicht richtig atmen, er bekam unter dem Schnee kaum Luft und sie hatten nur eine winzige Kammer Bewegungsspielraum.

Unter größter Anstrengung befreite er seinen Arm, der unter dem Körper der Frau einklemmt war und schaufelte den Schnee von ihren Gesichtern. Er stieß mit der Hand nach oben und schaffte es, ein Loch in die Schneedecke zu drücken, damit frischer Sauerstoff zu ihnen strömen konnte. Er holte keuchend und hustend Luft. Feiner Pulverschnee war in seine Atemwege gelangt.

Er löste sich von Helena, befreite seinen anderen Arm und grub sich so gut es ging frei. Dann zog er die Frau an die Oberfläche. Er stemmte sich hoch, sodass er im Schnee kniete. Der Sturm fegte weiter unerbittlich über sie hinweg.

„Wachen Sie auf!", sagte er und rüttelte an Helenas Schultern. Nur langsam erlangte sie das Bewusstsein zurück.

„Was ist passiert?", fragte sie und hielt sich den Kopf. „Wo sind die anderen?"

„Wir sind getrennt worden", erklärte Wesker. „Eine Lawine hat uns mitgerissen, weil wir vom Weg abgekommen sind."

„Was?! Oh nein! Wir müssen zurück!"

Wesker schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Wenn wir den Abhang wieder hochlaufen, besteht die Gefahr, dass wir eine weitere Lawine auslösen. Wir müssen einen anderen Weg suchen. Vor allem müssen wir endlich Zuflucht vor dem Sturm finden."

Sie rappelten sich mühevoll auf. „Haben Sie ihre Taschenlampe noch?" Sie nickte und beiden holten ihre Lampen hervor.


Chris half erst Jill, dann kümmerte er sich um Leon, der ganz in seiner Nähe lag. Sein Bein ragte unter dem Schnee hervor. Der D.S.O.- Agent schnappte nach Luft, als er an die Oberfläche gezogen wurde und spuckte Schnee aus.

HUNK und Alex kämpften sich zehn Meter von ihnen entfernt aus der weißen Masse und machten sich sofort daran, den anderen zu helfen. Claire stöhnte vor Schmerz auf, als sie von dem Wesker auf die Beine gezogen wurde. Sie hatte sich an einem Felsen ihre Schulter geprellt und konnte ihren Arm nicht bewegen. Alex blutete am Kopf, aber seine Wunde heilte schnell.

Insgesamt hatte die Lawine vier Menschen das Leben gekostet, darunter der verletzte Pilot. Teile ihrer Ausrüstung waren verloren gegangen. Chris schlug vor Wut mit der Faust in den Schnee.

„Moment mal", meldete sich Jill. Sie hatte ihre Mütze verloren und ihre Haare waren nass und wild durcheinander. „Wo sind Helena und Wesker?"

„Ein Wesker ist hier", rief ihr Claire zu und deutete auf Alex, der neben ihr stand.

„Ich meine Albert Wesker. Wo ist er?"

„Helena!", schrie Leon in die Dunkelheit hinein, aber er bekam keine Antwort. „Verdammt, wo ist sie?!", fragte er besorgt. Chris verstand seine Sorge um seine Partnerin sofort.

Sie suchten im Schnee um sie herum nach Anhaltspunkten, doch ihre Suche blieb erfolglos. Sie fanden weder Helena noch Albert Wesker.

„So ein verdammter Mist!", fluchte Chris laut.

„Captain, waren sie nicht hinter uns? Ich glaube, Wesker ist ein Stück zurückgefallen. Er und Agent Harper gingen am Schluss", sagte ein B.S.A.A.- Soldat. Die anderen nickten zustimmend.

„Die Lawine muss sie in eine andere Richtung fortgerissen haben, Chris", sagte Leon. „Wahrscheinlich sind sie den Abhang in genau entgegengesetzter Richtung runtergerutscht."

„Das darf doch nicht wahr sein!", schimpfte Chris verärgert.

„Wir müssen sie suchen gehen!", sagte Claire sofort. „Vielleicht ist etwas passiert!"

Chris befand sich in einer Zwickmühle. Der Sturm tobte nach wie vor unerbittlich, sie alle waren nass und durchgefroren und mussten endlich einen sicheren Platz für die Nacht finden. Es war inzwischen dunkel geworden und sie hatten sich völlig verirrt. Bei Lawinengefahr und völlig orientierungslos war es ein Ding der Unmöglichkeit die Vermissten zu suchen. Er musste zugeben, dass er sich um Wesker weit weniger Sorgen machte, als um Helena Harper, Fakt war jedoch auch, dass Albert der einzige war, der den Zugangscode zur Forschungsanlage kannte. Sie waren auf ihn angewiesen und wenn sie ihn nicht fanden, waren sie verloren. Gewaltiger Zorn durchflutete ihn bei dem Gedanken, dass das Leben von Piers Nivans von Albert Wesker abhängig war.

„Chris, wir müssen etwas tun!", flehte Claire.

„Captain…"

Chris warf einen Blick in die Richtung, aus der sie den Abhang hinuntergestürzt waren. Eine gewaltige Schneemasse versperrte ihnen den Weg zurück nach oben.

„So gern ich es täte, aber ich fürchte wir können nicht zurück", sagte er schließlich und es kostete ihn große Überwindung Leon dabei anzusehen.

„Was soll das heißen?!", entrüstete sich der D.S.O.- Agent sofort. „Helena ist da draußen! Wir müssen sie suchen gehen!"

„Leon, sieh mal nach oben, wir haben im Sturm keine Chance, sie zu finden. Es ist viel zu gefährlich."

„Das ist doch wohl nicht dein Ernst, Chris?!", entgegnete Leon aufgebracht und entsetzt.

„Glaubst du mir gefällt das?!", schrie Chris jetzt, um seinem Ärger Luft zu machen. Leons unterschwelliger Vorwurf war zu viel. Es brachte das Fass bei Chris zum Überlaufen.

„Helena Harper ist allein mit Albert Wesker da draußen! Ich mag mir gar nicht ausmalen, was er mit ihr anstellen könnte! Und ausgerechnet dieser Mann ist der einzige, der uns helfen kann, Piers zu retten! Hast du dir nur eine Sekunde Gedanken darüber gemacht, wie es mir damit geht?! Glaubst du, diese Entscheidung ist einfach für mich?! Aber wenn wir jetzt zurückgehen, dann gefährden wir die Mission komplett, weil wir alle draufgehen werden."

Die beiden Männer funkelten sich an. Niemand sagte ein Wort. Sie alle sahen betreten zu Boden.

„Chris hat Recht", meldete sich schließlich Jill zu Wort. „Es macht keinen Sinn zurückzugehen. Wir müssen endlich dieses Dorf erreichen und wir müssen warten, bis der Schneesturm vorbei ist. Wir haben keine andere Chance."

„Chris, Helena ist mit Wesker da draußen allein. Sie ist ihm schutzlos ausgeliefert", sagte Leon, diesmal ruhiger, doch seine Stimme zitterte vor Wut. „Glaubst du, er wird nicht die erstbeste Gelegenheit nutzen und verschwinden?"

„Ich weiß Leon", antwortete Chris. „Ich mag mir ebenfalls nicht vorstellen, was das bedeutet. Wir müssen ihr aber vertrauen, dass sie es schafft."

„Agent Kennedy", meldete sich Alex. „Ich verstehe Ihre Sorgen gut, aber bedenken Sie: Albert ist immer noch geschwächt und er ist mittellos. Er ist nicht so dumm, irgendetwas zu versuchen. Außerdem haben Sie doch gesagt, dass er Agent Harper akzeptiert hat. Er würde sich nur selbst schaden, wenn er Ihrer Partnerin etwas antut. Davon hat er nichts. Wir müssen darauf vertrauen, dass die beiden es schaffen. Sie werden sich Unterschlupf vor dem Sturm suchen und dasselbe sollten wir auch tun."

Leon musterte Alex Wesker und für einen Moment sah es so aus, als wolle er etwas sagen. Er besann sich jedoch und gab klein bei. Er wusste, dass Streitereien in ihrer Situation wenig hilfreich waren.

Chris hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache, aber er musste Alex Wesker notgedrungen zustimmen. Alles, was sie tun konnten, war darauf zu hoffen, die beiden Vermissten mögen in Sicherheit sein und ihren Weg finden.

Die Truppe ging weiter und nach einer Weile sahen sie schwache Lichter in der Ferne.


Wesker und Helena Harper waren vielleicht eine Stunde durch den Sturm geirrt, als sie eine kleine, verlassene Hütte fanden. Die winzige Kate war völlig zugeschneit, sodass sie erst die Haustür freigraben mussten, doch wenigstens hatten sie endlich einen Zufluchtsort für die Nacht gefunden.

Das kleine Haus, das aus nur einem Raum mit einem kleinen angrenzenden Bad bestand, konnte vielleicht eine Jagd- oder Rangershütte sein. Es gab einen offenen Kamin, über dem eine Schrotflinte an der Wand befestigt war. Daneben befand sich eine Jagdtrophäe in Form eines Hirschgeweihs. Vor dem Kamin lag ein Fell als Teppich. Es gab eine kleine Küchenzeile mit Vorratsschränken. Der Herd wurde mit einer Gasflasche betrieben. Ein Esstisch und ein paar Stühle standen in der Mitte.

So wie es den Anschein hatte, war die Hütte seit langer Zeit nicht genutzt worden. Auf den Möbeln hatte sich eine Staubschicht gebildet und es roch modrig. Wesker stellte schmunzelnd fest, dass es abgesehen von einem Sessel, der vor dem Kamin stand, nur ein Bett gab. Wie erwartet, war das Haus völlig ausgekühlt. Sie sahen ihren Atem in der Luft gefrieren und das Thermometer an der Wand zeigte ihnen Minusgrade an. In ihren nassen Anoraks konnten sie jedoch auf keinen Fall bleiben. Glücklicherweise war an einer Seite neben dem Kamin Holz gestapelt, sodass sie ein Feuer anzünden konnten.

Sie zogen ihre dicke Winterkleidung aus und breiteten sich auf dem Boden vor dem Ofen aus, damit das Feuer sie trocknen konnte. Wesker hatte noch nie in seinem Leben derart gefroren, nicht mal als er vor zehn Jahren im Winter durch den Kaukasus gereist war. Sie waren erleichtert, als sie in einem Schrank einen Stapel warme Wolldecken fanden und sich darin einwickeln konnten.

Helena stellte ihr Funkgerät auf den Tisch und kontrollierte den Empfang, aber wie zu erwarten, bekamen sie nur Rauschen als Antwort.

„Man kann es ja wenigstens versuchen", sagte sie missmutig. Große Hoffnungen, damit etwas zu erreichen, hatte sie sich augenscheinlich nicht gemacht.

Wie zu erwarten gab es auch kein fließendes Wasser und keinen Strom, sodass sie weiterhin ihre Taschenlampen benutzen mussten und auf den Rest Wasser in ihren Trinkflaschen angewiesen waren. Die einzige Lichtquelle war das Feuer im Ofen, das den gesamten Raum in ein oranges, flackerndes Licht tauchte.

Wesker spürte jetzt richtig, wie erschöpft er von ihrer langen Wanderung durch den Schnee war. Seine Beine schmerzten und starke Müdigkeit war über ihn gekommen. Er zitterte immer noch vor Kälte. Außerdem hatte er großen Hunger. Er hasste diese Schwäche und er hasste es, sich die Blöße geben zu müssen, aber er musste sich eingestehen, dass sein Körper an seine Grenzen gekommen war. Zudem waren da auch noch die diffusen Schmerzen, die er kurz vor ihrer Trennung gespürt hatte, Schmerzen, die er noch nie zuvor erlebt hatte. Sein Virus verhinderte normalerweise solche körperlichen Gebrechen und machte ihn widerstandsfähiger gegen Kälte und er verstand nicht, was mit ihm vorging. Wenn sie zurück in New York waren, musste er der Sache unbedingt auf den Grund gehen.

Drinnen im Haus konnte er wenigstens seine Sonnenbrille wieder tragen. Er ließ sich im Sessel vor dem Kamin nieder und wärmte sich die Hände am Feuer. Helena durchstöberte die Schränke in der Küche. Seit ihrer Ankunft hatten sie kein Wort miteinander gewechselt und Wesker glaubte zu merken, dass sie eine gewisse Distanz zu ihm wahrte. Umso überraschter war er, als sie ihn ansprach.

„Haben Sie Hunger?", fragte sie.

„Wie bitte?"

„Wollen Sie auch etwas essen? Also ich für meinen Teil sterbe halb vor Hunger."

Sie nahm einen Stuhl vom Tisch und setzte sich ihm gegenüber neben den Ofen. Sie teilten sich eine Packung Cracker und Dosenbohnen. Das Essen schmeckte fade und widerwärtig, was kein Wunder war, da alles seit ewiger Zeit abgelaufen war. Wesker war wahrlich kein Gourmet und der Hunger war doch stärker als irgendwelche kulinarischen Ansprüche, aber nachdem er eine Handvoll Cracker gegessen hatte, überließ er den Rest unauffällig Agent Harper.

Sie aß noch ein paar Stücke mehr, dann warf sie den angebissenen Cracker, den sie gerade in der Hand hatte, zurück in die Packung.

„Das schmeckt muffig und alt", bemerkte sie.

Wesker verkniff sich ein Grinsen, denn ihm war derselbe Gedanke durch den Kopf geschossen.

„Ich wollte das nicht aussprechen, damit ich nicht in dieser Situation als Querulant erscheine. Sie haben meine volle Zustimmung."

Helena lachte leise auf, doch ihr Lachen erstarb schnell, als sie ihn ansah und erkannte, dass er seine Sonnenbrille trug.

„Wieso tragen Sie hier drin eine Sonnenbrille?", fragte sie. „Es ist doch so dunkel."

„Das ist meine Sache", gab Wesker kurz angebunden zurück.

Sie registrierte seine Zurückweisung sofort, nickte nur und wandte sich dann wieder ihrer Dose Bohnen zu. Sie beendeten ihr spärliches Mal schweigend. Wesker fühlte sich hungriger als zuvor und die ganze Situation bereitete ihm großen Unmut. Er saß mit einer Regierungsagentin irgendwo in der Wildnis Alaskas fest und hatte keine Chance zur Flucht. Es gab keinerlei Hinweise auf ihren momentanen Aufenthaltsort und zu allem Überfluss konnten sie durch die Fenster noch nicht einmal das Wetter draußen erkennen, weil sie von den Schneemassen eingeschlossen waren. Sie saßen völlig mittellos irgendwo im Nirgendwo fest. Wenn der Sturm nicht nachließ, hatten sie ein ernsthaftes Problem, das stand fest.

Er fragte sich, was mit Chris, Jill und den anderen passiert war. Sie waren durch die Lawine voneinander getrennt worden, weil sich Wesker und Helena etwas abseits der Gruppe befanden hatten, als sich der Schnee gelöst hatte. Er konnte sich noch an einen Schrei erinnern und war sich ziemlich sicher, dass es Redfields Schwester gewesen war, dann jedoch war die Gruppe außer Sichtweite geraten. Wahrscheinlich hatte sie der abrutschende Schnee in eine andere Richtung getragen. Es war sogar ungewiss, ob sie überhaupt noch am Leben waren. Vielleicht hatten er und Helena Glück gehabt, aber die anderen waren von den Schneemassen begraben worden. Und wenn sie überlebt hatten, wurde dann nach ihnen gesucht? Nachdem Wesker der einzige war, der den Code zur Deaktivierung der Red Queen kannte und damit die einzige Chance für die Rettung des B.S.A.A.- Agenten Piers Nivans war, würde Chris vermutlich alles daran setzen, sie zu finden. Eine gewisse Ironie steckte darin.

Wesker sah nachdenklich in die Flammen, die sich nach und nach durch die Holzscheite fraßen. Das Feuer knisterte leise. Sie saßen lange Zeit schweigend da und taten nichts. Der Innenraum der Hütte wurde langsam aber sicher etwas wärmer.

„Es tut mir Leid", sagte Helena schließlich. „Ich weiß, dass Sie nicht begeistert sind, mit mir hier festzusitzen."

„Ein Übel, das ich zwangsläufig hinnehmen muss. Wir können es nicht ändern", sagte Wesker in nüchternem Ton.

„Geht es Ihnen…" Sie zögerte einen Moment, wahrscheinlich weil sie unsicher war, ob sie die Frage stellen durfte. „Geht es Ihnen etwas besser? Ich meine, als Sie… Sie hatten Schmerzen, oder?"

Sie spielte auf die Situation an, als er im Schnee zusammengesackt war und sie ihm geholfen hatte. Wesker betrachtete sie eindringlich. Sie sah ihn an. Er konnte keine Feindseligkeit in ihren Augen erkennen, die Chris und die anderen üblicherweise ihm gegenüber zeigten, und sie ging völlig normal und freundlich mit ihm um. Ihre Frage hatte sie nicht einfach aus Höflichkeit gestellt, um überhaupt irgendwie mit ihm zu kommunizieren, sondern weil sie echtes Interesse hatte. Sie sah wirklich besorgt aus und er verstand nicht warum. Er vermutete, dass sie über seine Vorgeschichte wenig informiert war.

Wesker hatte wenig Lust, zu reden, sei es nun mit Helena Harper oder sonst wem, er war erschöpft und wollte seine Ruhe haben. Er seufzte, dann antwortete er: „Es ist alles in Ordnung. Danke der Nachfrage." Sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er nichts weiter zu sagen hatte.

Er schlang seine Decke enger um seinen Körper, dann erhob er sich, um der Gesprächssituation zu entfliehen. Helena atmete geräuschvoll aus.

„Sie sind wirklich nicht leicht, das muss ich schon sagen", scherzte sie dann lachend.

Weskers Augenbrauen zogen sich zusammen. „Wie bitte?!"

„Ich habe gesagt, dass Sie nicht gerade leicht sind."

Wesker drehte sich langsam zu ihr um und fixierte sie mit einem bedrohlichen Blick. Sie schien jedoch nicht im Mindesten eingeschüchtert. „Haben Sie etwas zu sagen?", zischte er verärgert.

„Ach… Nein", antwortete sie und schüttelte den Kopf. Sie grinste ihn an. Wesker knurrte verärgert, weil er merkte, dass sie sich über ihn lustig machte.

„Glauben Sie eigentlich, dass Sie der einzige hier mit Problemen sind?", fragte sie dann und Wesker war für einen Moment von ihrer plötzlichen Angriffslustigkeit irritiert. „Glauben Sie, dass Sie der einzige sind, der über diese Scheiße hier angepisst ist?! Meine Leute sind da draußen. Mein Partner. Ich weiß nicht, ob ihm nicht etwas passiert ist, ob er am Leben ist. Vielleicht sind sie verschüttet und brauchen Hilfe? Aber ich kann nichts tun, weil wir in diesem Sturm festsitzen. Glauben Sie, ich finde das toll?! Vielleicht sind es ja nur noch wir beide, wer weiß?! Aber ich bin wenigstens nett zu Ihnen und bemühe mich wenigstens mit Ihnen einigermaßen gut auszukommen, dass wir das hier überstehen. Ich habe Ihnen nur eine höfliche Frage gestellt. Ich wollte nur wissen, wie es Ihnen geht."

Wesker betrachtete die Frau, die die Unverschämtheit besaß, in einem derartigen Ton mit ihm zu sprechen.

„Wissen Sie eigentlich, wen Sie vor sich haben?", fragte er wütender als beabsichtigt. Es war als fingen die angestaunte Wut und Frustration der letzten Tage an, in ihm zu brodeln.

Helena erhob sich und schritt auf ihn zu ohne ihren Blick auch nur einmal vor ihm abzuwenden.

„Ich weiß, wer Sie sind, Mr. Wesker. Ich habe drei Tage damit verbracht, sämtliche Akten, die es gibt, über Sie zu lesen. Ich weiß alles über Sie und was Sie getan haben. Hilft mir das weiter, eine Nacht mit Ihnen in der Wildnis zu überstehen, dann lautet die Antwort Nein. Haben Sie ein Problem damit, dass jemand nett zu Ihnen ist?"

„Sie wissen überhaupt nichts über mich, Agent Harper, dass das klar ist." Er wandte sich von ihr ab. Er hatte keine Lust zu diskutieren.

„Ich weiß zumindest so viel", sagte Helena und sie klang jetzt wieder freundlicher. „Dass es Ihnen nicht gut geht. Körperlich mögen Sie sich zwar langsam erholen, aber es passt Ihnen nicht, der B.S.A.A. ausgeliefert zu sein, habe ich Recht?"

Wesker schnaubte. „Ich habe Sie manchmal besucht und gesehen, dass Sie in der Ecke am Fenster gesessen haben. Ich weiß ja, was man mit Ihnen gemacht hat und ich kann es Ihnen nachfühlen, dass Sie sehr viel Wut und Verzweiflung in sich haben. Ich weiß, wie schlimm das ist, wenn man keine Kontrolle über das hat, was mit einem geschieht. Wenn man nur ein Werkzeug ist."

Wesker warf ihr einen Blick über die Schulter zu. Sie senkte den Kopf und er glaubte, Traurigkeit in ihrem Gesicht zu erkennen.

„Von was sprechen Sie?"


Die Lichter stellten sich als das langersehnte Dorf heraus, das sie gesucht hatten. Die Bewohner hatten unermüdlich versucht, gegen die Schneemassen anzukämpfen und Straßen und Dächer freizuräumen. Überall türmten sich riesige Schneeberge. Jetzt zu später Stunde hatten sich jedoch alle in den Schutz ihrer Häuser zurückgezogen.

Die Gruppe suchte Zuflucht in einem Hotel. Der Strom war aufgrund von beschädigten Leitungen ausgefallen und man musste sich mit Taschenlampen und Kerzen aushelfen. Ein paar Handwerker versuchten vergeblich, einen Generator in Gang zu bekommen.

Das Hotel war wenig belegt und sie bekamen alle ohne Probleme ein Zimmer. Chris und Jill gingen zusammen.

Alle waren erschöpft und hungrig von ihrem langen, unfreiwilligen Irrweg durch den Sturm und waren erleichtert, endlich aus den nassen Sachen herauszukommen und eine Mahlzeit und eine Dusche nehmen zu können.

Sie setzten für den nächsten Morgen eine Besprechung über ihr weiteres Vorgehen an, dann zogen sich alle auf ihre Zimmer zurück. Keiner war erbaut über ihre Situation und ihre Untätigkeit, aber so schwer es auch war, sie mussten einsehen, dass sie keine andere Wahl hatten. Leon machte sich große Sorgen um seine Partnerin und Chris war wütend, weil sich die Befreiung von Piers hinauszögerte.

Das warme Wasser prasselte angenehm auf Claires Körper und taute sie langsam auf, sodass sie nach und nach wieder Gefühl in Händen und Füßen bekam. Sie war müde und freute sich nur noch auf ihr Bett. Ihre Schulter tat ihr immer noch sehr weh und sie konnte ihren Arm nicht mehr richtig bewegen. Es war, als sei ihr Knochen aus dem Gelenk gesprungen.

Als sie aus der Dusche ausstieg, wickelte sie sich in ein Handtuch und ging in ihr Zimmer, wo sie sich etwas unbeholfen mit einer Hand abtrocknete und in frische Kleidung schlüpfte. Ihre Ausrüstung trocknete in der Hotellobby vor einem großen Kamin.

Sie atmete erleichtert auf, als sie in ihr Sandwich beißen und sich ins Bett legen konnte.

Sie erwachte irgendwann mitten in der Nacht durch ein Geräusch draußen auf dem Gang des Hotels. Sie hörte Schritte auf dem Flur und jemand stieg die Treppen nach unten. Normalerweise hätte sie sich keine Gedanken darüber gemacht und sich wieder hingelegt, doch ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Arm, weil sie auf ihrer verletzten Schulter gelegen hatte, und sie musste sich aufrichten. Ihr Gelenk war völlig steif und geschwollen und pochte unangenehm.

Weiterschlafen konnte sie so nicht und sie quälte sich widerwillig auf. Sie entschloss sich, in der Hotellobby nach einer Schmerztablette zu fragen. Sie zog sich ihren Pullover über und verließ leise ihr Zimmer. Als sie vorsichtig ihre Tür schloss und sich Richtung Treppe wandte, sah sie am Ende des Ganges Alex Wesker, der ebenfalls zu später Stunde nach unten ging.

Misstrauisch folgte ihm Claire. Für einen kurzen Moment fürchtete sie schon, er könne die Nachtruhe nutzen, um das Hotel zu verlassen und zu fliehen, doch sie sollte sich irren. Sein Weg führte sie in den ersten Stock, wo sich das Restaurant und ein Saal für Veranstaltungen befanden, auf eine große Terrasse.

Sie waren völlig allein, denn zu so später Stunde war niemand mehr hier. Der Raum lag in Dunkelheit, aber Alex Wesker bewegte sich so behände wie bei Tageslicht. Er öffnete die Tür und trat auf die schneebedeckte Terrasse hinaus. Frische Luft schlug Claire entgegen und ließ sie frösteln. Sie blieb kurz im Speisesaal stehen, dann entschloss sie sich, ebenfalls in die Kälte hinauszutreten.

Sie schlang ihre Arme enger um ihren Körper und bereute es augenblicklich, sich nichts Wärmeres übergezogen zu haben. Ihr Atem gefror in der Nachtluft.

Der Sturm hatte nachgelassen und es schneite nur noch wenig. Es war bei Weitem nicht mehr so kalt und an einigen Stellen riss die Wolkendecke am Himmel bereits auf. Man hatte die Terrasse freigeschaufelt und sie war nur noch von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Alex Wesker stand am Geländer und hatte den Kopf gesenkt. Er zuckte zusammen, als er ihre Schritte hörte, und wandte sich erschrocken um. Sein Gesicht entspannte sich jedoch, als er Claire erkannte.

„Tut mir leid, ich wollte sie nicht erschrecken", sagte Claire und lächelte ihn freundlich an.

„Schon gut, ich… war bloß in Gedanken", sagte Alex. Er trug keine Sonnenbrille.

„Können Sie nicht schlafen oder warum sind Sie hier draußen?", fragte sie. Sie trat ans Geländer neben ihn und überblickte die Schneelandschaft, die sich vor ihnen erstreckte.

„Nein. Ich finde einfach keine Ruhe", sagte Alex.

„Geht mir auch so. Ich bin wach geworden und kann nicht mehr schlafen. Mein Arm… Ich habe mich wohl beim Sturz in der Lawine ein wenig verletzt."

„Darf ich mir Ihren Arm einmal ansehen?", fragte Alex.

Sie zögerte, doch als sie in seine dunkelbraunen Augen sah und die aufrichtig gemeinte Hilfsbereitschaft darin erkannte, fühlte sie, dass sie ihm vertrauen konnte. Vorsichtig streckte sie ihm ihren Arm hin.

„Wo haben Sie Schmerzen?", fragte er.

„Meine Schulter. Es ist ganz dick und steif."

Alex tastete ihr Gelenk ab und nickte. „Ja, ich merke, was ihr Problem ist. Sie haben wahrscheinlich einen Ruck oder Reißen an ihrer Schulter gemerkt, oder?"

„Ja. Ich bin ein bisschen durch die Gegend gekugelt", scherzte Claire, obwohl ihr überhaupt nicht zum Lachen zumute war.

„Ihre Schulter ist nicht ausgekugelt, aber der Oberarmknochen sitzt nicht mehr richtig im Gelenk drin und die Muskeln und Sehnen sind gezerrt worden. Ich bringe das für Sie in Ordnung. Achtung, das wird etwas wehtun", sagte Alex. „Bereit?"

Claire nickte. Es dauerte vielleicht zwei Sekunden. Alex nahm ihren Arm, legte eine Hand auf ihre Schulter und machte eine schnelle Bewegung, die sie gar nicht richtig realisierte. Ein starker Schmerz schoss durch Claires Schulter und sie stöhnte auf. Doch nur einen Augenblick später breitete sich ein angenehmes Gefühl in ihrer Schulter aus, das auf ihren Arm abstrahlte und der Schmerz ließ nach. Sie konnte sich wieder ohne Einschränkung bewegen.

„Wow", staunte sie und bewegte ihren Arm vorsichtig in alle Richtungen. „Der Schmerz ist weg. Wie haben Sie das gemacht?"

„Nun ja, als Arzt muss ich sowas können."

„Moment mal, Sie sind Arzt?", fragte Claire verwundert.

„Ja. Wieso sind Sie so überrascht, Ms. Redfield? Weil das… eher unüblich für einen Wesker ist?"

„Ich habe einfach nur nicht damit gerechnet, verstehen Sie? Damit wollte ich nicht sagen, dass…"

„Schon gut, vergessen wir das."

„Haben Sie vielen Dank. Mein Arm fühlt sich viel besser an."

„Gern geschehen."

„Mir ist kalt", sagte Claire. „Wollen wir nicht lieber nach drinnen gehen?" Sie fröstelte und sehnte sich nach einer warmen Decke. „Es ist zwar schön hier draußen, aber…"

Alex lächelte. „OK."

Sie begaben sich in die verlassene Hotellobby, wo sie sich in den Sesseln vor dem großen Kamin niederließen. Das Holz war fast ganz heruntergebrannt und ein paar verkohlte Stücke glommen noch vor sich hin. Alex warf zwei Holzscheite in die Glut und ein paar Augenblicke später hatte sich eine kleine Flamme entzündet, die ihnen Wärme spendete.

Claire hielt ihre Handflächen an das Feuer, um sich zu wärmen.

„Sie sollten Ihren Arm noch einige Zeit schonen und nicht überanstrengen", riet Alex ihr.

„Mach ich. Haben Sie nochmal vielen Dank. Sie haben mich gerettet."

Als das orange Licht der Flammen die Umgebung schwach erhellte, fiel Claires Blick auf Alex Hand und sie sah etwas auf, das sie bisher nicht bemerkt hatte. Alex trug am Ringfinger seiner rechten Hand einen Ring, genauer gesagt einen Ehering.

„Ähm, tut mir Leid, wenn ich ein bisschen indiskret frage, aber…" Sie deutete auf seine Hand. „Sie sind verheiratet, Alex?"

„Oh, ähm… ja. Das heißt, eigentlich…" Er druckste herum. „Offiziell bin ich noch verheiratet, aber meine Frau und ich haben uns schon vor fast zehn Jahren getrennt, 2005. Wir haben uns nie wieder gesehen seitdem, allerdings auch nie scheiden lassen. Ich habe den Ring aufbewahrt. Es ist blödsinnig, aber…"

„Nein", sagte Claire mitfühlend. „Das ist es nicht. Es tut mir sehr Leid für Sie. Ich kann das gut nachvollziehen."

Claire sah nachdenklich ins Feuer. „Ich war verlobt. Mein Freund und ich wollten dieses Jahr heiraten. Aber vor einem halben Jahr habe ich rausgefunden, dass er mich mit einer guten Freundin von mir betrogen hat und wir haben uns getrennt. Ich bin nach New York gezogen, in die Nähe meines Bruders, um einen Neuanfang zu starten. Ich habe Bella zu mir genommen."

„Ihren Hund, richtig?"

„Ja. Ich dachte, zwischen meinem Freund und mir wäre alles perfekt. Auch mein Bruder fand ihn toll und hat sich sehr gefreut für mich. Ich wollte mein Leben mit ihm verbringen und dann stellt sich heraus, dass ich mir den größten Mistkerl rausgesucht habe. Ich hasse ihn nicht, aber ich will ihn bloß nie wieder sehen. Aber so tief der Schmerz auch ist, ich habe trotzdem alte Fotos aufgehoben, weil ich mich nicht davon trennen kann. Ich schätze ich… bin wohl noch nicht richtig über die Trennung weg. Wie war das bei Ihnen? Warum haben Sie und Ihre Frau sich getrennt? Natürlich nur, wenn ich das fragen darf", fügte sie schnell hinzu. „Wenn es zu privat ist…"

Alex überlegte kurz. „Gewisse Umstände haben bewirkt, dass wir uns auseinandergelebt haben. Wenn das Leben uns auf die Probe stellt, dann verändern sich die Menschen. Aber mehr möchte ich Ihnen nicht erzählen."

„Das ist OK", versicherte Claire. „Wirklich."

Sie schwiegen einige Zeit. Die Uhr auf dem Kaminsims zeigte viertel nach drei Uhr morgens.

„Mir ist aufgefallen, dass es Ihnen sehr wichtig ist, dass wir in diese Umbrella- Anlage gehen. Was hoffen Sie dort zu finden?", fragte Claire und sprach damit etwas aus, was ihr schon die ganze Zeit über durch den Kopf gegangen war.

„Ich bedauere sehr, aber… ich kann darüber nicht sprechen." Er war plötzlich sehr abweisend und sie fürchtete, etwas Falsches gefragt zu haben. Sie wollte ihn nicht verärgern.

„Tut mir Leid, ich weiß, ich muss wahrscheinlich sehr neugierig klingen…"

„Neugier ist keine Schande, Ms. Redfield. Und nein, es tut mir Leid, ich weiß, Sie meinen es nur gut. Ich werde Ihnen viele Antworten liefern, wenn wir von der Mission zurück sind." Er wurde sehr ernst. „Aber ich muss Ihnen leider sagen, dass es Dinge gibt, die Sie und die B.S.A.A. und die Regierung nichts angehen und über die ich Ihnen nichts erzählen werde. Das ist meine Angelegenheit."

Das Thema war für Alex beendet. Claire musterte ihn. Er wandte seinen Blick von ihr ab und dem Feuer zu. Sie konnte an seinem Gesicht ablesen, dass ihn etwas belastete. Alex war bei Weitem nicht so gut darin, seine Emotionen zu verstecken, wie es Albert Wesker konnte. Sie hätte so gern mehr über ihn erfahren, hätte ihn gerne so viele Dinge gefragt, aber er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass sich niemand von außen einzumischen hatte. In dieser Hinsicht standen sich die beiden Männer in nichts nach.

„Sind Sie und Albert Wesker verwandt?", fragte sie schließlich und Erleichterung erfasste sie, als er darauf ohne Umschweife antwortete.

„Nein, sind wir nicht. Wir sind als Kinder zusammen aufgewachsen. Wir waren eigentlich wie Brüder, zumindest haben wir uns selbst so wahrgenommen. Verwandt sind wir allerdings nicht. Albert war für mich der große Bruder, dabei bin ich eigentlich der Ältere von uns."

„Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht", meinte Claire erstaunt.

„Albert hat am 17. August und ich am 27. Juli Geburtstag, was mich zum Älteren von uns beiden macht. Um drei Wochen oder so", sagte er und grinste.

„Sie beide sind sich sehr ähnlich, aber auch sehr verschieden."

„Das ist wahr. Aber etwas haben wir gemeinsam: Umbrella. Das verbindet uns. Das ist die rote Linie in unser beider Leben."

Claire hatte eine Frage, deren Antwort sie brennend interessierte: „Was haben Sie für Umbrella gemacht, Alex? Ich meine, wenn Sie Arzt sind. Albert Wesker und William Birkin haben diese Viren geschaffen und damit biologische Waffen, die Leid und Zerstörung anrichten. Aber ein Arzt sollte doch eigentlich… genau das Gegenteil bewirken, oder nicht?"

Alex holte tief Luft. „Da haben Sie sicher nicht Unrecht, Ms. Redfield. Ich war in der medizinischen Forschung tätig. Ich habe Medikamente entwickelt. Sie mögen die Viren nur als etwas Böses betrachten. Aber es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. Ich habe aus Viren Medikamente hergestellt. Medikamente, die heilen."

„Wirklich?", fragte Claire ungläubig. „Das ist schwer zu begreifen für mich, das müssen Sie entschuldigen."

„Ich nehme es Ihnen nicht übel. Sie kennen die ganze Geschichte nicht, die Hintergründe. Was Albert und ich geforscht und geschaffen haben, widerspricht sich nicht, auch wenn es vordergründig diesen Anschein haben mag. Aber das ist ein anderes Thema. Es ist eine sehr lange und komplizierte Geschichte."

Claire sah Alex direkt in die Augen. „Wir haben Zeit. Ich würde Sie gerne hören", sagte sie leise. Sie sahen sich an und für einige Zeit war nur das Knistern des Feuers zu hören.

„Vielleich ein andermal", sagte Alex. „Wir sollten schlafen gehen. Wir haben morgen viel vor."

Er erhob sich und ging hinaus. Claire konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Alex vor etwas davonlief, vor etwas, das in seiner Vergangenheit lag. Dass es Dinge gab, die er als Bürde mit sich herumtrug und in sich verschloss, weil er glaubte, mit seinem Schmerz allein zu sein. Weil er glaubte, niemand könne ihm helfen.

Doch Claire wollte ihm gerne helfen. Sie verspürte das Bedürfnis, für ihn da zu sein, weil sie mehr über ihn und seine Vergangenheit erfahren wollte und sie fühlte sich von seiner Verschlossenheit verletzt und zurückgestoßen. Sie hoffte darauf, dass ihre Mission erfolgreich verlaufen würde und dass Alex sich dann endlich öffnen und für Klarheit sorgen würde.

Als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, blieb sie noch lange wach und das Gespräch mit Alex geisterte durch ihre Gedanken.


„Letztes Jahr wurden meine Schwester Deborah und ich von einem Mann namens Derek C. Simmons entführt. Er war Nationaler Sicherheitsberater. Ich war damals beim Secret Service und sollte den Präsidenten auf einer Reise begleiten. Er wollte in einer Stadt namens Tall Oaks auf dem Campus der Universität eine Rede halten. Er wollte darüber aufklären, was wirklich zur Zerstörung von Raccoon City geführt hatte."

Sie hatten wieder vor dem Feuer Platz genommen und Wesker hörte Helena aufmerksam zu. Als sie Raccoon City erwähnte wurde er hellhörig.

„Simmons war Mitglied einer geheimen Organisation namens „Die Familie" und war in die Vorfälle von damals verwickelt. Es passte ihm nicht, dass Benford die Wahrheit ans Licht bringen wollte. Er infizierte das gesamte Gelände inklusive des Präsidenten mit dem C- Virus. Und ich habe ihm dabei geholfen."

„Sie haben zur Ermordung des Präsidenten beigetragen? Alle Achtung. Es erstaunt mich, Sie hier so unbescholten zu sehen", merkte Wesker an.

„Simmons erpresste mich. Er drohte meiner Schwester etwas anzutun, wenn ich ihm nicht helfe. Ich habe schließlich zugestimmt. Ich habe ihm den Weg auf den Präsidenten freigemacht indem ich falschen Alarm gab, dass angeblich Attentäter auf dem Campus seien, die den Präsidenten töten wollten. Alle Sicherheitsleute haben die Posten verlassen, um den Vorfall zu untersuchen."

„Ich verstehe."

„So kam Simmons an Benford ran. Ich bin aber zurück. Ich wollte das Schlimmste verhindern, aber es war zu spät. Der Präsident war bereits infiziert. So habe ich auch meinen jetzigen Partner, Leon, kennengelernt. Wir sind zur Tall Oaks Kathedrale gefahren, dort haben wir meine Schwester gefunden. Aber…"

Sie brach ab und Wesker glaubte, ein verräterisches Glitzern in ihren Augen erkennen zu können.

„Simmons hatte sie mit dem C- Virus infiziert und sie… verwandelte sich in ein Monster. Wir mussten sie bekämpfen und… töten. Am Ende wurde glücklicherweise anerkannt, dass ich von Simmons nur benutzt worden war und keine Schuld an den Vorfällen hatte. Ich wurde freigesprochen und der D.S.O. bat mir eine Stelle an Leons Seite an. Seitdem arbeite ich für die. Sie können mir glauben, ich weiß genau, was es heißt, nur als Mittel zum Zweck missbraucht zu werden und wie es sich anfühlt, wenn einem alles aus der Hand gleitet und man diesen Dingen nur noch ausgeliefert ist."

Sie sah ihn an und Wesker konnte deutlich den Schmerz in ihren Augen erkennen, den sie über den Verlust ihrer Schwester empfand.

„Die Schuldigen mögen vielleicht ihre gerechte Strafe bekommen, aber der Schaden wird einem immer bleiben."

Er nickte. Dieser Satz sprach irgendetwas in Wesker an, etwas, das tief in seinem Inneren verborgen lag, aber er konnte es nicht genau deuten.

„Ich saß auch immer in einem dunklen Zimmer und habe vor mich hingestarrt", sagte Helena dann. „Ich dachte, ich schaffe es nicht. Deborah war meine einzige Familie, unsere Eltern sind schon vor einigen Jahren verstorben, und jetzt nach ihrem Tod, bin ich völlig auf mich allein gestellt. Leon hat mir sehr geholfen. Er hat mich wieder aufgerichtet."

„Verstehe."

„Was ist mit Ihnen? Haben Sie Familie? Was ist mit Ihren Eltern?"

Wesker war auf die Frage nicht gefasst gewesen, dabei war es eine allzu verständliche Frage. Sie war ihm schon ein paar Mal in seinem Leben gestellt worden und jedes Mal hatte er dasselbe geantwortet.

„Nein. Ich habe keine Familie. Ich… weiß nichts über meine Eltern."

Sie sah ihn betroffen an. „Es tut mir Leid. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten."

Er schüttelte den Kopf.

„Verzeihen Sie bitte. Ich frage auch deshalb, weil… dieser Alex. Er trägt den gleichen Namen wie Sie. Und Sie beide sind sich erstaunlich ähnlich. Man könnte Sie für Brüder halten."

„Das wurde uns in der Vergangenheit oft gesagt", sagte Wesker. „Aber nein, wir sind keine Brüder und auch nicht verwandt. Wir sind allerdings als Kinder zusammen aufgewachsen. Ich kenne ihn schon sehr lange, auch wenn wir uns seit über zwanzig Jahre nicht gesehen haben."

„Sie haben für Umbrella gearbeitet, oder? Und sie standen Oswell E. Spencer sehr nahe? Alex auch?"

„Ja. Allerdings haben wir uns irgendwann auseinandergelebt. Wir gingen beide in andere Richtungen. Ich habe ihn auf diesem Flug zum ersten Mal seit langer Zeit gesehen."

Wesker stand von seinem Platz auf und ging nachdenklich durch den Raum. „Er war immer wie eine Art Bruder für mich und wir hatten ein sehr enges Verhältnis. Aber irgendetwas hat uns auseinandergebracht. Er war es, der mich von den Toten zurückgeholt hat."

„Wirklich? Hat er Ihnen… diesen künstlichen Arm gemacht?"

„Ja."

„Wie geht es Ihnen damit?"

„Es wird. Ich merke praktisch keine Unterschiede zu meinem richtigen Arm. Nur mit der Feinmotorik habe ich einige Probleme. Es ist eben ein bisschen gewöhnungsbedürftig."

Er trat ans Fenster. Schnee drückte von außen an die Scheibe. Sie waren wie in einem Käfig gefangen.

„Wir lösen wir das Problem mit dem Bett?", fragte Helena.

„Ich überlasse das Bett Ihnen, Agent Harper", sagte Wesker.

„Wissen Sie, es ich fühle mich ja sehr geschmeichelt, dass Sie den Kavalier spielen wollen, aber ich glaube, in dieser Situation ist das völlig unangebracht. Sie haben das Bett nötiger, also nehmen Sie es."

Als Wesker nichts erwiderte, fügt sie hinzu: „Es ist natürlich auch Platz für zwei… wenn wir zusammenrücken."

Wesker seufzte. Das konnte ja heiter werden.