Leon S. Kennedy 1977: Natürlich macht Albert Alex´ Tod zu schaffen, aber er würde es nach außen nicht zugeben. Innerlich hat er schon zu kämpfen. Es wird tatsächlich ein paar Einblicke in das Wesker- Projekt geben, aber leider erst in einem späteren Kapitel. :) Sei gespannt.

Alexa- Wesker: Infos über das Wesker- Projekt kommen etwas später, noch etwas Geduld. :) Für Albert ist es wirklich ein sehr fremdes Gefühl, jemanden verloren zu haben. Erst jetzt, wo er Alex verloren hat, wird ihm klar, dass er ihm viel bedeutet hat.


Jill und Chris hatten die dutzenden Kartons in Jills Büro gebracht und der kleine Raum war nun bis oben hin vollgestellt.

„Willst du diese ganzen Akten etwa durcharbeiten?", fragte Chris, der die Hoffnung hatte, seine Verlobte würde zur Vernunft kommen. Sich durch alle Kisten systematisch durchzuarbeiten, konnte Wochen dauern und viele schlaflose Nächte kosten.

„Ja, früher oder später, werde ich mich dransetzen", meinte Jill und seufzte beim Anblick der aberhundert Dokumente. „Aber erst, wenn wir Elliot ausgeschaltet haben. Jetzt haben wir Wichtigeres zu tun."

„Erzählen wir den anderen davon. Ich meine… Wesker?"

„Nein, ehrlich gesagt, möchte ich es ihm nicht sagen", sagte Jill entschieden. „Ich will erst wissen, was da drin steht, bevor ich irgendwas sage. Wer weiß, was ich entdecken könnte. Ich behandle das mit Diskretion, bis ich näheres weiß."

„Das klingt vernünftig", sagte Chris. „Gehen wir zu den anderen. Sehen, ob die was gefunden haben."


„Habt ihr in Italien irgendwas Brauchbares gefunden?", wollte Leon wissen. Alle in der Runde musterten Chris und Jill erwartungsvoll.

„Leider nein", sagte Chris und ein enttäuschter Ausdruck trat auf ihre Gesichter. „Ich wünschte, es wäre anders, aber… Diesmal war es wirklich nur ein ganz gewöhnliches Herrenhaus, ohne besondere Vorkommnisse. Ein Haufen alter, staubiger Bücher war dort. Das Haus war auch nicht sonderlich groß und seit Jahrzehnten hat sich keiner darum gekümmert."

„Super", sagte Leon. „Was machen wir jetzt? Denn wir sind auch nicht so wirklich weitergekommen."

„Also, wir haben uns in eurer Abwesenheit nochmal mit den ganzen Daten beschäftigt, die wir aus der Forschungsanlage mitgenommen haben", wandte Rebecca ein. „Elliot hatte ja geplant, zuerst Afrika zu infizieren. Zumindest das haben wir ja mit dem Einsatz verhindern können. Das wird ihn weit zurückgeworfen haben." Sie räusperte sich. „Danach wollte er sich Süd- und Südostasien und China vornehmen, die Regionen auf der Welt mit den zwei bevölkerungsstärksten Gebieten. Erst danach Südamerika und dann die USA, Kanada, Australien und Europa. Die Daten, die dafür angesetzt waren, liegen noch in einiger Entfernung. Nach der Vereitelung seines Planes in Afrika haben wir uns glücklicherweise ein Zeitfenster verschafft."

„Sofern er jetzt nicht alles umwirft und…", entgegnete Jill.

„Das halte ich nicht für wahrscheinlich", sagte Ada. „Afrika war strategisch enorm wichtig für ihn. Nachdem das misslungen ist, muss er von vorne anfangen."

„Das denke ich auch, außerdem ist die Firma durch den Vorfall jetzt verstärkt in den Medien. Er kann nichts riskieren", fuhr Rebecca fort. „Davor waren sie ja… ziemlich unauffällig und haben sich sehr im Hintergrund gehalten, aber jetzt ist alle Aufmerksamkeit auf ihnen. Wenn die Medien vielleicht auf irgendwas Seltsames stoßen, dann ist sein ganzer Plan in Gefahr, weil dann Behörden die Firma auf dem Kieker haben wird. Das irgendjemand anfängt zu wühlen und vielleicht doch einen Fleck auf der sauberen Weste von AquaSystemTex findet, das kann er sich nicht erlauben."

„Das Problem ist aber, dass uns durch diesen Vorfall ebenfalls die Medien und eventuell die Behörden auf dem Kieker haben werden", sagte Chris säuerlich.

„Deshalb sollten wir erst mal Abstand von allen Ermittlungen rund um AquaSystemTex nehmen", sagte Rebecca. „Wir müssen sie in Ruhe lassen, denn momentan…"

„Sie haben es ja bereits durch ihre kluge Strategie geschafft, die B.S.A.A. in Misskredit zu bringen", meinte Chris verärgert. „Und sich selbst als Opfer darzustellen!"

„Ja, deshalb müssen wir uns jetzt zurückhalten, sonst verlieren wir jede Glaubwürdigkeit."

„Gegen die Firma haben wir prinzipiell nichts in der Hand", sagte Jill. „Wenn wir nicht dem halben Vorstand sowas wie Drogenhandel oder Kinderpornografie nachweisen können, dann sehe ich schwarz. Wir können sie nicht greifen. Sie haben jetzt die Öffentlichkeit auf ihrer Seite."

„Was mich genau zu dem Punkt zurückbringt, den ich eigentlich ansprechen wollte", sagte Rebecca und lächelte. „Wir müssen uns mehr auf Elliot selbst konzentrieren. Die Firma ist nur das Werkzeug in seiner Hand."

„Das haben wir ebenfalls schon erfolglos versucht, Rebecca", sagte Chris. „O´Brian und Hunnigan haben nichts über ihn gefunden. Er ist wie ein Phantom."

„Tja, vielleicht nicht über ihn, aber über seinen berühmten Vater sehr wohl."

„Elliot hasst seinen Vater", warf Piers ein. „Wisst ihr nicht mehr, was die beiden Wesker gesagt haben? Elliots Mutter wurde von Spencer vergewaltigt und danach hat er seinen Sohn auch noch verleugnet und war sich keiner Schuld bewusst. Er wollte seinen Sohn töten lassen! Was würdet ihr denn tun?"

„Darauf will ich hinaus. Entweder wünscht er seinem Vater nur das Schlimmste und will nie etwas mit ihm zu tun haben, oder…", Rebecca machte eine theatralische Pause, „oder er versucht gezielt mit seinem Vater Kontakt aufzunehmen und geht seinem Ursprung nach."

„Gut, wir wissen, dass er Anspruch auf die Firma erhoben hat. Das war ja die Nacht, als Wesker das Gespräch mit angehört hat", sagte Chris, der sich immer noch nicht sicher war, auf was Rebecca hinaus wollte.

„Genau. Elliot machte seine Not zu einer Tugend. Er mochte das Ergebnis einer unglücklichen Verbindung sein, aber sein Vater war ja niemand geringerer als Oswell E. Spencer persönlich, der eine florierende Firma hatte, die er auf keinen Fall in den Händen von irgendjemandem, erst recht nicht in denen seines illegitimen Sohnes, sehen wollte. Was wäre für Spencer eine größere Demütigung, als wenn Elliot sich seinen Besitz unter den Nagel reißen würde? Mal abgesehen davon, war die Forschung von Dr. Markus mit Sicherheit interessant für ihn und seine Pläne."

„Aber die Firma gibt es nicht mehr", warf Leon skeptisch ein. „Und das ganze Geld kam Opfern und Hinterbliebenen zugute. Ebenso der Besitz von Spencer."

„Da bin ich mir nicht so sicher", fuhr Rebecca fort. „Das Haus in Italien, das Jill und Chris untersuchen sollten, fiel doch auch nur deswegen auf, weil jemand es dem Käufer nochmal abgekauft hat."

„Ja."

„Ich habe mir die Recherchen von O´Brian und Hunnigan angeschaut und noch ein wenig weiter geforscht."

Sie tippte auf ihrem Computer und schloss ihn an den großen Bildschirm an, sodass sie alle sehen konnten, was sie gefunden hatte.

„Spencers Vermögen kam wie schon gesagt vor allem Wohltätigkeitsorganisationen zugute oder auch uns und TerraSave. Spencers Immobilienbesitz wurde hauptsächlich versteigert oder direkt verkauft, wobei der Erlös ebenfalls für wohltätige Zwecke genutzt wurde."

Sie rief eine Datei auf. „Spencer hatte in Nordamerika sechs Anwesen, wenn man die Trainigseinrichtung für die Praktikanten in den Arklay Mountains dazurechnet. Davon waren die meisten nur Sommerhäuser, eines an der Westküste, eines an der Ostküste und eines im Süden. Dazu kam das Herrenhaus in den Arklay Mountains, das die meisten von uns ja gut in Erinnerung haben dürften. Das letzte wurde nie fertiggestellt. Angeblich war es eine Idee des Architekten George Trevor, aber es blieb nur ein Grundgerüst und wurde abgerissen. Die Anwesen sind heute im Besitz von reichen Leuten, also die, die es noch gibt."

„Rebecca, was wollen Sie uns sagen?", fragte Sheva halb belustigt.

„Ich habe Hunnigan gebeten, mir die Unterlagen rauszusuchen, wer damals als vorübergehender Verwalter eingesetzt wurde, um die Angelegenheiten um Spencers Besitztümer zu regeln. Der Mann heißt Clarke Madsen."

Sie tippte und rief die entsprechende Datei auf, sodass sie das Bild des Mannes sehen konnten.

„Hunnigan hat mir erlaubt, ihn zu kontaktieren und zu befragen. Was soll ich sagen… als ich die Häuser erwähnt habe, verhielt er sich sehr verdächtig, sodass wir schließlich etwas tiefer gegraben haben. Er musste uns notgedrungen, die alten Dokumente von damals zur Verfügung stellen. Spencer mag offiziell nach außen sechs Anwesen gehabt haben, in Wirklichkeit waren es aber sieben."

„Sieben?"

„Ja. Glücklicherweise hat Mr. Madsen relativ unproblematisch ausgepackt. Er hat zugegeben, dass er die Existenz des siebten Anwesens bewusst verschleiert hat. Er wird sich vor Gericht verantworten müssen."

„Rebecca, nicht, dass das nicht interessant ist, aber was hilft uns das jetzt weiter?", fragte Helena. „Wir brauchen schon etwas Konkreteres."

„Moment, ich bin ja noch nicht fertig", fuhr Rebecca fort. „Madsen hat ausgesagt, dass ihm jemand Geld bezahlt hat, damit er die Dokumente unterschlägt. Angeblich soll diese Person großes Interesse an diesem Anwesen gezeigt haben. Er konnte sich sogar noch an die Worte des Käufers erinnern: Das Haus ist die Verbindung zu meinen Wurzeln, deshalb muss ich es haben."

„Elliot könnte damit Bezug auf seinen Vater genommen haben", meinte Leon. Ada nickte.

„Warum? Warum ist es so besonders?", fragte Helena. „Wäre denn nicht das Anwesen in den Arklay Mountains interessanter gewesen? Es wurde ja zerstört, aber… Dort wurde immerhin an dem T- Virus gearbeitet."

Rebecca rief eine Karte auf, in der das Anwesen verzeichnet war. „Es befindet sich an der kanadischen Grenze. Es ist sehr alt, seit Jahrzehnten kann niemand dort gewesen sein. Es ist auch Spencers ältestes Anwesen in Nordamerika."

„Es ist das Haus, in dem Alex und ich aufgewachsen sind."

Alle Köpfe wandten sich zur Tür. Albert Wesker stand dort und trat langsam in den Raum.

„Hey, du bist wach!", sagte Helena voller Freude. „Wie geht's dir?"

Wesker trug wie üblich seine Sonnenbrille. Er war ganz in schwarz gekleidet und trotz der warmen Temperaturen trug er lange Ärmeln. Seine Miene war wie versteinert als er sprach. Er hatte die Arme verschränkt und klang gleichgültig. Chris fiel auf, dass er sich seltsam steif bewegte, so als hätte er Schmerzen in der Hüfte oder im Rücken.

„Was hast du gesagt?", fragte Jill.

„Es ist das Haus, in dem Alex und ich aufgewachsen sind. Und vermutlich hat Spencer dort seine Pläne zum Progenitor- Virus entwickelt. Eventuell hat er sogar dort seine ersten Forschungsschritte unternommen. Es würde mich nicht wundern, wenn Elliot dieses Haus ausgewählt hätte. Es muss eine gewisse… symbolische Bedeutung für ihn haben."

„Meinst du wirklich?", fragte Helena. „Könnte er Madsen erpresst und das Anwesen unterschlagen haben? Aber was hätte er sich davon versprechen sollen?"

„Wie Ms. Chambers ja erläutert hat, ist es Spencers erstes und ältestes Anwesen in Nordamerika. Und nachdem es lange ein Zuhause für Alex und mich war, muss es für Elliot eine wichtige Bedeutung haben. Wir haben dort all das erfahren, was eigentlich ihm als Spencers richtigem Sohn zugestanden hätte. Als wir gegen ihn kämpften, sagte er, dass sein Vater uns mehr geliebt hätte, als seinen eigenen Sohn. Er wurde sehr wütend darüber. Spencer nachträglich so zu demütigen, indem er sich ausgerechnet dieses Haus aussucht, würde Elliot sehr ähnlich sehen. Vielleicht möchte er, dass Sherrys Zwillinge dort aufwachsen."

„Das würde einleuchtend klingen", sagte Ada. „Aber hältst du Elliot für so berechenbar?"

„Keineswegs, er ist ein sehr unberechenbarer Mensch. Das macht ihn auch so gefährlich. Aber in einem einzigen Punkt ist er äußerst empfindlich und… sehr berechenbar. In Bezug auf seine Herkunft und Spencer."

„Hast du dich schon mit dem Haus weiter beschäftigt? Weißt du, was passiert ist danach?", fragte Jill an Rebecca gewandt.

Diese verneinte. „Nein, alles, was ich weiß, ist das, was ich gerade gesagt habe. Ich habe keine Ahnung, was mit dem Haus geschehen ist. Es wäre eine sehr gute Erklärung, dass Elliot das Haus irgendwie benutzt, aber… Natürlich müssten wir das genauer untersuchen."

„Wesker, kennst du das Haus gut? Kannst du uns hinführen?", fragte Chris.

„Ich denke schon. Alex und ich hatten zwar alles aus dieser Zeit vergessen, aber… Wenn wir die Koordinaten kennen…"

„OK, ich spreche mit O´Brian. Danke, Rebecca, gute Arbeit", sagte Chris.

Sie lächelte verlegen und ihre Wangen färbten sich rosa.

„Wesker, ich würde gerne mit dir reden", sagte Chris. „Könntet ihr anderen uns bitte allein lassen?"

Die beiden Männer warteten, bis alle den Raum verlassen hatten. „Ich warte auf dich", sagte Helena, dann schloss sie als letzte die Tür hinter sich.

Chris wusste nicht richtig, was er sagen sollte und vor allem wusste er nicht, ob er sich nicht gleich zum größten Idioten machen würde. Er sagte sich immer wieder, dass es nicht um ihn ging, sondern um seine Schwester. Wesker hob hinter seiner Sonnenbrille eine Augenbraue und wartete. Chris entschloss sich, zuerst einen anderen Einstieg in das Gespräch zu suchen.

„Wir haben deinen Schlüssel mit nach Italien genommen."

Wesker horchte sofort auf.

„Allerdings… ähm…" Es behagte Chris nicht, dass er lügen musste. „Er passte zu einer Geheimtür, aber… Es war nichts Brauchbares für uns dahinter. Es war einfach nur ein Raum mit Papierkram, irgendwelche Umbrella- Unterlagen, die Spencer wohl vor den Behörden versteckt hat." Es war keine Lüge, aber es war auch nicht die ganze Wahrheit. „Nichts, was uns in unserem Fall weiterbringt."

Wesker sagte nichts, aber ihm war anzumerken, dass seine Hoffnung enttäuscht worden war. Sie standen einige Momente schweigend da, dann entschloss sich Chris, ins kalte Wasser zu springen.

„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber… Tut mir sehr Leid, was mit Alex passiert ist."

Weskers Gesicht entspannte sich ein wenig. Er nickte.

„Ich würde dich gerne um etwas bitten."

„Mich um etwas bitten?", fragte Wesker verwundert.

„Ja. Ich möchte, dass du zu Claire gehst und mit ihr redest. Sie sitzt immer noch im Alex´ Zimmer und…" Chris holte tief Luft. „Ich mach mir große Sorgen um sie und ich glaube, dass sie jetzt jemanden braucht, der sie versteht. Ich meine, wirklich versteht. Könntest du das bitte tun?"

„Ich werde sehen, was sich machen lässt", sagte Wesker schlicht, dann ließ er Chris allein im Konferenzraum zurück.


Vor der Tür traf er Helena wieder, die auf ihn gewartet hatte. Sie lächelte ihn an.

„Ich bin froh, dass du wach bist und… zu uns gekommen bist. Wie geht's dir denn?", fragte sie sofort.

„Es könnte schlimmer sein", sagte Wesker, worauf Helena die Augen verdrehte.

„Das war eine typische Wesker- Antwort, oder?"

„Ich habe noch Schmerzen, wenn es das ist, was du hören willst."

„Hat das, was Rebecca gemacht hat, geholfen?"

„Ja."

„Was wollte Chris von dir?"

„Ich soll zu seiner Schwester gehen und mit ihr reden", sagte Wesker und seufzte. „Sie soll die ganze Zeit in Alex´ Zimmer gesessen haben und möchte nicht herauskommen."

„Mach das, das ist keine schlechte Idee. Vielleicht erreichst du mehr, als Chris und die anderen."


Claire lag zusammengerollt auf Alex´ Bett und starrte in den leeren Raum. Am Boden lag ihre Hündin, die ihr die letzten Tage nicht von der Seite gewichen war. Ab und zu wanderte Claires Hand über den Rand des Bettes nach unten, um zu sehen, ob Bella wirklich noch da lag. Es war angenehm, ein anderes Lebewesen bei sich zu haben, das keine Fragen stellte, sondern einfach nur da war.

Claire kraulte Bella gerade über den Rücken, als diese ihre Ohren spitzte und den Kopf hob. Draußen vor der Tür waren Geräusche zu hören. Bella erhob sich und lief zur Tür. Es klopfte.

Claire stemmte sich hoch und rief ihren Hund zu sich. Sie rechnete schon mit ihrem Bruder, umso überraschter war sie, als kein geringerer als Albert Wesker eintrat.

„Ich hoffe, ich störe nicht", sagte er ungewöhnlich sanft.

Claire schüttelte den Kopf. Bella lief vergnügt und aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd auf Wesker zu. Er streichelte sie zögerlich. Der Hund trug einen Verband, wo man ihn angeschossen hatte.

„Sie scheint dich ja richtig zu mögen", bemerkte Claire.

Chris´ Schwester sah nicht gut aus. Ihr Gesicht war verweint. Ihre Haare waren strähnig und ungekämmt. Man sah, dass es ihr nicht gut ging und dass sie traurig und niedergeschlagen war. Wesker hatte keine Idee, was er sagen sollte. Er war nicht gut in solchen Dingen und fühlte sich verloren.

„Was machst du hier?", fragte Claire. „Wie komme ich denn zu der Ehre?"

„Chris hat mich geschickt", sagte Wesker.

Ein erstaunter Ausdruck trat auf Claires Gesicht. „Chris hat dich zu mir geschickt? Und du machst, was er sagt? Den Tag sollten wir im Kalender anstreichen."

Sie erhob sich vom Bett und zog sich ein dünnes, langärmliges Shirt an. Sie hatte ihm den Rücken zugedreht und er erkannte auf der Haut ihrer linken Schulter eine kleine Narbe. Es rührte an etwas in seinem Gedächtnis.

„Was ist das?", fragte er und tippte die Stelle vorsichtig mit dem Finger an. Claire erstarrte für einen Moment.

„Rockfort Island. Weißt du nicht mehr, unser Zusammentreffen? Du hast mich mit dem Fuß auf den Boden gedrückt und… ein spitzer Stein hat sich in meine Schulter gebohrt. Ist nicht mehr schlimm… Es ist verheilt."

Wesker stand etwas hilflos da. Ja, er hatte ihre Begegnung lebhaft vor Augen. Er bereute seine Taten von damals nicht, dennoch wusste er, dass er heute anders handeln würde.

„Wie geht's dir?", fragte Claire. Nachdem sie ihr Shirt übergezogen hatte, blieb sie mit dem Rücken zu ihm stehen. Sie wich seinem Blick aus.

„Ich weiß es nicht. Ich glaube, die Frage ist eher, wie es dir geht, oder?"

Sie lachte leise auf, sagte aber nichts. Wesker ließ sich langsam auf ihrem Bett nieder. Die Schmerzmittel, die Rebecca ihm gegeben hatte, wirkten zwar, doch seine geprellte Hüfte und angeschlagene Wirbelsäule schränkten ihn in seinen Bewegungen ein. Sich zu setzen stellte ihn momentan vor Herausforderungen.

„Weiß nicht."

„Du kannst dich nicht ewig in diesem Zimmer einsperren", sagte Wesker ernst.

Sie schnaubte verächtlich. Als sie sich zu ihm drehte, sah er wie ihr Tränen übers Gesicht liefen. „Was soll denn sonst sein? Sag mir, was ich tun soll?"

„Ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst", sagte Wesker langsam und wohl bedacht. „Ich weiß nur eines, wir müssen immer noch Sherry befreien und… Sie wird nicht zurückkommen, wenn du nur hier allein in diesem Zimmer sitzt. Ich bin mir sicher, Alex würde dasselbe sagen."

„Wenn du so schlau redest, dann… Sag mir doch auch, wie es ohne ihn weitergehen soll?" Eine neue Flut von Tränen rann über ihre Wangen und ihre Stimme zitterte. „Was soll ohne ihn werden? Wir haben doch nichts."

Wesker wollte etwas sagen, aber er konnte ihr nicht widersprechen.

„Ich weiß nicht, was ohne ihn werden soll", schluchzte Claire laut. „Ich kann das alles nicht mehr ertragen!" Mit dem Ärmel wischte sie sich die Tränen vom Gesicht. „Ich dachte, ich… könnte endlich mal glücklich sein, aber…"

Wesker fühlte sich schrecklich hilflos, wie sie vor ihm stand und weinte. Es erinnerte ihn vage an seine Trennung von Anna und er verspürte das starke Bedürfnis, aus dem Raum zu flüchten.

„Kannst du ihn nicht wieder lebendig machen? Wie er dich wieder lebendig gemacht hat?"

„Nein, ich fürchte nicht."

„Dann… Was hat das denn noch alles für einen Sinn?", meinte Claire verzweifelt.

„Ich verstehe, dass dir Alex sehr viel bedeutet hat. Und genau deswegen müssen wir nach vorne sehen. Ich fürchte, jetzt ist nicht die Zeit, um zu trauern", sagte Wesker. „Alex war immer ein Mensch, der… versucht hat, zuversichtlich zu sein, egal wie schwierig die Umstände auch waren. Die ganze Zeit über hat er auf ein Ziel hingearbeitet, nämlich seine Tochter wiederzusehen. Er hat nicht aufgegeben."

„Doch, das hat er", widersprach Claire. „Willst du wissen, was er zu mir gesagt hat, bevor er starb?"

Wesker nickte.

„Er sagte, er hätte versagt. Dass er es nicht geschafft hat, seine Familie zu beschützen. Er hatte aufgegeben, weil er wusste, dass er keine Chance mehr hatte. Er hat auch gesagt, dass ich auf Faith aufpassen soll. Aber wie soll ich das alles machen? Wir wissen doch nicht, wo sie ist! Und wir wissen auch nicht, wo Sherry ist! Wir wissen gar nichts!"

„Das hat er nicht", entgegnete Wesker. „Er hat nicht aufgegeben. Dank Alex konnten wir Elliots Pläne vereiteln. Er hat das für uns getan. Er hat uns das Leben gerettet, damit wir weitermachen können. Er würde es nicht wollen, wenn du so redest."

Sie sah auf den Boden. Sie schniefte und schluchzte.

„Dann weißt du ja jetzt auch bestimmt, was wir als nächstes tun sollen, oder?", fragte sie sarkastisch.

„Wenn du jetzt aufgibst, dann war Alex´ Tod umsonst", sagte Wesker hart. „Er hat dir eine Aufgabe gegeben. Und wir müssen Sherry befreien. Also reiß dich verdammt noch mal zusammen!"

„Ist dir sein Tod egal?! Lässt dich das völlig kalt?! Du hast dich gar nicht verändert!"

Sie sah ihn entrüstet und wütend an, weil er sie in solch harschem Ton angefahren hatte, aber Wesker war bereits auf halbem Weg aus dem Raum gerauscht.


Er hielt erst an, als er seine eigene Zimmertür hinter sich zugeschlagen hatte. Erschöpft lehnte er sich gegen die Tür und atmete tief durch. Er bereute augenblicklich, was er getan hatte. Er hätte Chris´ Bitte niemals nachkommen dürfen. Es war ein großer Fehler gewesen, Claire aufzusuchen. Er hätte sich ohrfeigen können. Ihre Worte klangen noch in seinen Ohren.

Ließ ihn Alex´ Tod wirklich kalt? In seinem Inneren fühlte er nichts und die trübe Stimmung und die Blicke, die ihm alle zuwarfen, widerten ihn an. Das bedeutete aber nicht, dass es ihm egal war, dass Alex gestorben war. Der Vorwurf war ungerecht. Er versuchte nur, irgendwie weiterzumachen. Irgendwie… Vermutlich versuchte er nur gerade irgendwie, nicht den Verstand zu verlieren.

Nach seinem Gespräch mit Claire Redfield war ihm schlagartig etwas klargeworden. Alex Wesker war tot, nicht mehr da. Und er würde auch nicht mehr zurückkommen. Wesker hatte sich das nur im ersten Moment nicht klarmachen können. Nachdem sie Afrika verlassen hatten, war er in einen Zustand der inneren Leere verfallen. Alles in ihm war wie betäubt gewesen. Er war in sein Zimmer geflüchtet und hatte sich mit Medikamenten zugedröhnt, nur um nicht wahrnehmen zu müssen. Aber er konnte nicht vor der Wahrheit davon laufen.

Alex Wesker war unwiederbringlich tot und würde nie wieder sein. Wesker verstand auf einmal, warum Claire so verzweifelt war. Wie sollte es ohne Alex weitergehen? Das war eine berechtigte Frage. Ohne ihn wären sie niemals so weit gekommen. Er hatte Albert mehr als einmal geholfen. Ohne seine großartige Arbeit wer wusste schon, wo sie jetzt stünden?

Wesker wurde bewusst, dass er allein niemals diese Leistungen hätte vollbringen können. Alex war viel besser als er gewesen.

Wie gut hatte er Alex eigentlich gekannt? Erschreckend wenig. Sie wussten fast nichts voneinander und hatten ihre gemeinsame Zeit vergessen, doch Wesker hatte trotzdem das Gefühl, ein Teil von ihm wäre nicht mehr da.

Er legte sich schlafen, doch diesmal hatte er Alpträume.


„Claire!"

Chris erhob sich sofort von seinem Stuhl. Auch Jill sah auf.

„Wie geht's dir?"

„Den Umständen entsprechend, würde ich sagen", meinte Claire schulterzuckend. Nach Weskers Besuch hatte sie ein paar Stunden heftig geweint, doch dann hatte sie zähneknirschend einsehen müssen, dass Wesker Recht gehabt hatte. Sie konnte sich nicht auf ewig vor der Welt verstecken. Sie musste sich für den Moment zusammennehmen und stark sein. Sie hatte sich aus dem Bett gequält, geduscht und sich frische Sachen angezogen. Ihre Augen waren noch etwas gerötet vom Weinen.

„Hey", sagte Chris behutsam. „Ich freu mich, dass du da bist. Hat Wesker…"

„Wir hatten ein kleines Gespräch, ja." Claire hielt es für besser, ihrem Bruder nichts davon zu erzählen, dass der Ausgang des Gesprächs nicht positiv war. „Ich habe nachgedacht, dass… Wesker hat gesagt, dass jetzt nicht die Zeit ist… also… Zeit in einem Zimmer zu sitzen. Wir müssen immer noch Sherry und Faith befreien. Elliot muss dafür bezahlen. Also, was haben wir?" Es kostete sie Kraft, so viel Motivation und neuen Tatendrang in ihre Worte und ihr Auftreten zu legen, aber sie wollte vor allem, dass Chris und die anderen nicht mehr nach ihrem Befinden fragten. Chris schien das zu spüren, denn er drang nicht weiter auf sie ein, sondern nickte nur und schritt dann zu einem Laptop, der am Kopfende des langen Tisches stand. Er tippte darauf herum und rief ein paar Daten auf.

„Rebecca hat was rausgefunden", erklärte er. „Es gibt ein altes Spencer- Anwesen, das vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wurde. Es befindet sich wohl an der kanadischen Grenze, also ziemlich weit oben im Norden. Wesker meinte, es sei das Haus, in dem er und… Alex als Kinder gelebt haben. Wir waren uns einig darüber, dass Elliot mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit ein gewisses Interesse an dem Haus hatte."

„Verstehe."

„Ich weiß, es nicht viel und wieder mal sehr vage, aber… Es wäre einen Versuch durchaus wert", meinte Chris.

„Wann fliegen wir los?", fragte Claire sofort.

Chris und Jill wechselten einen Blick miteinander. „Ähm, wir haben noch keinen Entschluss gefasst… Wir wollten uns nochmal mit O´Brian und Hunnigan besprechen. Es steht noch kein Abflugtermin fest…"

„Ich werde mit ihnen reden", bot Claire an. „Wir fliegen dahin!"

Nachdem sie aus dem Raum gegangen war, meinte Jill etwas beunruhigt: „Weiß ja nicht, ob das so gut war, was Wesker zu ihr gesagt hat."


Wesker betrat langsam das Labor, in dem Alex und er lange Zeit für die B.S.A.A. an dem neuen Virus geforscht hatten. Der Raum war ruhig, fast Totenstille lag über ihm. Alle Materialien standen fein säuberlich an ihrem Platz. Wesker musste schmunzeln. Weder er noch Alex konnten Unordnung an ihrem Arbeitsplatz dulden. Als er mit den Fingern über die metallischen Oberflächen strich, war es fast, als könne er durch die Berührung Alex spüren. Überhaupt hatte der Raum, in dem Alex so lange gearbeitet hatte, etwas Seltsames an sich, so als wäre Alex´ Aura immer noch präsent.

Wesker stand still ein paar Minuten einfach nur da und sah sich um. Geräusche kamen nur aus einer Ecke, wo noch immer der Käfig mit ihrer Versuchsmaus stand.

Es war so unwirklich, so surreal, nicht Alex hier zu treffen, wie er verbissen an neuen Möglichkeiten arbeitete, wie sie Elliot am besten stoppen konnten. Er hatte so viel geleistet und jetzt war hier nur noch Leere. Wesker empfand die Stille als bedrückend. Die schmerzliche Tatsache, dass Alex gegangen war, war wie eine wachsende Finsternis, die ihn mehr und mehr zu verschlingen und zu ersticken drohte. Er fühlte sich plötzlich allein und einsam auf der Welt. Nicht nur die einzige Person, der er jemals vertraut hatte, war gestorben, auch ein Teil von ihm selbst war unwiederbringlich fort.