Leon S. Kennedy 1977: Ich mochte Alex auch so gern und beim Schreiben war ich selber ganz traurig. :(
Alexa- Wesker: Ich lebe noch. :) Aber ich merke auch langsam, dass mir manchmal die Puste mit dieser Geschichte ausgeht. Sie geht ja jetzt schon über ein Jahr. Deshalb geht es etwas zäher mit dem Schreiben. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, sie jetzt im Sommer abzuschließen, aber wer weiß, wie ich es schaffe. Du hast Recht, es erinnert wirklich an Steve, daran hab ich gar nicht gedacht. Leider haben es die beiden Wesker bei mir nicht leicht, aber Alex ist für seine Familie gestorben und mit Albert habe ich auch noch etwas vor.
„Wir unterbrechen unser Programm für eine Sondersendung. Wie wir heute erfahren haben, wurde vergangene Nacht, ungefähr gegen Mitternacht Ortszeit, die afrikanische Hauptzentrale der Firma AquaSystemTex in der Nähe der Stadt Niamey durch eine Explosion zerstört. Wir berichten jetzt live vom Ort des Geschehens. Unser Reporter Dave Richards befindet sich 20 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt. Dave, wie ist die Lage vor Ort?"
„Ja, Sally, ich stehe hier nicht weit von der Stelle entfernt, wo sich die Anlage befand. Hinter mir kann man immer noch Brände und Rauchschwaden erkennen. Wir dürfen leider noch nicht näher heran, weil die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind."
„Weiß man mittlerweile etwas Genaueres zur Unglücksursache?"
„Die Behörden und Ermittler wollen noch keine genauen Angaben machen, bis die Untersuchungen nicht vollständig abgeschlossen sind, aber es deutet alles darauf hin, dass auf die Anlage von AquaSystemTex ein Bombenanschlag, wahrscheinlich mit terroristischem Hintergrund, verübt wurde. Angeblich soll die NGO B.S.A.A. in die Vorfälle verwickelt sein. Wenn wir nähere Informationen haben, werden wir uns wieder melden."
„Danke Dave. Wir sind jetzt live verbunden mit Takeshi Yamamoto, dem Geschäftsführer von AquaSystemTex. Das Unglück hat die gesamte Firma, die gerade in Afrika für ihre wohltätige Arbeit bekannt ist, schwer erschüttert. Guten Morgen nach Tokyo, Mr. Yamamoto. Der Vorstand hat bereits eine Stellungnahme veröffentlicht und den Angehörigen der Opfer ihr Beileid ausgesprochen. Wie wird es jetzt weitergehen. Mr. Yamamoto?"
Chris betätigte die Fernbedienung und schnitt Takeshi Yamamoto das Wort ab. Der Bildschirm wurde schwarz.
„Sie haben es als Anschlag getarnt", sagte Jill. „Die Schweine! Sie haben bereits mit der Vertuschungsaktion angefangen."
„Ja. Und wenn wir Pech haben, ziehen sie die B.S.A.A. mit hinein und rücken uns in schlechtes Licht", sagte Chris und strich sich nachdenklich übers Kinn.
„Hast du mit O´Brian schon gesprochen?", fragte Jill.
„Nein, ich habe noch keinen Bericht erstattet. Ich glaube, Josh hat mit ihm geredet, weil er und seine Leute ziemlichen Ärger am Hals haben. Die Polizei muss wohl schon bei ihnen gewesen sein und die Afrika- Zentrale wird von Presseleuten belagert. Die erwarten natürlich eine Stellungnahme, weil Gerüchte umgehen, dass wir bei diesem „Anschlag" dabei gewesen sein sollen. Du hast ja gehört, was der Typ im Fernsehen gesagt hat."
„Hast du die anderen in der Zwischenzeit gesehen?"
„Nein, wahrscheinlich sind sie immer noch auf der Krankenstation oder schlafen sich aus."
Manchmal verfluchte Chris seine Position als Captain ihrer Missionen, denn nach Abschluss jedes Einsatzes lag es an ihm, seinem Vorgesetzten einen ausführlichen Bericht über die Geschehnisse abzuliefern. Und manchmal kam es vor, dass er keine erfreulichen Dinge zu melden hatte. Er hasste diese Momente.
Er klopfte an O´Brians Bürotür und wurde sogleich hereingerufen.
„Christopher, ich… ich wollte euch nicht gleich überfallen, als ihr zurückkamt, weil ich gesehen habe, wie… schwer man euch zugesetzt hat. Aber ich muss jetzt…"
„Ist schon gut", winkte Chris ab. „Die Formalitäten müssen sein."
„Christopher, was ist passiert? Was ist in Afrika passiert? Was ist mit Alexander Wesker geschehen?"
Chris holte tief Luft. Es fiel ihm schwer zu sprechen. Obwohl er lange geschlafen und gegessen hatte, fühlte er sich matt, erschöpft. Sein Gehirn schien nur langsam zu arbeiten und jeder Gedankengang war träge und mühevoll.
„Wie hätten da niemals einfach so hineinlaufen dürfen", sagte Chris sehr ernst. „Wir waren völlig unvorbereitet. Und Spencers Leute haben uns… Wir hatten keine Chance. Elliot hat seinen eigenen Handlanger Simmons getötet, indem er ihn mit einem Virus infiziert und auf uns gehetzt hat. Wir konnten ihn nur besiegen, weil ein B.O.W. ihn verschlungen und gefressen hat. Aber danach…"
„Was ist danach passiert?", fragte Ingrid Hunnigan eindringlich.
„Danach ist Elliot Spencer selbst auf uns losgegangen. Wir haben in der Anlage Tanks mit den Viren gefunden, die sie in Afrika verbreiten wollten. Sie waren fertig für die Auslieferung. Wir wollten sie zerstören und Elliot ist natürlich furchtbar wütend darüber geworden. Nachdem wir Simmons ausgeschaltet hatten, standen wir ihm gegenüber. Wie zu erwarten hatten wir nicht den Hauch einer Chance gegen ihn zu gewinnen. Auch die beiden Wesker wurden vernichtend geschlagen. Dann hat Alex Uroborus in seinen Körper aufgenommen. Er mutierte in ein Monster und kämpfte gegen Spencer."
O´Brian und Hunnigan sahen Chris entsetzt an. „Was?! Das darf doch nicht wahr sein! Warum hat er das getan?!"
„Er hat sich für uns geopfert. Er wollte stärker werden und Elliot besiegen. Aber er hat es nicht geschafft."
Hunnigan und O´Brian waren betroffen.
„Elliot ist geflohen und hat den Selbstzerstörungsmechanismus der Anlage aktiviert. Wir konnten gerade noch so aus dem Gebäude entkommen, bevor alles zusammengebrochen ist. Wir mussten Alex zurücklassen. Er war schwer verletzt und…", Chris seufzte, „er lag im Sterben. Wir mussten ihn dort lassen."
„Es tut mir so Leid", sagte Hunnigan leise. „Wie geht es Ihrer Schwester, Christopher? Ich hörte, dass sie und Alex eine enge Beziehung miteinander hatten."
„Seit unserer Rückkehr habe ich Claire nicht gesehen. Ich glaube, sie hat sich in Alex´ Zimmer vergraben. Ich… will sie jetzt eher… für sich und allein lassen. Wahrscheinlich will sie ohnehin niemanden sehen. Ich… werde dann noch meinen Bericht schreiben…"
„Das hat Zeit", sagte O´Brian.
„Mr. Redfield", sagte Ingrid Hunnigan. „Während Sie und Ihr Team in Afrika waren, haben O´Brian und ich im Umfeld von Elliot Spencer recherchiert."
„Und sind Sie fündig geworden?", fragte Chris hoffnungsvoll.
„In der Tat, allerdings haben wir über Elliot keinerlei Informationen finden können. Er war wie ein Geist."
Alle Hoffnungen schwanden. „Das darf doch nicht wahr sein", sagte Chris entmutigt. „Gibt es wirklich keinerlei Hinweise?"
O´Brian verneinte mit einem leichten Kopfschütteln. „Leider nein. Wir konnten nur im Groben das bestätigen, was Elliot selbst gesagt hat. Oswell E. Spencer traf während der 50er Jahre in Europa eine junge Italienerin, mit der er einen Sohn zeugte. Auf welche Art und Weise auch immer. Elliot wuchs in Italien auf, etwas später ging er in die Vereinigten Staaten, um dort zu studieren. Dies tat er aber wohl schon unter falschem Namen. Danach verliert sich seine Spur."
„Das stimmt mit dem überein, was der Butler gesagt hat", sagte Chris. „Elliot muss mit seinem Vater Kontakt aufgenommen haben. Da dieser aber in seinem Sohn eine Gefahr für die Firma sah, befahl er dessen Tod."
O´Brian und Hunnigan nickten zustimmend. „Elliot verschwand nach seinem „Tod" spurlos. Wir vermuten, dass er in den Untergrund verschwand und sich eine Phantomidentität zulegte. Er verfolgte seine Pläne weiter im Verborgenen."
„Ist das wirklich alles? Wenn ja, dann sind wir leider keinen Schritt weitergekommen", sagte Chris.
„Es gibt allerdings etwas anderes", sagte Ingrid Hunnigan.
Chris horchte auf. „Haben Sie doch etwas?"
„Vielleicht nutzt es uns ja wirklich", meinte O´Brian.
„Elliots Mutter war Italienerin. Wir haben herausgefunden, dass Oswell E. Spencer in Italien ein Sommerhaus besaß, das allerdings größtenteils ungenutzt blieb und leer stand. Nach seinem Tod wurde ein sehr großer Teil seines Vermögens Opferverbänden gespendet. Ein Teil kam auch uns zugute. Seinen Immobilienbesitz hat man versteigert oder verkauft. Dieses Sommerhaus befindet sich in der Toskana. Eigentlich hat es jemand gekauft, aber dann… Ein Unbekannter hat es dem ursprünglichen Käufer für einen deutlich höheren Preis abgekauft. Wir haben den Käufer ausfindig gemacht und er hat gesagt, der unbekannte Mann hat darauf bestanden, das Haus kaufen zu wollen. Er verdoppelte den ursprünglichen Kaufpreis."
„Glauben Sie, dass Elliot das Haus gekauft hat?", fragte Chris.
„Das wäre eine Möglichkeit. Vielleicht verbindet ihn das Haus mit seiner Heimat", mutmaßte O´Brian.
„Dann sollten wir diesem Haus früher oder später einen Besuch abstatten", meinte Chris.
„Zum jetzigen Zeitpunkt bleibt uns nichts anderes übrig", meinte O´Brian missmutig. Hunnigan nickte zustimmend.
„Wenn es für euch in Ordnung ist, dann würde ich dich, Christopher und auch Jill, bitten, euch in ein Flugzeug zu setzen und das Haus in Italien zu untersuchen."
Chris sagte zu. Er hieß die Gelegenheit willkommen, der tristen, düsteren Stimmung in der B.S.A.A.- Zentrale entkommen zu können.
„Ich habe noch eine weitere Neuigkeit", sagte Ingrid Hunnigan. „Und diesmal ist sie wirklich positiv."
Rebecca Chambers betrat den Raum. Sie hatte eine Tragebox für Tiere dabei. Claires Hündin Bella lag darin.
„Ihr geht es soweit wieder gut. Sie kann wieder zurück zu Ihrer Schwester."
Chris nahm die Box und einige Schachteln Medikamente von Rebecca entgegen. „Die muss sie nehmen. Am besten mischt ihr ihr die unters Fressen."
„Ich habe ebenfalls mit dem Krankenhaus telefoniert. Agent HUNK ist außer Lebensgefahr. Er hat die Operation gut überstanden und ist auf dem Weg der Besserung. Er ist wieder ansprechbar und ich werde, sobald ich kann, ins Krankenhaus fahren und mit ihm sprechen."
„OK. Wenigstens", sagte Chris, weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte.
Er musste mindestens 20 Stunden geschlafen haben, doch als er erwachte, fühlte er sich, als hätte er seit einer Ewigkeit überhaupt nicht geschlafen.
Langsam richtete sich Albert Wesker auf. Sein Körper schmerzte und fühlte sich wund und geschunden an. Als er an sich heruntersah, bemerkte er, dass er immer noch die blutverschmierte Kleidung vom Einsatz trug. Er war gestern- oder war es schon vorgestern? Er konnte es nicht sagen, weil er jegliches Zeitgefühl verloren hatte- nach ihrer Ankunft in New York nur kurz ins Labor gegangen, hatte sich Schmerz- und Beruhigungsmittel genommen und war dann sofort in sein Zimmer verschwunden. Nachdem er sich eine viel zu hohe Dosis von beidem gespritzt hatte, war er auf sein Bett gefallen und augenblicklich in tiefen, traumlosen Schlaf gefallen.
Er war benommen und das Tageslicht, das durch das Fenster hereinströmte, blendete ihn. Er setzte sich an die Kante seines Bettes, stützte die Ellbogen auf seine Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Er verharrte einige Minuten in dieser Position, bis er genug Kraft gesammelt hatte, und aufstehen konnte.
Er stellte sich unter die Dusche und ließ eine halbe Stunde heißes Wasser auf seinen Körper prasseln. Seine Haut war übersät mit blauen Flecken, wo Elliot und Alex ihn festgehalten hatten, und kleinen Schnittwunden, die er sich beim Sturz durch die Glasscheibe zugezogen hatte. Das Wasser, das in den Abfluss floss, war rot von Blut. Er zog sich ein paar Glassplitter aus der Haut und ließ sie klirrend auf den Boden der Dusche fallen. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihm, dass er einen Bluterguss und Schürfwunden im Gesicht hatte. Seine Oberlippe war aufgeplatzt.
Als er ins Zimmer zurückkehrte, trocknete er sich langsam ab und schlüpfte in neue, frische Kleidung. Er hatte sich gerade ein schwarzes T- Shirt übergezogen und betrachtete die Schnittverletzungen an seinem Unterarm, über die sich ein dicker Schorf gelegt hatte, als es schwach an der Tür klopfte.
„Wesker, sind Sie da drin?", fragte die Stimme von Rebecca Chambers schüchtern.
„Ja", antwortete er widerwillig. Er wollte jetzt niemandem sehen. Er sah sich schnell nach einer Möglichkeit um, seine nichtverheilten Verletzungen zu verbergen, doch es hätte zu lange gedauert, einen neuen Verband anzulegen. Er entschied sich, seine Jacke überzuziehen, doch dann fiel ihm ein, dass ihn seine anderen Verletzungen sofort verraten würden. Schon ein Blick in sein Gesicht reichte aus, um zu erkennen, was mit ihm los war. Er konnte seinen Zustand nicht länger verheimlichen.
„Albert? Dürfen wir reinkommen?", fragte Helena Harper.
Er legte die Jacke wieder zurück und schritt zögerlich zur Tür. Er öffnete aus Höflichkeit, nicht weil er es wollte und weil er wusste, dass Helena sich Sorgen machte und nicht lockerlassen würde. Dafür kannte er sie mittlerweile zu gut. Eine Angst beschlich ihn. Was wenn sie…? Er wollte nicht darüber sprechen.
Helena trat langsam ein, Rebecca folgte ihr verlegen. Die junge Ärztin wich seinem Blick aus und sah schüchtern zu Boden. Wesker wandte sich schnell ab und schritt zum Fenster, sodass er mit dem Rücken zu den beiden Frauen stand. Helena schien zu spüren, dass er etwas verbergen wollte. Sie tat nichts.
„Ich habe es Rebecca erzählt", sagte sie. „Sie weiß es."
„Ich habe gesagt, niemand soll davon wissen", sagte Wesker hart.
„Ich weiß und es tut mir Leid", sagte sie ehrlich und ihr entging nicht, dass er verletzt klang. Sie hatte sein Vertrauen missbraucht. „Aber ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Du warst schwer verletzt. Bitte lass dir helfen."
„Ich werde nichts sagen", versicherte Rebecca. Als er sich umdrehte, lächelte sie ihn an, allerdings verwandelte sich ihr Lächeln bald in einen sorgenvollen Gesichtsausdruck, als sie seine Verletzungen sah.
Weskers und Helenas Blicke kreuzten sich kurz. Sie sah in seinen Augen, dass er wütend auf sie war. Wenigstens waren sie so umsichtig, ihn nicht auf Alex anzusprechen, obgleich sein Tod wie eine schwere, drückende, unsichtbare Präsenz zwischen ihnen zu spüren war. Er konnte in ihren Gesichtern sehen, dass sie dasselbe dachten.
„Können Sie das bitte ausziehen und sich hinlegen?", fragte Rebecca vorsichtig und deutete auf sein T-Shirt.
Er nickte und zog sich wieder aus. Als er seinen Oberkörper und die zahlreichen Blessuren entblößte, sahen sie ihn geschockt an. Er setzte sich zuerst auf die Bettkante und legte sich dann unter Schmerzen auf den Rücken. Er biss die Zähne zusammen, um sich nichts anzumerken, aber er wusste, dass er den beiden Frauen schwerlich etwas vormachen konnte.
„Sie haben Schmerzen", stellte Rebecca fest. Es bedarf keiner Antwort. „Sagen Sie mir bitte, wo es wehtut."
„Mein Rücken", sagte Wesker schlicht. „Ich bin aus ein paar Metern Höhe gestürzt und meine Hüfte." Langsam drehte er sich zur Seite, damit sie seine Wirbelsäule untersuchen konnte.
Rebecca nickte. „Sie haben Prellungen und offenbar ist ein Wirbel etwas angeknackst. Da ist eine Schwellung." Sie tastete ihn vorsichtig ab. „An Ihrem Becken ist ein großer blauer Fleck und die Oberarmknochen wurden gequetscht. Ich werde eine Salbe darauf schmieren. Die kühlt und lindert die Schmerzen. Ich lass Ihnen auch etwas Schmerzmittel da."
Anschließend besah sie sich die Schnittwunden und zog ein paar weitere, kleine Glassplitter heraus. Als sie einen großen, besonders tiefsitzenden aus seinem Arm zog, stöhnte er vor Schmerz auf. „Ich mache einen Verband darum", sagte Rebecca sanft. Sie reinigte alle blutigen Wunden und legte Verbände an. „Ihr künstlicher Arm hat zum Glück keinen Schaden genommen und kein Knochen ist gebrochen."
Als sie fertig war, richtete sich Wesker mühevoll auf und zog sich wieder an. „Warten Sie, Wesker. Ihr Gesicht."
„Nein." Er winkte ab.
„Dann lassen Sie mich wenigstens das sehen." Sie meinte die Schnittverletzungen, die er sich am Unterarm selbst zugefügt hatte und die von einem dicken Schorf bedeckt waren. Bald würden sie zu unansehnlichen, dicken Narben werden, die sich deutlich von seiner Haut abheben würden.
„Nehmen Sie die Salbe", sagte sie, während sie in ihrer Tasche suchte. Sie reichte ihm eine Tube. „Soll ich nochmal einen Verband anlegen?"
Er verneinte. Eine peinliche Stille entstand zwischen ihnen. Sie sah so aus, als wollte sie etwas sagen, aber zögerte. „Sie… können sich nicht mehr heilen, wie ich sehe", begann sie vorsichtig. „Was ist passiert? Helena hat angedeutet, dass… etwas nicht mehr in Ordnung ist."
Wesker seufzte.
„Bitte sagen Sie, was los ist, Wesker."
Er ließ sich wieder auf seinem Bett nieder. „Ich kann mich nicht mehr heilen, ja. Mein Virus funktioniert nicht mehr richtig."
„Was bedeutet das?", fragte Rebecca und warf einen unsicheren Blick zu Helena Harper.
„Der Virus zerstört mich von innen heraus", sagte Wesker mit erschreckender Gleichgültigkeit. „Er stört meine Zellteilung und zerstört meine Körperzellen. Deswegen habe ich Fieberschübe. Mein Körper, besser gesagt mein Immunsystem, arbeitet daran, den Virus auszuschalten, aber… dabei wird mein Körper…"
Rebecca schlug sich vor Schreck die Hand vor den Mund. „Nein!", sagte sie entsetzt. „Es muss doch eine Lösung geben! Soll ich Ihr Blut nochmal im Labor untersuchen? Vielleicht finde ich etwas…"
„Nein…"
Er wollte sagen, dass Alex dies bereits getan hatte, aber er brach ab. „Ich habe es bereits mehrfach geprüft und es ist eindeutig. Wenn der Prozess früher oder später abgeschlossen ist, dann… werde ich wahrscheinlich an Organversagen sterben."
Rebecca schüttelte ungläubig den Kopf.
„Sie werden…"
„Natürlich, ich… Ich werde das für mich behalten", sagte Rebecca. Sie nickte ihm zu, dann verließ sie den Raum.
„Wie geht's dir?", fragte Helena. „Tut mir Leid, ich weiß, dass ist die bescheuertste Frage in diesem Moment, aber…"
Wesker schüttelte den Kopf. Sie trat zaghaft an ihn heran und umarmte ihn. „Es tut mir so Leid."
Sie schwiegen einige Zeit und verharrten in ihrer Umarmung. Wesker fühlte sich plötzlich seltsam leer. Er hätte diesen Moment am liebsten bis in alle Ewigkeit verschoben. Er war nicht bereit dafür, sich der Situation zu stellen. Er wollte nicht, dass sie es ansprach, aber er wusste auch, dass er keine Wahl hatte, als es zu akzeptieren.
Er löste sich von ihr und schob sie dezent von sich. Er hoffte, sie würde ihn auch ohne Worte verstehen.
Er nahm wieder auf seinem Bett Platz, Helena blieb dort stehen, wo er sie zurückgelassen hatte. Sie betrachtete ihn, sagte aber nichts.
„Ich weiß, wie du dich fühlst. Möchtest du darüber reden?"
„Nein", sagte Wesker entschieden. „Ich möchte… jetzt überhaupt nicht reden."
Er sah an ihrem Gesicht, dass sie seine Zurückweisung verletzte, aber sie drang nicht weiter auf ihn ein. Sie lächelte ihn an und nickte.
„Lass dir Zeit. Wir sind alle noch ziemlich mitgenommen und… Ruhe dich aus. Du hast es dir verdient. Ich bin da, wenn du mich brauchst."
Er nickte.
„Ich kann mich um deine Sachen kümmern, wenn du möchtest." Sie deutete auf seine Kleidung vom Einsatz, die schmutzig und blutverschmiert war. Er hatte sie vorhin achtlos auf den Tisch geworfen. „Leg dich hin und schlafe noch ein bisschen, das wird dir guttun."
Als sie die Kleidungsstücke hochhob, fiel etwas mit einem Klirren zu Boden. Es war der alte Schlüssel, den er und Alex vom Anwesen der Simmons´ mitgenommen hatten.
Die Erkenntnis überkam Wesker wie ein schwerer Schlag in den Magen. Ihm würde plötzlich heiß und Unruhe erfasste ihn. Alles schien auf einmal auf ihn einzuströmen und er konnte nicht mehr klar denken.
„Der Schlüssel… Ich habe nicht mehr an ihn gedacht. Alex sagte, dass er ihm bekannt vorkommt. Ich… wollte doch eigentlich den Butler danach fragen, aber…" Seine Stimme zitterte und fasste sich mit beiden Händen an den Kopf. Seine Gedanken waren wirr und ungeordnet und Panik überkam ihn. „Aber ich… ich habe es einfach… vergessen. Ich… ich habe den Überblick… verloren… Was… soll…?"
„Hey, sh, ist ja gut", sagte Helena sofort. Sie ging vor ihm in die Hocke und nahm seine Hände. „Der Schlüssel ist doch nicht wichtig."
„Doch, irgendetwas sagt mir, dass er wichtig ist", sagte Wesker. „Er war dort, aber… Er gehörte nicht dorthin. Ich… habe ihn einfach vergessen. Wie konnte das passieren? Meine ganze… alle ist völlig durcheinander…"
Er wirkte so hilflos, fast wie ein überfordertes Kind und es verängstigte Helena, ihn so zu sehen. So kannte sie ihn nicht. Wesker behielt normalerweise immer einen klaren Kopf, plante alles im Voraus, war berechnend. Doch zum ersten Mal hatten seine Emotionen die Oberhand über seinen scharfen Verstand gewonnen. Er musste erleben, dass er nicht alles unter Kontrolle hatte.
Sie nahm den Schlüssel, doch Wesker ergriff ihre Hand. Er wollte den Schlüssel nicht bei ihr wissen. Er wollte sich selbst darum kümmern.
„Ist schon gut. Wir werden uns um den Schlüssel kümmern", versichert ihm Helena und lächelte ihn aufmunternd an. „Aber jetzt sind andere Sachen wichtiger. Schlaf erstmal. Ich werde den Schlüssel mitnehmen und wir werden sehen, was wir damit tun werden."
Sie bedachte ihn mit einem ernsten Blick. Er hatte nicht die Kraft, ihr zu widersprechen. Er wollte nicht diskutieren und gab klein bei. Er ließ ihre Hand los und ließ es zu, dass sie den Schlüssel mitnahm.
„Hey, du musst nicht alles unter Kontrolle haben. Du musst jetzt erstmal gesund werden, OK? Ich kümmere mich schon darum. Wie sehen uns später, ja?"
Sie ließ ihn allein. Wesker fand keine Ruhe und er musste sich ein weiteres Beruhigungsmittel spritzen, um schlafen zu können.
Helena fand Chris, Jill, Piers, Leon, Ada, Jake und Sheva im Aufenthaltsraum, wo sie schweigend um einen Tisch herum saßen. Die Stimmung war betrübt, ihre Gesichter waren ernst. Helena fiel sofort auf, dass Claire Redfield fehlte.
„Warst du bei Wesker?", fragte Leon sie.
„Ja."
„Wie geht es ihm?", wollte Chris wissen.
„Naja, wie soll es ihm schon gehen. Er schläft und will nicht reden."
Sie nahm neben ihrem alten Kollegen Platz und zog sich eine Tasse heran. Jill schenkte ihr Kaffee ein und sie nahm sofort einen Schluck von dem anregenden Getränk. Er war viel zu stark, aber das war ihr egal. Sie warf den alten Schlüssel auf den Tisch.
Jake zog ihn zu sich heran und wandte ihn in seinen Händen hin und her. „Was ist das für ein Ding?"
„Albert und…", Helena wollte Alex sagen, aber sie stockte, „die beiden Wesker haben ihn aus dem Anwesen von Simmons mitgebracht. Wir wissen nicht, wohin er passen könnte."
„Sieht aus wie ein Kerkerschlüssel", meinte Jill, die froh war, ein neues Thema aufgreifen zu können, das nichts mit ihrem Einsatz in Afrika zu tun hatte.
„Albert meinte, er könnte wichtig sein, aber… Ich weiß nicht", sagte Helena. Es kostete sie Kraft zu sprechen.
„Was meinst du Chris, sollen wir ihn nach Italien mitnehmen?"
„Was wollt ihr denn in Italien?", fragte Sheva und alle sahen das Paar verwundert an.
„Ein neuer Auftrag", erklärte Chris. „O´Brian und Hunnigan haben etwas recherchiert, während wir in Afrika waren. Wir sollen ein altes Anwesen in der Toskana untersuchen, das mal Spencer gehört hat. Nachdem Elliots Mutter Italienerin war, vermuten wir, dass Elliot es vielleicht nach Spencers Tod gekauft hat. Es ist nicht viel, aber vielleicht bekommen wir irgendeinen Anhaltspunkt, wie es jetzt weitergehen soll. Wir könnten den Schlüssel mitnehmen und sehen, ob er dort irgendwo passt."
„Ich will mitkommen", sagte Jake.
„O´Brian möchte, dass nur Jill und ich fliegen", sagte Chris.
Weskers Sohn wirkte enttäuscht, aber er verkniff sich eine bissige Bemerkung.
„Wann geht euer Flug?", fragte Helena.
„Morgen", sagte Chris.
Eine unangenehme Stille entstand zwischen ihnen. Ein Thema stand wie eine dunkle Gewitterwolke über ihnen, aber niemand wagte es, seine Gedanken auszusprechen.
„Wo ist Claire?", fragte Leon vorsichtig. „Ich habe sie seit der Rückkehr nicht gesehen."
„Ich glaube, sie ist… in Alex´ Zimmer", sagte Chris missmutig. „Ich wollte schon zu ihr, aber sie will niemanden sehen. Ich denke, sie braucht noch etwas Zeit. Hunnigan hat mir gesagt, dass es HUNK besser geht. Offenbar hat er alles gut überstanden. Und Bella geht's auch gut."
„Du solltest zu ihr gehen", meinte Jill. „Sie braucht jetzt jemanden."
„Ich werd´s versuchen", meinte Chris wenig hoffnungsvoll.
Er erhob sich, um hinauszugehen. An der Tür hielt er inne und wandte sich noch einmal um.
„Ich weiß, was ihr alle jetzt denkt, aber keiner traut sich, was zu sagen, oder?"
Sie alle sahen betreten nach unten.
„Alex hat sich für uns geopfert. Ohne ihn wären wir alle nicht mehr hier", sagte Chris sehr ernst. „Wir dürfen jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken und aufgeben. Alex würde das nicht wollen. Und damit erweisen wir seinem Opfer keine Ehre. Wir haben jemanden verloren, ja. Aber es war nicht umsonst. Alex hat das getan, dass wir Elliots Vernichtung einen Schritt näher kommen und das haben wir auch geschafft. Wir dürfen jetzt im entscheidenden Moment nicht die Flinte ins Korn werfen."
„Was sollen wir denn tun?", fragte Leon.
„Jill und ich werden morgen fliegen. Ihr anderen werdet euch daran setzen, Elliot ausfindig zu machen. Er muss irgendwohin sein, nachdem seine Pläne in Afrika gescheitert sind. Schaut euch nochmal alles an, was wir bisher haben und… ja. Die Hauptsache ist, dass wir… dass Alex´ Tod nicht umsonst war."
Mit diesen Worten verließ er die Gruppe.
Nach ihrer Rückkehr nach New York hatte sich Claire in Alex´ Zimmer eingeschlossen. Sie hatte kaum Schlaf gefunden und immerzu bitterlich geweint. Sie hatte jeden Versuch mit ihr zu reden, den ihr Bruder oder andere unternommen hatten, abgewehrt. Sie wollte mit niemandem reden und sie wollte niemanden sehen.
Sie wollte nur allein sein.
Ihr Gesicht war nass von Tränen, ihre Augen gerötet vom stundenlangen Weinen. Das Zimmer war leer und einsam. Die Stille war bedrückend. Claire saß auf Alex´ Bett, wo sie vor nur wenigen Tagen die schönsten Stunden verbracht hatten. Der Schmerz war beinahe unerträglich. Sie würden nie wieder zusammen sein. Die schmerzliche Erkenntnis bohrte sich wie ein scharfer Dolch in ihr Herz.
Alex war nicht mehr da. Er war in Afrika gestorben. Sie hatte ihn verloren. Er war nur noch in ihrer Erinnerung da. Sein Gesicht, seine warmen, dunkelbraunen Augen, sein letzter Blick, bevor sie ihn zurückgelassen hatte, hatten sich in ihren Kopf eingebrannt. Er war so greifbar und doch so fern.
Doch er würde nie wieder sein. Nie wieder konnte sie sich an ihn lehnen, er würde sie nieder in den Arm nehmen, sie nie wieder küssen.
Das einzige, das ihr von Alex geblieben war, waren seine Jacke, das kleine Gerät, das er am Arm getragen hatte und die Schachtel mit seinen Spritzen. Sie hielt das kleine Kästchen in ihrer Hand, strich mit ihren Fingern darüber, so als hätte sie dadurch eine Verbindung zu Alex. Doch es waren nur Dinge, bloße Gegenstände.
Sie waren kalt, sie hatten nicht Alex´ Lebendigkeit, nicht seine Wärme. Sie schenkten ihr kein Lächeln, sie sprachen nicht.
Eine Träne rann ihre Wange hinab und tropfte auf das kleine Metallkästchen. Sie schrak aus ihren Gedanken, als es leise an der Tür klopfte.
„Claire, bist du noch da drin?", fragte Chris.
„Ja", antwortete sie schwach und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ihres Shirts weg.
„Darf ich reinkommen? Ich hab hier jemanden für dich. Ich glaube, sie möchte dich gerne sehen."
Claire wollte nein sagen, aber schließlich erlaubte sie es ihrem Bruder doch, einzutreten. Gedankenverloren steckte sie Alex´ kleine Schachtel in ihre Hosentasche.
Sie mied seinen Blick als er hereinkam. Sie wollte nicht, dass er ihr verweintes Gesicht sah.
„Hey, Claire. Schau mal, ich hab hier jemanden für dich."
Er stellte eine Kiste vor ihr ab und öffnete das Türchen. Bella kroch langsam heraus. Sie trug einen Verband um die den Bauch. Ihre Verletzung hatte ihr schwer zugesetzt und sie war nicht mehr so aufgeweckt und wild wie sonst. Sie ging auf Claire zu und legte ihr ihren Kopf auf die Oberschenkel. Offenbar merkte sie sofort, dass es ihrem Frauchen nicht gut ging.
„Hey, mein Mädchen", sagte Claire und sie konnte sich sogar zu einem Lächeln überwinden. „Geht's dir wieder gut? Ich hab dich schon vermisst."
Sie kraulte Bella hinter den Ohren. Die Hündin sah sie aus traurigen Augen an. Sie verstand Claires Schmerz.
„Ich brauch dich wohl nicht zu fragen, wie es dir geht", sagte Chris. „Es tut mir so Leid."
„Ist schon gut", raunte Claire mit belegter Stimme. Eine neue Welle Tränen rann über ihr Gesicht.
Chris nahm sie vorsichtig in den Arm und drückte sie fest, um ihr zu zeigen, dass er sie verstand und für sie da war. Er hatte Alex Weskers Beziehung zu seiner Schwester stillschweigend hingenommen, doch insgeheim war er nicht einverstanden damit gewesen. Er hatte Angst um seine Schwester gehabt. Als er Claire jetzt so verzweifelt sah, überkam ihn Scham. Er hatte unterschätzt, wie viel ihr Alex wirklich bedeutet hatte und dass es tatsächlich ernst zwischen ihnen gewesen war. Sie wirkte so zerbrechlich und schwach, wie er sie noch niemals zuvor gesehen hatte.
Sie schmiegte sich an ihn wie ein kleines, verzweifeltes Kind und weinte bitterlich.
„Es tut mir so Leid", raunte er.
„Wie können ihn nicht einmal beerdigen", schluchzte Claire. „Es ist nichts mehr von ihm übrig."
„Ich weiß, ich weiß." Er strich ihr trostspendend über den Rücken.
„Warum hat er das gemacht?!", fragte Claire. „Wieso?! Das ist nicht fair! Warum Alex?"
„Er hat das für uns gemacht", sagte Chris behutsam. „Damit wir weitermachen können."
„Weitermachen? Mit was denn? Ohne Alex…"
„Hey, du darfst jetzt nicht aufgeben. Alex hätte sicher gewollt, dass du weiterkämpfst."
„Wir kämpfen schon so lang, Chris", sagte Claire bitter.
Er nickte nur. Die Geschwister saßen lange Zeit schweigend nebeneinander, Arm in Arm.
„Ich lasse Claire so ungern allein", sagte Chris, während er seine Pistole in seinen Gürtel steckte.
„Sie wird es schaffen, da bin ich mir sicher. Sie ist stark." Jill klopfte ihm auf die Schulter.
„Hast du gesehen, wie mies es ihr geht?"
„Ich war nicht bei ihr."
„Sie ist völlig fertig. Ich habe Angst um sie. Alex´ Tod hat sie schwer mitgenommen. Sie sitzt immer noch in seinem Zimmer und will nicht rauskommen."
Sie marschierten schweigend über das Rollfeld zu ihrem Flugzeug, dass sie nach Italien bringen sollte.
„Gib ihr Zeit. Sie hat ihn wirklich… Sie war echt glücklich mit ihm. Das erste Mal wieder seit ihrer Trennung. Es ist doch klar, dass es ihr schlecht geht."
„Ich hab das unterschätzt, wie nah sie sich gestanden haben", sagte Chris. „Ich wünschte, ich könnte irgendwas für sie tun." Er seufzte. „Hast du jetzt eigentlich diesen Schlüssel mitgenommen?"
„Ja. Helena hat ihn mir gegeben und gesagt, dass wir… Wir sollen halt sehen, ob er in diesem Anwesen irgendwo passt. Wie auch immer das gehen soll."
„Das ist doch Zeitverschwendung. Wir haben echt Wichtigeres zu tun, als uns mit einem alten Schlüssel herumzuschlagen. Das Ding ist so voller Rost, dass es halb auseinanderfällt."
„Helena meinte, dass es Wesker sehr wichtig war. Ich vertrau ihr einfach. Sie hat auch gesagt, dass Alex der Schlüssel irgendwie bekannt vorkam, also… Einen Versuch ist es doch wert und… wir haben ja sonst nichts anderes."
Chris starrte die meiste Zeit während des Fluges nur aus dem Fenster oder hatte die Augen geschlossen. Jill schlief einige Stunden. Sie waren müde und immer noch angeschlagen von ihrem Einsatz in Afrika.
Chris wusste nicht, was ihr Flug nach Italien bringen sollte. Er musste zugeben, dass er enttäuscht war. Er hatte darauf gehofft, dass O´Brian und Hunnigan mehr finden würden. Nach der katastrophalen Mission im Niger bedrückte ihn, dass sie nichts Konkretes hatten, nichts, das ihnen eine klare Richtung vorgab oder ihnen sagte, was als nächstes zu tun war. Es war frustrierend und kraftraubend, schon wieder nur im Dunkeln zu tappen und auf gut Glück, irgendeinen Ort aufzusuchen, in der Hoffnung, dort einen Hinweis zu finden.
„Bringen Sie uns da runter!", rief Chris über das Dröhnen der Rotorblätter hinweg, dem Piloten zu. Er deutete auf einen breiten Zufahrtsweg, der zu einem alten Anwesen führte.
„OK!" Der Pilot nickte und lenkte nach rechts, dann brachte er den Hubschrauber langsam nach unten. Er schaltete den Motor aus.
Chris und Jill stiegen aus. Kies knirschte unter ihren Stiefeln.
„Ich werde hier auf Sie warten!", sagte der Pilot.
„Alles klar. Ist das Anwesen überprüft worden?", fragte Chris.
„Nach Spencers Tod haben die italienischen Behörden es gründlich unter die Lupe genommen. Nichts Verdächtiges. Es war wirklich nur ein altes Haus. Ein Haufen staubiger Bücher werden Sie da drin finden."
„Keine Hinweise auf irgendwelche Experimente?"
„Negativ."
„OK, Chris. Sehen wir uns die Sache mal an."
„Wissen Sie nicht, wer es gekauft hat?", fragte Chris abschließend.
„Den Unterlagen zufolge, ein wohlhabender Anwalt aus Florenz, aber dann kam jemand, der es ihm für mehr als den doppelten Preis wieder abgekauft hat. Wir wissen nicht, wer der Kerl ist. Die Überprüfung seiner Identität hat ergeben, dass er einen falschen Namen und falsche Angaben benutzt hat."
Sie dankten dem Piloten und versprachen, ihn nicht zu lange warten zu lassen, dann schritten sie gemeinsam den langen Kiesweg entlang Richtung Haus.
Das Anwesen lag mitten in der Toskana umringt von sanften, grünen Hügeln und Weinbergen. Soweit sie sehen konnten, gehörten auch Ländereien mit einem Wald zum Grundstück. Vor dem Gebäude befand sich ein steinerner Brunnen, der allerdings außer Betrieb war. Das Becken war ausgetrocknet. Auf den Figuren, die allesamt Frauen in alter, römischer Kleidung mit Krügen darstellten, hatte sich Schmutz abgelagert.
Das Haus war im italienischen Stil gebaut. Die Wände waren in sanftem Gelb gehalten. An der Vorderseite befand sich ein Balkon mit einem schwarzen Metallgitter. Im Verhältnis zu den anderen Herrenhäusern, die sie bereits gesehen hatte, war dieses hier beinahe winzig und unscheinbar. Spencer war bei der Planung deutlich bescheidener vorgegangen als in den Arklay Mountains.
Man sah auf den ersten Blick, dass sich lange Zeit niemand um das Anwesen gekümmert hatte. Auf dem Kiesweg sprossen überall Gras und andere Pflanzen, die Mauern hätten neu gestrichen werden müssen, da stellenweise die Farbe und der Putz abbröckelten und Efeu wucherte über die Wände. Ein Baum hinter dem Haus war so wild gewachsen, dass ein schwerer Ast auf dem Dach auflag und die Ziegel beschädigt hatte.
Sie traten durch eine Flügeltür nach drinnen und zogen instinktiv ihre Pistolen. Mochte man auch bei Untersuchungen nichts entdeckt haben, Chris traute der Ruhe nicht. Dafür hatte er zu prägende Erfahrungen mit alten, verlassenen Herrenhäusern gemacht.
Die Eingangshalle war gefliest. Ein breiter, roter Teppich war vor ihnen ausgerollt. Er führte eine Treppe hinauf, die links und rechts in eine Balustrade mündete. Dicke, weiße Säulen aus Marmor hielten die Balustrade. Links und rechts gab es jeweils eine Tür.
„Kommt mir irgendwie bekannt vor", bemerkte Chris und steckte seine Waffe in das Halfter zurück.
„Was meinst du, teilen wir uns auf?", fragte Jill. „Wir haben ja eine Karte."
Die italienischen Behörden hatten ihnen für die Untersuchung einen Umrissplan des Gebäudes zukommen lassen. Das Anwesen war überschaubar. Im Erdgeschoss und dem ersten Stock gab es nur ein paar wenige Zimmer. Der Keller bestand aus einem Wein- und Lebensmittellager.
„Nein, es ist ja nicht so groß hier", meinte Chris.
Sie untersuchten zuerst ein Esszimmer und die Küche, dann einen Salon. In den Weinkeller warfen sie nur einen kurzen Blick. Nach einer knappen Stunde hatten sie damit das Erdgeschoss bereits abgedeckt. Bis auf Staub und Spinnweben, die sich auf alten Möbeln gebildet hatten, konnten sie nichts Außergewöhnliches finden.
Sie kehrten in die Eingangshalle zurück und schritten die breite Treppe in den ersten Stock hinauf. Chris´ Zuversicht, dass sie hier irgendeinen noch so kleinen Hinweis auf Elliot finden würfen, war zusammengeschrumpft. Er hatte gute Lust, den Einsatz abzubrechen und wieder nach Hause zu fliegen. Jill musste seine Gedanken auf seinem Gesicht gelesen haben, denn sie sagte:
„Hey, noch ist nicht aller Tage Abend. Wir haben noch das obere Stockwerk anzuschauen. Also besteht noch Hoffnung darauf, dass wir etwas finden."
„Meinst du? Ich bin skeptisch. Du siehst doch, wie es hier aussieht. Hier war seit Jahrzehnten niemand. Wer auch immer es gekauft hat, kümmert sich nicht darum. Wenn es wirklich Elliot war, dann…"
„Jetzt warte doch mal ab", sagte Jill und zog den Schlüssel aus ihrer Tasche. Er war voller Rost und ihre Finger waren sofort braun und schmierig.
„Was erwartest du in vier Zimmern zu finden, Jill?", fragte Chris skeptisch.
Im oberen Geschoss gab es ein kleines Wohnzimmer und drei kleine Schlafzimmer. In den letzteren standen die Wände voller Regale mit Büchern und sie verstanden die Bemerkung des Piloten, dass sie nur staubige Bücher finden würden.
In dem Wohnzimmer fand sich eine Couchgarnitur um einen niedrigen Steintisch. Bilder, die Ausschnitte aus der römischen Mythologie zeigten, zierten die Wände. Die Farbe war trocken und rissig geworden und verblichen. Die Gemälde hatten restauriert werden müssen. Die Vorhänge vor den Fenstern waren staubig, die Fensterscheiben schmutzig.
Es roch überall muffig und die Luft war abgestanden. Die Böden waren alle mit Teppich ausgelegt, der kleine Staubwolken ausspie, als sie darüber schritten.
Sie trennten sich, um die drei Zimmer schneller durchsuchen zu können. Chris war gerade dabei, Schreibtischschubladen näher zu begutachten, als Jill ihn zu sich rief.
„Sieh mal, was ich hier gefunden habe!" Sie hielt ein altes vergilbtes Papier hoch. „Das ist ein Brief!"
„Wo hast du den her?", fragte Chris, erstaunt, weil er den Namen Spencer darauf erblickte.
„Ich war in dem Zimmer gleich nebenan und da fiel mir das Fensterbrett auf. Es war irgendwie komisch, es lag nicht richtig in seinem Rahmen drin. Als ich hin bin und es untersucht habe, fiel mir auf, dass man es herausnehmen kann. Darunter war ein Hohlraum in der Wand. Heraus kam das dort." Sie deutete auf eine Kiste auf dem Schreibtisch. „Da sind lauter Briefe drin, die Spencer mit einem gewissen Dr. William Wesker geschrieben hat."
„William Wesker?!", fragte Chris alarmiert.
„Erinnerst du dich wie wir in Spencers Anwesen in England diese seltsamen Dinge über die Wesker- Kinder gefunden haben? Soweit ich das richtig verstanden habe, hat William Wesker das sogenannte Projekt Wesker geleitet. Ursprünglich müssen mehrere hundert Kinder daran beteiligt gewesen sein. Auch…"
„Albert und Alex."
Jill nickte. „In diesen Briefen erkundigt sich Spencer über den Verlauf des Projekts. Albert und Alex werden auch desöfteren erwähnt, weil sie unter den anderen Kindern herausstechen. Dieser letzte Brief hier ist aber besonders interessant. Lies selbst."
„24.11.1969
William, nach dem gescheiterten Experiment halte ich es nicht für klug, die Unterlagen noch weiter hier aufzubewahren. Sollte doch etwas nach außen gedrungen sein, wäre es zu riskant, alles hier bei mir zu haben. Ich lasse alles in mein Haus in Italien bringen, dort ist es sicher. Niemand weiß von dem Anwesen dort und da ich den Schlüssel immer bei mir trage, kann sich niemand unbefugt Zutritt verschaffen.
Ich bedauere sehr, was passiert ist, aber ich wurde nicht enttäuscht. Albert und Alexander zeigen erstaunliche Ergebnisse.
Wir machen wie geplant weiter. Die Kinder werden nach der Prozedur in die Heime gebracht. Sie dürfen nichts davon wissen, was geschehen ist. Sie müssen getrennt werden. Ich verlasse mich auf Sie, William."
„Was soll das bedeuten, Unterlagen wurden hierher gebracht? Was meinte Spencer damit?"
„Das habe ich mich auch gefragt", sagte Jill. „Wir müssen die Zimmer hier nochmal gründlich absuchen. Irgendwo muss es etwas geben."
Sie suchten eine weitere Stunde jeden Winkel der drei Zimmer ab, leerten jede Schublade aus, sahen unter die Betten, die Schränke untersuchten sogar die Dielen unter den Teppichen, aber wurden nicht fündig.
„Das gibt's doch nicht! Wo könnte man hier Unterlagen verstecken?", fluchte Chris leise vor sich hin.
„Wenn sie über dieses Wesker- Projekt gehen, dann… Das müssen ja dicke Aktenberge sein, wenn es hunderte Kinder waren", meinte Jill. Sie stand in der Mitte des Raumes und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. „Wo also…"
Ihr Blick fiel auf einen alten Schrank. Ein paar mottenzerfressene Anzüge hingen darin. Sie hatte vorhin kurz hinauf geschaut, aber nichts entdecken können, aber sie hatte das Gefühl, etwas übersehen zu haben. Nachdenklich schob sie die Kleidungsstücke beiseite und besah sich die Rückwand.
„Meinst du, da ist etwas drin?", fragte Chris.
„Ich weiß nicht, irgendwas stört mich hier."
Sie klopfte vorsichtig mit der Faust gegen die hölzerne Wand. „Das klingt doch irgendwie hohl, oder? Da ist auf jeden Fall keine Mauer dahinter. Hilf mir mal schnell."
Sie schoben zusammen den Schrank von der Wand weg. Eine rechteckige Vertiefung, etwas kleiner als der Schrank, sodass sie von ihm verdeckt wurde, kam zum Vorschein. In der Mitte befand sich ein Schloss.
„Ich wusste es!", rief Jill triumphierend. Sie sah ihren Verlobten an. „Versuchen wir´s?"
„OK."
Sie steckte den alten Schlüssel, den Helena ihr gegeben hatte, vorsichtig in das Schloss und drehte herum. Er passte. Ein leises Klicken aus dem Inneren der Mauer war zu vernehmen, dann schob sich die Tür zur Seite und gab einen Durchgang frei.
Sie brauchten ihre Taschenlampe, um etwas sehen zu können.
Sie fanden sich in einem kleinen, schmalen Raum wieder, dessen Wände mit einfachen Regalen zugestellt waren. Die Regale waren besetzt mit allerlei Kartons. Jill und Chris fühlten sich beinahe an das Archiv im Raccoon City Police Department erinnert.
„Kannst du lesen, was da draufsteht?", fragte Chris. Er musste im Zimmer bleiben, weil der Raum zu eng für zwei Personen war. Jill sah sich um und leuchtete mit ihrer Taschenlampe auf die Etiketten der Kisten.
„Ja. Chris das ist ein Megafund."
„Wieso? Was ist da?!"
„Das sind die ganzen Akten aus dem Wesker- Projekt, angefangen von der Planung über die Entführung der Kinder, bis zu den genauen Details über die Experimente, die man mit ihnen gemacht hat." Ihre Augen weiteten sich plötzlich. „Chris, das ist…"
Sie nahm ihre Taschenlampe in den Mund, um beide Hände freizuhaben, und holte eine Kiste aus den frühen 60er Jahren aus dem Regal.
„Was ist es Jill?"
Sie nahm wieder ihre Taschenlampe, öffnete die Kiste und durchsuchte die obersten Papiere. „Warte kurz. Das darf ja nicht wahr sein! Das sind Profile über die Kinder, die man entführt hat! Ihre richtigen Namen, wo sie gelebt haben, ihre Familien, alles. Es war kein Zufall, dass man Albert und Alex entführt hat. Alle Kinder kamen aus Familien mit besonders intelligenten Eltern. Forschersöhne und Professorentöchter… Chris, nachdem Wesker diesen Schlüssel aus dem Simmons- Anwesen hat, kann es gar nicht anders sein, als dass entweder „Die Familie" oder Elliot selbst dieses Haus gekauft haben. Und offenbar wussten sie, was sie hier finden würden."
„Findest du was über die beiden Wesker?"
„Spontan leider nicht. Chris, sag dem Piloten Bescheid. Wir nehmen das Ganze Zeug mit nach Amerika. Offenbar ist die Akte Umbrella noch nicht ganz geschlossen."
„Du willst alles mitnehmen?!"
„Und untersuchen, ja."
Chris seufzte und ließ sich widerwillig von seiner Verlobten überreden.
