Leon S. Kennedy 1977: Über die beiden Pairings schreibe ich immer gerne. :) Ich muss aber echt immer wieder aufpassen, dass ich Wesker glaubwürdig hinkriege. :) Jake musste die Wahrheit ja endlich wissen. Wie er darauf reagieren wird, wird sich noch zeigen.
Alexa- Wesker: Ein neuer Reviewer, ich freu mich wirklich sehr. :) Ja, ich finde auch, dass Wesker noch ein paar Gefühle in sich haben muss. Ganz ohne geht einfach nicht, selbst bei ihm. Ich hab mir im Spiel auch immer gedacht, wann passiert zwischen Jake und Sherry endlich was. Ich hab auch immer auf den Kuss gewartet. Sie sind auch eins meiner Lieblingspairings. :)
Wesker hatte die Nacht kaum geschlafen und wenn, dann hatten ihn Alpträume verfolgt. Er quälte sich um halb sechs Uhr morgens mit Magenschmerzen hoch und injizierte sich als erstes sein Serum. Danach würgte er eine Kleinigkeit zu essen hinunter, um seine Übelkeit zu bekämpfen.
Die ganze Nacht hatte er an das Gespräch mit Sherry, Helena und Alex denken müssen. Er nahm den Zettel, auf dem ihm Sherry Jakes Adresse notiert hatte. Er hatte noch Alex letzten Satz in den Ohren, dass sie das Offensichtliche übersehen hatte, dann traf er eine Entscheidung. Er würde Jake ein zweites Mal aufsuchen.
Jake hatte endlich die Zeit gefunden, sich wieder seinem Zeichenblock zu widmen. Er hatte sich ein paar Gegenstände zu einem Stillleben zusammengesucht und zeichnete sie mit Bleistift ab. Es lenkte ihn ab und brachte ihn auf andere Gedanken. Nach Sherrys Offenbarung, dass sie bald Eltern werden würden, fühlte er sich völlig überfordert und hilflos und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Natürlich war es klar, dass er niemals vor seiner Verantwortung weglaufen würde. Die beiden Kinder sollten ihren Vater haben, doch trotzdem fühlte er, dass alles im Moment zu viel war. Er war immerhin noch sehr jung und wollte sein Leben eigentlich auf andere Dinge konzentrieren.
Es klingelte an der Tür. Er legte seine Sachen beiseite und stand auf. Er hoffte fast, dass es nicht Sherry war. Mit demjenigen, der ihm einen Besuch abstattete, hatte er aber am wenigsten gerechnet.
„Wesker? Vater", sagte Jake, als er die Person erkannte, die vor der Tür stand. „Was willst du hier?"
„Ich wollte zu dir, Jake", sagte Wesker. „Ich hatte gehofft, wir könnten unser Gespräch von neulich noch weiterführen."
„Wüsste nicht, was es noch zu sagen gibt", meinte Jake nur. „Ich weiß ja jetzt, was zwischen dir und Mum war. Also…" Er hätte es bevorzugt, wenn sein Vater einfach verschwunden wäre.
„Ich würde gerne mehr über dich erfahren, Jake. Alles, was ich bislang weiß, haben mir Sherry und andere erzählt. Aber ich habe noch nie wirklich mit dir gesprochen. Darf ich?"
Jake musterte seinen Vater und holte tief Luft, dann öffnete er die Tür, um ihn einzulassen. Wesker trat schweigend ein und folgte Jake ins Wohnzimmer.
„Willst du ´n Kaffee?", fragte Jake, weil er sonst nicht wusste, was er sagen sollte. „Ich hab grad einen gemacht…"
„Ja, wieso nicht", sagte Wesker.
Er sah sich in der Wohnung um, während Jake in der Küche war, aber sein Verdacht bestätigte sich sofort: Sherry war nicht hier. Er fragte sich, ob sie bereits mit Jake gesprochen hatte. Auf dem Tisch sah er ein Schulbuch über Biologie und einen Zeichenblock liegen.
Von Sherry wusste Wesker bereits am Rande, dass Jake eine Schule machte und sich künstlerisch betätigte. Er schlug den Block auf und sah sich Jakes Zeichnungen an. Die Bilder erinnerten ihn stark an das, was Alex ihm von seiner Tochter Faith gezeigt hatte. Jake zeichnete vor allem das, was er sah, die Umgebung oder Stillleben, mit praktisch fotografischer Präzision. Ganz hinten war ein Portrait von Sherry, das lebensecht wie eine Fotografie aussah.
„Hier." Jake kehrte zurück und reichte ihm eine Tasse.
Wesker wurde aus seinen Gedanken gerissen und nahm sie mit einem Nicken entgegen.
„Deine Bilder sind… wirklich beeindruckend", sagte Wesker anerkennend. „Hat dir Alex von seiner Tochter erzählt?"
„Nein", sagte Jake.
„Faith war ihr Name. Sie war auch eine begabte Künstlerin." Wesker legte den Block zur Seite.
Sie standen schweigend nebeneinander und niemand wusste, was er sagen sollte. Sie waren sich fremd und beide fühlten sich in der Situation verloren.
„Tja, ich… weiß nicht so wirklich, was… ich mit dir jetzt reden soll", musste Jake ehrlich zugeben. Wesker war in der gleichen Situation. Er wusste nicht, was er wollte und was er sagen sollte. Vor nicht langer Zeit hatte er noch zu Alex gesagt, dass er kein Interesse an Jake hatte. Und dennoch war er jetzt hier. Er entschloss sich spontan dazu, Jake auf sein Schulbuch anzusprechen.
„Bist du nicht ein wenig zu alt für „Biologie für die Oberstufe"?", fragte er.
„Ts, ja, vermutlich", sagte Jake abwehrend. „Solltest du nicht eigentlich auf dem Grund eines Vulkans verrotten?"
„Ja, vermutlich", sagte Wesker. Sie verfielen abermals in Schweigen. Wesker nahm einen Schluck seines Kaffees.
„Verrat mir eins: Was soll immer diese dämliche Sonnenbrille? Ist ziemlich unhöflich, weißt du?"
Wesker musste unweigerlich grinsen. „Tja, diese Frage ist mir im Laufe meines Lebens sehr oft gestellt worden. Ich habe sie bisher nie beantwortet. Aber wenn du möchtest, werde ich dir die Geschichte erzählen."
Jake schnaubte. Wesker schritt langsam zum Fenster und sah hinaus. Der Schnee schmolz bereits und manchmal zeigte sich sogar die Sonne. Bald würde sich der Frühling ankündigen. Der Februar eilte mit großen Schritten seinem Ende zu.
„Hat Sherry mit dir gesprochen?", fragte Wesker.
„Was geht dich das an?! Woher weißt du davon?!", fragte Jake sofort angriffslustig.
„Ich habe mit Sherry gesprochen. Ich war bei ihr im Hotel. Ich habe ihr gesagt, sie solle dir die Wahrheit sagen", erklärte Wesker ruhig. „Und offenbar hat sie meinen Ratschlag beherzigt. Sie war sehr niedergeschlagen deswegen."
„Was?! Du…" Wesker nickte.
„Das heißt, du weißt es also."
„Ja", sagte Jake nur. Er wich dem Blick seines Vaters aus.
„Wie…"
„Ich will nicht drüber reden, OK?", sagte Jake schnell. Wesker merkte sofort, dass er nicht weiter nachfragen sollte. Er nickte nur.
„Also, was soll jetzt dieser ganze Mist hier?!", fragte Jake, erneut etwas angriffslustig. „Was willst du hier?"
Wesker überlegte kurz, wie er sein Anliegen am besten formulieren konnte. Er wusste ja selbst nicht wirklich genau, was er sich davon erhoffte oder versprach.
„Vor ungefähr zwei Monaten war ich plötzlich wieder am Leben. Kurz darauf hat mir Agent Helena Harper eröffnet, dass ich einen Sohn habe und ich wurde auf sehr unangenehme Art und Weise mit meiner Vergangenheit konfrontiert. Ich habe über zwanzig Jahre nicht an Anna Muller gedacht. Ich habe sie aus meinem Leben gestrichen. Ich habe diesen beiden Raketenwerfern entgegengeblickt und wusste, dass es vorbei sein würde. Nie und nimmer hätte ich damit gerechnet, je wieder Luft zu atmen oder einfach durch ein Fenster nach draußen den Schnee sehen zu können. Und am wenigsten hätte ich damit gerechnet, dass ich Vater bin."
Jake sah Wesker nicht an, während dieser sprach. „Aber jetzt bin ich nun mal hier und muss mit der Situation, so wie sie ist zurechtkommen. Ich muss mich dem stellen, was ist. Und das würde ich jetzt gerne tun. Ich weiß, dass du mit der Vergangenheit haderst und deine Probleme mit mir hast, aber… Ich bin dein Vater, das ist nicht zu ändern, weder für dich, noch für mich. Ich würde dich einfach gerne näher kennenlernen und deine Geschichte hören."
Jake warf Wesker einen seltsamen Blick zu. Seine Miene war unergründlich. Wesker rechnete damit, von dem Jungen eine Abfuhr erteilt zu bekommen, umso überraschter war er, als Jake langsam nickte.
„Also gut, OK."
Es klopfte an Chris´ Bürotür. Er war immer noch dabei den Bericht ihrer Mission in Alaska fertigzustellen, weil er bisher keine Zeit dafür gefunden hatte. Er schrieb bereits seit zehn Minuten an demselben Satz, hatte ihn bereits ein paar Mal gelöscht oder umformuliert, aber kam nicht weiter. Als er aufsah und Leon erkannte war er froh, über die Unterbrechung.
„Leon, was führt dich zu mir?", fragte Chris.
Die beiden Männer hatten nicht mehr miteinander gesprochen seit Chris herausgefunden hatte, dass Leon und Ada Wong engen Kontakt pflegten.
„Vielleicht bin ich auch der Falsche, um das sagen", meinte Leon, „und ich weiß gerade auch nicht, wo ich anfangen soll."
„Was ist los?", fragte Chris, der sich über das seltsame Verhalten des Regierungsagenten wundern musste.
„Ist dir aufgefallen, dass Helena und Claire sehr engen Kontakt zu den beiden Wesker suchen?"
Chris legte nachdenklich seinen Stift beiseite. „Ja, das ist mir aufgefallen."
„Ich petze wirklich ungern, aber… Wesker war bei Helena im Hotel. In ihrem Zimmer", fügte er hinzu. „Helena war etwas legerer gekleidet, Wesker hat sich gerade angezogen und sie hat ziemlich empfindlich reagiert, als ich sie darauf angesprochen habe."
Chris schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.
„Sie war schon in Alaska sehr um ihn bemüht und ich glaube, in dieser Woche, als er verschwunden war, war sie bei ihm. Ich glaube, es ging ihm nicht gut und sie hat sich um ihn gekümmert."
„So ungern ich das zugebe, Leon, aber den Verdacht hatte ich auch schon. Das schlimme ist, dass alles ist eine zweischneidige Sache. Wesker ist umgänglicher und erträglicher geworden und ich vermute, dass Helena ihren Einfluss auf ihn genutzt hat, um ihn zu überzeugen, doch noch mal mit Jake zu sprechen. Allein hätte er das mit Sicherheit nicht gemacht. Und was Claire angeht…"
„Machst du dir keine Sorgen?", fragte Leon ernst.
„Natürlich mache ich mir meine Gedanken über sie, Leon", sagte Chris ungeduldig.
„Aber?"
„Eigentlich nichts aber, du hast ja Recht. Ich bin nicht begeistert davon. Aber man muss einfach objektiv sagen, dass Alex völlig anders ist als Albert." Chris seufzte. „Und da ist halt auch noch diese eine Sache."
„Du meinst Claires Trennung, oder?", fragte Leon.
„Ja. Du hast sie ja nicht erlebt, Leon. Sie war völlig am Boden zerstört, nachdem ihr Freund sie betrogen hat. Ich hatte echt Angst um sie. Wir dachten schon, sie kommt nicht mehr auf die Füße. Ich war wirklich froh, dass sie nach New York gezogen ist, dass Jill und ich uns um sie kümmern konnten. Und ihr Hund tut ihr auch gut. Gerade am Anfang war es sehr schlimm. Sie hat sich ja nur noch in die Arbeit gestürzt, um ihren Schmerz halt irgendwie zu kaschieren. Sie war nicht mehr fröhlich, hat nicht mehr gelacht."
Leon nickte.
„Seit Alex hier ist, ist sie wie ausgewechselt. Sie scheint wieder richtig ihren Lebensmut zurückbekommen zu haben. Sie lacht wieder und ist ausgelassen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es aufwärts geht bei ihr. So ungern ich das sage, aber…" Chris holte tief Luft. „Das habe ich Alex zu verdanken. Er hilft uns nicht nur sehr in dieser Sache, er hat Piers geheilt und er kittet auch noch das Leben meiner Schwester."
„Ich glaube, das liegt daran, dass sie beide gescheiterte Beziehungen hinter sich haben", meinte Leon. „Alex hat seine Frau verloren, Claire ihren Verlobten. Ich vermute, das verbindet die beiden. Claire hat auch Alex irgendwie wieder neuen Mut gegeben. Trotzdem sehe ich das irgendwie mit gemischten Gefühlen. Ich meine, er ist, genauso wie Albert…"
„Ich weiß", sagte Chris. „Gemischte Gefühle ist vielleicht noch untertrieben. Ich bin nicht begeistert davon, aber ich weiß, dass ich Claire nicht davon abhalten könnte. Sie ist eine erwachsene Frau, genau wie Helena. Wir können ihnen nicht vorschreiben, mit wem sie Umgang haben sollen. Und im Fall von Claire und Alex… Ich möchte ihr das nicht wegnehmen, jetzt, wo es ihr sichtlich besser geht."
„Das ist wahr. Wir sollten aber ein Auge auf die beiden haben."
„Ich wurde am 12. Oktober 1992 geboren", sagte Jake. „Ich dachte eigentlich, dass ich in Edonien geboren sei, aber… vor ein paar Monaten habe ich mit einer alten Freundin von Mum telefoniert. Sie hat mir erzählt, dass Mum bis zu meiner Geburt hier in New York war und erst dann nach Edonien zurückgegangen ist."
Sie hatten sich auf den Balkon gesetzt. Die Sonne, die vom fast wolkenlosen Himmel strahlte, ließ den vereisten Schnee, der die Dächer der Häuser bedeckte, glitzern. Es war kalt und sie mussten sich ihre Jacken anziehen, aber es störte sie nicht. Die frische Luft tat beiden gut.
„Ich würde gerne deine Geschichte hören, Jake", sagte Wesker. „Was ist passiert, nachdem deine Mutter nach Edonien zurückgegangen ist?"
Jake musterte seinen Vater. Er wusste nicht, wo er anfangen sollte. In ihm war viel Wut und Verdruss über seine Kindheit angestaut und er ertappte sich, wie ihm schon wieder Schuldzuweisungen an seinen Vater auf der Zunge lagen. Er riss sich zusammen und wiederholte in Gedanken wie ein Mantra, dass es wichtig war, dass endlich alles ausgesprochen wurde.
„Meine Kindheit war nicht ganz einfach. Als Mum zurückkam war sie natürlich für alle, inklusive ihrer Eltern, die Gescheiterte. Alle hatten ihr immer gesagt, dass das mit Amerika nichts werden würde. Mum hat sich davon nie abhalten lassen. Sie hat für ihren Traum gekämpft. Aber schlussendlich… hatte alle anderen doch Recht. Noch dazu hatte sie sich von irgendeinem Dahergelaufenen ein Bastardkind anhängen lassen. Mum hat es immer mit Fassung getragen, aber ich weiß, dass es sie sehr schwer belastet hat."
„Was haben deine Großeltern dazu gesagt?", wollte Wesker wissen.
„Naja, vor allem mein Großvater war… ich sage mal, wenig angetan, dass seine einzige Tochter unverheiratet ein Kind hat. Bei uns in Edonien sind alle noch etwas… sehr traditionell, weißt du. Großmutter hat sich schnell an den Gedanken gewöhnt. Ja, es war nicht ganz einfach, aber… Sie haben mich schon irgendwie akzeptiert. Aber natürlich haben alle über Mum geredet."
Wesker nickte. „Hat deine Mutter immer mit dir Englisch gesprochen?"
„Jep", sagte Jake, „von Anfang an. Dann natürlich Edonisch, klar, und in der Schule hatte ich Serbisch, weil das die Amtssprache von Edonien ist."
„Verstehe." Weskers Blick wanderte nach drinnen zum Tisch, wo das Schulbuch lag. „Sherry erwähnte, dass du eine Schule machst? Darf ich fragen, was es damit auf sich hat?"
„Ich mache eine Abendschule, um meinen Schulabschluss nachzuholen", erklärte Jake.
„Deinen Schulabschluss?", fragte Wesker verwundert. „Wieso?"
„Beim ersten Mal in Edonien hat´s nicht so ganz hingehauen", sagte Jake und kratzte sich verlegen am Kopf. „´Ne üble Geschichte."
„Sherry hat erzählt, dass deine Mutter… krank geworden ist. Und du deswegen auch wütend auf mich bist. Was hat es damit auf sich?"
Jake schluckte. „Ich war noch ein Kind, als es losging. Mum wurde plötzlich immer so schwach und müde. Manchmal sind ihr Sachen aus der Hand gefallen, weil ihre Hände so gezittert haben und oft war sie vergesslich. Ich musste ihr damals schon oft helfen. Sie ist natürlich zum Arzt gegangen und dann bekam sie die Diagnose, dass irgendetwas mit ihren Nerven nicht in Ordnung sei. Irgendwas chronisches. Sie bekam Medikamente dagegen und die haben auch sehr gut angeschlagen, aber dann…"
Jake erhob sich von seinem Stuhl und schritt zum Balkongeländer. „Ich war ungefähr zwölf, als der Bürgerkrieg kam. Die Serben wollten, dass Edonien wieder zu ihnen dazu kommt. Ein paar Leute waren dafür, ein paar dagegen. Bei uns hat sich eine Rebellenarmee geformt. Unser Land ist im Chaos versunken. Es gibt eine gesetzliche Krankenversicherung in Edonien, die auch Mums Behandlung weitestgehend bezahlt hat, aber als der Krieg kam, brach das ganze Gesundheitssystem komplett zusammen. Keine Versicherung mehr, die die Kosten übernommen hätte, viele Ärzte sind selbst an die Front und die, die noch da waren, haben meist nur noch gegen Barbezahlung gearbeitet. Mums Medikamente waren sehr teuer, deshalb konnten wir uns die nicht mehr leisten. Ich hab damals angefangen, nebenher zu arbeiten und sie zu unterstützen, aber das Geld hat vorne und hinten nicht gereicht. Weil Mum keine Medikamente mehr nahm, verschlechterte sich ihr Zustand und sie konnte natürlich nicht mehr so viel arbeiten. All die Jahre hatte sie manchmal drei Jobs, um uns über Wasser zu halten. Sie hat in einer Bar gearbeitet, geputzt und meist auch noch Klavierstunden gegeben. Wir mussten nie hungern oder so, aber… Es hat immer nur für das Nötigste gereicht. Je schlechter es ihr ging, desto weniger konnte sie arbeiten und wir konnten uns die Medikamente erst recht nicht mehr leisten. So ging es mit Mum immer weiter abwärts."
Jakes Miene war wie versteinert als er sprach. Wesker merkte sofort, dass ihn die Dinge schwer belasteten. Vielleicht sprach er sogar zum ersten Mal die ganze Geschichte aus.
„Irgendwann konnte sie gar nicht mehr arbeiten. Klar, Freunde haben immer ausgeholfen. Die Familie von Mums Cousin war immer bei uns und hat uns unterstützt. Meine Großeltern waren da leider schon tot. Ich habe immer nebenher gearbeitet so gut ich konnte und den Haushalt und die Einkäufe erledigt. Darunter hat natürlich die Schule stark gelitten. Mum hat das gar nicht gerne gesehen. Sie hat immer gesagt, dass meine Ausbildung wichtig ist. Aber es war mir total egal. Mit 15 habe ich mich den Söldner der Rebellenarmee angeschlossen. Es war mir vollkommen egal, ob Edonien eigenständig bleibt oder zu Serbien zurückgeht. Ich wollte einfach nur das Geld auftreiben, um Mum zu helfen. Ich schmiss die Schule komplett, ohne Abschluss, und tat alles, was ich konnte, aber… Ich konnte sie nicht retten. Zum Schluss war sie bettlägerig und hat mich oft nicht mehr erkannt. Mein erster richtiger Auftrag, bei dem ich echt viel Geld verdient habe, sodass wir eine Chance gehabt hätten, endete damit, dass ich nach Hause kam und… Es war zu spät. Mum ist gestorben. Und ich war nicht mal bei ihr."
Wesker wusste nicht, was er sagen sollte. Er sah Anna vor seinem geistigen Auge, erinnerte sich an ihr Lächeln, und er mochte sich gar nicht vorstellen, wie sehr sie gelitten haben mochte. Sich vorzustellen, die kleine, zierliche Frau, von ihrer Krankheit zerstört, in einem Bett liegen zu sehen, bereitete ihm Übelkeit. Gleichzeitig musste er Anna Respekt zollen. Sie hatte alles ertragen, hatte gekämpft und nie aufgegeben. Alles für ihren Sohn.
„Hat dir deine Mutter mal erzählt, dass sie selbst die Schule besuchen wollte?", fragte Wesker.
Jake nickte. „Wahrscheinlich mach ich es auch deswegen. Weil ich es für Mum machen will. Sie hat sich immer so für mich gewünscht, dass es mir besser geht als ihr, aber… Sie hat sich immer Schuldgefühle gemacht, weil ich mich nur um sie gekümmert habe. Ich hab´s aber gern gemacht. Tut mir Leid, wenn ich das jetzt so sagen muss, aber…"
Wesker wusste schon, was Jake sagen wollte. Der Junge hatte seit seiner Kindheit einen Groll gegen seinen Vater gehabt, weil dieser sich nicht um seine Mutter gekümmert hatte. Und wenn Wesker da gewesen wäre, hätte Anna nicht sterben müssen.
„Du musst nichts sagen, Jake. Ich weiß, dass du mir die Schuld dafür gibst. Ich bedaure es sehr, was mit Anna passiert ist, aber ich kann dir nur noch mal sagen, dass ich keine Ahnung von meiner Familie hatte. Und Anna und ich hatten uns getrennt."
„Schon klar", sagte Jake. „Ich war immer so sauer auf dich, weil Mum mir seit meiner Kindheit Lügen erzählt hat."
„Inwiefern, das verstehe ich nicht."
„Naja, einmal hat sie mir gesagt, ich sei in Edonien geboren, was ja nicht stimmt. Sie hat mir aber auch erzählt, dass du uns beide verlassen hättest, weil du kein Interesse an einer Familie hattest. Mum hat es immer so dargestellt, als wüsstest du von mir. Und weil du nie da warst, dachte ich natürlich, wir wären dir scheißegal, dein Sohn wäre dir scheißegal. Deswegen war ich so sauer. Aber wenn du natürlich nichts wusstest von mir…"
Wesker überlegte einen Moment. „Jake, deine Mutter hat dich angelogen, weil sie dich schützen wollte."
„So weit bin ich mittlerweile auch schon", sagte Jake. „Sie wollte mich einfach von dir fernhalten, weil sie nicht wollte, dass ich in Kontakt mit Umbrella komme, oder?"
„Ja, das denke ich auch."
„Was ist vorgefallen zwischen euch? Ich meine, Luise, so heißt Mums alte Freundin hier, hat mir erzählt, dass Anna immer so von dir geschwärmt hat und dass ihr richtig glücklich miteinander wart. Dann frage ich mich natürlich, was da passiert ist. Mum wird doch nicht eines Tages einfach mal so irgendwie die Wahrheit rausgefunden haben, oder?"
Wesker schüttelte den Kopf. „Nein, das hat sie nicht. Hat dir Sherry eigentlich erzählt, dass ich mit ihrem Vater William Birkin zusammengearbeitet habe?"
„Ja, sie hat´s mal erwähnt."
„Wir forschten für Spencer, den Gründer von Umbrella, an biologischen Waffen. Ein paar Monate bevor ich deine Mutter kennengelernt habe, habe ich mich ins Information Department versetzen lassen. Ich war dann Agent. Ich habe deiner Mutter natürlich nicht die Wahrheit über mich erzählt. Ich sagte ihr zwar, dass ich Forscher bin, aber dass ich jetzt einen Bürojob hätte. Sie hatte keinen Grund es mir nicht zu glauben. Der Grund, warum ich deine Mutter verlassen musste, war simpel: Ich habe sie vor Umbrella beschützt. Das ist keine Ausrede, mich aus der Affäre zu stehlen, sondern wirklich ernst. Die Geschichte dazu, ist aber bis heute sehr rätselhaft. William und ich haben endlose Debatten darüber geführt, aber wir haben keine Erklärung meiner Abteilung gab es eine Kollegin von mir, die… wie soll ich sagen… genauso auf mich fixiert war, wie Simmons auf Ada Wong."
„Ach du Scheiße", sagte Jake nur.
„Ihr Name war Sheila Yamamoto. Im April 1992 lud ich deine Mutter ein, mich auf eine Umbrella- Veranstaltung zu begleiten. Es war unser erster gemeinsamer Auftritt als Paar. Sheila hat uns gesehen und sie folgte Anna auf die Toilette, trieb sie in die Enge und pöbelte sie ziemlich rüde an. Anna war hinterher… sehr verstört. Wir hatten eine kleine Auseinandersetzung deswegen und schließlich sahen wir uns für geraume Zeit nicht mehr. Dann rief mich deine Mutter an, weil sie mir etwas sagen wollte, und ich kann mir nur zu gut vorstellen, dass sie mir von dir erzählen wollte. Sie hatte definitiv vorgehabt, mir von ihrer Schwangerschaft zu erzählen."
„Das deckt sich mit dem, was Luise gesagt hat. Mum muss todunglücklich gewesen sein, weil sie dir nichts gesagt hat. Sie wollte dich wohl von New York aus noch ein paar Mal anrufen, hat es aber nie geschafft."
„Dazwischen passierte etwas", fuhr Wesker fort. „Deine Mutter erhielt einen Umschlag mit geheimen, internen Umbrella- Dokumenten."
Jakes Augenbrauen zogen sich zusammen. „Was?"
„Es ist wahr. Sie musste alles über mich und meine Arbeit und was William und ich getan hatten. Sie wusste von den Viren, dass wir unseren ehemaligen Vorgesetzten ermordet hatten, Menschenversuche gemacht hatten, einfach alles. Wenn Umbrella erfahren hätte, dass eine Zivilistin in diese Geschichte eingeweiht war, dann…"
Jake nickte. Er verstand allmählich, was seinen Vater zu seinem Handeln bewogen hatte. Trotzdem konnte er seinen Unmut nicht ganz verbergen. Hätte es nicht irgendeine andere Möglichkeit gegeben?
„Das Seltsamste allerdings war, dass der Umschlag auch ein Dokument über mich enthielt. Aus dem sogenannten Wesker- Projekt. Ein Gesundheitszeugnis, in dem vermerkt war, dass ich eine besondere genetische Veranlagung mein Immunsystem betreffend, in mir trage, und dass man mit mir Versuche gemacht hatte."
„Das ist es, was ich von dir geerbt habe, oder?", fragte Jake.
Wesker nickte. „Deine Mutter, die damals schon mit dir schwanger gewesen sein muss, hat mir wahrscheinlich deswegen nichts von dir erzählt und bei dir dafür gesorgt, dass du mich nicht suchst, weil sie Angst um dich hatte. Sie ging weit weg, weil sie Angst hatte, dass man dich in gleicher Weise für Experimente missbraucht wie mich."
Jake nickte. Er verstand. „Was ist dieses Wesker- Projekt? Ist Alex auch da drin gewesen?"
„Ja. So haben Alex und ich uns als Kinder kennengelernt. Deswegen heißen wir auch Wesker. Das war der Name des Leiters des Projektes. Wir waren uns immer gegenseitig die Familie, die wir nie hatten. Spencer ordnete Anfang der Sechzigerjahre an, Kinder von überall auf der Welt zu entführen. Kinder mit besonderen Fähigkeiten. Er wollte eine neue Gattung Mensch mithilfe des sogenannten Progenitor- Virus erschaffen. Alex und ich wurden als Kinder damit infiziert. Wir beide und elf andere überlebten die Prozedur, der Rest starb. Seit jeher kontrollierte Umbrella unseren Werdegang. Spencer rekrutierte uns später, um für ihn zu arbeiten. Ich hatte schon mit 16 meinen Doktortitel, alles von Umbrella gesteuert."
„Wow, nicht schlecht. Das heißt aber auch, die Frage, ob ich auf deiner Seite Großeltern habe, erübrigt sich ja dann", sagte Jake schmunzelnd. „Weil du kennst deine Familie gar nicht."
„Du hast natürlich Großeltern, aber ja, ich kenne meine Familie nicht. Und ich weiß nicht, ob sie nicht in der Zwischenzeit verstorben sind. Das letzte Mal, als ich sie sah, war ich gerade vier Jahre alt und ich habe praktisch keinerlei Erinnerungen an diese Zeit. Ab und zu tauchen so Erinnerungsfetzen auf, aber ich kann sie in der Regel nicht zuordnen. Ich bin mir sicher, dass wir einen Hund hatten, so einen wie Ms. Redfield. Und im Garten stand ein Apfelbaum, da bin ich mir sehr sicher. Meine Mutter hat die Äpfel im Herbst geerntet und eingekocht. Ich kann mich erinnern, ich habe immer nur Äpfel gegessen, anderes Obst mochte ich gar nicht."
„Ja. Same here. Ich habe auch immer nur Äpfel gegessen. Manchmal ist Mum an mir verzweifelt, weil ich so wählerisch mit dem Essen war. Aber Süßigkeiten mochte ich immer gern", sagte Jake und zum ersten Mal stahl sich ein Lächeln auf seinen Mund.
„Ich habe seit ich mich erinnern kann, immer wenig oder gar nichts Süßes gegessen", sagte Wesker nachdenklich. „Und ich weiß auch, warum. Als wir Kinder waren, passierte es eines Tages, dass Alex zusammenbrach. Seine Zuckerwerte waren viel zu hoch. Er hat Typ- 1 Diabetes. Das hat uns beide eher negativ geprägt und ich habe seitdem einen großen Bogen um Süßigkeiten gemacht."
„Verstehe", sagte Jake.
„Es tut mir Leid, dass ich dir nicht viel über mein Leben erzählen kann. Nach dem Experiment wurden systematisch unsere Erinnerungen gelöscht, deshalb klafft bei mir über meine Kindheit ein schwarzes Loch in meinem Gedächtnis. Soweit mein Erinnerungsvermögen zurückreicht, ungefähr bis zu meinem zehnten Lebensjahr, habe ich praktisch immer nur gelernt. Ich war in einer Hochbegabtenförderung."
„Das heißt, du warst ein richtiger Streber?", sagte Jake nicht ernst gemeint mit einem Grinsen.
„Vielleicht kann man das sagen, ja."
„Ich bin eigentlich nie gerne zur Schule gegangen", sagte Jake und plötzlich war er wieder sehr ernst. Er wirkte fast niedergeschlagen. „Ich bin froh, dass ich es jetzt machen kann, denn heute fühle ich mich besser damit. Dabei war ich eigentlich nie ein schlechter Schüler. Damals… war das einfach nur Mist. Das fing eigentlich schon im Kindergarten an."
„Kindergarten?", fragte Wesker verwundert.
„Na klar, was denkst du denn, Mum musste ja arbeiten. Und meine Großeltern konnten nicht immer auf mich aufpassen. Also musste ich mit knapp drei da hingehen. Es war eigentlich egal, wo ich hingekommen bin, ich habe nirgends reingepasst. Ich war immer viel weiter als die anderen Kinder. Ich konnte schon ganz normal sprechen und habe schon wie heute gut gezeichnet. Natürlich war ich komplett unterfordert und Mum hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie mir nicht die Förderung zukommen lassen konnte, die ich gebraucht hätte. In der Schule ging´s weiter. Ich war immer der Außenseiter. Man macht sich halt nicht gerade beliebt, wenn man den Mathelehrer erklären muss, wie die Aufgaben richtig funktionieren."
Wesker lachte leise auf. „Ich verstehe." In Wirklichkeit war ihm freilich nicht zum Lachen zumute. Er war verärgert. Jake war ein begabter Junge, der seine Talente niemals zur Geltung hatte bringen können.
„Nachdem ich in einem halben Jahr fließend Kantonesisch sprechen und lesen gelernt habe, schließe ich mal daraus, dass ich das „Brain" von dir geerbt habe. Wenn du schon mit 16 einen Doktor hattest…"
„Jake, deine Mutter war eine sehr intelligente Frau. Sie war sehr fähig, aber sie hatte vielleicht nie die Chance, es richtig zu zeigen."
„Ja, das stimmt wohl. Sie hatte es oft schwer mit mir, weil ich nicht ganz einfach war. In der Schule bin ich oft gehänselt worden, weil ich keinen Vater hatte. Einmal habe ich einen Verweis kassiert. Ein Typ hat Mum als Hure bezeichnet und ich habe ihn verprügelt. Mum hat sich immer so bemüht um mich, selbst dann noch, als es ihr wegen ihrer Krankheit schon ziemlich mies ging. Als ich Kind war, sprachen wir immer zwei Sprachen, sie hat mir das Klavierspielen beigebracht, sie hat meine künstlerische Ader mit Sicherheit gefördert, weil wir zu Weihnachten oder Ostern oft gebastelt haben. Adventskalender und so. Meine Großmutter hat immer Lebkuchen und so was gebacken, da durfte ich oft mitmachen. "
Als Wesker Jakes Worten lauschte, überkam ihn eine gewisse Wehmut. Er beneidete den Jungen um seine Kindheitserinnerungen. Er selbst hatte nie eine Bezugsperson gehabt, zu der er eine enge Beziehung gepflegt oder Vertrauen gehabt hatte. Und beschäftigt, wie es für ein Kind angemessen gewesen wäre, hatte sie nie jemand mit ihm. Es war beinahe albern, aber hin und wieder wäre er vielleicht froh gewesen, eine Großmutter zu haben, die mit ihrem Enkel Weihnachtsgebäck gebacken hätten.
„Behalt dir all das gut in Erinnerung, Jake. Das ist sehr wertvoll. Ich hatte nie etwas dergleichen, nie eine normale Kindheit, du kannst stolz auf deine Mutter und deine Familie sein."
Jake sah Wesker an, dann nickte er. „Ja." Er lachte kurz auf.
„Was hast du?", fragte Wesker.
„Auch wenn es Mum oft mit mir nicht einfach hatte, eigentlich hat sie nie… wirklich geschimpft oder so. Es gab aber mal einen Moment, da… Da hab ich echt Ärger gekriegt."
„Was war das?"
„Ein Kumpel von mir und ich haben heimlich geraucht. Wir dachten, wir sind extra schlau, aber Mum hat uns natürlich erwischt. Mütter haben ja überall ihre Augen. Da war sie richtig sauer. Und wir ganz kleinlaut." Jake musste lachen.
Wesker schmunzelte. „Das Verbotenste, das ich jemals getan habe in meiner Jugend, war eine Freundin zu haben."
„Häh? Du durftest keine Freundin haben?"
„Man hat es uns nicht explizit verboten, aber man sah es nicht gern. Mir wurde als Kind gesagt, meine Familie sei tot und deshalb wuchs ich in einem betreuten Wohnheim auf. Ab und an durften wir in die nahegelegene Stadt, aber es war untersagt, Kontakt zu Personen aufzunehmen oder sie mitzubringen. Ich habe mich über diese Regel hinweggesetzt."
„Das heißt, du hast dir eine geangelt?"
„Kann man sagen. Ihr Name war Marina. Sie war 16 und hat noch die Highschool besucht. Sie war ziemlich angetan von mir. Ich hab sie einmal heimlich mitgenommen, weil sie wissen wollte, wo ich wohne. Wir haben uns reingeschlichen… über den Balkon, weil die Türen schon abgeschlossen waren. Wir waren ungefähr ein halbes Jahr zusammen, dann brach sie irgendwann urplötzlich den Kontakt zu mir ab. Ich habe das nicht verstanden. Kurz darauf starb sie bei einem Autounfall. Ich war am Boden zerstört hinterher. Heute würde ich sagen, dass ich vielleicht depressiv darauf war. Kurze Zeit später habe ich für Umbrella angefangen zu arbeiten. Das hat das alles verschleiert."
„Da hast du William Birkin kennengelernt, oder?"
„Ja. Später kannte ich dann auch Sherry. Es gab mal ein Ereignis, das dazu hätte führen können, dass es dich heute nicht gegeben hätte, Jake."
„Wieso?"
„Unser außergewöhnliches Immunsystem schützt uns vor Viren aller Art, allerdings nicht vor Bakterien", erklärte Wesker. „Wir haben zwar hauptsächlich an Viren geforscht, aber für ein Experiment hatten wir auch mal einen Bakterienstamm im Labor. Durch eine Sicherheitspanne wurde ich mit ihnen infiziert. Es fing mit Müdigkeit und Schwäche an, später kam hohes Fieber und starker Husten dazu. Ich habe es ignoriert und mich zur Arbeit geschleppt, wo ich ohnmächtig geworden bin. Ich lag fünf Wochen mit einer schlimmen Lungenentzündung im Krankenhaus und es sah wirklich schlecht um mich aus. Man hatte Angst, meine Lungenfunktion bricht zusammen. Man fand lange kein Antibiotikum, was mir helfen konnte. William, Sherrys Vater, hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mir zu helfen."
„Wenns nicht geklappt hätte, dann… säßen wir jetzt nicht hier", sagte Jake nachdenklich. „Dann wäre vieles nicht passiert. Wolltest du echt die Welt zerstören? ´Tschuldigung", fügte er hinzu, als er Weskers Gesichtsausdruck sah. „Ich weiß, du wolltest die Welt besser machen. Aber", er räusperte sich kurz, „hattest nicht so ganz die richtige Methode, oder?"
Wesker konnte darauf nicht antworten.
„Hattest du viele Freundinnen, abgesehen von Mum?", fragte Jake.
„Nein, eigentlich nicht", musste Wesker zugeben. „Marina war meine erste Freundin, die Jugendliebe sozusagen. Danach war lange nichts. In den Achtzigern hatte ich eine kurze Beziehung mit einer Künstlerin namens Bette. Es passte aber nicht, weil wir zu unterschiedlich waren. Nach deiner Mutter kamen nur noch flüchtige Bekanntschaften, später überhaupt nichts mehr. Was war mit Anna? Hat sie nach unserer Trennung eine weitere Beziehung?"
„Nein", sagte Jake. „Auch so ein Grund, weswegen ich dich immer verflucht habe. Du warst nie da für uns und hast Mum aber das Herz gebrochen. Sie hat immer unter eurer Trennung gelitten und konnte nie wieder eine Beziehung eingehen, obwohl es sogar mal jemanden gab. Sein Name war Mikael. Er war genauso wie Mum in einer Gruppe, so eine Elterninitiative für Alleinerziehende. Seine Frau ist bei einem Unfall gestorben. Er hatte auch eine Tochter, mit der ich mich sehr gut verstanden habe. Ich mochte den Typ auch, also… Aber Mum hat einen Rückzieher gemacht, weil sie halt noch an dir hing. Ich hab dich gehasst dafür, weil Mum so Kummer wegen dir hatte."
Wesker sah etwas betreten zu Boden. Sie schwiegen einen Moment.
„Willst du noch?", fragte Jake und deutete auf ihre Kaffeetassen.
„Nein, danke", sagte Wesker, froh, dass sie das Thema wechselten. „Wie ging es weiter mit dir? Mit 15 hast du die Schule verlassen und kamst zur Armee, oder?"
„Ja. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich wirklich aufgehoben gefühlt habe. Bei den Söldnern hatte ich ein Zuhause, da haben mich die Leute respektiert für meine Fähigkeiten und nicht ausgeschlossen. Es gab einen Mann dort, der immer irgendwie… der Vater für mich war, den ich nie hatte. Er hat mich ausgebildet in Waffen und Nahkampf. Blöderweise entpuppte er sich als Verräter und unser ganzes Team ging hops. Ich kam als Einziger lebend raus. Der Sohn von Mums Cousin, der mit mir angefangen hatte, hat´s nicht überlebt. Deswegen habe ich diese Narbe im Gesicht."
Er deutete auf seine linke Wange. Er sah einige Momente gedankenverloren zum Balkon hinunter. „Mein Lieblingsstück, wenn Mum und ich Klavier geübt haben, war die Mondscheinsonate. Das war Mums absolutes Liebeslied. Sie hat die Noten doch von dir, oder?"
„Ja, ich habe sie ihr gegeben."
„Dachte ich mir schon. Kannst du auch Klavier spielen?", wollte Jake wissen.
„Ja, das kann ich. Ich habe es als Kind gelernt, allerdings erst mal ohne Noten."
„Wie darf ich denn das verstehen?", fragte Jake erstaunt.
„Alex und ich wuchsen bei Spencer in einem Anwesen auf. Es gab dort keinen Fernseher, keinen Radio und auch sonst nichts, was irgendwie „Krach" machen könnte. Spencer hasste das nämlich. Es gab aber einen Konzertflügel, auf dem er jeden Sonntagnachmittag gespielt hat. Ich habe ihm dabei oft zugesehen und mir die Handgriffe auswendig gemerkt."
„Hah, das ist ja witzig. Das wollte ich bei Mum als Kind auch machen. Aber sie hat geschimpft und gesagt, ich solle die Noten lesen."
„Der Grund, warum Alex und ich immer eine Sonnenbrille tragen ist folgender. Der Progenitor- Virus stammt ursprünglich aus einer Blume. Er wurde aus ihrem Gift gewonnen. Die Blume wächst unter der Erde, fernab vom Sonnenlicht. Ein paar Jahre nachdem man uns den Virus verabreicht hatte, wurden unsere Augen immer lichtempfindlicher und wir begannen, sie zu schützen. Der andere Virus, der uns unsere Kräfte verleiht, hat unsere Augen verändert, sodass es besser ist, sie hinter Sonnenbrillengläsern zu verstecken. Die Leute erschrecken sich."
„OK. Es ist trotzdem unhöflich", sagte Jake.
Sie verfielen für einen Moment in Schweigen. „Mum und du, ihr habt euch im Hotel kennengelernt, oder?", fragte Jake schließlich und sprach damit eine seiner dringlichsten Fragen aus. Er hatte sich immer gefragt, wie seine Mutter an Albert Wesker geraten war, denn er konnte es nicht richtig nachvollziehen. „Hast du sie angesprochen oder wie kam das zustande?"
„Du wirst vielleicht überrascht sein, aber… deine Mutter hat den ersten Schritt gemacht", sagte Wesker, der sich nur allzu gut an ihre erste Begegnung erinnern konnte. „Deine Mutter war für das Stockwerk zuständig, in dem ich mein Zimmer hatte. Wir sind im Flur versehentlich ineinander gelaufen. Mein Schlüssel fiel runter und sie hat ihn für mich aufgehoben. Wir begegneten uns daraufhin öfter auf dem Gang und sie lächelte mich jedes Mal an. Ich merkte, dass sie Interesse an mir hatte. Als ich eines Tages in mein Zimmer zurückkam, fand ich auf dem Nachttisch eine Papierfigur. Sie hatte mir einen Vogel gefaltet. Auf dem Papier stand, ich solle sie an der Bar treffen. Ich hätte es nicht tun müssen und anfangs fand ich das ziemlich dreist. Aber schließlich bin ich doch hingegangen. So kam es. Wir trafen uns öfter und so entstand eine Beziehung."
„Weißt du, Dad", sagte Jake.
„Daran muss ich mich noch gewöhnen", meinte Wesker.
„Nach allem, was ich über dich gehört habe, muss ich mich natürlich schon fragen, wie das mit Mum und dir überhaupt funktioniert hat. Soll nicht falsch rüberkommen, aber…"
„Ich kann die Frage nachvollziehen. Ich schätze, deine Mutter und mich verband etwas. Sie war anders als alle anderen Frauen, die ich je wieder kennengelernt habe. Allerdings, trotz des Glücks, das wir zu zweit hatten, war unsere Beziehung zum Scheitern verurteilt. Es war keine Beziehung, Jake. Deine Mutter hat mir praktisch blind vertraut und ich habe ihr Vertrauen schamlos missbraucht. Ich musste sie von Anfang an nur anlügen, um meine wahre Identität zu verheimlichen. Und nachdem sie wusste, wer ich war, konnten wir sowieso nicht zusammenbleiben. Das Doppelleben, das ich geführt habe, hätte unser Leben schwer belastet. Aber wie ich deine Mutter kenne, hätte sie darüber weggesehen."
„Wenn das nicht passiert wäre mit diesen Papieren, wärt ihr dann noch zusammen geblieben?", fragte Jake.
„Ich denke schon. Bis irgendeine andere Situation unser auseinandergebracht hätte. Es war ein Spiel mit der Zeit und der Gefahr."
„Wenn du von mir gewusst hättest, dann…"
„Dann wäre vieles anders verlaufen, das weiß ich. Ich… Wer weiß, wo ich heute wäre, was alles passiert wäre oder nicht passiert wäre, wenn wir zusammen eine Familie gehabt hätten. Mit Sicherheit wären du und Sherry zusammen aufgewachsen. Stört euch der Altersunterschied eigentlich nicht?"
„Nein, überhaupt nicht. Wenn man sich gut versteht, ist das nicht wichtig", sagte Jake bestimmt. „Außerdem lagen zwischen dir und Mum doch auch ein paar Jahre?"
„Richtig, neun an der Zahl. Aber es ist doch ein wenig ungewöhnlicher, wenn die Frau deutlich älter ist."
Jake tat es mit einer Handbewegung ab. „Wir sind ´n super Team, Sherry und ich. Aber ich weiß nicht, ob ich das hinkriegen werde, Vater zu sein. Und dann sind es auch noch zwei."
„Du schaffst es, Jake", sagte Wesker. „Ich hätte mir wahrscheinlich damals dieselbe Frage gestellt. Denk an deine Mutter. Sie hat es alles geschafft, obwohl die Umstände so widrig und schwer waren. Du und Sherry werdet das meistern, da bin ich mir sicher. Wo ist Sherry überhaupt? Ich hatte gehofft, ihr hättet euch versöhnt."
„Haben wir ja auch, aber ich… war einfach nicht so gut drauf, als… sie mir das Ultraschallbild gezeigt hat. Musste erst mal einen klaren Kopf kriegen. Ich ruf sie an, wenn ich bereit bin. Sag mal, du hast vorhin gesagt, dass Alex eine Tochter hat. Wusste die auch nichts von ihrem Vater?"
„Oh nein. Alex hatte eine Familie, mit der er sehr glücklich war. Er war verheiratet und seine Tochter Faith war sein ganzer Stolz. Sie war auch wie du gut im Künstlerischen. Alex hat eine Frau namens Laura Yamamoto geheiratet, er ist Sheilas Schwager."
„Was?!"
„Ja. Durch einen Auftrag, den Spencer Alex gab, musste seine gesamte Familie auf eine einsame Insel umziehen. Dort wurde Faith allerdings von Unbekannten ermordet."
„Ach du… lieber Himmel."
„Obwohl Alex mit uns dieselbe genetische Veranlagung teilt, seine Tochter hat sie leider nicht. Die Täter sind bis heute nicht gefasst worden. Alex ist sehr niedergeschlagen darüber gewesen und deswegen hat er versucht, seine Tochter wieder lebendig zu machen. Er scheiterte viele Jahre, unter anderem deswegen hat er auch mich zurückgebracht. Damit ich ihm helfe. Mittlerweile hat er Erfolg gehabt. Seine Tochter hat Lebenszeichen gezeigt, aber sie befindet sich in Gewalt derer, die es auf euch abgesehen haben."
„Sherry hat schon gesagt, dass die wahrscheinlich die beiden Kinder haben wollen."
„Wir sind ein paar Hinweisen nachgegangen, aber wir tappen weiterhin im Dunkeln."
Jake nickte. Ihm war gerade ein Gedanke gekommen. „Alex ist doch Arzt, oder? Er hat dich wieder lebendig gemacht? Nicht schlecht. Und du bist so ein Virenforscher, habe ich das richtig verstanden?"
„Ich habe Biologie studiert und mich in die Virologie spezialisiert", erklärte Wesker. „Was planst du nach deinem Schulabschluss zu studieren?"
„Oh", Jake sah peinlich berührt drein. „Ich hab mir noch nicht so Gedanken darüber gemacht."
„Sherry hofft, dass du dein künstlerisches Talent nutzt."
„Ja. Das gefällt ihr ziemlich gut. Ich weiß noch nicht. Ich denke, sowas wie Biologie wird es nicht werden. Sorry", sagte er mit einem entschuldigenden Blick an seinen Vater gewandt. „Werd wohl nicht in deine Fußstapfen treten. Mich interessiert eher was mit Gesellschaft und Politik zu tun hat. Ich habe in Edonien zu viel gesehen, deshalb würde ich mir wünschen, ich könnte etwas bewirken, dass es den Menschen besser geht."
Wesker musterte seinen Sohn. Der Junge besaß viele seiner Züge und Eigenschaften, aber es war eindeutig, dass Anna den größeren Einfluss auf ihn hatte. Wesker erkannte Anna in ihm, ihr Engagement für andere, ihre Sorgen um andere und ihren Wunsch, Dinge verändern zu können. Wesker war anders. Er hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, anderen zu helfen, etwas voranzubringen. Jake riss ihn aus seinen Gedanken.
„Was glaubst du, wie wär´s mit Mum und dir weitergegangen, wenn ihr euch nicht getrennt hättet? Hättet ihr auch geheiratet?"
„Das glaube ich kaum, denn wir beide waren… keine Anhänger dieser Tradition. Deine Mutter und ich wollten im Mai nach unserer Trennung eigentlich ins Theater gehen. Wir hatten schon die Karten, aber… das verlief ja im Sande. Ich hatte geplant, ihr die Umgebung und die Arklay Mountains zu zeigen. Sie hat gesagt, dass sie mal Wanderungen unternehmen wollte. Natürlich wärst du dann bald dagewesen und wir hätten unser Leben anders organisieren müssen. Wir hätten es geschafft. Deine Mutter hätte zur Schule gehen und danach studieren können. Ich habe sehr gut verdient und sie hätte in meine Wohnung miteinziehen können. Deine Mutter wollte ja ursprünglich eine Kochschule besuchen, aber sie konnte sich das Schulgeld nicht leisten. Bevor sie gesagt hat, dass sie ihren Schulabschluss macht, habe ich überlegt ihr das Schulgeld zu bezahlen, als Geburtstagsgeschenk. Aber so weit kam es nicht mehr. Mein Geburtstag liegt im Sommer, der deiner Mutter im September. Wir trennten uns aber Ende April. Wir hatten eigentlich eine Menge vor. Nicht nur Wandern, auch mal Ausflüge aus der Stadt heraus und wir…"
Wesker stockte urplötzlich mitten im Satz und sein Gesichtsausdruck veränderte sich.
„Und ihr? Dad?" Jake starrte seinen Vater verwirrt an. „Dad? Alles OK?"
Wesker erhob sich langsam von seinem Stuhl. Er warf Jake einen kurzen Blick zu. „Jake, ich vermute, wir müssen unser Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen."
Mit diesen Worten war er bereits hinausgerauscht. Jake konnte seinem Vater nur völlig hilflos hinterhersehen.
