Leon S. Kennedy 1977: Ich dachte mir bei aller Action muss ich auch Old School- Elemente reinbringen. :) Und ich wollte ein bisschen die Hintergrundgeschichte von Simmons und Ada beleuchten, da ja das sechste Spiel alles sehr im Dunkeln gelassen hat.
Leider wird alles doch noch etwas komplizierter. Die heiße Spur ist leider weitgehend im Sande verlaufen. Spannend wird es auf jeden Fall bleiben. :) Um Ada brauchst du dir keine Sorgen zu machen, sie wird schon wieder. :)
Sie landeten auf halber Strecke und Vector trennte sich von ihnen. Albert verstand die Sicherheitsmaßnahme. Der ehemalige Umbrella- Agent durfte kein Risiko eingehen. Seine Identität, sein Aufenthaltsort und vor allem seine Hilfe, die er den beiden Weskern auf ihrer Mission geleistet hatte, durften niemandem bekannt werden.
Albert bot daraufhin an, das Steuer zu übernehmen, dass Alex sich weiter um Ada Wong kümmern konnte.
„Ihr Blutdruck ist niedrig", sagte Alex ernst. „Sie muss so schnell es geht in ein Krankenhaus. Die Vergiftung breitet sich aus." Er betrachtete mit Sorge Adas Wunde, die von einer schwarzen Kruste überzogen war und von der sich netzartig schwarze Striemen in den Blutgefäßen ihres Armes ausbreiteten.
„Die B.S.A.A. kann sich um sie kümmern", sagte Albert, tatsächlich überrascht über sich, dass er diese Antwort gab. „Wir haben es bald geschafft, dann sind wir zurück."
„Dir ist hoffentlich bewusst, dass wir aus der Nummer wir mit Sicherheit nicht mehr rauskommen. Die werden uns jetzt einsperren und ich vermute mal, dass wir nicht mehr an Missionen teilnehmen dürfen."
„Das sollen die versuchen", entgegnete Albert angriffslustig. „Ich lasse mich nicht länger einsperren. Du hast doch gesehen, dass wir alleine wesentlich weiterkommen. Außerdem brauchen die uns. Du erinnerst dich doch hoffentlich, dass sie in Alaska ohne unsere Kräfte Futter für diese B.O.W.s geworden wären. Sie können dir nicht verbieten, dass du deine Tochter suchst."
Alex erwiderte nichts darauf. „Wir werden ihnen die Wahrheit sagen. Dass wir auf eigene Faust gehandelt haben, weil wir einen Hinweis auf Faith hatten. Dass ist zwar nicht die ganze Geschichte, aber…"
„Wir müssen ihnen von Simmons erzählen", erwiderte Alex. „Es ist klar, dass Ada Wong uns die Information gegeben hat. Und nachdem sie bei uns ist und nicht einfach verschwinden kann wie Vector… Die B.S.A.A. hat mit Sicherheit großes Interesse an ihr."
„Chris, es gibt gute Nachrichten", sagte Jill. Sie hatte gerade mit O´Brian gesprochen. „Durch das Telefonat konnten wir Ada Wongs Handy orten. Wir können ihre Flugroute verfolgen. Sie sind auf halbem Weg zurück in die Staaten."
„Gut, wir werden ihnen entgegenfliegen und sie abfangen. Diesmal kommen sie nicht so glimpflich davon, das schwöre ich", sagte Chris.
„Wir haben auch endlich herausgefunden, was das für ein merkwürdiges Haus ist, dass dort mitten in der Wildnis steht", fuhr Jill fort. „Es gehört der Familie Simmons."
„Simmons?!" Chris war sofort alarmiert. „Simmons war der Nationale Sicherheitsberater, der in Tall Oaks den Präsidenten ermorden ließ. Er steckte hinter den Angriffen mit dem C- Virus. Haben Leon und Helena ihn nicht in China vernichtet?"
„Ja, die Organisation, der er vorstand, war „die Familie". Das Haus ist eines ihrer vielen Anwesen."
„Ada und Simmons haben eine gemeinsame Vergangenheit."
Chris und Jill wandten ihre Köpfe, als plötzlich Leon zu ihnen trat.
„Ach ja, die Geschichte mit der Doppelgängerin", sagte Chris und es war ihm anzumerken, dass er sich immer noch schwer tat, das alles zu glauben.
„Es ist wahr, Chris", sagte Leon eindringlich. „Wir haben doch in dieser Sache so viele Hinweise auf „die Familie" bekommen, dass sie etwas damit zu tun haben. Vielleicht hat Ada Alex und Albert Wesker irgendeinen Hinweis geliefert auf den ominösen „M". Vielleicht haben sie eine Spur nach Alex´ Tochter."
„Wir werden sie fragen, wenn wir sie vom Himmel geholt haben."
„Albert? Hast du den Schlüssel aus der Statue eigentlich noch?", wollte Alex wissen.
„Natürlich. Er ist in meiner Tasche. Wir haben ihn ja nicht gebraucht."
„Wo glaubst du wird der passen? Es sah ja nicht so aus, als… Ich meine, im Simmons- Anwesen haben wir ja alle Räume mit den drei Tierschlüssel öffnen können."
„Ich weiß es nicht. Ich konnte ihn mir allerdings auch in der Eile nicht genauer ansehen. Er sah auf jeden Fall wie der Schlüssel zu einem Kellerverlies aus."
„Ja. Ich kann mich nicht dagegen wehren, aber… Ich habe das Gefühl, ich hätte diesen Schlüssel schon mal irgendwo gesehen. Er kommt mir nämlich sehr bekannt vor." Alex schüttelte den Kopf. „Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein."
„Was zum…?!", fluchte Albert plötzlich.
Zwei kleine Flugzeuge waren wie aus dem Nichts erschienen und bedrängten ihren Hubschrauber. Albert musste das Steuer herumreißen, um ihnen auszuweichen.
„Die B.S.A.A.!", sagte Alex und deutete auf das Wappen auf den Maschinen.
Das Funkgerät meldete sich. „Ihr werdet sofort landen, das ist ein Befehl!"
Albert erkannte sofort die Stimme von Chris Redfield. „Zwingt uns nicht, Gewalt anzuwenden."
„Die meinen es ernst", sagte Alex. „Wir können nichts riskieren, Albert. Wir haben Ada an Bord, sie ist verletzt."
Die beiden Flugzeuge bedrängten sie, sodass Albert gezwungenermaßen in den Sinkflug gehen musste. Er brachte den Hubschrauber zügig nach unten.
Nach ihrer erzwungenen Landung wurden sie bereits von einem Konvoi bewaffneter B.S.A.A.- Agenten in Empfang genommen. Vorne standen Leon Kennedy und Chris Redfield.
„Aussteigen!", befahlen sie herrisch.
Alex Wesker trat zuerst in ihr Sichtfeld. Er hob die Hände, um zu zeigen, dass sie keinen Widerstand zeigen würden.
„Wo ist Albert Wesker?", fragte Chris.
Alex warf einen Blick zurück in den Hubschrauber und trat zur Seite als Albert heraustrat.
Entsetzen trat auf Leons Gesicht, als er sah, wen Wesker im Arm hielt.
„Ada!", raunte er und steckte seine Waffe weg.
„Ms. Wong wurde verletzt und benötigt ärztliche Hilfe", erklärte Alex. „Ein B.O.W. hat sie vergiftet."
Chris deutete seinen Männern, eine Trage zu holen, sodass man die verletzte Ada ins Flugzeug transportieren konnte.
Leon schritt auf Wesker zu und nahm ihm Ada ab. Er funkelte den Mann wütend an, dann versuchte er, Ada anzusprechen.
„Hey", sagte er sanft. „Kannst du mich hören?"
Sie blinzelte und sah ihn an. „Leon…" Doch sie verlor sofort wieder das Bewusstsein und ihr Kopf fiel kraftlos zur Seite gegen seine Brust.
„Wir müssen uns beeilen, Chris", sagte er und übergab Ada widerwillig an die Medis, die sie sofort auf eine Liege betteten.
Chris´ und Albert Weskers Blick kreuzten sich für einen Moment. „Festnehmen", sagte Chris dann und sein Team nahm die beiden Männer in Gewahrsam.
New York, B.S.A.A.- Zentrale
Leon beobachtete durch die große Glasscheibe, wie eine Ärztin gerade Adas Infusion überprüfte.
Sie war immer noch nicht wieder bei Bewusstsein, weil die Vergiftung und die starken Medikamente, die sie dagegen bekam, sie schwächten.
Leon wartete, bis die Ärztin das Krankenzimmer verließ und außer Sichtweite war, dann betrat er unauffällig Adas Zimmer und nahm auf einem Stuhl neben ihrem Bett Platz.
Er betrachtete ihr Gesicht und strich vorsichtig über ihre Hand. Sie war blass und hatte immer noch Fieber. Die Ärzte hatten zwar versichert, dass sie wieder gesund werden würde, doch Leon machte sich trotzdem große Sorgen um sie.
„Ada", sagte leise. „Warum hast du nichts gesagt?"
Auf einmal regte sie sich und schlug blinzelnd die Augen auf. „Leon…", sagte sie schwach.
Es dauerte einen Moment bis sie begriff, wo sie war und was passiert war, dann sah sie etwas beschämt zur Seite. Es passte nicht zu ihrer sonst unnahbaren, kühlen Art.
„Ada, du bist wach", sagte Leon froh. „Wie geht's dir?"
„Leon. Als hätte mich eine Herde von El Gigantes überrannt." Sie lächelte schwach.
„Ruh dich aus", sagte Leon, während seine Hand sanft über ihre Wange strich. „Die Ärzte sagen, du musst wahrscheinlich ein paar Wochen hierbleiben."
Sie nickte. „Weißt du eigentlich, dass ich das mit den Kirchenglocken war? Ich habe sie geläutet."
Sie schloss die Augen und lehnte ihr Gesicht in seine Hand, dann glitt sie wieder in Schlaf.
Es fiel ihm schwer, sich von ihr loszureißen, aber er wusste, dass er gehen musste. Das Verhör der beiden Wesker stand bevor und er wollte wissen, was in Kanada passiert war. Wie es passieren konnte, dass Ada verletzt wurde. Er hätte den beiden Männern am liebsten eigenhändig eine Kugel in den Kopf gejagt, für das, was mit Ada passiert war.
Er schloss leise die Tür hinter sich und wollte schon, den Flur hinuntergehen, als er plötzlich innehielt. Chris stand direkt vor ihm. Das Gefühl ertappt worden zu sein, überkam ihn.
„Wie lange geht das mit euch schon?", fragte Chris ruhig. Seine Frage beinhaltete keine Wertung, er wollte einfach nur die Wahrheit wissen. Und Leon wusste, dass er nicht lügen oder versuchen sollte, sich herauszureden. Die Situation war eindeutig und ein weiteres Versteckspiel würde zu nichts führen.
„Seit Weihnachten", antwortete er. Chris nickte nur.
„Chris…", begann Leon, doch Chris brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
„Du musst mir nichts erklären, Leon. Ich habe irgendwie geahnt, dass es früher oder später so weit kommen würde. Du musst dich nicht rechtfertigen. Außerdem haben wir jetzt Wichtigeres zu klären."
„Ja", sagte Leon und nickte zustimmend.
Sie waren alle im Konferenzraum versammelt. Auf der einen Seite die beiden Wesker, auf der anderen Chris, Jill, Leon, Claire, Sheva und O´Brian. HUNK stand etwas verloren zwischen den beiden Parteien.
„So", sagte Chris. „Keine Spielchen mehr. Wir wissen, dass Ada Wong euch die Informationen gegeben hat. Was habt ihr in Kanada gemacht? Und warum seid ihr alleine losgezogen, ohne uns zu informieren? Ihr schuldet uns ein paar verdammt gute Erklärungen. Aus HUNK war leider nichts herauszubekommen, also… Wir sind ganz Ohr."
„Wir…", begann Albert, doch Alex unterbrach ihn sofort mit einer Handbewegung.
„Lass es, Albert. Ja, es stimmt, dass uns Ada Wong Informationen gegeben hat. Und ja, wir sind alleine losgezogen, ohne Sie zu informieren. Das hatte nur einen Grund."
Albert sagte nichts und hielt sich zurück. Er betrachtete Alex von der Seite.
„Wir hatten berechtigten Grund zu der Annahme, dass meine Tochter womöglich in diesem Haus festgehalten wird. Ich wollte nicht so lange warten, wie beim letzten Mal. Wir sind sofort aufgebrochen, um die lange Zeitverzögerung der letzten Mission zu vermeiden. Außerdem konnten wir zu dritt mehr erreichen."
„Und haben Sie mehr erreicht?", fragte Chris interessiert.
„In der Tat. Wir wissen, wer „M" ist und dass er mit Sicherheit nicht hinter allem steckt."
Alle horchten auf. „Was soll das heißen, „M" steckt nicht dahinter?"
„Ada Wong konnte uns „M"´s Identität geben. Es handelt sich um Patrick Marius Simmons, keinen geringeren als Derek C. Simmons´ Bruder."
Alle sahen sich entgeistert an. „Simmons hat einen Bruder?", fragte Leon ungläubig.
Alex nickte. „Es ist wahrscheinlich, dass er es war, der Albert in Südamerika festgehalten hat. Und es ist dieselbe Person, die mich ausfindig gemacht und mir meine Arbeit und meine Tochter weggenommen hat. Sie arbeitet aber offenbar für jemand anderen. Wir sind diesem Phantom dort in dem Anwesen begegnet. Er bezeichnete „M" als seinen Handlanger."
„Was wissen Sie noch?", fragte O´Brian.
„Besagtes Phantom offenbarte uns, dass er bald sein wahres Gesicht zeigen und seine Pläne verwirklichen wird. Das heißt, uns dürfte einiges bevorstehen. Er sagte auch explizit, dass er es auf unsere Nachkommenschaft abgesehen hat, also können wir damit rechnen, dass sie einen erneuten Entführungsversuch starten werden. Jake und Sherry sind in Gefahr."
Leon, Chris und Jill wechselten einen Blick miteinander.
„Wir werden sofort zusätzlich Männer bereitstellen, die die beiden observieren sollen. Und ich werde Hunnigan und Benton darüber informieren", sagte O´Brian.
Den ganzen Flug über hatte Albert bereits darüber nachgedacht, warum man neben Jake auch Sherry entführt hatte. Natürlich war das Naheliegende der G- Virus in ihrem Körper, doch er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, aus welchem Grund. Simmons hatte Birkins´ Entwicklung bereits vor Jahren zur Herstellung des C- Virus benutzt, also wäre die junge Frau nutzlos.
Wenn man es gezielt auf ihre Nachkommenschaft abgesehen hatte, dann war es ohnehin unverständlich, warum man Interesse an Sherry hatte. Sie stand zwar in enger Verbindung zu Wesker, da dieser ja sehr viele Jahre mit ihrem Vater gearbeitet hatte, aber natürlich bestand kein Verwandtschaftsverhältnis zwischen ihnen.
Warum also…
Und dann traf es ihn auf einmal wie ein Blitzschlag. Alles erklärte sich und alle Teile setzten sich zu einem Bild zusammen. Er würde Sherry einen erneuten Besuch abstatten müssen.
„Hat sich mit Ihrer Tochter denn etwas ergeben?", wollte Jill wissen.
„Ja. Meine Tochter Faith war kurz zuvor dort gewesen." Alex holte tief Luft. „Es gab Lebenszeichen. Sie ist am Leben. Aber in Gewalt des Unbekannten."
O´Brian schritt aus dem Raum. Chris wechselte ein paar Worte mit den anderen, dann sagte er:
„Alex, so sehr ich nachvollziehen kann, aus welchen Motiven heraus sie gehandelt haben, Ihre Tat war äußerst unüberlegt und es war dumm, dass sie alleine losgezogen sind. Ada Wong wurde dabei verletzt. Sie wissen sicher, dass dies Konsequenzen haben wird. Sie und Albert Wesker werden von nun an unter ständiger Beobachtung stehen. Keine Alleingänge mehr."
Die beiden Wesker erwiderten nichts darauf.
„Wer von euch beiden hat unseren Wachmann niedergeschlagen?"
„Das war ich", meldete sich HUNK. „Sorry, aber er hätte ja sonst geplaudert. Ich wollte ihnen nur einen Zeitvorsprung verschaffen."
„Wir werden unverzüglich diese neuen Informationen auswerten und in diesem Fall weiterarbeiten. Ob es euch passt oder nicht, keiner wird mehr allein weitermachen", sagte Chris. „Ihr werdet dieses Gebäude nicht mehr verlassen, dafür werden wir sorgen. Das Gespräch ist beendet."
Sie machten sich daran, den Raum zu verlassen.
„Halt", sagte Chris. „Ich habe noch etwas mit Wesker zu besprechen."
Nur Alex reagierte und wandte sich um, Albert schritt weiter zielstrebig der Tür entgegen.
„Mit Albert Wesker", fügte Chris hinzu.
Alex nickte und ging mit den anderen hinaus, Albert blieb stehen, aber wandte sich nicht um. Erst als alle anderen den Raum verlassen hatten, drehte er sich langsam um und sah Chris ins Gesicht. Er sagte nichts, sondern wartete. Es war das erste Mal, dass sich die beiden Männer allein gegenüberstanden.
Chris musterte Wesker und er fühlte sich beinahe an die alten Zeiten erinnert, als sie noch als Team bei den S.T.A.R.S. gearbeitet hatten.
„Ich habe dir etwas zu sagen", begann Chris schließlich. Es war nicht leicht, die Worte auszusprechen, denn wie er sich ehrlich eingestehen musste, war er nicht begeistert davon. Er hatte jedoch eingesehen, dass er kein Recht hatte, sich in diese Angelegenheit einzumischen und Ansprüche zu stellen.
„Ich höre."
„Jake, möchte dich sehen."
Wesker hatte freilich mit vielem gerechnet, damit jedoch nicht.
„Jake?"
„Ja. Er sagte, er wolle nochmal das Gespräch mit dir suchen. Natürlich nur, wenn du zustimmst."
Wesker überlegte. Er dachte daran, was Helena Harper ihm gesagt hatte und jetzt verstand er, was sie gemeint hatte. Es musste Jake wirklich etwas bedeuten, ihm gegenüberzutreten, wenn er trotz ihrer Differenzen einen zweiten Versuch wagen wollte. Wesker rang zugegebenermaßen mit sich. Er verspürte kein sonderlich großes Bedürfnis, den Jungen ein zweites Mal zu sehen, nachdem ihr erstes Treffen keine fünf Minuten gedauert und darin gegipfelt hatte, dass Jake ihm ins Gesicht geschlagen hatte.
Auf der anderen Seite interessierte es ihn schon, was aus Anna geworden war, nachdem sie Amerika verlassen hatte und in ihre Heimat zurückgekehrt war. Es gab auf seiner Seite viele offene Fragen, die er gern beantwortet haben wollte. Schließlich sagte er:
„Also gut, ich werde Jake treffen."
Chris nickte. „Gut, ich werde es ihm sagen. Da er in New York ist, wird er bald hierher kommen."
Wesker wollte schon hinausgehen, als Chris ihn ein zweites Mal zurückhielt.
„Wir sind noch nicht fertig. Ich habe noch ein paar Dinge zu sagen."
Wesker war genervt, doch er ließ sich nichts anmerken.
„Ich kenne Jakes Geschichte nicht, aber das, was ich weiß ist, dass der Junge ein verdammt beschissenes Leben hatte. Es ist nicht leicht für ihn, dich zum Vater zu haben, nach allem, was in der Vergangenheit vorgefallen ist."
Chris trat nahe an Wesker heran und sah ihm direkt in die Augen. „Was auch immer ich in dir angesprochen habe, als ich sagte, dass du dich nicht um Jake scherst, tut mir Leid. Aber ich denke, du weißt ganz genau, dass wenn es nach mir ginge, dich der Junge nicht treffen würde. Ich wüsste ihn am liebsten möglichst weit weg von dir, denn auf einen solchen Vater könnte er verzichten. Aber das steht mir nicht zu. Ich muss mich damit abfinden, dass du sein Vater bist und dass er Kontakt zu dir will, jetzt wo du am Leben bist. Jake hat viel durchgemacht. Du bist sein Vater, also hast du die verdammte Scheißpflicht, dich um ihn zu kümmern. Mag es auch für vieles andere zu spät sein, dafür ist es nicht zu spät."
Sie musterten sich für einen Moment, dann wandte sich Wesker ohne ein Wort zu erwidern ab und verließ den Raum.
Alex hatte sich allein ins Labor zurückgezogen und untersuchte die Mäuse, die Albert zusammengebracht hatte. Die kleinen Nagetiere waren wie erwartet sehr aktiv gewesen und das Weibchen war trächtig. Jetzt blieb es abzuwarten, wie sich die Jungen mit dem veränderten Erbgut entwickeln würden. Würden sie die verbesserten Gene ihrer Mutter weitertragen? Und wenn ja, wie würde es sich darstellen? Alex hatte sich vorgenommen, diese Frage zu untersuchen. Es lenkte ihn zumindest zeitweise von Faith ab, die irgendwo in der Gewalt eines Unbekannten war, der ihr einreden wollte, dass ihr Vater sie allein gelassen hatte. Er mochte sich nicht vorstellen, was man mit ihr anstellen würde.
Er füllte den Mäusen gerade frisches Wasser nach, als es an der Tür klopfte. Er musste sich nicht nach der Person umsehen, die eintrat. Er wusste, dass es Claire Redfield war.
„Alex?"
Er sah sie an. Ihre roten Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden und sie trug einen Wintermantel und Stiefel, vermutlich war sie von draußen hereingekommen. Sie lächelte ihn an.
„Hey. Ich… wollte nur sagen, dass ich froh bin, dass du wieder hier bist. Ich habe schon damit gerechnet, dass ihr beide verschwinden würdet."
„Nun, Albert hatte das auch vor. Ich habe ihn davon abgehalten", sagte Alex.
Claire trat ins Labor und näherte sich ihm vorsichtig. Sie zögerte, wahrscheinlich weil sie seine abweisende Haltung spürte.
„Ich wollte nur sagen, ich freue mich wirklich für dich, dass Faith… dass deine Tochter doch am Leben ist. Ich bin mir sicher, du wirst sie wiedersehen."
Er nickte. „Ja."
„Ich weiß, ihr dürft ja das Gebäude nicht mehr verlassen, aber ich wollte dich trotzdem gerne fragen, ob ich dich auf ein Glas Wein und Essen vom Chinesen einladen darf", sagte Claire und hielt eine Tüte eines China- Restaurants hoch.
Nach kurzem Zögern willigte er ein.
Die B.S.A.A. hatte Alex nur einen spärlichen Raum zur Verfügung gestellt, der mit dem Nötigsten ausgestattet war, sodass Alex auf seinem Bett und Claire auf dem Boden davor Platz nahmen.
Sie packte aus, was sie mitgebracht hatte.
„Also, was haben wir? Teigtaschen und Wan Tan als Vorspeise, als Hauptgericht entweder Ente oder Hühnchen Süß- Sauer und als Nachtisch gebackene Banane. Also, du hast die freie Auswahl."
Alex konnte sich zu einem schwachen Grinsen hinreißen lassen. „Ich nehme das Hühnchen."
Sie reichte ihm Stäbchen und die beiden begannen zu essen. Sie öffneten die Weinflasche und jeder nahm ein Glas.
„Lange her, dass ich sowas gegessen habe", sagte Alex ein wenig wehmütig. „Das asiatische Essen erinnert mich an meine Frau. Sie hat oft so etwas gekocht. Sie war ja Japanerin. Durch sie habe ich die Vorzüge der asiatischen Küche zu schätzen gelernt."
Eine peinliche Stille entstand. Claire hatte eine leise Ahnung, warum er derart bedrückt war.
„Es ist wegen Faith, oder? Weil deine Frau… nicht mehr erleben darf, dass sie doch wieder am Leben ist, habe ich Recht?"
„Laura hatte nicht die Kraft, zu warten. Manchmal frage ich mich, ob das nicht vernünftiger war." Er stellte sein Essen beiseite, weil ihn der Appetit verließ.
„Alex." Claire stellte ihren Teller weg und setzte sich neben ihn auf das Bett. „Du hast es nach all den Jahren endlich doch noch geschafft, dass Faith wieder lebt. Das ist eine enorme Leistung. Es zeigt, wie sehr du deine Tochter liebst."
„Zu welchem Preis?", fragte Alex. „Dieser Kerl hat sie und wenn sie aufwacht, wird er ihr einreden, dass sich ihr Vater einen Dreck um sie schert."
„Wir finden sie, da bin ich sicher", raunte Claire. Ihre Gesichter waren sich jetzt sehr nah. Sie spürte Alex´ Hand um ihr Kinn. Er hob ihren Kopf ein Stück an und sah ihr tief in die Augen. Seine andere Hand strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. Dann küsste er sie.
Ihr Abendessen war schnell vergessen. Alex entfachte eine derartige Leidenschaft in ihr, wie sie sie noch nie zuvor erlebt hatte. Sie entledigten sich nach und nach ihrer Kleidung. Claire stieß ein Weinglas um, als sie ihren Pullover über ihren Kopf zog und auf den Boden fallen ließ, aber sie kümmerte sich nicht darum.
Sie begrub ihn unter sich und küsste ihn energisch. Ein Seufzen entfuhr ihr, als sie seine Hände über ihre Taille und ihren Rücken streichen spürte. Sie fühlte sich wohl und geborgen bei ihm und die körperliche Nähe tat ihr gut. Sie verschlang ihn regelrecht. Er war nach all den Monaten der Trostlosigkeit wie ein lebensspendendes Elixier.
Es interessierte Claire nicht, wo sie waren oder was ihr Bruder davon halten würde, wenn er davon wusste. Sie wollte jetzt an überhaupt nichts mehr denken, sondern nur die gemeinsame Nacht genießen.
Wesker wartete wie beim ersten Treffen im Konferenzraum auf seinen Sohn. Diesmal jedoch würde niemand ihre Zusammenkunft überwachen. Sie waren ungestört.
Jake betrat den Raum nur langsam und etwas zögerlich. Chris, der ihn hierher begleitet hatte, schloss widerwillig die Tür, um die beiden allein zu lassen.
Wesker wandte sich um und sah seinem Sohn ins Gesicht. Sie hatten den Tisch zwischen sich. Niemand regte sich, sie musterten sich schweigend. Ihm stach die Narbe auf Jakes linker Wange in die Augen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit machte Jake einen Schritt nach vorn.
„Willst du mich diesmal auch schlagen?", fragte Wesker.
„Liebend gerne würde ich es tun", antwortete der Junge. „Aber das wäre nur Zeitverschwendung und dafür bin ich mir wirklich zu schade."
Wesker nickte. Jake holte tief Luft und schritt langsam vor ihm auf und ab. „Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich hier bin. Was das alles bringen soll. Ich muss zugeben, dass ich… dass Sherry ein wenig Überzeugungsarbeit leisten musste."
„Mir geht es ähnlich", sagte Wesker. „Nur dass es bei mir Agent Harper war, die mich überredet hat."
Jake schnaubte. Er zog sich einen Stuhl heran, setzte sich, aber stand sofort wieder auf. Er hob resignierend die Arme und ließ sie nach unten fallen. „Weißt du, ich hatte so viele Fragen, wollte so viel von dir wissen, wollte dich unbedingt kennenlernen, aber jetzt… Jetzt wo du vor mir stehst, frage ich mich, was das alles für einen Sinn haben soll."
„Ich… nehme an, dass du viele Fragen hast. Bezüglich deiner Mutter, habe ich Recht?"
Jake warf ihm nur einen verächtlichen Blick von der Seite zu, sagte aber nichts.
„Ich… kann dir nur das sagen, was ich selbst weiß", sagte Wesker mit Bedacht. „Ich war selbst über vieles im Ungewissen. Vor allem über die Tatsache, dass ich einen Sohn habe."
„Sag mir eins. Ich will eigentlich nur eines wissen: Warum hast du Mum sitzenlassen?", fragte Jake und fixierte Wesker mit seinem Blick.
Wesker hatte das Gefühl, Anna ins Gesicht zu sehen. Er wandte sich zum Fenster und sah nach unten auf die belebten Straßen von New York. Die Leute gingen unbekümmert ihren Geschäften nach, völlig im Ungewissen über die Gefahr, die ihnen drohte. Es war ihm ein Rätsel wie die Menschen so unbeschwert und sorgenlos sein konnten. Er holte tief Luft, dann begann er zu erzählen.
„Deine Mutter und ich haben uns im Dezember 1991 zum ersten Mal getroffen. Ich war erst kurze Zeit davor in eine neue Wohnung umgezogen und hatte meine Arbeitsstelle gewechselt. Ich hatte mit William Birkin, Sherrys Vater zusammengearbeitet, aber hatte mich in die Geheimdienstabteilung versetzen lassen.
Wegen des kalten Winters fiel in meiner Wohnung die Heizung aus und es kam zu einem Rohrschaden, sodass wir kein Wasser hatten. Ich musste daraufhin in ein Hotel umziehen. Und da begegneten wir uns."
Er vernahm Jakes langsame Schritte. Er ging auf und ab, während er zuhörte.
„Sie war dort Zimmermädchen. Wir haben uns auf dem Gang zum ersten Mal gesehen und etwas später hat deine Mutter eine Annäherung an mich gewagt. Wir verabredeten uns einmal. Und daraus entstand unsere Beziehung. Wir waren allerdings nur knapp fünf Monate zusammen, bis wir uns trennten."
„Wieso hast du sie verlassen?", fragte Jake.
„Es gab einen Zwischenfall. Deine Mutter erfuhr von meiner wirklichen Arbeit für Umbrella und begann, Fragen zu stellen. Ich musste sie verlassen, es gab keine andere Möglichkeit. Wenn Umbrella erfahren hätte, was sie weiß, dann… hätte man sie beseitigen müssen."
„Das heißt, du hast ihr also noch einen Gefallen getan, indem du sie abserviert hast?!"
„Ich weiß, dass du wütend bist, Jake, das habe ich mittlerweile verstanden. Ich habe deine Mutter verlassen, um sie zu schützen. Ich habe ihr nicht gesagt, sie solle zurück in ihre Heimat gehen. Sie war so vernünftig es von sich aus zu tun. Ich habe nichts von dir gewusst. Deine Mutter hat mir nicht gesagt, dass sie schwanger ist. Ich weiß nicht, was du noch von mir hören willst. Mehr kann ich dir leider nicht sagen."
„Verstehe."
Jake wandte sich zum Gehen, doch Wesker hielt ihn zurück.
„Wenn es dir hilft. Ich hätte Anna nicht verlassen, wenn es nicht zu diesem Vorfall gekommen wäre. Zwei Monate nach unserer Trennung, bin ich nochmal zu ihrer Wohnung gefahren, aber da war sie schon abgereist. Eine Nachbarin sagte mir, dass sie nach Edonien zurück sei."
„OK", sagte Jake. „Tja… Mum ist nicht sofort nach Edonien. Sie blieb in Amerika bis ich geboren wurde. Sie war bei einer Schulfreundin hier in New York."
Wesker stutzte. Anna war also bis zu Jakes Geburt in den USA geblieben, was natürlich bedeutete, dass er sie hätte erreichen können. Es hätte eine Möglichkeit gegeben, von seinem Sohn zu wissen. Wenn er das gewusst hätte, vielleicht… Vielleicht hätte es eine zweite Chance für sie gegeben.
„Was ist passiert, als sie nach Edonien zurückging? Was ist mit Anna? Wo ist sie?", fragte Wesker.
„Sie ist dort, wo alle Toten sind. Auf einem Friedhof. Dank dir."
Jake verließ den Raum und ließ seinen Vater stehen.
