Leon S. Kennedy 1977: Das finde ich cool, dass ich jetzt die meisten Reviews habe. :D Bei ihrem ersten Treffen konnten Wesker und Jake wirklich nicht einfach nett reden. Dafür ist einfach zu viel in Jakes Leben passiert. Ob sich die beiden doch noch zusammenraufen, wird sich zeigen. Ich verrate schon mal, dass die beiden einiges an Überzeugung brauchen werden. :)

Mit diesem Kapitel hat es diesmal etwas länger gedauert, weil mich eine kleine Schreibblockade heimgesucht hat und ich eine sehr anstrengende Praktikumswoche überstehen musste. Dann bin ich auch noch krank geworden und habe die Tage im Bett verbracht. :( Jetzt ist das Kapitel aber endlich fertig! :)


Ein paar Wochen waren vergangen seit Alex Wesker Piers mit dem Medikament behandelt hatte. Es hatte gedauert, bis eine Wirkung eingesetzt hatte, doch mittlerweile waren die Erfolge gut sichtbar geworden. Die Mutationen des C- Virus, die Piers´ Gesicht entstellt hatten, waren verschwunden und sein Arm hatte sich vollständig zurückgebildet. Er konnte zwar aufstehen und sich kurze Zeit bewegen, aber er war immer noch stark geschwächt. Außerdem plagten ihn manchmal Phantomschmerzen. Da er Rechtshänder war, versuchte er immer zuerst, seinen rechten Arm zu benutzen, um dann frustriert und unbeholfen alles mit links zu machen.

Alex hatte unermüdlich daran gearbeitet, Piers eine Prothese wie Albert zu erstellen. Es dauerte, bis er die Materialien zusammen und die exakte Bauweise rekonstruiert hatte, aber schließlich war er erfolgreich und konnte Piers den künstlichen Arm ansetzen. Er gab ihm zusätzlich Tabletten, um sein Immunsystem für einige Zeit etwas zu unterdrücken, damit sein Körper das fremde Gewebe nicht abstieß.

Piers fühlte sich seltsam mit seinem neuen Arm. Es war wie ein Teil von ihm, aber dennoch sehr fremd, als gehöre es nicht zu ihm. Er hatte Probleme mit Bewegungen und Alex riet ihm zu Physiotherapie.

„Sie werden mit der Feinmotorik einige Zeit Schwierigkeiten haben, aber… es wird sich legen. Sie müssen nur üben. Lassen Sie sich nicht unterkriegen, auch wenn es anfangs sehr frustrierend ist", sagte Alex Wesker, als er Piers untersuchte und seine Blutwerte überprüfte. Sein Körper hatte die Prothese gut angenommen.

„Es wird", sagte Piers und machte langsam eine Faust. Seine Finger zitterten ein wenig. „Es ist komisch. Mein Kopf hat es noch nicht richtig begriffen."

„Sie brauchen Zeit."

„Wie genau haben Sie das gemacht? Es ist so… echt. Ich habe Gefühl darin, wie in meinem anderen Arm. Wie ist das möglich?", fragte Piers beeindruckt. „Das ist doch aber ein künstliches Gewebe, oder?"

„In der Tat", sagte Alex. „Es ist eine spezielle Metallverbindung. Das Gewebe ist aber biologisch aktiv, das heißt, Nerven, Gefäße, aber auch Muskelstränge können durchlaufen. Ihr Körper erkennt es an. Er hat es nicht abgestoßen, das heißt, es hat funktioniert."

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal zu einem Wesker sagen würde, aber… Haben Sie vielen Dank dafür."

„Bitte."


Chris kehrte nach einem langen Tag mit viel Aktenarbeit zusammen mit Jill nach Hause zurück. Erschöpft legten die beiden ihre Sachen ab und entschlossen sich dazu, das Kochen ausfallen zu lassen und stattdessen etwas Chinesisches zu bestellen.

Eine halbe Stunde später nahmen sie ihr Essen entgegen und setzten sich ins Wohnzimmer. Chris packte seine Stäbchen aus und reichte Jill den Reis. Es war lange her, dass die beiden zusammen ein Abendessen genießen konnten. Die Ereignisse der vergangenen Wochen hatten an ihnen gezehrt. Vor allem das unglückliche Zusammentreffen zwischen Jake und Wesker machte Chris zu schaffen. Einzig der Erfolg, den Alex mit Piers´ Arm verzeichnen konnte, war ein kleiner Lichtblick in all ihren Problemen.

„Ich bin so froh, dass es Piers besser geht", sagte Chris. „Ich hätte mir das nie verziehen, wenn…"

„Ach Chris", seufzte Jill. „Sieh doch einfach das Positive. Piers hat es geschafft. Und Alex auch. Wir sollten uns noch mal bei ihm bedanken, dass er so gute Arbeit geleistet hat. Sieh es als das, was es ist: Es ist ein Schritt nach vorne."

„Glaubst du, Piers kann uns vielleicht weiterhelfen?"

„Das weiß ich nicht", sagte Jill. „Wir werden sehen. Lassen wir ihn erstmal zur Ruhe kommen."

„Du hast Recht." Chris nickte.

Sie aßen einige Zeit schweigend.

„Jake beschäftigt dich sehr, oder?", fragte Jill schließlich.

Chris schluckte seinen Bissen hinunter und legte seine Stäbchen beiseite. „Ja. Sehr."

„Ich hätte nicht gedacht, dass das Ganze sooo mies laufen würde", musste Jill schmunzelnd zugeben.

„Ich auch nicht. Jake tut mir Leid."

„Hast du ihn erreicht?"

„Ja. Aber er hat mir zu verstehen gegeben, dass er nicht mir reden möchte."

Chris hatte Jake angerufen, um mit ihm zu reden, aber dieser hatte ihm gesagt, dass er nichts mehr mit der B.S.A.A. oder der Regierung zu tun haben wollte. Chris konnte es ihm nicht verübeln, aber er fühlte sich trotzdem schuldig und schlecht deswegen. Er hatte sich so darum bemüht, eine Beziehung zu dem Jungen aufzubauen und war so darauf versessen gewesen, ihn zu beschützen, dass er genau das Gegenteil davon erreicht hatte.

„Es war ein Fehler, es ihm zu verschweigen, Chris", sagte Jill ernst. „Wir hätten doch ehrlich mit ihm sein müssen."

„Ich weiß nicht. Hast du… verstanden, was er gesagt hat, bevor er Wesker eine runtergehauen hat?"

„Ja. Ich habe es gehört. Er sagte: `Das ist für Mum´. Also nehme ich mal an, dass er wütend auf Wesker ist, wegen seiner Mutter. Aber wir kennen ja die Geschichte nicht."

„Jake meinte damals im Oktober, dass Wesker seine Mutter verlassen hat. Vielleicht deswegen. Ich mache mir jedenfalls Sorgen um den Jungen. Und ich mache mir Vorwürfe."

„Du kannst es nicht mehr ändern, Chris."

„Ja. Ich weiß."

„Wie geht es eigentlich Claire? Sie ist in letzter Zeit irgendwie… durch den Wind."

„Keine Ahnung. Alle sind momentan irgendwie völlig hinüber. Ich weiß nicht, sie… Die ganze Zeit hat sie total Kontakt zu Alex Wesker gesucht. Und seit einigen Wochen ist sie total komisch. Das gefällt mir nicht. Ich will nicht, dass sie so engen Kontakt mit ihm hat. Ich mach mir Sorgen um meine Schwester. Sie weiß nicht, mit wem sie sich einlässt."

„Chris, Alex hilft uns. Vergiss das nicht", mahnte Jill.

„Aber er ist einer von denen, Jill. Er ist genauso wie Albert. Vielleicht… nur auf andere Art und Weise."


Nach der missglückten Begegnung mit Jake Muller hatte sich Albert Wesker in die Arbeit an dem neuen Virus gestürzt. Er verbrachte jede freie Minute im Labor. Allein. Er scheuchte die Wissenschaftler der B.S.A.A. aus dem Raum und beanspruchte die Arbeit für sich. Es hatte ihn nicht gestört, mit Dr. Martin oder den anderen zusammenzuarbeiten, aber er hatte das Bedürfnis, allein zu sein. Vielleicht respektierte man seinen unausgesprochenen Wunsch, denn man ließ ihn gewähren.

Er litt seit Wochen unter Alpträumen und Schlaflosigkeit und aß kaum. Zwischenmenschliche Kontakte waren im zuwider und nicht selten wurde sein Ton harscher und aggressiv. Die Dinge, die Alex ihm erzählt hatte und das Zusammentreffen mit seinem Sohn, das nicht positiv verlaufen war, lasteten schwer auf ihm. So ungern er es auch zugeben wollte.

Vor sich auf dem Computerbildschirm sah er eine große Aufnahme des neuen Virus. Er saß nachdenklich auf seinem Stuhl und betrachtete die kleinen Zellen. In seiner Hand hielt er die Labormaus, die er und Alex mit dem Virus behandelt hatten. Sie zeigte weiterhin keinerlei Veränderungen und keine Mutationen. Ihr verändertes Genom war stabil.

Seine Finger glitten über das weiße Fell des Nagetiers, das neugierig seine kleine Nase in alle Richtungen streckte. Die Maus verspürte keine Angst in seiner Gegenwart, obwohl es für Wesker ein leichtes gewesen wäre, sie in der Hand zu töten. Er tat es nicht, weil er die Maus für ein weiteres Experiment brauchen würde und er hatte das Gefühl, sie wäre das einzige Lebewesen, das er momentan um sich haben konnte. Als er mit dem Zeigefinger über ihren weichen Rücken strich, kam er nicht umhin zugeben zu müssen, dass er dem kleinen Wesen nichts antun konnte und wollte. Es war eine unter vielen Labormäusen, leicht ersetzbar, weil zahlreich vorhanden, trotzdem empfand er sie als etwas Besonderes, weil er ihre Gesellschaft brauchte.

Er hatte bereits einen zweiten Käfig mit einer weiteren Maus ins Labor gebracht. Das kleine Tier lief aufgeregt durch die Stroheinlage und beschnupperte alles neugierig. Manchmal fiepte sie, um ihre Artgenossin auf sich aufmerksam zu machen.

Er drehte sich nicht um, als sich die Tür öffnete. Er erkannte die Person sofort an den Schritten, ehe sie zu sprechen begann.

„Hey", sagte Alex leise. „Wie geht es dir, wenn ich fragen darf?"

Albert antwortete nicht. Er erhob sich und setzte die Maus in seiner Hand in den Käfig zu der anderen. Die beiden beschnupperten sich sofort angeregt.

„Hast du neue Freunde?"

Albert ignorierte Alex. „Bist jedenfalls genauso schweigsam wie die."

Alex schritt zum Käfig und streichelte die Mäuse.

„Meine Tochter mochte die Mäuse. Sie kam immer zu mir ins Labor und hat mit ihnen gespielt. Er sah Albert von der Seite an. „Hast du Lust auf einen Drink? Also ich könnte einen vertragen."

Sie saßen zusammen an einer Bar und bestellten eine Flasche Whiskey und zwei Gläser.

Es war lange her, dass Albert Alkohol getrunken hatte. Die Flüssigkeit brannte in seinem Hals, aber gab ihm sofort ein Gefühl der Entspannung. In seiner Situation hatte er große Lust, ein paar Flaschen davon allein zu vernichten. Er fragte sich, ob Alkohol ihn immer noch so beeinflussen konnte, wie einen normalen Menschen, wenn er den Virus in seinem Körper hatte.

„Wie geht es dir?", fragte Alex vorsichtig.

„Wie sollte es mir gehen?"

„Du vergräbst dich nur noch im Labor. Und du isst schon wieder nicht. Du bist blass. Man sieht, dass es dir nicht gut geht."

„Ich könnte dasselbe über dich sagen, Alex. Du schläfst nicht mal mehr, weil du nur noch für die arbeitest", erwiderte Albert etwas ungehalten. Er hatte aber keine große Energie, sich zu streiten.

„Ich bin von dieser Scheiße auch nicht begeistert. Glaubst du, es gefällt mir, mit der Regierung und der B.S.A.A. zusammenzuarbeiten? Ich denke mir oft, dass ich besser dran wäre, wenn ich allein weiter nach Faith suchen würde. Aber nachdem du ja hier bist und ich Sherry und Jake gerettet habe… Es war einfach vernünftiger, Hilfe anzunehmen. Wir können das nicht im Alleingang schaffen. Diesmal stehen wir alle auf derselben Seite gegen einen gemeinsamen Feind."

Albert warf ihm bei der Erwähnung von Jakes Namen von der Seite einen Blick zu.

„Es tut mir Leid, Albert", sagte Alex schließlich. „Das mit dir und Jake."

„Ich weiß nicht, was ich von dem Treffen erwartet habe. Es war vorauszusehen, dass es so enden würde."

Er leerte bereits sein zweites Glas mit einem Schluck und schenkte sich nach. Alex hatte noch nicht einmal sein erstes Glas ausgetrunken und beäugte Albert kritisch.

„Mach mal etwas langsamer", sagte er ernst und zog die Flasche zu sich.

„Sobald wir irgendeinen Hinweis haben, werde ich verschwinden. Ob du mitkommst oder nicht, Alex, ist mir gleich", sagte Albert ernst. „Ich kann das hier nicht länger ertragen."

„Was ist mit Jake? Deinem Sohn?"

„Ich habe keinen Sohn, Alex. Ich hatte nie einen und das wird sich auch nicht ändern. Ich habe keinerlei Interesse an dem Jungen. Und er offenbar an mir auch nicht. Also ist es besser, wenn sich unsere Wege auch in Zukunft nicht kreuzen."

„Warum wolltest du ihn dann überhaupt sehen?", fragte Alex und schüttelte aus Unverständnis den Kopf.

„Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wollte ich einfach nur sehen, ob es wahr ist und kein übler Scherz."

Alex nippte an seinem Glas. Plötzlich lachte er leise auf.

„Weißt du, wir sind uns so ähnlich, aber doch so verschieden. Ich an deiner Stelle würde alles tun, um Jake kennenzulernen."

„Aber du bist nicht an meiner Stelle", sagte Albert.

„Ja."

Sie saßen schweigend nebeneinander.

„Was hast du eigentlich mit den Mäusen vor?", fragte Alex schließlich. „Ist es das, was ich denke?"

„Ich habe der Maus einen Freund besorgt. Jetzt heißt es nur abwarten. Ich bin neugierig, was passiert, wenn die Maus Nachkommen erzeugt. Ich möchte wissen, wie sich die genetischen Veränderungen manifestieren."

„Verstehe."

„Haben die beiden Wesker etwas dagegen, wenn ich mich zu ihnen geselle?", sagte auf einmal ein Mann hinter ihnen. Als sich Alex und Albert umdrehten, erkannten sie HUNK, der auf sie zuschritt.

„Mr. Death persönlich", sagte Albert belustigt. „Bitte." Er wies ihn mit einer einladenden Handbewegung an, sich auf den Barhocker neben sie zu setzen. „So jung kommen wir nicht mehr zusammen."

„Wir dürfen eigentlich nicht ohne Begleitung nach draußen", sagte HUNK mit einem Grinsen und bestellte sich einen Drink.

„Wir begleiten uns selbst", sagte Alex.

„Es ist ungewohnt und ungewöhnlich, dich ohne deinen Helm zu sehen, HUNK, oder jetzt besser Edward, weil in zivil?", sagte Albert.

„Tja, ich bin ja nicht mehr im Einsatz. Zumindest nicht mehr so wie früher."

„Was ist mit deinem Team?"

„Ich habe mein Team in Raccoon City verloren", sagte HUNK.

„Ich spreche auch eher von „Wolfpack"."

„Wir haben uns seit 1998 nicht gesehen. Der einzige, der noch aktiv ist, ist Vector, aber alle anderen sind entweder Tod oder im Gefängnis. Von Karena hörte ich, dass sie inzwischen Großmutter ist. Die Zeit vergeht."

„War Vector nicht dein Schüler auf Rockford Island?", fragte Albert.

„Ja. Der beste Soldat, mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Ich weiß nicht, wo er ist, ich wünsche ihm aber, dass ihm mein Schicksal und das der anderen erspart bleibt."

„Höre ich da gewissen Unmut heraus?", fragte Albert und grinste.

„Ich werde die erstbeste Gelegenheit ergreifen und meiner Wege gehen. Die Regierung und die B.S.A.A. sind mir gleichgültig."

„Dann nehme ich mal an, dass Sie ihnen auch nicht die Wahrheit gesagt haben, oder?", schloss Alex aus dem Gesagten.

„Natürlich nicht", sagte HUNK. „Ich habe mir eine Geschichte ausgedacht, die ich denen aufgetischt habe. Ich habe denen nicht erzählt, warum ich in Russland war."

„Und warum warst du dort, Edward?"

„Ich hörte ein paar Gerüchte, dass irgendwer Umbrella wiederbeleben wollte. Die Unterwelt war sehr in Aufruhr. Es hieß, dass auf dem Schwarzmarkt wieder mit ganz neuen B.O.W.s gehandelt wird. Meine Spur führte mich dann nach Russland. Ich wollte die Anlage dort untersuchen. Es war natürlich ein blöder Zufall, dass ich dort ausgerechnet der Schwester von Chris Redfield in die Arme gelaufen bin."

„Warum haben Sie Claire dann geholfen?", fragte Alex.

„Das hatte ich zuerst gar nicht beabsichtigt", erklärte HUNK. „Ich wollte sie eigentlich ausschalten, damit sie mir bei meinen Nachforschungen nicht in die Quere kommen- wir jagten nämlich denselben Mann- aber das Problem war, dass das Team und ich von einer Horde B.O.W.s attackiert wurden. Wir beide haben dann Zuflucht in der Anlage gesucht."

„Warum sind Sie nicht verschwunden? Warum haben Sie sich in die Hände der Regierung begeben?"

„Ich hatte leider keine Wahl", sagte HUNK. „Als wir uns aus der Anlage befreit und sie in die Luft gesprengt haben, haben uns die Russen aufgegriffen. Wie saßen ein paar Stunden in Gewahrsam, bis uns TerraSave und die amerikanische Botschaft befreit haben. Ich hatte großes Glück, denn auch für mich gab es einen Haftbefehl. Ich muss zähneknirschend zugeben, dass wenn sich Claire Redfield nicht für mich eingesetzt hätte, ich wahrscheinlich im Gefängnis sitzen würde. Von daher kann ich mich glücklich schätzen, wie die Dinge gelaufen sind. Ich werde denen hier aber trotzdem früher oder später den Rücken kehren."

„Dito", sagte Albert. „Da sind wir schon zwei."

HUNK leerte sein Glas und ließ sich einen zweiten Drink geben. „Tut mir natürlich sehr Leid, Alex, was mit Ihrer Frau passiert ist. Wir hatten keine Ahnung, wer Laura Yamamoto ist. Aber wir hätten ihr auch nicht helfen können. Ms. Redfield hat versucht, sie dazu zu bewegen, mit uns zu kommen, aber… Etwas kam leider dazwischen. Wir mussten aufpassen, dass uns dieses Tentakelmonster nicht gefressen hat."

„Schon gut. Ich wusste bereits lange vorher, dass meine Frau so gut wie tot war. Dass „M" sein Versprechen nicht halten würde. Ich habe mir keine großen Hoffnungen gemacht, sie wiederzusehen."

„Der mysteriöse „M", ja", sagte HUNK. „Nachdem wir ja jetzt mal unter uns sind, können wir ja Tacheles reden. Wer glauben Sie ist „M", Alex?"

„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht", sagte Alex niedergeschlagen. „Ich tappe im Dunkeln."

„Ich weiß es auch nicht", musste Albert widerwillig zugeben. Er hasste die Hilflosigkeit und Unwissenheit und die fehlende Kontrolle über die Situation, die damit einherging. „Ich möchte auch nur zu gern wissen, wer „M" ist."

„Patrick Marius Simmons."

Eine rauchige, verführerische Frauenstimme ertönte hinter ihnen, die zu keiner geringeren als Ada Wong gehörte. Sie war in einen langen, schwarzen Wintermantel gehüllt, als sie zu den drei Männern trat.

„Ms. Wong, was für eine freudige Überraschung. Es ist lange her", bemerkte Albert. „Das letzte Mal, als wir uns sahen, versuchtest du mir eine falsche Probe des Las Plagas unterzujubeln. Natürlich dachtest du, ich würde es nicht merken."

„Ich hörte schon, dass du Ersatz für meine Dienste gefunden hast", sagte Ada süffisant grinsend und warf HUNK einen Blick von der Seite zu, der ihr mit seinem Glas zuprostete.

„Wesker." Albert nickte. „Wesker." Sie sah Alex an. „Es war schon schwer, den einen loszuwerden. Und jetzt? Jetzt gibt es sogar zwei."

„Wir sind eben unverwüstlich", erwiderte Albert.

„Das ist also die berühmte Ada Wong", sagte Alex. „Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, My Lady. Ich hörte schon viel von Ihnen."

Ada bedachte ihn mit einem Grinsen.

„Wollen die Herrn der Lady keinen Drink spendieren?"

Sie begaben sich an einen Vierertisch und eine Bedienung brachte Ada einen Cocktail. Sie legte ihren Mantel ab und entblößte ein blutrotes Kleid. Sie nahm lasziv einen Schluck von ihrem Strohhalm.

„Was führt dich zu uns, Ada? Sehnsucht?", fragte Albert und allmählich sprach der Alkohol aus ihm.

„Anstoßen auf die alten Tage, nicht wahr? Es ist ja auch lange her", sagte Ada und seufzte theatralisch. „Aber ich bin leider nicht zum Vergnügen hier."

„Du hast einen Namen erwähnt", sagte HUNK.

„Ja, in der Tat", sagte Ada. „Ich habe die letzten Wochen unermüdlich geforscht und bin hier, weil ich einen Hinweis für euch habe."

„Für uns?", fragte Albert. „Nicht für die B.S.A.A.? Oder die Regierung?"

„Bitte, Albert. Nicht doch." Ihre Finger strichen über den Rand ihres Glases. Sie hatte ihre Beine überkreuzt. „Vielleicht habe ich sogar das entscheidende Puzzleteil gefunden. Das werde ich nicht mit denen teilen."

„Wir sind ganz Ohr", sagte Alex.

„Der Mann, der hinter allem steckt, ist Patrick Marius Simmons. Kein geringerer als der Bruder von Derek C. Simmons. Der mysteriöse „M"."

„So, so", sagte Albert. „Das klingt wahrlich interessant. Wir sind gespannt darauf mehr zu erfahren."

„Ich muss an anderer Stelle beginnen", erklärte Ada. „Seid ihr mit den Vorkommnissen seit ungefähr Weihnachten 2012 vertraut?"

„Wenn Sie Simmons, Tall Oaks und China meiden, dann ja. Wir wurden darin eingeweiht", sagte Alex. Albert vermutete, dass Claire Redfield ihm alles erzählt hatte. So wie ihm Helena Harper.

„OK, dann muss ich nicht ganz so ins Detail gehen. Ist euch die Familie Simmons und die Organisation „Die Familie" denn bekannt?"

„Ja", sagte diesmal HUNK. „Ich habe viele Gerüchte über sie gehört. Sie sind eine sehr wohlhabende und in der Politik und Wirtschaft sehr einflussreiche Familie. Mir war allerdings neu, dass ihnen diese Organisation gehört."

Albert und Alex nickten zustimmend. Ada begann zu erzählen.

„Ich lernte Derek in den Neunzigerjahren kennen, als ich anfing für ihn zu arbeiten. Es funktionierte allerdings nicht lange, denn er wurde…", sie zögerte, „sehr fordernd und aufdringlich. Er wollte mehr von mir als nur eine geschäftliche Beziehung. Er war irgendwann so… fixiert auf mich, dass… er begann mich zu stalken. Er spionierte mein Privatleben aus. Wir arbeiteten plötzlich immer zur selben Zeit. Er machte Annäherungen an mich. Ich hatte damals eine Beziehung mit jemandem. Derek zerstörte sie aus Eifersucht. Ab da wusste ich, dass die Situation sehr ernst war. Ich begann, meine Flucht vorzubereiten. Ich nahm einen Auftrag der „Organisation" an. Sie schickten mich nach Raccoon City, wo ich Umbrella ausspionieren musste. Sie wollten über die Vorkommnisse in den Arklay Mountains und die Forschungsarbeit an den Viren Bescheid wissen. Ich ging eine Beziehung mit dem damaligen Forschungsleiter ein, John. Tja, aber dann…"

Sie warf Albert Wesker einen vielsagenden Blick zu. „Albert hier hat mich natürlich durchschaut. Er fand heraus, dass ich eine Agentin war, die Umbrella schaden wollte. Wir machten einen Deal. Ich stellte für ihn Kontakt zur „Organisation" her, weil er ja selbst geplant hatte, Umbrella den Rücken zuzukehren und er half mir meine Spuren zu verwischen, sodass Simmons mich nicht ausfindig machen konnte. Er half mir unterzutauchen."

„Interessant", sagte Alex Wesker.

„Ich dachte, ich sei Simmons los, ein für alle mal. Aber leider sollte ich mich geirrt haben. Simmons war es, der dem damaligen Präsidenten eingeredet hat, Raccoon City mit einer Rakete dem Erdboden gleichzumachen. Die Verstrickungen der US- Regierung und „Der Familie" sollten natürlich nicht an die Öffentlichkeit geraten. Inspiriert von dem, was in den Arklay Laboratorien und in Raccoon City geschah, begann Simmons selbst in der biologischen Waffenforschung tätig zu werden. Nach dem Tod ihrer Eltern kam Sherry Birkin in die Obhut der Regierung. Simmons benutzte unter anderem den G- Virus, mit dem sie in Raccoon City infiziert worden war, um daraus den neuen C- Virus herzustellen."

„Sherrys Virus ist der Grundstock für den C- Virus. Interessant. Wie genau ist sie eigentlich infiziert worden?", fragte Albert überrascht.

Ada nickte. „Ihr eigener Vater infizierte sich selbst damit, weil man ihm seine Arbeit wegnehmen wollte. Als er bereits ein Monster war, infizierte er Sherry damit. Sie konnte jedoch, dank Leon Kennedy und Claire Redfield, die sie rechtzeitig mit einem Impfstoff behandelt haben, gerettet werden. Der Virus in ihrem Körper verleiht ihr Heilkräfte. Wirklich beeindruckend."

Albert nickte. Vielleicht würde er der Tochter seines Kollegen bald einen Besuch abstatten.

„Für seine Forschung engagierte Derek eine sehr talentierte junge Forscherin, direkt von der Uni. Sie war gerade einmal 15 Jahre alt damals, als sie 1998 anfingen. Ihr Name war Carla Radames. Sie zeigte gegenüber Simmons dieselben Gefühle, die er für mich hatte und mindestens genauso fanatisch. Simmons interessierte sich aber nicht für sie. Er war immer noch völlig besessen von mir. Er begann mit Experimenten, mich zu klonen."

„Was?!" Alex als Genetiker wurde hellhörig. „Wie hat er das denn anstellen wollen? Menschen zu klonen ist nach wie vor sehr schwierig bis unmöglich."

„Er benutzte den C- Virus und wahrscheinlich tausende Testobjekte als Versuchskaninchen. Carla hatte keine Ahnung, was Derek vorhatte. Schließlich hat sie sich als Testobjekt angeboten. Er infizierte sie mit dem C- Virus und meinem genetischen Material. Sie verpuppte sich zu einer Crysalide und heraus kam eine täuschend echte Kopie von mir. Meine Doppelgängerin war geboren."

Albert zog die Augenbraunen nach oben. „Eine Doppelgängerin?"

„In der Tat und sie trieb in meinem Namen sehr viel Unfug." Zum ersten Mal klangen Wut und Verbitterung aus Adas Stimme. „ „Die Familie" wollte schon immer eines: Kontrolle und Macht. Simmons wollte den C- Virus benutzen, um genau das zu erlangen. Carla Radames kam ihm jedoch zuvor. Als sie merkte, was Simmons ihr angetan hatte, dass er nur Interesse an mir hatte und sie jetzt in meinem Körper steckte, schwor sie bittere Rache."

„Die Rache einer verschmähten Frau sollte man nicht unterschätzen, schon gar nicht, wenn es sich um verschmähte Liebe handelt", sagte HUNK ernst.

„Simmons tat dies aber. Er stieß Carla von sich weg. Sie war natürlich nicht ich, aber mit der Zeit steigerte sie sich immer mehr in diesen Wahnsinn hinein. Sie dachte zuletzt, dass sie tatsächlich ich sei. Das alles tat sie nur für Simmons. Ihr Plan war genau das Gegenteil von Simmons´. Sie wollte Chaos und Zerstörung verursachen."

Sie nahm einen Schluck ihres Getränks. „Im Frühling 2013 kontaktierte mich Carla, in dem sie Simmons´ Identität benutzte. Sie gab mir ein paar vage Hinweise, sagte, ich könnte vielleicht Interesse daran haben. Sie führte mich im Juni darauf schließlich in ein verlassenes U- Boot, wo ich eine sehr merkwürdige Filmaufnahme fand. Simmons gab darauf Ada Wong Anweisungen, Jake Muller in Edonien ausfindig zu machen."

„Was? Simmons wusste von meinem Sohn?"

Ada nickte. „Natürlich gab er nicht mir diese Anweisungen, sondern Carla. Ich hatte das Band noch nie gesehen und es war bereits sechs Monate alt. Weihnachten 2012 wurde der C- Virus in Edonien losgelassen. Das Land war vom Bürgerkrieg stark gezeichnet und man verkaufte es den Soldaten der Edonien Liberation Army als Stärkungsmittel. Sie mutierten in die sogenannten J´avos. Jake Muller war auch unter ihnen. Er injizierte sich den C- Virus, ohne einen Effekt zu bemerken. Sherry Birkin war damals von Simmons nach Edonien gesandt worden mit dem Auftrag, Jake Muller zu finden. Die US- Regierung wollte ihn finden, weil sie sich von seinen Antikörpern, die er ja dank dir trägt, erhoffte, einen Impfstoff gegen den C- Virus entwickeln zu können. Schlussendlich ist dies auch gelungen."

„Jetzt wird mir einiges klar", sagte Albert. „Simmons schickt ausgerechnet, Sherry Birkin, die Tochter meines ehemaligen Kollegen nach Edonien, um meinen Sohn zu finden? Man muss ein blinder Narr sein, um das als Zufall zu bezeichnen."

„Zustimmung", sagten Alex, HUNK und Ada gleichzeitig. „Ich muss leider zugeben, dass ich wahrscheinlich nicht ganz unschuldig daran war. Ich hörte auf meinen Reisen Gerüchte, dass in Osteuropa ein junger Mann leben soll, der dein Sohn ist. Eines Tages bekam ich einen Auftrag. Ich sollte herausfinden, was an diesen Gerüchten dran ist. Ich tat es, aber hatte keine Ahnung, dass ich damit Simmons in die Hände spielte."

Albert schnaubte.

„Was ist dann passiert?", fragte Alex.

„Sherry sollte Jake natürlich sicher in die USA bringen, aber Carla hatte andere Pläne. Sie schickte den beiden ein Monster namens Ustanak hinterher, das die beiden quer durch Edonien gejagt hat. Sie wurden schließlich aufgegriffen und nach China verschleppt, in eine geheime Forschungsbasis der „Familie". Carla wollte Jake aus demselben Grund, wie alle anderen auch: seine Antikörper. Sie benutzte Jake, um den C- Virus zu verstärken. Das ist auch gelungen. Davor hat sie in Edonien in meinem Namen das B.S.A.A.- Team von Chris Redfield getötet. Er ist nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen seitdem."

„Was ist dann in China passiert?"

„Im Namen von Neo- Umbrella wurde der C- Virus dort verbreitet. In Lanshiang. Simmons reiste nach China und wollte sich dort mit Sherry und Jake treffen. Leon und Helena Harper, aber auch Chris Redfield und sein Team reisten dorthin, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Carla infizierte Simmons aus Rache mit dem C- Virus, woraufhin er sich in ein Monster verwandelte. Leon und Helena haben ihn schließlich ausgeschaltet. Chris verfolgte mich, so zumindest dachte er. Er wollte Rache für sein Team. Jeder glaubte, ich wäre für die Anschläge verantwortlich. Carla wurde von einem unbekannten Mitglied der Familie erschossen. Sie war jedoch infiziert und mutierte. Ich tötete sie am Ende."

„Warum tötete Simmons den Präsidenten? Das war in Tall Oaks, oder?", fragte Albert.

„Benford wollte die Wahrheit über Raccoon City auf den Tisch bringen und dass „die Familie" die Regierung beeinflusst hatte. Er hatte geplant, im Sommer letztes Jahr auf dem Campus der Uni eine Rede zu halten, aber so weit kam es nicht. Die gesamte Stadt wurde infiziert."

„Wie kommt jetzt Simmons´ Bruder ins Spiel?", fragte Alex.

„Soweit diese Geschichte. „Die Familie" verstieß Derek natürlich, weil er gegen ihre Prinzipien verstoßen hatte. Sie überließen ihn seinem Schicksal. Aber sie waren plötzlich führerlos. Patrick hatte schon immer andere Ansichten gehabt, als der Rest seiner Familie. Er wollte keine Macht und Kontrolle im Hintergrund. Er wollte die Welt verändern, zur Not mit Gewalt und darüber herrschen. Aufgrund seiner Anschauungen wurde er des Throns enthoben. Man verweigerte ihm die Erbfolge, verstieß ihn schon in seiner Jugend aus „der Familie". Obwohl er älter ist als Derek, durfte er nicht Oberhaupt der „Familie" werden. Er verschwand, aber soweit ich recherchiert habe, war er im Untergrund sehr aktiv. Er nennt sich „M" zur Tarnung, um seine Herkunft zu verschleiern. Ich bin nach Deutschland gereist und habe mir die Anlage angesehen, in der ihr wart. Du, Alex, und das Mädchen. Ohne Zweifel „die Familie". Dasselbe gilt für Südamerika. Ihr Symbol ist das Schlangenemblem. Sie sind wieder aktiv geworden und offenbar steckt Patrick dahinter. Nach dem Tod seines Bruders wird er die Geschäfte dort übernommen haben. Und er wird jetzt seine Pläne verfolgen. Das heißt, wir können damit rechnen, dass etwas passieren wird. In absehbarer Zeit."

„Das heißt, dieser Patrick Simmons hat mich gefangen gehalten", sagte Albert ruhig, aber er ballte vor Wut seine Fäuste und seine Augen leuchteten kurz rot auf. „Dafür wird er büßen."

Alex war sofort aufgeregt. „Wenn wir „M", also Patrick M. Simmons finden, könnte uns das zu meiner Tochter führen! Und zu dem anderen Mädchen!"

„Tochter?", fragte Ada verwundert. „Offenbar weiß ich doch nicht alles."

Alex umriss ihr die Geschichte mit Faith und dem Testobjekt, das der Schlüssel zu dem neuen Virus war.

„Das tut mir sehr Leid, Alex", sagte Ada sanft. „Gibt es Hinweise, wer das getan hat?"

„Nein", sagte Alex. „Leider nein."

„Also Simmons und „die Familie" ist unser primäres Ziel, das wir verfolgen sollten", fasste HUNK das eben gehörte zusammen.

„Ja", bestätigte Ada. „In dieser Richtung werden sich Antworten auftun."

„Eine Frage Ada", sagte Albert, „wenn Simmons 1998 mit der Virenforschung begann, wann wurde dann der C- Virus fertiggestellt?"

„Soweit ich das zurückverfolgen konnte, 2001. Warum fragst du?"

„Weil sich mir eines nicht erschließt: Wenn man von Jakes Existenz wusste, warum wartete man dann elf Jahre, ihn zu suchen. 2001 war er, wenn ich richtig rechne, neun Jahre alt. Das ergibt für mich keinen Sinn."

„Ehrlich gesagt, muss ich auch zugeben, dass ab da die Unstimmigkeiten anfangen", stimmte Ada zu. „Das sehe ich nämlich auch so. Und noch etwas hat mich sehr erstaunt. Wie konnte man wissen, dass Jake in Edonien zu suchen war? Und wie entstand das Gerücht von deinem Sohn überhaupt?"

„Das erschließt sich mir auch nicht."

„Vielleicht kann ich das erklären", sprang Alex ein. „Ich schätze mal, man konnte es nicht riskieren, sich dem Jungen früher zu nähern. Seine Eltern waren ja da. Ich vermute, dass man gewartet hat, bis du weg warst. Denn man musste das Risiko ausschließen, dass du doch von Jake gewusst hast. Deine Fahndung war international ausgeschrieben und es war bekannt, dass die B.S.A.A. hinter dir her war. Man musste bloß abwarten, bis du ausgeschaltet warst."

„Aber was war mit seiner Mutter? Mit Anna Muller?", fragte Albert. „Wo ist sie?"

„Es tut mir Leid, aber darüber konnte ich kaum etwas rausfinden. Über Jake waren nur seine Abstammung und sein Herkunftsland bekannt, wo er als Söldner bzw. Soldat für die Rebellenarmee gekämpft hat. Über seine Mutter ließ sich praktisch nichts finden. Ich vermute aber, dass sie früh verstorben ist, denn Jake war völlig allein", sagte Ada.

Albert konnte diese Worte nicht recht begreifen. „Anna früh gestorben? Sie war Mitte 30."

Ada zuckte mit den Schultern. Albert musste zugeben, dass sein Vorhaben, keinen Kontakt zu Jake zu suchen, in diesem Moment auf eine harte Probe gestellt wurde. Es gab so viele Ungereimtheiten und so viele Dinge, die er nicht wusste, dass es eigentlich unvermeidlich war, nochmal mit dem Jungen zu sprechen. Er wollte wissen, was mit Anna passiert war.

„Es gibt noch einen weiteren Grund, warum wir davon ausgehen können, dass „die Familie" dahinter steckt", sagte Alex ernst. „Sie wollten Jake und Sherry schon einmal. Die beiden wurden ja vor ein paar Wochen erneut entführt. Offenbar haben Simmons und „die Familie" nach wie vor Interesse an den beiden. Warum auch immer. Wir können davon ausgehen, dass sie es wieder versuchen werden. Glücklicherweise befinden sich die beiden unter Beobachtung der Regierung."

„Das ist alles sehr eigenartig", murmelte Albert mehr zu sich selbst, dann fügte er laut hinzu: „Unser Ziel steht: Patrick Marius Simmons finden und ausschalten."

„Gut, aber wie?", warf HUNK ein. „Wir haben doch keine Anhaltspunkte, wo dieser Kerl ist. Außerdem stört mich eines noch: Es mag ja sein, dass „die Familie" Forschungseinrichtungen in Deutschland und Südamerika besitzt und ihr dort gefangen gehalten wurdet oder sie von dort aus operiert haben. Das erklärt aber noch nicht, warum sie eine Umbrella- Anlage in Russland benutzt haben. Von der in Alaska möchte ich gar nicht anfangen. Diese Anlage unterlag der strengsten Geheimhaltung. Nur wenige wussten überhaupt von ihrer Existenz und wo sie zu finden ist."

„Das, muss ich zugeben, wundert mich auch", sagte Alex ernst. „Die Anlage wurde von Spencer persönlich eingerichtet und nur er und einige Ausgewählte hatten Zugang zu ihr. Wenn also „die Familie" dahinter steckt, dann muss ich mich doch fragen, wie es sein kann, dass sie diese Anlage benutzen konnten. Klug war es allemal, denn einen bessergeschützten Ort als diesen gab es praktisch nicht. Aber nachdem die Anlage seit Jahren nicht benutzt wird, ist es schon fragwürdig, wie sie an die Zugangsdaten gekommen sind. Vor allem, wie die Red Queen hochgefahren werden konnte."

Albert schüttelte den Kopf. „Das gefällt mir nicht. Wenn dieser Simmons wirklich dahinter steckt, und ich habe ehrlich gesagt an Adas Worten keinen Zweifel, dann reicht seine Macht offenbar sehr weit."

„Ja. Er hat so wie es aussieht weit mehr Macht als sein Bruder sich jemals vorstellen konnte", sagte Ada. „Umso dringlicher ist es, dass wir ihn ausschalten. Ich habe der B.S.A.A. einen kleinen Tipp gegeben. Als ich unterwegs war, habe ich festgestellt, dass es in einem Anwesen der Familie Simmons kürzlich eine Aktivität gegeben hat. Ich weiß nicht, ob es euch weiterbringen wird, aber es ist die einzige Spur."

„OK", sagte Alex. „Wir werden dem so schnell es geht nachgehen."


Es war weit nach Mitternacht, als sich die vier trennten. Alex und HUNK steuerten zurück zur B.S.A.A.- Zentrale, Albert jedoch hatte ein anderes Ziel.

Er wusste eigentlich selbst nicht, warum er es tat, aber das Gespräch hatte ihn derart aufgewühlt, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Er hatte das Bedürfnis zu reden, aber auch wieder nicht. Er war so durcheinander nach all den Offenbarungen der letzten Zeit, dass er nicht mehr wusste, wohin mit sich, was er mit sich sollte. Alles überforderte ihn irgendwie. Ihm war heiß und er verspürte schon wieder den Drang, etwas zu zerstören. Er brauchte dringend frische Luft und der Gang zum Hotel tat ihm gut.

Alles schien über ihn hereinzubrechen und der Drang zurückzugehen und alles in Alkohol zu ertränken, überkam ihn. Er wehrte sich dagegen und atmete tief durch.

Er hatte jetzt zwar dank Ada Wong ein Ziel und einen konkreten Anhaltspunkt und die nächsten Schritte waren endlich planbar geworden, aber die Gestalt mit Namen Simmons war wie eine schemenhafte Gestalt in weiter Ferne, die nicht zu greifen war. Wie sollte es weitergehen? Er hatte keine Ahnung. Er wollte etwas tun, aber er wusste nicht wie.

Er war frustriert und er fühlte sich hilflos. Er hatte große Wut in sich und er schwor Rache für das, was man ihm angetan hatte. Er wollte schlagen, zerstören, aber er war so verkrampft, dass seine Schritte wie mechanisch waren. Die Schwärze und die Dunkelheit drohten ihn wieder einzuhüllen. Seine inneren Emotionen brauchten ein Ventil.

Er klopfte um 1: 24 Uhr an Helena Harpers Tür. Er hatte gesehen, dass Licht brannte und er hatte den Fernseher gehört. Sie war also noch wach.

Als sie öffnete, erstarrte sie und sah ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen an.

„Wesker, was machen Sie denn hier?", fragte sie und schlang ihrem Morgenmantel enger um ihren Körper. Sie hatte nasse Haare und roch frisch, also musste sie wohl zuvor eine Dusche genommen haben.

„Darf ich?", fragte Wesker so höflich er konnte. Es war eigentümlich, die Frau wieder zu sehen. Das letzte Mal, dass sie miteinander zu tun hatten, hatte sie eine Woche neben seinem Bett gewacht und ihm geholfen. Er hatte sich nicht bei ihr bedankt, stattdessen war sie unter ihm gelegen und hatte lustvoll gestöhnt. Er wusste nicht, ob ihm ihr gemeinsamer Moment unangenehm sein sollte. Helena jedenfalls wirkte nicht unwesentlich angespannt.

„Wenn ich sage „Nein", interessiert Sie das dann?", fragte sie.

„Nein. Ich würde trotzdem reinkommen."

Sie öffnete die Tür weiter und ließ ihn herein.

„Was wollen Sie, Wesker?", wollte sie wissen und ihm entging ihr kühler Tonfall nicht. War sie wütend?

„Ich…" Er konnte die Frage nicht beantworten. „Ich weiß nicht, warum ich hier bin." Er nahm die Fernbedienung und schaltete das Gerät ab. Sie hatte Nachrichten gesehen. Ein Mann redete gerade Sinnloses über das Wetter der kommenden Woche. Wesker schnitt ihm mitten im Satz das Wort ab.

„Wollen Sie über irgendetwas reden?", fragte sie vielsagend. „Denn wenn ja, dann sollten Sie vielleicht besser zu einer anderen Uhrzeit wiederkommen."

„Ich werde Sie nicht lange aufhalten", sagte Wesker. „Machen Sie sich keine Mühe wegen mir. Ich werde Sie nicht lange stören. Ich…"

Er zögerte und holte tief Luft, bevor er seine Gedanken aussprach. „Ich wollte jemand anderen sehen, nicht die B.S.A.A.- Leute."

In seinem Inneren überschlugen sich die Gedanken. Jake, Anna, Spencer, „Die Familie", alles war bunt durcheinander gewürfelt und bereitete ihm Kopfschmerzen. Es war angenehm, Helena Harper zu sehen, weil sie so unbehelligt von allem war. Sie schien damit nichts zu tun zu haben. Und sie war die einzige Person, mit der er keine gemeinsame Vorgeschichte hatte.

Sie sahen sich an. „Sie sehen wieder nicht so gut aus", bemerkte Helena. „Was ist in den letzten Wochen passiert?"

Er wusste nicht, warum er ihr das sagte. „Ich habe Jake Muller getroffen."

„Wie ist es gelaufen?", erkundigte sie sich sofort. „Haben Sie geredet?"

„Nein. Er…" Er wandte sich von ihr ab und schritt zum Fenster, von wo aus er auf die verschneiten Straßen hinuntersah. „Er hat mich geschlagen. Es gab kein Gespräch."

„Das tut mir Leid", sagte sie mitfühlend.

Er drehte sich wieder zu ihr um und fragte: „Agent Harper, können Sie mir sagen, warum ich hier bin?"

Sie stutzte ob seiner seltsamen Frage. „Ähm, ich würde sagen…" Sie überlegte kurz, dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie hatte begriffen, was er meinte. „Sie sind hier, weil sich jemand Gedanken über Sie gemacht hat. Alex Wesker. Sie bedeuten ihm sehr viel, deshalb hat er Sie zurück ins Leben geholt."

„Was für ein Leben? Ich habe darum nicht gebeten."

„Hey." Sie trat ein Stück näher an ihn heran. „Sie haben die einzigartige Chance bekommen, nochmal von vorne anzufangen. Die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Und sehr viele Dinge warten auf Sie. Sie haben die Möglichkeit bekommen, Ihren Sohn zu treffen."

„Ich… verdiene diese zweite Chance nicht. Ich sollte eigentlich auf dem Grund dieses Vulkans verrotten. Und was Jake angeht… Der Junge hasst mich."

Helena konnte darauf nichts erwidern. Und sie wollte auch nicht näher fragen. Wahrscheinlich war der Kontakt zwischen Vater und Sohn nicht positiv verlaufen. Sie sagte vorsichtig:

„Ich glaube, Sie müssen Jake Zeit geben und seien Sie mit sich selbst nicht so streng. Sie brauchen auch Zeit."

Wesker schnaubte leise.

„Ich meine es ernst. Der Junge hat eine sehr schlimme Vergangenheit hinter sich. Das alles ist… nicht einfach für ihn. Er musste erst kämpfen, sich damit abzufinden, dass sein Vater tot ist und er ihn nie treffen würde, und jetzt sind Sie aber da. Ich glaube, es bedeutet ihm sehr viel, dass er seinen Vater kennenlernen darf. Aber er braucht einfach ein bisschen Zeit."

„Was soll ich tun?"

„Reden Sie nochmal mit ihm."

Wesker seufzte.

Sie stand jetzt dicht vor ihm und sah ihm in die Augen. „Jake braucht Zeit, genau wie Sie. Albert, ich möchte gerne Ihre Augen sehen." Er tat nichts und sie nahm ihm vorsichtig seine Sonnenbrille ab und legte sie auf den nahestehenden Tisch. Sie sah in seine katzengleichen Augen. Seine Augen glühten rot, weil er innerlich so aufgewühlt war.

„Haben Sie keine Angst?", fragte Wesker leise.

Sie schüttelte den Kopf. „Mir gefallen Ihre Augen irgendwie."

„Warum? Warum bin ich hier? Und warum sind Sie so bemüht um mich? Sie haben doch die Akten über mich gelesen. Sie wissen doch, was ich getan habe. Und was alle über mich sagen, dass ich ein Monster bin."

Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln. „Wissen Sie, ich höre nicht so sehr auf das, was alle anderen sagen." Sie schloss den letzten verbliebenden Abstand zwischen ihnen. „Ich bilde mir gerne meine eigene Meinung."

Sie küsste ihn und ihre Hände glitten unter seine Jacke. Er schloss die Augen. Sie streifte ihm den Anorak von den Schultern, sodass er zu Boden fiel. Als ihre Hände sein Shirt nach oben schoben und ihre Finger über seinen Bauch strichen, verkrampfte er und er wich einen Schritt zurück. Die Erinnerung an seine Kindheit überkam ihn und er löste den Kuss. Für einen Moment sah er William Wesker vor seinem geistigen Auge und er war wieder ein hilfloses Kind.

„Auf einmal sind Sie so schüchtern", hauchte Helena gegen seinen Mund. Als er die Augen öffnete, sah er die Frau vor sich, wie sie ihn erneut zu sich heran in einen Kuss zog und er wusste, dass es keine Gefahr für ihn bedeutete.

Auf einmal fühlte Wesker etwas, mit dem er nicht vertraut war. Langsam und vorsichtig erwiderte er den Kuss. Seine Hände glitten über ihre Taille und er zog sie näher zu sich. Er merkte, dass sie nichts unter ihrem Morgenmantel anhatte.

Ihre Haut war kalt und war die willkommene Abkühlung für ihn wie ein Glas Wasser nach einem Gang durch die Wüste. Ihre Küsse und ihre zärtlichen Berührungen waren wie Sauerstoff für einen Ertrinkenden.

Sie drängte ihn zum Bett. Sie ließen sich darauf fallen und Helena drückte ihn nach unten. Sie hielt seine Arme links und rechts fest und setzte sich auf ihn, um seinen Hals zu küssen. Wesker ließ es für einen Augenblick zu, doch er wollte ihr nicht die Oberhand überlassen. Mit Leichtigkeit rollte er sie herum und begrub sie unter sich.

Ihre Küsse waren fordernd und kraftvoll, aber nicht grob wie bei ihrem letzten Mal, sondern voller Lust und Leidenschaft.

Sie verbrachten die restliche Nacht zusammen und niemand wollte an morgen denken.


Entnervt warf Leon sein Handy auf sein Bett. Er hatte bereits zum wiederholten Male versucht, Ada zu erreichen, aber ihr Telefon war abgeschaltet. Er nahm an, dass sie unterwegs war und irgendeinen Auftrag erledigte. Er hoffte nur, dass sie nicht gegeneinander arbeiteten.

Er verließ sein Hotelzimmer, um sich unten an der Bar einen Drink zu genehmigen, als er Jake Muller auf dem Gang begegnete.

„Jake? Was machst du denn hier um diese Uhrzeit?", fragte Leon erstaunt.

„Ich war nur bei Sherry", sagte Jake missmutig.

„Redet sie immer noch nicht mit dir?"

Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Kein Plan, was los ist. Hattet ihr wenigstens Erfolg?"

„Claire hat mit ihr gesprochen, aber… Sie erzählt uns nichts. Vielleicht braucht sie noch Zeit."

„Zeit?! Sie vergräbt sich seit Wochen in ihrem Zimmer und kommt nicht heraus."

„Ich weiß, ja", sagte Leon. „Hör mal, Jake. Hast du vor, noch länger in New York zu bleiben?"

„Natürlich, ich bleibe solange hier, bis Sherry mir endlich sagt, was los ist."

„Ich mache dir ein Angebot. Ich habe einen Freund hier in New York, der eine Ferienwohnung vermietet. Um diese Jahreszeit steht die immer leer und der Preis ist günstig. Ich kann ihn anrufen. Wenn du möchtest. Dann musst du nicht im Hotel schlafen. Und wenn Sherry und du euch wieder versöhnt, dann kann sie zu dir."

Jake überlegte kurz. Er war sich immer noch nicht sicher, was er von Leon S. Kennedy halten sollte, aber nachdem er ein enger Freund von Sherry war und er ein nettes Angebot machte, entschloss er sich, die Hilfsbereitschaft anzunehmen. „OK. Ja, wieso nicht. Danke, das ist sehr nett."


Alex Wesker kehrte in die Zentrale der B.S.A.A. zurück und hatte eigentlich geplant, eine Dusche zu nehmen und dann ins Bett zu gehen. Sein Vorhaben wurde jedoch durchkreuzt, als er auf dem Gang keiner geringeren als Claire Redfield über den Weg lief.

Seit sie sich auf der Brücke geküsst hatten, war sie ihm aus dem Weg gegangen und hatte ihn bewusst gemieden. Alex konnte sich nur einen Grund dafür vorstellen: Es war ihr peinlich, was sie getan hatte. Alex konnte es ihr nicht verübeln. Er war selbst froh, dass er sich im Labor vergraben konnte, um ihr nicht begegnen zu müssen. Auch ihm war es unangenehm. Er hatte darüber nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass er sich einfach hatte hinreißen lassen. Etwas Derartiges würde ihm nicht noch einmal passieren. Andere Dinge hatten Vorrang.

Claire erstarrte, als sie Alex sah, wie er auf sie zukam.

„Oh, ähm, hi", sagte sie verlegen und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Ihm war schon aufgefallen, dass sie dies immer tat, wenn ihr etwas unangenehm war. Sie mied seinen Blick.

„Guten Abend, Ms. Redfield", sagte Alex höflich. „Was machen Sie hier so spät?"

„Ähm, ich… Wie soll ich sagen… Ich habe Sie gesucht, Alex."

„Mich gesucht? Aus welchem Grund?"

Claire straffte die Schultern, atmete tief durch und sah ihm direkt in die Augen.

„Ich wollte mich entschuldigen", sagte Claire.

Das hatte Alex nicht erwartet. „Entschuldigen, wofür?"

„Naja… Der Kuss", sagte sie und es kostete sie sichtlich Überwindung. „Ich… schätze, ich… habe mich einfach hinreißen lassen, weil… Ich wollte Sie nicht… überfahren, oder so."

„Schon gut", sagte Alex.

„Ich glaube, der Grund dafür war einfach, dass… Sie mir zugehört haben, dass ich einfach mal alles erzählen konnte, was mich so bewegt hat. Sie wissen ja, dass meine letzte Beziehung sehr unglücklich war und… Die Zeit, die ich mit Ihnen verbracht habe, war seit Langem… einfach…"

„Ich verstehe Sie, Claire", sagte Alex. „Ich glaube, dass es auch mir so ging. Es war angenehm, aber auch ermutigend, eine Person zu wissen, mit der man über gewisse Dinge sprechen konnte. Die einem Verständnis entgegengebracht hat. Ich muss zugeben, dass dies auch mir sehr gut getan hat."

„Ja. Das meine ich", sagte Claire. „Ich fand es einfach sehr schön, mal wieder mit jemanden ganz normal reden zu können. Das hat mir neuen Mut gegeben. Dafür danke ich Ihnen, Alex."

„Ja", sagte Alex. „Gute Nacht, Claire."

Er wollte an ihr vorbeigehen, doch sie hielt ihn zurück. „Alex, warten Sie bitte."

Er warf ihr einen Blick von der Seite zu.

„Bitte, Alex. Ich habe die Wochen, als wir immer Zeit miteinander verbracht haben, wirklich sehr genossen und… Es hat mir so gut getan, mit Ihnen zu reden, dass es sehr schade wäre, wenn das… diese eine Sache… jetzt so zwischen uns stehen würde."

„Ist schon in Ordnung, Ms. Redfield", sagte Alex ein wenig ungeduldig.

„Ich wollte gerade nach Hause gehen. Es ist schon spät und… Ich wollte fragen… Würden Sie mich begleiten?"

Es war Alex nicht recht, aber er willigte ein. Nachdem Claire diesmal nicht von ihrem Hund begleitet wurde, war es besser, wenn sie um diese Uhrzeit bis zu ihrer Wohnung nicht allein war.

Sie erreichten das kleine Appartement nach einer knappen halben Stunde Fußweg. Bella begrüßte Claire sogleich stürmisch, nachdem diese die Wohnungstür aufgesperrt hatte.

„Ist ja gut, ich bin ja da, mein Mädchen", sagte sie und streichelte der Hündin über den Rücken. Alex lächelte schwach, als er ebenfalls von dem Tier begrüßt wurde.

„Sie kennt mich wohl schon gut", sagte er und ließ sie an seiner Hand schnuppern.

„Sie ist sehr zutraulich", meinte Claire, als sie ihren Mantel ablegte und in die Küche ging, um Bella zu füttern. Alex war sich unsicher, was er tun sollte. Er wollte einerseits gehen, aber irgendetwas hielt ihn zurück und brachte ihn dazu, Claire zu folgen. Er sah zu, wie sie den Napf füllte und Bella zu fressen begann.

Sie bot ihm ein Getränk an und die beiden nahmen im Wohnzimmer Platz.

„Ich habe gehört, Sie haben Piers helfen können", sagte Claire anerkennend. „Das ist wirklich großartig. Sie tun so viel, Alex."

„Danke. Ja, Mr. Nivans geht es gut. Er wird wieder ein normales Leben führen können."

Eine peinliche Stille entstand zwischen ihnen. Alex war die Zweisamkeit zunehmend unangenehm. Er wäre gerne gegangen.

„Mein Bruder ist ein wenig sauer auf mich", sagte Claire, „weil ich so engen Kontakt mit Ihnen hatte, die letzten Wochen. Er meinte, ich soll mich von Ihnen fernhalten."

„Das kann ich mir denken. Ich… bin zwar geduldet, solange ich ihnen helfe, aber unterschwellig weiß ich, was alle von mir denken. Und ich kann es Ihnen nicht einmal verübeln."

„Denken Sie das nicht, Alex. Mein Bruder ist immer so besorgt um mich und er… Es ist seine Vergangenheit, seine Erfahrungen, die er gemacht hat. Er verbindet Sie mit Albert Wesker und deswegen sieht er nicht das, was Sie leisten."

„Was leiste ich, Claire? Ich muss gegen das arbeiten, was ich selbst angerichtet habe. Das, was da draußen passiert, ist meine Schuld. Ich habe es verursacht."

Claire schüttelte den Kopf. „Nein, Alex. Das stimmt nicht. Sie haben nur versucht, ihre Tochter zu retten. Das…"

„Claire, tun Sie mir einen Gefallen", sagte Alex hart und er bereute es augenblicklich, als er ihr Gesicht sah, „Hören Sie auf, es zu rechtfertigen. Ich mag aus anderen Motiven heraus gehandelt haben, als Albert, aber deswegen sind meine Taten nicht weniger schlimm und falsch. Und eigentlich hat ihr Bruder Recht. Ich bin wirklich nicht die richtige Person, mit der Sie Umgang haben sollten."

Er erhob sich schnell und schritt in den Flur. Er wollte einfach nur noch gehen. Er hatte schon die Hand an der Türklinke, als Claire ihn an der Schulter fasste. Er hielt inne.

„Alex, gehen Sie nicht", raunte sie. Er dreht sich langsam zu ihr um.

„Bitte bleiben Sie. Ich will mir nicht länger etwas vormachen. Es ist mir egal, was mein Bruder sagt oder was alle anderen über Sie sagen. Ich mag Ihre Gesellschaft sehr gern. Ich habe auch Sie sehr gern. Mehr als ich eigentlich darf."

Mit diesen Worten küsste sie ihn.