Leon S. Kennedy 1977: Danke, mittlerweile wird es. Ich huste allerdings immer noch. -.- Bis was aus Jake und seinem Vater wird, wird es noch dauern, fürchte ich. Aber irgendwie werden sich die zwei schon zusammenraufen. :) Ich hab mich am Anfang auch gefragt, ob die beiden Pairings wirklich gut sind, aber mittlerweile entwickelt es sich gut. Ich schreibe gerne über die vier. Sie passen irgendwie total gut zusammen. :)
Es dämmerte bereits. Es hatte wieder angefangen zu schneien und dicke Flocken wirbelten am Fenster vorbei.
Albert war nass geschwitzt, als er erwachte. Er schlug leise die Decke zurückschlug und setzte sich auf. Er stellte die Füße auf den Boden, stützte seine Ellbogen auf seinen Knien und rieb sich erschöpft mit den Händen übers Gesicht.
Helena neben ihm regte sich. Die Bettdecke knisterte.
„Hey", sagte sie, ihre Stimme heiser vom Schlafen. „Sie sind ja schon wach."
„Ja."
Sie richtete sich auf und warf kurz einen Blick nach draußen. „Es schneit wieder."
Sie näherte sich ihm vorsichtig. Auch wenn er in der Zwischenzeit seine alte Statur weitestgehend zurückerlangt und er seine Muskulatur wieder aufgebaut hatte, sah man dennoch seine Schulterblätter und die Knochen seiner Wirbelsäule etwas hervortreten, als er nach vorne gebeugt dasaß. Ihre Hand glitte zärtlich über seinen Nacken und sie küsste ihn am Hals. Er verkrampfte innerlich.
„Was haben Sie?", fragte Helena.
„Nichts, schon gut."
„Hatten Sie wieder einen Alptraum?", fragte Helena sehr vorsichtig.
Wesker warf ihr über die Schulter einen Blick zu, dann nickte er schwach.
„Wollen Sie darüber reden? Sie waren gestern Abend schon irgendwie… sehr durcheinander. Ist etwas passiert? In der Nacht bin ich einmal aufgewacht, weil Sie sehr unruhig waren. Sie lagen sehr angespannt da und hatten sich aufgedeckt. Sie haben immer wieder den Namen Anna gemurmelt. Das ist Jake Mullers Mutter, habe ich Recht? "
Er schwieg.
„Möchten Sie darüber sprechen?" Er schüttelte den Kopf.
„Bitte sagen Sie es mir. Sie wissen doch inzwischen, dass Sie mir vertrauen können. Ich werde mit niemandem darüber sprechen, aber ich bitte Sie, vertrauen Sie sich mir an."
Wesker überlegte einen Moment, ob er Helena erzählen sollte, aber er entschied sich dagegen. Seine und Annas Geschichte ging niemanden etwas an.
„Nein. Ich werde eine Dusche nehmen", sagte Wesker und erhob sich, um ins Bad zu gehen. Helena stand vom Bett auf und wollte ihm folgen.
„Allein", gab ihr Wesker mit aller Deutlichkeit zu verstehen.
Sie grinste. „Habe ich Sie letzte Nacht etwa zu sehr gefordert?"
„Das habe ich überhört, Fräulein Nimmersatt", sagte Wesker nur und machte ihr die Tür vor der Nase zu.
Wesker trat eine halbe Stunde später fertig angezogen aus dem Badezimmer und ließ sich dann auf dem Bett nieder, um sich sein Serum zu spritzen. Helena beäugte ihn kritisch, als er eine Spritze aus einer Schachtel zog, sie auf Lufteinschlüsse prüfte und sie sich dann am linken Unterarm setzte.
„Ich mag keine Spritzen", sagte sie lächelnd. „Erklären Sie mir wenigstens wie dieses Serum wirkt?"
„Ja, das kann ich. Der Virus ist mit meinen Körperzellen verbunden und das Serum dämpft mein Immunsystem so weit, dass es den Virus nicht abwehrt. Ich würde sonst meine Kräfte verlieren."
„Verstehe. Hatten Sie deshalb diese Symptome? Weil ihr Körper den Virus bekämpft hat?"
„Ja. Das Serum stabilisiert alles, hält alles im Gleichgewicht."
„Es geht Ihnen damit wieder besser?"
„Ja."
Helena begann, sich ihre Kleidung zusammenzusuchen.
„Ich habe gestern Post bekommen", sagte sie. „Aus Washington."
Wesker verstand sofort.
„In zehn Tagen habe ich meine Anhörung", erklärte sie seltsam gleichgültig. „Dann muss ich zurückfliegen. Das Ganze hat sich wegen diesem ganzen Trubel ein wenig nach hinausgezögert. Ich bin froh, wenn ich wieder Zuhause bin, denn ich habe es satt, aus einem Koffer leben zu müssen."
„Ich verstehe. Können Sie mir sagen, wo Sherry Birkin ist? Ist sie auch hier in New York?", fragte Wesker, ohne auf sie einzugehen.
„Warum wollen Sie das wissen?", fragte Helena ein wenig misstrauisch.
„Ich möchte ihr einen Besuch abstatten", sagte Wesker.
„Sie ist hier im Hotel. Sie kam vor ein paar Wochen. Naja, vielleicht haben Sie ja mehr Glück mit ihr. Sie kommt nämlich nicht aus ihrem Zimmer heraus und verhält sich merkwürdig."
Wesker nahm es zur Kenntnis. Er erhob sich und wollte gehen.
„Sehe ich Sie wieder?", fragte Helena. „Ich meine, bevor ich zurückfliege?"
Er sah über seine Schulter und sein Mund verzog sich ein schwaches Grinsen. „Vielleicht."
Mit diesen Worten verließ er ihr Zimmer.
Claire erwachte, weil Bella ihre Pfoten auf das Bett gelegt und Claire mit ihrer feuchten Nase im Gesicht beschnuppert hatte. Die Hündin war einen anderen Tagesablauf gewohnt und offenbar lag ihr Claire bereits zu lange im Bett.
„Ist ja gut", murmelte sie verschlafen und rappelte sich hoch. „Ich komm ja gleich."
Als hätte Bella sie verstanden, trottete sie aus dem Schlafzimmer.
Claire warf einen Blick auf ihr Handy und stellte fest, dass es dreiviertel sieben war.
Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen. Als sie eine Bewegung hinter sich wahrnahm, warf sie einen Blick über ihre Schulter. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Alex lag noch neben ihr und schlief. Er hatte sich mit dem Gesicht zu ihr gedreht.
In der letzten Nacht hatte er sie nach Hause begleitet und Claire hatte ihn gedrängt, nicht zu gehen, sondern zu bleiben. Ihre Gefühle hatten sie übermannt und schließlich hatten sie sich geküsst. Sie hatten ihren Weg irgendwann in ihr Schlafzimmer gefunden, wo sie küssend auf ihr Bett niedergesunken waren. Allerdings hatte niemand von ihnen die Intention gezeigt, einen Schritt weiterzugehen. Sie hatten sich einfach nur leidenschaftlich geküsst. Sie war dann schließlich in Alex´ Armen eingeschlafen.
Claire errötete ein wenig und ihre Wangen wurden heiß, als sie daran dachte, wie sie ihn praktisch verschlungen hatte. Sie fühlte sich sehr wohl in seiner Gegenwart und das hatte wohl die Leidenschaft in ihr geweckt. Die Nähe war willkommen nach den letzten Monaten der Einsamkeit und der Verletzung durch ihren Verlobten. Sie spürte, dass sie sich nach dem Missbrauch ihres Vertrauens allmählich wieder gegenüber einer anderen Person öffnen konnte.
Sie betrachtete Alex wie er schlief. Sein Gesicht war entspannt. Sein rechter Ärmel war ein Stück nach oben geschoben worden, als er sich umgedreht hatte, und seine Haut dort wurde entblößt. Claire erschrak, als sie die vielen unzähligen Narben auf seinem Unterarm sah, die ohne Zweifel von Schnittverletzungen stammten. Da sie wusste, dass die beiden Wesker durch ihren Virus Heilkräfte besaßen, schloss sie daraus, dass er die Schnittverletzungen erlitten hatte, als er noch ein Mensch gewesen war.
Sie wollte gerade vorsichtig den Ärmel weiter nach oben schieben, als Alex langsam die Augen aufschlug und sich regte. Sie zog ihre Hand sofort zurück, doch er hatte schon gesehen, was sie machen wollte.
„Morgen", flüsterte er heiser und richtete sich auf.
„Hey." Claire sah beschämt nach unten.
„Du hast das hier gesehen", sagte Alex und zog seinen Ärmel wieder über die Narben. Er sprach sie zum ersten Mal nicht mit Ms. Redfield an.
„Tut mir Leid. Ich… habe mich gefragt, was das ist. Ich bin ein wenig erschrocken."
„Ein paar Überbleibsel aus der Vergangenheit, aus meiner Kindheit. Über die ich nicht sprechen möchte", erklärte Alex und Claire verstand sofort, dass sie besser nicht nachfragen sollte.
Sie konnte sich denken, dass es ihm unangenehm war. Die Narben sahen eindeutig danach aus, als hätte er sich die Wunden selbst zugefügt.
Keiner von ihnen sprach. Sie wussten ohnehin nicht, was sie reden sollten. Claire schämt sich ein wenig für den gestrigen Abend, denn sie wusste, dass er eigentlich nur widerwillig mit ihr mitgekommen war und auch nicht hatte bleiben wollen. Sie hatte ihn dazu gedrängt und ihm ihre Gefühle offenbart. Sie mochte ihn gern und wollte weiterhin gern mit ihm zusammen sein. Sie hoffte, dass ihre gemeinsame Nacht und ihre Zuneigung ihn nicht zurückschrecken ließen.
Sie bot ihm Kaffee an, aber er lehnte ab.
„Das ist nett, aber… Ich muss zurück. Die B.S.A.A. weiß nicht, wo ich bin. Eigentlich müssen wir uns bis elf zurückmelden. Ich möchte keinen Ärger."
„Das verstehe ich", sagte Claire enttäuscht.
Ihr Handy klingelte. Sie las „Chris" auf dem Display.
„Wie ich sehe, ist dein Bruder schon in Sorge um mich, wo ich bin", sagte Alex. „Ich sollte gehen." Er zog seine Jacke und Stiefel an.
„Warte Alex." Chris musste noch einen Augenblick warten. Sie legte ihr Handy auf ihr Schlüsselkästchen im Flur. „Ich wollte nur noch sagen, dass ich den Abend sehr schön fand."
Er nickte. „Ja."
„Sehe ich dich wieder?", fragte sie.
„Vielleicht. Machs gut, Claire."
Er schritt zur Tür hinaus.
„Sie haben sich an Regeln zu halten", sagte Ingrid Hunnigan streng. „Das war Teil unserer Vereinbarung. Wenn Sie das missachten, werden wir dieses großzügige Privilegium wieder einschränken."
Albert hörte nur mit halbem Ohr zu und er nahm es vergnügt zur Kenntnis, dass Chris vor Wut schäumte. Gedanklich machte er sich bereits Notizen zu ihrem Flug. Sein Plan stand.
Er fing Alex auf dem Weg zum Labor ab und zog ihn in einen Nebenraum, dass sie ungestört reden konnten.
„Kommt du mit?", fragte er ohne Umschweife.
„Ich weiß nicht, Albert", sagte Alex misstrauisch. „Wir sollten das nicht im Alleingang machen. Warum weihen wir die B.S.A.A. nicht über unser Wissen ein?"
„Du hast doch gehört, was Ada gesagt hat", entgegnete Albert. „Sie wird ihnen einen Tipp zukommen lassen. Wir beide können zusammen, allein, wesentlich mehr ausrichten. Wir müssen schnell handeln. Willst du nicht endlich wissen, wer uns terrorisiert?"
„Natürlich, aber…"
„Und willst du diese einzigartige Chance, vielleicht einen Hinweis auf Faith zu bekommen, verstreichen lassen?"
Alex´ Miene verfinsterte sich. „Du unterstellst mir, ich würde nicht an meine Tochter denken?! Wie kannst du es wagen?!"
„Also, wo ist dein Problem, Alex? Ada wird die Organisation übernehmen. Sie wird uns Waffen besorgen. HUNK wird mit Vector Kontakt aufnehmen, sodass wir eine Flugmöglichkeit nach Kanada bekommen."
„Das Anwesen der Familie Simmons ist in Kanada?"
„Ja, es liegt in British Columbia. Ada hat mir bereits die genauen Koordinaten zukommen lassen. Heute Abend werden wir aufbrechen. Du musst dabei sein, Alex. Ich für meinen Teil bin das untätige Rumsitzen satt. Ich will endlich Fortschritt sehen können."
Auf Alex´ Gesicht war abzulesen, dass er mit sich rang. „Mir geht's doch genauso! Aber…"
„Es gibt kein Aber, Alex. Entweder du kommst mit oder du lässt es sein, aber wage es ja nicht, mir Steine in den Weg zu legen."
„Ich werde mitkommen", sagte Alex schließlich. „Wann starten wir?"
„Wir werden um elf aufbrechen. Um zehn werden wir uns draußen treffen."
„OK."
Sherry hatte sich am Nachmittag etwas hingelegt, weil sie völlig erschöpft war. Gegen halb sechs am frühen Abend erwachte sie und verspürte den nagenden Drang nach einem kalten Orangensaft. Sie hatte in der letzten Zeit schon desöfteren festgestellt, dass sie derlei Bedürfnissen nur schwer widerstehen konnte, also verschwendete sie erst gar keine Energie darauf, es zu versuchen, sondern quälte sich sofort hoch.
Verschlafen zog sie sich ein Sweatshirt über und verließ ihr Zimmer. Weil niemand zusehen war und sie nur ein paar Meter zu gehen hatte, ließ sie ihre Tür offen. Den Flur hinunter holte sie sich an einem Automaten eine Flasche des ersehnten Getränkes.
Sie trank während sie zu ihrem Zimmer zurückging. Die Gänge waren verlassen und es war still. Die Lichter brannten bereits, weil es draußen dunkel war. Ihre Schritte wurden vom Teppich gedämpft.
Nichtsahnend betrat sie ihr Zimmer und schloss die Tür wieder hinter sich. Völlig gedankenverloren stellte sie die Flasche auf die Kommode, auf der der Fernseher stand, und nahm ihr Handy.
„Ach, Jake…", murmelte sie leise, als sie eine SMS von ihm sah.
Sie bemerkte nicht, dass sie nicht allein war.
Sie zuckte zusammen und ein Schrecken, wie sie ihn noch nicht einmal in ihren schlimmsten Alpträumen erlebt hatte, durchfuhr sie. Angst kroch ihr durch Mark und Bein, als sie die Stimme erkannte.
„Sherry Birkin", sagte Albert Wesker. „Groß bist du geworden. Eine hübsche junge Frau, wenn ich das bemerken darf."
Sherry drehte sich langsam um. Wesker saß lässig auf ihrem Bett. Er erhob sich und schritt langsam auf sie zu. Sherry wich instinktiv zurück, doch viel Spielraum hatte sie nicht. Sie spürte augenblicklich den Schrank hinter sich. Sie funkelte Wesker mit einem bösen Blick an.
„Wesker!"
Er nickte und grinste.
„Was willst du hier?!", fragte Sherry und sie legte so viel Verachtung in ihre Worte, wie sie konnte.
„Darf ich keine alte Bekannte besuchen?", fragte Wesker gespielt unwissend. „Es ist lange her, dass wir uns gesehen haben."
„Darüber bin ich natürlich sehr traurig. Meinetwegen könnte es noch ein bisschen länger sein", giftete Sherry. Ihre Finger krallten sich in die Kante des Schranks. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie ließ Wesker nicht aus den Augen, als er immer näher an sie herantrat. Er genoss es sichtlich, sie so hilflos und in die Enge getrieben zu sehen und kostete seine Überlegenheit aus.
„Sherry, warum diese Feindseligkeit?", fragte Wesker und er klang fast ein wenig beleidigt. „Wenn ich mich recht erinnere, warst du als Kind mir gegenüber deutlich aufgeschlossener."
„Tja, weißt du, damals war ich fünf und du hast auch noch nicht versucht, mich für irgendwelche Experimente zu benutzen und du hast auch noch nicht einem Menschen, der mir sehr viel bedeutet, ein Messer in die Brust gerammt. Von den ganzen anderen Sachen möchte ich gar nicht anfangen."
Wesker schloss den Abstand zwischen ihnen. Ihre Körper berührten sich fast. Sie musste zu ihm aufsehen. Seine Augen waren wie üblich hinter einer Sonnenbrille verborgen. Er musterte sie eingehend. Es machte sie wahnsinnig, dass er nichts sagte.
„Was willst du von mir?", fragte Sherry.
Er schenkte ihr nur ein schwaches Lächeln, dann schoss plötzlich ein Schmerz durch ihren Unterarm.
„Au!", schrie sie und hielt sich die Stelle. Blut quoll unter ihren Fingern hervor. Er hatte sie mit einem Messer geschnitten.
„Was…?!"
Sie wimmerte, als er fest ihren Arm ergriff. Sie versuchte, sich zu wehren, aber gegen seinen eisernen Griff hatte sie keine Chance. Er betrachtete fasziniert, wie sich der tiefe Schnitt allmählich von selbst schloss.
„Wirklich… erstaunlich", bemerkte er anerkennungsvoll und ließ sie los.
Sherry wich sofort vor ihm zurück. „Du bist doch krank", murmelte sie. Tränen stiegen ihr in die Augen.
„Wie ich sehe, sind wir beide gar nicht so unterschiedlich", sagte Wesker. Sherry ließ sich erschöpft und schwer atmend auf ihrem Bett nieder. Ihr Körper hatte die Wunde zwar geschlossen, aber die Stelle tat trotzdem weh und pochte unangenehm. „Der G- Virus hatte wirklich eine erstaunliche Wirkung auf deinen Körper."
Wesker nahm ihr Handy und sah auf das Display. „Mein Sohn und du ihr scheint in regem Kontakt miteinander zu stehen. Willst du ihm nicht antworten?"
Sie wich seinem Blick aus. „Ah, ich verstehe. Offenbar durchlebt das Paar gerade eine kleine Krise."
„Woher willst du wissen, dass Jake und ich zusammen sind?", fragte Sherry empört und ihre Wangen glühten dabei. Sie konnte sich die Antwort darauf fast denken.
„Die Tür stand sehr einladend weit offen und ein Blick auf dein Handy sprach Bände."
Sherry schnaubte. „Was willst du hier?"
„Nichts", sagte Wesker. „Ich wollte einfach nur sehen, was aus Sherry Birkin geworden ist, dem kleinen Mädchen, das mich vor sehr langer Zeit mal ganz toll fand."
„Bild dir ja nichts ein", sagte Sherry. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, während er langsam im Zimmer auf und ab schritt.
„Ich hatte mich all die Jahre schon gefragt, was aus dir geworden ist", sagte Wesker. „Auf jeden Fall bist du eine hübsche junge Frau geworden. Du wirst deiner Mutter immer ähnlicher. Ich hörte, du bist als Agentin für die Regierung tätig. Du und mein Sohn habt euch auf einem Einsatz kennengelernt, oder? In Edonien?"
„Und wenn?", fragte Sherry angriffslustig. „Mein Leben geht dich gar nichts an. Und was Jake angeht…"
In diesem Moment begann Sherrys Handy zu läuten.
„Was Jake angeht, er scheint dich erreichen zu wollen", bemerkte Wesker mit einem Blick auf das Handy. Er nahm es und hielt es Sherry hin. „Willst du nicht abheben?"
Sie riss ihm das Gerät aus der Hand und funkelte ihn böse an. „Jake geht es mies wegen dir. Es hat ihm so viel bedeutet, dich zu treffen… Verschwinde einfach, OK?"
Sie hob ab und drehte sich von ihm weg.
Wesker kam ihrem Wunsch nach und verließ ihr Hotelzimmer. Natürlich hatte er keine großen Erwartungen an das Treffen gehabt und in gewisser Weise hatte er auch ihre Feindseligkeit gegen ihn erwartet. Er konnte es ihr nicht verübeln.
Er musste zugeben, dass er von den Auswirkungen, die der G- Virus bei ihr zeigte, als Wissenschaftler sehr angetan war. Wenn er noch aktiv an Viren forschen würde, hätte er versucht, ihr Blut zu einer Untersuchung zu bekommen. Aber im Moment verspürte er kein Bedürfnis, solche Wege einzuschlagen. Außerdem hätte Sherry niemals freiwillig zugestimmt, ihm eine Blutprobe zu geben. Er hätte sie zwingen müssen und das wollte er nicht. Ihm war aufgefallen, dass sie sehr mitgenommen aussah. Irgendetwas war nicht in Ordnung mit ihr und er war sich sofort sicher, dass es nicht ihre Beziehungsprobleme mit Jake waren.
Der D- Virus, den Alex bei ihm angewendet hatte, hatte tatsächlich seine Sinneswahrnehmung verändert und er nahm vor allem Gerüche anders wahr, als zuvor. Als er nah an Sherry gestanden hatte, war ihm aufgefallen, dass ihr Geruch anders als der anderer Frauen war. Er vergaß es allerdings schnell wieder. Vielleicht hatte er es sich nur eingebildet.
Sein Sohn und Sherry Birkin. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
Er fühlte sich manchmal seltsam verloren, weil er aus dem Nichts in ein Becken komplizierter Zusammenhänge und Tatsachen geworfen wurde, auf die er keinen Einfluss hatte und die völlig neu für ihn waren. Er hatte Probleme, sich damit abzufinden. Normalerweise war er derjenige, der im Hintergrund Einfluss ausübte und alles unter Kontrolle hatte. Diesmal jedoch war er dem Einfluss der Dinge hilflos ausgeliefert und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Es gab so viel, mit dem er sich auseinandersetzen musste, dass er sich verloren fühlte.
Ihm war eröffnet worden, dass er mit einer Frau, mit der er gerade mal ein paar Monate seines Lebens geteilt hatte und an die er seit zwanzig Jahren nicht gedacht hatte, einen gemeinsamen Sohn hatte. Dieser war wütend auf ihn und Wesker wusste nicht einmal warum.
Sein Sohn hatte sich ausgerechnet die Tochter seines ehemals besten Freundes und Kollegen ausgesucht. Natürlich wusste Wesker, dass solche Gedanken absurd waren, aber er musste zugeben, dass die Situation etwas Schicksalhaftes an sich hatte.
Ihre unerlaubte Flucht verlief weitestgehend reibungslos. Ada Wong erwartete die beiden Wesker in einem Hubschrauber auf einem Hochhausdach. Sie hoben ab, sobald sie eingestiegen waren.
„Wo ist HUNK?", fragte sie erstaunt, als sie den Ex- Umbrella- Soldaten nicht sah.
„Er bleibt auf unsere Anweisung hier, um uns so lange es geht den Rücken freizuhalten", erklärte Alex. „Sie werden unser Verschwinden zwar bald bemerken, aber…"
„Das ist jetzt einerlei", unterbrach ihn Albert ungeduldig. „Vector fliegt?" Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Ada nickte. „Er wird uns so nah es geht ranbringen. Danach sind wir auf uns gestellt."
„Das heißt, nur wir drei gehen rein?"
„Ja."
„Was ist mit den Waffen?"
„Ich habe alles hier." Ada öffnete zwei große Sporttaschen und reichte sie den beiden.
„Gewöhnliche 9- Millimeter, für jeden eine. Ich habe zwei Schrotgewehre, ein Scharfschützengewehr, mehrere Granaten, sogar einen Granatenwerfer. Jemand Lust?"
„Was ist das?", fragte Alex und deutete auf einen schwarzen Aktenkoffer, der zu Adas Füßen stand.
„Eine Spezialität", sagte sie lasziv und schob ihm den Koffer hin.
„Nicht übel", sagte Alex anerkennungsvoll, als er den Bogen erkannte. „Meinen haben die mir abgenommen. Den nehme ich. Pfeile dazu?"
„Im Fach im Deckel, man muss sie zusammensetzen. Sie explodieren."
„Ich sehe schon, Sie haben guten Geschmack, Ada Wong."
Sie nahmen sich jeder eine Pistole und Ersatzmagazine. „Da ich eine Maschinenpistole habe, überlasse ich euch die Schrotgewehre", sagte Ada.
„Alex, du oder ich das Scharfschützengewehr?", fragte Albert und setzte besagte Waffe zusammen.
„Ich überlasse es dir."
Sie richteten sich schweigend ihre Ausrüstung zusammen. Es war lange her, dass Albert Waffen zusammenbaute. Zuletzt hatte er das als S.T.A.R.S.- Captain gemacht, danach hatte er immer seine Samurai Edge benutzt. Er dachte fast wehmütig an seine alte Waffe, die ihm immer gute Dienste geleistet hatte. Sie war wahrscheinlich in Afrika verloren gegangen. Der Hubschrauber hatte New York bald hinter sich gelassen.
„Wo warst du eigentlich letzte Nacht?", fragte Alex an Albert gewandt. Dieser meinte nur knapp: „Ich war beschäftigt."
„So, so", sagte Alex, ohne näher darauf einzugehen. „Und heute Abend? Du bist ganz schön viel unterwegs."
„Ich habe eine alte Freundin besucht."
„Sherry Birkin?"
„Ja."
„Wie hat sie dich empfangen?", fragte Ada interessiert.
„Wie zu erwarten, nicht gerade mit dem roten Teppich", meinte Albert. „Aber vielleicht habe ich den falschen Zeitpunkt erwischt. Sie schien mir sehr… zerstreut. Sie hat es ein wenig schwer im Moment."
„Weißt du von ihr und…?", fragte Alex vorsichtig.
„Ich habe erfahren, dass sie und Jake zusammen sind. Woher weißt du es?", fragte Albert misstrauisch.
„Man hat die beiden aus ihrer Wohnung entführt, wo sie zusammen gewohnt haben. Eindeutiger ging es kaum. Die beiden schienen mir auch sehr vertraut miteinander zu sein. Also war meine Schlussfolgerung, dass sie ein Paar sind."
„Irgendetwas war an ihr seltsam", sagte Albert. „Seit ich den D- Virus in mir habe, nehme ich die Menschen anders war. An ihr war irgendetwas… komisch. Aber wahrscheinlich sehe ich schon Gespenster."
„Wie meinst du das?", fragte Alex.
„Die Leute… im Speziellen Frauen… riechen anders."
Er warf Ada einen Blick zu. Sie hob skeptisch eine Augenbraue.
„Der Prototyp- Virus verleiht mir diese Kräfte nicht. Es muss dein D- Virus sein. Ich habe auch so eine merkwürdige Verbindung zu diesen B.O.W.s. Sie tun mir nichts und das Weibchen war sehr interessiert an mir."
„Sie erkennen dich als einen von ihnen, Albert. Vielleicht kann es uns mal nützlich sein", meinte Alex.
Sie schwiegen einige Zeit und sahen gedankenverloren durch die Fenster hinaus. Sie überquerten eine schneebedeckte Landschaft.
„Was glaubst du, wie lange wird es dauern, bis sie unser Verschwinden bemerken?", fragte Alex und es war keine ernstgemeinte Frage.
„Die können mir gestohlen bleiben", sagte Albert hart. „Es interessiert mich nicht. Ich würde nach dieser Geschichte ohnehin gerne alleine weitermachen, das weißt du. Ich habe es nur dir zuliebe nicht gemacht."
Tatsächlich hatte Albert darüber nachgedacht, nach ihrer Mission nach Kanada nicht nach New York zurückzukehren, sondern unterzutauchen. Ada hatte ihm ihre Hilfe dabei angeboten. Alex jedoch hatte ihn überzeugt, es nicht zu machen.
„Du weißt, was ich davon halte", sagte Alex streng. „Allein hast du weniger Chancen. Außerdem musst du früher oder später mit Jake reden. Er verdient es."
Albert verdrehte die Augen hinter seiner Sonnenbrille. „Wenn wir zum vereinbarten Zeitpunkt nicht zurück sind, werden sie es merken. Entweder folgen sie uns oder sie warten."
„Sie werden uns folgen. Ich habe ihnen einen Hinweis zukommen lassen", sagte Ada. „Aber sie werden schnell merken, dass ihr es von mir wisst. Dass ich euch geholfen habe. Der Ärger ist sowieso vorprogrammiert."
„Es ist sowieso schon alles egal", sagte Alex. „Mir ist nur noch wichtig, dass ich endlich meine Tochter finde. Mir ist jedes Mittel recht. Ich habe die Hoffnung, dass wir Simmons dingfest machen können."
„Dito."
Alex öffnete seine Tasche, um etwas herauszunehmen, doch er stutzte. „Ach, Mist, ich habe vergessen, ihn rauszunehmen."
„Was ist los?"
Er zog einen dicken Zeichenblock heraus, dessen Papier seltsam gewellt war, als wäre es irgendwann einmal nass geworden und dann getrocknet.
„Ich habe vergessen, den Block herauszunehmen. Ich habe ihn immer da drin aufbewahrt."
„Was ist das?", fragte Albert.
„Ich habe dir ja schon gesagt, dass meine Tochter viel gezeichnet hat."
„Ja."
„An dem Tag, an dem sie… verschwand, hatte sie diesen Block dabei. Als wir… ihre Leiche fanden, war ihr Rucksack nicht da. Ich hatte mir erhofft, in ihren Bildern vielleicht einen Hinweis darauf zu finden, was kurz vor ihrem Tod passiert ist. Ich bin extra noch mal nachts raus und habe ihre Tasche gesucht. Leider hatte es in der Nacht stark geregnet." Er reichte Albert den Block. Er und Ada schlugen ihn auf und blätterten die Seiten durch. Sie sahen sofort, was passiert war.
„Ausgerechnet an dem Tag hat Faith beim Malen Tinte und Feder benutzt. Der ganze Block ist völlig zerlaufen. Nur die letzten Bilder hinten, kann man noch einigermaßen erkennen, aber…"
Albert besah sich Faiths Zeichnungen. Die Tinte war zu undefinierbaren Mustern zerlaufen und Motive waren nicht mehr zu erkennen. Die letzten Bilder hinten vermittelten einen vagen Eindruck davon, dass sie wohl am Strand gestanden und auf das Meer hinaus gesehen hatte. Man erkannte schwach, ein paar Felsen und Wellen, aber mehr nicht mehr.
„Meine letzte Chance ist damit zunichte gemacht worden", sagte Alex missmutig. „Ich habe keine Hinweise darauf, was an diesem Tag passiert ist."
„Sehe ich das richtig, dass jemand auf diese Insel gekommen ist und deine Tochter ermordet hat, Alex?", wollte Ada wissen. „Wie ist das möglich, wenn euer Aufenthalt dort doch so geheim war."
„Ich stimme Ada zu, Alex. Das ist eine gute Frage. Wer wusste von euch und dass ihr dort seid?"
„Eigentlich nur Spencer, abgesehen von uns selbst natürlich. Wir hatten keinerlei Kontakt zur Außenwelt. Niemand wusste, dass wir dort sind. Deshalb standen wir vor einem Rätsel."
Albert schüttelte den Kopf. Er betrachtete das letzte Bild im Block, das am besten erhalten geblieben war. Faith hatte das Meer gezeichnet und irgendetwas, was sie draußen auf dem offenen Ozean gesehen hatte. Von der Seite allerdings war Wasser ins Papier gelaufen und man konnte nicht mehr erkennen, ob es ein Schiff oder eine Reihe von Felsen oder etwas anderes war.
„Das klingt wirklich merkwürdig. Spencer kann es ja nicht gewesen sein", sagte Ada zutreffend.
„Es gibt viele merkwürdige Dinge in dieser Geschichte", bemerkte Albert ohne seinen Blick von der Zeichnung zu nehmen. „Woher wusste Derek C. Simmons von Jake? Irgendjemand muss es ihm ja gesagt haben. Nur wie ist das möglich, wenn nicht mal ich… Und was passierte zwischen 2001 und 2012? Warum erst so spät?"
„Ich hoffe, dass uns Patrick das vielleicht beantworten kann", sagte Alex.
