Leon S. Kennedy 1977: Ja, Sheila war wirklich eine arme gequälte Seele und ihr Tod war wohl die beste Lösung. Nicht nur Albert geht die Wahrheit nahe, sondern auch Alex. Er hat ja jetzt erfahren, warum seine Tochter sterben musste. Wer der mysteriöse Drahtzieher ist, wird sich bald herausstellen. ;)
Alexa- Wesker: Dass Sheila jetzt tot ist, war wirklich die beste Lösung, so wie sie gelitten hat. Ja, leider ist Albert erneut ein Gefangener. :( Aber das hat seinen Sinn.
Ihre Suche war erfolglos geblieben, aber damit hatte Chris irgendwie gerechnet. Mithilfe der Polizei hatten sie die halbe Stadt nach Albert Wesker abgesucht, waren sogar bis ans Meer gefahren, aber nirgends gab es auch nur den Hauch einer Spur von ihm.
Enttäuscht blieb ihnen nichts anderes mehr übrig, als nach New York in die Zentrale zurückzukehren und O´Brian Bericht zu erstatten. Bevor ihr Flug ging, stellten sie gründlich Sheilas gemietetes Appartement auf den Kopf. Auch hier war Chris nicht überrascht, dass sie keine Hinweise fanden. Sie nahmen die Spritze mit, mit der sie sich den Virus injiziert hatte, um sie im Labor zu untersuchen.
Jake war wütend. Er hatte darauf gedrängt, weiter nach seinem Vater zu suchen, doch Chris hatte ihre Suche abgebrochen. Der junge Mann hatte sich auf Drängen von Leon und Jill schließlich geschlagen geben müssen, aber es war ihm anzumerken, dass er nicht einverstanden war. Er wäre am liebsten allein losgezogen.
Sobald sie in der B.S.A.A.- Zentrale angekommen waren, kamen Helena, Sherry und Claire auf sie zu und erkundigten sich nach dem Stand der Dinge. Ihnen fiel sofort Jakes Wüten auf.
„Was ist passiert?", fragte Helena alarmiert. „Habt ihr Albert Wesker gefunden?"
„In der Tat, haben wir", sagte Chris entmutigt.
„Aber?", hakte Helena nach.
„Wir müssen meinen Vater suchen!", schimpfte er. „Wer weiß, was die mit ihm anstellen?!"
„Was ist passiert, Chris?", wollte Claire auf Jakes Bemerkung hin wissen. „Was ist mit Jake los? Ist etwas Schlimmes vorgefallen?!"
Sherry wollte sofort zu Jake gehen und ihn mitfühlend in die Arme schließen, doch er stieß sie von sich. Er war viel zu aufgebracht.
„Hat Albert Sheila Yamamoto gefunden?", fragte Helena.
„Ja, hat er", sagte Chris nur kurz angebunden.
„Könnte mal bitte jemand mit uns reden?!", forderte Claire ungeduldig. „Was ist los?!"
Sie trafen sich mit O´Brian in dessen Büro.
„Christopher, was ist passiert?", fragte O´Brian besorgt. „Hattet ihr Glück? Habt ihr Sheila Yamamoto gefunden?"
„Das haben wir", erklärte Chris. „Es war nicht so leicht, wir mussten einen Direktor von AquaSystemTex in die Mangel nehmen, um überhaupt zu erfahren, dass sie da ist. Sie hatte sich eine Wohnung angemietet, ein paar Blocks von dem Hotel entfernt, wo die Mitarbeiter untergebracht waren. Wir kamen allerdings nicht rechtzeitig."
„Albert hatte Sheila vor uns gefunden", sagte Alex. „Er hat sie gestellt und wollte sie töten, wie wir schon vermutet hatten."
„Davor allerdings hat sie sich einen Virus gespritzt und ist in ein Monster mutiert. Sie wollte Albert Wesker töten. Sie war… mental ziemlich zerrüttet, wenn man es diplomatisch ausdrückt."
„Die Tussi war nicht ganz dicht", sagte Jake, der mit verschränkten Armen vor dem Fenster stand. „So bekloppt wie Simmons, der sich seine Ada Wong klont, war sie zwar nicht, aber durchgeknallt alle mal. Sie hatte es verdient, für das, was sie meiner Mutter angetan hat."
„Und Alberts Vermutung war richtig. Sheila war tatsächlich die Schlüsselfigur hinter allem", fuhr Alex fort. „Sie hat meine Tochter Faith an Simmons und die Familie verraten und Jahre später auch Jake. Und was vielleicht das wichtigste ist: Sie hat damals tatsächlich die Beziehung von Anna Muller und Albert Wesker zerstört. Aus Eifersucht. Danach hat sie ein Leben im Verborgenen geführt und die unerfüllte Liebe und der Hass schließlich haben sie vernichtet."
„Wir mussten sie vernichten, sie drohte uns zu töten", erklärte Chris. „Nach dem Kampf wurde Albert Wesker entführt. Wir müssen davon ausgehen, dass er sich wieder in Gewalt derselben Leute befindet, die ihn auch in Südamerika unter ihrer Gewalt hatten."
„Was?! Oh, nein!"
„Wir haben die ganze Stadt nach ihm abgesucht, aber keine Spur von ihm", meinte Jill entmutigt. „Sie haben ihm wieder dieses seltsame Halsband verabreicht und wahrscheinlich kontrollieren sie ihn mit derselben Droge."
„Das zweite, das erschwerend hinzukommt, ist", fügte Chris hinzu, „dass wir dummerweise Sheila Yamamoto keine Fragen stellen konnten. Wir wissen also immer noch nicht, wer der Hintermann hinter allem ist. Mein Eindruck war allerdings, dass Sheila mehr ein Werkzeug all die Jahre war. Und… ich weiß nicht, warum, aber in mir… keimt so ein ungutes Gefühl auf, dass… diese Firma, AquaSystemTex, eine größere Bedeutung hat, als wir bisher vermuten."
„Hat sie auch", ertönte plötzlich eine Stimme von der Tür. Alle wandten ihre Köpfe, als Rebecca Chambers und HUNK den Raum betraten.
„Ms. Chambers", sagte O´Brian. „Sind Sie bei ihrer Suche fündig geworden?"
„Sind wir, in der Tat", sagte Rebecca und warf einen unsicheren Blick zu HUNK. „Das müsst ihr euch ansehen und ich verrate schon mal so viel… es wird euch nicht gefallen."
Sie gingen mit Rebecca und HUNK in die Technikabteilung, wo sie die letzten Stunden damit verbracht hatten, Albert Weskers Aufzeichnungen über AquaSystemTex durchzuarbeiten. Auf einem großen Bildschirm hatte sie zahlreiche Webseiten und Dokumente aufgerufen, alle mit der Firma in Zusammenhang stehend. Sie tippte etwas auf der Tastatur, um die Ergebnisse ihrer mühevollen Arbeit aufzurufen.
„Agent HUNK und ich haben das Laptop untersucht, das Wesker für seine Internetrecherche benutzt hat, und haben alles mit seinen handschriftlichen Notizen abgeglichen. Wir sind dabei auf etwas sehr Interessantes, aber sehr Beunruhigendes gestoßen."
Rebecca rief eine von Weskers Notizen auf.
„Albert Wesker hat eine Reihe von anderen Firmen in Zusammenhang mit AquaSystemTex gebracht. Er hat fünf Töchter aufgelistet und eine Reihe von Entwicklungshilfeorganisationen, mit denen sie zusammenarbeiten. Alles Offizielle sieht so aus."
Sie betätigte die Maus und rief eine Weltkarte auf. „Sieht man sich das auf der Karte an, sieht es so aus."
Eine ganze Reihe roter Punkte erschienen in Afrika, den Vereinigten Staaten, Asien und Australien.
„Das sind alles Gebiete, in denen AquaSystemTex die Wasserversorgung der Bevölkerung sicherstellt. Das ist ganz schön viel. Vielleicht hätte Albert noch mehr gefunden, wenn er nur weitergeforscht hätte, ich weiß es nicht, jedenfalls", sagte Rebecca, „wir haben noch zahlreiche weitere Tochterfirmen gefunden und diese wiederum haben noch eine ganze Reihe anderer Töchterfirmen."
„Seht es euch an", sagte HUNK und reichte ihnen ein Papier. „Wir haben eine Art Organigramm der Firma erstellt."
Chris und die anderen besahen sich die Aufstellung der Firma.
„Du lieber Himmel", murmelte Sheva. „Ich kenne eine ganze Reihe dieser Firmen. Ein paar haben nahe meiner Heimat ihren Sitz. Josh hat mir erzählt, dass sie sehr erfolgreich mit der Bevölkerung zusammenarbeiten und sich die Situation sehr verbessert hat, seit es sauberes Wasser für alle gibt."
Oben war der Mutterkonzern, der direkt sieben Töchter gegründet hatte. Dieser wiederum unterhielten ebenfalls jeweils mindestens sieben weitere Tochterfirmen, sodass der Aufbau des Konzerns ein undurchdringliches Netzwerk aus verschiedenen Firmen geworden war.
„Ich kann das selbe sagen", sagte Helena. „Diese Firmen sind überall. Aber ich hatte keine Ahnung, dass sie alle zu dieser japanischen Firma dazugehören."
„Sie bringen es auf den Punkt, Agent Harper", sagte HUNK. „AquaSystemTex ist überall und es ist ziemlich unübersichtlich und undurchsichtig. Rebecca und ich mussten sehr lange graben, bis wir alle Verbindungen so klar herausgearbeitet hatten. Manchmal war es praktisch unmöglich, die Verbindung auf den ersten Blick zu sehen. Wir haben einen Artikel gefunden über eine der Tochter- Tochterfirmen, die sogar abgestritten hat, zu dem Konzern dazuzugehören. Das heißt, die lassen sich nicht sonderlich gerne in die Karten schauen."
„Aber was soll das alles bedeuten?", fragte Jill. „Was hat das mit der ganzen Sache zu tun?"
„Passt mal auf", sagte Rebecca und tippte weiter. „AquaSystemTex ist nicht nur irgendein Weltkonzern, es ist der Weltkonzern schlechthin." Sie drückte die Enter- Taste und die Weltkarte veränderte sich. Wo zuvor nur vereinzelt rote Punkte gewesen waren, war jetzt die halbe Welt mit einem dichten Netz aus roten Punkten übersät.
Alle starrten fassungslos die Karte an.
„Ach du großer Gott", murmelte Leon. „Was zum Teufel…?"
„Moment mal, ist das die Arbeit von AquaSystemTex? Die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung?", fragte O´Brian ungläubig.
„Exakt, das ist es", bestätigte HUNK. „Das ist der pure Wahnsinn."
„Diese Firma kontrolliert praktisch die halbe Welt und kein Mensch weiß es!", sagte Rebecca beunruhigt.
„Das ist es also", murmelte Alex zu sich selbst, dem ein Licht aufgegangen war. „Das ist das letzte Puzzleteil."
„Was meinst du?", wollte Claire wissen, die neben ihm stand und seine ausgesprochenen Überlegungen gehört hatte. Sie riss ihn aus seinen Gedanken.
„Als Albert mir seine Überlegungen erläutert hat, dass Sheila hinter allem steckt, blieb die ganze Zeit eine Frage offen. Gut und schön, dass sie sowohl von Faith als auch von Jake wusste, aber wir konnten uns nie erklären, warum ausgerechnet sie. Aber jetzt weiß ich es, das Bild ist komplett."
Alle sahen ihn erwartungsvoll an.
„Dieser jemand, der dahintersteckt, der hat einen Virus entwickelt, der das Erbgut der Menschen verändert. Damit will er offenbar eine neue Gattung Mensch erschaffen. Der Virus muss aber irgendwie unter die Leute gebracht werden."
Auf Chris´ Gesicht dämmerte es. „Großer Gott, Sie meinen wirklich, dass…"
„Ganz genau. Es ist kein Zufall gewesen, dass man ausgerechnet auf Sheila zukam. Man hatte von Anfang an geplant, die Firma der Yamamotos dafür zu benutzen. Was würde sich besser anbieten, als ein Trinkwasserversorger?"
„Du lieber Himmel", meinte Helena entsetzt. Sie schritt zum Tisch und nahm sich Weskers handschriftliche Aufzeichnungen. Mit dem Finger fuhr sie seine Grafik nach. „Albert hat es hier richtig erkannt, aber er wusste den Zusammenhang nicht. Nach der Jahrtausendwende ist die Firma stark expandiert, obwohl sie kurz davor noch vor der Pleite stand. Das ist mit Sicherheit kein Zufall. Und mit Sicherheit hat „die Familie" etwas damit zu tun. Es fällt mit der Entwicklung des C- Virus und der Ermordung ihrer Tochter zusammen."
„Absolut, ich bin davon überzeugt, dass das alles miteinander verbunden ist", stimmte Alex zu. „Meine Vermutung ist, dass man schon vor sehr langer Zeit geplant hatte, die Firma AquaSystemTex für diesen Plan zu missbrauchen, als sie aber Ende der 90er den Bach runter ging, drohte der Plan ein jähes Ende zu nehmen. Man musste handeln. Man kontaktierte die einzige Person, die aus dem Familienclan noch übrig war, Sheila. Man schickte sie da rein, damit sie die Geschäfte übernahm."
„Vermutlich mit einer ziemlich großen Finanzspritze im Hintergrund, um die Insolvenz zu vermeiden und die großen Projekte zu unterstützen", ergänzte Jill.
„Allerdings und sie hatte wahrscheinlich keinen geringeren Auftrag, als die Firma genauso, wie wir es heute auf der Karte sehen können, aufzubauen. Es war von Anfang an alles geplant. Man hat ein riesiges, weltweit agierendes Netzwerk aufgebaut, alles unter dem Deckmantel von Wohltätigkeit. Und so kam das zustande", erklärte Alex und deutete auf die Karte auf dem Bildschirm. „Die haben binnen eines knappen Jahrzehnts die Kontrolle über den halben Planeten erlangt und wie Ms. Chambers absolut richtig angeführt hat, hat es kein Mensch gemerkt, weil die Geschäftsstrukturen so verworren sind, dass keiner die Zusammenhänge erkannt hat."
„Wir haben im Internet noch ein paar andere interessante Aspekte gelesen", sagte HUNK. „Sollte mal wirklich jemand einen Zusammenhang vermutet haben, das haben diverse Aktivisten zuhauf gemacht, sind sie alle in der Versenkung verschwunden, wurden öffentlich diffamiert und als Verschwörer dargestellt. Und nachdem die Firma sich ja soziales Engagement so groß auf die Fahnen schreibt, konnte niemand etwas sagen, denn faktisch haben sie ja einer Menge Menschen geholfen. Sie haben sich bei allen, bei Politikern, bei der Bevölkerung selbst und bei praktisch allen Organisationen, die irgendwas mit Entwicklungshilfe zu tun haben, eingeschmeichelt."
„Deshalb sind auch alle Entwicklungs- und Schwellenländer besonders stark rot eingefärbt", warf Leon ein. „Dort leben am meisten Menschen und dort war es am leichtesten ihre Geschäfte zu etablieren."
„Das ist wirklich eine sehr gut durchdachte Strategie", merkte Claire an. „Die haben sich systematisch in so kurzer Zeit Macht über ungefähr vier Milliarden Menschen erschlichen. Und wir reden hier ja nicht über eine Marke Autos oder ein Softgetränk…"
„Nein, viel schlimmer, wir sprechen über eines der Grundbedürfnisse eines jeden Menschen: Wasser", sagte Alex verärgert. „Wir sind darauf alle angewiesen. Und wenn die unser Wasser kontrollieren, dann kann niemand dem entfliehen. Wenn sie den Virus darüber verbreiten, haben sie binnen kurzer Zeit mehr als die Hälfte der Menschheit infiziert. Ohne ihr Wissen. Es wird still im Hintergrund ablaufen. Wasser braucht jeder, zum Trinken, zum Waschen, zum Kochen."
„Wer sagt uns, dass sie nicht schon angefangen haben?!", fragte Claire alarmiert.
„Das glaube ich nicht, ich denke, sie bereiten noch vor. Vielleicht hatte das Leaderboardtreffen in Miami damit zu tun. Sie sprechen sich ab!", sagte Alex.
„Na klar, das muss international alles gut koordiniert, wenn nicht sogar gleichzeitig ablaufen!"
„Das heißt, derjenige, der diesen Plan ausgeheckt hat und diesen Virus entwickelt hat, der kontrolliert im Hintergrund alles: die Firma AquaSystemTex und die Organisation „die Familie". Er gab Sheila die Anweisungen, wie sie vorgehen sollte und hat sie mit den nötigen Finanzmitteln ausgestattet", fasste Chris zusammen.
Alex schüttelte den Kopf. „Ich kann das nicht fassen. Ich habe über meine Frau, die ja Sheilas Schwester war, doch immer mal wieder Einblicke in die Firma bekommen, deshalb wusste ich schon, dass sie auf Erfolgskurs waren, aber ich hatte keine Ahnung über die Dimensionen, die das angenommen hat. Sie haben sich das alles wohldurchdacht die letzten Jahre aufgebaut, immer mit dem Plan im Hintergrund, möglichst große Teile der Welt für ihre Pläne zu vereinnahmen. Wir müssen schnell handeln und etwas unternehmen. Wir sind alle in Gefahr. Sobald wir den Wasserhahn aufdrehen."
„Aber wartet mal, Leute", sagte Sheva. „Das alle ärmlichen Regionen der Welt eingefärbt sind, OK, aber warum sind so viele entwickelte Länder betroffen? Davon Europa, bis auf den Süden und Großbritannien, aber fasst gar nicht. Das versteh ich irgendwie nicht."
„Das kann ich erklären", sagte Alex. „Die Europäer haben vor einigen Jahren in einigen Ländern, Großbritannien und Portugal, die Trinkwasserversorgung privatisiert. Damit hat man aber schlechte Erfahrungen gemacht. Letztes Jahr hat die EU ein Gesetz durchsetzen wollen, dass die Wasserversorgung der EU privat werden soll. Man kann sich natürlich vorstellen aus welchem Grund. Das Gesetz ist aufgrund großer Proteste, vor allem aus Deutschland, abgelehnt worden. In Deutschland und anderen Teilen Europas ist die Wasserversorgung durch den Staat ausgezeichnet und man fürchtete Qualitätseinbußen durch die Privatisierung, vor allem aber eine Verteuerung beim Wasserpreis."
„Hui, da werden die Lobbyisten von AquaSystemTex wenig begeistert gewesen sein", meinte Jill schmunzelnd.
„Das schätze ich auch mal", sagte Alex. „Früher oder später werden die Bürokraten in Brüssel es über die Hintertür einführen."
„Und was ist mit Nordamerika und z.B. Japan? Da ist fast alles rot eingefärbt, bis auf vereinzelte Gebiete."
„Albert hat es in seiner Grafik ganz gut dargestellt", sagte Helena und zeigte ihnen die Zeichnung. Sie deutete auf die Jahreszahlen 2007, 2008, 2009.
„Die Wirtschaftskrise, na klar", sagte Leon. „Die Städten und Kommunen haben kein Geld mehr. Wenn sie die Grundversorgung privatisieren, fällt das im Etat weg und sie können Schuldenabbau betreiben."
„Ja, und dann kommt da noch ein zweiter Aspekt ins Spiel", erklärte Alex. „Normalerweise schimpft jeder auf private Versorger. Die Qualität wird schlechter und es kostet mehr und jetzt stellt euch mal vor, da kommt ein Großkonzern, der bessere Qualität zu einem niedrigeren Preis anbietet. Wie würdet ihr als Politiker agieren?"
„Das ist ihr Geschäftsmodell. Damit haben sie sich den Einfluss erschlichen", schloss Chris.
„Wir müssen sie aufhalten, dringend. Ich denke, wir haben nicht mehr viel Zeit. Ich werde umgehend Benton, Hunnigan und den Präsidenten informieren. Das könnte uns in eine nationale und internationale Katastrophe von ungeahntem Ausmaß führen", sagte O´Brian ernst. Er ließ seine Sekretärin rufen und verließ sofort den Raum, um zu telefonieren.
„ Wir haben bei Albert echt was gut. Wenn er nicht angefangen hätte, nach Sheila zu suchen, wären wir niemals auf diesen Zusammenhang gekommen. Aber wir dürfen auch eines nicht vergessen, dass sie es immer noch auf Sherry abgesehen haben", meinte Jill. „Sie wollen eure ungeborenen Kinder", sagte sie an Jake und die schwangere Sherry gewandt. „Warum auch immer."
„Das will mir auch immer noch nicht in den Kopf", sagte Alex. „Was bezwecken die damit?"
„Alex, nachdem Albert ja die Hintergründe zu Sheila herausgefunden hat und nachdem wir ja jetzt ihren Plan und die Zusammenhänge kennen, habt ihr keine Idee wer dahinter stecken könnte?", fragte Chris vorsichtig.
„Glauben Sie mir, Mr. Redfield, Albert und ich zerbrechen uns unermüdlich den Kopf darüber. Uns kam mal ein ziemlich absurder Gedanke, witzigerweise unabhängig voneinander, aber wir beide haben schon an unserem Verstand gezweifelt."
„Wieso?"
„Eine neue Gattung Mensch zu schaffen, das war immer Oswell E. Spencers Traum. Dafür gab es uns, die Wesker- Kinder, wir waren seine Schöpfung. Zu dumm nur, dass sich die Schöpfung gegen ihren Schöpfer gewandt hat. Allerdings schaffte es Spencer seine Ideale so in Albert hineinzuimpfen, dass dieser mit Uroborus versucht hat, sie in die Tat umzusetzen. Dieser Mann da draußen, der hat ähnliche Pläne, in anderen Dimensionen zwar, aber es ist im Prinzip dasselbe. Aber Spencer ist…"
„Tot", beendete Chris den Satz für Alex. „Albert hat ihn getötet, das haben wir fast hautnah miterlebt."
„Ja, aber das heißt nicht, dass seine Idee gestorben ist. Eugenistische Ideen gab es zu allen Zeiten. Vielleicht lässt irgendjemand sein Erbe wieder aufleben."
„Meinen Sie, dass es jemand aus dem Umbrella- Umfeld sein könnte?", fragte Chris vorsichtig.
„Mir drängt sich dieser Gedanke immer wieder auf", sagte Alex nachdenklich. „Die Umbrella- Anlage in Alaska, die nur Ausgewählten zugänglich war, die Idee hinter dem Plan, und nicht zuletzt die Tatsache, dass uns dieser Mann sehr gut kennt. Als wir ihn in Kanada gesehen haben, hat er mit uns geredet, als kenne er Albert und mich. Er wusste sehr gut über uns Bescheid. Das beunruhigt mich irgendwie. Wir haben nur eine Wahl: Wir müssen endlich Patrick Marius Simmons finden. Die Familie wird von diesem Mann kontrolliert und nur Simmons kann uns sagen, wer es ist."
„Alles schön und gut", meldete sich Jake zu Wort, der bislang nichts gesagt hatte. „Können wir jetzt vielleicht meinen Dad suchen gehen? Falls ihr es vergessen habt, diese Typen haben ihn in ihrer Gewalt!" Er hielt sich zurück, aber ihm war seine Wut anzumerken.
„Jake, wir finden deinen Vater", sagte Alex. „Es muss einen Grund geben, warum man ihn entführt hat. Ich bin mir sicher, dass sich diese Leute schon bald bei uns melden werden. Aber jetzt ins Blaue hinein irgendeine Suchaktion zu starten, bringt nichts. Wir haben nicht den geringsten Anhaltspunkt, wo dein Vater sein könnte. Gedulde dich bitte ein bisschen. Wir müssen noch ein bisschen abwarten."
Jake schnaubte verächtlich. Er rauschte aus dem Raum. Sherry warf ihnen einen entschuldigenden Blick zu, dann folgte sie ihm.
„Sie wollen den Virus auf der ganzen Welt ausbreiten, wenn die Leute ihr Wasser trinken. Wir alle sind auf Wasser angewiesen. Das ist verabscheuenswert", sagte Chris hart. „Wir müssen etwas unternehmen und sie aufhalten. Wir dürfen keine Zeit verlieren."
„Da ist noch etwas", sagte Rebecca, diesmal an Alex gewandt. „Ich habe zwischendurch mal nach den Mäusen im Labor gesehen. Irgendetwas stimmt mit ihnen nicht. Sie sollten sich das ansehen, Alex."
„Ja, ist gut. Ich wollte ohnehin nach unten gehen und den Virus analysieren, den sich Sheila gespritzt hat."
Rebecca und Alex betraten wenig später das Labor und schalteten das Licht ein. Der Käfig mit den Mäusen stand an seinem angestammten Platz. Sie reinigten und desinfizierten sich die Hände und zogen Handschuhe zum Arbeiten an.
„Haben Sie irgendetwas an den Mäusen beobachtet?", fragte Alex.
„Nicht wirklich. Die Jungtiere zeigen sich nämlich nicht. Die Mutter versteckt sie. Sie sind nach wie vor im Nest und kommen nicht raus, dabei müssten sie längst normales Futter bekommen. Das Muttertier ist ständig völlig in Aufruhr. Als ich das Stroh wegnehmen wollte, hat sie mich gebissen. Sie tigert ständig im Käfig auf und ab, frisst und trinkt unregelmäßig. Wenn Menschen zu nahe kommen, sträubt sie ihr Fell und wird aggressiv."
Sie zeigte ihm ein Pflaster um ihren rechten Zeigefinger.
„Dann wollen wir mal sehen."
Die Maus saß am Trinknapf und beäugte Alex kritisch, als dieser den Deckel des Käfigs öffnete und hineingriff. Er nahm die Maus in einem festen Griff mit beiden Händen und setzte sie in eine Box, die ihm Rebecca hinhielt. Das kleine Nagetier war wenig begeistert, fiepte laut und versuchte, aus ihrem Gefängnis zu entkommen.
Als nächstes hob Alex vorsichtig das kleine Holzhäuschen hoch, dass er der Maus während der Tragezeit als Rückzugsort hineingestellt hatte. Darunter befand sich eine Anhäufung aus Stroh, wo die Maus ihr Nest für ihre Jungen gebaut hatte. Er wechselte einen kurzen Blick mit Rebecca, dann zog er langsam und vorsichtig das Stroh auseinander.
Rebecca schlug sich vor Schreck die Hand vor den Mund.
„Was ist das denn?", fragte Alex entsetzt, als er Blut an seinen Plastikhandschuhen hatte.
Alle Jungtiere bis auf eines lagen tot im Nest. Das einzige noch lebende röchelte stark und würgte dunkles geronnenes Blut aus. Es befand sich im Todeskampf.
„Du lieber Himmel, was ist passiert?!", fragte Rebecca. Sie wandte sich erschrocken und angewidert zugleich ab.
Die Körper der Mäuse waren teils nicht richtig entwickelt, manche waren durch Gewebswucherungen entstellt. Fast alle waren viel zu dünn, sodass ihre Skelette sichtbar waren. Zwei hatten kein richtiges Fell entwickelt und waren völlig blind.
„Rebecca, bitte reißen Sie sich zusammen", bat Alex, „ich brauche Ihre Hilfe bei der Untersuchung."
„Tut mir Leid, ich schaff das nicht", sagte Rebecca mit zittriger Stimme.
„Doch, Sie können das. Nehmen Sie sich zusammen. Nehmen Sie dem Muttertier Blut ab und untersuchen es unter dem Mikroskop, OK? Sie müssen diese Mäuse hier nicht anfassen, das mache ich. Einverstanden?"
Sie sah ihn unglücklich an und warf der Maus einen kurzen Blick zu. Schließlich nickte sie widerwillig und tat, wie Alex sie angewiesen hatte.
Alex holte vorsichtig jedes Mäusejunge aus dem Käfig und bereitete den Labortisch für eine Untersuchung vor. Er besah sich die Körper der Nagetiere, nahm Blut ab und untersuchte es. Er musste nicht lange suchen, um fündig zu werden. Seine schlimmste Befürchtung war wahrgeworden.
„Das ist ernster als ich dachte. Wir müssen sofort mit O´Brian, Chris und den anderen und mit Ingrid Hunnigan sprechen. Wir haben ein ernsthaftes Problem."
„Gott möge uns beistehen", sagte Ingrid Hunnigan entsetzt, als sie Alex´ Untersuchungsergebnisse sah. Sie war per Videoschaltung aus Washington zugeschaltet. Alex hatte ihnen Fotos von den Mäusen auf seinem Laptop gezeigt. Sie alle waren fassungslos.
O´Brian, Chris, Jill und die anderen wussten auf Alex´ Offenbarung hin nicht mehr, was sie noch sagen sollten.
„Es ist evident", sagte Alex. „Die Untersuchung an den Mäusen hat es eindeutig gezeigt. Der Virus, den man uns über das Trinkwasser unterjubeln will, tötet. Er tötet auf bestialische Weise."
„Aber wie?", fragte Chris. „Ich verstehe das nicht. Und heißt das, Piers ist doch in Gefahr?"
„Mr. Nivans ist nicht in Gefahr. Genauso wenig wie die Maus, die Albert und ich mit dem Virus infiziert haben. Ihre Genomveränderungen sind völlig stabil. Es gibt keine Mutationen oder irgendetwas dergleichen. Sie sind gesund und haben nichts zu erwarten", erklärte Alex.
Piers nickte erleichtert.
„Was die Jungtiere anbelangt… Ich glaube, das Wort Katastrophe wäre noch eine eher milde Umschreibung oder ein Euphemismus."
„Was ist mit den Jungtieren passiert, die die infizierte Mutter hatten?", fragte Chris.
„Die Tragezeit verlief völlig normal, die Jungen wurden auch ganz normal geboren", fuhr Alex fort. „Aber sie haben keine paar Wochen überlebt. Wir fanden sie alle tot und völlig entstellt im Käfig. Als ich sie untersucht habe, habe ich festgestellt, dass ihre Körper völlig deformiert und degeneriert waren. In der Regel auch völlig von Tumoren zerfressen. Die Blutzellen waren teils regelrecht verkrüppelt. Kein Wunder, dass sie nicht lebensfähig waren."
„War das der Virus?", fragte Jill.
„Davon müssen wir ausgehen. Als ich eine Genomanalyse gemacht habe, habe ich festgestellt, dass die Gene der Mäuse…", er holte tief Luft, „Ihre Genom ist regelrecht entartet. Mir ist nichts dergleichen bekannt. Nicht mal die schlimmste radioaktive Verseuchung hat so desaströse Auswirkungen auf die Erbanlagen eines Lebewesens. Sie hatten entweder zu viele oder zu wenig Chromosomen oder einzelne Gene waren… völlig entartet und mutiert, sodass ihre Körper nicht funktionieren konnten."
„Wieso ist das nicht mit der Maus passiert, die ihr infiziert habt, sondern nur mit ihren Jungen?"
„Ich kann nur spekulieren, aber offenbar hat der Virus keinerlei negative Auswirkungen, wenn man ihm direkt ausgesetzt wird. Er verändert das Genom zwar, aber diese Veränderungen sind vollkommen stabil. Das Individuum könnte davon im Sinne von Krankheitsresistenzen sogar profitieren. Wird es aber an die nächste Generation weitergegeben, dann…"
„Dann funktioniert es nicht mehr", sagte Chris.
Ales nickte. „Diese Maus hat sich mit einer normalen, nicht infizierten Maus gepaart. Wenn das schon zu solch schlimmen Auswirkungen führt, möchte ich mir nicht ausmalen, was passiert, sollten sich zwei infizierte miteinander fortpflanzen. Und wenn der Virus erst über das Trinkwasser unter den Menschen verbreitet wird und die Menschen Kinder bekommen, dann…"
Alle wechselten besorgte und beunruhigte Blicke miteinander. Sie brauchten es nicht laut auszusprechen, denn sie alle hatten dieselben Gedanken. Die Welt steuerte auf die größte Bedrohung durch einen bioterroristischen Anschlag zu, die es zuvor noch nie gegeben hatte. Einer derartigen Bedrohung waren sie noch nie gegenübergestanden. Und nach wie vor jagten sie ein Phantom. Sie wussten, dass sie schnell handeln mussten. Die Zeit drängte.
