Leon S. Kennedy 1977: Alex tut mir beim Schreiben selber oft Leid. :( Und ich kann schon mal so viel verraten, dass es noch mehr Offenbarungen für ihn geben wird, ebenso wie für Albert. :)
„Jetzt ergibt das endlich alles einen Sinn", sagte Chris und spielte mit einem Kugelschreiben in seinen Fingern.
Er und Jill saßen noch spätabends im verlassenen Konferenzraum und sprachen über alles, was Alex ihnen erzählt hatte. Sie hatten sogar die alten Unterlagen aus dem Spencer- Anwesen aus dem Archiv geholt und nochmals gelesen, um sie mit Alex´ Erzählung zu vergleichen.
„Ja. Das ist wirklich Wahnsinn", sagte Jill, während sie den Tagebucheintrag las, in dem Spencer von den neuen Hoffnungen geschrieben hatte. „Hier steht, dass Alex ihm geschrieben hat, alle Experimente würden sehr gut verlaufen."
„Das war aber eine Lüge", sagte Chris. Jill nickte.
„Das ist schon irgendwie heftig, was mit seiner Familie passiert ist."
„Nichtsdestotrotz hat er tausende Menschen auf dem Gewissen, Jill, und er ist dafür verantwortlich, dass wir vor einer neuen bioterroristischen Bedrohung stehen. Vielleicht der schlimmsten, die wir je hatten."
„Chris, er ist ein Vater, der um sein Kind trauert. Und die Verzweiflung darüber, hat ihn dazu gebracht. Das entschuldigt niemals die Dinge, die er getan hat, aber er ist nicht wie Albert. Er handelt aus völlig anderen Motiven."
„Nein, Jill, er trauert nicht um seine Tochter. Wenn er das tun würde, würde er nicht seit Jahren versuchen, sie wieder lebendig zu machen. Ich glaube, dass trauern genau das ist, was er nicht kann. Er glaubt auch, dass er mit seiner Wissenschaft so viel Macht hat, aber schlussendlich richtet er auch nur Zerstörung an."
Jill legte die Akte beiseite, erhob sich von ihrem Platz und setzte sich auf den Schoß ihres Verlobten.
„Chris, du solltest nicht immer alles so schwarz und weiß sehen. Alex hilft uns immerhin. Ich glaube, er hat ein Stück weit aufgegeben und es schien wirklich so, als würde er eine gewisse Reue empfinden."
Sie sahen sich tief in die Augen. „Ich hoffe sehr, dass du Recht hast."
Es war fast Mitternacht, als Leon an Helenas Zimmertür klopfte. Sie waren zurück im Hotel, um sich auszuschlafen und von der Mission zu erholen.
Bis auf seinen Arm, den ein B.O.W. erwischt hatte und um den er einen Verband trug, war er glücklicherweise wohlauf.
Helena hatte nichts von ihrem Gespräch mit Hunnigan und Benton erzählt, sondern hatte die B.S.A.A.- Zentrale unmittelbar verlassen, Leon hatte aber schon eine gewisse Vorstellung, was sie besprochen hatten. Es konnte gar nicht anders sein, als dass Helena Wesker von seinem Sohn erzählt hatte und vermutlich musste sie jetzt die Konsequenzen ihres Handelns tragen.
Für Leon war es ein Rätsel, warum sie das getan hatte. Er schätzte Helena als seine Partnerin und als Freundin, aber im Moment hatte er nur Unverständnis für sie übrig. Sie hatte in jeder Hinsicht, unverantwortlich gehandelt.
Als sich auf das erste Klopfen nichts regte, dachte er schon, sie wäre bereits schlafen gegangen. Er wartete ein paar Minuten, dann wollte er sich schon umwenden und zu seinem Zimmer zurückgehen, da öffnete sich die Tür.
„Du bist doch noch wach", sagte er. „Tut mir Leid, ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt."
Sie trug einen Morgenmantel.
„Nein, ich habe gerade ferngesehen. Komm rein."
Er betrat zögerlich ihr Zimmer. Helena schaltete das Fernsehgerät aus.
„Ich denke, du weißt, warum ich hier bin", sagte Leon, worauf sie nickte.
„Warum hast du das getan?"
Sie antwortete nicht. „Helena, du hast Jake in Gefahr gebracht, ist dir das klar? Ich kann das nicht glauben, dass du das getan hast. Wir wollten den Jungen damit beschützen."
Sie atmete tief ein und aus. „Ich weiß, Leon. Als wir die Nacht in dieser Hütte verbracht haben, bin ich lange wachgelegen und habe nachgedacht, was ich tun sollte. Ich habe mich schließlich dazu entschieden, es ihm zu sagen. Früher oder später hätten wir das sowieso tun müssen."
„Ja, das mag ja sein", widersprach Leon, „aber eben nicht jetzt. Wir sind auf Weskers Kooperation leider angewiesen und gerade zu diesem kritischen Zeitpunkt war das nicht sonderlich gut überlegt. Er ist jetzt noch weniger zu Zusammenarbeit bereit als vorher, weil er ziemlich wütend ist."
„Ich weiß das alles, Leon, aber… ich kann meine Entscheidung nicht rückgängig machen. Ich habe sie wohl überlegt getroffen."
Sie sahen sich für einen Moment an, dann hellte sich Leons Miene auf.
„Warte mal, du hast das geplant, oder? Du hast es ihm mit einer gewissen Absicht erzählt."
„Ja. Wir brauchen sein Vertrauen, Leon. Wir sind auf ihn und diesen Alex angewiesen, deshalb wollte ich ihn dazu bringen, mir zu vertrauen. Klar, die Situation ist… verfahren, aber… Ich glaube, dass ich… einen gewissen Draht zu ihm kriege. Er ist mir gegenüber nicht mehr so feindselig. Und ich war immerhin die einzige, die mit ihm reden konnte."
„Bilde dir nichts ein, Helena, und sei verdammt noch mal, vorsichtig. Du weißt nicht, wer dieser Mann ist und was er getan hat, zu was er in der Lage ist." Leon war besorgt um seine Partnerin. Sie spielte mit dem Feuer und er hielt das, was sie sagte, für zu weit hergeholt.
„Ich glaube schon, dass ich das weiß."
„Was hast du mit Hunnigan besprochen? Was passiert jetzt mit dir?"
„Ich bin suspendiert worden. Und ich werde Disziplinarmaßnahmen erwarten müssen."
„War es das wert? Deinen Job zu riskieren für den?"
„Ich weiß, dass ich das Richtige getan habe."
„Agent Birkin, kommen Sie bitte herein."
Nervös erhob sich Sherry von ihrem Sitzplatz und betrat das Zimmer des Arztes. Sie hatte endlich ihr Untersuchungsergebnis erhalten. Nach ihrer Entführung waren sie und Jake auf Herz und Nieren geprüft und allen möglichen Tests unterzogen worden. Sie fand das Prozedere albern, aber ihr war nichts anderes übrig geblieben, als es stillschweigend hinzunehmen. Hunnigan war nur um ihre und Jakes Sicherheit besorgt, das war alles, und da niemand wusste, was mit ihnen in Alaska angestellt worden war, mussten alle Eventualitäten ausgeschlossen werden.
„Na, endlich, Mann", stöhnte Jake gelangweilt. Er drückte ein letztes Mal ihre Hand, dann verschwand sie und schloss die Tür hinter sich.
Jake wartete derweil ungeduldig und das erste, was er tat, als sie nach einer Viertelstunde wieder auf den Flur trat, war, sie nach ihren Ergebnissen zu fragen. Sherry jedoch eilte ohne ihn anzusehen an ihm vorbei, als hätte sie vergessen, dass er gewartet hatte.
„Sherry?", rief Jake ihr völlig entgeistert nach, doch sie reagierte nicht. Sie verschwand blitzschnell außer Sichtweite. „Was zum Teufel…?!"
Er hob resignierend die Arme und sank erschöpft auf seinen Stuhl zurück. Erst wollte ihm Hunnigan nicht sagen, wo Alex Wesker war und was er tat und wann er endlich mit ihm sprechen konnte, dann verhielt sich auch noch Sherry merkwürdig. Es war wirklich nicht seine Woche.
„Wir haben Sie entschieden, Mr. Wesker?", fragte Ingrid Hunnigan wenig enthusiastisch.
„Alex und ich sind darüber einig geworden, dass wir Ihnen tatsächlich helfen werden", sagte Albert Wesker, während er vor dem Telebildschirm auf und ab schritt. „Allerdings nicht ohne Gegenleistung."
„Ich höre."
„Es geht um zwei Dinge. Erstens können Sie sich ja mit Sicherheit denken, dass wir nicht länger Ihre Gefangenen sein werden. Ich verlange, dass wir uns in der Stadt frei bewegen dürfen. Zweitens, und das betrifft jetzt ausschließlich mich, verlange ich, Jake Muller kennenzulernen. Als sein Vater habe ich ein Recht darauf."
Hunnigan hatte schon damit gerechnet. Ihre Befürchtung war tatsächlich wahr geworden. Sie wandte sich hilfesuchend an Benton, der neben ihr stand und der die beiden Männer mit einem Blick voller Verachtung strafte. Zu ihrem Ärgernis sagte er nichts.
„Ist das Ihr letztes Wort?", fragte Hunnigan.
„Sie haben uns verstanden", sagte Albert Wesker mit Bestimmtheit in der Stimme.
„Wenn wir uns nicht darauf einlassen, werden Sie uns nicht helfen, oder?"
„Das haben Sie richtig erfasst. Und wie Sie ja betont haben, benötigen Sie unsere Expertise. Also dürfte die Antwort nicht schwierig sein."
Hunnigan hob resignierend die Hände. „Benton…"
„Also schön, was bleibt uns für eine andere Wahl. Unsere Bedingung ist allerdings, dass Sie sich nur in Begleitung draußen im Umkreis des B.S.A.A.- Gebäudes bewegen dürfen. Und Sie werden Jake Muller erst sehen, wenn Sie uns Ergebnisse geliefert haben. Außerdem wird Ihr Treffen unter strenger Beobachtung stattfinden."
„Sie müssen sehr armselig sein", bemerkte Albert Wesker mit einem süffisanten Grinsen.
„OK, Mr. Nivans?"
Alex beugte sich über den B.S.A.A.- Agenten, der Alex mit einem ängstlichen Blick musterte. Piers lag auf einem Labortisch, zur Untersuchung bereit. „Entspannen Sie sich bitte. Ich werde Ihnen jetzt Blut abnehmen."
Rebecca Chambers reichte ihm eine Nadel und mehre Röhrchen. Piers verkrampfte, als Alex ein Band um seinen linken Oberarm schnürte, um den Blutfluss zu stauen, und schließlich die Nadel an seiner Armbeuge ansetzte.
„Gleich haben wir es", sagte Alex beschwichtigend, entfernte das Band und setzte die Röhrchen an die Nadel, sodass das Blut hineinlaufen konnte.
„Was werden Sie mit mir tun?", fragte Piers Nivans.
„Wir werden erst mal Ihre Blutwerte überprüfen, Piers", sagte Rebecca und lächelte ihn freundlich an. „Dann werden wir weitersehen."
„Können Sie mir helfen?", fragte Piers an Alex gewandt und nickte mit dem Kopf in Richtung seines rechten Arms, der durch ein mutiertes Gebilde ersetzt worden war.
„Das kann ich Ihnen leider noch nicht sagen", musste Alex zugeben. „Vielleicht schaffen wir es ja, die Mutation wieder zurückzudrehen, sodass Ihr Körper wieder normal wird. Vorerst aber müssen wir uns erst mal einen Überblick über Ihren Gesamtzustand machen, verstehen Sie?"
Piers nickte.
Die B.S.A.A. hatte Alex alle bislang bekannten Informationen über den C- Virus zur Verfügung gestellt und Chris hatte geschildert, wie es zu Piers Nivans Infizierung gekommen war. Er hatte im Kampf seinen Arm verloren und sich die Dosis gespritzt, um seinem Captain zu helfen. Der Arm konnte offenbar elektrische Schläge verursachen. Alex nahm sich vor, darauf einen besonderen Blick zu werfen. Er hatte dem Forscherteam detaillierte Erläuterungen zu seinem D- Virus zukommen lassen.
Rebecca Chambers assistierte ihm fast ausschließlich. Er arbeitete fast ununterbrochen, bis spät in die Nacht. Es dauerte nicht lange, bis Alex den C- Virus in Piers´ Körper gefunden hatte. Er fand ihn jedoch nicht in seiner ursprünglichen Form, sondern verändert vor, sodass er lange Testreihen durchführen musste.
„Ms. Chambers, haben Sie eine Idee?"
Sie betrachteten auf ihrem Computer eine Abbildung einer Zelle. Alex hatte sie aus Piers Nivans Blut isolieren können. Sie ähnelte in ihrer Struktur dem C- Virus, zeigte allerdings keinerlei schädliche Mutationen.
„Ich glaube, Ihr D- Virus steckt darin, Alex", mutmaßte Rebecca und vergrößerte das Bild.
„Jaah, das sehe ich, aber wie haben die den Virus stabilisiert? Die Viren würden absterben. Beides ist verändert. Und es ist bei Mr. Nivans keine Reaktion des Immunsystems festzustellen. Das ist seltsam. Könnte das Hormon des Mädchens…"
Alex arbeitete unermüdlich, dass er stets der Erste war, der das Labor betrat und der Letzte, der es verließ. Es war ihm gleichgültig, was er tat, solange es nur weiterhalf, seine Tochter Faith zu finden und die Leute zur Rechenschaft zu ziehen, die sie gefangen hielten.
Ab und zu besuchte Claire Redfield ihn und erkundigte sich, wie es ihm ging. An einem Abend- er arbeitete bereits seit einer Woche für die B.S.A.A.- kam sie spätabends zu ihm, als er allein im Labor war.
Sie klopfte und riss ihn aus seinen Gedanken. Er hatte gerade durch ein Mikroskop gesehen, die Zellen des neuen Virus untersucht und sich Notizen auf einem Blatt Papier gemacht. Als er aufsah, stand sie in der Tür und lächelte ihn freundlich an.
„Hey, Sie sind so spät noch hier?", fragte sie.
„Ja, die Arbeit ist sehr wichtig. Wir müssen vorankommen." Er zog sich seine weißen Plastikhandschuhe aus und warf sie in den nahestehenden Mülleimer. „Was führt Sie so spät hierher?"
„Ich wollte Sie gerne etwas fragen."
„Und was?"
„Würden Sie mich… auf einen Kaffee in die Kantine begleiten?", fragte Claire.
Alex war auf ihre Frage nicht gefasst gewesen. Es kam ein wenig überraschend für ihn, aber er fand die Geste sehr nett. Er überlegte kurz.
„Es sei denn, Sie haben noch etwas zu erledigen, dann…"
„Nein, nein. Wir sind für heute fertig, denke ich. Und es ist schon spät. Ich werde Sie gern auf einen Kaffee begleiten." Er legte seinen Laborkittel ab und fuhr den Computer herunter.
Es war schon viertel nach elf, als Claire und Alex die Kantine betraten. Es war niemand hier, nur das Fräulein an der Essensausgabe, das die metallenen Behältnisse säuberte und die Theke wischte. Die meisten Stühle waren schon hochgestellt. Es herrschte kein normaler Betrieb mehr, nur für die B.S.A.A.- Mitarbeiter im Nachtdienst wurden noch Kaffee und belegte Brote angeboten.
Sie bestellten sich jeder eine Tasse Kaffee und suchten sich einen Platz.
„Nehmen Sie Zucker, Alex, oder Milch?", fragte Claire, die nach einem Zuckerstreuer gegriffen hatte.
„Milch ist in Ordnung, aber keinen Zucker." Sie nickte.
Sie setzten sich an einen kleinen Tisch. Claire häufte etwas Zucker auf ihren Löffel und reichte Alex das Milchkännchen.
„Danke." Er trank nur selten Kaffee und er befand ihn auch für etwas zu stark, aber er war dennoch dankbar für den Koffeinschub, der seine Lebensgeister neu entfachte. Sein Nacken war verspannt vom vielen Sitzen im Labor.
„Wie geht es mit Ihrer Arbeit voran?"
„Sehr gut, wir kommen voran. Ich schätze, dass wir bald Ergebnisse haben."
„Wie steht es um Piers Nivans?"
„Es geht ihm gut. Er mutiert nicht und ist stabil."
„Das freut mich wirklich zu hören."
Sie schwiegen für einen Moment. Claire überlegte, wie sie das, was sie sagen wollte, anbringen konnte. Sie wollte nicht zu sehr auf ihn eindringen, denn sie wusste, wie schwer er es im Moment hatte. Auch wenn er es beiseiteschob und sich nichts anmerken ließ und sich in die Arbeit stürzte, war es trotzdem ersichtlich, dass er völlig am Boden und verzweifelt war. Die Geschichte mit seiner Familie nahm ihn sehr mit.
„Wie geht es Ihnen jetzt, Alex? Ich meine, nachdem die Wahrheit jetzt… raus ist", fragte Claire vorsichtig.
Alex sah nachdenklich auf seine Tasse hinab und spielte mit dem Löffel. Er beobachtete die Kreisbewegungen der hellbraunen Flüssigkeit einige Zeit, dann antwortete er ohne Claire Redfield anzusehen:
„Ich weiß nicht. Ich bin schon erleichtert, aber… andererseits… Ich weiß nicht, wie ich darüber denken soll."
„Ich verstehe das sehr gut", antwortete Claire. „Sie haben einen großen Schritt gewagt, Alex, aber ich glaube, es war sehr wichtig. Wir können Ihnen helfen, das weiß ich."
„Wir werden sehen."
„Ich…" Claire wusste nicht recht, wo sie anfangen sollte. „Ich würde gerne mehr über Sie erfahren und auch über Ihre Tochter. Würden Sie mir noch mehr erzählen?"
Er sah auf und musterte sie eingehend. „Warum? Warum sind Sie so bemüht um mich?"
„Ihre Geschichte hat mich zugegeben bewegt, Alex. Und ich sehe es als sehr wichtig an, sich um einander zu bemühen."
Alex nickte. „Das respektiere ich. Und ich kann es nachvollziehen, dass Sie so denken. Sie müssen mir meine Verschlossenheit verzeihen, ich habe bislang noch niemanden getroffen, der sich so für mich persönlich interessiert hat."
„Es ist nie zu spät, Alex. Ich möchte nicht, dass Sie mich als aufdringlich empfinden und ich möchte Sie nicht bedrängen. Ich…"
Claire wusste eigentlich nicht genau, was sie wollte. Sie hatte nur das Bedürfnis, für Alex dazusein. Warum wusste sie nicht wirklich. „… Ich möchte nicht, dass Sie mit Ihren Problemen allein sind."
„Ich verstehe."
Sie verfielen in ein peinliches Schweigen und Claire bereute es sofort, dass sie Alex gefragt hatte.
„Ich brauche dringend frische Luft. Begleiten Sie mich auf einen Spaziergang?", fragte Alex dann völlig unerwartet.
„Ähm, klar, warum nicht", sagte Claire sofort.
„Dann kommen Sie."
Sie gingen am Ufer des Hudson Rivers entlang. Die winterliche Stadt war von unzähligen kleinen Lichtern erleuchtet. Ein paar Schneeflocken rieselten auf sie herab. Claire hatte Bella mitgenommen, die brav neben ihnen an ihrer Leine trottete. Als sie eine Bank erreichten, löste Claire die Leine von Bellas Halsband und ließ sie im Schnee herumtollen. Sie nahmen Platz und genossen den Ausblick auf den Fluss.
Alex atmete tief durch. Es war eine willkommene Abwechslung, endlich einmal aus dem Gebäude der B.S.A.A. und dem stickigen Labor herauszukommen.
„Es ist so ruhig", bemerkte Claire. „Das ist schön." Bella brachte ihr einen Stock und Claire warf ihn.
„Ja. Auf dieser Insel, auf der wir gelebt haben, war es ebenfalls immer so ruhig. Es war einsam, aber angenehm. Wir hatten allerdings keinen Winter und keinen Schnee, aber dafür Palmen und Meeresstrand."
„Mochte Ihre Familie dieses einsame Leben? War das für Ihre Tochter nicht ein bisschen hart, ohne Kontakte aufzuwachsen? Oder Ihre Frau?"
„Meine Frau hat es nicht gestört, weil sie… eine eher zurückhaltende Person war. Und ich schätze den Trubel der Gesellschaft ebenso wenig. Unsere Tochter kam nach uns. Sie war immer sehr für sich und in sich gekehrt. Wir schätzten alle drei die Einsamkeit und die Ruhe sehr. Und außerdem war es bei uns von Anfang an sowieso immer sehr still."
Claire grinste. Sie war genau das Gegenteil von Alex und seiner Familie. Soweit sie sich zurückerinnern konnte, war sie immer gern unter Leuten gewesen, hatte immer viele Kontakte gesucht. Auf dem College hatte sie das laute Partyleben geschätzt.
„Wie genau meinen Sie das? Dass es immer sehr still bei Ihnen war."
„Meine Tochter Faith ist leider… sie war nicht wie andere Kinder."
„Ich verstehe nicht…"
„Meine Tochter Faith war gehörlos. Taubstumm."
„Was?!", fragte Claire erschrocken und betroffen. „Das tut mir sehr Leid."
Alex nickte.
„Was ist passiert?"
„Meine Tochter war… von Anfang an… ein sehr kluges Mädchen. Das teilt sie mit mir und Albert. Sie war immer sehr weit entwickelt für ihr Alter. Sie konnte schon mit anderthalb, zwei Jahren sehr komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge verstehen und interessierte sich für meine Arbeit. Aber uns fiel auf, dass sie oft sehr abwesend und teilnahmslos war. Manchmal reagierte sie auf uns, manchmal nicht. Und sie sprach nicht. Sie blieb stumm. Wir hatten keine Erklärung dafür, weil das nicht zu ihrer Intelligenz gepasst hat."
„Wie haben Sie es rausgefunden?"
„Wir dachten zuerst, es wäre etwas Psychologisches. Aber dann eines Tages ist etwas passiert. Wir haben einen Spaziergang gemacht und Faith ist ein Stück vorausgelaufen. Sie ist zu ein paar gefährlichen Felsen gelaufen und wäre beinahe ins Wasser gestürzt. Wir haben sie gerufen, immer lauter, aber sie hat nicht reagiert. Das Wasser hätte sie beinahe fortgerissen. Ich habe sie gerade noch rechtzeitig fangen können. Meine Frau hat dann die unbequeme Wahrheit ausgesprochen, dass Faith nichts hören kann. Ein paar einfache Tests später hatten wir die traurige Gewissheit. Ich habe mir hinterher Vorwürfe gemacht, dass ich es als Arzt nicht eher gemerkt habe."
„Das tut mir wirklich sehr Leid", sagte Claire mitfühlend. „Wie haben Sie das geschafft?"
„Meine Frau und ich haben dann Gebärdensprache gelernt. So haben wir mit Faith kommuniziert. Wir kamen gut zurecht und haben unseren Alltag sehr gut gemeistert. Ich habe natürlich versucht, Faith zu behandeln, aber ich konnte ihr leider schon damals nicht helfen."
Verbitterung sprach aus seiner Erzählung heraus.
Gegen halb eins kehrten sie ins B.S.A.A.- Gebäude zurück. Claire folgte Alex in das Zimmer, das er vorübergehend bezogen hatte, solange er hier forschen musste.
„Wie war Faith? Können Sie sie beschreiben?"
„Sie war ein… sehr aufgewecktes, fröhliches Mädchen. Sehr lebenslustig trotz ihres Handicaps. Ich habe das oft sehr bewundert. Sie mochte die Insel sehr gerne. Vor allem das Meer und alles darin hat sie geliebt. Sie wollte auch nie Fisch essen, weil sie alle Meeresbewohner so geliebt hat. An ihrer Umgebung, an der Natur, war sie sehr interessiert. Und sie hatte eine erstaunliche Beobachtungsgabe. Können Sie mir mal meine Tasche herüberreichen?"
„Klar." Claire nahm Alex´ Rucksack und reichte ihn ihm.
„Ich habe einige Sachen von ihr aufgehoben. Das Foto hier, das kennen Sie ja schon. Dann den Hasen."
Er holte den Plüschhasen heraus. „Den Hasen hier hat sie geliebt. Ohne ihn konnte sie nie einschlafen. Manchmal hat sie ihn auf ihre Erkundungstour mitgenommen. Eines Tages kam sie nach Hause und wollte ins Bett, da hat sie festgestellt, dass er nicht mehr da war."
„Oh, nein", sagte Claire lachend. „Ich kann mir vorstellen, was passiert ist."
Zum ersten Mal sah sie Alex lächeln, wenn er von Faith erzählte. Es gefiel ihr.
„Es gab ein Drama. Wir mussten mit der Taschenlampe raus und ihn suchen. Er lag am Strand, völlig schmutzig, voller Sand und Schlamm, und nass. Wir hatten wirklich zu kämpfen, dass wir ihn wieder sauber bekommen haben. Aber sie hat sich riesig gefreut, dass er wieder da war."
„Das glaube ich. Ich hatte auch so ein Tier, das ich überall mit herumgeschleppt habe. Eines Tages habe ich es irgendwo vergessen. Ich war sehr traurig und mein Bruder musste mich trösten."
„Faith war auch eine Künstlerin."
„Eine Künstlerin?"
„Ja, sehen Sie mal hier." Er griff erneut in seinen Rucksack und holte einen Skizzenblock heraus. „Faith hat immer gemalt, wenn sie unterwegs war. Alles was sie gesehen hat."
Er reichte Claire den Block und sie schlug ihn auf. Ihr stockte der Atem, als sie die Bilder durchblätterte.
„Da war sie gerade sechs Jahre alt, als sie diesen Block gemalt hat. Sie hat dutzende solcher dicken Blöcke vollgemalt, aber dieser enthält ihre besten Arbeiten, finde ich."
Claire staunte nicht schlecht. Sie sah Bleistiftzeichnungen, die von Fotos so gut wie nicht zu unterscheiden waren, so detailgenau waren sie erstellt worden. Sie sah perfekte Abbildungen der Anatomie von Fischen, Korallen und Seesternen, von Pflanzen, Vögeln und dem Meer.
„Das hat eine Sechsjährige gemalt?", fragte sie ungläubig. „Das ist unglaublich. Sie ist wirklich talentiert."
„Das war sie, ja." Alex senkte den Blick und seufzte.
Claire legte den Block beiseite, ergriff seine Hand und drückte sie aufmunternd. Er war von ihrer sanften Geste überrascht und sah sie entgeistert an.
„Wir finden Ihre Tochter, Alex, ich bin mir absolut sicher. Und Sie werden Sie wiederbekommen."
Alex musste zugeben, dass er ihren Optimismus nicht teilen konnte. Er fühlte seit längerem eine wachsende Leere in sich und er spürte, dass seine Hoffnungen mehr und mehr schwanden. Er schätzte es durchaus, dass sich Claire Redfield um ihn sorgte und versuchte, ihm Zuversicht zu geben, aber er wusste nicht, wie er es angemessen wertschätzen sollte. Er wusste auch nicht, ob er ihre Annäherung überhaupt wollte.
„Ich hoffe, Sie werden Recht behalten."
Er brauchte lange und er musste sich stark konzentrieren, aber allmählich erlangte Albert wieder Gefühl in den Fingern seiner rechten Hand und konnte wieder feinmotorische Arbeiten ausführen. Er musste langsamer und bedachter arbeiten und manchmal sein rechtes Handgelenk mit der linken Hand stützen, aber es funktionierte. Er war froh, denn es war mühevoll und kräftezehrend, auf die linke Hand umzuschulen.
Genau wie Alex verbrachte er Tag und Nacht bei der Arbeit in den Laboratorien. Das Team um Dr. Martin bestand aus fähigen Wissenschaftlern, aber er suchte kaum Kontakt mit ihnen und sprach nur das Nötigste mit ihnen. Er trat in regen Austausch mit Alex, dessen Ergebnisse ihm weiterhelfen konnten.
Der tote B.O.W. war in der Kühlung aufbewahrt worden und sollte nun genau unter die Lupe genommen werden. Albert wurde schmunzelnd an sein Biologiestudium erinnert, in dessen Verlauf er und seine Mitstudenten Tier seziert hatten, als das Reptil vor ihm auf dem Labortisch lag und er mit einem scharfen Messer einen Schnitt entlang des Rumpfes vornahm. Dr. Martin beobachtete ihn.
„Die Speiseröhre ist gepanzert", bemerkte Wesker.
„Was kann das bedeuten?"
„Die Magensäure nimmt wahrscheinlich den Weg nach oben. Sehen wir uns mal das Maul an."
Er schob vorsichtig die beiden kräftigen Kiefer auseinander und besah sich die Mundhöhle. „Wie ich mir dachte. Der Mund innen hat eine dicke Hornhautschicht. Also können wir davon ausgehen, dass sie Magensäure hochwürgen."
„Vielleicht als Waffe", überlegte Dr. Martin. Er nahm eine Blutprobe des B.O.W.s und überreichte sie einem Assistenten zur Analyse.
„Suchen Sie Alex´ D- Virus darin. Und untersuchen Sie die Geschlechtshormone."
„Können wir davon ausgehen, dass alle diese B.O.W.s männlich sind?"
„Ja", sagte Wesker entschieden. „Das Weibchen war doppelt so groß und ich denke, dass sich einer von denen hier mit ihr gepaart hat."
Als nächstes besahen sie die Rückenplatten und die messerscharfe Schwanzspitze.
„Das ist wie eine kugelsichere Weste", sagte Dr. Martin und klopfte auf den harten Knochenpanzer. „Und der Schwanz ist eine tödliche Waffe."
„Scharfe Krallen haben Sie auch."
Ganz zum Schluss untersuchten sie das Nervensystem und das Gehirn.
„Großer Gott", murmelte Dr. Martin vor sich hin. „Das ist unglaublich. Ihr Gehirn ist sehr weit entwickelt. Und sie dürften auch größere Intelligenz als viele Säugetiere haben. Wenn das binnen kurzer Zeit gezüchtet werden konnte, dann möchte ich gar nicht wissen, was passiert, wenn sie sich ein paar Generationen fortpflanzen."
Albert sah nachdenklich auf den B.O.W. vor sich. Er erinnerte sich genau an die eindringlichen Empfindungen, die er in ihrer und der Gegenwart des Weibchens verspürt hatte. Er musste mit Alex sprechen. Nachdem dieser den D- Virus benutzt hatte, um ihn von den Toten zurückzuholen und sich der Virus in seinem Körper befand, lag die Vermutung nahe, dass er deswegen eine Verbindung zu den neuen B.O.W.s spürte. Sie erkannten ihn vermutlich als einen von ihnen an.
Die Tage vergingen rasch, während sie forschten. Wesker hatte nicht mehr an seine seltsamen Symptome gedacht, die er in Alaska gehabt hatte, da er sich danach wieder völlig gesund gefühlt und gedacht hatte, die Beschwerden seien abgeklungen. Er sollte sich jedoch geirrt haben.
Mit der Zeit kehrten leichte Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindelgefühle zurück. Es war lästig, aber er ertrug es anfangs sehr gut. Als er sich an einem Morgen erneut übergeben musste, blieb er eines Abends, als alle Forscher bereits gegangen waren, länger im Labor, kontrollierte sein Blut und stellte dabei fest, dass sein Virus nicht mehr stabil war. Er brauchte dringend sein Serum. Er entschloss sich, noch das Ende ihrer Untersuchungen abzuwarten, und dann mit der Arbeit an einem neuen Serum zu beginnen.
Er wollte schon das Labor verlassen, als er jemanden bemerkte, der in der Tür stand. Es war Helena Harper. Er verdrehte die Augen hinter seiner Sonnenbrille und seufzte. Sie konnte es einfach nicht lassen.
„Hey, Sie sind ja noch hier so spät? Arbeiten Sie noch?"
„Was wollen Sie? Hat man Sie nicht von dem Fall abgezogen?", fragte Wesker.
„Das ist richtig, aber das verbietet mir nicht, dieses Gebäude zu betreten und mit Ihnen zu reden, oder? Möchten Sie?"
Sie hielt ihm einen Becher heißen Kaffee hin. Es erinnerte ihn an seine S.T.A.R.S.- Zeit, als er und sein Team, wenn entweder Observationen oder lange Nächte im Büro anstanden, oft aus Pappbechern Kaffee getrunken hatten. Er akzeptierte mit einem Nicken.
Helena trat in den Raum. „Sie arbeiten nicht mehr an dem Fall, oder? Weil alle schon weg sind und Sie allein hier. Hecken Sie etwa etwas aus?"
„Selbst wenn, würde ich es Ihnen mit Sicherheit nicht sagen", sagte Wesker gleichgültig.
„Seien Sie nicht so zu mir", entgegnete Helena. „Immerhin wüssten Sie ohne mich nichts von Jake Muller. Ihrem Sohn."
Wesker stutzte bei Erwähnung von Jake.
„Ich habe meinen Job deswegen verloren", fuhr Helena fort. „Weil ich Ihnen das gesagt habe."
„Wie bitte?", fragte Wesker.
„Ich bin suspendiert worden", erklärte sie und nahm einen Schluck ihres Kaffees. „Und mit meiner Vorgeschichte werden die mich unter Garantie rauswerfen, das ist sicher."
„Wieso haben Sie es dann riskiert?"
„Ich weiß nicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich es tun sollte. Ich fand es nicht richtig, Ihnen Jake vorzuenthalten. Bzw. dem Jungen zu verschweigen, dass sein Vater lebt. Wie ich gehört habe, wollen Sie Jake kennenlernen."
Wesker nickte nur. Helena grinste. „Sie trauen uns nicht, oder? Sie wollen wirklich wissen, ob er ihr Sohn ist. Ich darf Ihnen sagen, dass er Ihnen sehr ähnlich sieht."
„Gut zu wissen." Er wandte sich ab von ihr. Helena setzte sich auf einen Labortisch und stellte ihren Kaffeebecher neben sich.
„Wenn Sie Ihren Job verloren haben, warum sind Sie dann noch hier in New York?", erkundigte sich Wesker.
„Ich bin zwar nicht mehr an dem Fall beteiligt, aber, wie ich eingangs schon sagte, das verbietet mir nicht, das Gebäude der B.S.A.A. zu betreten und mit Ihnen zu reden. Außerdem habe ich meinen Job noch nicht verloren. Die Chancen stehen zwar sehr schlecht für mich, aber… noch gibt es Hoffnungen."
„Wieso sollten Ihre Chancen schlecht stehen?"
„Meine Vergangenheit", sagte Helena.
„Dass Sie zur Ermordung des Präsidenten beigetragen haben?"
„Ja, aber nicht nur. Meine zweifelhafte Karriere reicht noch etwas weiter zurück."
Wesker deutete ihr, dass sie fortfahren sollte.
„Ich war bei der CIA, allerdings hatte Hunnigan vom D.S.O. schon länger Interesse an mir. Sie erinnern sich an meine Schwester Deborah?"
Wesker nickte. „Sie hatte damals einen Freund. Ich konnte den Kerl von Anfang an nicht ausstehen. Unsere Eltern hingegen waren begeistert von ihm. Meine Schwester hat ihn in der Kirchengemeinde, in der sie war, kennengelernt. Was soll ich sagen? Er hat sie verprügelt. Natürlich hat sie es verheimlich, weil sie sich geschämt hat. Rausgekommen ist es erst, als er sie krankenhausreif geschlagen hat."
Während sie sprach, fiel Helena auf, dass sie bislang mit niemandem über diese Geschichte gesprochen hatte, nicht mal mit ihrem Partner Leon. Sie hatte es gemieden und auch verschwiegen, weil sie sich schämte, genau wie es Deborah getan hatte.
Gegenüber Albert Wesker fiel es ihr leichter darüber zu reden, vermutlich weil er ihr nicht nahestand und ein Außenstehender war. Sie schätzte es, dass sie es in seiner Gegenwart aussprechen konnte, was in ihr vorging. Beim Gedanken an ihre Schwester und wie sie nach der Prügelattacke ausgesehen hatte, kochte noch heute die Wut in ihr hoch.
„Was haben Sie getan?", fragte Wesker, der sich die Antwort darauf fast denken konnte.
„Ich habe ihn mit meiner eigenen Dienstwaffe fast erschossen. Nur fast, der Mistkerl hat´s überlebt, aber das war mein Glück. Ich wurde deswegen „nur" abgemahnt und bei der CIA rausgeworfen. Meine Stelle beim D.S.O. war damit auch weg und in jeder meiner Akten gibt es jetzt unangenehme Vermerke über mein Temperament, was ich nicht im Griff habe und meine Neigung zu Gewalt. Keine Ahnung, wie ich dann beim Secret Service landen konnte. Den Rest der Geschichte kennen Sie ja."
„Hat Simmons das gewusst?"
„Ja, in der Tat. Und er hat es schamlos gegen mich verwendet. Mit der Vorgeschichte und jetzt diesem schweren Verstoß gegen eine Anordnung von ganz oben, wird mir nichts mehr helfen."
„Das wussten Sie vorher. Sind Sie nur hierhergekommen, um mir Ihre Lebensgeschichte auszubreiten?", sagte Wesker gleichgültig. Er nahm seinen ersten Schluck von seinem Kaffee und musste zugeben, dass er erstaunlich gut schmeckte.
„Ja, das mag sein. Trotzdem bereue ich es irgendwie nicht. Und nein, ich bin nicht deswegen hierhergekommen. Ich habe keine Ahnung, warum ich Ihnen das gerade erzählt habe. Beantworten Sie mir eine Frage, Wesker: Warum haben Sie am Anfang nur mit mir geredet? Warum nicht mit O´Brian und den anderen?"
Wesker antwortete nicht. „Lassen Sie mich raten: Ich war einfach etwas netter und geduldiger mit Ihnen. Ich habe mir eben als Einzige Gedanken über Ihre Situation gemacht. Ich weiß, dass es nicht einfach für Sie ist. Haben Sie schon etwas Gegessen?"
Wesker war irritiert von ihren schnellen Themenwechseln. Er schüttelte den Kopf.
„Ich auch noch nicht. Ich wollte in das Bistro auf der anderen Straßenseite. Ich lade Sie ein, wenn Sie möchten."
„Wie bitte?!", fragte Wesker empört. „Wohl eher nicht."
„Kommen Sie, geben Sie sich einen Ruck. Sie haben doch sowieso nichts mehr für heute zu tun. Also…"
Wesker ließ resignierend die Schultern hängen. Er wusste nicht warum, aber er gab sich besagten Ruck.
Er nahm nur ein Sandwich, weil er fürchtete sein Magen könne erneut rebellieren. Helena bestellte sich einen Salat mit Thunfisch.
„Bevor ich zum ersten Mal mit Ihnen gesprochen habe, habe ich alle Akten über Sie gelesen."
„Das haben Sie bei unserem Aufenthalt in Alaska bereits erzählt."
„Und dort habe ich gesehen, wie sie kämpfen. Und Alex Wesker ist genauso wie Sie. Sie beide sind unglaublich. Die Dokumente, die die B.S.A.A. erstellt hatte, gaben keine genaue Auskunft darüber. Aber es hat etwas mit dem zu tun, was sie Jake weitervererbt haben, oder? Antikörper."
„Das haben Sie richtig erfasst, Agent Harper. Alex und ich teilen etwas Bestimmtes und ja es ist dasselbe, das ich auch Jake vererbt habe."
Helena sah ihn erwartungsvoll an, während sie an ihrem Wasser nippte. „Ich bin neugierig, denn… Ich war wirklich beeindruckt von Ihnen beiden. Und auch Jake ist ein… außergewöhnlicher Junge."
„Haben Sie ihn bereits getroffen?", fragte Wesker.
„Oh, verzeihen Sie, das wissen Sie noch nicht. Ja, Leon und ich haben ihn und Sherry Birkin in China zum ersten Mal getroffen. Die beiden waren in Edonien entführt und in eine Anlage der „Familie" verschleppt worden, wo sie sechs Monate festgehalten wurden. Wir trafen Sie später, als wir gemeinsam einen B.O.W. bekämpft haben."
„Ich verstehe. Nun… Alex und ich tragen beide eine spezielle Genmutation in uns, die nur sehr selten, das heißt bei nur 2% der Weltbevölkerung auftritt. Unser Immunsystem ist verändert und besitzt starke Antikörper gegen alle erdenklichen Viren. Jake trägt es auch, weil er es von mir geerbt hat."
„Ich verstehe, aber das erklärt nicht, warum Sie Kräfte wie… Superman haben."
„Wir haben uns beide einen Virus injiziert. Nachdem unser Immunsystem die schädliche Wirkung von Viren ausschalten kann, können wir von der positiven Wirkung profitieren. Die Viren sind eigens für diesen Zweck konzipiert worden. Es verleiht uns die übermenschlichen Kräfte."
„Ich bin wirklich baff. Eins frage ich mich aber noch: Die Akten sprachen davon, dass Christopher Redfield und Sheva Alomar Sie mit einem Serum vergiftet haben, um Sie zu schwächen. Was war das für ein Serum."
Wesker blickte nachdenklich durch das Fenster nach draußen. Regentropfen liefen an der Scheibe hinab.
„Der Virus in meinem Körper muss stabil bleiben. Dafür Sorge hat immer ein Serum getragen, allerdings war eine Überdosierung schädlich."
Sie nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.
„Brauchen Sie das Serum jetzt auch wieder?"
Wesker nickte. „Ich muss ein neues herstellen."
„Brauchen Sie Hilfe dabei?"
„Nein. Außerdem glaube ich, dass… eine nicht fachkundige Person mir wohl keineswegs hilfreich sein könnte."
„Ich vielleicht nicht, aber jemand anderes. Rebecca Chambers vielleicht."
„Danke, aber ich brauche keine Hilfe", sagte Wesker entschieden.
„Entschuldigung, ich hatte schon vergessen, dass Sie nicht so gerne Hilfe von außen annehmen. Apropos Rebecca." Helena musste lachen. „Sie scheint einen Heidenrespekt vor Ihnen zu haben. Ich glaube, sie sieht Sie vielleicht immer noch… als ihren Captain von den S.T.A.R.S. an."
„Das ist durchaus plausibel."
Es hatte sie gute zwei Wochen gekostet, aber schließlich standen die Ergebnisse fest. Sie waren alle im Konferenzraum versammelt: Chris, Jill, Sheva, Claire, Leon, HUNK, Rebecca, O´Brian und die beiden Wesker. Ingrid Hunnigan und Gabriel Benton waren wieder per Videokonferenz zugeschaltet. Helena Harper fehlte freilich, da sie auf Anordnung des D.S.O. offiziell von der Untersuchung abgezogen worden war.
Die beiden Wesker, die ihre Forschungsergebnisse darstellen sollten, standen an der Stirnseite des Tisches und hatten einen Laptop aufgebaut.
„Nachdem wir alle eingetroffen sind, denke ich, können wir beginnen", sagte O´Brian, nickte zuerst Hunnigan und Benton, dann den beiden Weskern zu.
„Setzen Sie uns bitte zuerst über Agent Piers Nivans Zustand in Kenntnis", sagte Hunnigan.
„Alex." Albert erteilte ihm mit einer einladenden Handbewegung das Wort.
„Agent Piers Nivans geht es sehr gut. Wir haben ihn eingehend untersucht und dabei festgestellt, dass die Mutation des C- Virus zum Stillstand gekommen ist. Das bedeutet, er wird sich nicht weiter verändern."
„Wenigstens das", meinte Chris erleichtert.
„Man hat den Verlauf der Virusinfektion in seinem Körper zum Erliegen gebracht. Ich habe lange gebraucht, bis ich es tatsächlich aus seinem Blut isolieren konnte und ich war mir nicht absolut sicher, aber jetzt kann ich ihnen mit Gewissheit sagen, dass man ihm den D- Virus gegeben hat und das Hormon, das aus dem Gehirn des Mädchens stammt. Diese Kombination, C- Virus, D- Virus, Hormon X", er tippte auf dem Laptop und eine vergrößerte Aufnahme einer Zelle erschien auf dem Bildschirm, „ist offenbar der Schlüssel. So gelingt es, die Mutation zu stoppen. Dieses Etwas, das dann entsteht, können Sie hier sehen. Eine starke Vergrößerung durch ein Elektronenmikroskop."
Sie betrachteten eingehend die fast runde Zelle.
„Was genau ist das, Alex? Eine neuer Virus?", fragte Claire, für die sich das Ganze nicht erschloss.
„Die Vermutung liegt nahe", antwortete Albert Wesker. „Es hat Eigenschaften eines Virus. Es hat keinen eigenen Stoffwechsel, weil ihm Ribosomen, Mitochondrien und ein Zytoplasma fehlen. Es kann sich auch nicht selbst vermehren. Es braucht Zellen als Wirt. Das sind alles typische Eigenschaften, die man bei einem Virus vorfinden kann. Außerdem habe ich nur RNA identifizieren können."
„Wie hat sich das Ganze auf Piers ausgewirkt? Ich meine, die geben ihm das Zeug doch nicht einfach so, oder?", fragte Jill vorsichtig.
„Genau das ist der Punkt, Jill", sagte Albert und drückte die Maus. Die Mikroskopaufnahme wechselte zu einer schematischen Darstellung. „Als wir diesen „Virus" identifiziert haben, aber keine typischen Erscheinungen eines Virus entdecken konnten, haben wir ein bisschen weiter geforscht."
„Sie wissen ja, dass ich nicht nur Arzt, sondern auch Genetiker bin", fuhr Alex fort. „Ich habe bei Mr. Nivans eine Genomanalyse, das heißt eine DNS- Sequenzierung, durchgeführt und dabei leider etwas Beunruhigendes festgestellt."
„Und was?", fragte Chris. Das konnte nichts Gutes verheißen.
„Der neue Virus sucht nicht direkt Wirtszellen, um Schaden anzurichten, er verbindet sich mit der DNS, genauer gesagt, mit der Erbinformation und verändert sie. Er führt zu Genmutationen."
„Etwas konkreter bitte", forderte Ingrid Hunnigan.
„Mr. Nivans Gene verändern sich. Der Vorgang ist noch nicht abgeschlossen, er dauert noch an, wahrscheinlich weil das menschliche Genom sehr umfangreich ist. Ich kann den Ausgang dieser Entwicklung leider nicht voraussagen. Wir müssen abwarten, bis er abgeschlossen ist. Albert allerdings hat einen anderen Versuch gemacht, der uns vielleicht etwas konkreter Aufschluss geben könnte."
„Ich habe den neuen Virus aus Mr. Nivans Blut vollständig isolieren können", erklärte Albert weiter. „Ich habe ihn dann einer Maus verabreicht, um zu sehen, was er bei ihr bewirkt. Und tatsächlich, die Maus ist nicht mutiert, sie ist kerngesund."
„Ich habe das Genom der Maus ebenfalls untersucht, allerdings vor und nach Verabreichung des Virus. Ich habe festgestellt, dass die Maus jetzt ein verändertes Erbgut hat. Als ich die betroffenen Gene isoliert habe, habe ich gemerkt, dass sie jetzt unter anderem immun gegen bestimmte Erreger ist, die Mäuse besonders häufig befallen. Außerdem wurde ein Krebsgen bei ihr ausgeschaltet", sagte Alex.
„Das ist alles ziemlich rätselhaft, finde ich", meinte Sheva. „Das heißt, was genau ist mit der Maus passiert? Und was heißt das für Piers Nivans?"
„Das kann ich Ihnen gerne sagen, Ms. Alomar", sagte Alex. „Wir konnten die Entwicklungen mehrerer hundert Generationen an Evolution binnen weniger Wochen im Labor beobachten. Einzig, weil die Maus mit dem neuen Virus infiziert ist."
„Wenn diese Maus", ergänzte Albert, „sich fortpflanzt, wird sie die veränderten Gene weitergeben. Ihre Nachkommen könnten noch weiter entwickelt sein. Auf Kurz oder Lang wird das eine neue Gattung von Maus schaffen. Eine, die ihren natürlichen Verwandten, weit überlegen ist, diese vielleicht auf absehbare Zeit verdrängen könnte. Bei Mr. Nivans könnte es ähnlich aussehen. Sollte er in der Zukunft Kinder haben, werden diese Kinder seine verbesserten Gene bekommen."
„Welche im Einzelnen das sind, müsste ich konkret durch Isolierung der Gene bestimmen, aber es wird ähnlich wie bei der Maus sein. Vielleicht ein Gen gegen Krebs, oder auch Diabetes, das ist spekulativ."
„Summa summarum?", sagte Gabriel Benton.
„Wer auch immer diesen Virus geschaffen hat, hat dies nicht zum Zwecke bioterroristischer Anschläge getan", schloss Alex. „Dieser Virus stellt im Prinzip keine Gefahr dar."
„Fakt ist aber auch, dass", sagte Albert sehr ernst, „wenn er in Umlauf kommen sollte, er die Menschen verändert. Da wir Menschen im Gegensatz zur Maus eine sehr lange Zeitspanne zwischen den Generationen haben, wird es natürlich länger dauern, aber bis in wenigen Jahrzehnten könnte durch diese gezielten Genomveränderungen eine völlig neue Gattung von Mensch entstehen."
„Das klingt sehr beunruhigend", sagte Sheva an Chris gewandt, der zustimmend nickte.
„Was ist mit den B.O.W.s?", wollte Clive O´Brian wissen. „Hat man die ebenfalls mit diesem neuen Virus geschaffen?"
„Nicht ganz", sagte Albert Wesker. „Bei ihnen konnten wir nur den D- Virus und das Hormon des Mädchens feststellen. Ich vermute, dass sie aus den Huntern gezüchtet wurden, denn ich konnte Hunter- DNS bei ihnen nachweisen. Das Hormon in Kombination mit Alex´ D- Virus hat auch bei ihnen eine sehr schnelle Evolution begünstigt. Ihr Gehirn ist groß und weitentwickelt, das ist für Reptilien und auch die Hunter sehr ungewöhnlich. Ihre Intelligenz dürfte die von Primaten bei Weitem übersteigen. Außerdem…", er stockte für einen kurzen Moment, als sich die Bilder aus der Anlage in Alaska vor sein geistiges Auge schoben, „haben sie die Fähigkeit der Fortpflanzung erlangt."
„Das sollte unmöglich sein", sagte Rebecca. „B.O.W.s können sich gar nicht fortpflanzen."
„Da haben Sie Recht, Ms. Chambers", sagte Albert, „B.O.W.s sind normalerweise sogenannte Hybride. Sie sind unfruchtbar und können sich nicht reproduzieren. Außerdem haben wir bei unserer Arbeit in den Arklay Mountains, als wir unter anderem die Hunter gezüchtet haben, immer darauf geachtet, nur Weibchen zu züchten."
„Aber warum, wenn sie sowieso unfruchtbar sind?", fragte Claire.
„Ganz einfach. Die Männchen wären aggressiv übereinander hergefallen. Die Weibchen tun das nicht. Die Hormone eben. Bei den B.O.W.s, die Agent Harper und ich in der Anlage entdeckt haben, war es eben umgekehrt. Sie waren alle männlich, bis auf den großen B.O.W. in dem Nest. Das war das Weibchen. Und nachdem sie Eier gelegt hatte, können wir davon ausgehen, dass sie sich mit einem der Männchen gepaart hat. Das tote Männchen, das wir mitgebracht haben, das ich untersucht habe, hatte einen sehr hohen Testosteronspiegel im Blut. Das heißt, es war paarungswillig."
„Großer Gott", murmelte Jill beunruhigt. „Die Viecher könnten sich binnen kurzer Zeit scharenweise vermehren."
„Wenn sie es nicht schon getan haben", fügte Leon missmutig hinzu. „Wer weiß, in wie vielen geheimen Umbrella- Labors man die Viecher gehalten hat."
„Umso wichtiger ist es, dass wir die Weibchen und ihre Nester aufspüren und vernichten. Dann werden sie früher oder später ganz natürlich aussterben."
Bedrückende Stille entstand. Alex und Albert wechselten einen Blick miteinander. Schließlich ergriff Chris das Wort.
„Ist es möglich, die Wirkung des C- Virus in Piers´ Körper umzukehren, dass er wieder normal wird?"
„Das ist schwierig", sagte Alex. „Nachdem seine Mutation erst deutlich nach der Infizierung mit dem C- Virus stabilisiert wurde, zeigt er natürlich diese Veränderungen äußerlich. Im Gegensatz zur Maus. Wird man sofort mit dem Gesamtpaket infiziert, passiert gar nichts mit einem. Ich kann Ihnen, ehrlich gesagt, diese Frage nicht beantworten, Mr. Redfield. Ich müsste weitere Untersuchungen mit Mr. Nivans durchführen, um das klar sagen zu können. Ich sage nicht, dass es unmöglich ist, aber es wird schwierig werden."
„Verstehe", sagte Chris entmutigt. „Aber bitte, tun Sie, was Sie können, Alex."
„OK. Ich werde sehen, was sich machen lässt."
„Wie geht es weiter? Was werden die Regierung und die B.S.A.A. tun?", fragte Albert und verschränkte die Arme.
„Oberste Priorität hat das Ausfindigmachen und Ergreifen der Verantwortlichen. Nachdem wir nach unserem jetzigen Kenntnisstand davon ausgehen können, dass es sich dabei um den ominösen „M" handelt, werden wir alles daran setzen, ihn dingfest zu machen. Zugleich müssen wir mit allen Mitteln verhindern, dass es zu einer Verbreitung des neuen Virus kommt", sagte Ingrid Hunnigan. „Sie beide, Alex und Albert, werden weiter mit unseren Teams forschen."
„Und Sie haben ein Versprechen einzulösen."
Hunnigan seufzte. „Ja. Ich hab es nicht vergessen, Mr. Wesker. Ich werde mich unmittelbar mit der… Situation befassen."
„Dann erwarte ich in Kürze Ihren Anruf."
Chris bedachte seinen ehemaligen Captain mit Argwohn. Es passte ihm überhaupt nicht, dass Wesker Jake treffen und kennenlernen würde. Er wusste, dass es unmöglich und auch nicht gut war, Vater und Sohn ewig voneinander fernzuhalten, aber Chris wusste Jake am liebsten weit weg von Wesker. Er hoffte, dass der Junge keinen Kontakt zu seinem Vater suchen würde.
Was hatte Chris davon? Er hatte genau genommen nicht mal ein Recht sich einzumischen. Aber er sorgte sich um Jake und fühlte sich verantwortlich für ihn. Er ertappte sich oft bei dem Gedanken, dass er für Jake selbst eine gewisse väterliche Rolle eingenommen hatte. Oder sie sogar einnehmen wollte. War es aus Mitleid? Oder aus Schuld, weil er Wesker getötet hatte?
„Eine Frage habe ich da noch", sagte Leon. „Wenn es ein Virus ist, könnte man dann nicht wieder einen Impfstoff dagegen herstellen? Es hat doch mit Jake Mullers Hilfe schon einmal geklappt, den C- Virus einzudämmen."
„Ein guter Einwand, Mr. Kennedy", sagte Alex, „nur leider muss ich Sie da enttäuschen. Wenn wir mit etwas, z.B. einem Virus infiziert werden, dann reagiert unser Immunsystem darauf. Bei meinem D- Virus war diese Reaktion so schwach, dass sie kaum feststellbar war. Bei diesem neuen Virus wird das Immunsystem des Betroffenen überhaupt nicht aktiv. Es erkennt diesen Virus nicht als Eindringling und will ihn nicht bekämpfen und das wiederum bedeutet, dass wir nicht vorbeugend immunisieren können."
„So ein Mist."
„Das einzige, was wir tun können", fügte Hunnigan abschließend hinzu, „ist weiterzuforschen und das Schlimmste zu verhindern. Wir müssen die Drahtzieher aufspüren, das ist unser einzige Chance."
Ein paar Wochen vergingen. Alex war damit beschäftigt, Piers Nivans weiter mit seinem Arm zu helfen und Albert verbrachte jede freie Minute, die er nicht für de B.S.A.A. forschte, im Labor zu, um sich ein neues Serum herzustellen. Sein Körper machte ihm zunehmend Probleme und er benötigte dringend das Serum, um den Virus in seinem Blut zu stabilisieren.
Er erinnerte sich gut, dass die erste Entwicklung des Serums fast sechs Monate gedauert hatte. So viel Zeit jedoch hatte er nicht. Seine Symptome waren ungewöhnlich stark und er konnte sich nur schwer auf seine Arbeit konzentrieren. Er hatte oft Übelkeit und Kopfschmerzen, die er mit Schmerzmitteln bekämpfte. Manchmal waren seien Hände zittrig und er zerbrach Glasphiolen. Zu seinem Schrecken stellte er fest, dass die Bisswunde in seiner Schulter noch sichtbar war. Sie war nicht wie sonst üblich vollständig geheilt. Schwach sah man noch den Abdruck der Zähne.
Helena Harper war in New York geblieben und hatte weiterhin Kontakt zur B.S.A.A., obwohl sie von dem Fall abgezogen worden war und immer noch auf ihr Disziplinarverfahren wartete. Sie besuchte ihn während er im Labor arbeitete. Meist sah sie ihm bei seiner Arbeit zu, wenn er allein war, suchte sie das Gespräch und sie unterhielten sich über alles Erdenkliche. Sie erzählte ihm von ihrer Schwester und ihrer Vergangenheit. Er duldete sie. Sie war seine einzig wirkliche Ansprechpartnerin und er begann tatsächlich, ihre Gegenwart zu schätzen. Vielleicht weil sie so normal mit ihm umging. Weil Helena bemerkte, dass er Schwierigkeiten bei der Laborarbeit hatte, überzeugte sie ihn sogar, schließlich doch Rebecca Chambers in seine Forschungen einzubeziehen.
Es war nicht in Ordnung für ihn und es kostete Zeit, eine Außenstehende in das Verfahren einzuweihen, aber er hatte keine Wahl. Er brauchte sein Serum möglichst schnell. Und beim letzten Mal hatte er ebenfalls Hilfe gehabt, von Tricell und Excella.
Es war spätabends an einem Sonntag und Wesker war immer noch mit Rebecca im Labor beschäftigt. Helena war am Nachmittag zu ihnen gestoßen und leistete ihnen Gesellschaft. Sie war gerade vom Flur zurückgekehrt, wo sie sich an einem Automaten einen Kaffee geholt hatte.
Schon den ganzen Tag war es Wesker nicht gut gegangen und er wünschte sich, seine Ruhe haben zu können. Es hatte am Morgen begonnen, als er mit Übelkeit erwacht war und sich mehrfach hatte übergeben müssen. Er fühlte sich schwach und kraftlos und seine Hände zitterten stärker denn je. Über den Tag waren Gliederschmerzen und Schüttelfrost hinzugekommen.
Er war nassgeschwitzt, aber er fror gleichzeitig. Die beiden Frauen warfen ihm ab und zu vielsagende Blicke zu, doch sie hielten sich zurück, nachdem er sie einmal harsch angegangen war. Als Rebecca das Fenster öffnete und kalte Luft hereinströmte, musste er sich ein weiteres Kleidungsstück anziehen und das Fenster schon nach wenigen Minuten wieder schließen, weil er die eisige Kälte nicht ertragen konnte.
Die Gliederschmerzen verschlimmerten sich derart, dass sich sein Körper steif und ungelenk anfühlte. Die Schmerzen waren ähnlich denen, die er in Alaska ein paar Wochen zuvor durchlebt hatte. Es war, als würde sein Knochenmark brennen. Nur dass es sich das Brennen diesmal auf Muskeln und Gelenke ausgeweitet hatte. Es fiel ihm immer schwerer, sich auf den Beinen zu halten. Seine Finger hatten kaum noch Kraft und er ließ eine Petrischale mit einer Probe fallen, die am Boden in Scherben zersprang.
Sein Kreislauf sank in den Keller und er klammerte sich krampfhaft an den Labortisch, um nicht umzufallen. Er bekam Herzrasen und sein Atem wurde hörbar lauter. Schweißtropfen rannen über seine Stirn.
Rebecca beugte sich nach unten, um die Scherben aufzulesen, doch sie warf ihm dabei einen misstrauischen Blick zu. Helena trat zu ihnen.
„Wesker, ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sehen nicht gut aus."
Sie wollte ihn an der Schulter berühren, doch er wehrte sie ab. „Es ist alles in Ordnung mit mir, lassen Sie mich zufrieden!"
Er ging auf die andere Seite des Raumes, wo er unter dem Mikroskop eine Probe untersucht hatte, doch eine erneute Welle an Schmerz, die durch seinen Körper fuhr, zwang ihn, sich mit der Hand an der Wand abzustützen.
Diesmal ließ sich Helena nicht abwimmeln. Sie eilte zu ihm. „Verdammt noch mal!", fluchte sie ungeduldig. „Irgendetwas stimmt doch nicht mit Ihnen, Wesker!"
Als ihre Hand über seinen Rücken glitt, erschrak sie. „Sie sind klatschnass geschwitzt. Und sie frösteln." Sie legte ihm eine Hand auf die Stirn. „Und Sie glühen ja. Sie haben hohes Fieber. Sie brauchen einen Arzt!"
„Nein, ich werde weiterarbeiten", knurrte Wesker mit zusammengebissenen Zähnen und riss sich von Helena los. Doch im nächsten Moment sackte er bereits zusammen.
„Wesker! Rebecca helfen Sie mir!"
Helena und Rebecca stützten ihn und halfen ihm auf einen Stuhl.
„Rebecca, gehen Sie, holen Sie Dr. Martin!"
„Nein!", sagte Wesker sofort energisch. Er wollte den Ärzten der B.S.A.A. kein zweites Mal hilflos ausgeliefert sein. „Ich werde nicht zu denen gehen."
„Aber Sie brauchen Hilfe!", entgegnete Helena voller Unverständnis über seinen falschen Stolz.
„Ich brauche keine Hilfe von der B.S.A.A.!", knurrte Wesker mit zusammengebissenen Zähnen. „Argh!" Er konnte die Schmerzen in seinem Körper kaum ertragen. Nebel drohte, ihn einzuschließen. Er konnte sich nicht länger wehren. Er sank langsam auf den Boden. Er atmete schwer. Er sah Helena Harper über sich.
„Sie brauchen Hilfe, Wesker. Bitte, wir werden Dr. Martin holen, er kann Ihnen helfen."
„Nein", presste er hervor.
Helena überlegte kurz, dann traf sie notgedrungen eine Entscheidung. „Rebecca, gibt es eine andere Möglichkeit?"
„Agent Harper, Wesker braucht ärztliche Hilfe! Es gibt keine andere Möglichkeit! Ich werde jetzt oben Bescheid geben, dann werden sich unsere Ärzte um ihn kümmern!"
Rebecca erhob sich und wollte hinausgehen, doch Helena folgte ihr rasch und hielt sie am Arm zurück.
„Bitte, Rebecca, hören Sie mir zu."
Die junge Frau musterte die Regierungsagentin mit großer Skepsis.
„Wesker möchte nicht mehr von der B.S.A.A. behandelt werden und… das kann ich sogar in gewisser Weise nachvollziehen. Aber er braucht Hilfe. Können wir nichts tun? Gibt es keine Alternative?"
„Helena, alles andere wäre völlig unverantwortlich!"
„Sie sind Ärztin, Rebecca, können Sie nichts tun?"
„Helena", sagte Rebecca eindringlich. „Wesker muss nach oben auf die Krankenstation!"
Rebecca wollte sich losreißen und hinauseilen, doch Helenas Griff um ihren Arm verstärkte sich.
„Bitte, hören Sie mir zu. Wesker möchte kein zweites Mal hilflos ausgeliefert sein. Wenn wir ihn jetzt nach oben in die Hände des Ärzteteams geben, dann könnte unsere sowieso schon schwierige und sensible Zusammenarbeit noch mehr gefährdet werden. Bitte, Rebecca, wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen."
Rebecca rang mit sich.
„Ich weiß, ich verlange viel, aber… Ist nicht Ihre Wohnung hier in der Nähe? Können wir ihn nicht dort hinbringen?"
