Leon S. Kennedy 1977: Einige sehr aufregende Dinge werden passieren, das kann ich garantieren. :) Ich fange sogar schon in diesem Kapitel damit an. Zwei ungewöhnliche Pairings werden nämlich jetzt angedeutet.
Wesker konnte heraushören, dass sie ihn zu einem anderen Ort, einer Wohnung brachten, von der B.S.A.A. weg, aber er wusste nicht, wohin genau. Es war ihm gleichgültig, solange er nicht Dr. Martin und den anderen Ärzten ausgesetzt wurde.
Er hatte mittlerweile so starke Gliederschmerzen, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Jeder Schritt, den er gehen musste, war eine Qual für ihn und er war erleichtert, als es endlich nach einer schieren Ewigkeit hieß, dass sie am Ziel angekommen seien. Sein Herz raste und er atmete schwer. Die Treppenstufen schienen nie enden zu wollen.
Helena Harper und Rebecca Chambers stützten ihn links und rechts, als sie ihn in ein Appartement und in ein kleines Gästezimmer führten. Während Rebecca eilig das Bett vorbereitete, in dem sie eine Decke und ein Kissen aus dem Schrank holte, half Helena Wesker vorsichtig aus dessen Kleidung. Er versuchte sich zuerst, gegen ihre Berührungen zu wehren, doch es war vergebens- er hatte keine Kraft.
Sie zog ihm seinen schwarzen Pullover und das schwarze T- Shirt aus. Beides war völlig nass, weil er so stark schwitzte. Er merkte ihr an, dass sie sich ein wenig zierte, ihn mit freiem Oberkörper zu sehen. Es war ihm unangenehm, so vor den beiden Frauen entblößt zu sein. Ein Kälteschauer durchfuhr ihn und er zitterte stark.
Es war eine Wohltat, als er sich auf dem weichen Bett hinlegen konnte und er sich nicht mehr aufrecht halten musste. Helena deckte ihn mit der Decke zu, weil er so fror.
„Haben Sie ein Fieberthermometer?", fragte Helena an Rebecca gewandt.
„Natürlich, im Bad. Ich hole es schnell. Sie sollten schon mal kaltes Wasser vorbereiten."
Helena füllte eiskaltes Wasser in eine Schüssel und holte aus dem Bad Waschlappen und Handtücher.
„Ich kann gar nicht glauben, dass ich mich darauf eingelassen habe", murmelte Rebecca vor sich hin. „Ich werde großen Ärger bekommen…" Sie maß Weskers Temperatur.
„Ich nehme es auf meine Kappe. Alles, was Sie tun, geht auf meine Verantwortung", sagte Helena bestimmt, während sie einen Waschlappen in kaltem Wasser tränkte.
„Er hat 40 Grad Fieber!", sagte Rebecca alarmiert. „Helena, das ist gar nicht gut."
„Bitte, vertrauen Sie mir. Vertrauen Sie ihm. Wir schaffen das schon." Ihr und Weskers Blick kreuzten sich. Er nickte schwach.
Er musste zugeben, dass sie ihn überraschte. Sie hatte ihn nicht dem Ärzteteam der B.S.A.A. ausgeliefert, sondern seinen Wunsch respektiert. Er verstand nicht, warum sie so um ihn bemüht war. Sie hatte schon einmal alles für ihn aufs Spiel gesetzt und dafür ihren Job riskiert. Und sie wurde nicht müde, es ein zweites Mal zu tun. Was veranlasste sie, ihm zu helfen? Er konnte es nicht begreifen.
Er glitt in einen unruhigen, von Albträumen geplagten Schlaf.
Wesker fand sich auf einer grünen Wiese. Als er in den Himmel hinauf sah, sah er die helle Sonne. Es war ein herrlicher Sommertag. Alles kam ihm merkwürdig vertraut vor, aber er konnte sich nicht erinnern, was für ein Ort es war. Als er an sich heruntersah, bemerkte er, dass er wieder ein Kind war.
Er spürte etwas an seiner Hand und als er nach unten sah, stand ein Hund vor ihm, der fröhlich mit dem Schwanz wedelte und ihm einen Ball vor die Füße warf. Wesker nahm den Ball und betrachtete ihn. Das Fell des Hundes war nass und als er sich schüttelte spritzten Wassertröpfchen durch die Luft. Wesker musste lachen. Er warf den Ball und der Hund lief über die Wiese davon.
Er lief ebenfalls über die Wiese.
„Albert!" Er hörte eine Stimme und blieb stehen. „Albert!"
Eine blonde Frau stand auf einer Terrasse und winkte ihm lächelnd zu. Er lief auf sie zu.
Tag und Nacht verbrachte Helena an Weskers Seite. Sie wischte stetig mit einem kühlen, nassen Handtuch den Schweiß von seiner Stirn oder rieb seinen Oberkörper mit einem Schwamm ab. Sie tat alles, um das Fieber zu senken, das konstant nach oben kletterte, doch sein Körper glühte unentwegt und seine Temperatur stieg auf über 41 Grad. Sie flößte ihm Unmengen Wasser jeden Tag ein, aber irgendwann musste Rebecca ihm eine Kochsalzlösung als Tropf verabreichen.
Wesker war sieben Jahre alt. Er fand sich erneut auf einer grünen Wiese. Er saß unter einem Baum im Schatten. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel. Er saß mit dem Rücken an den Stamm gelehnt und hatte ein Biologiebuch auf seinem Schoß. Er hatte schon mit dem Lernen angefangen, aber wartete eigentlich auf Alex. Die beiden waren im Garten des Spencer- Anwesens zu den Hausaufgaben verabredet. Seine Uhr sagte viertel nach zwei, Alex verspätete sich schon um zwanzig Minuten.
Er ließ das Buch im Gras liegen und rannte zurück zum Haus.
„Alex!", rief er durch die Eingangshalle. „Alex!" Er bekam keine Antwort.
Schnell eilte er die Treppe nach oben zu Alex´ Zimmer, um ihn zu suchen. Er bog um eine Ecke und blieb erstarrt stehen.
Alex lag bewusstlos am Boden, um ihn herum verteilt seine Bücher und Papiere, und zwei Bedienstete beugten sich über ihnen. Einer nickte, erhob sich und eilte davon.
„Alex…", murmelte Wesker. Die Angst packte ihn.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter und er sah in das Gesicht von Oswell E. Spencer.
Das Laken war nach kurzer Zeit völlig durchgeschwitzt. Rebecca half Helena, Wesker aus dem Bett zu hieven, um das Bettzeug zu wechseln, doch nach zwei Malen gaben sie es auf. Es setzte Wesker zu großem Stress aus und lohnte die Mühe nicht.
Wesker blickte verängstigt durch die Scheibe in Alex´ Zimmer. Sie waren im Krankenhaus und eine Schwester sah gerade nach ihm. Man hatte ihm gesagt, er dürfe erst morgen früh zu ihm und mit ihm sprechen. Wesker hatte große Angst um Alex. Niemand sagte ihm, was passiert war. Er hatte auf der Autofahrt ins Krankenhaus geweint.
Spencer trat neben ihn.
„Was ist mit Alex passiert? Warum lag er da?"
„Weißt du, Alex hat sehr viel Zucker im Blut. Deswegen geht es ihm nicht gut."
„Zucker?", fragte Wesker verwundert.
„Ja."
„Wird er wieder gesund werden?" Das war sein größter Wunsch und er konnte sich ein Leben ohne Alex nicht vorstellen.
„Die Ärzte können ihm helfen, aber… gesund wird er leider nie wieder werden. Du musst immer gut auf ihn aufpassen, versprichst du mir das?"
Wesker nickte. Diesen Satz nahm er sich zu Herzen.
Wesker hatte starke Schmerzen und Fieberkrämpfe, sodass er sich oft hin und her wand und aufstöhnte. Es tat Helena weh, ihn so leiden zu sehen und oft, war sie kurz davor, Hilfe zu holen. Er hielt sie jedes Mal davon ab, ja flehte sie regelrecht an, es nicht zu tun. Sie tat, was sie konnte, aber es kostete sie viel Kraft, Wesker so zu sehen.
Er war in Raccoon Ciry und arbeitete für das Information Department. Ein paar Monate war er mit einer jungen Frau, Anna Muller, die aus Edonien in die USA eingewandert war, zusammen gewesen. Ihre Beziehung war zerbrochen, weil sie die Wahrheit über ihn und seine Arbeit herausgefunden hatten. Er sah sie vor sich. Sah ihr tränenverschmiertes und von Schmerz gezeichnetes Gesicht, als er ihr sagte, dass sie sich nicht mehr sehen konnten. Er schloss die Tür und kehrte nicht wieder zurück.
Er erfuhr, dass sie nach Edonien zurückgekehrt war. Er wollte, dass sie blieb, er wollte ihr sagen, dass sie nicht gehen sollte. Er wollte ihre Hand greifen und tatsächlich spürte er ihre weiche Haut. Er sah sie an. Sie saß neben seinem Bett und lächelte ihn an.
Als sein Fieber mit 41,6 Grad seinen Höhepunkt erreichte, war er oft bewusstlos und halluzinierte. Er sprach im Schlaf von Alex Wesker, Anna Muller, William Birkin oder Personen, die Helena nicht kannte. Er hatte Panikanfälle, wenn er die Qualen seines Todes erlebte oder andere schlimme Dinge in seinen Fieberträumen sah. Helena musste ihn festhalten, damit er nicht um sich schlug und beruhigend zu ihm sprechen. Am Mittwoch musste er sich zusätzlich heftig übergeben.
„Nein, lassen Sie mich!" Wesker schrie und schlug um sich, aber er hatte gegen den Erwachsenen, der ihn mit sich zerrte, keine Chance.
„Wirst du wohl gehorchen!", schimpfte er Mann.
„Nein, ich will nicht!"
Er wurde in ein Labor gebracht, wo bereits eine Frau in einem weißen Kittel wartete. Er wurde auf einen Experimentiertisch gelegt und ehe er etwas unternehmen konnte, spürte er schon die Spritze in seinem Arm. Sekunden darauf glitt er in tiefen Schlaf. Er träumte von Monstern, die nachts in sein Zimmer schlichen, und er hörte Alex schreien.
Seit Tagen hatte sie kaum geschlafen und gegessen. Als sie sich einmal von seiner Seite lösen wollte, um eine Dusche zu nehmen, ergriff er ihre Hand und bat sie, bei ihm zu bleiben. Er sah sie dabei mit einem seltsam leeren Blick an und sie wusste, dass er sie im Fieber für jemand anderen hielt. Sie tat es trotzdem.
Da waren die blonde Frau und Anna. Sie lächelten ihn an und er streckte seine Hand nach ihnen aus. Er konnte sie nicht erreichen, weil sie sich immer weiter von ihm entfernten und ihre Umrisse immer mehr verblassten. „Anna, geh bitte nicht!", bat er schwach, aber er blieb allein in Dunkelheit zurück.
Manchmal fror und zitterte er so heftig, dann deckte sie ihn mit einer zusätzlichen Decke zu, manchmal deckte er sich auf, weil ihm so heiß war und er so stark schwitzte.
Rebecca Chambers überwachte alles mit Argusaugen, doch als Wesker Mitte der Woche in besonders schlechtem Zustand war, konnte und wollte sie nicht länger nur zusehen.
„Helena, um Gottes Willen, Wesker braucht endlich Hilfe! Er hat über 41 Grad Fieber! Wenn das Fieber weiter steigt, dann stirbt er, dann wird ihm auch der Virus in seinem Körper nicht mehr helfen können! Ich benachrichtige Dr. Martin."
Sie war im Begriff zu gehen, doch Helena hielt sie zurück.
„Bitte, Rebecca, tun Sie das nicht! Wenn Sie jetzt die B.S.A.A. einschalten und ihn völlig wehrlos Ihrem Team ausliefern, dann waren die letzten Wochen vollkommen umsonst. All die Zeit, in der ich mühevoll Vertrauen zu ihm aufgebaut habe, wäre dann völlig umsonst gewesen und unsere Beziehung könnte noch mehr geschädigt werden. Er schafft es, bitte haben Sie Geduld und Vertrauen."
Rebecca Chambers rang sichtlich mit sich. „Helena, er stirbt. Wenn Ihnen wirklich etwas an Ihm liegt, dann bringen wir ihn ins Krankenhaus! Das ist die vernünftigste Lösung! Wir wissen doch noch nicht einmal, was mit Wesker los ist!"
Helena hatte über diese Frage in den Tagen, die sie an Weskers Bett verbrachte, eingehend nachgedacht und sie glaubte, die Antwort zu wissen.
„Doch, ich habe so eine Ahnung", sagte sie. „Er braucht unbedingt sein Serum. Deswegen hat er diese Symptome, Rebecca. Können Sie es nicht fertigstellen? Er hat Ihnen doch die Anleitung gegeben, oder? Und seine Arbeit daran war fast abgeschlossen."
„Helena…" Rebecca schüttelte den Kopf.
„Rebecca, bitte! Tun Sie es! Ich weiß, dass es ihm besser gehen wird! Das ist seine einzige Chance!"
Rebecca sah Helena fast mitleidsvoll an. Sie konnte diese Forderung innerlich nicht mit sich vereinbaren. Sie warf einen Blick auf Wesker, der das Gesicht vor Schmerzen verzerrt hatte und dessen Körper zusammengekrümmt und gekrampft war.
„Also gut, OK", sagte sie dann und hob resignierend die Arme. „Ich werde mich an die Arbeit machen."
„Danke, haben Sie vielen Dank."
Weskers hohes Fieber dauerte knapp zwei Tage und entkräftete ihn zusammen mit den starken Gliederschmerzen vollends. Er trank bis zu sechs Liter Wasser am Tag und Rebecca musste ihm Schmerz- und Beruhigungsmittel verabreichen, dass er zur Ruhe kommen und schlafen konnte. Helena wich nicht von seiner Seite und tat weiterhin alles, um seinen Körper zu kühlen.
Die Medikamente halfen glücklicherweise und sein Körper entspannte sich. Er schlief die meiste Zeit und Helena konnte für kurze Zeit ins Bad oder in die Küche. Fast eine ganze Woche war vergangen und sie sah gelinde gesagt schrecklich aus. Sie wagte es nicht, für längere Zeit von seiner Seite zu weichen. Sein Fieber ging zwar bis zum Wochenende nach unten, wollte aber nicht unter 40 Grad sinken und er war immer noch sehr geschwächt.
Freitagnachmittag erlangte er zum ersten Mal das Bewusstsein und war wieder in der Wirklichkeit angekommen. Helena war neben seinem Bett eingenickt und schrak hoch, als sie merkte, dass er sich regte.
„Sie sind aufgewacht", stellte sie verschlafen fest.
„Was ist passiert, wo bin ich?", fragte Wesker. Seine Stimme war so schwach, dass er nur schwer zu verstehen war.
„Es ist alles in Ordnung. Sie sind in Rebecca Chambers´ Wohnung. Wir haben Sie hierher gebracht, weil es Ihnen schlecht ging."
„Ich…" Er wollte etwas sagen, aber seine Augen fielen zu und sein Kopf sank zur Seite. Er schlief wieder ein.
Samstagmorgen kam eine völlig übernächtigte Rebecca in die Wohnung zurück. Sie hielt nur eine Glasphiole und eine Spritze hoch, dann sagte sie erschöpft: „Ich glaube, ich habe es."
Sie verabreichte ihm das Serum direkt in eine Vene in seiner linken Armbeuge.
„Wenn das nicht funktioniert, rufe ich Dr. Martin an", sagte sie ernst und Helena wusste, dass sie sie diesmal nicht davon abhalten konnte. Sie nickte nur darauf.
„Jetzt heißt es abwarten."
Obwohl sich Weskers Zustand stabilisiert hatte, saß Helena trotzdem weiterhin neben seinem Bett. Meist schlief sie in einem Sessel mit einer Wolldecke. Wenn sie merkte, dass er wieder träumte und sein Körper im Schlaf zuckte, dann streichelte sie vorsichtig über seinen Unterarm, nahm seine Hand oder flüsterte ihm beruhigende Worte zu, um ihm zu zeigen, dass er nicht allein war. Sie ertappte sich manchmal dabei, wie ihre Finger über seinen nackten Oberkörper glitten oder sie ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Sie sah, dass die Überreste seiner Verletzung aus Alaska langsam verblassten.
Nachdem Rebecca Wesker das Serum injiziert hatte, dauerte es nur einen halben Tag, bis sich sein Zustand merklich besserte.
„Sein Fieber sinkt endlich!", war das erste, was Helena Rebecca verkündete, als sie am Abend nach der Arbeit in die Wohnung zurückkehrte. „Und seine Schmerzen lassen endlich nach!"
Als die beiden Frauen in das Schlafzimmer zurückkehrten, sahen sie, wie Wesker sich unter Mühe hochzurappeln versuchte. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und seine Arme zitterten. Er war noch stark geschwächt. Helena eilte zu ihm und stützte ihn.
„Wesker, geht es Ihnen gut?"
Er wand sich aus ihrer Berührung und stieß sie von sich. Helena sah ihn entgeistert an.
Als er an sich heruntersah, saß er nicht auf einer grünen Wiese. Er sah, dass sein Oberkörper nackt war. Er erschrak, als er seinen falschen Arm sah, und merkte, dass Helena Harper ihn angefasst hatte.
„Gehen Sie weg!", knurrte er. Er war angeekelt und angewidert.
„Wesker, was ist mit Ihnen los?!", fragte Helena völlig verwirrt von seiner abweisenden Haltung.
„Ich will Sie nicht sehen. Gehen Sie raus!"
Rebecca zog Helena mit sich und sie verließen das Gästezimmer.
Wesker versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Es war Abend. War er nicht Sonntagabend im Labor gewesen und hatte an seinem Serum gearbeitet? Warum war er dann hier? Warum fasste ihn diese Frau an? Seine Hände glitten über seinen Oberkörper, als wolle er etwas Giftiges abstreifen. Nur langsam begriff er, dass er geträumt hatte, dass er lang verloren geglaubte Erinnerungen wieder durchlebt hatte, und dass er Anna nicht gesehen hatte. Sie war nicht neben ihm gesessen, stattdessen…
Stattdessen fand er Helena Harper um sich. Was hatte sie mit ihm angestellt? Er fühlte sich hundeelend, unwohl und hatte das Bedürfnis, etwas zu zerstören, so groß war seine Wut, seine Frustration und der innere Druck in ihm. Seine Haut war von Schweiß verklebt, seine sonst ordentlich zurückgekämmten Haare waren durcheinander und er hatte einen pelzigen Geschmack im Mund.
Er war erschöpft und musste sich schwer atmend wieder hinlegen. Er schlief bis zum nächsten Tag.
Als er wieder erwachte, fiel helles Tageslicht durch das Fenster herein. Er fühlte sich viel besser und konnte endlich aufstehen. Er reckte und streckte sich kurz und stellte zufrieden fest, dass er keine Schmerzen mehr hatte.
Helena schlief in eine Wolldecke gewickelt in einem Stuhl unweit seines Bettes. Er warf kurz einen Blick auf ihr schlafendes Gesicht, dann ging er hinaus und vergewisserte sich, ob Rebecca Chambers im Haus war. Sie war es nicht, woraus er schloss, dass sie arbeitete.
Er ging ins Bad und nahm eine kalte Dusche. Als er die Schränke durchsuchte, fand er eine Handzahnbürste. Er musste sich dreimal die Zähne putzen, um den scheußlichen Geschmack in seinem Mund loszuwerden. Seine Kleidung, die er sonntags bei der Arbeit getragen hatte, lag ebenfalls im Bad. Er zog sie wieder an.
Als er in das Gästezimmer zurückkehrte, wo er geschlafen hatte, stand er Helena Harper gegenüber, die gerade das Bett machte. Sie bezog die Matratze mit einem neuen Laken und wechselte Kissen- und Deckenbezug.
Er wollte sie nicht um sich haben und er hätte es bevorzugt, wenn sie noch geschlafen hätte. Er musste umgehend zurück zur B.S.A.A.- Zentrale und an seinem Serum weiterarbeiten.
„Wesker", sagte sie, „Sie sind wach. Und wie ich sehe, geht es Ihnen besser. Das freut mich."
Sie war seltsam kühl, als sie mit ihm sprach und er vermutete, dass es wegen dem gestrigen Abend war, als er sie von sich weggestoßen hatte.
„Wo bin ich hier?", fragte er ohne Umschweife.
„Das ist Rebeccas Wohnung. Wir haben Sie hierher gebracht, damit Sie nicht den Ärzten der B.S.A.A. ausgeliefert waren. Das war doch Ihr Wunsch, wenn Sie sich erinnern."
„Sie haben mich hierher gebracht?!", fragte Wesker.
„Ja, es ging Ihnen ziemlich mies. Rebecca und ich haben uns um Sie gekümmert."
Sie schüttelte die Decke auf und faltete sie ordentlich. Dann trat sie an ihn heran und die beiden sahen sich in die Augen.
„Wieso? Wer hat Ihnen erlaubt, sich in meine Angelegenheiten einzumischen?"
„Das ist doch jetzt wohl ein Witz, oder? Wir dachten, Sie sterben uns weg! Rebecca wollte Dr. Martin Bescheid geben, aber ich habe sie davon abgehalten, weil ich wusste, dass Sie das nicht wollten."
„Es war alles in Ordnung, Agent Harper. Ich benötige Ihre Hilfe nicht. Ich komme gut ohne Sie zurecht", sagte Wesker angriffslustig.
„So tatsächlich?!", konterte sie ebenso angriffslustig. „Sie konnten kaum laufen vor Schmerzen! Was hätten wir denn tun sollen, Sie da liegen lassen?!"
„Ich brauche Ihre Hilfe nicht. Halten Sie sich aus Dingen heraus, die Sie nichts angehen. Ich werde jetzt ins Labor zurückgehen und meine Arbeit beenden."
„Ach so?! Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wissen Sie was?! Ich habe genug von Ihnen! Ich saß sieben verdammte Tage neben Ihrem Bett und habe mich um Sie gekümmert! Ihr Fieber war so stark, dass Sie beinahe gestorben wären und Sie reden hier irgendwas davon, dass Sie angeblich alleine zurechtkommen. Seltsam, dafür haben Sie mich aber regelrecht angefleht, bei Ihnen zu bleiben. Dass ich neben Ihnen sitze und Ihre Hand halte, dafür war ich Ihnen gut genug ja?! Ich lasse mich von Ihnen nicht so behandeln!"
„Was sagen Sie da?!", fragte Wesker außer sich vor Zorn. Sieben Tage? Er war eine ganze Woche hier in dieser Wohnung in diesem Bett gelegen? Aber wie konnte das sein?
„Sie haben mich ständig angebettelt, bei Ihnen zu sitzen. Ich habe mich Tag für Tag um Sie gekümmert! Das wissen Sie alles offenbar gar nicht, wie es aussieht. Und wissen Sie, was Rebecca getan hat? Der Grund, dass Sie jetzt hier stehen können und mich wie Dreck behandeln können, ist der, dass Rebecca das Serum für Sie fertiggestellt hat. Ohne sie würden Sie immer noch da liegen und sich an mich klammern."
Wesker wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er war von der Situation völlig überfahren. Seine Gedanken rasten und er spürte, wie der Virus in ihm die Oberhand zu gewinnen versuchte.
Schließlich entschied er sich für genau das Falsche:
„Agent Harper, ich habe weder Sie noch irgendjemand sonst um Hilfe gebeten. Und Sie hatten kein Recht, sich in mein Leben einzumischen. Lassen Sie mich endlich zurfrieden."
Sie funkelte ihn böse an und plötzlich ohrfeigte sie ihn. Ihre Hand klatschte schmerzhaft auf seine Wange und sein Kopf wurde zur Seite gerissen.
„Sie sind… ein Scheißkerl", sagte sie gequält und er glaubte, Tränen in ihren Augen zu sehen.
„Das war… zu viel", zischte Wesker bedrohlich. Die Wut und Frustration von Wochen kochte in ihm hoch. Seine Augen leuchteten einmal rot auf. Helena spürte nur noch, wie sie mit voller Wucht gegen den Schrank hinter sich gedrückt wurde und er ihre Arme links und rechts neben ihrem Kopf mit einem eisernen Griff fixierte. Ein paar Bücher und andere Gegenstände krachten auf den Boden.
Sie sah in seine roten, katzenartigen Augen, die sie wütend anfunkelten. Er wirkte angsteinflößend, wie ein Raubtier, das seine Beute in die Enge getrieben hatte und Helena spürte, wie Furcht sie überkam. Sie war sich nicht mehr sicher, dass er ihr nichts tun würde.
„Wie können Sie es wagen…", raunte Wesker giftig.
Ihre Gesichter waren nur Zentimeter auseinander, sodass sie seinen warmen Atem über ihre Haut streichen spürte. Ein Schauer durchfuhr sie und eine Gänsehaut überzog ihren Körper.
„Finden Sie sich damit ab, dass Sie Hilfe annehmen müssen", entgegnete Helena leise. „Das ist kein Zeichen von Schwäche."
Ihr Herz schlug wie wild gegen ihren Brustkorb und es hätte sie nicht gewundert, wenn er es gehört hätte. Sie versuchte sich loszureißen, aber er war zu stark. Sie war zwischen Regal und ihm eingeklemmt und das behagte ihr gar nicht. In ihrer Wut wand sie sich, doch das veranlasste ihn nur dazu, seinen Griff zu verstärken und noch näher an sie heranzutreten. Ihre Körper berührten sich jetzt.
Hitze stieg in Helena auf und ihr Atem beschleunigte sich. Und das hatte mit Sicherheit nichts mit ihrer Wut oder ihrer Angst zu tun. Er roch frisch und sie wusste, dass er geduscht hatte.
Wesker kämpfte mit sich. Er hatte das Bedürfnis, die Frau zu töten, ihre Kehle aufzureißen, aber da war noch etwas anderes. Ein innerer Drang, der drohte, seinen Verstand zu übermannen. Es war lange her, dass er einen weiblichen Körper so nah bei sich hatte, wie in diesem Moment, oder den Duft einer Frau einatmete. Sie betörte regelrecht seine Sinne. Er wusste mit absoluter Sicherheit, dass Töten ihn niemals befriedigen würde.
Der Griff um ihre Handgelenke wurde schwächer. Weskers heißer Atem fuhr über ihren Hals und sie holte tief Luft. Ihrem Körper gefiel es, was er tat, doch ihr Verstand schrie mit schrillender Stimme in ihrem Kopf, dass es falsch war. Als sie seine Lippen auf ihrer Haut spürte, war es um sie geschehen. Plötzlich spürte sie ein Kribbeln in ihrem Unterleib und ihr ganzer Körper schien zu brennen. Es war, als würden tausend Nadeln ihre Haut von innen traktieren.
Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und sie küssten sich grob auf die Lippen. Helena drehte ihn herum, sodass sie ihn an den Schrank drücken konnte, doch Wesker erwiderte ihren Vorstoß ebenso hart und unnachgiebig, indem er sie auf das Bett drängte und unter sich begrub. Helena wollte nicht nachgeben und rollte ihn herum.
Sie kämpften einige Zeit um die Oberhand, während sie sich nach und nach gegenseitig ihrer Kleidung entledigten. Wesker zerriss ihre Bluse. Er war wie in einem Rausch gefangen. Ihr Kampf dauerte an, bis Wesker fest ihre Handgelenke ergriff, sie auf dem Bett festhielt und sich auf sie setzte. Ihre Küsse waren forsch und kraftvoll, keiner wollte Unterlegenheit zeigen.
Sie fanden schließlich ihren gemeinsamen Rhythmus und ihre Bewegungen synchronisierten sich. Das Stöhnen und Keuchen des anderen war wie Musik in ihren Ohren. Ihre Berührungen waren wie ein feuriges Glühen auf ihrer Haut. Sie kamen fast gleichzeitig. Helena kratzte ihn grob am Rücken und biss ihn in die Schulter.
Wesker fühlte Erleichterung in sich. Es war, als wäre ein enormer Druck von ihm abgefallen. All die anstauten Gefühle hatten endlich ein Ventil gefunden.
Er erwachte aus seinem Rauschzustand, als langsam die Euphorie nachließ. Er sah Helena in die Augen und realisierte, was er getan hatte. Schnell löste er sich von ihr und setzte sich auf, um sich seine Kleidungsstücke zusammenzusuchen, die überall am Boden und auf dem Bett verstreut lagen.
Helena tat es ihm gleich. Sie wagten es nicht, sich anzusehen.
„Sie werden mit niemandem darüber sprechen, haben Sie verstanden? Das ist nie passiert", sagte Wesker, dann erhob er sich und schritt hinaus.
„Ja, natürlich", murmelte Helena vor sich hin, während sie schmunzelnd ihre zerrissene Bluse betrachtete.
Ingrid Hunnigan nahm ihre Brille ab und rieb sich erschöpft ihre Augen, die vom ständigen Starren auf einen Computerbildschirm gerötet waren und tränten.
Sie nahm einen Schluck ihres Kaffees und stellte verärgert fest, dass er kalt geworden war. Wenigstens ein Stück Schokolade vermochte ihre Stimmung zu heben.
Die letzten Wochen war sie kaum zu Hause gewesen und hatte permanent gearbeitet. Sie brauchte dringend Erholung. Der Stress machte ihr schwer zu schaffen. Vor allem eine Sache beschäftigte sie unentwegt: Jake Muller.
Sie hatte das unangenehme Gespräch schon eine ganze Weile vor sich hergeschoben, aber die Zeit drängte mittlerweile unerbittlich. Außerdem hatte sie Albert Wesker zugesagt, mit Jake zu reden, und der Junge selbst versuchte ständig, sie über Alex Wesker auszufragen. Sie fühlte sich unheimlich eingeengt und sie war wütend auf ihren Vorgesetzten, dass dieser ihr diese schwierige Aufgabe überließ.
Sie rollte das Schokoladenpapier zusammen und wollte gerade den Telefonhörer in die Hand nehmen, als der Apparat zu läuten begann.
„Ja, Hunnigan?"
„Ms. Hunnigan, ein Mr. Wesker möchte Sie sprechen", sagte ihre Sekretärin.
„Welcher?", fragte Hunnigan mit einer bösen Vorahnung. Ihr Herz setzte für einen Moment aus.
„Alex Wesker."
Erleichterung erfasste sie. „Stellen Sie ihn durch."
„Ms. Hunnigan", sagte Alex Wesker.
„Wieso rufen Sie mich an?"
„Ich habe einen Vorschlag zu machen", sagte Wesker. „Ich weiß, dass Albert verlangt hat, Jake kennenzulernen und Sie ihm jetzt die Nachricht überbringen müssen."
„Jake Muller fragt andauernd nach Ihnen. Sie haben ihm wohl zugesichert, mit ihm zu sprechen."
„Das ist wahr. Ich würde vorschlagen, ich sage ihm die Wahrheit über seinen Vater. Dass er noch lebt. Er wartet ja ohnehin schon sehnsüchtig auf Kontakt zu mir."
„Verstehen Sie mich nicht falsch, aber… Es wäre eine große Erleichterung für mich, wenn Sie das übernehmen könnten."
Alex hatte den Abend mit Claire Redfield sehr genossen und er merkte, dass es ihn sehr erleichterte, über das zu sprechen, was in ihm vorging. Es gab ihm neue Hoffnung und Zuversicht und ließ ihn seine Anstrengung für ihre Forschung nur noch steigern.
Ihre Gesellschaft tat ihm gut, ebenso wie ihr Interesse an ihm und ihre gemeinsame Zeit. Seit der Trennung von Laura hatte er keinen Kontakt mehr zu einer Frau gesucht und war keine Beziehung mehr eingegangen.
Je mehr er und Claire über die Vergangenheit sprachen, desto mehr wurde ihm vor Augen geführt, wie stark Umbrella in sein Leben eingegriffen hatte und wie viel Zeit die stetige Arbeit für Spencer und an seiner Tochter von seinem Leben aufgezehrt hatte. Er war 53 und sein Leben lag in einem Trümmerhaufen vor ihm. Manchmal fragte er sich, was für ein Leben er eigentlich geführt hatte. Es kam ihm alles weit weg, wie in einem Film, fremdgesteuert, vor und er begriff, dass er schon vor langer Zeit aufgegeben hatte. Der Verlust seiner Tochter hatte ihn so schwer getroffen, dass er in ein schwarzes Loch gefallen war.
Claire schaffte es, ihm neuen Mut zu geben. Und dafür war er dankbar.
Sie verabredeten sich eines Abends zu einem Essen in einem indischen Restaurant. Es war schon nach elf, als sie ankamen und das Lokal war größtenteils leer. Sie suchten sich einen Platz an einem runden Tisch in einer Ecke.
„Wie geht es Piers?"
„Sehr gut. Seine Mutation ist weiterhin stabil und ich arbeite an einer Möglichkeit, alles rückgängig zu machen."
„Kommen Sie gut voran?", fragte Claire.
„Ja. Es sieht so aus, als könne ich die Infizierung rückgängig machen. Danach muss ich mich um seinen Arm kümmern. Ich werde ihm dieselbe Prothese erstellen wie für Albert."
„Verstehe. Und wie geht es Ihnen… ich meine… wegen Ihrer Frau? Und Faith?"
„Meine Frau ist tot, damit muss ich mich abfinden. Ich hatte durch unsere Trennung schon lange mit ihr abgeschlossen und ich hatte wenig Zuversicht, dass „M" sein Versprechen einhält. Was Faith angeht… Ich weiß, dass ich sie finden werde. Ich kann es schaffen."
Nach dem Essen machten sie einen Spaziergang am Hudson River entlang. Sie hielten an einer Brücke und sahen schweigend auf das Wasser hinunter, auf dessen Oberfläche sich die Lichter der Stadt spiegelten.
Claire schlang ihre Arme um ihren Körper, als eine kühle Brise über sie hinwegblies. Die Stille wurde plötzlich von einem Piepsen unterbrochen.
„Stimmt, das hatte ich fast vergessen", sagte Alex, krempelte seinen Ärmel am linken Arm nach oben. Er trug ein kleines schwarzes Gerät mit einem Display um seinen Unterarm. Etwas blinkte darauf.
„Was ist los, Alex? Was ist das?"
„Nichts Besonderes", sagte Alex, während er eine Schachtel aus seiner Tasche zog und ihr eine Spritze entnahm. Er setzte sie an dem kleinen Gerät an und injizierte sich den Inhalt. „Nur ein paar Gebrechen, die ich eben zu tragen habe."
„Müssen Sie sich auch so ein Serum injizieren wie Albert Wesker?", wollte Claire wissen.
„Ja, aber das ist es nicht", erklärte er. „Sie können es sich ansehen, wenn Sie möchten."
Er reichte ihr die leere Spritze und sie las die Aufschrift darauf. „Insulin?!", fragte sie alarmiert. „Sind Sie…?"
„Es wurde in meiner Kindheit festgestellt. Ich war ungefähr sieben, als es mich eines Tages umgehauen hat. Mit ungefähr 300 Zucker. Seitdem ist das eben so. Ich hatte in meiner Jugend auch ein paar Probleme mit dem Herz, aber durch den Virus ist das geheilt worden."
„Wow, jetzt bin ich wirklich… baff. Das hätte ich nicht erwartet."
„Ich weiß, jeder denkt immer, das könnte nicht sein, weil Albert so perfekt ist."
„Wie meinen Sie das?"
„Naja, Albert war immer der Starke von uns beiden. Er war praktisch perfekt, hat keine solchen körperlichen Leiden wie ich. Und der Virus macht ihn auch etwas stärker als mich. Ich hingegen, war immer der Schwache. Ich habe immer bewundernd zu ihm aufgesehen und er war immer so etwas wie ein Beschützer für mich. Eben wie ein großer Bruder. Ich war dafür wahrscheinlich hier oben besser", er deutete auf seinen Kopf, „und ein fähigerer Wissenschaftler als er. Spencer war immer in einem Konflikt, das weiß ich. Keiner von uns war so perfekt wie er sich das gedacht hat, weil wir uns beide ergänzt haben, deswegen waren wir beide eben seine Günstlinge. Er hat uns beide gemäß unseren Fähigkeiten in die gewünschte Richtung gelenkt."
„Wollten Sie denn immer Arzt werden? Oder glauben Sie, Spencer hat das beeinflusst?", fragte Claire.
„Ich kann mich nicht erinnern, was mich in meiner Kindheit dazu bewogen hat, in die Medizin gehen zu wollen. Aber ich schätze, Spencer hat mich dazu gebracht. Er hat sich alles zurechtgelegt, wie er es gebraucht hat. Albert sollte ihm seinen Traum von den Viren ermöglichen und ich war dafür da, ihm seinen Wunsch von ewigem Leben zu erfüllen. Er muss kalkuliert haben, dass er irgendwann gesundheitliche Probleme bekommen würde, aber er hatte gute Vorbereitungen getroffen und sich alles wunderbar zurechtgelegt."
Viel Bitterkeit und Wut sprach aus Alex, fiel Claire auf.
„Wir waren seine Marionetten", sagte Alex. „Ich beneide Albert um eines: dass er das Vergnügen hatte, Spencer zu töten, denn ich hätte es zu gern selbst getan. Naja, man kann nicht alles haben."
Er wirkte auf einmal genauso verrückt und zu Gewalt bereit wie Albert Wesker und das beängstigte Claire. Die ganze Zeit hatte sie ihn so anders als en anderen Wesker eingeschätzt, aber jetzt wusste sie, dass es auch in ihm diese Seite gab. Es erschreckte sie. Andererseits war sie naiv gewesen, anzunehmen, er wäre anders als Albert.
„Sie beide sind sehr wütend auf Spencer, nehme ich an? Warum? Was hat Ihnen Spencer angetan?"
„Es tut mir Leid, Ms. Redfield, aber das ist wirklich eine Sache, die Sie nichts angeht", sagte er kalt.
„Ich wollte nicht…"
„Schon gut, ich weiß, dass Sie viele Fragen dazu haben. Aber das geht nur Albert und mich etwas an. Das hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun", fügte er schuldbewusst hinzu, weil er ihr so eine rüde Abfuhr erteilt hatte. „Ich schätze es sehr, dass Sie sich so für mich interessieren."
Sie fühlte sich plötzlich unwohl in seiner Gegenwart und sie schwiegen für einige Zeit.
„Sie haben bislang nur etwas von mir gehört, aber ich weiß so wenig über Sie", sagte Alex schließlich. „Erzählen Sie mir etwas über Sie."
„Naja, die Geschichte mit meinem Verlobten kennen Sie ja bereits. Dass er mich betrogen und dann verlassen hat. Daraufhin bin ich nach New York gezogen und habe Bella zu mir genommen."
„Ich meine davor."
„Nun ja, es gab Zeiten da war ich ein einfaches College- Girl. Ich hatte einen Politik- und einen Biokurs, bin am Wochenende auf Partys gegangen und habe eben das Leben genossen. Dann eines Tages wollte ich meinen Bruder in Raccoon City besuchen. Was ich dort vorfand war die Hölle auf Erden."
„Die Stadt war infiziert, oder?"
Claire nickte. „Leon und ich haben uns durchgekämpft. Dabei haben wir Sherry Birkin aufgegabelt. So sind wir alle zusammen gekommen. Ein paar Monate später kam ich, auf der Suche nach meinem Bruder, nach Rockfort Island, wo ich mich wieder mit einer Horde Untoter und Alexia Ashford auseinandersetzen musste. Danach habe ich es irgendwie geschafft meinen College- Abschluss hinzubekommen und habe bei TerraSave angefangen. Seitdem versuche ich, die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen, aber ich habe manchmal das Gefühl, das meine Arbeit umsonst ist. Oder zumindest ein Tropfen auf dem heißen Stein."
„Denken Sie nicht so", sagte Alex. „Ich denke, Sie und Ihr Bruder und all die anderen haben sehr viel geleistet. Sie dürfen den Mut nicht verlieren."
„Wahrscheinlich haben Sie Recht", meinte Claire schmunzelnd. „All das verfolgt und schon so lange und irgendwie ist kein Ufer in Sicht, verstehen Sie?"
Alex nickte. „Wie haben Sie und Ihr Verlobter sich kennengelernt? War das über Ihre Arbeit?"
„Nein", sagte Claire und musste lachen. „Ich bin auf der Bank gewesen, um Geld zu holen, und da bin ich praktisch in ihn reingelaufen. Ich war so konfus an diesem Tag, dass ich meine Tasche liegen gelassen habe. Er hat sie mir hinterhergetragen und mich dann zu einem Kaffee eingeladen. So hat es sich entwickelt. Wir waren fünf Jahre zusammen und es war alles so perfekt. Ich war richtig glücklich, weil ich dachte, ich hätte endlich den richtigen gefunden. Er hat mir den Antrag gemacht. Ich habe mich so gefreut, weil ich mit diesem Mann den Rest meines Lebens verbringen und Kinder haben wollte, aber dann… Es war ein Schock, als ich herausfand, dass er mich mit meiner besten Freundin hintergangen hat. Ich habe natürlich auch zu ihr jeden Kontakt danach abgebrochen."
„Es tut mir Leid, Claire", sagte Alex und legte ihr seine Hand auf den Unterarm.
„Wie war es bei Ihnen und Ihrer Frau Laura? Waren Sie auch glücklich miteinander?"
„Oh ja", sagte Alex. „Ich dachte auch, genau wie Sie, dass alles perfekt sei. Ich muss dazusagen, dass ich erst mit Lauras größerer Schwester Sheila einige Zeit zusammen war, aber das hat nicht funktioniert. Sie hatte mehr Interesse an Albert als an mir. Als sie mir eines Tage ihre Familie vorgestellt hat, hat es zwischen mir und ihrer kleinen Schwester gefunkt. Wir waren ungefähr drei Jahre zusammen, als ich ihr den Antrag gemacht habe. Auch bei uns war alles so… perfekt."
„Wollten Sie immer Kinder haben?"
„Laura und ich haben darüber nachgedacht, ja. Und wir kamen beide zu dem Schluss, dass wir es versuchen wollten. Faith und auch der Zeitpunkt waren nicht direkt geplant, wir wollten es auf uns zukommen lassen. Drei Jahre nach unserer Hochzeit war Faith dann da und unser Glück schien komplett. Wie schnell sich alles ändern kann."
„Darf ich fragen, ob… Hat man… Sind die Mörder Ihrer Tochter gefasst worden?", fragte Claire vorsichtig.
Alex verneinte. „Wir haben keine Spur gehabt. Nichts. Es war, als wäre irgendein Geist über die Insel gezogen und hätte diese Tat begangen. Wir haben keine Hinweise auf ihre Mörder, wer das getan hat. Aber ich schwöre, wenn ich die Schweine erwische, dann werden Sie bitter bezahlen. Dasselbe gilt für die Entführer meiner Frau."
„Glauben Sie, dass Rache Sie zufriedenstellen wird? Das wird die Geschehnisse nicht ungeschehen machen können."
„Ich weiß, aber Genugtuung ist ein sehr gutes Gefühl. Das wird mir meine Frau nicht zurückgeben und das kann die Jahre des Schmerzes über Faiths Tod auch nicht wieder gutmachen, aber zumindest habe ich alles getan, was ich konnte. Zweifelsohne hadere ich mit der Vergangenheit und sie quält mich."
Ihre Hände ruhten auf dem Brückengeländer, während sie auf die sanften Wogen des Wassers blickten. Ein Kälteschauer durchfuhr Claire. Sie warf Alex einen verstohlenen Blick von der Seite zu. Sie wäre gern ein Stück näher neben ihm gestanden.
„Ich will meine Tochter unbedingt zurück", sagte Alex, „und ich werde nicht aufgeben. Ich werde es weiterversuchen. Aber vielleicht…" Er sah nachdenklich auf seine rechte Hand hinab, an der er seinen Ehering trug. Er streifte ihn zögerlich von seinem Finger. „… vielleicht sollte ich zumindest mit einem gewissen Teil meiner Vergangenheit endlich abschließen."
Er war im Begriff, den Ring in den Fluss zu werfen, doch Claire ergriff seine Hand und hielt ihn zurück. Entgeistert sah er sie an. „Was…?"
„Tun Sie das nicht, Alex. Ihre Frau mag zwar verstorben sein und in dieser Richtung mag nichts mehr auf Sie warten, aber es ist trotzdem ein Teil ihres Lebens. Und das wird es immer bleiben. Sie können die Vergangenheit nicht abstreifen, wie diesen Ring. Ihre Vergangenheit ist ein Teil von Ihnen und macht Sie zu dem, was Sie sind. Das sollten Sie annehmen und sich nicht dagegen wehren. Außerdem…"
Sie trat ein Stück näher an ihn heran und sie sahen sich tief in die Augen. Zum ersten Mal erkannte Claire, dass auch seine Augen durch den Virus verändert warnen. Durch seine dunkelbraunen Augen war es nur aus der Nähe zu erkennen. Sie hielt weiterhin fest seine Hand. Sie wollte loslassen, aber etwas in ihr hinderte sie daran.
Alex spürte die Wärme ihrer Haut auf seiner Hand und ein angenehmes Gefühl breitete sich in ihm aus. „Außerdem?", fragte er leise.
„Außerdem ohne die Vergangenheit zu akzeptieren und ruhen zu lassen, ist es unmöglich, nach vorne auf das zu sehen, was in der Zukunft liegt."
Claires Herzschlag hämmerte gegen ihren Brustkorb. Sie reckte sich langsam ein Stück nach oben. Wie in Zeitlupe kam Alex´ Gesicht näher. Sie schloss die Augen und küsste ihn sanft auf die Lippen.
Alex war für einen Moment zu perplex, um etwas tun zu können, doch bald merkte er, wie sein Körper auf ihre Annäherung reagierte. Er legte seine freie Hand um ihren Rücken und zog sie näher an sich, sodass sich ihr Kuss intensivierte.
Sie waren wie in Trance gefangen. Sie lösten sich erst voneinander, als beide nach Luft rangen.
Claire sah beschämt zur Seite, als sie realisierte, was sie getan hatte.
„Es tut mir Leid, ich hätte das nicht tun dürfen", sagte sie und strich sich verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr.
Alex schüttelte den Kopf. „Ist schon in Ordnung", beruhigte er sie, doch Claire hastete an mit gesenktem Blick an ihm vorbei und ließ ihn allein auf der Brücke stehen.
Sherry hatte ein schlechtes Gewissen, als sie einen Blick auf das Display ihre Handys warf und sah, dass sie schon wieder 27 Nachrichten und unbeantwortete Anrufe von Jake darauf hatte. Sie war schon fast so weit, ihn anzurufen, aber jedes Mal, wenn sie die Nummer wählen wollte, verließ sich spätestens bei der Anruftaste der Mut. Sie wusste zwar, dass es so nicht weitergehen konnte, aber sie wusste sich im Moment nicht anders zu helfen.
Nachdem sie ihre Untersuchungsergebnisse bekommen hatte, war ihre Welt völlig auf den Kopf gestellt worden und sie hatte nicht mehr klar denken können. Kurzerhand war sie, ohne Jake Bescheid zu sagen, in ihre Wohnung gefahren, hatte einen Koffer mit den nötigsten Sachen gepackt und war zum Flughafen gefahren, wo sie sich das nächste Ticket nach New York gekauft hatte. Von unterwegs hatte sie Hunnigan um Freistellung von ihrer Arbeit gebeten.
Sie musste mit Leon und Claire sprechen. Die beiden waren die einzigen, denen sie sich anvertrauen konnte. Jake war völlig entgeistert zurückgeblieben und versuchte seitdem, sie auf dem Handy zu erreichen. Sie versicherte ihm zwar, dass alles in Ordnung war, dass sie nur eine kleine Auszeit brauchte, um ihre Freunde zu besuchen, aber ihr Freund war hartnäckig und gab sich damit natürlich nicht zufrieden. In einer Nachricht auf ihrer Mailbox kündigte er ihr an, sie mithilfe des D.S.O. zurückbringen zu lassen, wenn sie sich weiterhin völlig verrückt verhielt.
Es tat ihr weh, dass sie so mit ihm umging, aber sie wusste einfach nicht mehr, was sie tun sollte. Tränen rannen ihre Wangen hinab, als sie in ihrem Hotelzimmer vor dem Badezimmerspiegel stand und sich darin betrachtete. Eine Hand ruhte auf ihrer Körpermitte.
