Leon S. Kennedy 1977: Ich liebe Horror, deshalb muss ich sowas regelmäßig einbauen. :) Jetzt wird endlich vieles aufgelöst. Ich bin mal gespannt, ob du mit deiner Vermutung zu Projekt "Faith" richtig lagst.
Alex Wesker saß in seiner Zelle. Der Raum war nur spärlich beleuchtet, doch die aufkommende Dunkelheit kümmerte ihn nicht. Er hatte den Kopf gesenkt und sah tief in Gedanken versunken auf ein Plüschtier in seinen Händen, einen braunen Hasen mit langen Schlappohren.
Er bemerkte nicht, wie die Tür geöffnet wurde und eine Person hereintrat. Claire Redfield schritt vorsichtig auf Alex zu. Sie blieb ein paar Meter von ihm entfernt stehen und beobachtete ihn einige Zeit, wie er beinahe zärtlich mit den Fingern über den Kopf des Kuscheltieres streichelte. In seinem Gesicht standen Trauer und Schmerz.
Sie war sich unsicher, was sie tun sollte. Wenn sie ihn ansah, verspürte sie Mitleid und sein Elend bereitete ihr selbst Schmerzen, doch sie wusste nicht, wie sie an ihn herantreten, was sie sagen, wie sie ihm helfen sollte. Dabei wollte sie es wirklich. Es war ihr Wunsch, ihm zu helfen.
Sie näherte sich ihm mit langsamen Schritten. Ihre Absätze auf dem Fliesenboden klangen unnatürlich laut und durchschnitten die drückende Stille im Raum.
„Mr. Wesker? Alex?", raunte sie leise. Er sah nicht auf. Er registrierte, dass sie anwesend war, aber er reagierte nicht.
Sie trat vorsichtig an ihn heran und nahm rechts neben ihm auf dem Bett Platz. Ihr Blick wanderte zuerst auf das Plüschtier, das er in seinen Händen hielt, dann zu seinem Gesicht. Er war erschöpft.
Sie saßen einige Zeit nebeneinander, dann legte Claire vorsichtig ihre Hand auf seinen Arm. Ein kaum spürbarer Ruck ging durch seinen Körper. Es war, als wäre Alex aus seiner Erstarrung erwacht und hätte auf einmal wahrgenommen, dass sich eine andere Person neben ihm befand. Aus den Augenwinkeln warf er Claire einen vorsichtigen Blick zu.
„Hey", sagte Claire leise.
„Was wollen Sie?", fragte Alex kaum hörbar. Es war nicht unhöflich oder abweisend, es klang nach Resignation, so als hätte ihn jeglicher Mut verlassen.
„Ich wollte mit Ihnen reden", sagte sie. „Ich sehe, dass es Ihnen nicht gut geht."
Sie nahm ihm vorsichtig das Plüschtier aus der Hand. Er protestierte nicht, sondern wandte den Kopf nach links.
Claire streichelte das weiche Fell des Hasen und ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie fühlte sich an ihre Kindheit erinnert, in der sie ein ähnliches Kuscheltier besessen hatte. Sie war sich sicher, dass es bei ihr Zuhause in irgendeinem Karton auf dem Speicher aufbewahrt war.
„Dieses Projekt „Faith"… das ist doch nicht einfach irgendein Forschungsprojekt, oder?", sagte sie schließlich und sprach damit zum ersten Mal seit Alaska ihre Gedanken aus. „Es war Ihnen sehr wichtig, habe ich Recht?" Sie sah ihn an. Er sah noch immer in eine andere Richtung. „Es hat Ihnen sehr viel bedeutet, deshalb waren Sie so ungeduldig und aufgewühlt. Bitte, Alex", sie fasste ihn an der Schulter, damit er sie ansehen musste, „erzählen Sie mir die Wahrheit. Wer oder was ist „Faith"? Wenn Sie uns alles erzählen, dann können wir Ihnen helfen."
Alex gab ein leises Schnauben von sich. „Sie wollen mir helfen? Das haben Sie schon einmal gesagt. Und es wäre besser gewesen, ich hätte nicht auf Sie gehört. Ich hätte sofort nach Alaska zurückfliegen sollen. So habe ich nur Zeit verschwendet."
Er schrie nicht und er schimpfte nicht, aber Claire wäre es lieber gewesen, er hätte es getan. Seine Enttäuschung und seine Verzweiflung, die aus seinen Worten sprachen, waren viel schlimmer zu ertragen, als wenn er vor Zorn getobt hätte. Sie fühlte sich beschämt und verantwortlich.
„Es tut mir so Leid, Alex, dass das alles schief gegangen ist", sagte sie, „aber bitte, erzählen Sie mir die Wahrheit. Keine Geheimniskrämerei mehr. Was auch immer Sie belastet, Sie müssen es nicht alleine tragen. Ich möchte Ihnen gerne helfen. Bitte sagen Sie es mir. Wer ist „Faith"?"
Er musterte sie ein paar Augenblicke. Sie musste sich zusammennehmen, dem intensiven Blick seiner braunen Augen standzuhalten.
„Faith ist meine Tochter."
Claire starrte Alex fassungslos an. „Was?!"
Er nickte. „Faith ist meine Tochter."
„Aber warum ist sie dann ein Forschungsprojekt? Was ist passiert? Warum war sie in dieser Anlage? Was haben diese Leute gemacht?", fragte Claire und sie konnte ihr Entsetzen nicht verbergen. „Bitte, Alex, Sie können mir vertrauen. Ich sehe, dass Sie das belastet. Sie müssen darüber sprechen! Dann kann ich Ihnen helfen!"
Er zögerte. Claire ergriff seine Hand und nickte ihm zu, um ihn zu ermuntern. „Bitte sagen Sie mir, was mit Ihrer Tochter, was mit Faith passiert ist."
Alex atmete tief durch und es war ihm anzusehen, dass er mit sich rang. Claire sah ihm an, dass es nicht leicht für ihn war, aber sie musste ihm die Dringlichkeit deutlich machen. Es war von essentieller Wichtigkeit, dass er erzählte, was geschehen war.
„Also schön", sagte er schließlich unter größter Überwindung. „Ich werde Ihnen die Geschichte erzählen."
Claire nickte.
„1992 haben meine Frau und ich geheiratet. Drei Jahre später, 95, kam unsere Tochter Faith. Es war perfekt. Wir waren glücklich mit unserer Familie. Sie wissen vielleicht, dass Albert und ich Oswell E. Spencer sehr nahe standen."
„Ja."
„1998 verschwand Albert ja. Er verriet Spencer und betrog Umbrella. Ich war der einzige, der noch an Spencers Seite war. Ein Jahr darauf bat mich Spencer zu sich. Er klang schon am Telefon sehr ernst und… tja…"
„Was war mit Spencer?", fragte Claire.
„Er eröffnete mir, dass er schwer krank sei. Sterbenskrank und nur noch wenig Zeit zu Leben hatte. Da ich ja Arzt bin und in der medizinischen Forschung tätig war, beauftragte Spencer mich, ein Heilmittel für ihn zu finden. Er bettelte mich an, schmeichelte sich ein. Ich sei doch immer sein Lieblingskind gewesen, der beste von allen und Albert sei böse, weil er Spencer verraten hat, bla bla. Ich sagte natürlich zu, was blieb mir anderes übrig? Es gab allerdings zwei Dinge, die mich sehr erstaunt haben."
„Und was genau?"
„Spencer wollte, dass ich einen Weg finde, ihn mit dem Progenitor Virus zu heilen."
„Der Progenitor Virus? Ist das nicht der, mit dem alles angefangen hat?", fragte Claire, die sich Dunkel an etwas erinnern konnte.
„Ja, richtig. Er ist der Ursprungsvirus, den Dr. Markus, Dr. Ashford und Spencer aus der Pflanze in Afrika gewonnen haben. Und er ist wahrscheinlich auch der stärkste von allen Viren. Er verleiht mir und Albert unsere Kräfte."
„Ich verstehe", sagte Claire nickend.
„Ich sollte meine Forschungen allerdings nicht in Spencers Nähe ausführen, was ich, ehrlich gesagt, absurd fand, denn um ihm Medikamente zu entwickeln, musste ich ihn ja untersuchen. Ich musste Blutproben nehmen. Nein, Spencer schickte mich auf eine gottverlassene, weit abgelegene, unbewohnte Insel mitten in der Südsee. Er richtete mir das bestausgestattete Forschungslabor ein, das man sich vorstellen konnte. Er muss hunderte Millionen Dollar investiert haben. Meine Familie musste natürlich mitkommen. Uns wurde dort ein Haus eingerichtet. Wir zogen dorthin und lebten dort. Faith hat einen Teil ihrer Kindheit dort verbracht. Es war nicht gerade eine Nichtigkeit, die wir in Kauf nehmen mussten, aber meiner Frau und Faith gefiel es dort wirklich sehr gut. Wir waren glücklich. Meine Frau war Botanikerin, sie konnte dort ihre Pflanzenstudien weiterführen und für Faith war die Insel ein Paradies, weil sie das Meer so sehr geliebt hat."
Er schluckte. „Ich forschte tagein, tagaus. Ich lieferte Spencer, was er haben wollte. Ich schaffte es, Medikamente für ihn zu entwickeln, um seinen Zustand zu stabilisieren und sein Leben um Jahre zu verlängern. Aber er gab sich nie zufrieden mit dem, was ich ihm lieferte. Eines Tages eröffnete er mir, was er wirklich von mir verlangte."
Claire lauschte gebannt. „Ich sollte ihm nichts Geringeres, als den Schlüssel zur Unsterblichkeit liefern."
„Wie bitte? Den Schlüssel zu Unsterblichkeit?"
„Ja. Spencer hatte diese Vorstellung, ein Gott zu werden. Und ich sollte ihm den letzten Teil dafür liefern. Jetzt verstand ich, warum der Progenitor Virus und warum diese abgelegene Insel."
„Haben Sie… es denn geschafft?", fragte Claire vorsichtig.
„Ich forschte, noch intensiver. Ich schaffte es sogar, aus dem Progenitor Virus ein Mittel zu gewinnen, dass den Alterungsprozess stark verlangsamt und das Leben verlängern konnte. Aber den Schlüssel zur Unsterblichkeit… den gibt es nicht. Ich wurde nicht fündig und Spencer war mit meinen Ergebnissen nicht zufrieden. Er wurde fordernder, ungeduldiger, weil er wusste, dass seine Lebenszeit kurz war."
Alex atmete tief durch. „Und dann kam dieser eine Tag, der alles verändern sollte."
„Was ist passiert?", fragte Claire eindringlich, weil sie sah, dass er nicht weitersprach. Er rang mit sich und sie spürte, wie schwer es für ihn war.
„Meine Tochter hat die Insel geliebt. Sie war immer unterwegs und hat alles erkundet. Aber sie war verlässlich. Sie wusste, wohin sie gehen durfte und wohin nicht und sie war immer zum vereinbarten Zeitpunkt zurück. Doch dann kam dieser Tag, der 14. Mai 2003. Faith war unterwegs, ich war im Labor, meine Frau in unserem Haus. Faith sollte um fünf Uhr zurück sein, aber sie kam nicht. Um viertel nach fünf kam meine Frau zu mir ins Labor und fragte mich, ob Faith bei mir sei. Ich verneinte, weil ich dachte, sie sei schon Zuhause. Wir wussten sofort, dass etwas nicht stimmen konnte. Sie hat sich nie verspätet. Wir gingen beide raus und suchten alle ihre Plätze ab, aber wir wurden bis zum späten Abend nicht fündig. Dann suchten wir in der Gegend, wo sie nicht hindurfte, weil es wegen der Flut und den Steinküsten zu gefährlich war. Und da fanden wir sie. Ich habe noch die Schreie meiner Frau im Ohr. Ich hab in dem Moment gar nichts gedacht. Ich war innerlich so leer, als ich sie da liegen sah."
Claire schlug sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund. Eine schreckliche Erkenntnis traf sie.
„Wir fanden sie… tot."
Eine bedrückende Stille entstand zwischen ihnen. Alex hatte die Ellbogen auf seine Knie gestützt und sah mit hängendem Kopf zum Boden. Sein Blick war leer.
„Die Flut musste sie angespült haben. Ihr Körper war total zerschunden, weil die Flut sie zwischen die Felsen getrieben hatte."
„Es tut… mir so unendlich Leid, Alex", sagte Claire leise. Sie wusste nichts anderes zu sagen.
„Wir hielten es für einen Unfall, das war die offizielle Version. Sogar Spencer hat mir sein Beileid ausgedrückt. Aber ich hatte meine Zweifel daran. Faith wusste, dass die Flut und die Felsenstrände gefährlich waren. Sie wäre niemals, niemals, dorthin gegangen. Ich habe ihren Körper dann untersucht. Ich habe meine eigene Tochter obduziert. Ich habe festgestellt, dass sie Betäubungsmittel im Blut hatte und sie hatte eine Einstichstelle einer Spritze am Arm. Außerdem wies sie blaue Flecke von Misshandlungen auf. Von da an stand fest, dass es kein Unfall war. Sie ist ermordet worden."
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Außer, dass es mir so unendlich Leid tut, Alex", sagte Claire betroffen und mitfühlend und legte ihre Hand auf seinen Unterarm.
Er nickte.
„Was ist dann passiert?"
„Wir waren am Boden zerstört, meine Frau und ich. Verständlich. Der Schmerz war so groß, dass… Ich hielt es nicht aus. Ich konnte den Gedanken, mein kleines Mädchen nie wieder zu sehen, einfach nicht ertragen. Ich hatte Alpträume davon. Ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass jemand ihr etwas angetan hat. Ich wollte sie zurück. Ich begann zu forschen, wie ich Faith wieder lebendig machen konnte."
„Aber wie?", fragte Claire ungläubig. „Wie sollte das gehen?"
„Ich begann zweigleisig zu fahren. Auf der einen Seite meine Forschung für Spencer, auf der anderen Seite meine Forschung an Faith. Ich verbrachte immer mehr Zeit im Labor. Ich entwickelte aus dem Progenitor- Virus den D- Virus, um Faiths Körper zu heilen und sie wieder lebendig zu machen. Spencer zur gleichen Zeit wurde immer ungeduldiger. Praktisch wöchentlich bombadierte er mich mit Anrufen und Mails. Er wollte Ergebnisse sehen. Er wurde immer fordernder. Er schickte mir tausende Testobjekte auf die Insel. Tausende Menschen. Was tat ich? Ich testete den D- Virus und seine Wirkung an ihnen. Es dauerte lange, bis ich Erfolg hatte. Alle Menschen starben und ich musste Spencer um neue Versuchsobjekte bitten. Nach außen gab ich vor, für ihn zu arbeiten, aber natürlich konnte ich ihm das verlangte nicht liefern. In dieser Zeit wurde die Beziehung meiner Frau und mir stark belastet und unsere Ehe litt sehr darunter. Meine Frau ertrug es irgendwann nicht mehr, was ich tat. Sie versuchte, mit der Sache abzuschließen, Faiths Tod zu akzeptieren und zu verarbeiten. Ich natürlich, konnte und wollte all dies nicht. Ich wollte sie zurückhaben. Meine Frau hat mich schließlich verlassen. Ich ertrug den ganzen Stress nicht mehr, den mir Spencer machte. Und dann erzählte er mir die Wahrheit über das Wesker- Projekt, dass Albert und ich nur seine Experimente gewesen waren und dass wir als Kinder entführt worden waren. Ich war am Ende meiner geistigen und körperlichen Kräfte. Mein ganzes Leben lag in Trümmern. Alles, was ich hatte, alles, an was ich geglaubt hatte, war zerstört. Ich konnte nicht mehr. Ich entschloss mich, dasselbe zu tun wie Albert. Ich rächte mich an Spencer, indem ich dem alten Mann Hoffnung machte. Er lag im Sterben, das wusste ich und ich schrieb ihm, wie gut die Experimente verlaufen würden. Dann nahm ich alles, mein Team, meine Forschung, Faith, einfach alles, und ging. Ich verließ die Insel und tauchte unter. Das ist unsere Geschichte."
„Ich verstehe."
„Möchten Sie Faith einmal sehen?", fragte Alex.
„Klar, wieso nicht. Natürlich."
Er ergriff seinen Rucksack, öffnete ihn und holte ein Foto heraus, das er Claire reichte.
„Das ist meine Tochter, ein paar Monate vor ihrem Tod." Er deutete auf ein kleines Mädchen, mit langen schwarzen Haaren. Sie hielt den Plüschhasen in der Hand und lächelte fröhlich in die Kamera. Claire erkannte sofort Alex´ Gesichtszüge bei ihr.
„Sie ist ein hübsches Mädchen."
„Ja, das ist wahr. Das im Hintergrund ist ihre Mutter, meine Frau."
Als Claires Blick zu der Frau wanderte, die hinter Faith stand, stutzte sie. Sie starrte die Asiatin an und dann ergoss sich die Erkenntnis wie ein Schwall kaltes Wasser über sie.
„Heißt Ihre Frau zufällig Laura Yamamoto?", fragte sie schließlich.
Jetzt war es an Alex zu stutzen. „Ja, das ist richtig. Woher kennen Sie meine Frau?"
„Sie wissen doch, dass ich bei TerraSave bin, oder?"
„Ja, das konnte ich bereits heraushören."
„Vor kurzem war ich auf einer Mission in Russland, die allerdings fürchterlich schiefgegangen ist. Ich bin schließlich mit diesem Mann namens HUNK in einer Umbrella- Anlage gelandet, die von B.O.W.s auseinandergenommen worden war. Wir fanden dort eine Überlebende, eine Frau, die dort gefangen gehalten worden war. Ihre Frau, Alex, Laura Yamamoto."
Alex starrte sie an. „Was ist mit meiner Frau passiert?"
„Sie war völlig durcheinander. Sie sprach andauernd von ihrem Mann und dass man seine Arbeit missbrauchen würde und dass ihre Tochter in Gefahr sei. Sie sagte ein gewisser „M" sei dafür verantwortlich. Oh, Alex, es tut mir so Leid. Man hatte Ihre Frau mit Uroborus infiziert. Sie verwandelte sich in ein Monster. Sie starb, als die Anlage zerstört wurde."
Alex begrub sein Gesicht mit den Händen. Er schüttelte den Kopf.
„Ich habe es geahnt", sagte er schließlich. „Ich wusste, dass es so kommen würde. Ich wusste, dass „M" sein Versprechen nicht einhalten würde."
„Alex, wer ist dieser „M"?"
„Ich weiß es nicht. Er hat meine Arbeit gestohlen, meine Frau entführt und gedroht, meine Arbeit an meiner Tochter zu vernichten, wenn ich ihm nicht helfe."
„Alex, bitte", sagte Claire flehend. „Sie müssen meinem Bruder und der B.S.A.A. die Wahrheit erzählen. Ich werde sofort oben ein Meeting einberufen. Sie müssen das erzählen, was Sie wissen. Was sie mir gerade erzählt haben."
Er warf einen letzten Blick auf das Foto und seine Tochter, dann nickte er.
„Also schön. Ja, Sie haben Recht. Es ist an der Zeit."
Sie waren alle im Konferenzraum versammelt. Sogar Albert Wesker hatte sich bereit erklärt, sich Alex´ Geschichte anzuhören, trotz seiner Wut, die er gegen die B.S.A.A. und die Regierung hegte. Er stand abseits der anderen. Gabriel Benton und Ingrid Hunnigan waren per Videokonferenz zugeschaltet. Es war totenstill während sie Alex´ Geschichte lauschten. Betroffenheit stand in ihren Gesichtern.
„Ich bin danach untergetaucht und habe meine Forschungen an Faith fortgesetzt", beendete Alex seine Erzählung.
Chris holte tief Luft, dann sagte er: „Ich denke, ich spreche nicht nur für mich, sondern auch im Namen aller… Es tut mir sehr Leid, was passiert ist, Alex. Das ist furchtbar, was mit Ihrer Tochter und Ihrer Frau passiert ist."
Alex nickte.
„Aber bitte, es bestehen noch viele offene Fragen. Was ist in Südamerika passiert? Und was genau ist der D- Virus? Hat er Ciudad de muchos colores verseucht? Unsere Untersuchungen und Analysen führten uns ins Leere und wir treten auf der Stelle. Ich bitte Sie, auch im Hinblick auf Ihre Tochter, sagen Sie uns die Wahrheit."
„Ich führte meine Forschungen im Untergrund weiter", fuhr Alex fort. „Ich habe fieberhaft versucht, einen Weg zu finden, meine Tochter zurückzuholen, aber es misslang immer wieder. Ich habe den D- Virus entwickelt, damit er meine Tochter zurück ins Leben holt. Er ist nicht gefährlich, er ist völlig harmlos. Seine Aufgabe ist die Reparation, Widerherstellung oder Erneuerung von Zellen. Er bewirkt genau das Gegenteil von allen Viren. Er führt nicht zu Mutationen und er tötet nicht. Er heilt. Einem gesunden Menschen verabreicht, löst er allenfalls grippeähnliche Symptome aus, bei den meisten Menschen gar nichts. Und so auch bei Faith. Meine Berechnungen waren offenbar falsch, denn der D- Virus konnte sie nicht wieder lebendig machen."
„Was haben Sie dann getan?", wollte Chris wissen.
„Ich suchte einen alten Freund."
Alex´ Blick wanderte zu Albert.
„Haben Sie Albert Wesker zurück ins Leben geholt?"
„Ja, das habe ich", antwortete Alex. „Ich hörte Gerüchte, er halte sich in Afrika auf, also bin ich 2009 dorthin gereist. Ich kam jedoch zu spät. Sie und Ihre Partnerin hatten ihn getötet. Ich habe seinen Körper aus der Lava geborgen und mit in mein Labor genommen. Der Virus war ganz schwach noch aktiv, Albert war also am Leben."
Albert starrte Alex mit ausdrucklosem Gesicht an. Er hatte die Arme verschränkt.
„Da der Virus jedoch nicht mehr richtig gearbeitet hat, habe ich Albert den D- Virus gegeben. Daraufhin hat sich ein Körper wieder repariert und seine Funktionen wieder aufgenommen. Der D- Virus hat ihm ein zweites Leben geschenkt." Alex hatte seine Stimme gesenkt und er wirkte niedergeschlagen. „Aber bei meiner Tochter hat er nicht funktioniert."
„Wissen Sie, warum?", fragte Leon.
„Nein." Alex schüttelte den Kopf. „Ich habe versucht, es herauszufinden, aber ich konnte den Fehler nicht finden. Der D- Virus funktioniert einwandfrei. Er erfüllt alle Funktionen, die er erfüllen soll. Aber bei Faith hat es nicht funktioniert."
„Wie konnte es sein, dass Albert in Gewalt dieses unbekannten Mannes war. Ich nehme mal an, dass es sich dabei um den ominösen „M" handelt", schlussfolgerte Chris.
„Albert zurückzuholen dauerte mehr als drei Jahre. Während dieser Zeit stellte ich etwas fest. Ein Rest von Uroborus befand sich noch in seinem Körper und regenerierte sich ebenfalls. Tatsächlich sogar schneller als Albert selbst. Ich konnte mir das nicht erklären, denn die Lava hätte es eigentlich vollständig vernichten müssen. Meine These dazu ist, dass es sich mit dem Progenitor- Virus in seinem Körper verbunden hat und von seiner Regenerationsfähigkeit profitiert hat. Als er wieder vollständig genesen war und alle Vitalfunktionen wiederhergestellt waren, war Uroborus wieder extrem stark. Genauso wie drei Jahre zuvor, als er es im Kampf gegen Sie in seinen Körper aufgenommen hat. Es gab Probleme damit."
„Welche?"
„Als Albert aufgewacht ist, merkte ich bald, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Er wurde schwächer. Uroborus saugte die Energie aus ihm raus. Es ging dir psychisch sehr schlecht", er wandte sich jetzt direkt an Albert, „Ich dachte zuerst, es hinge mit deinen traumatischen Erfahrungen zusammen, aber dann wurde mir klar, dass es der Einfluss von Uroborus war. Es missbrauchte dich als Wirt. Es hat Stimmen in deinen Kopf projiziert und dich mehr und mehr von uns abgeschirmt. Es wollte niemanden an dich heranlassen."
Er sah jetzt wieder zu Chris. „Sie wissen ja bereits, dass ich Arzt bin. Ich habe versucht, es chirurgisch aus seinem Körper zu entfernen, aber das stellte sich als Ding der Unmöglichkeit heraus. Uroborus hat alle Versuche, es aus Alberts Körper zu entfernen, zu verhindern gewusst. Gleichzeitig hat es ihn mehr und mehr zerstört. Es hat sich einen Weg zu seinem Herzen gefressen. Wenn wir länger gewartet hätten, hätte es ihn getötet. Wir mussten schließlich zur Holzhammermethode greifen."
Alex sah schuldbewusst nach unten. „Ich musste Alberts Arm abtrennen, das war die einzige Möglichkeit. Ich habe dann die Prothese für ihn entwickelt, ein Prototyp. Weil er sehr geschwächt war und mir sein psychischer Zustand Sorgen bereitet hat, versetzte ich ihn in Cryostase. Er schlief vielleicht ein halbes Jahr. Ich konnte Uroborus allerdings nicht vernichten und so bewahrte ich es ebenfalls in Cryostase- Schlaf auf. Ich denke, "M" hat sich auch das zunutze gemacht."
Alex warf einen kurzen Blick zu Albert, der sich abgewandt hatte und zum Fenster ging.
„Warum haben Sie Albert Wesker zurückgeholt?", fragte Chris sehr ernst.
„Ich wollte, dass er mir hilft. Ich habe so gehofft, er könne mir mit Faith helfen. Und ich fühlte mich schuldig. Wir haben uns Jahre nicht gesehen und er war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich war erschüttert, als ich ihn sterben sah. Ich hoffte sehnsüchtig auf den Tag, an dem ich ihn aus dem Schlaf befreien konnte, damit er mir mit Faith helfen konnte. Aber soweit sollte es nicht kommen."
„Wie meinen Sie das?"
„Eines Tages bekam ich ein Video zugespielt, auf dem man meine Frau sah. Man hatte sie entführt und gedroht, sie umzubringen, wenn ich ihnen nicht helfen würde. Ich wurde in meinem Labor überfallen. Man verlangte meine Forschungsergebnisse zum D- Virus. Ich wollte mich weigern, aber… ich hatte Angst um meine Frau. Und sie haben gedroht, meine Arbeit an Faith zu zerstören. Also half ich ihnen. Aber nach kurzer Zeit wurde mir meine Arbeit weggenommen. Die haben alles an sich gerissen und ich wurde eingesperrt. Sie weckten Albert aus dem Cryostase- Schlaf und benutzten ihn als willenlosen Sklaven. Ich hatte keine Kontrolle mehr über die Geschehnisse, weil ich in nichts mehr involviert war. Ich war ihr Gefangener. Sie verschleppten meine Frau irgendwohin und meine Tochter ebenso."
„Wie kam ich nach Südamerika?", fragte Albert plötzlich. Es war das erste Mal, dass er das Wort ergriff.
„Wir waren zuerst einige Zeit in einer Anlage in Deutschland, dann siedelten wir nach Südamerika über, in die Nähe der Stadt Ciudad de muchos colores. Ich fand später heraus, dass die Anlage der „Familie" gehörte. Der Drahtzieher hinter allem ist „M"."
„Wer ist dieser „M"?", fragte Ingrid Hunnigan. „Haben Sie irgendwelche Hinweise auf seine Identität?"
„Nein", sagte Alex. „Ich kenne seine Identität nicht. Ich habe noch nie sein Gesicht gesehen und auch noch nie seine richtige Stimme gehört. Er weiß es gut, sich zu verstecken und zu verschleiern, wer er ist. Ich habe keine Ahnung, wer dahinter steckt."
Chris seufzte und an seinem Gesicht war abzulesen, dass er enttäuscht war. Er hatte sich von Alex mehr erhofft.
„Wie haben Sie sich aus der Gefangenschaft von „M" befreit, Alex?", fragte Jill.
„In Südamerika ergriff ich die erstbeste Gelegenheit zur Flucht. Ich bin in die Stadt geflohen und da habe ich Sie gesehen, die B.S.A.A., und dass Sie Schwierigkeiten hatten."
Jills Miene hellte sich auf. „Sie haben uns geholfen! Sie haben mir das Leben gerettet!"
„Ja", bestätigte Alex. „Und ich war es auch, der der B.S.A.A. das Video zugespielt hat. Ich wusste, dass es seinen Weg zu Ihnen finden würde. Ich wollte Sie auf die Geschehnisse aufmerksam machen."
Jill und Chris sahen sich an und nickten. Alex fuhr fort:
„Ich floh nicht allein. „M" und seine Leute haben ein Mädchen festgehalten. Ich habe sie mitgenommen. Um uns zur Flucht zu verhelfen, habe ich Viren im Labor freigesetzt, die die Belegschaft infiziert haben. Ich konnte natürlich nicht vorhersehen, dass die Infektion in die Stadt vordringen würde und die B.O.W.s ausbrechen konnten."
„Langsam beginne ich zu begreifen", sagte Chris. „Alles setzt zu einem Bild zusammen. Es war also gar kein terroristischer Anschlag, sondern doch ein Unfall. Wer war dieses Mädchen? Wenn Sie von diesen Leuten festgehalten wird, dann muss sie eine Bedeutung haben."
„Das hat sie, oh ja", sagte Alex beunruhigt. „Nachdem ich von der Arbeit um den D- Virus komplett ausgeschlossen wurde, kann ich dazu leider wenig Auskunft dazu geben. Bevor wir geflohen sind, konnte ich allerdings einen Blick in den Computer werfen und einige Dokumente abrufen. Das Mädchen wurde in Deutschland ausfindig gemacht, deshalb waren wir zuerst dort. Sie stammt jedoch ursprünglich aus Raccoon City."
„Was?!"
„Ja. Sie ist ungefähr 17 Jahre alt. Sie erlebte den Virusausbruch dort als sie ein kleines Kind war. Wahrscheinlich kam sie mit einer Gruppe Überlebender aus der Stadt und gelangte dann irgendwie nach Europa, ich weiß es nicht. Ihre Mutter war eine Drogensüchtige und hat auch in der Schwangerschaft Drohen konsumiert, deswegen hat das Mädchen einen Hirnschaden. Sie ist autistisch und für ihr Alter weit zurückgeblieben. Sie kommuniziert kaum mit ihrer Umwelt. Sie wurde in Raccoon dem Virus ausgesetzt, aber statt zu mutieren, veränderte der Virus ihr Gehirn."
„Wie ist das möglich?", fragte Leon, der sich nur zu gut an die schrecklichen Bilder aus der infizierten Stadt mit all den Untoten erinnern konnte.
„Ich weiß es nicht", musste Alex zugeben. „Ich weiß nur, dass ihr Gehirn ein Hormon produziert und sie deswegen für diese Leute besonders wichtig ist. Das Hormon verändert den Stoffwechsel der Viren und erlaubt Kontrolle. Ich glaube, dass Albert damit zum willenlosen Sklaven gemacht wurde."
„Was genau ist das für eine Substanz und was bewirkt sie bei den Viren?", fragte Ingrid Hunnigan.
„Ich weiß nur, dass es ein Hormon ist. Es wurde vorläufig einfach nur "X" genannt, weil es völlig unbekannt ist", erklärte Alex weiter. „Es bewirkt, dass die Mutationsrate bei den Viren stark abnimmt, sodass sie unter Kontrolle gehalten werden können."
„Was könnten diese Leute damit bezwecken?"
„Ich weiß es nicht. Bevor ich mich weiter in die Unterlagen vertiefen konnte, mussten wir fliehen. Als wir in die Stadt kamen, war sie bereits größtenteils infiziert. Wir versteckten uns dort, aber diese Leute haben uns verfolgt. Das Mädchen ist mir weggelaufen, weil sie Angst hatte. In einer neuen Umgebung wird sie panisch und ängstlich. Ich musste sie zurückholen und dabei haben sie vermutlich unser Versteck ausfindig gemacht. Während ich der B.S.A.A. geholfen habe, haben die das Mädchen wieder in ihre Gewalt gebracht. Es geht ihr nicht gut. Sie braucht dringend medizinische und therapeutische Betreuung und diese Leute misshandeln sie."
„Wie haben sie von der geplanten Entführung von Sherry Birkin und Jake Muller erfahren?" Benton meldete sich jetzt zu Wort.
„Als ich die Unterlagen durchsah, stieß ich auf eine geheime Akte über Jake Muller und Sherry Birkin, die unter anderem Untersuchungen über die beiden enthielt. Dort war vermerkt, dass man die beiden plante zu entführen. Nachdem ich in Südamerika nichts mehr tun konnte, bin ich sofort in die USA zurückgereist, um den beiden zu helfen."
„Eines verstehe ich nicht", sagte Rebecca Chambers. „Wir haben Proben aus Südamerika analysiert und dabei festgestellt, dass die Viren gar nicht überlebensfähig waren. Die B.O.W.s waren… körperlich missgebildet oder sind schon in den Crysaliden abgestorben. Wir konnten nur ermitteln, dass der C- Virus sie geschaffen hat. Können Sie Licht ins Dunkel bringen?"
„Ja, zumindest im Groben. „M" und seine Leute haben meinen D- Virus mit dem C- Virus und anderen kombiniert. Mit wenig Erfolg. Erst das Hormon, das sie aus dem Gehirn des Mädchens gewonnen haben, brachte den gewünschten Erfolg. Es stabilisierte die Viren. Aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen, es tut mir Leid. Ich habe die Viren wahrscheinlich vor der Behandlung mit dem Hormon freigesetzt, also waren sie noch nicht voll ausgereift."
„Wenn ich das jetzt zusammenfasse", sagte Chris, „dann möchte jemand einen neuen Virus schaffen und das Mädchen ist der Schlüssel dazu. Ohne das Mädchen haben die nichts."
„Ja", pflichtete ihm Alex bei. „Ich habe am Rande mitbekommen, dass sie versucht haben, das Hormon synthetisch herzustellen, aber das muss wohl misslungen sein. Sie brauchen das Mädchen. Deshalb müssen wir sie befreien, bevor es zu spät ist."
„Haben Sie eine Idee, wohin man sie gebracht haben könnte?", wollte Ingrid Hunnigan wissen.
„Nein, leider nicht."
„Wissen Sie, was diese Leute wollen? Was planen die?"
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur so viel, es ist etwas Großes im Gange. Und wir müssen diese Leute aufhalten."
Schweigen entstand in der Runde. Man sah an ihren Gesichtern, dass sie sich mehr von Alex erwartet hatten. Sie standen erneut am Anfang.
„Wir müssen in diese Richtung weiterforschen. Wenn das Mädchen wirklich diese entscheidende Bedeutung für diesen ominösen „M" hat", sagte Clive O´Brian, „dann ist es obligatorisch, dass wir sie finden. Wir werden ein Team damit beauftragen. Im Moment steht aber die Auswertung der Daten aus Alaska an. Wir müssen wissen, was mit Piers Nivans passiert ist, vielleicht gibt uns das etwas mehr Aufschluss."
O´Brian nickte Ingrid Hunnigan zu, die seine Geste erwiderte.
„Das Meeting ist beendet", sagte sie dann. „Ich bitte die beiden Wesker zu einem Gespräch unter acht Augen."
Alex und Albert wechselten einen Blick miteinander. Chris, Jill und die anderen verließen den Konferenzraum und die beiden Männer blieben allein zurück.
„Ich denke, Sie beide wissen, um was es geht", sagte Hunnigan ernst. Wesker gab ein leises Schnauben von sich und besah sie mit einem verächtlichen Blick. Er hatte immer noch die Arme vor seiner Brust verschränkt. Alex neben ihm hatte den Kopf ein wenig gesenkt und ließ die Schultern hängen.
„Trotz der Differenzen aus der Vergangenheit", fuhr Hunnigan fort, wobei sie vor allem Albert Wesker eingehend musterte, „sind wir, das heißt die Regierung und die B.S.A.A. auf ihre Zusammenarbeit und Hilfe angewiesen. Sie beide sind bedeutende Forscher in ihren Gebieten und wir benötigen ihre Expertise, das ist unerlässlich."
„Wie bitte? Sie verlangen, dass wir mit Ihnen zusammenarbeiten?!", fragte Wesker.
„Es ist nur in Ihrem Interesse, Mr. Wesker. So unangenehm uns allen diese Situation ist, wir stehen auf derselben Seite gegen denselben Feind. Derselbe Mann, der Sie beinahe getötet hätte und Sie als willenlosen Sklaven missbraucht hat, hat ebenso die Frau von Alex Wesker getötet und dessen Tochter in seiner Gewalt. Außerdem brauchen wir dringend Informationen. Wenn „M" wirklich an einem neuen Virus arbeiten sollte, könnte die Welt vor einer neuen bioterroristischen Bedrohung stehen. Und das betrifft uns alle."
„Was verlangen Sie?", fragte Alex und sah auf.
„Sie, Alex, werden, da Sie Mediziner sind, zusammen mit Rebecca Chambers Agent Piers Nivans untersuchen, um festzustellen, was man mit ihm während seine Gefangenschaft angestellt hat. Sie, Albert, werden als Virenforscher zusammen mit Dr. Martin ein Team bilden und die Proben und die B.O.W.s analysieren."
„Sie verlangen einiges, Ms. Hunnigan", knurrte Albert erbost. „Wenn ich mich darauf einlasse, dann schulden Sie mir eine Gegenleistung. Und dafür, dass Sie mir verschwiegen haben, dass ich einen Sohn habe." Er wandte sich wütend ab und schritt durch den Raum.
„Was wollen Sie, Wesker?", fragte Benton gelangweilt.
„Ist das nicht offensichtlich. Meine Freiheit."
„Sie wissen genauso gut wie wir, dass das nicht geht, Mr. Wesker", sagte Hunnigan geduldig, aber an ihrem Gesicht war abzulesen, wie verärgert sie angesichts der Dringlichkeit über Weskers Forderung war. Er vergeudete unnötig Zeit.
„Das wird aber zu gehen haben", sagte Wesker, „denn wenn nicht, dann werde ich Ihnen nicht helfen und Alex auch nicht. Und ich habe ja deutlich herausgehört, dass Sie auf… unsere Expertise angewiesen sind. Also würde ich Ihnen dringend raten, sich das gut zu überlegen."
„Ich kann es nicht in Worte fassen, wie sehr Sie mich gerade anwidern, Mr. Wesker", sagte Ingrid Hunnigan. „Es steht weit mehr auf dem Spiel und Sie erpressen uns wegen solcher Nichtigkeiten und behindern unsere Ermittlungen!"
„Albert…" Es war Alex, der das Wort ergriff. „Bitte, können wir reden." Er ergriff Albert am Arm, dann wandte er sich dem Bildschirm zu. „Bitte geben Sie uns etwas Zeit. Ein paar Stunden oder bis morgen Bedenkzeit."
„Das darf doch wohl nicht wahr sein!", fluchte Benton laut. „Sie sind nicht in der Position Forderungen zu stellen! Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie viel Zeit wir verschwenden?"
„Sie haben genau fünf Stunden, ab jetzt, Zeit, um sich zu besprechen. Wenn Sie sich weigern, zu kooperieren, dann können Sie sich ja ausrechnen, was Ihnen blüht", sagte Hunnigan mehr als deutlich. „Das ist eine Warnung an Sie beide. Und jetzt schicken Sie mir bitte Agent Helena Harper herein."
„Agent Harper, ich denke, Sie wissen, was Ihnen bevorsteht", sagte Hunnigan ernst und versuchte dabei, ihre Enttäuschung zu überspielen.
„Ja, das weiß ich."
„Sie haben sich einer direkten Anordnung von oben verweigert und den klaren Befehl missachtet, Albert Wesker nicht von Jake Muller zu erzählen", sagte Benton. „Wegen Ihnen und Ihrem verantwortungslosen Vorgehen ist die gesamte Operation gefährdet, da sich Albert Wesker weigert, zu kooperieren und Forderungen stellt."
Helena beobachtete Benton, wie er vor dem Bildschirm auf und abschritt. Sie sah Hunnigan an, dass sie mit sich rang.
„Sie werden hiermit auf direkten Befehl des Präsidenten von dem Fall abgezogen. Außerdem werden Sie bis auf weiteres vom Dienst suspendiert werden. Sie haben Ihren Dienstausweis, sowie ihre Waffe abzugeben. Sie müssen darüber hinaus mit Disziplinarmaßnahmen rechnen. Haben Sie etwas zu Ihrer Verteidigung hervorzubringen?"
„Nein", sagte Helena schlicht. „Ich übernehme selbstverständlich die volle Verantwortung für mein Tun, denn ich habe unrecht gehandelt, indem ich einen unmissverständlichen Befehl missachtet habe."
„Gut. Sie bleiben solange in New York. Dann werden unsere Leute Sie zurück nach Washington begleiten."
Hunnigan schüttelte den Kopf. „Warum Helena, können Sie mir das erklären? Warum haben Sie das getan? Sie haben den Jungen in Gefahr gebracht."
„Ich habe nichts Weiteres zu sagen. Ich denke, alles ist geklärt."
„Albert, bitte", flehte Alex Wesker, doch er fand wenig Gehör bei seinem Gegenüber. „Ingrid Hunnigan hat Recht. Wir stehen diesmal alle auf derselben Seite. Wir haben denselben Feind. „M" hat uns beiden Leid zugefügt. Willst du keine Vergeltung dafür?"
„Oh und ob ich das will", sagte Albert Wesker, „aber dazu brauche ich nicht die Hilfe der Regierung und mit Sicherheit nicht Chris Redfield und die B.S.A.A.!"
Alex merkte, wie die Wut in ihm hochkochte. Er ging auf Albert los und schubste ihn kraftvoll an den Schultern. „Du bist unglaublich!", wütete er und Albert war für einen kurzen Moment von der Angriffslustigkeit seines Jugendfreundes irritiert. „Kannst du mal einen Augenblick vielleicht nicht nur an dich denken, sondern auch an andere?! An mich zum Beispiel?! Du kotzt mich gerade so was von an, Albert! Meine Tochter ist da draußen und alles, an was du denkst, ist nur dein Scheißego!"
„Du wagst es…"
„Ja, ich wage es. Was willst du tun, Albert? Mit mir kannst du nicht so umspringen wie mit anderen, wenn dir was nicht passt. Ich bin dir nämlich gleich auf! Na komm, wenn du es darauf anlegst!"
Albert fletschte die Zähne und ballte die Hände zu Fäusten. „Treib es nicht zu weit, Alex. Bild dir ja nichts ein, nur weil du mich zurückgeholt hast! Ich habe dich nicht darum gebeten!"
„Ich habe dich zurückgeholt, weil ich dich brauche, Albert", sagte Alex flehend. „Ich wollte, dass du mir hilfst! Und du führst dich hier auf wie ein Kleinkind! Wo ist dein Problem?! Sie wollen, dass wir ihnen bei der Forschung helfen, nichts anderes. Also reiß dich mal zusammen und spring über deinen Schatten! Du hast nichts zu verlieren, Albert. Du kannst nicht allein da draußen gegen diese Leute antreten. Wir brauchen Hilfe."
„Du vielleicht, Alex, aber ich nicht", sagte Albert entschieden und wandte sich ab. Er fühlte sich unwohl und alles war ihm zu viel. Er fühlte sich wie in einem Käfig eingesperrt.
„Albert…" Alex hatte sich beruhigt und die Verzweiflung sprach jetzt aus ihm. Er wirkte plötzlich so schwach und zerbrechlich, dass es beinahe beängstigend war. „Du warst immer wie ein Bruder für mich und ich habe mir solche Vorwürfe gemacht, dass ich Spencer habe zwischen uns kommen lassen. Weißt du, was sie mit Laura gemacht haben? Sie haben sie mit Uroborus infiziert und in ein Monster verwandelt." Er griff in seine Tasche und holte das Foto seiner Familie heraus. „Sieh es dir an! Willst du wissen, was man mit diesem kleinen Mädchen gemacht hat?! Man hat sie misshandelt und dann wie Abfall weggeworfen! Wie würdest du dich an meiner Stelle fühlen, wenn man das mit Jake gemacht hätte?! Wenn man deine Familie zerstört hätte?!"
Albert warf Alex einen Blick über die Schulter zu.
„Ich habe dich nie um irgendetwas gebeten. Aber ich bitte dich jetzt. Sieh es einfach als vorläufigen Waffenstillstand an. Wir müssen nur mit ihnen zusammenarbeiten, bis das Ganze geklärt ist. Danach kannst du machen, was du willst. Aber solange brauche ich dich. Ich schaff das nicht allein. Ich will Rache für meine Familie und du willst Rache für das, was man dir angetan hat. Wir haben dasselbe Ziel, Albert. Tu es für mich. Ich habe dir das Leben zurückgeschenkt."
„Um das ich nicht gebeten habe", sagte Albert leise und resignierend. Das Gefühl der Machtlosigkeit, keine Wahl zu haben, unfrei zu sein, quälte ihn wie nichts sonst.
Alex seufzte und hob resignierend die Arme. „Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Ich bin genauso ein Gefangener hier wie du. Weißt du, warum ich in die Zusammenarbeit mit der Regierung eingewilligt habe? Es war dein Sohn, Albert, der mich überzeugt hat. Und er hatte vollkommen Recht. Ich war ein Einzelkämpfer da draußen und habe es nicht geschafft. Aber jetzt habe ich Hilfe, die ich nutzen werde. Ich werde nicht so dumm sein. Bitte, mach es nicht schwerer als es ist."
„Also schön, aber ich tue es das nur dir zuliebe und weil ich einen Vorteil daraus ziehen will. Es ist eine reine Mittel zum Zweck- Verbindung. Ich werde die erstbeste Gelegenheit nutzen, um mich von der B.S.A.A. loszusagen."
Alex nickte. „Gut, damit kann ich leben."
