Er sah die Raketenwerfer auf sich zukommen. Die Flammen fraßen sich in sein Fleisch und er war gelähmt vor Schmerz. Sein Körper wurde mit unglaublicher Gewalt auseinandergerissen. Er fiel in ein schwarzes Loch…
Wesker schlug die Augen auf und holte keuchend Luft. Er hatte Schwefel und den Geruch von verbranntem Fleisch in der Nase. Sein ganzer Mund schmeckte nach Asche. Er war klatschnass geschwitzt und hatte Herzklopfen. Er zitterte am ganzen Körper und ein Kälteschauer durchfuhr ihn.
Es dauerte lange, bis er begriff, dass er auf weichem Untergrund lag und eine warme Bettdecke ihn umgab. Sein Kopf ruhte auf einem Kissen. Er wurde nicht in Dunkelheit fortgerissen, sondern helles Tageslicht strahlte durch die Fenster herein.
Er blieb liegen, bis sich sein Puls und seine Atmung normalisiert hatten, dann stemmte er sich vorsichtig hoch und sah sich um. Er befand sich in einer kleinen Jagdhütte im Hier und Jetzt und der Vulkan war weit weg. Es war nur ein Traum gewesen. Er überlegte kurz, dann fiel ihm wieder ein, was am Abend zuvor passiert war.
Wesker fror und eine Gänsehaut überzog seinen Körper, als er die Bettdecke zurückschlug. Der Kamin, den er und Helena Harper am vergangenen Tag angezündet hatten, war natürlich über Nacht erloschen und die kleine Hütte war ausgekühlt. Er sah schwach seinen Atem in der Luft.
Er setzte sich langsam auf und rieb sich die Schläfen. Er hatte immer noch leichte Kopfschmerzen und die Übelkeit vom Vortag war nicht besser geworden. Zusätzlich hatte er schreckliche Magenschmerzen bekommen. Er fühlte sich kränklich und erschöpft.
Er warf einen kurzen Blick hinter sich auf die andere Seite des Bettes und sah, dass die Frau tief und fest schlief. Sie hatten sich geeinigt, sich das Bett doch zu teilen. Wesker war wenig angetan davon gewesen, aber zumindest hatte Helena einen respektvollen Abstand zu ihm gewahrt. Er hatte die ganze Nacht verkrampft möglichst nah am Rand seiner Seite gelegen.
Er stand auf und schritt zum Kamin, wo er mit den letzten verbliebenen Holzstücken und der restlichen Glut das Feuer erneut anzündete. Wie gestern dauerte es einige Zeit, bis eine richtige Flamme entstand und das feuchte Holz qualmte übelriechend.
Als er sich aus seiner knienden Position erhob, überkam ihn Schwindel und seine Übelkeit verstärkte sich. Er ging zügig, aber so leise wie möglich, in das kleine Bad, wo er sich in das Waschbecken übergeben musste. Nachdem sich sein Magen entleert hatte, ging es ihm zwar deutlich besser, aber sein Kopf pochte noch immer unangenehm.
Nachdem sie kein fließendes Wasser hatten, benutzte er den Rest ihres Wassers aus einer Trinkflasche und spülte sich damit den Mund aus und säuberte das Waschbecken. Er war gerade fertig geworden, als Helena Harper sich nebenan regte. Verschlafen erschien sie in der Tür:
„Sie sind ja schon wach. Haben Sie das Feuer angezündet?"
„Ja", antwortete Wesker schlicht.
„Geht es Ihnen gut?", fragte sie besorgt. „Sie sehen blass aus?"
„Es ist alles in Ordnung", gab Wesker verärgert zurück.
Sie entgegnete nichts auf seinen Kommentar hin, sondern entfernte sich. Er hörte das Rauschen des Mikrofons. Als er in den Raum zurückkam, sah er, wie sie versuchte, Empfang mit den anderen herzustellen. Sie suchte die richtige Frequenz, doch die Antwort bestand nur aus statischem Knistern.
Wesker unterdes überprüfte ihre Kleidung, die sie vor den Ofen zum Trocknen gelegt hatten und stellte erleichtert fest, dass alles, sowohl die Anoraks und Hosen, als auch Mützen und Handschuhe, trocken geworden waren.
„Das gibt's doch nicht", fluchte Helena leise und drehte weiter an dem Knopf am Funkgerät herum, um den richtigen Kanal zu erwischen.
Wesker schritt als nächstes zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit, um die Wetterlage draußen sehen zu können. Schnee fiel ihm vor die Füße. Der Sturm war zur Ruhe gekommen und helles Sonnenlicht strahlte von einem wolkenlosen Himmel. Die Tür war nochmal fast zur Hälfte eingeschneit worden, obwohl sie sie in der Nacht davor freigeschaufelt hatten, um überhaupt Zuflucht in der Hütte suchen zu können. Er musterte die Umgebung eingehend. Vor ihm erstreckte sich eine weiße Fläche. Sie waren nicht weit entfernt von den Bergen und ihm kam die Gegend sehr bekannt vor. Sollten sie sich am Ende ganz in der Nähe ihres Zieles befinden?
„Der Sturm hat sich gelegt", sagte Wesker.
„Na wenigstens etwas", bemerkte Helena entnervt, weil sie nicht zu den anderen durchdringen konnte. „Was sollen wir jetzt tun? Suchen wir die anderen?"
„Das halte ich für keine gute Idee. Solange wir nicht wissen, wo sie sind und wo wir sind, bringt es nichts, wenn wir wieder durch den Schnee irren. Ich schlage vor, wir gehen direkt zu der Anlage. Mir kommt dieser Ort nämlich sehr bekannt vor und ich glaube, die Anlage ist nicht weit entfernt."
„Aber was ist mit den anderen? Wir müssen wissen, ob es Ihnen gut geht."
„Wir müssen Kontakt zu Ihnen bekommen", sagte Wesker. „Aber es ist sinnvoller, wenn wir uns an der Anlage treffen. Alex ist ja bei Ihnen, er kennt den Weg."
„OK", sagte Helena widerwillig und seufzte. „Ich vertraue Ihnen mal. Es ist noch ein bisschen was zu essen da. Sie müssen nur die Schränke durchsuchen." Sie deutete auf die kleine Küche.
Wesker gab es ungern zu, aber nach ihrem kargen Abendessen verspürte er großen Hunger. Sein Körper brauchte Energie, damit er den Fußmarsch, der vor ihnen lag, bewältigen konnte.
Er schmunzelte, während er die Schränke durchsuchte und allerhand Dosenprodukte fand. Einige Sachen waren verdorben, einige Fleischkonserven hatten sich aufgebläht. In einem Behälter mit Trockencerealien hatten sich Spinnweben gebildet. Notgedrungen musste er wohl die Cracker von gestern hinunterwürgen.
„Ich hab´s!", verkündete die Regierungsagentin plötzlich und Wesker, der vor den Küchenschränken in die Hocke gegangen war, erhob sich.
„Was?"
„Ich glaube, ich habe Empfang!", sagte Helena zuversichtlich und drehte am Regler, um die Einstellungen zu verfeinern. Schwach drangen Stimmen durch das Funkgerät.
„Ich glaube, da reden Leute." Sie nahm das Funkgerät und sprach hinein.
„Helena an Leon! Bitte kommen! Leon! Kannst du mich hören?!"
Ein besonders lautes Pfeifen und Rauschen war zu hören, dann konnte man entfernt eine männliche Stimme vernehmen. „Hele… bist…?"
„Gehen Sie vor die Tür", wies Wesker sie an und sie eilte sofort zur Tür, öffnete sie und trat hinaus. Der Empfang wurde besser.
„Leon? Bist du das?"
„Helena?"
„Ja, ich bin es! Wo seid ihr? Geht es euch gut?"
„Uns geht es gut", antwortete Leon Kennedy. „Wo bist du? Ist Wesker bei dir?"
„Ja, er ist hier", erklärte Helena. „Wir haben Zuflucht vor dem Sturm in einer kleinen Hütte gefunden. Wir wissen nicht genau, wo wir sind. Wesker meinte, es könnte sein, dass wir nicht weit von der Anlage entfernt sind."
„Agent Harper, geht es Ihnen gut?", meldete sich plötzlich jemand anderes. Es war unverkennbar die Stimme von Chris Redfield. „Hat Wesker Ihnen etwas getan?" Wesker verdreht auf die Frage hin die Augen.
„Nein, ich bin OK. Machen Sie sich keine Sorgen. Wesker und ich kommen schon klar. Wo sind Sie? Was ist mit Ihnen passiert?"
Ein lautes statisches Rauschen ertönte.
„Wir haben das Dorf doch noch erreicht", sagte Chris. „Wir sind alle wohlauf, aber wir haben in der Lawine ein paar Männer verloren."
„Oh nein."
Eine Pause trat am anderen Ende ein, dann sagte Chris: „Können Sie mir Albert Wesker herholen? Alex möchte ihn sprechen."
Helena nickte. Wesker trat zur ihr nach draußen vor die Tür und nahm das Funkgerät:
„Alex? Was willst du?"
„Albert, ich habe den anderen vorgeschlagen, dass wir uns an der Anlage treffen. Mr. Redfield und das HQ haben zugestimmt. Du kennst den Weg, geht das für euch in Ordnung?"
„Ja. Ich habe das Agent Harper selbst vorgeschlagen. Außerdem glaube ich, dass wir nicht so weit von der Anlage entfernt sind. Mir kommt die Umgebung hier sehr bekannt vor. Wie lange werdet ihr brauchen?"
„Das Dorf ist keine 40 Kilometer von der Anlage entfernt. Wir sehen zu, dass wir ein Schneefahrzeug bekommen. Wir könnten in zwei oder drei Stunden dort sein."
„OK. Wir treffen uns dort."
Das Rauschen erstarb. „Wir sollten uns fertig machen", sagte Wesker. „Wir haben eine lange Strecke vor uns."
Sie gingen nach drinnen und suchten ihre Sachen zusammen, dann schlüpften sie wieder in ihre Winterkleidung. Wesker nahm die Schrotflinte, die an der Wand hing, an sich und schritt zielstrebig zur Tür, um sich auf den Weg zu machen, doch dann bemerkte er, dass sich Helena Harper nicht von der Stelle rührte.
„Wollen Sie nicht mitkommen?", fragte er verständnislos. Er war schon halb zur Tür nach draußen gegangen.
„Warten Sie bitte, Mr. Wesker", sagte sie ernst. „Albert."
Wesker hielt inne und musterte sie. „Sie können gerne hier bleiben, wenn Sie das bevorzugen."
„Bevor wir zu den anderen stoßen, möchte ich Ihnen gerne etwas sagen", erklärte sie.
„Und was?", fragte Wesker und versuchte, sich seine Ungeduld nicht anmerken zu lassen.
„Die Regierung und die B.S.A.A. wollen nicht, dass Sie das erfahren… oder zumindest noch nicht jetzt. Sie wollen es Ihnen sagen, aber… erst zu einem späteren Zeitpunkt. Ich halte es aber für falsch, es Ihnen zu verschweigen."
„Von was sprechen Sie?"
„Ich riskiere meinen Job, wenn ich es Ihnen jetzt sage, aber ich finde, Sie haben ein Recht darauf, es zu wissen. Ich würde Sie nur bitten, Ihren Ärger darüber vorerst hinunterzuschlucken, die Mission ist momentan wichtiger."
Sie holte tief Luft, dann sagte sie: „Wesker, Sie haben einen Sohn."
Wesker hatte mit vielem gerechnet, aber das hatte er am wenigsten erwartet. Er dachte, sich verhört zu haben. „Wie bitte? Was soll das? Reden Sie keinen Unsinn."
Er wandte sich verärgert von ihr ab und ging ein paar Schritte voraus. Er begann, Schnee zur Seite zu schaufeln.
„Ich rede keinen Unsinn, Mr. Wesker. Es ist wahr. Sie haben einen Sohn. Sein Name ist Jake. Jake Muller."
Wesker erstarrte in der Bewegung. Er vergaß völlig, was er eben tun wollte. Langsam drehte er sich zu Helena um, die immer noch an derselben Stelle stand und ihn musterte.
„Was haben Sie gerade gesagt?", fragte Wesker.
„Sie haben ein Sohn, Mr. Wesker. Sein Name ist Jake Muller."
Bei Erwähnung des Namens regte sich etwas in Weskers Gedächtnis. Das Bild einer Frau, die er vor langer Zeit einmal gekannt hatte, trat vor sein geistiges Auge, eine Frau mit langen roten Haaren, grünen, ausdrucksstarken Augen und einem wunderschönen Lächeln. Er wusste nicht mehr, was er denken sollte. Sein Kopf war plötzlich leer und er war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Er verstand es nicht, was die Frau ihm sagte. Er sollte einen Sohn haben? Wie sollte das möglich sein?
Sie musste seinen Gedankengang erraten haben, denn sie sagte:
„Ich weiß, ich überfahre Sie hier jetzt ein bisschen und wahrscheinlich klingt das vollkommen verrückt für Sie, aber ich sage Ihnen die Wahrheit. Vor ungefähr einem Jahr haben wir Jake in Edonien ausfindig gemacht. Er ist momentan in Washington beim D.S.O. Die Regierung und die B.S.A.A. wollten es Ihnen noch nicht sagen, um Jake zu schützen, aber ich… stimme mit dem nicht überein und wollte einfach, dass Sie es erfahren."
„Die B.S.A.A. und die Regierung…", sagte Wesker leise mehr zu sich selbst und seine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten.
„Es tut mir Leid, dass Sie es so erfahren müssen und ich kann Ihren Ärger nachvollziehen", sagte sie mitfühlend. „Ich bitte Sie nur, es momentan für sich zu behalten, bis wir zurückkommen. Dann wird sich alles klären. Und bitte, ich habe… gegen eine Anordnung verstoßen. Ich durfte Ihnen das eigentlich nicht sagen, also wäre es gut, wenn Sie meinen Namen heraushalten würden. Wie sollten uns auf den Weg machen."
Während sie gingen, sprachen sie kein Wort miteinander. Weskers Gedanken überschlugen sich. Er konnte es nicht begreifen, was Helena Harper ihm erzählt hatte. Es war völlig unmöglich, dass er einen Sohn hatte. Das konnte einfach nicht sein. Trieb man einen üblen Scherz mit ihm?
Muller…
Er konnte sich an die Frau, Anna Muller, mit der er Anfang der Neunzigerjahre zusammen gewesen war, sehr gut erinnern. Ihre Beziehung hatte gerade einmal 5 Monate gedauert und sie waren nicht gut auseinandergegangen. Wesker hatte nach ihrer Trennung nie wieder einen Gedanken an sie verschwendet, er hatte mit diesem Abschnitt seines Lebens abgeschlossen und es nie wieder zugelassen, dass sich die Frau in sein Leben einschleichen konnte.
Er sollte mit Anna zusammen ein Kind haben? Das konnte, das durfte einfach nicht sein. Er hatte nicht nur immer darauf geachtet, dass so etwas nicht passieren konnte, es wollte sich ihm auch nicht erschließen, wie Anna eine Schwangerschaft vor ihm hätte verheimlichen können. Nach ihrer Trennung war sie zurück nach Edonien gegangen. Im Prinzip gab es nur eine Möglichkeit: Sie musste bei ihrer Rückkehr schwanger gewesen sein. Aber dann hatte sie es ihm nicht gesagt.
Nein, das alles konnte überhaupt nicht sein.
Er hatte nicht gemerkt, dass er unbewusst den Kopf geschüttelt hatte.
„Was ist mit Ihnen?", fragte Helena ihn und riss ihn aus seiner Gedankenwelt.
„Nichts."
„Es beschäftigt Sie, was ich gesagt habe, oder?" Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Es wäre ungewöhnlich, würde es mich nicht beschäftigen", bemerkte Wesker trocken.
„Tut mir wirklich Leid, dass… ich Ihnen das so zwischen Tür und Angel erzählt und Sie damit überfahren habe", sagte Helena. „Nur ich wollte, dass Sie es wissen, bevor wir zu den anderen kommen. Zurück in Washington oder in New York hätten Sie es nicht erfahren."
„Wieso möchte man nicht, dass ich es erfahre?", fragte Wesker, aber er hatte schon eine grobe Vorstellung.
„Die B.S.A.A. und die Regierung wollen Jake schützen", erklärte sie. „Das hat aber nicht damit zu tun, dass man Ihm seinen Vater vorenthalten will- Jake hat auch keine Ahnung, dass Sie am Leben sind- sondern damit, was Sie in der Vergangenheit getan haben. Jake hatte kein leichtes Leben und Albert Wesker zum Vater zu haben, lastet schon schwer auf ihm. Ich hoffe, dass nehmen Sie uns nicht übel."
„Er weiß nicht, dass es mich gibt? Dass ich am Leben bin?"
„Nein, er denkt immer noch, Sie seien in Afrika gestorben. Er wusste auch nicht, dass Sie sein Vater sind. Er erfuhr es erst vor ungefähr einem Jahr, als wir ihn ausfindig gemacht haben."
Wesker blieb abrupt stehen. Die Sache wurde ja immer schöner. „Er wusste nicht, dass ich sein Vater bin?!"
„Nein. Seine Mutter muss es ihm wohl verschwiegen haben, wer Sie sind."
Wesker verstand nicht, warum die Wut in ihm aufstieg. Er fühlte sich wie im falschen Film. Lag er womöglich noch in der Hütte im Bett und träumte dieses absurde Kasperltheater vielleicht nur? Das war doch alles wahnwitzig.
„Wo ist der Junge?"
„Er ist in Washington. Er und Agent Birkin sind entführt und in diese Anlage in Alaska verschleppt worden. Warum wissen wir bislang nicht. Alex Wesker hat die beiden dort befreit. So kamen wir mit ihm zusammen."
„Was sagten Sie gerade? Agent Birkin? Meinen Sie Sherry Birkin damit?"
„Ja. Sie kennen Sie?"
„Und ob", sagte Wesker mehr zu sich selbst. Die Wut, die sich seit seiner Gefangennahme durch die B.S.A.A. in ihm angestaut hatte, begann schon wieder zu brodeln und war kurz vor dem Siedepunkt. Man hatte ihm eine ganze Menge verschwiegen, darunter wohl seinen eigenen Sohn. Um Jake zu schützen…
Er konnte sich nur eine Person vorstellen, die dafür sorgen würde, dass er ahnungslos blieb: Christopher Redfield.
Seine Hände ballten sich so stark zu Fäusten, dass sich seine Nägel schmerzhaft in sein Fleisch schnitten. Er wusste genau, was er zu tun hatte, wenn sie zurück in New York waren…
Es dauerte Stunden bis sich Helena und Albert Wesker durch den dichten Schnee zur geheimen Umbrella- Forschungsanlage durchgeschlagen hatten und auch Chris, Alex Wesker und die anderen hatten trotz der Pistenraube, die sie benutzten, große Probleme voranzukommen. Durch den starken Schneefall war es schwierig, ihren Zielort genau auszumachen. Sie mussten sich auf die Koordinaten verlassen, die ihnen Alex gegeben hatte.
Albert hatte sich tatsächlich nicht getäuscht. Er kannte die Gegend um die Hütte und wusste sofort, in welche Richtung sie gehen mussten. Sie stellten sogar fest, dass sie gar nicht weit von ihrem ursprünglichen Zielort abgestürzt waren.
Er und Helena Harper trafen das andere Team auf halbem Weg zur Anlage. Helena nahm die Schrotflinte, die Wesker auf der Hütte mitgenommen hatte, an sich, damit kein falscher Eindruck entstand. Sie hatte sich nicht daran gestört, dass er die Waffe genommen hatte. Wesker war erstaunt über ihr blindes Vertrauen und konnte sie nur als dumm und naiv bezeichnen. Wenn er die Chance gehabt hätte, hätte er sie ohne zu zögern getötet und wäre geflohen, doch die Umstände ließen ein solches Handeln nicht zu und er hatte sich vorgenommen, die Situation so lange es möglich war, zu seinen Gunsten auszunutzen. Somit musste er sich zurückhalten.
Sie hielten die Schneekatze an einem flacheren Stück und stiegen aus. Leon war der erste, der zu Helena eilte und sie nach ihrem Befinden fragte. Sie versicherte, dass alles in Ordnung sei. Er warf Wesker einen verächtlichen Blick zu.
„Wir müssen das letzte Stück zu Fuß erklimmen", wies Chris sein Team an. „Weiter rauf können wir nicht fahren."
Er trat ebenfalls zu Helena. „Agent Harper, geht es Ihnen auch wirklich gut? Sind Sie nicht verletzt worden?"
„Nein, es ist alles in Ordnung mit mir."
„Was genau ist passiert, nachdem Sie von uns getrennt wurden?"
„Die Lawine muss uns den Hang genau auf der entgegensetzten Seite mitgerissen haben. Wesker und ich sind einige Zeit durch den Schneesturm geirrt, dann haben wir eine Jagdhütte gefunden, in der wir Zuflucht gesucht haben. Wesker kannte die Gegend sogar und wir haben gut hierhergefunden. Ich habe das Gewehr mitgenommen, das in dem Haus war, sollten wir es brauchen."
Chris nickte. „Nachdem, was Alex gesagt hatte, müssten wir in einer knappen halben Stunde am Haupteingang ankommen. Habe ich Sie richtig verstanden?"
Alex bejahte dies. „Ja. Dort werden wir die Red Queen abschalten. Wahrscheinlich jedoch müssen wir die Tür erst freischaufeln."
Sie fanden den Eingang nur schwer, weil er völlig mit Schnee zugedeckt war, sodass sich Chris, Jill, Leon, Helena, Claire und HUNK daran machen mussten, einen Durchgang für sie zu schaffen. Sie legten eine dicke Metalltür frei, während Alex und Albert mit dem Computer beschäftigt waren.
„Albert…"
Alex nickte ihm zu und reichte ihm das Laptop. Albert tippte den entsprechenden Code ein und bestätigte. Die Red Queen wurde sogleich deaktiviert und Alex machte sich daran, ihnen Zutritt zur Anlage zu verschaffen.
Es kostete keine Viertelstunde und ein Klicken in der Tür ertönte. Das Schloss war entriegelt worden.
„Ich bin drin. Die Red Queen dürfte uns keine Probleme mehr bereiten."
Er tippte weiter auf der Tastatur, um die Tür zu öffnen, doch nichts tat sich.
„Das ist seltsam. Ich kann nicht mehr auf den Rechner zugreifen. Irgendetwas muss da drin passiert sein."
„Lass mich mal sehen", sagte Albert und nahm Alex den Computer ab. „Den Strom ist ausgefallen, deswegen geht es nicht auf. Wir müssen die Tür aufstemmen. Und das ist wohl eine Aufgabe für uns beide."
Die beiden Wesker traten an das Tor. Sie nickten sich zu und traten jeder kräftig zu, sodass das Metall nach innen verbogen wurde. Ein kleiner Spalt entstand und sie konnten mit den Händen hineingreifen. So fest sie konnten, drückten sie die Tür so weit auf, bis ein erwachsener Mensch sich seitlich hindurchzwängen konnte.
„Wir gehen vor." Sie nahmen ihre Taschenlampen, schalteten sie an und leuchteten einen dunklen Gang entlang, der zu einer Treppe nach unten und einem Aufzug führte.
„Es ist sicher. Wir können."
Die anderen folgten den beiden Wesker nach drinnen. Gespenstische Stille umgab sie, als sie nach innen traten und langsam die Treppen nach unten gingen. Sie hatten ihre Waffen bereit und leuchteten mit ihren Taschenlampen an Wänden und Boden entlang.
„Irgendetwas stimmt hier doch nicht", bemerkte HUNK. „Hier ist überhaupt niemand, sonst hätte man unser Eindringen schon längst bemerkt."
Ein seltsames Gefühl beschlich Albert. Es war wie eine Vorahnung. Er spürte bei jedem Schritt den Boden unter seinen Füßen sehr intensiv, merkte jede Unebenheit und sogar die Erschütterungen, die ihre Tritte verursachten. Er befand auch den Geruch, der in der Luft lag, für höchst eigenartig, aber er war offenbar der einzige, dem dies überhaupt auffiel. Er konnte sich nicht erinnern, dass er in der Vergangenheit solche geschärften Sinneseindrücke gehabt hatte. Irgendetwas war anders mit ihm. Er war auch der einzige, der nicht das Gefühl hatte, dass sie allein waren. Er konnte es sich nicht erklären, woher er es wusste, aber er war sich absolut sicher, dass sie von irgendjemandem oder irgendetwas beobachtet wurden. Er spürte eine fremde, aber gleichzeitig vertraute Anwesenheit.
„Wo genau sind wir gerade?", fragte Claire.
„Das ist das oberste Stockwerk, in dem sich die Wohnungen der Forscher befinden. Alle, die hier gearbeitet haben, haben auch hier gelebt", erklärte Alex. „Die Anlage ist weitestgehend autark und versorgt sich selbst. Sie haben eine eigene Stromversorgung, eine eigene Wasseraufbereitung und ein eigenes Krankenhaus. Einzig die Lebensmittelvorräte müssen regelmäßig von außen angeliefert werden."
„Wenn der Strom ausgefallen ist", merkte Leon an, „warum war dann diese Red Queen noch aktiv?"
„Sie wird extra mit Energie gespeist. Sie ist nicht an das Hauptnetz angeschlossen", sagte Alex. „Natürlich eine von vielen Sicherheitsvorkehrungen."
„Wo sind Piers und die anderen beiden Gefangenen?", fragte Chris. „Zeigen Sie es uns bitte auf der Karte, Alex."
„Im vierten Untergeschoss. Da müssen wir hin." Er rief einen Bauplan des Komplexes auf Chris´ Handy auf und zoomte die Zielkoordinaten heran. „Nachdem die Aufzüge ohne Strom nicht gehen, müssen wir zu Fuß dorthin."
„Bleiben wir dicht zusammen", meinte Helena. Alle nickten zustimmend.
Albert Wesker stand etwas abseits der Gruppe und leuchtete mit seiner Taschenlampe an den Wänden entlang, bis hinein in einen Gang, von dem er wusste, dass er in die Küche und die Vorratslager führte. Sein Blick fiel auf zahlreiche Lebensmittel, die verstreut auf dem Boden lagen. Jemand hatte Fleischstücke aus der Kühlung geholt und bis auf die Knochen abgenagt. Überall war Blut verspritzt und es fanden sich Krallenspuren an den Wänden. Es stank nach verdorbenem Fleisch und nach Verwesung.
„Was machen Sie da, Mr. Wesker?" Helena hatte bemerkt, dass er sich von ihnen entfernt hatte und trat zu ihm. Sie folgte mit ihrer Taschenlampe seinem Licht und zuckte zusammen, als sie das Chaos erblickte.
„Ich vermute, wir sind nicht allein", sagte Wesker. Ihr Licht traf auf einem J´avo, der völlig zerfetzt am Boden lag. Man hatte den Körper mit äußerster Brutalität am Rücken auseinandergerissen und Teile der Wirbelsäulenknochen ragten aus der Leiche heraus.
„Wir sollten vorsichtig sein", sagte Helena eindringlich.
4 Tage zuvor…
Der B.O.W. Nummer 17.453 beobachtete aufmerksam die Forscher, die vor seinem Glasgefängnis auf und abschritten. Es sah die Körperwärme und nahm schwach den Geruch von frischem Fleisch war. Es war unruhig und tigerte seit Tagen in seinem Käfig auf und ab. Es fühlte sich unwohl und es war für die kleine Zelle viel zu groß, sodass es stets in gebeugter, gekrümmter Haltung stehen oder auf dem Boden kauernd liegen musste. Sein innerer Drang und die Hitze, die in ihm entstand, waren so stark, dass es sich an den Wänden rieb. Manchmal hatte es seinen schweren Körper gegen die Scheibe geworfen, um zu fliehen, doch das Sicherheitsglas war zu stabil und fing sein Gewicht ab.
Zur Bestrafung hatte man ihm Schmerzen zugefügt und es bekam auch nicht wie sonst üblich zur selben Zeit am Tag seine Futterration.
Der Hunger und Nahrungsentzug und die ständigen Schmerzen hatten seinen Hass auf die zweibeinigen Säugetiere auf der anderen Seite der durchsichtigen Wand nur noch vergrößert. Es verhielt sich ruhig und gehorchte, aber in Wahrheit wartete es auf den richtigen Zeitpunkt.
Als endlich das langersehnte Futter in seinen Käfig fiel, schlang es das Stück Fleisch im Ganzen fast unzerkaut hinunter und wartete geduldig. Nur kurz darauf begann es zu würgen und spuckte sein anverdautes Mahl auf den Metallboden. Ein beißender Brandgeruch stieg in seine Nase und es schüttelte seinen schuppigen Kopf, als Dampf aufstieg. Die Magensäure brannte ein Loch in das Metall. Mit seinen Krallen bog es das Gitter weiter auf, bis es hindurchschlüpfen konnte. Es kratzte sich an den Flanken und hinterließ Blutspuren.
Geduldig wartete es unterhalb der Öffnung, bis es die Laute der Menschen vernahm. Es sah, dass sich ein warmer Körper dem Loch näherte. Das männliche Säugetier, das es eindeutig am Geruch erkannte, war für seine Schmerzen verantwortlich gewesen…
Mit gezückten Waffen drangen sie immer tiefer in das Bergmassiv vor. Durch den Stromausfall war die Anlage völlig ausgekühlt und sie sahen kleine Rauchwölkchen in der Luft, jedes Mal wenn sie ausatmeten. Der Gestank von Verwesung drang in ihre Nasen. Überall fanden sie tote J´avo. Je weiter sie nach unten kamen, desto größer war die Verwüstung, die sie vorfanden. Kabel, die Funken schlugen, ragten baumelnd aus der Decke, die Labors waren völlig zerstört worden. Überall war Blut an den Wänden. Die J´avos waren regelrecht aufgefressen worden. Das Fleisch und die Inneren fehlten oder waren als blutiger, matschiger Brei über den Boden verteilt. Sie mussten sich Mund und Nase bedecken, um den abscheulichen, ekelerregenden Gestank ertragen zu können.
Als sie den dritten Stock passierten, gelangten sie in einen Sicherheitstrakt, in dem sich Käfig an Käfig reihte. Es war offensichtlich, was hier gehalten worden war.
In einem abgesonderten Raum befand sich ein großes Gefängnis, das allerdings nicht durch Gitterstäbe, sondern durch eine dicke Scheibe Sicherheitsglas gesichert war. Davor waren eine Konsole und ein Amaturenbrett. Der Raum war durch eine Tür abgeschlossen, aber es kostete Wesker wenig Mühe, sie aufzustemmen. Er bemerkte gar nicht, dass er sich schon wieder von den anderen entfernt hatte. Der Grund für ihr Kommen war plötzlich nebensächlich für ihn geworden.
Auf dem Boden befand sich ein riesiges Loch, das Wesker wie magisch anzuziehen schien. Er bückte sich und fuhr vorsichtig mit den Fingern über das kalte Metall. Das Gitter war aufgebogen, die Ränder weggeschmolzen worden. Jemand hatte das Eisen weggeätzt. Etwas Blut klebte daran. Er leuchtete mit seiner Lampe nach unten, aber er konnte nichts erkennen. Er konnte schon wieder den seltsamen Geruch wahrnehmen und er verspürte den starken Drang nach unten durch das Loch zu springen und dort weiterzusuchen. Er hatte das Gefühl, er würde dort unten fündig werden.
„Wo ist Albert Wesker?", hörte er aus der Ferne Chris rufen, doch er kümmerte sich nicht darum. Er war viel zu fasziniert, von dem, was er gefunden hatte. Er musste unbedingt wissen, was es damit auf sich hatte.
„Wesker, was tust du?!", fragte Chris, der plötzlich hinter ihm stand. „Wir wollen weitergehen."
„Tut euch keinen Zwang an", sagte Wesker schlicht.
„Das gilt auch für dich. Wir bleiben zusammen. Ich bin der Captain dieser Mission und alle hören auf meinen Befehl."
Weskers Mund verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. „Ich werde mit Sicherheit keine Befehle von dir entgegennehmen, Chris."
Der Mann, der es gewagt hatte, ihm seinen Sohn vorzuenthalten, würde ihm mit Sicherheit keine Anweisungen erteilen.
„Du gefährdest mit deinem Egoismus unsere Mission", sagte Chris. „Du wirst beim Team bleiben, das ist ein ausdrücklicher Befehl."
„Das werde ich nicht. Ich will wissen, was hier passiert ist. Deshalb werde ich durch das Loch nach unten steigen."
„Wir werden uns nicht trennen!", sagte Chris laut, sodass die anderen auf ihre Auseinandersetzung aufmerksam wurden.
„Chris, was ist los?", fragte Jill.
„Wesker weigert sich, mit uns weiterzugehen."
„Was?!"
„Ich werde Nachforschungen anstellen", sagte Wesker schlicht.
„Mit Sicherheit nicht allein, außerdem ist das viel zu gefährlich. Wir wissen nicht, was da draußen ist, und wir bleiben verdammt noch mal zusammen!"
„Als ob du dich um meine Sicherheit sorgen würdest", giftete Wesker zurück.
„Ich werde mit ihm gehen", schaltete sich Helena Harper ein. Wesker verdrehte hinter seiner Sonnenbrille die Augen. Er empfand es als überaus lästig, dass sie sich ihm ständig aufdrängte.
„Helena, nein!", sagte Leon entschieden.
„Agent Harper, das lasse ich nicht zu!", sagte Chris entschieden.
„Mr. Redfield, ich verstehe Sie, aber ich gebe Wesker Recht in dem, dass wir herausfinden müssen, was hier vorgefallen ist. Wir werden nur erkunden, was da unten ist", sie deutete auf das Loch, „und dann sofort wieder zu Ihnen stoßen. Wir kennen ja unser Ziel. Wir bleiben über Funk in Kontakt."
Chris hatte keine Zeit einzuwilligen, da Wesker bereits durch das Loch in die Dunkelheit verschwunden war. Er nickte Helena schnell zu, die sogleich hinterhersprang.
„Sie können nicht immer eins auf Alleingang machen", sagte Helena mahnend, nachdem sie neben Wesker gelandet war. „Auch wenn es Ihnen nicht passt, wir müssen bei dieser Mission als Team arbeiten. Und außerdem war es doch ihr ausdrücklicher Wunsch, nach Alaska mitzufliegen, also müssen Sie sich an Regeln halten."
„Chris Redfield hat mir keine Regeln zu machen", sagte Wesker boshaft. „Niemand hat sie gebeten, mitzukommen. Ihr ständiges, klettenartiges Verhalten ist mir zuwider, Agent Harper. Ich verbitte mir, Ihre stetigen Annäherungen. Sie müssen sich nicht bei mir anbiedern. Und jetzt werden Sie mir das Gewehr geben."
Wesker trat fordernd auf sie zu und streckte seine Hand aus. Im Licht der Taschenlampe konnte er ihr vor Wut verzerrtes Gesicht erkennen.
„Und wenn ich mich weigere?"
„Das würde ich Ihnen nicht raten", zischte Wesker bedrohlich.
„Ich habe keine Angst vor Ihnen, Albert. Ich entscheide, wann Sie das Gewehr nehmen dürfen."
Er brauchte keine fünf Sekunden, um Helena mit einem gezielten Schlag auf den Boden zu werfen und ihr die Schrotflinte abzunehmen. Ihre Taschenlampe segelte durch die Luft und landete einige Meter von ihr entfernt auf dem Boden. Sie keuchte vor Schmerz auf. Sie hatte keine Gelegenheit gehabt, auch nur irgendwie zu reagieren und ihren Sturz abzufangen. Wesker kümmerte sich nicht darum, dass sie am Boden lag und sich mühevoll hochrappelte.
Durch das Licht der Lampe hatte vielmehr etwas, dass sich an der Decke direkt unter dem Loch befand, seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er leuchtete dorthin und sah noch mehr Blut. Direkt unter dem Loch, dicht neben seinem Stiefel, lag eine Hand, gleich daneben ein übel zugerichteter Torso. Die Hüfte und die Beine fehlten komplett. Auch diese Leiche war mit bestialischer Gewalt auseinandergerissen worden.
„Vielen Dank", giftete Helena Harper, als sie sich hochrappelte. Ihre Handschuhe waren mit einer schleimigen, klebrigen Substanz bedeckt. „Sie müssen echt Probleme haben. Ich versuche mir nur, Mühe mit Ihnen zugeben und Sie…"
Sie brach ab, als Wesker herumwirbelte und das Gewehr auf etwas in der Dunkelheit richtete. Er hatte ganz schwach eine Bewegung ausgemacht und er spürte mehr als deutlich, dass sie nicht allein waren. Es schien fast, als könne er den Herzschlag des anderen Geschöpfs hören.
„Kommen Sie, wir müssen weitergehen."
„Gott, Chris, sieh dir das an", sagte Jill und musste sich von dem, was sich ihr bot, abwenden. Würgereiz überkam sie, als sie die zerfetzten Leichen sah. Eine Gruppe Forscher und J´avo waren auf brutalste Art in Stücke gerissen worden. Die gesamten Flure des vierten Stocks waren voller Blut, Gedärmen und Krallenspuren.
„Ich glaube, ich beginne langsam zu verstehen, warum die Red Queen die Anlage abgesichert hat", sagte Alex. „Irgendetwas ist hier passiert. Ich schätze, dass irgendwelche Experimente entkommen sind und offenbar waren sie auf die Forscher hier", er kniete sich neben einen toten Körper, der ausgeweidet worden war, „nicht sonderlich gut zu sprechen."
„Wissen Sie, was die für Experimente durchgeführt haben, Mr. Wesker?", fragte Claire.
„Nein. Ich weiß nur so viel, dass man eine Reihe neuer B.O.W.s gezüchtet hat", erklärte Alex. „Wir müssen vorsichtig sein."
Claire fiel auf, wie nervös Alex Wesker war. Er überspielte seine Unruhe und Ungeduld erstaunlich gut, aber es war ihm anzumerken, dass er endlich vorankommen wollte. „Wir müssen weiter ins Labor."
Wesker und Helena folgten einer Spur aus geronnenem Blut und einer schleimigen Substanz bis in das fünfte Untergeschoss. Die Wände und Gänge waren beschmiert, Leichenteile säumten ihren Weg. Wesker wurde zunehmend unruhiger. Sein Herz begann heftig zu klopfen. Er hatte das Gefühl, er würde bald sein Ziel erreichen, auch wenn er noch nicht einmal wusste, was sein Ziel eigentlich war oder nach was er eigentlich suchte. Seine Schritte beschleunigten sich und Helena konnte kaum mit ihm mithalten.
Als sie die Treppe in das sechste Stockwerk hinuntergehen wollten, wurde ihnen das Weitergehen schon am Absatz durch eine Überschwemmung versperrt. Wesker ging ohne zu zögern hinein, Helena jedoch zögerte.
„Wollen Sie wirklich weitergehen? Wir wissen nicht, was da unten ist."
„Dann werden wir es eben herausfinden", gab Wesker kurz und knapp zurück und nahm seine Sonnenbrille ab, dann tauchte er bereits unter. Helena sah das Licht seiner Taschenlampe, wie es sich langsam von ihr entfernte und entschloss sich kurzerhand, ihm zu folgen. Sie hatte keine Wahl. Sie konnte Wesker nicht allein gehen lassen.
Sie holte ihn bald ein, aber hatte große Mühe ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Sie sah nur schemenhaft seine Umrisse in der Dunkelheit und folgte fast ausschließlich dem Licht seiner Taschenlampe.
Sie wusste nicht, wohin er schwamm, sie folgte ihm praktisch blind und musste ihm vertrauen, dass er einen Weg zurück an die Oberfläche suchte. Nach und nach gingen ihre Sauerstoffreserven zu Ende und sie musste dringend Luft holen.
In Panik sah sie nach hinten, doch alles, was sie sah, war Finsternis. Als sie sich wieder nach vorne wandte, sah sie im Licht seiner Taschenlampe ein schwarzes Etwas vorbeihuschen. Sie konnte nur verschwommen sehen, deshalb war es unmöglich auszumachen, was es war. Gegenstände schwebten um sie herum im trüben Wasser. Sie passierten mehrere Leichen.
Angst überkam Helena. In Panik schloss sie schnell zu Wesker auf, der an einer Tür Halt gemacht hatte. Er gab ihr seine Taschenlampe und rüttelte an der Klinke. Nur wenige Augenblicke später hatte er die Tür aufgebrochen und sie gelangten zu einer Treppe, die nach oben führte. Sie schwammen die Stufen hoch, bis sie mit den Füßen Halt finden konnten.
Sie holten keuchend Luft, als sie auftauchten. Helena fasste sich an die Brust, weil ihr Herz laut pochte. Ihre Kleidung klebte wie ein schweres Gewicht an ihnen, als sie aus dem Wasser stapften. Sie erschauderten in der Kälte.
„Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?!", fragte Helena wütend. „Und woher wussten Sie, wo die Treppe war?"
„Nicht nur Alex ist mit der Anlage vertraut. Wir müssen da weiter."
Er leuchtete in die Dunkelheit. „Wo genau sind wir jetzt? Welches Stockwerk?"
„Wir sind nach wie vor im fünften Stock", sagte Wesker. „Wir sind durch den sechsten nur kurz durchgeschwommen. So wie es aussieht, ist dort die Wasseraufbereitungsanlage."
„Sehen Sie mal da!", sagte Helena plötzlich. Sie hatte Klauenspuren an den Wänden entdeckt und eine Schleifspur aus Blut führte am Boden entlang. Sie tasteten sich langsam weiter voran in die Dunkelheit. Sie gingen ein paar Meter weiter und erreichten eine Art Besprechungszimmer oder Konferenzraum. Ein runder Tisch stand in der Mitte, darum herum eine Reihe von Stühlen. Die Tür war aus den Angeln gerissen worden. Wesker war auf einmal in Alarmbereitschaft. Er nahm die Schrotflinte und überprüfte, ob sie nach ihrem Tauchgang noch funktionsfähig war. Er raunte Helena zu, dasselbe mit ihrer Waffe zu tun.
„Was ist?", flüsterte sie.
„Wir haben Besuch bekommen."
Helena sank das Herz ein Stück tiefer, als sie hinter sich das Wasser rauschen hörte, dann langsame Schritte auf dem Gang.
„Bewegen Sie sich ganz langsam. Keine schreckhaften Bewegungen."
Klauen klackerten auf dem Metallboden und auf einmal war das gleichmäßige Ein- und Ausatmen eines Lebewesens zu vernehmen.
Eine Stimme in Helenas Kopf, ihr natürlicher Instinkt, schrie nach Flucht und sie machte tatsächlich einen verängstigten Schritt nach hinten. Jeder Muskel ihres Körpers war angespannt und sie zielte mit ihrer Waffe in die Dunkelheit. Ihre Finger jedoch zitterten. Wesker legte plötzlich seine Hand auf ihren Unterarm, um sie zu beruhigen. Helena warf ihm einen entgeisterten Blick zu, weil sie nicht mit der Geste gerechnet hatte. Sie merkte tatsächlich, dass ihre Anspannung allmählich weniger wurde, sich sogar ihr Herzschlag etwas beruhigte. Warum wusste sie nicht, aber sie fühlte sich in Albert Weskers Gegenwart auf einmal sicher.
Sie hatten ihre Taschenlampen absichtlich auf den Boden gesenkt, um das Etwas, das sich ihnen näherte, nicht unnötig aufzuschrecken. Helena folgte Wesker, als er langsam aber sicher, rückwärts Richtung der offenen Tür ging.
Der Lichtkegel wanderte Zentimeter für Zentimeter am Boden entlang. Das Etwas kam näher und sie konnten seinen rasselnden Atem und ein leises Fauchen wahrnehmen. Es nahm Witterung auf.
„Was ist das?", fragte Helena leise.
Das fremde Wesen streckte vorsichtig seinen klauenbewährten Vorderfuß ins Licht. Helena zuckte zusammen.
„Ganz ruhig", sagte Wesker.
Ein Knurren ertönte und plötzlich trat das Etwas ins Licht ihrer Taschenlampen. Es war der seltsamste B.O.W., den Wesker jemals gesehen hatte, ja das seltsamste Wesen, das ihm überhaupt jemals begegnet war. Er ordnete es als eine Mischung aus einem Alien, einem Velociraptor und einem Hunter ein.
Seine Haut war schwarz. Vom Kopf bis zum Schwanz war es die Wirbelsäule entlang mit dicken Panzerplatten bedeckt. Es schlich langsam auf vier Beinen. Seine Füße trugen lange, scharfe Krallen. Es hatte ein längliches Gesicht mit einem kräftigen Kiefer. Als es fauchte, entblößte es seine spitzen Fangzähne. Es war nicht zu erkennen, wo sich seine Augen befanden.
„Oh mein Gott", raunte Helena angsterfüllt. „Was ist das?"
Das Wesen schlich bedrohlich auf sie zu. Wesker und Helena mussten in das Büro zurückweichen und hatten jetzt den Tisch im Rücken.
Der B.O.W. streckte seine Nüstern in die Luft und nahm ihren Geruch auf. Es fauchte und sein Schwanz, an dessen Ende es einen spitzen Stachel trug, schwang gefährlich nahe in ihre Richtung. Es gab rasselnde, kehligklingende Laute von sich, während es an den beiden Menschen vorbeischlich. Es ließ sie nicht aus den Augen, dann verschwand es auf der anderen Seite durch ein Loch in der Wand.
Wesker hatte sofort begriffen. Das war es gewesen, was ihn so stark angezogen hatte. Das Wesen war ihm seltsam vertraut, fast wie ein Bruder und es gab nur einen Grund, warum es ihn und die Agentin nicht angegriffen hatte: Es hatte die Verbindung zu ihm ebenfalls wahrgenommen. Er verspürte den Drang, dem Reptil durch das Loch zu verfolgen. Er war sich auch vollkommen sicher, dass es ein Männchen gewesen war. Wie das sein konnte, war ihm ein Rätsel.
„Wieso hat es uns nichts getan?", fragte Helena völlig entgeistert. Die Anspannung fiel spürbar von ihr ab. Wesker realisierte erst jetzt, dass er immer noch seine Hand auf ihrem Unterarm hatte und zog sie schnell weg. Er antwortete nicht auf Helenas Frage, sondern steuerte zielstrebig auf das Loch in der Wand zu. Das Metall war wie einige Etagen über ihnen regelrecht weggeätzt worden. Er bückte sich und leuchtete in den Nebenraum. Er nahm sofort den Geruch weiterer B.O.W.s wahr, die auf der anderen Seite lauerten. Auf Knien rutschte er durch das Loch.
Sogleich spürte er um sich herum Bewegung. Das Licht seiner Taschenlampe fiel auf mehrere der unbekannten B.O.W.s, die alle fauchend dem Licht auswichen. Sie hielten alle Abstand zu ihm, aber Wesker merkte, dass er hier nicht sein durfte. Sie fletschten drohend die Zähne und schlugen mit ihren klauenbesetzten Pfoten aus. Ihre Schwänze schlugen auf dem Boden.
Ihre Drohgebärden gaben ihm deutlich zu verstehen, dass er unerwünscht war, doch er hatte keine Angst, denn er wusste, dass sie ihn nicht angreifen würden.
Vorsichtig trat er weiter nach vorne. Helena kam herein und die B.O.W.s wurden unruhiger. Wesker richtete sein Licht nach vorne.
Es war nicht auszumachen, wo sie sich befanden, denn die Wände waren zum Teil eingerissen worden und das Inventar war völlig zerstört. Sogar Felsbrocken lagen herum.
Als der Lichtkegel seiner Taschenlampe in die Mitte des Raumes fiel, stockte ihm der Atem. Aus allerhand zerstörten Gegenständen- er erkannte unter anderem Holzstücke, Teppiche und Metallplatten- und Geröll hatten die B.O.W.s einen Kreis gebaut.
In dem Kreis saß ein anderer B.O.W. Er sah genauso aus, wie die, die ihn umkreisten, nur war er mindestens doppelt so groß. Sein Vorderbeine waren kürzer und seine Hinterbeine sehr muskulös und kräftig, sodass er aufrecht stehen konnte. Er war nicht nur äußerlich anders als die anderen, sondern trug auch einen anderen Geruch. Wesker wusste jetzt, was ihn hierhergeführt hatte. Er hatte das Weibchen vor sich. Er hatte sie die ganze Zeit wahrgenommen.
Als er sah, was zu ihren Füßen, eingebettet in ein Loch im Boden lag, erstarrte er und ein Schreck fuhr ihm in die Glieder. Es war nichts Geringeres als mindestens zwei Dutzend große, dickschalige Eier.
Das Weibchen musterte ihn eindringlich und reckte ihm ihren Hals entgegen. Ihre Nüstern weiteten sich, als sie die Eindringlinge wahrzunehmen versuchte. Wesker sah die langen scharfen Reißzähne bedrohlich nahe auf sie zukommen und wich instinktiv zurück. Er war hin und her gerissen zwischen der Anziehung, die er zwischen sich und den B.O.W.s verspürte, und seinem Verstand, der ihm zu verstehen gab, das Weite zu suchen.
„Wesker…", flüsterte Helena nervös. Ihre Stimme zitterte.
Er hob vorsichtig die Hand und war kurz davor die Schnauze des Reptils zu berühren, als plötzlich ein ohrenbetäubendes Pfeifen die Stille durchschnitt und ihn gewaltsam aus seiner Trance riss. Das Funkgerät war aktiviert worden, weil die anderen ausgerechnet jetzt mit ihnen in Kontakt treten wollten. Er wirbelte herum und sah Helena Harper am Boden liegen, wie sie sich blitzschnell aufrappelte und auf einen B.O.W. schoss.
Das Weibchen brüllte vor Wut auf und seine Herde griff an.
Wesker zückte das Gewehr und feuerte zweimal, dann hätte er nachladen müssen. Er hatte keine Munition und keine Zeit, denn in diesem Moment stürzte sich eine Echse auf ihn. Er hielt den Gewehrlauf horizontal schützend vor sein Gesicht und das Tier biss in das Metall. Er nutzte den Schwung des Sprungs und hob es über sich hinweg.
Helena trat einem B.O.W. hart gegen den Kopf und kroch durch das Loch nach draußen. Wesker holte zu einem kräftigen Schlag aus. Sein Angreifer flog ein paar Meter weit genau in das Nest zu Füßen des Weibchens und zerbrach dabei einige Eier. Halbfertige Embryonen und Dotter verteilten sich am Boden. Das Weibchen ließ ein lautes Brüllen verklingen, weil jemand ihre Nachkommenschaft bedrohte.
Wesker folgte Helena so schnell er konnte und sie eilten durch den Konferenzraum zur anderen Seite, wo sie durch eine Tür stürmten. Vor ihnen lag ein Gang. Hinter ihnen hörten sie das laute Fauchen der B.O.W.s, die sie verfolgten.
Währenddessen…
Chris und sein Team kämpften sich durch den vierten Stock und erreichten schließlich das Labor, in dem Piers und die beiden anderen Personen gefangen gehalten wurden.
Sie hatten zu kämpfen, die Tür aufzustemmen, da sie mit einem Sicherheitsschloss verriegelt war, doch mit Alex Hilfe schafften sie es. Mit gezückten Waffen betraten sie das Labor und leuchteten sogleich in alle Richtungen.
Sie sahen die drei Wassertanks, doch zwei davon waren leer. Nur Piers Nivans war da, die beiden Mädchen waren verschwunden.
Chris eilte sofort zu seinem früheren Teammitglied. Alex steuerte auf den mittleren Tank zu, doch als er sah, dass dieser leer war, trat Entsetzen auf sein Gesicht.
„Nein, nein, NEIN!" Seine Hände zitterten, als er sie auf das Glas legte und ungläubig das leere Behältnis anstarrte. „Das darf nicht sein! Sie darf nicht weg sein!"
Als er realisierte, dass Projekt „Faith" nicht da war, sank er langsam auf die Knie und begrub das Gesicht mit den Händen. „Nein, das darf nicht sein…" Nur Claire bemerkte sein Verhalten.
Chris und die anderen umringten Piers. Da sie die Vorrichtung nicht abschalten konnte, schlugen sie das Glas ein. Eine Welle Wasser ergoss sich auf den Boden und der leblose B.S.A.A.- Agent sank zur Seite. Chris fing den Körper auf und legte ihn vorsichtig auf den Rücken. HUNK blieb etwas abseits und richtete seine Waffe auf die Tür, durch die sie gekommen waren.
Die Infizierung mit dem C- Virus hatte Piers schlimm entstellt. Er hatte immer noch seinen mutierten Arm und seine rechte Gesichtshälfte war kaum zu erkennen.
„Piers! Piers!" Chris rüttelte sanft an Piers Schulter und versuchte, ihn zu Bewusstsein zu bringen. Es dauerte ein paar Momente, dann öffnete der Agent unter größter Anstrengung die Augen.
„Captain… Chris", raunte Piers kraftlos.
„Piers, geht's dir gut?", fragte Chris eindringlich.
„Chris, komm, wir müssen hier raus!", mahnte Jill.
Alex kniete immer noch vor dem Wassertank, in dem sich Projekt „Faith" befunden hatte. Er hatte den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen. „Nein… nein", murmelte er immer wieder vor sich hin.
Claire näherte sich ihm vorsichtig und legte ihm ihre Hand den Rücken. „Alex, bitte, wir müssen gehen!"
„Ich… ich kann… nicht. Es ist alles aus."
„Nein, kommen Sie!" Sie hievte ihn mühevoll auf die Beine und konnte ihn dazu bewegen, mit ihr zu gehen. Er warf immer wieder einen Blick auf den leeren Tank zurück und folgte ihnen nur widerwillig.
Piers hatte kaum Kraft zum Laufen. Er war erschöpft und geschwächt, sodass Chris ihn stützen musste. „Piers, es wird alles gut, wir holen dich hier raus."
„Captain...", sagte er unter größter Mühe. „Da draußen… B.O.W.s…"
„Ich funke Helena an", sagte Leon und betätigte sein Funkgerät. Er bekam nur Rauschen als Antwort.
„Geben Sie mir den Feuerlöscher!", befahl Wesker und deutete auf eine rote Flasche, die an einer Wand hing. Sie hatten sich in einem Büro verschanzt, einen schweren Schrank vor die Tür geschoben, doch die B.O.W.s hämmerten von der anderen Seite dagegen. Das Holz splitterte und ihre Krallen bohrten sich zu ihnen durch.
Helena reagierte sogleich und reichte Wesker den Feuerlöscher. Er entriegelte den Verschluss und richtete den Schlauch genau in dem Moment auf die Tür, als das Regal scheppernd zu Boden krachte und die Reptilien zu ihnen stürmen wollten. Sie wurden in weißen Schaum gehüllt. Die B.O.W.s erschraken und wichen kreischend zurück. Verängstigt flüchteten sie den Gang entlang zurück.
„Wie viel Munition haben Sie noch?", fragte Wesker Helena, die ihr Magazin prüfte.
„Sieben in der Waffe und zwei Magazine extra."
„Wir müssen hier raus und zu den anderen. Wir müssen die Anlage zerstören."
Sie hasteten weiter in das vierte Untergeschoss, doch die Treppe wurde ihnen versperrt, weil die Mauer eingestürzt war. Schwere Gesteinsbrocken lagen auf den Stufen.
„Verdammter Mist!", fluchte Helena laut und schoss auf die B.O.W.s, die sich von hinten näherten.
„Da rauf!" Wesker riss ein Gitter zu einem Luftschacht aus der Wand und schob Helena hinein. Er war selbst zur Hälfte darin, als er einen starken Schmerz an seinem Bein spürte und zurückgerissen wurde. Eine Echse hatte sich in seinem Bein verbissen.
Er unterdrückte einen Schmerzensschrei und riss Helena ihre Pistole aus der Hand. Er schoss dem B.O.W. direkt ins Maul. Die Kugel zerfetzte den Kopf und trat an der Seite wieder aus.
„Schnell!"
„Chris!", rief Jill und schoss. Hinter ihnen stürmte eine Horde B.O.W.s auf sie zu. Sie eilten so schnell sie konnten, doch der immer noch geschwächte Piers verlangsamte sie.
Das erste Monster hatte sie beinahe erreicht, als es mit Wucht nach oben gerissen und sein Kopf zerfetzt wurde. Blut und Hirnmasse verteilten sich auf dem Gang. Seine Gefährten wichen verängstigt zurück. Plötzlich wurde ein Gitter im Boden aufgestoßen und Helena Harper und Albert Wesker tauchten wie aus dem Nichts auf.
„Agent Harper, wo waren Sie zum Teufel?! Wir konnten Sie nicht erreichen!", schimpfte Jill, während sie schoss.
„Wir erzählen Ihnen alles später, wir müssen hier raus!"
Sie rannten so schnell sie konnten, doch es war ein weiter Weg bis nach oben. Die B.O.W.s folgten ihnen unerbittlich und ließen sich nicht abschütteln. Sie töteten einige von ihnen, doch sie schafften es nicht Ansatzweise der Übermacht gegen sich herzuwerden.
Claire kam ins Straucheln und stürzte, als eine messerscharfe Schwanzspitze ihr den Oberschenkel aufschnitt. Ihre Waffe schlitterte über den Boden davon. HUNK und Leon halfen ihr auf und entluden einen Kugelhagel in das Reptil, das sich auf die am Boden liegende Claire stürzen wollte. Jill wurde ebenfalls zu Fall gebracht, überschlug sich und schlug hart mit dem Kopf auf. Ihr wurde schwindelig und sie sah für einen Moment alles verschwommen.
„Alex!", mahnte Albert Wesker, ergriff den Schwanz eines B.O.W.s und zog ihn zu sich. Das Tier brüllte vor Wut auf und wand sich hin und her, weil es sich nicht mehr bewegen konnte. Ein kurzer, heftiger Ruck an seinem Hals und sein Genick war durchgebrochen.
Alex schlug den Kopf eines B.O.W.s mit voller Wucht gegen eine Wand, sodass der Schädelknochen zerquetscht wurde.
Die beiden Wesker fielen etwas zurück und hielten die B.O.W.s auf, während die anderen vorauseilten. Alberts Bein schmerzte unerträglich, aber er spürte wie die Wunde heilte. Blitzschnell schnellte er nach vorne und versetzte einem Reptil einen Fußtritt, sodass es vor Schmerz heulend weggeschleudert wurde. Alex ergriff eine Eisenstange und rammte sie in den Schlund eines Monsters, das ihn eben beißen wollte. Er hatte überall Schnittwunden von den Krallen.
Die anderen waren bereits außer Sichtweite. Die beiden Männer schafften es, ihnen ein Zeitfenster zu schaffen. Mit ihren Kräften, die ihnen der Virus verlieh, waren sie in der Lage, die B.O.W.s aufzuhalten und die Herde zurückzudrängen, sodass sie selbst Richtung Ausgang eilen konnten.
„Alex, kannst du die Anlage zerstören?", fragte Albert im Laufen. Sie bogen um eine Ecke und sahen geradeaus vor sich den Rest des Teams.
„Nein, das Computernetzwerk geht ohne Strom nicht."
„Dann aktiviere die Red Queen ein zweites Mal. Sie soll den Selbstzerstörungsmechanismus starten. Das ist unsere einzige Chance! Die B.O.W.s dürfen nicht nach draußen gelangen!"
Fünf Reptilien verfolgten sie noch, als sie den Ausgang erreichten. Alex und Albert Wesker liefen am Schluss und scheuchten die Monster zurück, sodass der Rest des Teams mit dem geschwächten Piers Nivans nach draußen gelangen konnte.
Eine Kältewelle schlug ihnen entgegen. Tageslicht strömte herein und sie wurden geblendet. Schüsse waren zu hören. Ein paar B.O.W.s wurden getroffen und jaulten auf. Alex hechtete in den Schnee. Albert wollte es ihm gleichtun, doch im Sprung wurde er zur Seite gerissen und ein Maul voller Zähne vergrub sich in seiner Schulter.
„Albert!", rief Alex, der sah, dass sich ein Monster auf ihn gestürzt und ihn unter sich begraben hatte. Albert wurde in den Schnee gedrückt und war nicht mehr zu sehen. Der B.O.W. riss und zerrte an ihm und der Schnee färbte sich blutrot, doch plötzlich erstarrte er und begann zu röcheln. Nur einen Augenblick später kippte das Tier zur Seite. Es zuckte, dann erschlaffte sein Körper. Ein Metallsplitter steckte in seiner Kehle. Blut ergoss sich in den Schnee.
„Albert!" Alex eilte zu ihm und half ihm auf. Er blutete stark an der Schulter und atmete schwer. Sein Körper reagierte sofort und begann, seine Wunde zu heilen, aber er war schwach durch den hohen Blutverlust und klammerte sich an Alex.
Er interessierte sich nur noch am Rande für alles, was ab da geschah. Sie nahmen Kontakt mit dem HQ und Washington auf und forderten Rettung an. Alex drang erneut ins System der Red Queen ein und aktivierte die Selbstzerstörung der Anlage. Sie kämpften sich ihren Weg zurück zum Fahrzeug und gelangten zurück in das Dorf, wo sie die Nacht zugebracht hatten. Sie nahmen den toten B.O.W. mit, um ihn zu untersuchen. Piers Nivans wurde auf einer Liege gesichert, um ihn in der Luft transportieren zu können. In der Ferne sahen sie die riesige Rauchwolke von der Explosion aufsteigen.
Sie schliefen die meiste Zeit während des Fluges. Alex saß nur teilnahmslos da und hatte seine Augen hinter seiner Sonnenbrille verborgen. Chris verbrachte viel Zeit bei Piers und sprach mit ihm.
HQ und Hunnigan erkundigten sich nach dem Stand ihrer Mission.
New York
Das Flugzeug war auf dem Rollfeld zum Stehen gekommen und sofort eilten mehrere Teams zu Ihnen, um sie in Empfang zu nehmen. Piers wurde sofort in die Obhut der Ärzte übergeben. Der B.O.W. wurde ins Labor geschafft.
Chris, als der Captain der Mission, schilderte sofort ihre Lage und O´Brian wurde benachrichtigt.
Sie quälten sich erschöpft von ihren Plätzen hoch. Alex, Albert und auch HUNK sollten erneut in Gewahrsam genommen werden.
Albert Wesker stieg als letzter aus dem Flugzeug aus. Helena fiel auf, dass er ein Stück zurückfiel und wandte sich um, um nach ihm zu sehen, doch da wurde sie schon mit einem Ruck herumgerissen und fand sich im Schwitzkasten wieder. Im Bruchteil einer Sekunde wurde ihr ihre Waffe abgenommen und gegen die Schläfe gedrückt. Sie spürte das kalte Metall auf ihrer Haut. Sie versuchte, sich loszureißen, doch gegen den eisenharten Griff Weskers mit seinen übermenschlichen Kräften kam sie nicht an. Sie gab einen erstickten Hilfeschrei von sich, als sie nach Luft rang.
Die anderen reagierten augenblicklich, wirbelten herum und richteten ihre Waffen auf Wesker.
„Helena!"
„Wesker, lass sie in Ruhe!", sagte Chris. Er zielte genau auf Weskers Stirn. Der Angesprochene reagierte natürlich nicht. „Was immer es ist, sie hat nichts damit zu tun, also lass Agent Harper gehen!"
„Du hast mir gar nichts zu sagen, Chris!", giftete Wesker.
„Wo ist dein Scheißproblem?!", fragte Chris, dessen Wut ebenfalls hochkochte.
„Du fragst mich, wo mein Problem ist?! Ausgerechnet du besitzt die Dreistigkeit, mich nach meinen Problemen zu fragen?! Dabei solltest du das eigentlich am besten wissen!"
„Von was redest du, verdammt noch mal?" Chris´ Zeigefinger zuckte am Abzug seiner Waffe. Er hätte ohne zu zögern auf Wesker geschossen, doch er hielt sich zurück, weil er Helena Harper nicht in Gefahr bringen konnte. Es war zu riskant, einen Vorstoß zu wagen.
„Ich rede davon, dass ihr mir meinem Sohn verschwiegen habt. Das geht ja mit Sicherheit auf dein Konto!"
Alle starrten Wesker entsetzt an. Chris fing sich schnell.
„Woher weißt du von Jake?!", schimpfte er aggressiv.
„Das tut nichts zur Sache!", entgegnete Wesker scharf. „Wann hattet ihr vor, mir das zu sagen?!"
„Vorerst gar nicht! Und wenn es nach mir ginge, überhaupt nicht, niemals! Denn auf so einen Vater kann der Junge verzichten! Im Übrigen sind wir bis vor wenigen Wochen noch davon ausgegangen, dass du tot bist!"
„Was maßt du dir an?! Was hat dich mein Sohn zu kümmern?!", giftete Wesker angriffslustig.
„Für das, dass er dein Sohn ist… tja… Warst du wenig präsent in seinem Leben! Irgendjemand musste sich ja mal um ihn kümmern, wenn sich schon sein Vater nicht um schert!"
Chris war zu weit gegangen und hatte das Falsche gesagt, das war sofort deutlich zu spüren.
Helena keuchte auf, als sich Weskers Griff noch enger um ihren Hals legte. Sie bekam kaum noch Luft und konnte sich nicht rühren. Die Hand, mit der er die Pistole hielt, begann zu zittern.
Wesker fletschte knurrend vor Wut die Zähne und sah Chris hasserfüllt und verächtlich an.
„Du hast nicht zu beurteilen, um wen oder was ich mich schere, Chris, und um was nicht!", wütete er. „Du weißt nichts über mich, also bilde dir ja nicht ein, über mich urteilen zu können! Wir sind fertig!"
Helena wurde ruckartig nach vorne geworfen und knallte mit Knien und Handgelenken auf den Asphalt. Ihre Waffe wurde neben sie auf den Boden geworfen. Leon eilte sofort zu ihr und half ihr auf.
Wesker stürmte wutentbrannt davon. Chris wollte ihm hinterhereilen, doch Jill hielt ihn zurück. Alex Wesker gab ihnen mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich darum kümmern würde.
„Dieser verdammte Idiot!", fluchte Chris. „Was zum Teufel sollte das?!"
„So habe ich den Kerl noch nie gesehen", meinte Claire. „Chris, ich glaube, du hast was sehr verletzendes zu ihm gesagt."
Sie alle sahen den beiden Weskern betreten hinterher.
