Leon S. Kennedy 1977: Dieses Kapitel wird dir bestimmt besonders gut gefallen. :) Jetzt kommt endlich die Überraschung.

Alexa- Wesker: Ich weiß, es ist traurig, dass Albert sterben wird. Aber ich habe etwas Bestimmtes mit ihm vor. :)


Alex hatte pausenlos die Blutwerte immer und immer wieder überprüft und jedes Mal war er zu demselben entmutigenden Ergebnis gekommen. Jedes Mal breitete sich die Wahrheit aufs Neue wie eine Welle eisiger Kälte im Labor aus.

Albert hatte ihm nur zugesehen, aber nichts gesagt. Was gab es noch zu sagen?

Schließlich sah Alex vom Mikroskop auf. Er wich Alberts Blick aus.

„Der Entzündungsfaktor ist stark erhöht, um ein vielfaches des Normalwerts. Momentan scheint die Entzündung zwar zu ruhen, aber… es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder aufflammen wird. Dann wirst du erneut Fieberschübe bekommen. Im schlimmsten Fall befällt es auch dein Herz. Momentan sind nur deine Blutzellen angegriffen und deine Immunzellen natürlich, aber… Außerdem arbeiten die Entgiftungsfunktionen deines Körpers auf Hochtouren. Vor allem deine Leber ist belastet. Die Werte sind noch mal deutlich schlechter als beim letzten Mal."

„Wie viel Zeit bleibt mir?", fragte Albert ohne Umschweife. Es war die Frage, die ihn am meisten beschäftigte.

„Das kann ich nicht sagen", musste Alex zugeben. „Weißt du, ich war als Arzt noch nie in so einer Situation, dass ich nicht weiterwusste und keine Antworten parat hatte. Ich bewege mich hier im Feld von Spekulationen. Ich kann deshalb nur grob schätzen. Du bist gesund, hast keine Vor- oder zusätzlichen Erkrankungen, bist körperlich prinzipiell in einem guten Zustand. Wenn du das Serum weiternimmst, könnten es ein paar Monate sein. Allerdings schreitet der Verlauf sehr schnell voran. Du wirst bald wieder Schübe haben."

Albert schritt nachdenklich durch den Raum. „War meine Diagnose richtig? Dass es eine Autoimmunreaktion ist?"

„Ja, das ist aus medizinischer Sicht die passende Beschreibung für deinen Zustand. Dein Immunsystem greift deinen Körper an und zerstört ihn. Und zwar sehr aggressiv. Ich denke, dass ich es damals, als ich dich zum ersten Mal untersucht habe, nicht gesehen habe, wahrscheinlich weil der Verlauf noch nicht so weit fortgeschritten war. Aber jetzt… die Blutwerte sprechen eine eindeutige Sprache, Albert."

Albert nickte. Es waren keine neuen Nachrichten für ihn. Damit hatte er bereits gerechnet.

„Was ist mit dem D- Virus in meinem Körper? Treibt er den Vorgang weiter voran?"

„Ich denke nicht, er ist zwar in deinem Körper nachzuweisen, aber dein Immunsystem reagiert nicht auf ihn. Es will den Progenitor- Virus zerstören."

„Wie steht es um meine anderen Kräfte? Ich verliere zwar meine Heilkräfte, aber im Kampf mit Elliot hatte ich meine alte Stärke noch."

„Das weiß ich auch nicht. Momentan jedenfalls verlierst du nur deine Heilkräfte, es könnte aber gut sein, dass du in absehbarer Zeit auch allgemein schwächer werden wirst. Wahrscheinlich wirst du deine übermenschlichen Fähigkeiten ebenfalls verlieren. Das könnte aber noch dauern, also wirst du vorerst noch kämpfen können."

Albert nickte nur.

„Wirst du es sagen?", fragte Alex, er klang allerdings sehr skeptisch.

„Nein. Und ich rate dir, es für dich zu behalten", sagte Albert eindringlich. „Niemand soll es erfahren."

„Nicht mal Jake?"

„Nein. Niemand wird davon erfahren", sagte Albert hart. „Es wäre nicht gut, wenn Jake davon wüsste. Er ist wegen Sherry sehr aufgewühlt und ich möchte nicht, dass er sich um mich auch noch sorgt. Außerdem… Wir kennen uns noch nicht lange. Ihm zu eröffnen, dass ich ihn in absehbarer Zeit verlassen werde… das braucht er nicht. Es ist besser, wenn wir die verbliebene Zeit nutzen."

„Was willst du tun?"

„Wenn es so weit ist, wird es soweit sein. Bis dahin werde ich, soweit ich es noch kann, Sorge dafür tragen, dass Elliot für seine Taten büßt. Und du solltest dich auch darauf konzentrieren. Es bringt nichts, wenn du jetzt deine Energie darauf verwendest, mir vielleicht noch ein paar Wochen länger Zeit zu verschaffen. Unser Ziel ist Elliot."

„Albert, warte", sagte Alex und hielt ihn zurück.

„Was ist denn noch?"

„Ich mache mir noch um etwas anderes Sorgen", sagte Alex. „Da dein Immunsystem damit beschäftigt ist, deinen Körper zu attackieren, könnte es unter Umständen nicht mehr in der Lage sein, seiner eigentlichen Aufgabe nachzugehen."

„Das heißt?"

„Vielleicht kann es Krankheitserreger nicht mehr abwehren. Du könntest dir leicht eine bakterielle Infektion einfangen. Du solltest vorsichtig sein, wenn du dich verletzt."

Albert nickte, dann verließ er das Labor. Alex atmete tief durch. Er musste sich zurückhalten, um nicht wieder zu versuchen, Albert dazu zubewegen, Hilfe seinerseits anzunehmen. Aber er kannte Albert lange und gut genug, um zu wissen, dass es nichts gebracht hätte. Er wusste, dass Albert seine Entscheidung getroffen und seine Situation akzeptiert hatte. Und vor allem wusste er, dass er Recht hatte.

Um sich abzulenken, sah Alex nach dem Mädchen, das sie aus dem Unterwasserlabor gerettet hatten. Sie war immer noch bewusstlos und ihre Vitalwerte mussten stetig überprüft werden. Er sprach mit Rebecca Chambers, die die Leitung der Untersuchungen übernommen hatte. Sie reichte ihm Aufzeichnungen des EEGs des Mädchens.

Alex überflog die Kurven und nickte. „Zum Glück unauffällig. Wie geht es ihr?"

„Erstaunlich gut. Sie wurde lange in Cryostase gehalten und hat irgendein Medikament bekommen, dass ihr Gehirn stimuliert wird und sie sehr viel von dem Hormon produziert. Ihr Körper baut es allmählich ab. Wir hoffen, dass ihr Gehirn keinen Schaden dabei genommen hat."

„Die Werte sind normal", meinte Alex. „Hoffen wir das Beste. Ist sie schon mal wieder zu Bewusstsein gekommen?"

„Leider nein. Sie schläft immerzu."

„Wenn Sie aufwacht, rufen Sie mich bitte dazu. Ich war es ja, der sie in Südamerika befreit hat. Sie hat einen gewissen Draht zu mir und vertraut mir. Ihr psychischer Zustand ist… heikel, wenn ich das so sagen darf. Sie muss sehr vorsichtig behandelt werden."

Rebecca nickte. „Was schlagen Sie vor? Therapien?"

„Auf jeden Fall", sagte Alex entschieden. „Sie braucht unbedingt Ergo- und Logotherapie und eine psychologische Betreuung. So übel wie man ihr mitgespielt hat, wird sich ihr gesundheitlicher Zustand mit Sicherheit noch verschlechtert haben."

„Ich denke, das können wir organisieren. Glauben Sie, sie kann uns etwas über die Pläne des Feindes erzählen? Ich bin nämlich skeptisch."

„Ja, das wäre keine gute Idee", sagte Alex. „Wir halten sie da raus. Wir haben genug Informationen, dass wir sie damit nicht belasten müssen. Ihre Genesung steht im Vordergrund."


Alex konnte beim Abendessen nichts anrühren. Es roch verlockend und er hatte den ganzen Tag im Labor nichts zu sich genommen, aber er konnte sich nicht dazu überwinden, wenigstens ein paar Bissen zu nehmen. Die Erkenntnis, dass Albert sterben würde, hatte ihn tief getroffen und er tat sich schwer, die Wahrheit zu akzeptieren. Alle Beweise, die er im Labor gesehen hatte, waren nicht genug, dass er die bittere Situation begreifen und annehmen konnte.

Claire fiel auf, dass er sehr schweigsam und in sich gekehrt war und fragte vorsichtig nach, was los war.

„Nichts", sagte Alex schnell. „Schon gut. Ich hab bloß an Faith und an Sherry gedacht, dass… nicht der Rede wert." Er nahm schnell einen Schluck aus seinem Wasserglas, legte die Serviette beiseite und erhob sich.

Claire ließ ihr Essen stehen und folgte ihm aus der Kantine auf sein Zimmer. „Alex, warte! Bitte!"

Sie fasste ihn am Handgelenk und hielt ihn zurück. „Alex, was ist denn los? Komm, gehen wir nach drinnen."

Sie betraten das Zimmer und schlossen die Tür hinter sich. „Alex, was beschäftigt dich?", fragte Claire einfühlsam.

Er überlegte für einen kurzen Moment, ob er ihr die Wahrheit erzählen sollte, doch er besann sich. Er hatte das große Bedürfnis, seine Gedanken mit jemandem zu teilen, aber er wusste, dass Albert es niemals wollte, dass jemand sein Geheimnis erfuhr. Die Beziehung zwischen den beiden Männer hätte einen empfindlichen Schaden nehmen können, wenn Alex Claire eingeweiht hätte. Er entschied sich, es für sich zu behalten.

„Weißt du, ich bin einfach nur sehr… aufgewühlt. Viele Dinge passieren. Und mir gehen viele Dinge durch den Kopf."

Claire trat vor ihn. „Alex…"

Seine Hand fuhr unter ihr Kinn und er hob vorsichtig ihren Kopf an, sodass sie ihm in die Augen sehen musste. „Claire, tu mir einen Gefallen, ja? Claire, bitte, lass mich an etwas anderes denken."

Sie beugte sich langsam nach vorne und küsste ihn auf die Lippen. Ein paar Augenblicke später waren sie in einen intensiven und leidenschaftlichen Kuss vertieft. Sie zogen sich gegenseitig aus und nahmen eine lange Dusche. Danach führte sie ihr Weg in ihr Bett, wo sie sich ihrer Lust und Leidenschaft hingaben.


Die Bar war fast leer, als Chris sie betrat und sich einen Platz am Tresen suchte. An einem runden Tisch in der Ecke spielten ein paar Leute Karten. Es roch leicht nach Zigarettenrauch. Leise im Hintergrund war Musik zu hören.

„Was darf es sein?", fragte der Barkeeper.

„Ein Bier", sagte Chris.

Er nahm sogleich einen Schluck und unweigerlich kamen ihm Erinnerungen an alte Zeiten. Während der S.T.A.R.S.- Zeit waren er, Jill, Barry und ein paar andere öfter abends zusammen in einer Bar bei einem Getränk gesessen. Captain Wesker hatte dabei natürlich stets mit Abwesenheit geglänzt. Chris musste beim Gedanken daran schmunzeln. Es hätte gut getan, in alten Zeiten zu schwelgen, wenn nicht die Hälfte der Menschen, mit denen sie damals gelacht und Scherze gemacht hatten, ihr Leben gelassen hätten.

„Darf ich mich zu dir gesellen?", fragte eine wohlbekannte Stimme hinter ihm. Leon trat an den Tresen und nahm auf dem Barhocker neben Chris Platz.

„Immer zu", sagte Chris und nahm einen Schluck seines Biers.

„Auch ein Bier bitte", sagte Leon zum Barkeeper.

Sie saßen einige Zeit schweigend nebeneinander.

„Ist das nicht irgendwie… seltsam, wie wir hier sitzen und gemütlich ein Bier trinken, während draußen die Welt untergeht?", sagte Leon.

„Das, Leon, nennt man die Ruhe vor dem Sturm."

„Ja, vermutlich hast du Recht."

Beide Männer wussten nicht recht, was sie sagen sollten. Beide hatten ihre Auseinandersetzung in China nicht vergessen. Im Hintergrund waren leise die Gespräche der anderen Gäste und die langsamen Klänge der Musik zu vernehmen. Sie schienen eine Ewigkeit so wortlos nebeneinander zu sitzen, bis Leon die Stille nicht mehr aushielt. Er war immerhin aus einem bestimmten Grund gekommen. Er wusste nicht, wie er sein Anliegen vorbringen sollte, also entschloss er sich, nicht um den heißen Brei herumzureden, sondern gleich zum Punkt zu kommen.

Aus dem Augenwinkel sah Chris, wie Leon etwas aus seiner Tasche zog. Er stellte es vor Chris auf den Tresen. Es war eine kleine Schatulle, in der sich, auf Samt gebettet, ein Ring befand. Chris, der gerade einen Schluck trinken wollte, setzte das Glas wieder ab und sah nachdenklich auf das Schmuckstück. In den Ring war ein roter Stein eingelassen.

„Leon, ich… fühle mich sehr geehrt, allerdings… bin ich schon mit Jill verlobt, also…", sagte er.

Leon ging nicht auf den scherzhaften Kommentar ein. Er sah ernst und nachdenklich auf sein Bier.

„Ich möchte Ada einen Antrag machen."

„Wow", war das einzige, das Chris sagen konnte. „Wow, also… das ist… toll, Mann. Wirklich."

„Ich weiß, du hältst nicht sonderlich viel von ihr…"

„Das habe ich nicht gesagt, Leon. Offensichtlich war Ada Wong ja unschuldig, was den Tod meines Teams in Edonien angeht… Es ist nur… Ihr seid schon ein ungleiches Paar, wenn ich das bemerken darf. Aber es ist deine Entscheidung. Wenn du diesen Schritt gehen möchtest, dann solltest du das tun. Ich freu mich für euch."

„Ehrlich?", fragte Leon und sah Chris ernst an.

„Im Ernst", sagte Chris. Als er Leons Gesicht musterte, fiel der Groschen bei ihm. „Du hast Zweifel, oder? Du weißt nicht, ob du es tun sollst?"

Leon antwortete nicht, sondern sah nur auf seine Hände. „Irgendwie ja, deshalb bin ich hier. Ich hatte… irgendwie… auf einen Rat gehofft."

„Ich verstehe das. Als ich Jill den Antrag machen wollte, sind mir auch diese komischen Sachen durch den Kopf gegangen. Was ist, wenn sie nein sagt, bleiben wir ewig zusammen, beeinträchtigt das unsere Arbeit, lauter solche Sachen. Schlussendlich ist mir klargeworden, dass diese Zweifel Mist sind. Und ich hab es getan. Ich bereue es keine Minute. Und du solltest es auch tun. Wenn du einen Rat von mir willst, dann… Mach ihr den Antrag."

„Im Ernst? Du ermutigst mich?", fragte Leon ungläubig.

Chris nickte. „Ich denke, du solltest es tun. Natürlich nur, wenn du auch das Gefühl hast, dass sie die Richtige ist. Aber ich denke, da besteht bei dir kein Zweifel."

Leon schwenkte sein Glas und beobachtete, wie die braune Flüssigkeit hin und herschwappte. „Nein, ich habe keine Zweifel." Mit einem kräftigen Schluck leerte er sein Glas.


„Wir haben noch gar nicht über etwas sehr Ernstes gesprochen", sagte Claire leise. Sie war noch etwas benommen und döste erschöpft neben Alex. Sie fühlte sich müde, aber sehr wohl in ihrer Haut.

Alex lag auf dem Rücken neben ihr, sein Blick an die Decke gerichtet. Ihre Hand ruhte auf seiner Brust. Als sie ihn ansprach, wandte er ihr sein Gesicht zu.

„Sind wir beide jetzt eigentlich richtig zusammen?", fragte Claire.

„Ich denke, ja", sagte Alex ruhig. Seine Stimme war heiser.

„Wenn Faith wieder da ist… Was wirst du ihr sagen? Wegen ihrer Mum, meine ich."

Alex hatte die Frage nicht erwartet und sie traf ihn unvorbereitet. Wenn er ehrlich war, hatte er seit dem Tod seiner Frau und seit sich herauskristallisiert hatte, dass er mit Claire Redfield eine Beziehung eingehen würde, noch nicht darüber nachgedacht, wie er Faith die Situation erklären sollte.

„Ich weiß es nicht, aber… Ich denke, die Wahrheit wäre angebracht. Was bringt es, die Tatsachen zu verschweigen? Ich werde ihr genau das sagen, was passiert ist: dass ihre Mutter ihr Leben lassen musste, weil sie Faith beschützen wollte. Und dass die Leute, die sie gefangen gehalten haben, dafür verantwortlich sind", sagte Alex mit einer Härte in der Stimme, die Claire nicht erwartet hätte.

Claire richtete sich auf und stützte sich auf ihre Ellbogen. „Sei…. Vielleicht nicht so hart. Faith ist ein kleines Mädchen. Es wird schwer genug für sie werden."

„Du hast Recht", sagte Alex. „Tut mir Leid, ich… bin einfach etwas durch den Wind. Ich habe viel Wut auf die Leute, die meiner Familie das angetan haben. Natürlich soll Faith nicht überfordert werden. Ich weiß nicht… Ich möchte abwarten, bis es so weit ist."

Er sah wieder nachdenklich an die Decke. Claire beobachtete ihn einige Zeit, dann fragte sie vorsichtig: „Du bist seit kurzem sehr komisch. Ist etwas vorgefallen?"

„Nein, gar nichts", sagte Alex. „Ich… möchte nicht gern darüber reden."

Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Ist schon gut. Darf ich dich aber um etwas anderes bitten?"

„Was denn?"

„Ich würde Faith sehr gerne kennenlernen, wenn sie bei uns ist. Aber ich kann mich ja nicht mit ihr verständigen. Würdest du mir etwas Gebärdensprache beibringen?"

Alex lächelte plötzlich. Er rollte sich auf die andere Seite und ehe Claire es sich versah, lag sie erneut unter ihm. Er küsste ihren Hals. „Das mache ich sehr gern. Ich heiße die Ablenkung willkommen."


Nachdem Ada ebenfalls mit der B.S.A.A. zusammenarbeitete, war sie nach ihrer Gesundung in gewisser Weise zu Leon ins Hotelzimmer gezogen. Sie wartete bereits auf ihn, als er von seinem Gespräch mit Chris zurückkehrte. Die Schachtel steckte in seiner Jackentasche. Er hatte sie mit einer Hand umschlossen, so als fürchtete er, sie könne zum entscheidenden Zeitpunkt nicht mehr an ihrem Platz sein. Er hatte Herzklopfen, als er den Schlüssel ins Schloss steckte und die Tür aufsperrte.

Ada war gerade dabei, sich auszuziehen und für die Nacht vorzubereiten. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und trug nur noch Unterwäsche und ein schwarzes Top. Sein Blick wanderte von ihren Füßen über ihre langen makellosen Beine nach oben. Eine Hand war in ihren nassen Haaren.

„Leon, du bist zurück", sagte sie sanft, als sie seine Anwesenheit bemerkte.

„Ja." In Leons Hals hatte sich ein Kloß gebildet.

„Wo warst du?", fragte sie.

„Ich war bloß bei Chris… auf ein Bier." Seine Hand um die Schachtel verkrampfte.

„Verstehe."

„Ada", sagte Leon. „Ich wollte mit dir reden. Über etwas Wichtiges. Ich hatte dir ja eine Überraschung versprochen und das werde ich jetzt einlösen."

Sie sah ihn erwartungsvoll an. Leon atmete tief durch, dann zog er die Schachtel aus seiner Tasche. Er öffnete sie.

„Ada."

Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen und sie sah ihn etwas skeptisch an.

„Ada, wir kennen uns seit 15 Jahren. Es gab noch niemals eine Frau, die so eine Wirkung auf mich und mein Leben hatte. Ich habe die letzten Monate sehr genossen und ich kann mir keine andere Frau an meiner Seite vorstellen. Ich habe viel nachgedacht, ich habe sogar Chris gefragt, was ich tun soll. Schließlich habe ich mich entschlossen, ins kalte Wasser zu springen. Ich bin kein Mann der großen Worte deshalb… Ada", Leon nahm den Ring aus der Schachtel, ergriff sanft Adas linke Hand und streifte den Ring über ihren Ringfinger. „Willst du meine Frau werden?"

Sie wirkte für einen Moment völlig entgeistert und betrachtete den Ring mit dem Stein in ihrer Lieblingsfarbe. Leon stand vor ihr und wartete auf eine Antwort.

„Leon, ich…" Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und fühlte sich mit der Situation überfordert. Sie schüttelte leicht den Kopf.

„Ich wusste es", sagte Leon plötzlich und wandte sich ruckartig von ihr ab. „Ich wusste es, ich hätte nicht fragen sollen. Das war eine blöde Idee. Vergiss es. Vergiss es bitte einfach."

Er wollte schon zur Tür hinausstürmen, als Ada ihn zurückhielt.

„Leon, so habe ich das nicht gemeint", sagte sie sanft und legte ihre Hand auf die seine, die auf der Türklinke ruhte. Er drehte sich langsam zu ihr um. Er wich ihrem Blick aus.

„Es tut mir Leid, ich… weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Das kommt so plötzlich. Von allen Dingen, die ich während meines Lebens gesehen habe, hat mich nie etwas aus der Fassung bringen können. Und dann kamst du. Du schaffst das", sagte Ada ehrlich. „Ich fühle mich sehr geehrt."

„War es ein Fehler, dass ich gefragt habe?", fragte Leon verunsichert. Er fühlte sich wie der größte Idiot.

„Nein."

„Ada, ich frage dich nochmal und es wird das letzte Mal sein. Wenn du nein sagst, dann… akzeptiere ich das, aber ich möchte eine Antwort. Willst du mit mir zusammen sein?", fragte Leon erneut. „Nimmst du meinen Antrag an und wirst meine Frau?"

„Ja, das tue ich", sagte sie. „Und ja, ich möchte deine Frau werden."

Sie küssten sich und fanden bald den Weg in ihr Bett.


Albert stand seit Stunden vor dem Fenster und betrachtete den Nachthimmel. Er beobachtete, wie die Wolken vom Wind getrieben wurden und den Mond verdeckten. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Helena das Zimmer betrat.

„Möchtest du allein sein oder darf ich bleiben?", fragte sie vorsichtig. Sie hatte Tee mitgebracht und reichte Wesker eine dampfende Tasse.

„Du kannst bleiben, wenn du willst", sagte Wesker leise.

Helena fiel auf, dass Wesker ein Halstuch trug. Sie fand es ungewöhnlich, ging aber nicht weiter darauf ein.

Sie nahmen auf ihrem Bett Platz und lehnten sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie schwiegen einige Zeit und saßen nur nebeneinander. Helena warf Wesker ab und zu einen unsicheren Blick zu, so als wolle sie etwas sagen.

„Es… tut mir wirklich sehr, sehr Leid", sagte sie schließlich. „Ich… ich wünschte so sehr, ich… könnte irgendetwas tun. Oder Alex oder irgendjemand. Es tut mir Leid."

Wesker warf ihr einen kurzen Blick zu und sah, dass sie ihn betroffen und traurig ansah. Er nickte nur, dann nahm er seine Tasse und trank einen Schluck Tee. Dass er sich von ihr wegdrehen musste, um die Tasse in die Hand zu nehmen, war ihm nur recht. Aus irgendeinem Grund konnte er ihre Augen und die Emotionen, die darin lagen, nicht ertragen.

„Du wirst mir fehlen", sagte Helena leise. „Ich fand es sehr schön mit dir."

„Wirklich?", fragte Wesker erstaunt. „Praktisch alle Menschen hier würden dies klar verneinen."

„Alex und Jake nicht."

„Jake…", murmelte Wesker vor sich hin. Er wusste jetzt seit ein paar Monaten, dass er einen Sohn hatte, doch trotz kleiner Schritte der Annäherung war die Beziehung zwischen Vater und Sohn immer noch eisig. Wesker hatte den Eindruck, dass es zwischen ihm und Jake unüberbrückbare Differenzen gab und dass sie niemals normal wie Vater und Sohn miteinander umgehen konnten. Dazu kam die neue Erkenntnis, dass sie ohnehin nur noch kurze Zeit gemeinsam haben würden.

„Er… hat dich sehr gern, glaube ich", sagte Helena nachdenklich. „Er kann es nur nicht zeigen."

„Ich weiß es nicht." Wesker sah zur Seite. Er wollte nicht über seinen Sohn sprechen. Helena schien dies zu spüren, denn sie drang nicht weiter auf ihn ein.

„Ich weiß gar nicht, wie es weitergehen soll", sagte Helena etwas bedrückt. „Ich bin gern mit dir zusammen und ich dachte, wenn das hier vorbei ist, dass wir… dass wir weiterhin in Kontakt bleiben können. Ich hätte dir gerne mal meine Wohnung in Washington gezeigt. Aber jetzt…"

Wesker dachte über ihren Satz nach. Er merkte, dass sie es ehrlich meinte.

„Was willst du in Zukunft tun?", fragte Wesker sie.

„Naja, erst mal steht mir meine Anhörung bevor. Die mit Sicherheit nicht zu meinen Gunsten ausgehen wird", sagte Helena und seufzte. „Aber ich habe mir ohnehin etwas anders überlegt."

„Und was?"

„Ich werde meinen Job beim D.S.O. kündigen", sagte Helena entschieden. „Ich möchte nicht mehr für die Regierung arbeiten. Ich bin jung, ich möchte nicht so ein Leben führen. Wenn das alles vorbei ist, dann möchte ich wieder mein eigenes Leben zurückhaben."

„Hm", meinte Wesker nachdenklich. „Das hat Sherry auch schon angekündigt. Sie möchte eigentlich nicht für den D.S.O. arbeiten. Ihre Agententätigkeit kam eigentlich nur zustande, weil Simmons sie dazu, sagen wir, genötigt hat."

„Ich weiß, das hat sie erzählt." Plötzlich lachte sie.

„Was hast du?"

„Hunnigan wird bald keine Leute mehr haben, wenn das so weiter geht."

„Wie meinst du das?", fragte Wesker erstaunt.

„Ach komm schon, das ist doch offensichtlich. Leon wird auch bald kündigen. Er hat jetzt Ada. Die beiden werden demnächst zusammen durchbrennen, da bin ich mir sicher."

Wesker ließ sich zu einem schwachen Lächeln hinreißen.

„Wieso hast du damals mit mir gesprochen?", fragte er auf einmal. Helena war von der Frage überrascht worden.

„Naja, ich war die einzige, mit der du reden wolltest und es ging darum, dass du mit uns zusammenarbeitest…", sagte sie.

„Aber es gab noch einen anderen Grund dafür, oder?"

„Ja, den gab es tatsächlich", sagte sie nach kurzem Überlegen. „Ich war die einzige, die in deinen Fall nicht involviert war. Ich wusste nichts über dich. Ich habe nur all die Akten, die es über dich gab, gelesen. Man kann also sagen, dass ich alles über dich in Erfahrung gebracht habe. Aber…"

„Aber?"

„Ich wusste alles über dich, aber dennoch kannte ich dich nicht. Und als ich erfuhr, dass du tatsächlich wieder am Leben bist, wollte ich dich kennenlernen. Ich wollte den Mann hinter all den Taten endlich selbst sehen. Ich wurde nicht enttäuscht." Sie lächelte ihn an, dann lehnte sie sich an seine Schulter. „Ich sah einen gebrochenen Mann, nicht das Monster, das die Akten beschrieben haben. Ich hatte einfach das Bedürfnis, etwas zu tun. Für uns, aber auch für dich. Ich gebe es zu, ich fand dich sehr interessant und ich wollte dich näher kennenlernen. Ich bereue es nicht."

Sie legte ihre Hand auf die seine. Wesker sah nachdenklich zu, wie ihre Finger über seine Haut strichen und versuchte, die Gefühle, die in ihm aufkamen, einzuordnen. Es war neu, dass jemand ihm ehrlich sagte, dass er gerne in seiner Gegenwart war. Es war neu und seltsam, aber fühlte sich gut an.

„Ich denke, dass es Alex auch so ging", sagte Helena. „Er ist genauso gebrochen und hat auch in gewisser Weise aufgegeben. Vielleicht schafft Claire es, ihm wieder etwas Hoffnung zu geben. Ich wünschte, ich könnte dir auch etwas Hoffnung geben."

Plötzlich wandte sich Wesker von ihr ab und rutschte an die Bettkante.

„Hab ich etwas Falsches gesagt?", fragte Helena.

Wesker atmete tief durch. „Es gab schon lange keine Hoffnung mehr für mich. Ich dürfte eigentlich nicht hier sein. Ich bin schon lange tot." Sein Blick fiel auf den Verband, den er am Arm trug.

Helena wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie legte ihm trostspendend eine Hand auf den Rücken.

„Du darfst das nicht so negativ sehen, denke ich", sagte sie vorsichtig. „Alex hat dir diese zweite Chance gegeben und du solltest sie annehmen. Es gab Hoffnung für dich. Du kämpfst mit uns für dieselbe Sache. Ich hab dich. Du hattest die einzigartige Gelegenheit, deinen Sohn kennenzulernen. Und… was vielleicht das Wichtigste ist… Du hast die Chance alte Fehler aus der Vergangenheit zu bereinigen."

„Was auch immer ich für Fehler gemacht habe, ich kann sie nicht wieder gut machen. Das kann auch Alex nicht, William könnte es auch nicht. Niemand kann das. Die Vergangenheit steht so fest, wie sie ist, egal wie sehr man versucht, dagegen zu arbeiten. Alex versucht es, aber er scheitert. Man wird uns Weskern immer mit Misstrauen begegnen. Man kann die vergangenen Geschehnisse nicht ungeschehen machen. Ich kann es nicht wieder gut machen, dass ich nie für meinen Sohn da war und dass Anna gestorben ist. Es wird auch nie ungeschehen sein, was in Afrika passiert ist."

„Hast du… davon immer noch Alpträume?", fragte Helena vorsichtig.

Sein Schweigen war Antwort genug.

Helena entknotete vorsichtig sein Halstuch und legte es zur Seite. Sie sah sofort, warum er es trug. Um seinen Hals hatte sich ein deutlich sichtbarer Bluterguss gebildet. Sie vermutete, dass Wesker seine Verletzungen vor den anderen verstecken wollte, um unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen.

Sie schmiegte sich von hinten an ihn und küsste ihn am Hals. „Was auch immer die nächsten Monate passieren wird, ich möchte, dass du weißt, dass du nicht allein bist. Es gibt Menschen, die sich Gedanken um dich machen."


Chris war müde, als er den Schlüssel ins Schloss steckte und ihre gemeinsame Wohnung betrat. Jill war gerade im Bad, um sich fürs Bett fertigzumachen. Er hängte seine Jacke an die Garderobe und leistete seiner Verlobten Gesellschaft. Lässig lehnte er sich gegen den Türrahmen und beobachtete, wie Jill sich vor dem Spiegel die Haare kämmte.

„Hey", sagte er.

„Hey, du bist wieder da?", sagte Jill und legte ihre Bürste weg, sodass sie sich einen Pferdeschwanz binden konnte. „Wo warst du?"

„Ich war nur auf ein Bier in einer Bar. Stell dir vor, wen ich dort getroffen habe."

„Wen?"

„Leon."

„Leon?", fragte Jill erstaunt. „Wie kam denn das?"

„Keine Ahnung. Er kam plötzlich rein und wir haben uns ein bisschen unterhalten." Plötzlich lachte er leise auf.

„Was ist?"

„Leon will Ada Wong einen Antrag machen", sagte Chris amüsiert.

Jill sah ihn erstaunt an. „Was?! Wie bitte?!"

„Ja. Und er hat mich quasi um meinen Segen gebeten."

„Wirklich?"

Chris trat auf Jill zu und legte seine Arme um sie. „Was hast du ihm geantwortet?"

„Ich hab ihm gesagt, er soll es tun", sagte Chris.

„Ehrlich?"

„Ja. Ich kann ihn ohnehin nicht davon abhalten. Außerdem… denke ich, dass es das Richtige ist. Er hat diese Entscheidung getroffen und ich muss sie respektieren. Ich freue mich für ihn und ich wünsche ihm, dass alles gut wird."

Jill küsste ihn auf die Wange und lächelte ihn an. „Du hast richtig gehandelt."

Er zog sie näher an sich. „Du bist ganz schön lange weggewesen, weißt du das?", sagte sie verspielt und küsste ihn.


Chris wurde durch das Klingeln seines Handys aus dem Schlaf gerissen. Er löste sich von Jill und richtete sich benommen auf. Als er abhob, meldete sich zu seiner Überraschung weder O´Brian noch Hunnigan, sondern seine Schwester Claire.

„Claire, was ist los?", fragte er verschlafen und rieb sich mit der freien Hand die Augen. Neben ihm regte sich Jill.

„Chris, sorry, dass ich euch so früh wecken muss. Ich dachte, es ist besser, wenn ich gleich anrufe. Alex und ich waren die ersten, die es erfahren haben. Die Techniker der B.S.A.A. haben endlich die Daten auswerten können. Wir wissen jetzt, was Spencer genau plant!"

Chris war sofort in Alarmbereitschaft. „Was?!"

„Chris? Was ist los?", fragte Jill leise.

„Ihr müsst sofort hierherkommen", sagte Claire eindringlich. „Leon und Ada sind auch schon auf dem Weg. Beeilt euch."

Chris, Jill, Claire, Alex und Albert Wesker, Helena, Rebecca, Piers, Sheva, Leon und Ada Wong, daneben O´Brian und Ingrid Hunnigan standen in einem Halbkreis um einen Computerbildschirm herum und warteten gespannt auf die neuen Erkenntnisse. Jake stand etwas abseits der Gruppe und hatte die Arme verschränkt. Sein Gesicht war ausdrucklos. Albert trug erneut sein Halstuch, um die blauen Flecken zu verbergen. Er hatte auf kurze Ärmel verzichtet, damit niemand seinen Verband bemerkte.

„Wenn alle Personen anwesend sind, dann fange ich an", sagte O´Brian und startete den Computer. „Die Techniker haben endlich die Auswertung der Daten abgeschlossen, die ihr bei eurer Mission aus der Unterwasseranlage mitbringen konntet. Wir waren erfolgreich und haben endlich weitere Anhaltspunkte bekommen."

„Was haben Sie rausgefunden? Also waren die Dinge, die wir herunterladen konnten, tatsächlich von Nutzen?", fragte Alex voller Hoffnung.

„Allerdings, das waren sie. Aber wir haben ganz schön lange gebraucht, bis wir alle verschlüsselten Dokumente und Dateien offenlegen konnten." O´Brian tippte auf der Tastatur und rief eine Reihe von Dokumenten auf.

„Das ist die Forschungsarbeit von Elliot Spencer. Seine ganzen Experimente, die er durchgeführt hat, um den neuen Virus zu erschaffen", sagte Albert sofort, nachdem er die Seiten überflogen hatte. Die blanke Wut packte ihn, als er sah, dass Elliot seine Arbeit an Uroborus gestohlen und für seine Zwecke genutzt hatte.

„Ja. Es datiert einige Jahre zurück. Das hier", O´Brian zog eine andere Datei auf das Desktop. „Das ist die gesamte Korrespondenz mit der Organisation „Die Familie"."

„Was haben Sie über die Pläne des Feindes herausgefunden?", fragte Ingrid Hunnigan.

„Moment, hier ist es."

Eine Weltkarte erschien, auf der Markierungen verzeichnet waren. „Das ist der Plan, wann und wo der Virus verbreitet werden soll."

Endlich ein Hoffnungsschimmer. Alle starrten gebannt auf die Karte. Sheva löste sich von der Gruppe und trat nah an den Bildschirm heran. Mit dem Finger verfolgte sie die Markierungen auf der Karte.

„Afrika", sagte sie schließlich ernst. „Es soll in Afrika passieren. In 8 Tagen."

„Sheva, kennst du diesen Ort?", fragte Chris und trat neben sie.

„Ja. Ich war einmal dort, mit Josh und dem Team."

„Sagen Sie, Ms. Alomar, gehe ich richtig in der Annahme, dass das die Demokratische Republik Kongo ist?", fragte Alex und deutete auf die Karte. Der Punkt lag mitten auf dem afrikanischen Kontinent und war zu einem großen Teil grün dargestellt.

„Ja, es ist", sagte Sheva ernst. Sie schritt an die Tastatur und zoomte das Land heran. Städte und Details erschienen. „Seht ihr diese Grünfläche? Das ist der Salong Nationalpark", erklärte sie. „Dort mitten im Wald gibt es eine Quelle. Die Hilfsorganisation „Water for Afrika" fördert das Wasser und leitet es über Pipelines in die Städte und Dörfer. Wir wissen ja inzwischen, dass AquaSystemTex dahintersteckt. Ich kann mich erinnern, dass es vor dem Bau dieser Wasseraufbereitungsanlage von Umweltschützern große Proteste gab, weil es ja ein Eingriff in das Naturschutzgebiet war, aber die Regierung in Kongo hat nachgegeben. „Water for Afrika" hat sich als Wohltätigkeitsorganisation dargestellt und man hat nur die Vorteile für die Bevölkerung gesehen. Alle Proteste wurden in den Wind geschlagen. Außerdem ist der Kongo teilweise immer noch sehr politisch instabil. Der Konzern hatte ein leichtes Spiel, sich dort einzuschleichen."

„Es kann kein Zufall sein, dass sie Afrika ausgewählt haben, um den Virus zuerst zu verbreiten", sagte Albert Wesker. „Die Länder dort haben eine hohe Geburtenrate. Der Virus würde sich also sehr schnell in der nächsten Generation etablieren."

„Mit all den Folgen", sagte Rebecca verängstigt.

„Wir müssen verhindern, dass sie den Virus unter die Leute bringen", sagte Chris und ballte vor Wut seine Fäuste. „Aber wir können nicht jede einzelne dieser Anlagen zerstören. Allein in Afrika sind es mehr als ein dutzend. Das schaffen wir nie. Wir müssen die Steuerungszentrale finden. Von wo aus der Befehl gegeben wird."

„Das ist leicht, das ist nämlich auch verzeichnet", sagte O´Brian. „Unsere Techniker haben die Datei geknackt. Sie war mit einem speziellen Schlüssel codiert, wir hatten also einige Zeit dran zu knabbern." Sheva trat zur Seite und ließ O´Brian wieder an den Computer. Er rief eine weitere Datei auf. „Das sind die Steuerungszentralen. Von dort aus werden die Befehle gegeben."

Die Gruppe trat näher an den Bildschirm heran. O´Brian zoomte den Ort näher heran. „Dort sitzt die Hauptzentrale von AquaSystemTex in Afrika. Von dort aus wird die Operation kontrolliert und von dort wird der Befehl kommen."

„Moment mal", merkte Jill an. „Das ist ja der Niger. Warum sollten die dort ihren Hauptsitz haben?"

„Ich war zwar noch nie dort", sagte Sheva. „Aber ich weiß, dass der Niger größtenteils karge Steppenlandschaft hat. Wenn der Firmensitz wirklich dort ist, kann das kein Zufall sein. Ich schätze mal, sie haben dort ihre Zentrale aufgeschlagen, weil es weite, unbewohnte Gegenden gibt, der Staat sie in Ruhe lässt und sie so ungestört wahrscheinlich ihre Forschung betreiben können."

„Können wir mal eine Satellitenaufnahme der Gegend machen?", fragte Alex.

„Ja, natürlich. Da sieht man den Komplex."

O´Brian rief ein Satellitenbild auf, das bis auf einige Kilometer Entfernung den Ort genau von der Luft aus darstellte. Man sah die Umrisse des Komplexes. Die Gebäude befanden sich mitten in einer freien Fläche. Die umliegende Gegend bestand nur aus Wüsten- und Steppenlandschaft.

„Wenn wir dort reinspazieren, dann können wir das kaum verheimlichen", bemerkte Chris.

„Geht eine genauere Aufnahme?", fragte Alex.

„Leider nein."

„Verdammt!", knurrte Alex. „Wenn wir nicht wissen, in was wir reinlaufen, ist es schwierig, einen Angriff zu planen. Die Vermutung liegt nahe, dass sich unter der Oberfläche ein riesiger unterirdischer Komplex befindet. Wahrscheinlich Forschungslabore, vielleicht sind dort sogar B.O.W.s., die auf uns warten."

„Wir müssen sofort etwas unternehmen", sagte Chris entschlossen. „Je eher wir dorthin fliegen und sie aufhalten, desto besser. Wir müssen sofort ein Team aufstellen."

„Leiten wir das Entsprechende sofort in die Wege", sagte Ingrid Hunnigan. „Können wir die B.S.A.A. vor Ort nicht in den Einsatz involvieren?"

„Josh und sein Team könnten uns helfen", meinte Sheva. „Ich werde sie benachrichtigen."

Jake trat jetzt zu ihnen. „Ist bei dem Zeugs irgendwas über Sherry dabei? Wird da gesagt, wo sie ist?"

O´Brian wechselte einen kurzen Blick mit Chris. „Leider nein. Unsere Techniker haben gezielt nach Hinweisen auf Sherry Birkin gesucht, aber… Wir wurden nicht fündig. Sherrys Aufenthaltsort muss geheim sein, sodass sie es nicht in ihrem System gespeichert hatten."

„Ich schätze, es ist Elliots persönliche Angelegenheit", warf Albert ein. „Sozusagen Chefsache."

„Was ist mit meiner Tochter Faith?", fragte Alex, doch aus seiner Stimme sprach Hoffnungslosigkeit.

O´Brian schüttelte den Kopf. „Es tut mir sehr Leid."


Sherry hatte die vergangene Nacht nicht gut geschlafen. Zuerst war sie lange wachgelegen, dann immer wieder hochgeschreckt, weil irgendein Geräusch sie geweckt hatte und sie befürchtete, irgendwohin verschleppt zu werden. In den frühen Morgenstunden, als es draußen bereits zu dämmern begann, hatte sie schließlich, nachdem sie stundenlang geweint hatte, endlich Ruhe gefunden.

Der nächste Tag kam viel zu früh. Sie erschrak, als der Arzt, der sich um sich kümmerte, in ihr Zimmer kam und sie weckte, um ihr Blut abzunehmen und ihren Blutdruck zu kontrollieren. Helles Sonnenlicht, das durch die Fenster hereinfiel, blendete sie. Wie benommen ließ sie die Prozedur über sie ergehen.

„Geht es Ihnen besser, Ms. Birkin?", fragte der Mann freundlich. „Hat die Übelkeit nachgelassen?"

Leider musste Sherry zugeben, dass es ihr tatsächlich besser ging. Ruhe, um sich von dem Stress der Entführung zu erholen, und Medikamente hatten in kurzer Zeit wahre Wunder gewirkt. Sie verneinte, weil sie Angst hatte, man würde sie dann sofort ins Labor bringen.

Der Arzt nickte und kündigte an, ihr nochmal eine Spritze zu geben. „Sie werden gleich Besuch bekommen."

Bevor sie fragen konnte, von wem, war der Mann bereits verschwunden. Sie richtete sich vorsichtig auf und erhob sich vom Bett. Sie ging zu einem Spiegel und betrachtete sich von oben bis unten. Sie hatte wieder eine gesündere Gesichtsfarbe angenommen und man sah deutlich, dass es ihr besser ging.

Ihre Haare waren vom Schlafen durcheinander. Sie trug nur ein weißes Top und Unterwäsche. Erst jetzt, als sie sich seit Langem wieder eingehend betrachtete, bemerkte sie zum ersten Mal, dass sie vor allem um die Hüften, etwas fülliger geworden war. Von der Seite sah man, dass ihr Bauch bereits deutlich gerundet war. Zu verbergen war ihr Zustand mittlerweile nicht mehr.

Sie seufzte und strich mit ihrer Hand über ihre Körpermitte. Sie war schon wieder fast den Tränen nahe. Sie zuckte zusammen, als sie plötzlich Schritte an der Tür hörte.

Ein Mann trat herein. Eine Gesichtshälfte war völlig von Brandwunden vernarbt. Er war in einen schwarzen ledernen Anzug gekleidet. Seine Erscheinung verängstigte Sherry und sie wich instinktiv ein paar Schritte zurück.

„Wer sind Sie?", fragte sie.

„Verzeih mir, mein Kind, dass ich mich nicht schon früher vorstellen konnte. Mein Name ist Elliot Spencer, meines Zeichens der Sohn von Oswell E. Spencer, dem Gründer von Umbrella."

„Was?!", fragte Sherry ungläubig. Hatte sie sich verhört? Sie hatte noch nie davon gehört, dass Spencer einen Sohn hatte. Ihr Vater hätte etwas Derartiges eigentlich wissen müssen, aber er hatte es nie erwähnt. Und soweit sie wusste, war auch in der Öffentlichkeit niemals von einem Sohn die Rede gewesen.

„Du hast richtig gehört. Ich schätze, deine Freunde waren genauso überrascht, als sie davon erfuhren", bemerkte Elliot mit einem süffisanten Grinsen. „Ich blieb lange im Verborgenen, habe mich versteckt gehalten vor der Welt, doch dies ist vorbei. Schon bald werde ich mich der Welt offenbaren, werde die Welt in eine bessere Zukunft führen. Und du wirst eine tragende Rolle dabei spielen."

Sherry funkelte Elliot böse an. „Soso, ich spiele dabei also eine tragende Rolle. Sie wollen doch nicht mich, sondern meine ungeborenen Kinder", sagte sie. Es war eine Feststellung. „Sie missbrauchen mich als Gebärmaschine. Wenn die Zwillinge auf der Welt sind, werden Sie mich doch entsorgen, oder?"

„Es kränkt mich fast ein wenig, dass du so denkst", sagte Elliot mit Missfallen in der Stimme. „Ich sehe dich keineswegs als das an. Du wirst solange bei den Kindern bleiben, wie es nötig ist, um ihnen die besten Startvoraussetzungen für ihre Zukunft zu geben. Danach allerdings wirst du tatsächlich in ihrem Leben keine Rolle mehr spielen."

„Was haben Sie mit den beiden vor?", fragte Sherry. Ihre Stimme zitterte. Wollte sie überhaupt hören, was ihr bevorstand?

„Die beiden werden unter meiner Obhut aufwachsen und wenn es soweit ist, die Nachfolge meiner Herrschaft antreten."

„Herrschaft?! Über was?"

„Die Welt. Die Welt wird in Kürze mir gehören und ich werde die Menschheit in ein neues Zeitalter führen. Du kannst dich geehrt fühlen, dass deine beiden Kinder, die ersten Vertreter einen neuen Gattung Mensch sein werden. Sie werden an der Spitze stehen."

„Das ist doch krank!", sagte Sherry kopfschüttelnd. „Die B.S.A.A. und die beiden Wesker werden Sie aufhalten. Sie werden nicht zulassen, dass sie ihren kranken Plan umsetzen können!"

„Lustig, dass du Alex und Albert erwähnst. Ich hatte das Vergnügen ihnen im Kampf gegenüberzustehen. Ich war sehr enttäuscht, ich hatte wirklich mehr erwartet. Wenn ihr mich so aufhalten wollt, dann habt ihr schlechte Karten."

Der Schreck fuhr Sherry in die Glieder. War Alex oder Jakes Vater womöglich etwas zugestoßen?

„Was soll das bedeuten?"

„Das bedeutet, dass die beiden Schwächlinge sind. Sie hatten nicht den Hauch einer Chance gegen mich. Ich verfüge nämlich auch über erstaunliche Fähigkeiten."

Sein rechter Arm verwandelte sich plötzlich in ein schlangenähnliches Gebilde aus schwarzen Tentakeln. Sherry erkannte es als Uroborus wieder. Es kam auf sie zu und legte sich über ihre Schultern. Sie hörte ein leises Zischen an ihrem Ohr. Ihr Körper war vor Angst wie gelähmt und ein eiskalter Schauer durchfuhr sie. Elliot lachte leise, dann befahl er Uroborus zurückzukehren.

„Wie du siehst… Ich gebe allerdings offen zu, dass deine Freunde mir bei unserem letzten Zusammentreffen einiges an Ärger beschert haben. Sie haben mein Computernetzwerk lahmgelegt und mir etwas gestohlen, das ich benötige. Ich war freundlich zu ihnen, zu freundlich wie ich feststellen musste. Ich habe ihnen angeboten, auf die richtige Seite zu wechseln, aber sie wollten nicht auf mich hören. Jetzt müssen sie die Konsequenzen tragen."

„Was haben Sie vor?"

„In etwas mehr als einer Woche beginnt es. Dann wird die Welt mir gehören."

„Was wird jetzt aus mir? Wieso wollen Sie mich in Cryostase versetzen? Ich bin doch sowieso Ihre Gefangene?", wollte Sherry wissen.

„Es ist nur eine Sicherheitsvorkehrung. Wir wollen die Schwangerschaft bestmöglich überwachen, um frühzeitig eingreifen zu können, sollte es Komplikationen geben", erklärte Elliot. „Alles muss nach Plan laufen, ich dulde keine Risiken. Ich möchte nur das Beste für die Kleinen. Sieh es positiv, Sherry. Du musst dich um nichts kümmern und dir keine Sorgen machen. Wir werden dafür sorgen, dass dein Körper jederzeit in exzellenter Verfassung ist und den Babys alles bietet, was sie für eine gute Entwicklung brauchen. Wir tragen Sorge, dass sie so gesund wie möglich ins Leben starten."

„Sie sind doch einfach nur krank", murmelte Sherry.

„Menschen mit einer Vision müssen oft mit Anfeindungen leben", antwortete Elliot schlicht. „Wenn du möchtest, darfst du dich in Haus frei bewegen." Er wies mit einer einladenden Geste zur Tür. „Natürlich nur in Begleitung, damit du nicht auf dumme Ideen kommst."

„Ich weiß doch nicht mal, wo ich bin", sagte Sherry bitter. „Wie soll ich irgendetwas tun?"

„Sherry, wir wissen beide, dass du ein intelligentes Mädchen bist. Du könntest du auf dumme Gedanken kommen und Mittel und Wege finden, zu deinen kleinen Freunden Kontakt aufzunehmen. Sollte mir auch nur der Ansatz eines Versuches zu Ohren kommen, dann wird es mit meiner Gastfreundschaft schnell zu Ende sein. Lass dir das also eine Warnung sein."

„Wann wird es soweit sein?"

„Wie ich hörte, fühlst du dich momentan nicht wohl. Sobald sich dein Zustand stabilisiert, wirst du in Cryostase- Schlaf versetzt. Bis dahin kann dein Aufenthalt hier auch vergnüglich werden. Du musst es nur wollen. Ich besitze eine Bibliothek, du darfst dort lesen, wenn du möchtest."

„Das heißt, dieses Haus", Sherry deutete rundherum. „Das gehört Ihnen?"

„Ja. In der Tat, das ist mein Haus. Ich hoffe, es gefällt dir hier. Man wird dir gleich etwas Frühstück bringen. Ich bedaure, dass ich mich nicht selbst um dich kümmern kann. Ich bin leider verhindert, weil ich in den Süden reisen muss. Ich wünsche dir eine gute Zeit."

Er schritt hinaus. Sherry blieb zurück, unfähig etwas zu denken oder zu fühlen. Sie fühlte plötzlich Ekel und Abscheu in sich und eilte ins Bad, wo sie sich übergeben musste. Ihr war eiskalt und sie zitterte. Tränen liefen ihre Wangen hinab und kurz darauf weinte und schluchzte sie heftig. Sie hoffte inständig, dass es Jake und allen anderen gut ging und dass sie einen Weg finden würden, sie aus dem Griff Elliot Spencers zu befreien.