Leon S. Kennedy 1977: :) Das finde ich ja lustig, dass du diese Parallele siehst. Ich gebe zu, dass William Wesker entfernt an Peter Teleborian angelehnt sein sollte, aber ich habe beim Schreiben echt nicht mehr explizit daran gedacht. Aber der Name seiner Frau Harriet ist wirklich rein zufällig. :D Ich kann mich gar nicht erinnern, dass seine Frau so hieß. ^^ Vielleicht hat mir mein Unterbewusstsein das beim Schreiben eingeflüstert *LOL*
Weskers und Jakes Begegnung wird jetzt unvermeidlich kommen. Aber ob sie auch positiv verlaufen wird? Wir werden sehen… :) Ein sehr kurzes Kapitel diesmal, aber es hat es in sich.
„OK, wir können es nur versuchen", sagte Alex Wesker. Dr. Martin, Rebecca Chambers und Chris Redfield standen um ihn herum und sahen alle auf die Spritze, die er in seiner Hand hielt und die ein Medikament enthielt, mit dem Piers Nivans geholfen werden sollte.
„Wie sind die Tests verlaufen?", fragte Dr. Martin.
„In der Zellkultur in der Petrischale und bei den Mäusen hat es funktioniert", sagte Alex seufzend. „Ich hoffe, dass es sich in der Praxis auch bewährt."
Der Soldat lag in der Mitte des Labors auf einem Metalltisch und sah ängstlich in ihre Richtung. Er war an medizinische Geräte angeschlossen, die stetig seine Körperfunktionen überwachten. Chris trat zu ihm und sprach ihm beruhigende Worte zu.
„Piers, wir bekommen das hin, OK? Wir kriegen dich wieder hin, das weiß ich. Alex schafft das."
„Was macht er mit mir?", fragte Piers verunsichert.
„Er hat ein Mittel entwickelt, mit dem wir deine Mutationen", er deutete auf Piers´ Arm, „rückgängig machen können. Er wird es dir jetzt spritzen. Du musst keine Angst haben."
Alex trat neben ihn. „Mr. Nivans, ich werde Ihnen jetzt das Mittel injizieren. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie lange es dauert und ob es unter Umständen Schmerzen verursacht. Ich bitte Sie durchzuhalten."
Piers nickte schwach. Alex setzte die Spritze an seiner linken Armbeuge an. Piers zuckte zusammen, als die Nadel seine Haut durchstieß. Für Chris schien es eine Ewigkeit zu dauern, bis das Mittel in die Vene eingeflößt war.
„Jetzt heißt es abwarten", sagte Alex.
Jake war sauer, stinksauer. Auf Sherry, auf die B.S.A.A. und Chris Redfield, auf den D.S.O. und Hunnigan, auf Alex Wesker, eigentlich war er momentan auf alles und jeden sauer.
Sein Vater lebte.
Die Stimme in seinem Kopf wiederholte diesen Satz permanent wie ein Mantra, aber er konnte die Bedeutung dieser Worte immer noch nicht richtig begreifen.
Sein Vater sollte am Leben sein? Er sollte hier in New York sein und auf ihn warten?
Alle hatten ihm gesagt, sein Vater sei tot und er hatte, seit er erfahren hatte, dass Albert Wesker sein Vater war, unermüdlich versucht, mit der Tatsache klarzukommen, dass er seinen Vater nie kennenlernen würde. Er hatte versucht, es zu akzeptieren, dass er nie Antworten auf alle Fragen bekommen würde, dass er nie erfahren würde, was wirklich passiert war und dass er dem Mann, der seine Mutter sitzengelassen hatte, nie persönlich würde gegenübertreten können. Damit hatte er sich schwer getan. Er haderte mit seiner Vergangenheit, all den unbeantworteten Fragen, dem Schmerz und Leid, dass seine Mutter durchmachen musste und damit, es kommentarlos abschließen zu müssen, aber er hatte jeden Tag darum gekämpft, ein normales Leben führen zu können.
Und jetzt?
Jetzt wurde ihm eröffnet, dass sein Vater doch am Leben war.
Jake fragte sich, wie das sein konnte. Chris Redfield, der Mann, der seinen Vater persönlich umgebracht hatte, hatte ihm erzählt, was in Afrika passiert war. Wesker war in einem Vulkan gestorben. Wie sollte er das überlebt haben?
Chris Redfield war es aber auch, genauso wie die ganze B.S.A.A. und der gesamte D.S.O., die schon länger von Weskers Rückkehr gewusst, es ihm aber bewusst verschwiegen hatten. Es ärgerte ihn maßlos. Was bildeten die sich ein? Glaubten die, er müsse geschont werden? Er brauchte niemanden, der ihn in Watte packte. Schon gar nicht, wenn es um Wesker ging. Er wollte die Wahrheit und nichts anderes.
Er hatte mit O´Brian gesprochen und darauf bestanden, seinen Vater zu sehen. Hatte darauf gepocht, dass es das Mindeste sei, was man für ihn tun müsse, nachdem man ihn so lange im Dunkeln gelassen hatte. Die B.S.A.A. war nicht begeistert, aber man willigte schließlich ein.
Wesker wurde es nicht erlaubt, Jake allein zu sehen. Chris, Jill und O´Brian waren bei ihrem Treffen anwesend. Sie warteten im Konferenzraum, bis der Junge eintreffen würde. Zwei B.S.A.A.- Agenten holten ihn vom Hotel ab und begleiteten ihn in die Zentrale.
Wesker stand mit verschränkten Armen mit dem Rücken zu ihnen. Niemand sprach ein Wort. Stille lag über dem Raum. Nur die Uhr tickte unablässig an der Wand. Die Minuten krochen dahin.
Wesker hatte keine Ahnung, was er sich von dem Treffen erhoffte oder was seine Erwartungen waren. Nach dem Gespräch mit Alex und den erschreckenden Offenbarungen über die Vergangenheit fühlte er sich innerlich leer und erschöpft. Er hatte die vergangenen Nächte nicht geschlafen, weil ihn die Gesichter von Dr. Wesker, Spencer und Anna Muller in seinen Träumen verfolgt hatten. Er hatte Alex seitdem nicht mehr gesehen. Er wollte ihn auch gar nicht mehr sehen. Er wusste nicht mehr, was er wollte oder was er noch fühlen sollte.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sich die Tür zum Konferenzraum öffnete und eine Sekretärin hereintrat.
„Jake Muller ist angekommen. Er ist auf dem Weg nach oben."
Weskers Körper spannte sich unfreiwillig an. Draußen auf dem Gang waren Schritte zu hören und schließlich traten Personen in den Raum. Er ließ seine Arme neben seinen Körper sinken und wandte sich langsam um. Er erstarrte innerlich.
Ein junger Mann, Anfang 20, mit kurzen, roten Haaren und ungefähr seiner Größe stand vor ihm und musterte ihn mit ausdruckslosem Gesicht. Er war sportlich gekleidet und trug Stiefel und einen schwarzen Wintermantel. Auf seiner linken Wange hatte er eine tiefe Narbe.
Wesker hatte keine Zweifel, dass der Junge sein und Annas Sohn war. Er hatte dieselben blauen Augen wie er und Annas rotes Haar und ihre Gesichtszüge. Zum ersten Mal in seinem Leben wusste Wesker nicht, was er sagen sollte. Er war sprachlos.
Chris, Jill und O´Brian traten vorsichtig näher. Die Anspannung im Raum war deutlich zu spüren. Die beiden Männer musterten sich eingehend und man hätte glauben können, die Luft zwischen ihnen knisterte.
„So", sagte Jake Muller schließlich. „Du bist also der berühmte Wesker, ja? Hab schon viel von dir gehört." Er räusperte sich. „Dein Ruf eilt dir voraus… Dad. "
Wesker konnte nichts erwidern. Sie machten ein paar vorsichtige Schritte aufeinander zu. Jake hatte eine schlaksige, muskulöse Statur und man sah, dass er gut trainiert war. Chris, Jill und O´Brian im Hintergrund waren merklich angespannt.
„Du musst Jake sein", sagte Wesker. „Ich habe ebenfalls schon einiges von dir gehört."
Der Junge nickte kaum merklich.
Jake betrachtete den blonden Mann vor sich eingehend. Er erkannte ihn sofort von dem Foto wieder, das ihm Chris vergangenen Oktober gezeigt hatte, nur dass er seit der Aufnahme des Bildes ein paar Jahre gealtert war.
Sein Vater war völlig in schwarz gekleidet und trug wie auf dem alten Foto eine Sonnenbrille, sodass seine Augen nicht zu sehen waren. Jake konnte nicht erklären, warum, aber er war davon schrecklich genervt und er fühlte sich provoziert. Wesker trat etwas näher an ihn heran und musterte ihn von oben bis unten.
Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Er merkte, dass er seine Hände zu Fäusten ballte. Er war eigentlich ohne Erwartungen an ihre Begegnung herangegangen, aber er konnte es nicht ertragen, dass Wesker einfach nur vor ihm stand und gar nichts tat. Sein Körper spannte sich an und er wurde unruhig. Er konnte nicht mehr ruhig auf der Stelle stehen.
In ihm brodelte es auf einmal. Das Gesicht seiner Mutter erschien vor seinem geistigen Auge, wie sie krank und schwach im Bett gelegen war, ihr Körper von der Krankheit zerstört. Wenn sein Vater da gewesen wäre, hätte man ihr helfen können.
Wenn Wesker da gewesen wäre, hätte er nicht so eine beschissene Kindheit haben müssen.
Wenn Wesker da gewesen wäre, dann wäre seine Mutter nicht ihr ganzes Leben lang unglücklich gewesen.
Wenn Wesker da gewesen wäre, hätte seine Mutter noch leben können.
Seine Gedanken überschlugen sich. Eine Wut, wie er sie noch nie gespürt hatte und ein Hass, den er noch nie empfunden hatte, flossen durch seine Adern wie ein Gift. Seine Hände waren so stark zu Fäusten geballt, dass es wehtat. Er zitterte vor Zorn. Er konnte nicht mehr klar denken. Er sah nur noch den Mann, seinen Vater, vor sich und alles Schlechte, das er seiner Mutter angetan hatte. Er handelte wie in Trance. Aus weiter Entfernung kam eine Stimme, die ihm etwas zurief: „Jake, nicht!"
„Das ist für Mum", sagte er leise zu sich selbst und im nächsten Moment schoss er blitzschnell nach vorne und schlug Wesker mit der Faust ins Gesicht.
Zum zweiten Mal binnen weniger Tage wurde Wesker ins Gesicht geschlagen. Diesmal jedoch war es überaus schmerzhaft. Sein Kopf wurde zur Seite gerissen und er konnte sich gerade noch am Tisch abfangen, bevor er auf den Boden fiel. Er schmeckte Blut in seinem Mund. Seine Lippe war aufgeplatzt und blutete stark. Jake hatte einen kräftigen Schlag, das stand schon mal fest. Er musste keuchend Luft holen und spuckte etwas Blut aus. Um ihn herum entstand der Tumult. Eilige Schritte waren zu hören, die Tür knallte.
„Jake!" Es war Jill, die dem Jungen hinterher rief. Er war bereits aus dem Raum gestürzt.
„Sherry, bitte mach auf. Ich muss mit dir reden", flehte Jake. Er stand völlig entgeistert und zitternd am ganzen Körper vor der Tür ihres Hotelzimmers und versuchte sie, dazu zu bewegen, zu öffnen und ihn hereinzulassen.
„Jake, ich… hab doch gesagt, ich… melde mich bei dir", ertönte es gedämpft von innen.
„Sherry, du verstehst nicht. Mein Dad… er ist am Leben. Und ich hab ihm gerade eine runtergehauen."
Die Tür öffnete sich augenblicklich.
„Was?!"
„Kann ich rein?"
Jake war völlig aufgelöst. Sherry hatte ihn noch nie so gesehen. Er schritt nervös im Zimmer auf und ab und konnte sich kaum beruhigen. Irgendwann sank er erschöpft auf einen Stuhl und begrub das Gesicht mit den Händen.
„Jake… Hey, alles OK?"
Sherry ging vor ihm in die Hocke und ergriff seine Hand. „Erzähl mir, was passiert ist", bat sie.
„Alex Wesker hat mich angerufen. Er hatte mir ja versprochen, mit mir über meinen Dad zu reden."
Sherry nickte.
„Tja, er hat mir eröffnet, dass mein Vater am Leben ist."
„Was?!" Sherry konnte das nicht fassen. „Wie kann das sein?"
„Kein Plan. Alex hat mir nichts erzählt. Dad ist hier in New York. Die B.S.A.A. und wohl auch der D.S.O. wissen seit einer Ewigkeit Bescheid. Und sie haben es mir absichtlich verschwiegen. Deswegen durften wir beide nicht mit Alex zurück nach Alaska fliegen. Weil mein Dad dabei war. Die wussten das und wollten nicht, dass ich es erfahre."
Sherry wusste nichts darauf zu sagen. Sie konnte sich zwar einen Grund vorstellen, aber wollte es vor Jake nicht aussprechen, um ihn nicht zu verletzen.
„Ich habe Dad heute getroffen. Ich wollte ihn unbedingt sehen, aber als ich ihm gegenüberstand, da…"
„Was ist passiert, Jake?", fragte Sherry einfühlsam.
„Er stand einfach nur da und… hat nichts gesagt. Und ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte. Das war einfach irgendwie zu viel für mich. Ich hatte immer Mum vor Augen. Dass sie mein ganzes Leben lang nur unglücklich wegen dem war und dass sie sterben musste, weil er nicht da war. Da bin ich ausgetickt. Ich habe einfach nur noch rot gesehen. Ich habe ihm eine ins Gesicht geschlagen und bin rausgelaufen. So viel zu unserem Kennenlernen."
„Das tut mir so Leid, Jake", sagte sie mitfühlend und umarmte ihn.
„Die ganze Zeit wollte ich ihn so unbedingt sehen und kennenlernen, weil ich die Wahrheit wissen möchte, und jetzt, wo ich die Möglichkeit dazu habe… jetzt will ich es irgendwie nicht mehr. Ich kann… es nicht ertragen, vor diesem Mann zu stehen. Ich komm mir undankbar vor."
„Jake, du bist jetzt völlig aufgewühlt. Das alles ist einfach ein bisschen viel. Gib dir Zeit und vielleicht gibst du auch deinem Dad Zeit. Das ging wahrscheinlich alles ein bisschen schnell. Komm erst mal ein bisschen runter, dann wird alles gut."
„Du hast leicht reden, Sherry."
Tatsächlich hatte Sherry nicht leicht reden. Es kostete sie Überwindung, diese Worte auszusprechen und sie tat es nur aus Rücksicht auf Jake, weil Wesker sein Vater war und sie seinen Wunsch nach Kontakt respektierte. In Wirklichkeit glich die Nachricht von Weskers Rückkehr einem Albtraum für sie.
Wegen diesem Mann hatte man sie ihre gesamte Kindheit seit ihrem zwölften Lebensjahr eingesperrt, weil er es auf den G- Virus in ihrem Körper abgesehen hatte. Wahrscheinlich hätte er keinen Moment gezögert, sie für Experimente zu missbrauchen. Er hatte Leon und Claire, zwei Menschen, die ihr viel bedeuteten, sehr wehgetan.
Und er hatte es zugelassen, dass ihre Eltern sie allein gelassen hatten und ihr Vater von seiner Arbeit aufgefressen worden war, ihn der G- Virus schließlich getötet hatte.
Sie empfand Wesker gegenüber Abscheu und Wut. Die verlorenen Jahre ihrer Jugend, in denen man ihr ihre Freiheit weggenommen hatte, konnte ihr niemand ersetzen. Ganz zu schweigen von all der Angst und der unsichtbaren Bedrohung, die sie die ganze Zeit über begleitet hatte. Sie musste zugeben, dass es Erleichterung für sie bedeutet hatte, 2009 von seinem Tod zu erfahren. Sie schämte sich heute ein wenig dafür, dass sie ihn als Kind so sehr gemocht hatte.
Nachdem sie Jake kennengelernt und erfahren hatte, dass er Weskers Sohn war, befand sie sich in einer großen Zwickmühle. Sie wusste, wie viel es ihm bedeutete, seinen Vater zu treffen, und sie freute sich für ihn, dass er die Möglichkeit bekommen hatte. Aber es bedeutete auch für sie, sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen, vielleicht sogar, Wesker wieder gegenüberzutreten.
„Was willst du jetzt tun?", fragte sie Jake vorsichtig.
„Ich weiß es nicht. Ich bin einfach sauer, auf alles und jeden. Ich hab keinen Plan, was jetzt werden soll."
Auch Sherry hatte auf diese Frage keine Antwort.
