Leon S. Kennedy 1977: Bei dem Unterfangen in Kanada werden jetzt bestimmt nostalgische Gefühle aufkommen. :) Sherry und Wesker werden sich noch ein zweites Mal begegnen und dann deutlich freundlicher. :)
Diesmal hat es länger gedauert mit dem nächsten Kapitel, aber dafür ist es sehr lang. Vielleicht wird das sogar das längste aller Kapitel, ich weiß es nicht. ^^
Sie waren die Nacht hindurch geflogen und erreichten die Zielkoordinaten gegen sechs Uhr morgens.
„Ich werde Sie hier absetzen", sagte Vector. Er hatte sein Gesicht wie HUNK hinter einer Gasmaske verborgen. Er deutete auf eine freie Fläche, zwischen den Bäumen, wo er den Hubschrauber nach unten brachte.
Alex, Albert und Ada nahmen ihre Waffen und stiegen aus. In der Ferne sah man einen hellen Streifen am Horizont. Die Landschaft war mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. Ein kalter Wind fegte ihnen um die Ohren.
„Ich werde genau sechs Stunden auf Sie warten", sagte Vector. „Das ist von jetzt an gerechnet zwölf Uhr Mittag. Wenn Sie bis dahin nicht zurück sind, werde ich ohne Sie fliegen. Das Anwesen ist auf der anderen Seite des Waldes."
„Verstanden", sagte Albert.
Vector nickte ihnen zu, dann machten sich die drei auf den Weg durch den Wald.
Alice Lookwood trat um halb sieben ihren Dienst bei der B.S.A.A. an. Sie war Systemadministratorin und dafür zuständig, dass das interne Netzwerk innerhalb der Büros, die elektronische Verwaltung und das Archiv richtig funktionierten. Nach ihrem Informatik- Studium hatte sie die Stelle bei der B.S.A.A. über ein mehrmonatiges Praktikum erhalten.
Sie war zufrieden mit ihrem Job. Weitestgehend. Für die B.S.A.A. zu arbeiten war ihr Wunsch gewesen, aber es gab auch Tage, an denen sie die eintönige Tätigkeit anödete. Das Aufregendste, das sie und ihre Kollegen von Zeit zu Zeit zu meistern hatten, war ein schlechtgemachter Hacking- Angriff.
Das erste, was sie tat, als sie ihr Büro betrat, war den Computer hochzufahren und sich einen starken Kaffee zu machen. Sie gab einen Schuss Milch und wie üblich zwei Stück Zucker dazu und lehnte sich gelangweilt gegen die Küchenzeile. Während sie darüber nachdachte, was sie und ihr Freund am Abend tun könnten, rührte sie gedankenverloren ihren Kaffee um.
Das Geräusch, das ertönte, wenn eine E- Mail ankam, riss sie aus ihren Gedanken. Erstaunt schritt sie zu ihrem PC und überprüfte, was sie bekommen hatte. Sie hatte ja schon mit einer Rundmail mit Anweisungen ihres Chefs gerechnet, aber was sie dann sah, ließ ihr Herz einen Hüpfer machen. Vielleicht würde sich ja der Tag als weit weniger eintönig erweisen als sonst.
„Verdammt, das gibt's doch gar nicht!", schimpfte Chris laut und warf sein Handy verärgert beiseite.
„Was ist denn los?", fragte Jill und sah ihn entgeistert an. „Warum brüllst du in aller Frühe hier so rum?!"
„Das war O´Brian. Die beiden Wesker sind weg!", erklärte Chris wütend.
„Was?!" Jill war sofort in Alarmbereitschaft. Ihr Toast fiel ihr aus der Hand. „Wieso erfahren wir das erst jetzt?! Wann sind sie verschwunden?!"
„Offenbar schon gestern am späten Abend."
„Und wieso erfahren wir das erst jetzt?!"
„Ganz einfach. Der Mann, der uns das gestern Abend hätte melden müssen, wurde heute Morgen mit einer Platzwunde am Kopf bewusstlos in einem Abstellraum gefunden. Offenbar hat ihn jemand niedergeschlagen. Ich kann nur mutmaßen, aber ich vermute, dass es HUNK war. Er hat die beiden gedeckt. O´Brian versucht gerade, etwas aus ihm herauszubekommen, aber der hält dicht."
„Sie sind… geflohen?", fragte Jill.
„Nein, ihre ganzen Sachen sind noch hier. Sie haben irgendetwas vor."
„Wo könnten sie hin sein?"
„Heute Morgen hat eine Systemadministratorin Alarm geschlagen. Eine Mail, die dem System Virengefahr signalisiert hat, ist in einem Spam- Ordner gelandet. Sonst wäre es wahrscheinlich so schnell gar nicht aufgefallen. Der Betreff war „M" und der Inhalt der Mail bestand aus irgendwelchen Koordinaten, die wir gerade zuordnen. Jemand hat uns einen anonymen Hinweis zukommen lassen."
„Glaubst du die beiden Wesker…?"
„Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass die beiden das vorher gewusst haben", sagte Chris ernst. „Sie sind mit Sicherheit auf dem Weg zu diesen Koordinaten, wo immer das auch ist."
„Willst du nicht endlich zu mir kommen?", fragte Jake. „Willst du weiterhin im Hotel bleiben?"
Sherry holte tief Luft. „Ja, Jake. Ich… brauche einfach noch ein bisschen, OK? Ich weiß, das ist alles blöd, aber… Es gibt ein paar Dinge, die ich erst auf die Reihe bringen muss, OK?"
„Sherry, das geht jetzt seit Wochen, es kann nicht so weiterlaufen. Ich mach mir verdammte Sorgen! Was ist los mit dir? Warum kannst du nicht darüber sprechen? Ich bin doch für dich da, das weißt du."
„Ja, das weiß ich, Jake", sagte Sherry und es tat ihr weh, dass sie ihn erneut abwimmeln musste. „Ich kann es noch nicht sagen. Ich bin noch nicht bereit dafür. Ich brauche noch ein bisschen Zeit."
Jake antwortete nicht. Das andere Ende der Leitung blieb stumm.
„Was ist mit dir und Wesker? Redest du noch mal mit ihm?"
„Kein Plan", sagte Jake erschöpft. „Ich weiß nicht, ob ich das kann. Außerdem hab ich ihm beim ersten Mal eine runtergehauen, also habe ich so meine Zweifel, ob mein alter Herr noch bereit ist, mit mir zu reden."
„Es hat dir so viel bedeutet, Jake", sagte Sherry. „Ich verstehe, wie schwer es ist, aber du musst… es einfach noch mal versuchen. Und was Wesker angeht…" Sie erinnerte sich an ihr Treffen in ihrem Zimmer. „… er ist in dieser Situation auch noch nicht richtig angekommen. Er hatte jetzt ein paar Wochen, um nachzudenken und das langsam zu verdauen, dass er einen Sohn hat. Vielleicht war euer letztes Treffen einfach nur zu früh. Versuch es doch noch mal."
Nachdem sie sich verabschiedet hatten, lehnte sich Jake erschöpft in seinem Stuhl zurück und warf verärgert ein Handy auf den Tisch. Wieder ein erfolgloses Telefonat mit Sherry, das ihn nicht weitergebracht hatte.
Schließlich holte er das Telefonbuch und suchte die Nummer der B.S.A.A. heraus. Es dauerte fast zehn Minuten, bis er von mehreren Sekretärinnen schließlich zu Chris Redfield durchgestellt wurde.
„Jake", sagte Chris überrascht. „Ich hatte nicht mit deinem Anruf gerechnet."
„Lassen wir das", sagte Jake, der seinen Unmut gegenüber Chris, weil dieser ihm seinen Vater vorenthalten hatte, nicht ganz verbergen konnte. „Ich möchte meinen Dad sehen. Ich will mit ihm sprechen."
„Meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?", fragte Chris ruhig. „Beim ersten Mal…"
„Ich weiß, dass es beim ersten Mal nicht gut gelaufen ist", fiel Jake ihm ungeduldig ins Wort. „Aber ich will es noch mal versuchen."
„OK." Chris war wenig begeistert, das war herauszuhören. „Es gibt nur ein Problem."
„Und welches?"
„Dein Vater ist verschwunden. Wir wissen nicht, wo er ist."
„Wie? Ich verstehe nicht."
„Er und Alex sind gestern Abend nicht zurückgekehrt. Wir versuchen, sie ausfindig zu machen, bislang ohne Erfolg."
„Sind die getürmt, oder was?"
„Nein. Ihre Sachen sind noch hier, also sind sie nur los, um irgendetwas zu erledigen. Wir versuchen, sie zu finden."
Ihr Weg führte sie immer tiefer in den Wald hinein. Die Bäume standen dicht und es war düster. Sie stapften durch dichten, gefrorenen Schnee, der unter ihren Schuhen knackte. Die beiden Wesker konnten sich in der Finsternis gut orientieren, Ada musste sich an sie halten.
„Wo ist das Haus?", fragte Alex. „Ist es noch weit?"
„Laut den Koordinaten nicht mehr, keine hundert Meter mehr", sagte Ada.
Albert blieb stehen und nahm das Scharfschützengewehr. Er sah durch das Zielfernrohr in die Dunkelheit. Er erkannte das Gebäude schwach zwischen den Bäumen.
„Weiter."
Sie schritten über niedrige Sträucher, Baumstämme und durch knietiefen Schnee. Bis auf ihre Schritte war nichts zu hören. Unheimliche Stille hatte sich über den Wald gelegt.
Albert war nicht wohl. Er hatte das Gefühl, das etwas in der Dunkelheit auf sie lauerte. Er wusste noch nicht, wie Recht er damit haben sollte.
Als sie nicht mehr weit vom Anwesen entfernt waren, blieb er plötzlich stehen und horchte in die Dunkelheit. Seine beiden Begleiter hielten ebenfalls. „Wesker, was…?", wollte Ada fragen, doch Albert schnitt ihr das Wort ab, indem er sie mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte.
Irgendwo zwischen den Bäumen knackste es. Irgendetwas atmete. Langsam nahm Albert ein zweites Mal das Scharfschützengewehr und sah durch den Lauf.
Eine Reihe mutierter Zombiehunde war zwischen den Bäumen erschienen und hatte sie eingekreist. Sie waren ohne es zu merken direkt in eine Falle gelaufen. Die Hunde zeigten ihre Zähne und gingen in Angriffsstellung.
„Auf drei werdet ihr loslaufen", sagte Albert und nahm einen Hund ins Visier. „Richtung Haus. Eins… zwei…"
„Wesker…?"
„Drei!" Albert schoss und traf einen Hund mitten ins Herz. Die anderen griffen blitzschnell an. Er musste das Gewehr fallen lassen, weil er damit nicht laufen konnte und zog stattdessen seine Pistole. Sie liefen so schnell es ging Richtung Haus. Ein paar Mal schossen sie über ihre Schultern hinweg in die Dunkelheit. Zumindest einen Hund traf Wesker mit Sicherheit, weil er ein schmerzhaftes Jaulen hören konnte.
Das Anwesen kam in Sichtweite. Sie steuerten auf die Eingangstür zu, stießen sie auf und flüchteten nach drinnen.
Das Anwesen der Familie Simmons erinnerte Albert mehr als nur entfernt an das alte Herrenhaus in den Arklay Mountains. Die große Flügeltür zierte ein rundes Emblem, das aus zwei Schlangen bestand, und brachte sie in eine hohe Eingangshalle. Sie schlossen die Tür und legten den Hebel um, sodass die Hunde von draußen nicht ins Haus kommen konnten. Man konnte sie draußen heulen hören.
„Was für eine Begrüßung", sagte Ada atemlos.
„Lässt alte Erinnerungen wieder hochkommen", sagte Albert. Es war 16 Jahre her, seit er sein Team in der verhängnisvollen Nacht in die Arklay Mountains geführt hatte.
Obwohl es draußen bereits Tag wurde, war die Eingangshalle düster. Der dunkle Wald um das Anwesen schirmte die Sonnenstrahlen ab. Vor ihnen führte eine breite Treppe nach oben in den ersten Stock. Zwei dicke Säulen aus weißem Stein hielten eine Balustrade. Ein dunkler Teppich bedeckte den Boden und die Treppe. Die Enden der Geländer mündeten in Schlangenköpfen. Der Boden bestand aus dunklem Marmor. Öllampen tauchten die Halle in ein schwaches, flackerndes Licht. Dunkle Tapete bedeckte die Wände und von der Decke hing ein schwerer Kronleuchter. Es gab eine breite Flügeltür auf der rechten Seite, sowie auf der linken.
„Ein Deja vú für mich", bemerkte Albert amüsiert. „Es sieht aus wie das Spencer- Anwesen. Kennst du das Anwesen, Ada?"
„Nein. Ich war nie hier, aber Derek sprach einmal von einem Haus, das seiner Familie gehört. Ich denke, es ist dieses hier. Vielleicht finden wir irgendwo einen Plan des Hauses."
„Gibt es hier ein Labor oder etwas in dieser Art? Du sagtest es gab hier kürzlich eine Aktivität?"
„Ja. Jemand war hier."
„Der Ort ist aber verlassen", warf Alex ein.
„Ja. Es ist mir ein bisschen zu ruhig", sagte Albert. Er hatte zu viel erlebt und war zu lange Agent und Polizist gewesen, um sich von der Stille täuschen zu lassen. Er war sich sicher, dass man es ihnen nicht so leicht machen würde.
„Wie gehen wir vor? Eine Idee, Albert?", fragte Alex. Er hatte den Bogen zusammengesetzt und ihn zusammen mit den Pfeilen geschultert. „Sollen wir uns trennen?"
„Vorerst nicht", sagte Albert ernst und sein Blick glitt über die Umgebung. „Wir wissen nicht, ob uns hier irgendetwas erwartet. Deshalb sollten wir vorerst zusammenbleiben. Bis wir einen Überblick haben."
„OK. Welche Seite?"
„Wir fangen rechts an", sagte Albert und entschied sich schnell. „Wir gehen ganz systematisch vor. Erst unten, dann oben."
„Hat man die Koordinaten inzwischen ausgewertet?", fragte Leon an Chris gewandt.
„Ja. Das liegt irgendwo in der Pampa in Kanada, British Columbia. Laut den Satellitenbildern befindet sich dort ein Haus."
„Das wem gehört?"
„Wissen wir nicht."
„Alex hat mir vergangene Nacht eine SMS geschickt", sagte Claire besorgt. „Er schrieb, dass er und Albert irgendwas erledigen wollen. Allein ohne die B.S.A.A. Es geht wohl darum, dass sie irgendeine Spur von Alex´ Tochter haben. Warum haben sie nichts gesagt? Und woher haben sie die Information?"
„Das habe ich geahnt", sagte O´Brian. „Ich wusste, dass sie früher oder später auf eigene Faust handeln würden. Sie haben die Zusammenarbeit mit uns nur so lange geduldet, bis sie einen Hinweis hatten. Wahrscheinlich denken sie, dass sie allein mehr bewirken können."
Chris schlug mit der Faust auf den Tisch. „Verdammter Mist!"
„Aber sie sind nicht geflohen", warf Jill ein. „Wenn sie ihre Sachen hiergelassen haben… Alex würde seine Habseligkeiten und die seiner Tochter niemals zurücklassen. Sie werden wiederkommen, wenn sie was auch immer erledigt haben."
„Aus ihrer Forschung können sie keine neue Information bekommen haben", sagte Sheva. „Denn dann hätten wir auch davon erfahren. Es sei denn sie haben uns etwas verschwiegen."
„Das glaube ich nicht", entgegnete Jill. „Vor allem Alex war sehr kooperativ. Irgendjemand von außen muss…"
„Ich habe dummerweise so eine Ahnung, wer es gewesen sein könnte", sagte Leon zähneknirschend. „Ada Wong. Sie hat in der Vergangenheit mit Wesker zusammengearbeitet."
Natürlich konnte Leon nicht sagen, woher er diese gewisse Ahnung hatte, denn dann hätte er offenbaren müssen, dass er seit mehr als zwei Monaten Kontakt zu der international gesuchten Agentin hatte. Von ihrer Beziehung durfte niemand erfahren. Er hatte sie seit längerer Zeit nicht auf dem Handy erreichen können und wenn, dann hatte sie ihn stets vertröstet. Er hatte bereits versucht, sie zu erreichen und zu fragen, wo die beiden Wesker waren, aber nur ihre Mobilbox antwortete. Er hatte den schlimmen Verdacht, dass sie womöglich mit ihnen gegangen war.
„Hat man die E- Mail zurückverfolgen können? Ist sie von Ada Wong?", fragte Rebecca Chambers.
„Keine Spur, aber wenn ich darüber nachdenke, macht das Sinn", sagte Chris.
Ihr Vorhaben wurde bereits an der ersten Tür zunichte gemacht. Die Tür auf der rechten Seite war abgeschlossen. Ebenso die kleinere daneben. Albert Wesker versuchte beide aufzubrechen, nur um festzustellen, dass er einen Sicherheitsmechanismus aktiviert hatte. Gitter schoben sich vor die Türen.
„Was zum…?!", fluchte er, als ihnen der Weg durch schwere Eisenstangen verwehrt wurde.
„Ich würde sagen, wir brauchen einen Schlüssel", sagte Alex. „Wenn der Architekt dieses Hauses nur halb so krank war wie George Trevor, dann könnt ihr euch ja vorstellen, was das hier wird."
„Lass mich mal sehen", sagte Ada. Albert Wesker trat beiseite, sodass sie das Schloss an der Tür begutachten konnte. „Da ist eine Schlange drauf. Ich schätze, wir suchen einen Schlüssel mit einer Schlange darauf eingraviert."
„Hört sich ja großartig an", meinte Albert sarkastisch. „Wir können doch nicht das ganze Haus nach einem winzigen Schlüssel absuchen."
„Müssen wir aber wohl, wenn wir weiterkommen wollen", sagte Alex wenig begeistert. „Was ist mit der Tür da drüben?"
Die große Flügeltür auf der gegenüberliegenden Seite war ebenfalls abgeschlossen und der Raum unzugänglich. Ihnen blieb keine andere Wahl, als die Treppe nach oben in den ersten Stock zu nehmen.
Der Teppich dämpfte ihre Schritte. Staub lag auf dem Geländer. Eine breite Balustrade führte sie links und rechts jeweils zu einer weiteren Tür. Albert, Alex und Ada beschlossen, zuerst die rechte Seite zu erkunden.
Die Tür war nicht abgesperrt und führte sie in einen Flur, der mit rotem Teppich ausgelegt war. Gleich links befand sich eine Zimmertür, die nur mit einem Schlüssel mit dem Symbol eines Adlers geöffnet werden konnte, eine Abzweigung nach rechts führte zu zwei weiteren Räumen. Einer davon war ein einfaches unverschlossenes Schlafzimmer, der andere benötigte ebenfalls den Adlerschlüssel.
Als sie den Gang entlang gingen bogen sie nach links ab und gingen an einer Reihe Fenster vorbei, an denen dicke schwere Vorhänge aus rotem Stoff hingen. Gemälde von Personen aus der Familie Simmons vom Mittelalter bis in die Neuzeit begleiteten sie. Als sie ein weiteres Mal nach links bogen, fanden sie wieder zwei Türen, die eine konnte mit dem Adlerschlüssel geöffnet werden, die andere jedoch erforderte einen dritten Schlüssel mit dem Symbol eines Löwen.
„Wenn wir jetzt auf der anderen Seite kein Glück haben, dann sehe ich schwarz", sagte Alex schmunzelnd und betrachtete das Schloss, das ihnen den Zutritt verweigerte.
„Das erstaunt mich überhaupt nicht", meinte Ada nachdenklich. „Simmons war schon immer paranoid. Ich denke, unsere Mühen werden sich auszahlen. Dieses Haus wird einige Geheimnisse dieser Familie für uns bereithalten."
Sie schritten den Flur zurück in die Haupthalle und wandten sich der anderen Tür zu. Sie stand einen Spalt breit offen.
„Wenigstens", sagte Albert und stieß die beiden Flügel auf, sodass sie eintreten konnten. Sie befanden sich in einer Bibliothek.
Die mit tausenden und abertausenden Büchern gefüllten Regale erstreckten sich bis unter die Decke des Raumes. Links befand sich ein Kamin, vor dem mehrere Sessel, ein Sofa und ein Eichentisch standen. Ihnen gegenüber erstreckte sich eine Fensterfront. Die schweren, dunkelgrünen Vorhänge waren teilweise zugezogen, sodass der Raum im Dunkeln lag. Die Wände waren mit Malereien verziert. Albert erkannte nebst anderen die „Jungfrau mit dem Einhorn", den bekannten mittelalterlichen Wandteppich. Über dem Kamin prangte ein metergroßes Gemälde eines Mannes.
„Dereks und Patricks Vater. Ich glaube, er hat das Haus erbauen lassen", sagte Ada.
Der Boden war aus dunklem Parkett und ein kunstvoll gemusterter, runder Teppich lag in der Mitte des Raumes. Ein merkwürdiges Rascheln erfüllte den Raum. Als sie ihre Köpfe zur Decke wanden, sahen sie, dass sich auf dem Deckenrelief unzählige Insekten, vielleicht Motten oder Falter, versammelt hatten. Sie waren unnatürlich groß und hatten leere, tote, aber rotglühende Augen. Irgendein Virus musste sie geschaffen haben. Sie krochen durcheinander, manche schliefen. Kokons hingen an dünnen Fäden.
„Vorsichtig sein, keine hastigen Bewegungen", sagte Albert warnend. „Ich habe keine Lust auf Gesellschaft."
Ada und Alex nickten. „Machen wir uns auf die Suche nach den Schlüsseln. Vielleicht werden wir ja hier fündig."
Sie trennten sich, um den Raum abzusuchen.
„Beeindruckend", sagte Alex, während er an den Bücherregalen entlangschritt. Alles war säuberlich nach dem Alphabet geordnet. Manche der Bücher mochten mehrere hundert Jahr alt sein. Sie hatten lederne Einbände und ihre Seiten waren braun und vergilbt. Staub hatte sich überall auf den Oberflächen angesammelt. „Die Sammlung kann sich sehen lassen. Spencers Bibliothek ist nichts dagegen."
Er zog ein mittelalterliches Buch über Alchemie aus dem Regal. „Das ist ein Stück Geschichte."
„Die Familie Simmons ist für ihre Geschichtsträchtigkeit bekannt, ebenso wie für ihre Vorliebe für Kunst und Wissenschaft. Ihre Sammlung von Büchern und Kunstwerken dürfte zu einer der größten und wertvollsten in der westlichen Welt zählen", erklärte Ada. „Ich kann mich daran erinnern, dass Derek alte Autoren verehrt hat." Sie ging zum Regal über die griechisch- römische Antike. Homers Ilias oder Horaz waren nur zwei Beispiele aus der umfangreichen Sammlung.
„Gedichte in Altgriechisch oder Latein schätzte er besonders gern. Moment mal."
Ein Buch, das nicht zu den anderen passte, fiel ihr ins Auge. Es war neu, sein Einband unbeschädigt. Die Seiten waren weiß. Als Ada es vorsichtig aus dem Regal zog, stellte sie fest, dass es kein Buch war. Es war eine Schachtel, die nur äußerlich wie ein Buch aussah. Als sie sie vorsichtig öffnete, fand sie darin, auf dunkelroten Samt gebettet, den Schlangenschlüssel.
„Ich bin fündig geworden", verkündete sie den beiden Weskern und zeigte ihnen den Schlüssel. „Damit sollten sich die Türen unten öffnen lassen."
Sie warfen immer wieder vorsichtige Blicke nach oben, als sie die Bibliothek verließen, aber glücklicherweise interessierten sich die mutierten Tiere nicht für sie.
„Jetzt ist die Frage, Chris, sollen wir ihnen hinterherfliegen? Die haben fast zehn Stunden Vorsprung über Nacht bekommen. Wir werden sie niemals rechtzeitig einholen", sagte Jill ernst.
„Aber wir müssen ihnen hinterher. Wir müssen wissen, was sie in Kanada machen."
Während Chris, Jill und die anderen diskutierten, wie sie weiter vorgehen wollten, entschuldigte sich Leon von der Gruppe mit der Begründung, die Toilette aufsuchen zu wollen. Er suchte sich allerdings einen ungestörten Ort, von wo aus er Ada anrufen konnte, ohne dass die anderen es merkten.
„Verdammt, geh ran. Mach dein Handy an", fluchte er leise vor sich hin, als er nach Drücken der Anruftaste sofort die Stimme der Mobilbox vernahm. Adas Telefon war abgeschaltet. „Wo bist du Ada? Was treibt ihr?"
Der Adlerschlüssel ermöglichte es ihnen, die rechte Tür in der Eingangshalle zu öffnen, wodurch sie in einen Flur gelangten.
Eine Tür auf der linken Seite führte in ein kleines Wohnzimmer, in dem sie jedoch keine Hinweise finden konnten. Der Gang bog nach links und reichte bis ans Ende des Hauses. Durch die Fenster konnten sie den Wald draußen sehen. In der Ferne kämpfte sich die Sonne allmählich ihren Weg über den Horizont und ein heller Lichtstreifen war zu erkennen. Dunkelblaue Vorhänge hingen vor den Fenstern. Auch hier zierten zahlreiche Gemälde die Wände, die entweder Landschaften oder Mitglieder der Simmons- Familie zeigten.
Zu ihrer linken passierten sie eine Tür, die keinen Schlüssel erforderte. Stattdessen befand sich dort, wo normalerweise das Schloss war, eine runde Einkerbung. Offenbar musste man einen Gegenstand einsetzen.
Ganz am Ende im hinteren Teil des Haues gab es Zugang zu einem Wintergarten oder einer Art Gartenhaus, der ihnen jedoch durch das Fehlen des Löwenschlüssels verwehrt wurde. Ein Durchgang links führte sie weiter. Der Flur verbreiterte sich und bot Platz für eine menschengroße Statue im römischen Stil aus weißem Marmor. Es war eine Frau, die ihre Hand seltsam gehoben hatte, als hielte sie etwas hoch. Die drei erkannten sofort, dass der Gegenstand, den sie normalerweise hielt, fehlte.
Als sie weitergingen fanden sie zu ihrer linken ein kleines Arbeitszimmer und weiter den Flur hinunter einen kleinen Salon. Albert war überrascht, dass er nicht verschlossen war, denn es war sofort ersichtlich, dass sie hier einen Hinweis finden würden.
Der Raum war gemütlich eingerichtet. Es gab auch hier einen Kamin, vor dem zwei Sessel standen, und einen Bücherschrank. Auf einem kleinen Arbeitstisch lagen Dokumente. Ein Aschenbecher und eine angebrochene Weinflasche mit einem Glas standen da. Vor nicht allzu langer Zeit musste jemand hier gearbeitet haben.
Was Alberts Aufmerksamkeit jedoch sofort auf sich zog, war ein Bild, das über dem Kamin hing. Es hatte einen dicken Holzrahmen. Das Motiv war nicht genau zu erkennen, denn zwei Teile fehlten, man sah aber zumindest, dass es die drei Tiere sein mussten, die auch die Schlüssel und Schlösser im Haus zierten.
Alberts Finger glitten vorsichtig über die Einkerbungen.
„Ms. Wong, helfen Sie mir mal", sagte Alex hinter ihm. Albert drehte sich um und sah, dass Ada und Alex zusammen den Teppich in der Mitte des Raumes zur Seite rollten. Zum Vorschein kam ein rundes Steinmosaik. Es hatte die Form des Familienwappens der Simmons´, die zwei Schlangen, die sich in einander schlängelten. In der Mitte zwischen den beiden Schlangenkörpern fehlten ebenfalls zwei Teile, die man in das Mosaik einfügen musste.
„Wenn das nicht interessant ist", sagte Albert. „Ich schätze mal, das ist unser Ziel. Wir müssen da runter. Wir müssen die fehlenden Teile finden."
„Und da wir jetzt zumindest einen Schlüssel haben, können wir uns auf die Suche machen", fügte Alex hinzu.
Sie gingen den Flur zurück und passierten die Statue. Albert konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Figur ebenfalls eine Bedeutung haben musste. Er wollte den anderen beiden gerade seine Gedanken dazu mitteilen, als sie alle drei heftig zusammenfuhren.
Die Fensterscheiben im Gang zersprangen und Scherben flogen in alle Richtungen. Drei mutierte Hunde waren ins Haus gesprungen und stürmten sofort auf die drei Eindringlinge los. Instinktiv zogen sie ihre Pistolen und feuerten blitzschnell. Kugeln schossen in Wände und Boden. Ein Hund wurde ins Bein getroffen und kam jaulend ins Straucheln, er richtete sich jedoch sofort wieder auf. Ein anderer wurde durch die Wucht des Kugelhagels, der seinen Kopf durchlöcherte zurückgeworfen. Er blieb reglos mit zertrümmertem Schädel liegen. Blut quoll aus der Wunde. Der dritte wich ihren Schüssen aus, stürzte sich zähnefletschend auf Albert und riss ihn um. Dieser konnte den Schwung des Sprungs ausnutzen und das Tier über seinen Kopf hinweg heben. Der Hund schlitterte über die Holzdielen davon. Alex zog seine Schrotflinte und verpasste dem Tier ein Ladung Kugeln in die Flanke. Blut und Gedärme flossen über den Boden.
„Wir sollten vorsichtig sein", sagte Alex. „Mit Sicherheit warten noch mehr B.O.W.s auf uns."
Mit gezückten Waffen tasteten sie sich zurück in die Haupthalle. Sie hatten kaum die Tür geöffnet, als urplötzlich eine gewaltige Axt auf sie niederschoss und die Tür zertrümmerte. Alex und Albert rollten sich zur Seite ab, doch Ada schaffte es nicht rechtzeitig. Ein Schmerzensschrei entfuhr ihr, als die Axt sie an der Schulter erwischte und einen tiefen blutigen Schnitt hinterließ.
Sie lag wehrlos am Boden und ihre Waffe schlitterte außer Reichweite. Sie sah nur noch, wie der Blob über ihr stand und seine Axt erneut hob. Sie rechnete schon damit, jeden Moment von der scharfen Klinge durchschnitten zu werden und hielt sich nur noch schützend den Arm vor ihr Gesicht.
Die Klinge kam knapp über ihrer Stirn zum Stillstand. Der Blob taumelte zurück, geriet ins Wanken und fiel schließlich leblos zur Seite. Albert zog seinen Arm aus dem Rücken des Wesens. Er hatte seine Faust genau in den Augapfel gestoßen. Sein Unterarm war voller Blut und verwesendem Gewebe.
Alex half Ada auf und besah sich sofort den Schnitt. „Sieht nicht gut aus. Der Schnitt ging sehr tief."
Adas Gesicht war schmerzverzerrt. Ihr gesamter Arm war bereits voller Blut. „Sie haben doch einen Schal, drücken Sie ihn darauf", sagte Alex ernst.
Ada nickte und tat wie geheißen. Ihr Schal sog sich voller Blut. „Wir wickeln das fest herum." Alex benutzte ihren Schal wie einen Verband, damit die Blutung gestoppt wurde.
Albert betrachtete den Blob. Er hatte die Wächterkreaturen einmal in Spencers Anwesen gesehen. Sie bewachten normalerweise Kellergeschosse. Irgendwann in der Vergangenheit waren sie Menschen gewesen, die jedoch durch Spencers Virenexperimente zu entstellten, verwesenden und willenlosen Monstern geworden waren. Der Augapfel auf ihrem Rücken war ihre Schwachstelle. Er fragte sich, was sie im Simmons- Anwesen zu suchen hatten.
Er wischte sich das stinkende Gewebe von seinem Arm ab.
„Wir müssen uns beeilen, Albert. Wie müssen irgendwo Verbandsmaterial finden", sagte Alex besorgt. „Die Wunde ist tiefer als ich dachte und blutet heftiger als gedacht. Können Sie weitergehen, Ms. Wong?"
Ada nickte. Sie war blass. „Ich denke schon", sagte sie gleichgültig. Sie konnte diesmal ihre kühle, sarkastische Art nicht aufrechterhalten.
„Gehen wir."
Sie öffneten mit dem Schlüssel die Tür auf der linken Seite und gelangten in einen großen Salon. Ein Kronleuchter hing von der Decke. Eine große Standuhr an der Wand tickte unablässig und zeigte ihnen, dass es kurz vor sieben war. Fast eine Stunde ihrer Zeit war bereits verstrichen. An der gegenüberliegenden Wand war eine breite Fensterfront, durch die man auf eine Terrasse sehen konnte. In der Mitte des Raumes stand ein großer Konzertflügel. Auch hier gab es einen großen Kamin. Das Portrait, das darüber hing, zeigte diesmal Derek C. Simmons. Albert entging nicht, dass Ada dem Bild einen verächtlichen Blick zuwarf.
Sie hielt sich unablässig die Schulter und ihr Gesicht war schmerzverzerrt.
„Alex, das macht wenig Sinn, wenn wir zu dritt weitergehen", sagte Albert. „Ada braucht einen Verband. Geht zurück in einen Raum, den wir öffnen konnten und sucht dort nach einem Verbandskasten. In einem Badezimmer wird es ja sicher einen Medizinschrank geben."
„Albert, das halte ich für keine gute Idee", widersprach Alex. „Wir sollten uns nicht trennen."
„Ada braucht Hilfe. Und wir haben nur begrenzte Zeit. Wir müssen die Teile in dem Puzzle finden. Ich werde den linken Flügel des Gebäudes weiter erkunden. Geht ihr zurück."
Ada und Alex willigten widerwillig ein. Sie gingen wortlos zurück zur Haupthalle.
Albert ging weiter auf die Tür am Ende des Raumes zu, die ihn in einen großen Speisesaal brachte. Ein schwerer, langer Tisch aus Mahagoni stand in der Mitte, darum herum dutzende Stühle.
Er bewegte sich so leise es ging und hielt immer seine Waffe bereit, denn er hatte das Gefühl, nicht allein zu sein.
Vom Speisesaal aus war die Küche nicht weit und tatsächlich bestätigte sich sein Verdacht. Die Tür war offen und er sah mindestens sechs Hunde, die die Küche auf der Suche nach etwas Essbarem durchwühlten. Sie drängten sich alle um eine Tür und Albert vermutete sofort, dass es von dort in das Lebensmittellager ging, wo Fleisch aufbewahrt wurde. Die Hunde kratzten an der Tür und schlichen unruhig durch die Küche, da sie ausgehungert waren.
Albert hatte sich dicht an die Wand gepresst und lugte vorsichtig um die Ecke, als er sah, dass ein Hund Witterung aufgenommen hatte und in seine Richtung kam. Die anderen folgten ihm bald. Er wusste sofort, was sie anlockte: das Blut und Fleisch des Blob, das er an sich hatte. Er nahm die Schrotflinte und schritt langsam rückwärts von der Tür weg.
Die Hunde schlichen knurrend durch die Tür auf ihn zu. Er wich in den Speisesaal zurück. Sie griffen nicht an, sondern versuchten ihn einzukreisen, sodass ihm nichts anderes mehr übrig blieb, als durch die Tür zurück in den Salon zu gehen.
Die Terrasse an der Seite trat in sein Blickfeld und augenblicklich verstand er, warum ihn die Hunde hierher zurückgetrieben hatten. Zwei ihrer Artgenossen warteten bereits und er war eingekesselt. Er warf einen vorsichtigen Blick über seine Schulter und sah die Hunde, die ihren Kopf bereit zum Angriff gesenkt hatten und ihre Zähne zeigten. Einer von ihnen trug ein Halsband.
Albert musterte sie alle reihum. Er behielt vor allem den im Auge, der das Halsband trug. Sofern er richtig sah, hing an dem Halsband ein runder Anhänger, der verdächtig nach dem Schlüssel zu dem einen Raum aussah, den sie nicht hatten öffnen können. Er hatte nur eine Chance.
Alex und Ada gingen zurück in den ersten Stock in das Schlafzimmer, das sie hatten öffnen können. Im angrenzenden Badezimmer fanden sie die Hausapotheke und einen Verbandskasten. Alex zog einen winzigen Metallsplitter aus Adas Schulter und reinigte die Wunde, sodass er einen festen Verband anlegen konnte.
Ada zuckte zusammen, als das Desinfektionsmittel in der Wunde brannte.
„Das ist jetzt etwas unangenehm, aber es muss ein. Die Klinge war rostig und hat Schmutz in der Wunder hinterlassen", sagte Alex.
Als er geendet hatte, fragte er sie, ob sie ein Schmerzmittel bräuchte. Sie verneinte.
„Wollen Sie vielleicht solange hierbleiben und sich ausruhen?", schlug Alex vor und deutete auf das Bett.
„Nein, ich werde mitgehen", sagte Ada. „Es ist in Ordnung."
„Während Albert sich die andere Seite ansieht, sollten wir vielleicht noch mal die Räume durchsuchen, die wir vorhin schon öffnen konnten. Sie erinnern sich womöglich? Ich meine das Wohnzimmer unten und das Arbeitszimmer bei der Statue. Es wäre zu hoffen, dass wir dort einen Hinweis finden."
Sie stimmte zu. Während sie die Treppen nach unten ins Erdgeschoss zurückgingen, suchte Ada in ihrer Tasche nach ihrem Handy, doch sie fand es nicht. Verwundert durchsuchte sie den Rest ihrer Kleidung, nur um festzustellen, dass es auch sonst nirgends war. Sie seufzte. Es gab nur eine Möglichkeit: Sie musste es irgendwo verloren haben, entweder im Haus oder bei ihrer Flucht vor den Hunden.
Albert schoss nach oben an die Decke und rettete sich mit einem Hechtsprung zur Seite, als der große Kronleuchter auf den Boden krachte. Es klirrte und tausende Scherben sprangen umher. Die Zombie- Hunde stoben vor Schreck auseinander. Einen begrub der Kronleuchter unter sich.
Der Rest des Rudels stürzte sich sofort auf Wesker, doch dieser war auf den Angriff gefasst. Zwei Schüsse aus der Schrotflinte zerfetzten zwei Hunde. Blut spritzte umher. Er schwang sich blitzschnell auf die Beine, ließ das Gewehr fallen und zog die Pistole. Drei Schüsse, schnell hintereinander abgefeuert, brachten einen Hund zu Fall. Er blieb reglos liegen.
Wesker wirbelte herum und versetzte dem Hund mit dem Halsband einen kräftigen Fußtritt gegen den Kopf, sodass sein Schädel zertrümmert wurde. Einen weiteren setzte er mit einem Faustschlag außer Gefecht. Die verbliebenen zwei knurrten ihn an, aber wichen zurück und ergriffen schließlich die Flucht durch die kaputten Terrassenfenster.
Albert atmete erleichtert auf. Er steckte seine Pistole wieder weg und schritt zum leblosen Körper des Hundes mit dem Halsband. Er nahm es dem Tier ab und entfernte den Anhänger davon. Es war ein runder schwarzer Stein. Er steckte ihn in seine Tasche.
Er durchquerte ein zweites Mal den Speisesaal und ging zurück zur Küche, die er vorhin nicht hatte betreten können.
Es gab mehrere Kochstellen. Töpfe, Schöpfkellen und Pfannen hingen säuberlich aufgereiht über den Öfen. Die Edelstahlflächen waren sauber und glänzten, woraus Wesker schloss, dass die Küche in letzter Zeit nicht benutzt worden war. Die Hunde hatten einige Schränke ausgeräumt und Schüssel und allerhand anderes Küchenzubehör auf dem Boden verstreut.
Albert musste sich unweigerlich eine Hand vor den Mund halten, weil ein bestialischer Geruch nach Verwesung in der Luft lag. Ein toter Blob lag in einem Gang zwischen zwei Kochblöcken. Sein Körper war mit Bisswunden übersät und die Hunde hatten Fleischstücke aus dem Kadaver gerissen.
Er würgte und steuerte eilig in Richtung der Tür, an der die Hunde gekratzt hatten.
Sie war verschlossen, erforderte aber zumindest keinen der drei gesuchten Schlüssel, sodass Wesker sich kurzerhand entschloss, sie mit roher Gewalt aufzubrechen. Sie fiel scheppernd aus den Angeln und gab den Blick auf eine Treppe frei, die nach unten in einen alten Keller führte.
Er zog zur Vorsicht seine Waffe und schritt langsam die Stufen nach unten. Er lauschte in die Stille, aber bis auf seine eigenen Schritte war nichts zu hören. Er passierte mehrere Türen, die zu Vorratslagern führten.
Alex und Ada hatten das kleine Arbeitszimmer im Erdgeschoss erreicht und sogleich begonnen, es nach Brauchbarem zu durchsuchen. Es gab einen Schreibtisch, auf dem eine altmodische Lampe stand, und ein paar Bücherregale. Auf dem Boden lag ein schwerer Teppich. Ein paar Gemälde zierten die Wände.
Ada durchsuchte die Bücher, Alex zog den Teppich beiseite, sie nahmen die Bilder von den Wänden und sahen dahinter, doch ihre Suche blieb erfolglos.
„Wo könnte hier ein Schlüssel versteckt sein?", murmelte Alex, während er sich nachdenklich umsah. Sein Blick fiel auf den Schreibtisch, der zwei Schubladen hatte. Sie waren beide verschlossen.
„Das haben wir gleich", sagte Alex, zog einen Pfeil aus dem Köcher auf seinem Rücken und entfernte die Pfeilspitze. Vorsichtig begann er, im Schloss herumzustechen. Nach ein paar Minuten gab es ein leises Klicken und die Schublade sprang auf. Darin lag nur ein altes Notizbuch.
„Jetzt die andere", sagte Ada.
Alex nickte und öffnete die zweite Schublade. Es war abermals nichts darin außer ein paar Bögen Briefpapier. Als er mit seiner Hand in die Schublade fasste, ertönte ein hohles Geräusch.
„Moment mal, was ist das denn?" Vorsichtig klopfte er auf das Holz. „Das ist ein doppelter Boden!", sagte er und fasste die Schublade mit beiden Händen, um sie herauszunehmen. Er stellte sie auf den Schreibtisch und betrachtete sie von allen Seiten. So vorsichtig es ging, brach er den Boden aus.
Ein Schlüssel mit einem Adlersymbol fiel aus einem Hohlraum auf den Tisch.
„Na dann, probieren wir den doch gleich mal aus."
Weskers Weg führte ihn immer tiefer in das Kellerverlies und mittlerweile war er nicht mehr allein. Ein beständiges Rascheln und Flattern kam von der Decke. Fledermäuse hatten sich hier niedergelassen. Ein modriger Geruch lag in der Luft und es war feucht. Fackeln hingen an den Wänden, doch niemand hatte sie entzündet.
Er musste seine Sonnenbrille abnehmen, um besser sehen zu können. Er hatte zwar eine Taschenlampe dabei, was zu einer Routineausrüstung gehörte, aber er benötigte sie nicht. Der Virus hatte seine Augen geschärft und er fand sich in der Dunkelheit ausgezeichnet zurecht. Zudem hätte künstliches Licht die Tiere aufgescheucht und das wollte er vermeiden. Er sah, dass ihre Augen rot glühten und sie unnatürlich groß waren. Sie waren mit irgendeinem Virus infiziert und mutiert. Es war nicht abzusehen, wie stark oder aggressiv sie waren, außerdem mochten es mit Leichtigkeit hunderte sein, sodass Wesker sie am liebsten hängend von der Decke wusste.
Er warf ihnen immer wieder Blicke zu, während er sich langsam durch die Dunkelheit tastete. Schließlich erreichte er eine offene Tür, in dessen schloss ein Schlüssel mit einem Löwensymbol steckte. Triumphgefühl durchströmte ihn und er nahm den Schlüssel sofort an sich.
Vor sich im Raum sah er eine Art Steinaltar, auf dem, gebettet in eine Halterung, ein Stein ruhte. Er erkannte erst bei näherer Betrachtung, dass es ein Teil des Steinmosaiks war, das man im Salon in den Boden einsetzen musste. Er streckte schon seine Hand danach aus, doch er hielt inne. Er war sich sicher, dass eine Falle auf ihn wartete. Links von ihm befand sich ein Gitter und er konnte sich ausrechnen, dass dahinter vermutlich irgendeine Kreatur auf ihn wartete. Er hielt seine Waffe bereit und nahm den Stein.
Ada und Alex eilten zurück in den ersten Stock, um ihren neuen Fund sogleich zu nutzen. Sie öffneten damit sofort den ersten Raum auf der linken Seite.
Es handelte sich um ein großes Arbeitszimmer mit einer kleinen Bibliothek. Die Auswahl der Bücher trug Simmons´ Handschrift: Genetik und Virologie. Ein schwerer Schreibtisch stand in einer breiten Nische. Die Wände waren mit altmodischer Tapete bestückt. Völlig anders als in den anderen Räumen hingen keine Gemälde an den Wänden. Überall klebten Notizblätter, Tafelblöcke mit vollgeschrieben Blättern standen herum. Ada erkannte überall darauf Dereks Schrift. Ein kalter Schauer durchfuhr sie und eine Gänsehaut lief ihren Rücken hinab. Das blanke Entsetzen hatte sie erfasst. Sie wusste sofort, was all die wissenschaftlichen Arbeiten zu bedeuten hatten.
Alex überflog die Notizen, dann nickte er. „Sagten Sie nicht, dass Derek Simmons eine Doppelgängerin von Ihnen schaffen wollte? Das hier", er deutete auf die Papiere, „sind die gentechnologischen Grundlagen dafür. Er hat den C- Virus mit ihrem genetischen Material verbunden und damit eine beinahe exakte Kopie von Ihnen hergestellt. Als Carla Radames sich in eine Crysalide verpuppte, mutierte sie nicht in einen J´avo, sondern nahm Ihre Gestalt an."
Ada nickte nur und schritt zum Schreibtisch, wo sie ein Notizbuch mit Dereks Aufzeichnungen fand.
10.01.2009
„12 300 Versuche sind fehlgeschlagen, aber ich werde nicht aufgeben. Die Lösung ist zum Greifen nah, ich weiß es. Ms. Radames zeigt großen Einsatz für das Projekt. Ihre Bemühungen haben den bislang größten Fortschritt ermöglicht. In einem Monat bin ich dank ihrer Hilfe weiter vorangekommen, als in den letzten drei Jahren. Ich spüre, dass ich mein Ziel bald erreichen werde. Ich werde Ada zurückholen."
Als Ada das Buch durchblätterte, fand sie Fotos, bei deren Anblick sie sich am liebsten übergeben hätte. Sie zeigten schrecklich entstellte Kreaturen, die aus den Crysaliden geschlüpft waren. Jedes war mit Datum versehen. Die Fotos aus dem Zeitraum, den Simmons in seinen Aufzeichnungen erwähnte, ähnelten bereits einem Menschen und trugen entfernt Adas Züge.
Sie schaffte es nicht, sich alles anzusehen.
„Alles in Ordnung, Ms. Wong?", fragte Alex sie.
„Meine Schulter schmerzt, das ist alles", sagte Ada kalt. „Gehen wir."
Sie wollte, so schnell es ging, aus dem Raum flüchten.
Die Gitterstäbe glitten nach oben und ein Wesen torkelte heraus. Es war ein mutierter Zombie, ungefähr so groß wie ein Mensch und steuerte ohne zu Zögern auf Wesker zu. Sein Hals und seine Brust glühten rot- orange und waren extrem aufgebläht, als trage es einen gewaltigen Kropf mit sich herum. Albert fackelte nicht lange und schoss dem Monster in die Beine, sodass es strauchelte und stürzte, dann eilte er bereits in den Gang zurück.
Die Fledermäuse wurden unruhig und begannen wild zu flattern. Albert warf einen Blick über die Schulter und sah, dass die Kreatur ihm schnell folgte. Für ihren seltsamen Körperbau war sie äußerst wendig und agil. Das Problem war, dass er nicht schießen konnte, solang er im Tunnel war, um die Fledermäuse nicht aufzuschrecken. Er hatte nur noch ein paar Meter, bis zur Treppe nach oben.
Die Kreatur holte röchelnd Luft hinter ihm und plötzlich ertönte ein ohrenbetäubender, trommelfellzerreißender Schrei, der in dem engen, steinernen Gang wiederhallte. Wesker bedeckte sich sofort seine Ohren und ihm entfuhr ein Schmerzensschrei. Die Fledermäuse wurden durch das Kreischen aufgeschreckt und flatterten sofort wild umher und versuchten sich auf ihn zu stürzen.
„Was war das?", fragte Alex und sah Ada an. Beide waren aufgeschreckt, als sie den Schrei von irgendwo unten gehört hatten.
„Das hört sich nach jemandem an, dem ich schon mal begegnet bin", sagte Ada und die beiden eilten in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war.
Albert durchquerte den Türrahmen zur Küche. Er konnte die Tür nicht zuzuschlagen, da er sie zuvor aus den Angeln gehoben hatte, und hinter ihm brachen hunderte von Fledermäusen panisch und aggressiv aus dem Keller. Er hielt sich weiterhin die Ohren bedeckt, als er die Küche, den Speisesaal und den großen Salon durchquerte. Die Fledermäuse flatterten ihm durch alle Räume hinterher und stürzten sich auf ihn. Seine Arme bluteten von Bisswunden.
Der kreischende B.O.W. taumelte ihm hinterher. Wesker wollte schießen, doch er konnte kaum etwas sehen, weil ihn aberdutzende von Fledermäusen belagerten.
Er hastete eilig in die Haupthalle zurück.
„Albert, was zum Teufel ist da los?!", schrie Alex ihm vom Kopf der Treppe zu. Die Fledermäuse erfüllten den Raum und schossen sofort auf Alex und Ada zu. Albert konnte keine Warnung aussprechen. Der B.O.W. holte ein zweites Mal rasselnd Luft und ließ einen erneuten markerschütternden Schrei los. Die Fledermäuse zerstreuten sich, einige stürzten leblos zu Boden. Ada und Alex fegten mit den Armen durch die Luft, um die Tiere abzuwehren. Sie konnten kaum etwas sehen, geschweige denn schießen. Albert, der sich immer noch die Ohren zuhielt, tastete nach seiner Pistole und feuerte dem B.O.W. direkt das ganze Magazin in seinen übergroßen Kehlkopf. Es gab einen weiteren, diesmal jedoch erstickten Schrei von sich, dann fiel es vornüber und regte sich nicht mehr.
Die Fledermäuse flatterten weiter wild durcheinander. Ein anderer Schrei, diesmal ein menschlicher ertönte und Ada stürzte die Treppe hinab. Sie kam auf ihrer verletzten Schulter auf und der Verband verfärbte sich sofort blutrot.
Ein Knall ertönte und die Türen zur Bibliothek wurden aufgestoßen. Die Insekten waren durch den Schrei gestört worden und gingen sofort aggressiv auf die beiden Wesker und Ada los. Die Motten tummelten sich sofort um Ada, weil sie das Blut wahrnahmen. Sie lag hilflos am Boden und konnte sich nicht wehren, als sich das mutierte Tier über ihre Wunder hermachte. Albert rollte sich zur Seite ab und schoss auf eine Motte mit der Schrotflinte. Braungelbe Flüssigkeit spritzte aus der Wunde. Ada lag am Boden und konnte sich nicht rühren. Sie versuchte, ihre Maschinenpistole zu ziehen, aber sie schaffte es nicht. Die Insekten hatten es geschafft, den Verband abzureißen und ihre Verletzung freizulegen. Etwas Blut sickerte auf den Boden. Sie war wie paralysiert vor Schmerz.
Albert nahm ihr die TMP aus der Hand und feuerte in die Menge. Alex half der verletzten Agentin auf die Füße und führte sie mit geducktem Kopf so schnell wie möglich zur anderen Seite. Albert folgte ihnen, während er den Insekten die Flügel zerschoss.
Sie verriegelten die Tür zum Flur mit dem Schlangenschlüssel und schoben eine Kommode davor. Ein schwerer Körper knallte auf der anderen Seite dagegen, aber es dauerte nicht lange, dann beruhigten sich die Insekten. Man konnte sie durch die Tür gedämpft flattern hören.
Alle drei atmeten tief durch. Albert hatte ein Pfeifen auf beiden Ohren, das nur langsam nachließ. Die Stimmen waren für kurze Zeit leiser und gedämpfter als gewöhnlich und er hörte sich selbst nicht richtig, als er sprach.
„Was war das?!", fragte Alex. Er hatte zahlreiche Kratzer im Gesicht und auf den Armen, die sich allmählich von selbst heilten. Auch Albert merkte, wie sich seine Wunden langsam verschlossen.
„Man nennt sie Shrieker", erklärte Ada. „Ich bin schon welchen in Tall Oaks begegnet."
„Ach nein, wer hat sich denn den unpassenden Namen ausgedacht?", fragte Albert sarkastisch.
„Was hast du im Keller gemacht?", wollte Alex wissen. „Bist du wenigstens fündig geworden?"
„In der Tat. Ich hab den Emblem- Schlüssel, zu dem Zimmer hier um die Ecke, und den Löwenschlüssel gefunden. Außerdem habe ich das hier."
Er hielt das Mosaikstück hoch und zeigte es ihnen.
„Der erste Teil!"
Albert nickte.
„Wir sollten keine Zeit verlieren, wir…", sagte Ada, doch ihre Stimme versagte. Sie sank erschöpft neben Alex auf den Boden. Er fing sie mit seinen Armen auf und legte sie vorsichtig hin.
„Was ist mit Ihnen?", fragte er alarmiert und untersuchte sofort ihre Schulterverletzung. Eine merkwürdige Kruste hatte sich darauf gebildet. Ein schwarzes Netz kroch unter ihrer Haut von der Wunde weg.
„Sie sind vergiftet worden", sagte Alex ernst. „Eine der Motten muss sie erwischt haben. Kommen Sie." Er hob sie vorsichtig hoch und trug sie in den nächstgelegenen Raum, wo er sie sachte auf ein Sofa bettete.
Die Wunde war heiß und auch Ada glühte und schwitzte stark. Sie war schwach und entkräftet.
„Verdammt, ich weiß nicht, wie ich sie behandeln soll, wenn ich das Gift nicht kenne", sagte Alex. „Sie muss so schnell es geht, in ein Krankenhaus. Wir müssen Vector benachrichtigen."
„Ich habe mein Telefon verloren", sagte Ada leise. „Es muss irgendwo im Haus liegen. Es muss aus meiner Tasche gefallen sein."
„OK. Ich werde sehen, ob ich es finden kann", sagte Albert. „Gebt mir den zweiten Schlüssel, ich werde weitersuchen. Alex, du kümmerst dich um Ada."
Das erste, was Albert tat, nachdem er die beiden zurückgelassen hatte, war, in den kleinen Salon am Ende des Flures zu gehen und den Stein in das Mosaik einzusetzen. Auf dem Rückweg sperrte er das Gartenhäuschen auf. Er würde sich darum aber erst später kümmern. Erst wollte er die weiteren Räume erkunden.
Er passierte den Durchgang und die Tür zum Gartenhaus, als er plötzlich eine Erhebung unter dem Teppich spürte. Verwundert bückte er sich und zog ein schwarzes, flaches Smartphone unter einer Falte des Teppichs hervor. Die Scheibe hatte einen leichten Sprung und eine Seite war angeschlagen. Er wusste sofort, dass es Adas Telefon war und dass sie es wahrscheinlich beim Angriff der Hunde verloren hatte. Er überlegte schon, ob er es ihr gleich zurückgeben sollte, er entschied sich jedoch dagegen und steckte es derweil in seine Tasche. Er wollte Vector benachrichtigen.
Neben dem Wohnzimmer, in dem Alex und Ada waren, befand sich der Raum, der das Emblem- Schloss hatte. Albert setzte den runden Stein vorsichtig in die Einkerbung und drückte ihn hinein. Ein Mechanismus in der Tür wurde aktiviert und sie glitt langsam zur Seite. Sie gab ein gemütlich eingerichtetes Zimmer frei.
Ein Sofa und mehrere Sessel standen um einen niedrigen Glastisch. An der Seite befanden sich ein Schreibtisch und mehrere Schränke mit Büchern und Dekoration. Albert sah sich interessiert um und nahm die Papiere, die auf dem Tisch lagen, um sie durchzusehen.
Größtenteils handelte es sich um Derek Simmons´ Aufzeichnungen zum Ada- Projekt, mache datierten sogar bis ins Jahr 2000 zurück. Er sah sich alles durch und entdeckte auch Notizen zum C- Virus. 2008 schrieb Simmons dazu:
„Der C- Virus zeigt enormes Potenzial. Ungleich dem T- Virus und dem G- Virus lässt er die Nerven- und Gehirnfunktion in Takt, sodass die B.O.W.s Befehle entgegennehmen können, und seine Mutationen verlaufen weitaus kontrollierter ab.
Ich weiß aber, dass wir sein volles Potenzial noch nicht ausschöpfen können. Wir brauchen unbedingt den Träger der Anti- Körper."
Wesker überflog den Rest nur noch. Simmons sprach am Rande auch von Jake und dass dieser ausfindig gemacht werden musste. In einem Buch, das auf dem Schreibtisch lag, fand er einen Puzzleteil für das Bild im Salon.
Er verließ nachdenklich den Raum und ging Richtung Eingangshalle, da er oben noch zwei Räume zu durchsuchen hatte. Er dachte angestrengt darüber nach, wie oder wodurch Simmons von seinem Sohn erfahren hatte.
Theoretisch war das unmöglich. Nicht mal er selbst hatte etwas von Annas Schwangerschaft gewusst und sie war immerhin mit ihm zusammen gewesen. Außerdem war Europa oder Osteuropa groß und die Suche nach einer bestimmten Person, von der man nichts weiter als ihre Abstammung kannte, glich einer Nadel im Heuhaufen. Simmons hatte Sherry Birkin aber gezielt nach Edonien geschickt, also musste er irgendwie von Annas Heimatland gewusst haben.
So ungern es Wesker zugab, aber er war überfragt. Es wollte sich ihm partout nicht erschließen, wie das alles vonstattengegangen war. Es nagte an ihm, dass er nicht auf eine Lösung kommen wollte. Vor allem aber erfüllte es ihn mit großer Wut, dass alle anderen von seinem Sohn gewusst hatten, er aber nicht.
Er schob die Kommode von der Tür weg und zog seine Pistole. Er lugte zuerst vorsichtig in die Halle, bevor er hinaustrat. Überall lagen tote Motten herum. Die Fledermäuse hatten sich über die Insekten hergemacht und sie gefressen. Danach mussten sie sich allem Anschein nach wieder in die Dunkelheit zurückgezogen haben. Er konnte sie nirgends entdecken.
Erleichtert erklomm er die Stufen in den ersten Stock und betrat den Flur auf der rechten Seite. Er betrat erst das kleine Schlafzimmer auf der rechten Seite, das den Adlerschlüssel erforderte.
Es war klein und es gab nur ein Bett mit einem Nachtkästchen, einen Kleiderschrank, ein paar Regale mit Habseligkeiten und ein angrenzendes Badezimmer. Wesker besah sich die Regale auf der Suche nach etwas Brauchbarem, aber er fand keines der fehlenden Teile. Stattdessen entdeckte er in den Schubladen des Nachttisches ein Tagebuch.
Er nahm auf dem Bett Platz und blätterte es durch. Er fand Bilder von Ada Wong, wie sie im Café saß, gerade in ihre Wohnung ging oder mit einem Mann zusammen unterwegs war. Alle waren aus seltsamen Perspektiven aufgenommen worden und teilweise etwas unscharf, sodass die Vermutung nahe lag, dass sie von einer heimlichen Observation stammten. Wesker erinnerte sich, dass Simmons Ada gestalkt hatte und daran ihre damalige Beziehung zerbrochen war.
Als er die Tagebuchseiten überflog, musste er den Kopf schütteln. Bei einigen Einträgen blieb er hängen und las alles:
24.06.1996
„Ich bin froh und erleichtert, dass ich Ada vor dem abscheulichen Mann retten konnte. Er war nicht gut für sie. Kein Mann wird jemals gut für sie sein. Ich bin für sie da und muss sie beschützen, niemand sonst vermag das. Ich bin der Einzige, der an ihre Seite gehört.
Ich merke ihr an, dass sie mir gegenüber distanziert ist. Wenn wir uns begegnen, sehe ich die Traurigkeit und Einsamkeit in ihren Augen. Sie stößt mich weg, dabei ist es mein sehnlichster Wunsch für sie da zu sein und ihr zu helfen. Es kränkt mich, dass sie mir so wenig Dankbarkeit zeigt. Tue ich nicht alles für sie? Sie nimmt meine Geschenke nicht an und legt auf, wenn ich sie anrufe. Sie zieht sich vor mir zurück.
Sie versteht nicht, wie sehr ich sie brauche. Und sie versteht nicht, wie sehr sie mich braucht. Jeden Tag hoffe ich ergiebig, dass sie mein Flehen erhört und es einsieht, dass wir zusammen gehören."
13.03.1998
„Ada ist über Nacht verschwunden. Ihre Wohnung ist leer. Es fehlt jede Spur von ihr. Ich kann das nicht begreifen. Warum hat sie mich verlassen? War sie nicht glücklich hier? Warum? Warum?
Es schmerzt mich in Ungewissheit über ihren Verbleib zu sein. Sie könnte in Gefahr geraten und ich bin nicht bei ihr.
Ich verstehe alles nicht. Hat sich das Schicksal gegen mich verschworen?
Ich habe Kontakt zu Patrick aufgenommen. Es war das erste Mal seit 17 Jahren, seit er damals unsere Familie verlassen hat. Unser Vater untersagte mir dies, doch ich fühle mich leer und alleingelassen ohne meinen Bruder. Ich habe ihm mein Leid geklagt und ihm von Ada erzählt.
Er riet mir, sie gehen zu lassen.
Ich kann sie nicht gehen lassen! Ada und ich gehören zusammen. Für immer. Daran gibt es keinen Zweifel.
Ich muss sie zurückgewinnen. Ich kann ohne Ada nicht leben. Mein Leben gleicht einem sinnleeren Nichts ohne sie. Sie ist die lebensspendende Kraft, die ich brauche, um in dieser Welt existieren zu können. Ich werde ohne sie zugrunde gehen.
Ada, ich flehe dich an. Wieso nur?"
Wesker blätterte ganz zum Anfang des Tagebuchs und suchte nach Einträgen über Simmons Bruder.
24.12.1982
„Die Familienzusammenkunft ist unvollständig. Alle am Tisch wissen das, aber niemand spricht die Schande aus, die über unsere Familie gekommen ist. Noch nie wurde ein Mitglied ausgeschlossen. Mein eigener Bruder, der das Anrecht auf die Thronfolge hatte, weilt nicht länger unter uns.
Ich verachte Vater für seine Entscheidung. Ich weiß, dass Patrick gegen unseren Kodex verstößt, aber ich empfinde es als Ungerechtigkeit, ihn zu enterben. Mein eigener Bruder wurde meiner Seite entrissen.
Ich stelle die Entscheidung nicht in Frage, denn ich habe Angst, mir könne dasselbe Schicksal drohen. Alle Augen sind auf mich gerichtet, alle Erwartungen lasten auf mir. Vater hat mir seinen Ring anvertraut. Ich weiß, dass es bald so weit sein wird. Sein gesundheitlicher Zustand hat sich verschlechtert. Die Ärzte können ihm nicht helfen."
Albert legte das Tagebuch beiseite. Das, was er gelesen hatte, passte mit Adas Schilderungen gut überein. Simmons war völlig auf sie fixiert gewesen, dass er in seinem Wahn irgendwann die Realität nicht mehr erkannte hatte.
Er schüttelte den Kopf und erhob sich. Die geschriebenen Gedanken und Gefühl waren für ihn völlig unverständlich und nicht nachvollziehbar, aus irgendeinem Grund jedoch erinnerte er sich plötzlich an Sheila Yamamoto, Alex´ Schwägerin, die sich Anfang der Neunziger ihm gegenüber ganz ähnlich verhalten hatte, wie Simmons gegenüber Ada Wong. Er hatte ihr permanentes Werben und ihre Annäherungsversuche stets zurückgewiesen, was bei der Asiatin allerdings auf wenig Gehör gestoßen war. Immer wieder hatte sie ihn angeflirtet und versucht, romantischen Kontakt herzustellen. Nicht mal auf eine Drohung seinerseits hatte sie reagiert.
Sie hatte erst aufgehört, als sie Anna an seiner Seite gesehen und erkannt hatte, dass er vergeben war. Danach war sie nicht mehr zur Arbeit erschienen und aus seinem Leben komplett verschwunden. Laut Alex hatte sie sich sehr zurückgezogen und zu niemandem mehr Kontakt aufgenommen.
Simmons hatte angefangen, sich seine eigene Ada zu „basteln", weil er die Echte nicht haben konnte. Es war eine groteske Verwirklichung der Geschichte um Pygmalion, der sich eine Statue als ideale Frau geschaffen hatte.
Wesker war im Begriff, den Raum zu verlassen, da er keinen Puzzleteil finden konnte, da fiel ihm beim Gedanken an die Statue etwas anderes ein: die Figur im Erdgeschoss. Ihr fehlte etwas in ihrer Hand, was sie normalerweise hielt. Vielleicht hatte er Glück und es lag irgendwo.
Er durchsuchte alle Schubfächer und Regale, doch erst ein Blick unter das Bett brachte den gewünschten Erfolg. Er zog eine alte Kiste hervor und fand darin ein marmornes Zepter. Er nahm es an sich.
Am Ende des Flures öffnete er schließlich noch den letzten verbliebenen Raum, ein weiteres Schlafzimmer, mit dem Löwenschlüssel, den er im Keller gefunden hatte. Er musste diesmal nicht lange suchen. Auf einem Tisch fand er den zweiten Teil zum Bild, das im Salon an der Wand hing. Somit konnte er das Bild vervollständigen. Jetzt fehlte nur noch der andere Teil des Mosaiks auf dem Boden. Auf dem Weg zurück zu den beiden anderen nahm er das gefundene Telefon, schaltete es an und wollte Vector informieren, dass Ada verletzt war und sie Hilfe brauchten, da fielen ihm die unzähligen Meldungen auf. Ein gewisser Leon S. Kennedy versuchte seit Stunden Ada zu erreichen. Er hatte ihr SMS geschrieben, sie mindestens siebenmal angerufen und ihr Nachrichten auf der Mobilbox hinterlassen. Wesker konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Es war so vorhersehbar gewesen.
Alex beobachtete Adas Verletzung eingehend, als Albert das Wohnzimmer betrat.
„Hast du was erreichen können?", fragte Alex sofort. Ada lag auf dem Sofa und hatte die Augen geschlossen. Sie war blass und verschwitzt. Das Gift hatte sich weiter über ihre Schulter ausgebreitet.
„In der Tat, das habe ich", sagte Albert. „Ich habe die zwei Teile für das Bild in dem Salon gefunden und das Mosaikstück am Boden eingesetzt. Außerdem habe ich noch das hier."
Er hielt das Zepter hoch, das zur Statue gehörte. „Das Gartenhaus habe ich aufgesperrt, aber ich habe dort noch nicht gesucht. Uns fehlt immer noch das zweite Mosaikstück."
Ada schlug die Augen auf und richtete sich mühevoll auf. „Ach ja. Ich habe das Telefon gefunden."
Er zog das Handy aus der Tasche und übergab es seiner Besitzerin zurück. „Da versucht jemand, dich dringend zu erreichen. Ich glaube, ein gewisser Regierungsagent."
Ada starrte ihn an und riss ihm das Telefon aus der Hand. „Keine Sorge, selbstverständlich ist euer Geheimnis bei mir sicher."
„Hast du die Puzzleteile schon eingesetzt?", fragte Alex.
„Nein, ich habe bislang nur das Mosaikstück eingesetzt", erklärte Albert. „Wir sollten uns beeilen. Wir haben nur noch drei Stunden. Ich habe im Übrigen Vector benachrichtigt. Er kommt und wird Ada zum Hubschrauber begleiten. Ich schlage deshalb vor, Alex und ich sehen uns die Statue an und suchen den letzten Teil, damit wir endlich vorankommen."
Ada warf ihm einen wütenden Blick zu, sagte aber nichts. Sie blieb in dem Zimmer zurück und Albert und Alex gingen wieder an ihre Schatzsuche. Ihr erstes Ziel war die Statue.
Albert setzte das Zepter in die Hand der Frau. Es gab ein Klicken und die Figur drehte sich um 180 Grad. An ihrem Sockel öffnete sich ein Fach und heraus glitt…
„Noch ein Schlüssel?", fragte Alex. „Wir haben doch schon drei."
„Nein, sieh ihn dir genau an. Er hat kein Symbol. Er sieht aus wie von einem Kerker. Im Keller unten war ich aber bereits. Dort habe ich den Löwenschlüssel gefunden. Ich denke, er wird mit diesem Mosaik zusammenhängen. Gehen wir in den Salon."
Zusammen setzten sie das Wandpuzzle zusammen. Das Motiv war jetzt vollständig zu erkennen. Ein Löwe wurde von einer Schlange umschlungen und aus der Luft fuhr ein Adler auf beide nieder. Das Bild trat ein Stück aus der Wand heraus und fuhr automatisch zur Seite. Dahinter gab es einen Schalter an der Wand preis.
Als Albert darauf drückte passierte nichts. „Wir brauchen den letzten Teil des Mosaiks", sagte er.
„Überlegen wir mal, welche Möglichkeiten haben wir noch? Wir haben doch alle Räume durchsucht."
„Vor allem haben wir keine Zeit es ein zweites Mal zu tun. Das Gartenhaus, dort wird es sein."
Das Gartenhaus bestand aus einem mit Glas überdachten Freisitz und einem kleinen Gewächshaus. Im Moment als die beiden Männer es betraten, sahen sie, dass etwas nicht stimmte. Die Glaswände waren zertrümmert und der Terrakottafliesenboden aufgerissen worden.
„Da im Boden!", sagte Albert und deutete mit dem Finger auf ein Fach, das unter den Fliesen verborgen war. „Da war mit Sicherheit das Steinstück drin. Jemand hat es rausgenommen."
„Wieso haben wir das nicht bemerkt?", fragte Alex. „Wir hätten den Lärm hören müssen…"
„Wahrscheinlich ist es passiert, als wir in der Halle vorne den Shrieker bekämpft haben. Bei dem Lärm konnten wir nichts hören. Offenbar wollte jemand nicht, dass wir das letzte Teil finden. Glaubst du, so ein Blob hat es an sich genommen?"
„Ich weiß nicht. Das würde bedeuten, mehr von diesen Wächtern laufen hier rum."
„Einen haben wir erledigt, einer lag tot in der Küche. Dann gibt es vielleicht einen dritten." Albert überlegte kurz. „Wenn er um das Haus herumgegangen ist, dann kann er nur von außen in den Keller gegangen sein. Als der Wächter hier wird er das Haus nicht verlassen. Wir müssen dort nachsehen."
Sie eilten zurück in die Halle, um durch die Küche in den Keller zu gelangen. Vector kam ihnen entgegen.
„Wo ist Ada Wong?"
„Durch die Tür, das erste Zimmer links", erklärte Alex. „Haben Sie…?"
Vector nickte. Er hatte ein Medizinpaket für Notfälle dabei. „Sie ist vergiftet worden und sehr schwach. Ich habe die Wunde so gut es geht versorgt. Sehen Sie sich den Verband an und kontrollieren Sie ihren Blutdruck. Sie darf sich nicht bewegen."
Vector nickte abermals. Sie trennten sich und die beiden Wesker eilten in den Keller.
„Dort unten habe ich den ersten Teil gefunden", erklärte Albert Alex. Beide zogen ihre Waffen, weil sie in der Ferne das Schleifen eines metallischen Gegenstandes über den Boden hörten. Kaum betraten sie den Raum, sahen sie den Blob, wie er das zweite Mosaikstück auf die Halterung auf dem Altar legte.
„Pflichtbewusst war er, das muss man ihm lassen."
Als er die beiden Eindringlinge sah, fauchte er laut und schwang seinen gewaltigen Anker nach ihnen.
Albert schoss ihm in seinen langen Hals, der von einem Leinenfetzen bedeckt wurde. Es schüttelte seinen Kopf und brüllte laut auf. Alex schoss auf ihn zu und versetzte ihm einen kräftigen Faustschlag gegen die Brust. Das Monster torkelte zurück und holte zu einem erneuten Schlag mit dem Anker aus. Sie feuerten erneut, doch diesmal in das gewucherte Gewebe auf seinem Rücken. Eine Kugel traf den Augapfel und der Blob sank auf die Knie. Albert verpasste ihm einen Roundhouse- Kick, Alex legte mit einem Sprungkick nach. Das Ungetüm fauchte vor Schmerz auf und sank leblos zu Boden.
Albert nahm das zweite Mosaikstück an sich. „Gehen wir zurück."
Sie sagten Ada und Vector Bescheid, dass sie zurück in den Salon gingen, um das Mosaik zu vervollständigen und eilten in das kleine Zimmer.
Alex setzte das letzte Teil im Boden ein, während Albert den Schalter an der Wand betätigte.
Das Mosaik am Boden begann, sich langsam zu drehen und in den Boden zu sinken. Schließlich teilte es sich in mehrere Ringe und glitt zur Seite, sodass man auf einen Aufzug treten konnte.
Albert und Alex sahen sich an und nickten sich zu, dann stiegen sie auf die Plattform und fuhren nach unten.
Mindestens zehn Meter tief ging ihre Reise in das Erdreich. Die Wände bestanden aus dicken Steinen. Es roch modrig und Feuchtigkeit lag in der Luft. Je tiefer sie gelangten, desto sichtbarer wurde ihr Atem in der kalten Luft.
Sie hielten und fanden sich an einer Treppe wieder, die sich nach unten deltaförmig verbreiterte. Sie befanden sich in einer hohen Halle unter der Erde in einem Labor. An der Wand entlang standen aufgereiht Wassertanks, in denen B.O.W.s ruhten. Nur zwei waren leer. Am Ende der Halle standen Labortische und Computer, sowie die verschiedensten technischen Gerätschaften.
Alex stürmte sofort zu den Computern, fuhr einen hoch und sah die gespeicherten Daten auf der Suche nach einem Hinweis nach seiner Tochter durch. Albert besah sich die Tanks und die B.O.W.s. In einem ruhte ein Mann.
Alex fluchte hinter ihm, weil er nicht fündig wurde. Hastig durchwühlte er Notizen, Unterlagen, Dokumente. Er war völlig außer sich. Albert rechnete mit wenig Erfolg. Er bezweifelte, dass Faith hier gewesen war.
„Albert, sieh dir das an!", sagte Alex plötzlich. Er sah fast wehmütig auf ein Stück Papier.
„Was ist das?"
„Sieh doch mal."
Albert überflog das Dokument. „Alex, das ist…"
„Es ist Faith! Sie war hier! Und sie…" Alex rang um Worte. „Sie lebt! Hier steht, dass es Lebenszeichen gab! Sie ist am Leben!"
Plötzlich ertönte ein Lachen hinter ihnen. Alex und Albert wirbelten herum. Auf einem Computerbildschirm war eine schwarzvermummte Gestalt erschienen. Ihr Gesicht lag unter einer Kapuze verborgen und der Raum, in dem sie sich befand, war nur spärlich erleuchtet. Hinter ihr befand sich ein Cryostasetank mit einer Person. Es war niemand anderes als…
„Faith!", sagte Alex sofort und starrte auf den Bildschirm.
„Ist das „M", Alex?", fragte Albert.
„Nein, ist er nicht. Das ist jemand anderes."
„Sehr gut erkannt, Alex", sagte der Unbekannte. Seine Stimme war mechanisch verzerrt. Man erkannte nur, dass es ein Mann war. „Wie ich sehe, seid ihr beiden auf meine Spur gekommen. Das ist bemerkenswert."
„Wer sind Sie?", fragte Albert sofort ungeduldig.
„Das werdet ihr schon in absehbarer Zeit erfahren, Albert, wenn ihr Glück habt. Dem Rest der Welt werde ich mich schon sehr bald offenbaren."
„Was soll das heißen?!"
„Was wollen Sie?!", fragte Alex angriffslustig und funkelte den Fremden böse an. „Und was haben Sie mit meiner Tochter vor?!"
„Wenn Faith aufwacht, dann werde ich ihr leider sagen müssen, dass ihr Vater sie verlassen hat, weil er sich nicht um seine Tochter geschert hat. Sie wird es sehr gut bei mir haben, versprochen", spöttelte der Unbekannte lachend. Alex ballte seine Hände zu Fäusten. „Deine Tochter gehört jetzt mir, Alex, und du wirst sie nie wieder sehen. Was ich will? Nun, die Früchte meiner harten Arbeit werden schon bald sichtbar werden. Lasst euch überraschen."
„Sie verdammter Scheißkerl!", schimpfte Alex lautstark. „Geben Sie mir meine Tochter zurück!"
„Wo ist Simmons? Wo ist „M"?", fragte Albert.
„Simmons? „M" ist nur einer meiner vielen Handlanger. Ein entscheidendes Puzzleteil, mehr nicht. Er ist unwichtig. Viel wichtiger ist doch, wie es mit euch beiden weitergeht."
Albert und Alex wechselten einen Blick miteinander. „Ich habe darüber nachgedacht, euch am Leben zulassen, euch an meinem Triumph teilhaben zu lassen, denn in gewisser Weise teilen wir doch dieselbe Vision. Vor allem wir beide, Albert. Aber ich habe festgestellt", etwas regte sich hinter Albert und Alex, „dass ihr mir mehr nutzt, wenn… ihr mir einfach nicht in die Quere kommt. Eure Nachkommenschaft ist von größerem Interesse für mich." Er lachte jetzt wieder.
„Sie Schwein, was haben Sie vor?!"
„Ich bedauere, aber es wäre äußerst unklug, meine Pläne zum jetzigen Zeitpunkt zu offenbaren. Ich habe ein kleines Geschenk für euch. Ich hoffe, ich zeige damit meine Gastfreundschaft in angemessener Weise."
Die beiden Wesker drehten sich langsam um.
„Lebt wohl, Albert und Alex." Der Bildschirm erlosch.
„Was zum Teufel…?!"
Die beiden Männer hoben gleichzeitig ihre Waffen und zielten in die Dunkelheit. Glas zerbrach, Flüssigkeit überschwemmte den Boden. Eine Bewegung war auszumachen. Etwas kroch auf sie zu.
„Albert…"
Ein Mann trat in ihr Sichtfeld. Sein Oberkörper war nackt und seine Haut wies dunkle graue Flecken auf. Seine Augen waren pechschwarz und er atmete schwer. Immer wieder fasste er sich an die Brust, als bekäme er keine Luft. Er gab röchelnde Laute von sich und würgte.
Er blieb ein paar Meter von Albert und Alex entfernt stehen und klammerte sich haltsuchend an die Kante eines Labortisches. Für einen Moment sah es so aus, als würde er einfach zusammenbrechen. Er streckte hilfesuchend eine Hand nach ihnen aus und sank auf die Knie.
„Was ist das?", murmelte Alex.
Plötzlich verfinsterte sich die Miene des Mannes und er sah die beiden Wesker böse an. Aus seinem Inneren schien ein wütendes Brüllen zu kommen, dann schossen schwarze Tentakeln aus seinem Rücken und begannen, seinen Körper einzuschließen.
„Uroborus! Wir müssen hier raus!", sagte Albert sofort. „Ein Kampf hier wäre völlig sinnlos! Wir müssen Ada holen und verschwinden."
Sie eilten sofort zur Tür hinaus und Richtung Ausgang.
Am Aufzug wandte Alex sich ein letztes Mal um, nahm seinen Bogen vom Rücken und schoss drei Pfeile auf die Kreatur, die sich ihnen näherten. Sie konnten die Explosionen hören, während sie den engen Tunnel nach oben fuhren.
Sie rammten die Tür auf und liefen den Gang hinunter. Vector und Ada durchquerten gerade langsam die Eingangshalle und waren auf dem Weg zum Haupteingang, als sich die beiden Wesker näherten. Adas Zustand hatte sich erneut verschlechtert. Sie zitterte und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Sie klammerte sich an Vectors Schulter.
„Was ist los?", fragte er, doch bevor ihnen ein Wesker antworten konnte, wurde Alberts Fuß von etwas umschlungen und er fiel mit dem Gesicht nach vorne auf den harten Steinboden. Eine Tentakel von Uroborus hatte sich an seinem Knöchel festgekrallt und zog ihn zurück. Er schmeckte Blut in seinem Mund.
„Albert!", rief Alex und feuerte noch zwei Pfeile auf das herannahende Monster. Das schwarze Etwas hatte den Körper des Mannes vollständig verschlungen und sich wage in eine Schlangenform verwandelt. Es hatte einen Kopf und ein Maul ausgebildet und auf seiner Brust pulsierte ein orange- glühendes Herz.
Die Explosionen der Pfeil konnten dem Monster nichts anhaben. Albert zog seine Pistole und feuerte ohne ein wirkliches Ziel zu haben. Sein Magazin war nach ein paar Schüssen leer und er konnte nicht nachladen.
Vector half Ada, sodass sie sich an die Wand gelehnt hinsetzen konnte, dann zog er selbst eine Waffe und schoss. Er traf das orange Herz und die Uroborus- Kreatur schrie auf und zog sich ein Stück zurück. Albert schwang sich auf die Füße und zog seine Schrotflinte.
Die drei Männer feuerten unablässig, doch Uroborus wurde größer und größer. Seine Tentakeln krochen die Wände der Halle entlang und drohten, die Tür zu blockieren.
„Es hat keinen Sinn, wir können es nicht töten!", schrie Alex. „Verschwinden wir!"
Während Albert und Vector die schwarzen Greifarme von ihnen fernhielten, um die Tür und damit ihren Fluchtweg freizuhalten, eilte Alex zu Ada.
„Ada, alles in Ordnung?", fragte er und überprüfte schnell ihren Puls. Er war unregelmäßig und flach. Ada schwitzte stark und rang nach Luft. Sie war verkrampft.
Alex hob sie so sachte es in der Eile ging hoch und trug sie. „Gehen wir!"
Sie brachen die Tür auf und wurden von hellem Tageslicht geblendet. Die Sonne strahlte vom Himmel. Sie rannten, um das Monster hinter sich zu lassen. Seine Tentakeln wollten ihnen folgen, doch Uroborus wich vor dem Sonnenlicht zurück. Mehrere hundert Meter vom Anwesen entfernt, kamen sie zum Stehen. Uroborus konnte das Haus nicht verlassen.
„Wir müssen zum Hubschrauber zurück", sagte Alex eindringlich mit Blick auf die verletzte Ada.
„Verdammt noch mal, geh ran!", fluchte Leon Kennedy ungeduldig. Er versuchte es abermals auf Adas Telefon und diesmal antwortete nicht ihre Mobilbox. Ihr Handy war eingeschaltet, aber sie hob nicht ab.
„Leon." Chris trat zu ihm. „Du rufst Ada Wong an, oder? Ihr beiden habt Kontakt?"
Leon antwortete nicht. Er warf Chris nur einen kurzen Blick zu.
„Wie lange geht das schon?", fragte Chris.
„Das ist doch jetzt völlig unwichtig. Ich will sie erreichen, denn sie weiß…"
Eine Stimme meldete sich, aber es war nicht Ada, sondern ein Mann. Leon schaltete auf Lautsprecher.
„Hier ist Alex Wesker."
Chris war sofort alarmiert. „Alex, wo sind Sie, verdammt noch mal! Sie haben gegen die Vereinbarung verstoßen! Was haben Sie sich dabei gedacht?!"
„Es tut mir Leid, Mr. Redfield, aber es musste sein. Wir sind auf dem Weg nach Hause. Ada Wong ist bei uns im Übrigen, aber sie kann ihre Anrufe im Moment nicht selbst entgegennehmen."
Sorge trat auf Leons Gesicht. „Was ist passiert?!", fragte er sofort. „Wo ist Ada?!"
„Ich kümmere mich um sie. Es gab einen kleinen Zwischenfall. Ich werde mich erneut melden. Es wird wahrscheinlich bis heute Abend dauern, bis wir zurück sind."
„Was zum Henker sollte diese Aktion?!", fragte Chris erneut. „Sie haben sich zu erklären! Waren Sie bei diesen Koordinaten in Kanada?!"
„Ja, aber alles weitere erst später."
Alex legte auf. Er atmete tief durch, dann kümmerte er sich weiter um Ada Wongs Verletzung.
„Leon", murmelte sie. Sie glühte und driftete immer wieder in einen Dämmerschlaf.
Alex durchsuchte seine Tasche. „Ich werde ihr das spritzen, aber die Zeit drängt. Sie muss in ein Krankenhaus."
Das Pfeifen in Alberts Ohren hatte nachgelassen. Stattdessen dröhnten jetzt die Rotorblätter des Hubschraubers. Er lehnte sich in seinem Sitz zurück und schloss die Augen. Die Nacht und ihre Odyssee durch das Haus hatten ihn entkräftet und er war heilfroh, dass sie auf dem Heimweg waren. Er fühlte Enttäuschung in sich. Ihre Spur, die ihnen Ada geliefert hatte, war so vielversprechend gewesen und in einem kurzen Moment waren all ihre Mühen umsonst gewesen. Sie standen erneut vor der Frage, wer hinter all den Ereignissen steckte. Die Spur Patrick Marius Simmons hatte sich als Fehlschlag herausgestellt. Stattdessen hatten sie ein weiteres Phantom zu jagen.
Ihr einziger Lichtblick war vermutlich die Nachricht, dass Faith am Leben war. Aber auf ihrer Suche standen sie abermals am Anfang und noch mehr Fragen hatten sich ergeben.
„Jetzt wissen wir, warum Jake entführt wurde. Du hast ja gehört, was der Kerl gesagt hat. Er hat an uns kein Interesse, sondern an unserer Nachkommenschaft", sagte Alex bedrückt.
Albert nickte nur. „Er scheint eine ganze Menge über uns zu wissen, Alex. Er hat mit uns gesprochen, als wären wir alte Bekannte. Erinnerst du dich, was er gesagt hat? Dass ich und er dieselben Ansichten teilen. Was soll das bedeuten?"
„Ich habe keine Ahnung."
Albert wusste nicht, warum ihm diese Frage gerade jetzt einfiel. Er hatte wieder an Simmons Tagebucheinträge gedacht, da war sie ihm in den Sinn gekommen.
„Sag mal Alex, das habe ich dich gar nicht gefragt. Wo bist du hingegangen, nachdem du die Insel verlassen hattest?"
„In eines von Spencers alten Sommerhäusern. Wieso fragst du?"
Albert schüttelte den Kopf. „Mir ist nur gerade etwas durch den Kopf gegangen. Hat „M" dich dort ausfindig gemacht?"
„Ja", antwortete Alex, während er Adas Puls an ihrem Handgelenk kontrollierte.
Albert Wesker blickte gedankenverloren nach draußen. Sie flogen einem neuen Tag entgegen, ein Tag, in den Hoffnungen gesetzt wurden, der sie jedoch nur mit noch mehr Sorgen in die Zukunft blicken ließ.
