Leon S. Kennedy 1977: Ich sehe schon, da ist jemand ein großer Leon/Ada- Shipper. :) Es werden mit Sicherheit noch ein paar Szenen mit den beiden vorkommen. Jake und Wesker werden sich jetzt langsam einander annähern. In diesem Kapitel werden wir jetzt endlich aufklären, was mit Sherry los ist.


Ihr Mittagessen war spärlich ausgefallen, weil sie seit dem Vormittag wieder schreckliche Übelkeit heimgesucht hatte. Sherry legte sich auf das Sofa und ihre Beine auf einen Stapel Kissen, um ihren Kreislauf zu stabilisieren. In kleinen Schlucken trank sie einen Tee für ihren Magen, doch ihre Maßnahmen entpuppten sich als wenig ergiebig.

An Nachmittag quälte sie sich einem letzten verzweifelten Versuch, sich Linderung zu verschaffen auf ihren Balkon, um frische Luft zu schnappen. Ihr Körper jedoch hatte anderes im Sinn. Schließlich ging es nicht mehr anders.

Sie eilte so schnell es ging ins Bad, wo sie sich heftig übergeben musste. Sie würgte und spuckte und musste sich haltsuchend am Waschbeckenrand festklammern.

Zwei Hände erschienen wie aus dem Nichts und strichen sanft ihre Haarsträhnen zurück, damit sie ihr nicht ins Gesicht fielen.

Es dauerte, bis sie schließlich schwer keuchend zur Ruhe kam. Die Person hinter ihr reichte ihr ihren Zahnputzbecher, damit sie sich den Mund ausspülen konnte. Sie kämpfte sich erschöpft hoch und war froh, von zwei starken Armen aufgefangen zu werden und sich gegen seine Brust lehnen zu dürfen.

Sherry wusste, dass er es war, aber sie hatte keine Willenskraft, ihn wegzustoßen. Sie war einfach nur froh und erleichtert, eine Stütze, Halt, zu haben und in den Arm genommen zu werden. Er hielt sie fest und streichelte ihr zärtlich über den Kopf, eine Geste, die sie ihm nicht zugetraut hätte.

Wesker war erstaunt über sich, dass er den Körperkontakt zuließ und er war erstaunt über Sherry, dass sie Körperkontakt zu ihm suchte. Er fühlte sich an früher erinnert, als sie ein kleines Mädchen gewesen war. Ein paar Mal hatte er sie ebenso wie jetzt im Arm gehalten.

Als seine Hand über ihren Rücken strich, sah sie auf. Sie war blass und sah mitgenommen aus. Unter ihren Augen zeichneten sich dunkle Schatten ab. Er war überrascht, als sie plötzlich schwach lächelte.

„Hey", sagte sie leise.

„Geht es dir besser?", fragte er leise. Sie nickte und lehnte ihren Kopf wieder an seine Brust. Sie schloss die Augen. Sein langsamer und gleichmäßiger Herzschlag beruhigten sie.

„Was machst du hier?", fragte sie.

„Ich wollte sehen, wie es dir geht. Du bist ja immer noch hier in diesem Zimmer. Und ich glaube, ich habe dich beim letzten Mal etwas erschreckt."

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin einfach nur gerade ein bisschen durch den Wind."

„Ist es wegen Jake?", fragte Wesker. „Ihr sprecht immer noch nicht miteinander?"

Sie nickte. Auf einmal lachte sie leise auf.

„Das ist schon ein bisschen Ironie, oder? Ich meine, dass Jake und ich zusammen sind. Dein Sohn und die Tochter deines besten Freundes."

„Manchmal spielt das Leben so", sagte Wesker. Er musste ihr zustimmen.

„Was würde Dad wohl dazu sagen?"

Wesker überlegte kurz, dann musste er grinsen. „Er würde mich wahrscheinlich damit aufziehen, wie ich es überhaupt geschafft habe, einen Sohn zu haben."

Sherry lächelte. „Naja, du und Anna ihr wart doch glücklich. Dann passiert sowas."

„Vielleicht, ja. Ich denke zumindest, dass William Jake als annehmbar für seine Tochter ansehen würde."

„Vermisst du Dad manchmal?", fragte sie ernst.

„Ich habe den Tod deines Vaters durchaus sehr bedauert, denn er war unnötig. Dein Vater hat sein Schicksal aber selbst gewählt."

„Dad war nicht mehr in der Lage zu wählen", sagte Sherry. „Er hat die Realität mehr und mehr verloren. Du warst sein bester Freund, der rettende Anker, du hättest ihn beschützen müssen."

„Dein Vater… war für sich selbst verantwortlich, genau wie wir alle auch. Ich habe ihn gewarnt, aber er wollte nicht hören. Selbst wenn ich es gewollt hätte, hätte ich ihn nicht aufhalten können."

Sherry wusste, dass er Recht hatte.

„Was würde er wohl sagen, wenn er jetzt hier wäre?"

„Ich denke, deine Eltern wären sehr stolz auf dich, Sherry", sagte Wesker.

Sie sah ihn mit ihren blauen Augen, die ihrer Mutter so ähnlich waren, eindringlich an. „Meinst du wirklich? Würden sie überhaupt merken, dass ich kein kleines Mädchen bin?"

„Ja, natürlich. Deine Eltern haben dich sehr geliebt, Sherry. Du warst ihre kleine Prinzessin, ihr ganzer Stolz."

„Das hat sie aber nicht davon abgehalten, mich immer allein zu lassen", sagte Sherry traurig.

Wesker erinnerte sich, wie er einst mit William darüber gesprochen hatte, dass er und Annette ihre Tochter zu viel allein ließen. Es hatte sich nicht geändert. Die Birkins hatten ihre Arbeit vor ihr Familienleben gestellt. Er wusste aber, dass Sherry ihnen alles bedeutet hatte. Sie hatten es nur vermutlich nie angemessen zeigen können.

„Was würde dein Vater wohl sagen, wenn er wüsste, dass sein kleines Mädchen… schwanger ist?"

Sherry riss sich ruckartig von ihm los und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen entsetzt an.

„Wie… was… Woher weißt du…?"

„Also habe ich Recht? Du bist tatsächlich schwanger?"

Sie wandte sich ab. Ihre Wangen waren gerötet. „Ich glaube, du bist der letzte, mit dem ich über solche Sachen reden möchte", sagte sie schnell. „Das geht dich… nämlich… gar nichts an."

„Weiß Jake es schon?", fragte Wesker geradeheraus.

Sie funkelte ihn zuerst wütend an, doch bei der Erwähnung von Jakes Namen sah sie traurig und niedergeschlagen zu Boden. Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich habe es ihm nicht gesagt."

„Wieso nicht? Er ist doch der Vater, oder etwa nicht?"

„Natürlich, aber…" Sie seufzte und warf ihm einen traurigen Blick zu. Er sah, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.

Erschöpft ließ sie sich auf dem Badewannenrand nieder und begrub das Gesicht in den Händen. Ein leises Schluchzen war zu hören. Wesker nahm neben ihr Platz und legte einen Arm um sie, um sie zu trösten.


Sie hatten sich in Sherrys Zimmer auf ihrem Bett niedergelassen. Sherry lehnte sich erschöpft an Weskers Schulter. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet.

„Wieso sagst du es Jake nicht?", fragte Wesker. „Er wird es früher oder später ohnehin erfahren. Lange wirst du es nicht verstecken können. Und du kannst dich nicht für alle Ewigkeit in einem Hotelzimmer vergraben."

„Ich weiß", sagte Sherry leise. „Ich weiß. Es ist nur…"

„Hast du Angst?"

Sie warf ihm einen Blick zu und sah, dass er sie eingehend musterte. Er hatte ausgesprochen, was sie seit langem fühlte. „Ja. Ich habe Angst."

„Warum? Denkst du, dass Jake dich…"

„Nein!", sagte sie schnell. An so etwas wollte sie gar nicht denken. Und sie hatte auch nicht eine Sekunde daran gedacht, dass Jake dies womöglich tun könnte. „Das würde Jake niemals tun."

„Also warum?"

„Es ist einfach… Das kommt so plötzlich. Wir sind gerade mal ein paar Monate zusammen und… Jake ist noch so jung. Er hat eigentlich gerade anders zu tun."

„Was meinst du?", fragte Wesker interessiert.

„Jake ist 22. Er ist zum ersten Mal in seinem Leben zur Ruhe gekommen. Er hat angefangen, seine Schule nachzumachen und… ich glaube, das letzte, an was er momentan denkt, ist Vater zu werden."

Wesker wusste nicht genau, von was sie sprach, aber er wollte jetzt auch nicht nachfragen. Er würde mit Jake sprechen, sodass dieser ihm alles selbst erzählen konnte. Zumindest eine Tatsache konnte er sich aus dem Gesagten erschließen.

„Ich nehme mal an, dass es nicht geplant war, oder? Wenn ihr erst kurze Zeit zusammen seid."

„Nein, war es nicht", sagte Sherry. „Es ist einfach passiert. Ich glaube sogar, dass ich mich an den Abend erinnern kann. Natürlich kennen wir uns schon viel länger, aber… an besagtem Abend waren wir gerade mal ungefähr anderthalb Monate zusammen."

Wesker wurde unfreiwillig an seine eigene Situation erinnert. Er und Anna konnten nicht wesentlich länger zusammen gewesen sein, als Jake entstand. Es war nach so langer Zeit schwer nachzuvollziehen, aber vielleicht war es sogar ihre erste gemeinsame Nacht gewesen, als sie zusammen im Restaurant gegessen hatten und sie ihn überredet hatte, noch mit hoch in ihre Wohnung zu kommen.

„Wir haben einen Film ausgeliehen und Pizza bestellt, es war richtig romantisch", erzählte Sherry in Erinnerungen schwelgend. „Wir haben Rotwein getrunken. Ziemlich viel. Irgendwann ist wegen einem Unwetter der Strom ausgefallen und wir mussten uns mit Kerzen aushelfen. Der Filmeabend war daraufhin zu Ende. Und dann muss es irgendwie passiert sein."

„Wie weit bist du?"

„13. Woche", sagte sie. „Es wurde recht früh festgestellt. Nach unserer Entführung mussten wir zu Untersuchungen und der Arzt hat es erkannt. Ich habe ihm eingebläut, dass er Hunnigan nicht informiert. Eigentlich hätte er das tun müssen. Ich habe mich daraufhin krankgemeldet und freistellen lassen. Dann bin ich nach New York geflüchtet. Ich wollte eigentlich Leon und Claire besuchen und mit ihnen darüber reden, aber… Jetzt sitze ich schon ein paar Wochen hier und habe mit niemandem Kontakt gehabt. Ich weiß nicht, ich kriege es einfach nicht raus. Ich kann es nicht sagen."

„Wenn du bereits so weit bist, Sherry, wirst du es nicht mehr lange geheim halten können. Wenigstens mit Jake solltest du wirklich reden", sagte Wesker eindringlich.

„Das weiß ich doch alles", sagte Sherry, schloss die Augen und rieb sich erschöpft mit den Händen übers Gesicht. „Ich weiß nur nicht, ob ich bereit bin, eine Mum zu werden. Ich weiß, ich bin 26 und so, aber… es kommt mir einfach zu früh vor. Und mein Job…"

„Wie kamst du eigentlich in den Dienst der Regierung? Was ist nach Raccoon City passiert?", wollte Wesker wissen.

„Ich kam in die Obhut der Regierung und Simmons wurde mein gesetzlicher Vormund. Man hat mit mir experimentiert, mein Blut für die Entwicklung von Impfstoffen getestet. Ich war ein Kind und konnte mich natürlich nicht wehren. Weil du ja eine Probe des G- Virus wolltest, war ich praktisch eine Gefangene. Als ich 18 wurde, konnte man mich natürlich nicht mehr so einfach festhalten, aber frei war ich auch nicht. Simmons hat mich genau genommen erpresst. Man wollte mich nicht einfach gehen lassen nach deinem Tod, weil ich ja selbst im Grunde genommen eine biologische Waffe und damit eine Gefahr bin. Ich durfte frei sein, aber nur wenn ich Agentin werde. Das war der Deal. Ich musste einwilligen, sonst wäre ich mein Leben lang eine Gefangene gewesen. Aber ehrlich gesagt… es kotzt mich ziemlich an."

„Was sind deine Pläne für die Zukunft?"

Sie lachte leise auf. „Ich will einfach nur ein ganz normales Leben, fernab von all diesem Mist. Ich kann das alles nicht mehr. Soweit das eben möglich sein kann. Mein Traum ist so… banal. Ich hätte gerne einen Blumenladen. Mehr will ich überhaupt nicht. Dann wäre ich glücklich."

„Einen Blumenladen? Und was ist mit Jake?"

„Ich weiß nicht, was er nach seiner Schule machen möchte. Aber wahrscheinlich will er studieren. Er ist ein toller Künstler. Ich hoffe, er macht was draus."

„Künstler?", fragte Wesker erstaunt. Er musste dabei sofort an Alex´ Tochter Faith denken.

„Ja. Er malt und zeichnet sehr gut. Vielleicht zeigt er dir ja mal was, wenn du ihn fragst."

Wesker nickte.

„Wie hast du es eigentlich rausgefunden? Ich meine, du hast mich einmal gesehen und wusstest es. Alle anderen haben keine Ahnung. Wie?", wollte Sherry wissen.

„Seit ich wieder am Leben bin, haben sich meine Kräfte ein wenig verändert. Ich nehme die Menschen, vor allem Frauen, ein bisschen anders wahr. Und bei dir fiel mir auf, dass du anders bist als andere. Außerdem", er deutete auf Sherrys Nachttisch, auf dem eine Schachtel Kekse lag, „du hasst Zartbitterschokolade. Seit ich dich kenne. "

Sie grinste. „Ja. Seit ich schwanger bin, habe ich da ziemlich große Lust drauf."

„Bei Jakes Mutter fiel mir damals auch auf, dass sie überall Kekse und Schokolade rumliegen hatte, obwohl sie auch kein Zartbitter ausstehen konnte. Einmal sah ich Ingwer, obwohl sie immer betont hat, dass sie keinen Ingwer mag. Wenn ich richtig rechne, dann war das wohl… der kleine Jake. Sie litt auch unter Übelkeit." Er seufzte. „Einmal mag es passiert sein, aber ein zweites Mal wird es mir sicher nicht passieren. Das Eindeutige zu übersehen." Er konnte die Bitterkeit in seiner Stimme nicht verbergen.

Sie verstand sofort. „Du hast es damals nicht gesehen, oder? Dass Jakes Mum…"

„Nein."

„Das tut mir alles sehr Leid", sagte Sherry aufrichtig mitfühlend. „Du hattest keine Ahnung von Jake, oder?"

„Nein." Er schüttelte leicht den Kopf.

„Jakes Mum hat es dir auch nicht gesagt? Das war wegen Umbrella, oder?"

„Ja. Wir haben uns wegen Umbrella getrennt."

„Verstehe."

„Sherry", sagte Wesker ernst. „Es gibt noch einen weiteren Grund, weswegen ich… Warum ich wusste, dass du schwanger bist und der ist leider sehr ernst."

„Von was sprichst du?", fragte Sherry sofort beunruhigt.

„Alex und ich sind ein paar Hinweisen nachgegangen, die uns zu dem Mann geführt haben, der hinter allem steckt. Er sagte uns, dass er Interesse an unserer Nachkommenschaft hat. Jake erschließt sich von selbst, aber ich habe mich natürlich gefragt, warum man es auf dich abgesehen hat. Und da wurde mir alles klar."

Sie sah ihn entsetzt an. „Das heißt, sie…" Ihre Hand wanderte schützend zu ihrem Bauch. „Die wollen uns noch mal entführen, oder?"

„Das ist sehr wahrscheinlich. Und sie haben es mit Sicherheit auf euer ungeborenes Kind abgesehen. Die B.S.A.A. stellt zusätzliche Leute bereit, um euch zu überwachen, dass das verhindert wird. Du musst vorsichtig sein."

„Das bedeutet ja, dass… die beim ersten Mal dann schon gewusst haben, dass ich…"

„Mit Sicherheit. Und sie wollen auch etwas von Jake, das steht fest. Leider wissen wir nichts Genaueres."

„Apropos Jake. Du und er, ihr habt endlich gesprochen. Wie ging es diesmal? Jake war ein bisschen… wortkarg. Er hat nicht viel erzählt."

„Er hat mir nicht ins Gesicht geschlagen, wenn du das meinst", sagte Wesker. „Ich habe ihm erzählt, was zwischen mir und seiner Mutter vorgefallen ist. Unser Gespräch dauerte allerdings nicht lang."

„Das ist doch egal", sagte Sherry. „Die Hauptsache ist doch, dass ihr miteinander redet. Es wird mit der Zeit schon werden. Ihr habt jetzt die erste wirkliche Annäherung gemacht. Alles andere wird sich ergeben. Ihr solltet euch noch näher kennenlernen, aber lass Jake erst mal alles richtig begreifen, was du ihm erzählt hast. Du hast ihn ja davor nicht erlebt. Das alles, du und seine Mutter, das hat ihn sehr beschäftigt, ihm überhaupt keine Ruhe gelassen. Er hatte so viele Fragen und er war richtig fertig darüber, dass er niemals mehr Antworten darauf bekommen würde. Er ging ja davon aus, dass du tot bist. Und seine Mum ist ja auch schon vor Jahren gestorben. Das ist was Besonders für ihn, dass er dich doch treffen kann."

Wesker nickte. Sie schwiegen für einige Zeit. Er warf ihr einen Blick zu. Sie schmiegte sich immer noch an ihn. Er war überrascht von ihrem Vertrauen und dass sie ihm keine Feindseligkeit mehr entgegenbrachte wie bei seinem ersten Besuch. Er verstand, dass ihre neue Situation sie belastete. Er konnte sich geehrt fühlen, dass er der erste war, mit dem sie darüber sprach. Dem sie sich anvertraute.

„Wie kam das mit dir und Jake eigentlich?", fragte er. „Ich weiß, dass Simmons dich nach Edonien beordert hat, um ihn ausfindig zu machen. Aber wie seid ihr zusammengekommen?"

Sie lächelte. „Unsere Mission hat uns irgendwie zusammengeschweißt. Und wir waren sechs Monate zusammen in Gefangenschaft von Neo- Umbrella in China. Alles, was wir durchgemacht haben, hat wohl bewirkt, dass wir schließlich zusammengekommen sind. Es ging aber noch nicht sofort. Nach meinem Auftrag hab ich Jake erst ein paar Monate nicht gesehen. Er ist durch die Gegend gereist, um die Geschehnisse ein bisschen sacken zu lassen. Das war eine ganz schöne Offenbarung für ihn, dass ausgerechnet Albert Wesker sein Vater ist. Er kam dann irgendwann nach New York und hatte ein Gespräch mit Chris. Dann haben wir uns wiedergesehen. So ist es entstanden."

„Verstehe", sagte Wesker leise. Der Junge hatte also ein Gespräch mit Chris. Wesker konnte sich nur zu gut vorstellen, was Chris wohl gesagt haben mochte. Vermutlich war Jake deswegen so wütend.

„Weißt du, ich bin ein wenig überrascht über deine Pläne", sagte er schließlich. „Als Kind sah es nämlich so aus, als würdest du eher in die Fußstapfen deiner Eltern treten und auch eine Forscherin werden. Erinnerst du dich an den einen Abend, an dem ich auf dich aufgepasst habe?"

Plötzlich lachte sie. „Wie könnte ich das vergessen? Alle wollten unbedingt wissen, woher ich so viel über die Zellen wusste. Ich hab mir alles gemerkt, was du mir erklärt hast über das Cytoplasma und die Ribosomen und alles."

„Es freut mich, dass ich einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen habe", sagte Wesker und grinste.

„Fand ich dich wirklich so toll als Kind?", fragte Sherry.

„Sehr, ja. Ich denke aber, das rührte daher, dass ich mich einfach richtig mit dir beschäftigt habe, als deine Eltern keine Zeit hatten. William war ein paar Mal ein bisschen eifersüchtig deswegen."

„Ehrlich? Kann ich gar nicht glauben."

„Es war so. Ich habe deinem Vater gesagt, warum du so an mir hingst, aber…"

„Dad, ja. Ich glaube, das hat er nicht verstanden", sagte Sherry. „Ich habe erst als Erwachsene wirklich begriffen, dass seine Arbeit ihn völlig in den Wahnsinn getrieben hat. Und Mum hat er mit in den Abgrund gerissen. Sie hat ihn und seine Arbeit vergöttert."

„Ich habe mir rechtzeitig eingestanden, dass der G- Virus meine Fähigkeiten als Forscher überstiegen hat", sagte Wesker ernst.

„Ich möchte etwas wissen", sagte Sherry und sah ihn jetzt eindringlich an. „An diesem Tag, als du in das Regierungsgebäude gekommen bist und beinahe Leon getötet hättest, wolltest du nur eine Blutprobe von mir oder wolltest du mich mitnehmen?"

Er antwortete nicht gleich. „Es… ein paar Mal… habe ich darüber nachgedacht, dich mitzunehmen. Ich entschied mich dagegen. Ich hätte es freilich gekonnt. Sogar ganz legal und ohne, dass mich jemand hätte aufhalten können."

„Häh? Wie meinst du das denn?"

„Nun, ich denke, dass Simmons dir das mit Sicherheit nicht gesagt hat, aber… Ich hatte eigentlich die gesetzliche Vormundschaft für dich."

Sie starrte ihn ungläubig an. „Jetzt verstehe ich gar nichts mehr."

„Dein Vater hat mich Anfang 92 gefragt, ob ich die Vormundschaft für dich übernehmen würde, sollte ihm und deiner Mutter etwas passieren. Nachdem beide keine Eltern mehr hatten, bot er mir diese Aufgabe an. Ich habe zuerst abgelehnt, aber nach meiner Trennung von Anna habe ich doch zugesagt."

„Das wusste ich wirklich nicht", sagte Sherry. „Ich hatte keine Ahnung."

„Als Raccoon City passierte, trat ja der Krisenfall ein. Ich nehme mal an, dass Simmons es für nichtig hat erklären lassen. Ich war immerhin tot und ein gesuchter Verbrecher. Ich wollte tatsächlich eine Blutprobe von dir. Ich hätte sie einfach genommen und wäre wieder verschwunden. Ich hielt es für besser, wenn du dort bleibst. Meine Welt wäre nicht richtig für ein kleines Mädchen gewesen. Ich hätte dir aber niemals wehgetan, OK?"

Sie nickte nur, aber sagte nichts.

„Wie kommt es eigentlich, dass du gerne einen Blumenladen hättest?"

„Ach, Blumen sind seit ein paar Jahren ein Hobby von mir. Das war immer ein guter Ausgleich neben meiner Arbeit als Agentin. Ich hab einen Kurs in Steckkunst gemacht und im Sommer ist mein Balkon Zuhause immer bunt. Ich möchte einfach etwas machen, bei dem ich mit dem Herzen dabei bin. Was mir wirklich Spaß macht und mich erfüllt. Aber ich fürchte, es wird ein unerfüllbarer Traum bleiben." Sie blickte traurig nach unten.

„Wieso?"

„Ich muss ja als Agentin arbeiten. Das war ja die Vereinbarung. Ich weiß, dass ich das keine Ewigkeit machen kann, aber…"

„Simmons hat das bestimmt. Soweit ich aber informiert bin, ist er nicht mehr da. Und jetzt, da du schwanger bist, wirst du nicht mehr aktiv als Agentin tätig sein können. Das wäre zu gefährlich und du hast dich dann um ein Kind zu kümmern. Wenn das kein einschlägiges Argument ist. Du könntest kündigen, anders gesagt, den Dienst quittieren."

„Auch wenn das natürlich stimmt, was du sagst… Es wird nicht so einfach werden."

„In der Tat, denn wenn du dich niemandem anvertraust…"

„Wesker!"

„Ich muss zugeben, dass ich dieser Tage Albert bevorzuge, um die Verwechslungsgefahr auszuschließen", meinte Wesker trocken.

Sherry schüttelte den Kopf. „Wie geht es Alex Wesker? Wir haben ihn seit er uns gerettet hat, nicht mehr gesehen. Er hat nur Jake angerufen und ihm von dir erzählt."

„Alex, ja…", sagte Wesker und überlegte, ob er das aussprechen sollte, was ihm seit einiger Zeit durch den Kopf ging. „Er arbeitet für die B.S.A.A. um diesen Fall zu lösen. Aber er ist sehr niedergeschlagen, weil er seine Tochter verloren hat."

„Alex hat eine Tochter?", fragte Sherry verwundert.

„Ja. Sein Familienleben war weitaus besser als das meine, aber seine Tochter… Sie wurde ermordet."

„Das tut mir sehr Leid."

„Er kann die Sache nicht abhaken. Er hat versucht, sie wieder lebendig zu machen, was aber lange misslungen ist. Mittlerweile gab es aber wohl Lebenszeichen. Die Person, die hinter allem steckt, hat seine Tochter in ihrer Gewalt."

„Verstehe. Das hört sich schrecklich an", sagte Sherry. „Ich hoffe, dass alles gut wird."

„Das hoffe ich für dich auch. Jetzt im Moment wirst du es noch verstecken können, aber schon sehr bald wird das nicht mehr funktionieren. Du vertraust doch Mr. Kennedy und Ms. Redfield? Und Ingrid Hunnigan machte auf mich auch nicht den Eindruck, ein Monster zu sein. Ich denke, mit ihr kann man reden."

„Du hast ja Recht, es ist nur… so verdammt schwierig."

Er nickte und erhob sich.

„Ich finde, man sieht mir das sowieso schon an", bemerkte Sherry missmutig und fuhr mit ihren Händen über ihre Taille.

„Nein, das bildest du dir ein", sagte Wesker. „Man sieht so früh noch nichts."

„Ja, weil ich immer meine weiten Shirts anhabe. Aber ich finde schon. Also so generell, wenn ich mich im Spiegel anschaue. Kein Wunder." Sie warf ihren Keksen einen vernichtenden Blick zu.

Wesker konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ich meine es ernst. Ich bilde mir das nicht ein", sagte Sherry sehr ernst. „Willst du es wissen? Nachdem du es ja sowieso rausgefunden hast, kannst du das eigentlich auch noch wissen."

Wesker sah sie erwartungsvoll an. „Ich habe es gestern erst erfahren. Es… sind zwei Babys. Zwillinge."

Er wusste nicht wirklich, was er sagen sollte. „Es sieht so aus, als… hätte mein Sohn ganze Arbeit geleistet."

Sie lächelte schwach. „Wie geht es dir denn damit? Ich meine, du bist ja dann… also…" Sie gestikulierte mit den Händen.

Wesker begriff sofort, was sie meinte. „Ich möchte es nicht aussprechen, was ich dann bin. Mir gehen die Entwicklungen meines Lebens momentan doch etwas zu schnell. Vor ein paar Wochen war ich noch gar nichts und jetzt… Wie auch immer. Ich sollte allmählich gehen."

Er schritt Richtung Tür. „Wesker, warte!"

Sherry folgte ihm. „Ja?"

„Bitte, sage es niemandem, OK? Ich möchte es selbst verkünden, wenn die Zeit reif ist. Bitte, behalte es für dich."

„Das werde ich tun, Sherry. Mach dir keine Sorgen."

„Wirst du Jake besuchen?"

„Ja, früher oder später."

„Ich würde dazu gerne noch etwas sagen", meinte Sherry. „Ich kann mir schon vorstellen, dass ihr beide jetzt noch Probleme habt, zueinanderzufinden, weil ihr vielleicht denkt, dass ihr nichts gemeinsam habt. Aber ihr habt etwas gemeinsam. Euch beiden fällt es schwer, Vertrauen aufzubauen, weil ihr in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht habt. Alle Menschen, denen ihr vertraut habt, sind entweder gegangen oder haben euer Vertrauen missbraucht. Aber das wird mit der Zeit."

Er erwiderte nichts darauf. „Jake gibt mir die Schuld am Tod seiner Mutter. Warum?"

„Es ist ziemlich schwierig aus Jake etwas herauszubekommen", sagte Sherry. „Aber so weit ich das verstanden habe, war sie wohl seine ganze Kindheit hindurch krank und sie konnten sich in Edonien die Behandlung nicht leisten. Wenn sie bei dir in Amerika geblieben wäre, dann…" Sie beendete ihren Satz nicht, aber Wesker verstand dennoch. Allmählich begann er zu begreifen.

„Ich gebe dir die Adresse, wo Jake momentan wohnt. Solange er in New York ist, lebt er in einem Ferien- Appartement, das ihm Leon besorgt hat."

Sie reichte ihm einen Zettel mit der Anschrift. Er nickte.

„Und bitte, versprich es mir", sagte sie nochmal eindringlich.

„Ich werde niemandem etwas sagen. Aber versprich du mir etwas anderes."

Sie sah beschämt nach unten. „Rede mit Jake. Wenigstens. OK?"

Sie nickte. Sie sah ihm nachdenklich nach, als er ihr Hotelzimmer verließ.