Leon S. Kennedy 1977: Es mag vielleicht wie Ironie erscheinen, aber Wesker hat Claire einfach in ihrer Situation am besten verstanden und sie ihn auch. Mit den Infos über das Wesker- Projekt muss ich dich leider noch etwas auf die Folter spannen. :( Aber lass dich trotzdem überraschen. :)
Alexa- Wesker: Das Kapitel war auch mehr nur ein Zwischenkapitel und deswegen nicht so lang. :) Dass Claire ein Überbleibsel von ihrer Begegnung mit Wesker zurückbehalten hat, habe ich mal in einer anderen Fanfiction gelesen und fand die Idee sehr realistisch.
Ich weiß jetzt definitiv, wie lang die Geschichte noch werden wird. Es wird noch zwei Kapitel geben. Der Titel dieses Kapitels ist zweideutig zu verstehen. Ich sage nur, lasst euch überraschen. :) Kleiner Tipp, es hat mit Resident Evil Zero zu tun. Ich hab das Spiel kürzlich durchgespielt und muss sagen, dass es dringend Zeit wird, dass ein bestimmter Charakter wieder einen Auftritt hat. ;)
Es ging ihm nicht gut. Die Tage nach ihrer Rückkehr aus Afrika hatte sich Wesker vor Erschöpfung in sein Zimmer zurückgezogen und viel geschlafen. Er hatte es auf seine Verletzungen geschoben, von denen er sich erholen musste, aber schon bald wurde Helena klar, dass es etwas anderes war.
Alex´ Verschwinden hatte etwas in Wesker ausgelöst und er fiel zunehmend in das schwarze Loch zurück, in dem er ganz zu Anfang gefangen gewesen war, nachdem die B.S.A.A. ihn aus Simmons´ Gefangenschaft befreit hatte. Er verschloss sich in seinem Zimmer und ließ niemanden an sich heran. Er sprach mit niemandem und aß nichts. Helena schaffte es nur wenige Male, in seine Nähe zu kommen und immer wies er sie ab, mit der Begründung, seine Ruhe haben zu wollen.
Sie verstand, was er durchmachte, denn nach dem Tod ihrer Schwester war es Helena ähnlich ergangen. Sie hatte die ganze Welt gehasst und niemanden sehen wollen. Es war eine paradoxe Situation. Wesker hatte es geschafft, Claire zu vermitteln, dass sie nach vorne sehen musste, doch er selbst schien jeglichen Mut dazu, zumindest für den Moment, verloren zu haben. Statt ihrer war es nun er, der sich von der Welt zurückzog. Helena hoffte inständig, dass es nur vorübergehend war.
Eine knappe Woche war bereits seit ihrer Rückkehr aus Afrika vergangen und sie hatte es kaum geschafft, ihn ein paar Mal zu sehen. Sie fühlte sich einsam, wenn sie nicht in seiner Nähe war, das wurde ihr immer mehr bewusst und sie vermisste ihn.
Leon fiel auf, dass Helena niedergeschlagen wirkte, und er sprach sie vorsichtig darauf an, als sie bei einem Kaffee in der Kantine saß.
„Wie geht's dir?", fragte er sachte und nahm gegenüber ihr am Tisch Platz.
Sie zuckte nur geistesabwesend mit den Achseln, aber sagte nichts.
„Hast du mit ihm geredet?"
„Nur mal kurz zwischendurch. Er will allein sein."
„Gib ihm vielleicht ein bisschen Zeit. Er muss wahrscheinlich über vieles nachdenken. Denk zurück wie es dir ging nach… Deborahs Tod", sagte Leon, so umsichtig wie möglich.
Sie nickte nur. Sie wusste, dass er Recht hatte. Plötzlich lächelte sie. „Du sagst ja gar nichts mehr zu uns. Zu mir und Wesker."
Er wich ihrem Blick aus und grinste. „Was soll ich denn sagen? Es ist mir wichtig, dass es dir gut geht. Du bist ein erwachsener Mensch und ich vertraue dir, dass du weißt, was gut für dich ist. Wenn er dir etwas gibt, dann… muss ich das respektieren. Anfreunden werde ich mich allerdings nie damit können."
Sie lächelte ihn an. „Ach, Leon… Weil du ja auch der Richtige bist, mir das zu sagen, nicht wahr?"
„Geh zu ihm und… sprich mit ihm."
Helena klopfte vorsichtig an Weskers Zimmertür. Als niemand antwortete, öffnete sie die Tür und trat zögerlich ein. Er lag nicht in seinem Bett und sie sah, dass die Decke zurückgeschlagen war. Auch das Badezimmer war leer, aber er hatte seine Kleidung über eine Stuhllehne gehängt und Helena bemerkte, dass er sich rasiert und geduscht hatte. Sie stutzte, weil sie etwas von ihrer Schminke neben dem Waschbecken fand, doch dann dämmerte es ihr. Wesker hatte damit seine Verletzungen im Gesicht verborgen, damit niemandem auffiel, dass er sich nicht mehr heilen konnte.
Sie verließ sein Zimmer und versuchte es im Labor.
„Wesker, wie geht's Ihnen?", fragte Rebecca Chambers, als sie ihn den Flur entlang auf sie zukommen sah. Sie hatte ein Klemmbrett in der Hand und machte sich mit einem Kugelschreiber darauf Notizen.
„Es geht schon", sagte er schlicht.
Er trat neben die junge Ärztin an eine große Fensterscheibe, durch die man in ein Krankenzimmer sehen konnte. Ein Mädchen mit sehr kurzen dunklen Haaren saß auf einem Teppich am Boden und spielte mit farbigen Holzbausteinen. Eifrig stapelte sie sie übereinander oder legte sie vor sich in eine Reihe, um aus den darauf abgebildeten Bildern, Buchstaben und Zahlen etwas Zusammenhängendes zu bilden.
Wesker beobachtete sie einige Zeit und sah wie sie das Wort „Auto" auf Deutsch legte.
„Wie steht es um sie?", fragte er an Rebeca gewandt, die sich in ihrer Akte alles notierte, was das Mädchen tat und wie sie sie dabei verhielt.
„Körperlich hat sie sich sehr schnell erholt, aber… Geistig sieht es ein bisschen anders aus."
„Inwiefern?"
„Naja, Alex war mit seiner Diagnose ziemlich nah dran. Sie verhält sich sehr autistisch. Sie lebt ziemlich in ihrer eigenen Welt und… kommuniziert so gut wie nicht. Als sie aufgewacht ist, hat sie getobt, weil die Umgebung fremd war. Mittlerweile akzeptiert sie mich ganz gut, wenn ich ihr das Essen bringe und sie hat mich sogar Blut abnehmen lassen. Wahrscheinlich war sie das aus Elliots Gefangenschaft gewohnt."
„Verhält sie sich immer so?", fragte Wesker und deutete auf das spielende Mädchen.
„Sie beschäftigt sich recht gut mit allem und allmählich taut sie ein bisschen auf. Aber sie ist für ihr Alter weit zurück. Niemand hat sich wirklich um sie gekümmert, dabei hätte sie eigentlich spezielle Betreuung gebraucht. Alex hat vorgeschlagen, dass wir ihr verschiedene Therapien zur Unterstützung ihrer Genesung anbieten und ich stimme ihm zu. Hunnigan versucht momentan, das zu organisieren."
„Hat das, was Alex über ihre Lebensgeschichte berichtet hat, gestimmt?"
„Ich denke schon, aber sicher ist das alles nicht. Hunnigan hat versucht, ihre genaue Geschichte zurückzuverfolgen, aber stieß… leider auf herzlich wenig. Ich habe ihr Blut abgenommen und es genauestens analysiert. Es ist richtig, dass sie mit dem T- Virus infiziert wurde, ob das allerdings in Raccoon City erfolgte, das bleibt Spekulation. Sie muss irgendwie nach Deutschland gelangt sein, wo sie wohl in einem Heim gelebt hat. Die sprachliche Barriere kommt leider auch noch dazu."
Wesker nickte. „Alex sagte etwas über ihr Gehirn…"
„Ja, ja", sagte Rebecca sofort und blätterte die Seiten auf ihrem Klemmbrett um. „Sehen Sie selbst."
Sie reichte Wesker die Akte, sodass er die Untersuchungsergebnisse überfliegen konnte.
„Alex hatte völlig Recht, dass sie aufgrund von Substanzenmissbrauch in der Schwangerschaft mit einem schweren Hirnschaden zur Welt kam. Man könnte so weit gehen und sie als geistig behindert einstufen. Der T- Virus, der noch in Form von Antikörpern in ihrem Blut nachzuweisen ist, hat ihren Gehirnstoffwechsel so verändert, dass sie ein zusätzliches Hormon bildet. Auf ihren Körper hat es allerdings keinerlei Auswirkungen."
„Es hat für sie keinen Effekt?", fragte Wesker verwundert.
„Nein, es war kaum in ihrem Blut zu finden. Man muss es wohl direkt aus ihrem Hirnstoffwechsel gewinnen, deshalb wurde sie immer unter Medikamenteneinfluss auf einer gewissen…", sie suchte nach der richtigen Umschreibung, „ich sage mal, dass sie in einer Art komatösem Bewusstseinszustand gehalten wurde, damit ihr Gehirn viel davon produziert. Elliot konnte es so gewinnen. Ich habe es isoliert und Labormäusen injiziert. Es passiert bei gesunden überhaupt nichts. Erst als ich es einer Maus, die mit einem Virus infiziert war, gegeben habe, hat es einen Effekt gezeigt. Es verlangsamt den Stoffwechsel der Viren enorm und stoppt die Mutationen. Die Wirkung allerdings, die Elliot erzeugt hat, kann man nur erreichen, wenn der D- Virus, den Alex entwickelt hat, sich vorher an den Viren zu schaffen gemacht hat."
„Ja, das hatten wir ja bereits vor Monaten experimentell schon untersucht. Was soll mit ihr passieren?", fragte Wesker.
„Auf jeden Fall braucht sie rund um die Uhr erst mal Betreuung. Sie muss hierbleiben, solange ihre Situation nicht geklärt ist, das hat Hunnigan unmissverständlich angeordnet. Außerdem… solange Elliot da draußen ist…"
„Wird er ein Interesse an ihr haben", beendete Wesker den Satz für sie. Rebecca nickte. „Elliot war sehr wütend, als wir sie aus seiner Gefangenschaft befreit haben."
„Mir kam ein Verdacht", sagte sie. „Elliot hat ja seinen Virus bereits, also habe ich mich gefragt, warum er sie noch weiter bei sich behalten sollte. Alex hat ja mal aufgeworfen, dass er sie vielleicht braucht, um seine Kräfte… sicherzustellen, zu stabilisieren, was auch immer."
„Ja. Halten Sie das für wahrscheinlich?", fragte Wesker interessiert.
Sie nickte eifrig und führte ihn in ein Labor. „Es war ziemlich schwierig, es unter Laborbedingungen nachzustellen, aber ich glaube, ich habe es einigermaßen hinbekommen."
Auf dem Labortisch standen einige Petrischalen und ein Mikroskop. „Die Maus ist leider an der Infektion gestorben, aber ich habe es glücklicherweise geschafft, ihr noch im lebenden Zustand Blut und Gewebe zu entnehmen und ihre Zellen zu untersuchen. Ich habe etwas Interessantes zutage gefördert. Sehen Sie mal."
Sie schob einen gläsernen Träger unter das Mikroskop und Wesker sah hindurch. Es war eine Zelle des C- Virus, die das Gewebe der Maus infiziert und es zum Mutieren gebracht hatte. Das Hormon hatte die Veränderungen des Gewebes gestoppt und es in eine Art Ruhezustand versetzt. Die Zellen lebten, aber sie verhielten sich ruhig.
„Schauen Sie, was passiert, wenn ich die Zellen anrege."
Mit einer Pipette träufelte sie eine Flüssigkeit auf das Zellgewebe. Wesker sah, dass das Gewebe sofort wieder begann, sich zu verändern und zu wachsen.
„Jetzt füge ich das Hormon wieder hinzu." Mit einer zweiten Pipette fügte sie das Hormon zu dem Gewebe hinzu.
Weskers Verdacht bestätigte sich sofort. Die Mutation wurde augenblicklich gestoppt. Er richtete sich auf und nickte.
„Alex lag mit seiner Vermutung absolut richtig. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Elliot einen Antikörper wie Alex, Jake und ich besitzt, da er aber dennoch Uroborus und den C- Virus in sich aufgenommen hat, muss er sie auf anderem Weg unter Kontrolle halten. Es wäre plausibel, wenn er sich das Hormon aufbereitet als Serum verabreicht."
„Ja und ich denke, das verleiht ihm auch seine gewaltigen Kräfte."
Wesker schritt nachdenklich zum Fenster und sah hinaus. „Das ist eine wichtige Erkenntnis, aber… Das stellt uns vor ein großes Problem."
„Ja, denn… Eine Überdosierung würde nichts bringen, ihm das Serum vorzuenthalten aber ebenso wenig. Im Gegenteil…"
„Wenn man Elliot das Serum vorenthält, dann… dann würde er mutieren und die Kontrolle über sich verlieren", sagte Wesker mehr zu sich selbst.
Rebecca nickte. Sie sahen auf, als die Tür geöffnet wurde. Helena Harper trat herein.
„Hier bist du, ich habe dich schon gesucht", sagte sie und lächelte Wesker schwach an. Er wich ihrem Blick aus.
„Danke, Rebecca. Sagen Sie mir Bescheid, sollte sich etwas ergeben", sagte Wesker, dann verließ er das Labor. Helena schloss sich ihm an.
„Was habt ihr gemacht?", fragte sie interessiert. „Habt ihr über das Mädchen gesprochen?"
Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, was in ihr vorging. Sie war besorgt um ihn, aber wollte es nicht direkt aussprechen, weil sie wusste, dass sie ihn sonst verlieren würde. Sie war erleichtert, ihn außerhalb seines Zimmers zu sehen.
„Ja."
Sie betrachtete seine Wange von der Seite und ihr Verdacht bestätigte sich. „Weißt du", sagte sie und grinste schelmisch, wobei sie ihn mit dem Ellbogen in die Seite knuffte, „du hättest mich wenigstens vorher fragen können."
Wesker hielt inne und sah sie an. Er wollte etwas sagen, aber besann sich.
„Ist schon gut", sagte sie dann sanft und schüttelte den Kopf. „Wie geht es dir?"
Er sah zur Seite, dann ging er weiter den Flur hinunter. Helena folgte ihm.
„Ich weiß es nicht."
Er fühlte sich müde und sehnte sich nach seinem Bett. Sie gingen schweigend zurück zu seinem Zimmer. Der kurze Weg zum Labor und zurück hatte ihn entkräftet und verspürte das dringende Bedürfnis, sich hinzulegen. Außerdem schmerzten seine Hüfte und sein Rücken. Langsam zog er sich aus und hängte seine Kleidung über eine Stuhllehne.
Helena fielen die blauen Flecken und die vielen kleinen Schnittwunden auf, die seinen Körper zierten. Es entstellte seine sonst makellose Haut.
„Reich mir bitte die Salbe rüber", sagte Wesker und deutete auf den Tisch, wo die Tube lag, die Rebecca ihm gegeben hatte.
„Schon gut, ich mach schon", sagte Helena.
Vorsichtig und mit kreisenden Bewegungen strich sie die Salbe auf die betroffenen Stellen. Es tat gut, ihn zu berühren, aber sie unterdrückte das Bedürfnis, sich an ihn zu lehnen. Ihr fiel auf, dass seine Haut merkwürdig heiß war und sie vermutete, dass er wieder leichtes Fieber hatte. Wesker nahm vorsichtig auf seinem Bett Platz. Nachdem Helena die Salbe beiseitegelegt hatte, tat sie es ihm gleich. Sie verfielen für einige Momente in ein peinliches Schweigen. Helena biss sich verlegen auf die Lippen.
„Die anderen werden es merken, dass etwas mit dir nicht stimmt. Und du kannst dich auch nicht ewig hier verstecken", sagte sie vorsichtig.
„Das weiß ich wohl", sagte Wesker knapp.
„Wie geht es dir? Ich meine wegen Alex? Ich mach mir Sorgen um dich."
Wesker erhob sich und schritt zum Fenster.
„Hattest du wieder Fieber?", fragte sie. Er nickte.
„Ich musste mich…" Er holte tief Luft. „… ein paar Mal wieder übergeben."
Plötzlich nahm er seine Sonnenbrille ab und drehte sich zu ihr, sodass sie ihm in die Augen sehen konnte. Auch ohne Worte wusste sie sofort, was er ihr zeigen wollte.
„Deine Augen…"
Weskers Augen waren nicht mehr rot und die Pupillen waren nicht mehr senkrechte Schlitze. Sie hatten wieder die Form von normalen menschlichen Augen angenommen und waren eisblau.
„Ich werde wieder ein Mensch", sagte er betrübt. „Meine Kräfte schwinden zusehends. Seit Alex nicht mehr da ist, ist es schlimmer geworden. Mein Tod liegt nicht mehr in allzu weiter Ferne."
„Über was denkst du nach?", fragte Jill interessiert. Sie legte vorsichtig ihre Arme um ihren Verlobten und küsste ihn auf den Hals.
Chris war tief in seinen Gedanken versunken. Als Jill ihre Arme um seine Brust legte zuckte er kurz vor Schmerz zusammen.
„Jill, denk bitte an meine Rippen", presste er hervor. Sie entschuldigte sich sofort schuldbewusst.
„Ich habe an… Wesker gedacht", sagte er dann ruhig.
„An Alex?"
„Ja, auch, aber… Ich meine an Albert Wesker."
„Was beschäftigt dich?", fragte Jill.
„Irgendwas stimmt mit ihm nicht. Der Virus, den er in seinem Körper hat, heilt ihn ja normalerweise. Aber mir kommt es so vor, als hätte er damit… irgendwie Probleme."
„Probleme? Glaubst du, er kann sich nicht mehr heilen?"
„Ist es dir nicht aufgefallen? Von Einsatz zu Einsatz hatte er immer mehr Probleme, sich zu erholen und mittlerweile…"
„Hältst du das wirklich für möglich?" Jill wirkte skeptisch. „Ich meine… Warum sollte das sein?"
„Ich weiß es nicht, aber ich bin mir sicher, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Die letzten Tage kam er ja auch gar nicht mehr aus seinem Zimmer heraus. Er hat Claire dazu gebracht, wieder mit uns zu reden, aber seitdem verkriecht er sich."
„Chris, er hat immerhin jemanden verloren, der… naja… eine gewisse Bedeutung für ihn hatte. Alex und er haben eine gemeinsame Geschichte und sie kennen sich seit sie Kinder waren. So jemanden zu verlieren ist nicht leicht. Wesker hat sich sehr verändert. Er… Ich will nicht sagen, dass er ein Herz hat, denn das kann man mit der Lebensgeschichte nicht haben, aber… Ich denke, dass er für bestimmte Personen schon etwas empfunden hat und ihnen nahestand. Alex war ja irgendwie sowas wie ein Bruder für ihn oder denk daran, dass er Rache für Jakes Mutter genommen hat. Wenn ihm alles und jeder egal wäre, hätte er das nicht gemacht. Und dann würden ihn gewisse Dinge nicht so belasten."
„Wahrscheinlich hast du Recht, aber…" Chris fand ihre Worte einleuchtend, aber er war nicht überzeugt. „Irgendwas… stimmt da einfach nicht…"
Im Raum war es düster geworden, aber niemand kümmerte sich darum, das Licht einzuschalten. Helena lag neben Wesker und döste vor sich hin. Sie betrachtete seine Augen und strich zärtlich über seine Wange.
„Deine Augen sind sehr schön", raunte sie leise.
Er erwiderte nichts darauf, sondern sah nur zur Seite.
„Wenn man darüber spricht, dann wird es leichter", sagte sie. „Erzähl mir von Alex", bat sie.
Wesker atmete tief durch, dann setzte er sich langsam auf.
„Ich verstehe, wenn du wütend auf ihn bist. So ging es mir nach Deborahs Tod auch."
„Ich bin nicht wütend auf Alex", sagte Wesker langsam. „Ich könnte es sein, aber ich bin es nicht."
Er machte eine lange Pause, dann sagte er sehr ernst: „Eigentlich gibt es nicht viel, was ich über Alex erzählen könnte. Wir kannten uns eigentlich gar nicht richtig."
„Wie meinst du das denn?", fragte Helena verwundert.
„Alex und ich stammen aus Familien, die wir nicht kennen. Als Kinder wurden wir von Spencer entführt, damit wir Teil eins Projektes werden. Weil wir vielversprechende Fähigkeiten hatten, aber zugleich große Unruhestifter waren, nahm sich Spencer unserer an. Wir verbrachten ein paar Jahre in dem alten Haus, zu dem wir vielleicht fliegen werden, bis man uns schließlich mit ungefähr zehn Jahren trennte. Wir haben uns als Jugendliche zwei Mal gesehen, als Erwachsene einmal. Vor unserer letzten Begegnung vor ein paar Monaten, waren davor 22 Jahre vergangen. Ich weiß genau genommen nichts über ihn. Wir haben alles, was uns ausgemacht hat, was uns miteinander verbunden hat, vergessen."
„Verstehe."
„Es gibt gewisse Dinge, an die ich mich erinnert habe, wenn ich im Fieber lag. Die Begegnung mit Alex und Dinge, die er mir erzählt hat, haben in meinem Gedächtnis wieder einiges zutage gefördert, was ich glaubte, vor langer Zeit vergessen zu haben. Ich habe mich an die Zeit erinnert, als Alex ins Krankenhaus musste. Wir waren sieben und… ich fand ihn bewusstlos im Haus. Er war wegen seinem Zucker umgefallen. Wenn Spencer ihm nicht die bestmögliche Behandlung ermöglicht hätte, wer weiß, was passiert wäre."
„Du weißt nichts mehr von damals?"
Er schüttelte den Kopf. „Nein. An die anderen Wesker- Kinder kann ich mich gar nicht erinnern. Ich kenne niemanden. Alex und ich sind die einzigen, die voneinander wussten. Spencer hat es offenbar nie geschafft, das Band zwischen uns vollständig zu kappen. Trotzdem waren Alex und ich uns… Wir waren uns so nah, aber doch sehr fremd. Unsere Leben hatten nichts miteinander zu tun und ich habe nie das Bedürfnis verspürt, meiner Vergangenheit nachzuspüren."
„Es interessiert dich nicht, woher du kommst und wer du wirklich bist?"
„Nein", sagte er hart. „Ich bin Albert Wesker. Das war ich immer und das werde ich immer bleiben. Meine Vergangenheit ist nicht relevant."
„Was genau weißt du über deine Vergangenheit? Ist da wirklich gar nichts?", fragte Helena interessiert.
Wesker atmete tief durch. „Es gibt ein paar Dinge. Manchmal flackern Erinnerungsfetzen auf aus meiner Zeit vor Umbrella. Der Hund… Ich in einem Garten… Und eine blonde Frau…"
„Wer ist sie? Deine Mutter?"
„Ich dachte es zuerst", musste er zugeben. „Aber ich glaube, es war nicht meine Mutter. Ich glaube, es war meine Tante."
„Und kannst du dich an deine Mutter auch erinnern?"
„Nein. Es sind nur Schatten, irgendwelche Schemen, aber… Ich kann mich nicht an Gesichter erinnern. Ich bin mir nur sicher, dass die Frau meine Tante war."
„Wäre es nicht schön, zu wissen, was damals passiert ist? Vielleicht kannst du sie wiedersehen. Möchtest du das nicht?"
„Nein. Es ist zu viel passiert und viel zu viel Zeit vergangen. Ich werde bald nicht mehr da sein und mir bleibt nicht mehr viel. Ich möchte am Ende meines Lebens nicht mehr die Vergangenheit aufwühlen. Es muss ruhen, wie Alex und wie ich bald."
„Wusste Alex etwas über seine Familie?", wollte Helena wissen.
„Ich denke nicht. Wir wissen beide nur, dass wir entführt wurden, als wir vier Jahre alt waren. Aber er weiß auch nichts über seine Eltern. Ich weiß nicht, ob er sich je dafür interessiert hat. Mehr als ich auf jeden Fall, denn er war es auch, der über das Wesker- Projekt in alten Akten gelesen hat. Ich hatte nie das Bedürfnis dazu gehabt, selbst dann nicht, als Spencer mir meine Herkunft eröffnet hat."
„Alex und du, ihr… Ihr standet euch sehr nahe. Ihr wart euch sehr ähnlich, aber dennoch… wart ihr sehr unterschiedlich."
„Für Spencer waren wir nur Werkzeuge, die perfekt in sein Spiel gepasst haben", sagte Wesker und seine Stimme zitterte vor Wut. Helena legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Es tut mir Leid", sagte sie mitfühlend.
„Ich möchte kein Mitleid. Es ist vorbei. Mitleid macht es auch nicht ungeschehen."
Seine Härte erschreckte sie. Er war innerlich kalt und hart und sperrte seine Gefühle aus. Er konnte es nicht zulassen. Sie verstand es, auch wenn sie es nicht nachvollziehen konnte und mit Sicherheit anders gehandelt hätte. Sie entschloss sich, ihn nicht weiter zu bedrängen.
„Ich habe euch beide erst vor ein paar Monaten kennengelernt und Alex kannte ich nicht so gut wie dich. Was war er für ein Mensch?", fragte sie.
„Alex war… Er war seit unserer Kindheit… immer der bessere von uns beiden. Er hatte ein unglaubliches Gedächtnis. Er konnte sich Dinge einprägen und lernen, nur, wenn er anderen Menschen zugesehen hat. Sofort danach konnte er es selbst perfekt umsetzen. Wahrscheinlich ist der deswegen so ein guter Arzt geworden. Er war… in jeder Hinsicht ein besserer Wissenschaftler als ich."
„Bist du nicht ein bisschen zu streng mit dir?", fragte sie und glaubte, seine Verzweiflung und Trostlosigkeit aus ihm sprechen zu hören.
„Nein. Ich musste schon immer meine Grenzen einsehen. Alex war die Nummer 1 unter den Wesker- Kindern."
Er sah auf seine Hände. „Er war allerdings immer… ein bisschen instabil. Als wir uns als Jugendliche wieder trafen, hatte er eine Phase, wo er… Tag und Nacht im Labor verbracht hat. Er hat weder gegessen noch geschlafen und nur gearbeitet, war völlig euphorisch in seine Arbeit vertieft. In gewisser Hinsicht hat er mich an Sherrys Vater erinnert. Aber dann war er manchmal einen ganzen Tag nur in seinem Zimmer und hat nichts getan, dann wirkte er fast wie in einem schwarzen Loch gefangen. Er war Spencer gegenüber deutlich weniger misstrauisch als ich und deutlich loyaler. Er ließ sich von Spencer viel leichter manipulieren als ich. Spencer schaffte es sogar sehr gut, Alex für sich zu vereinnahmen. Erst der Tod seiner Tochter hat ihn wachgerüttelt. Ich hingegen hatte mich schon viel früher von Spencer losgesagt."
„Du warst ganz anders, oder?"
„Ja. Während Alex labil war, war ich eiskalt. Er hat… eine glückliche Beziehung geführt, wollte Familie. Ich hingegen konnte mit dem nie etwas anfangen. Er wurde Arzt, um damit Menschen zu helfen, ich entwickelte Viren, um die Menschen zu zerstören, alles perfekt durchdacht von Spencer." Er schüttelte den Kopf. „Als wir Kinder waren… hat er mir erzählt, dass er… oft Alpträume hatte. Er verletzte sich selbst."
Helena erschrak. „Wirklich? Aus welchem Grund?"
Er sah sie an, versuchte in ihrem Augen zu lesen, ob er ihr die Wahrheit erzählen sollte.
„Alex und ich, wir… Man hat etwas mehr mit uns angestellt, als nur Experimente mit Viren."
„Ich verstehe nicht…"
„Offenbar hatte Dr. William Wesker, der die Experimente mit uns durchgeführt hat, auch noch andere… gewisse Interessen an uns... Kindern."
Er sah sie nur an und hoffte, sie verstand ihn ohne Worte. Sie musterte ihn mit einem eindringlichen Blick. Plötzlich weiteten sich ihre Augen und sie schüttelte den Kopf. Ihre Hand wanderte vor Schreck zu ihrem Mund.
„Nein!", flüsterte sie. „Das ist…" Schrecken und Abscheu waren ihr ins Gesicht geschrieben. Wesker wusste nicht, wie er sich fühlen sollte, nachdem sie die Wahrheit wusste.
„Das ist schrecklich! Habt ihr irgendwann…"
„Wir wussten es lange Zeit nicht. Alex muss es irgendwann herausgefunden haben, als er seinen psychischen Problemen und den Alpträumen nachgeforscht hat. Er hat Rache genommen. William Wesker ist tot. Er hat das bekommen, was er verdient hat."
„Albert, das…"
„Ich möchte das vergessen. Und auch Alex hat damit abgeschlossen. Ich möchte nicht mehr daran denken."
„Natürlich." Sie streichelte ihm über den Arm und hoffte, sie konnte das, was in ihr vorging, in die Berührung legen. „Es tut mir sehr, sehr Leid für euch beide."
Claire hatte mehrere eindringliche Gespräche mit Clive O´Brian und Ingrid Hunnigan führen müssen, bis diese schließlich einem erneuten Einsatz zustimmten. Ob es nun ihre überzeugenden Argumente waren oder ihr drängender Wunsch, die Verantwortlichen für Alex´ Tod zur Rechenschaft zu ziehen, sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie erleichtert war, als der Beschluss, das Spencer- Anwesen zu untersuchen, gefasst wurde.
Es gab ihr das gute Gefühl, endlich wieder etwas tun zu können. Nicht im lähmenden Nichtstun gefangen zu bleiben und Alex´ Tod ungesühnt zu lassen. Sie würde alles tun, um Elliot Spencer zu vernichten und das zu tun, was sie Alex versprochen hatte- sich um seine Tochter Faith zu kümmern.
Weskers Worte hatten sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt und schienen etwas in ihr ausgelöst zu haben. Sie schob ihre Gefühle beiseite, schluckte die Trauer hinunter und verwendete alle Kraft darauf, einen klaren Kopf zu behalten und das zu tun, was sie tun musste. Auch wenn es schwer war, sie musste durchhalten, Alex zuliebe, und die Phase der Trauer auf einen anderen Zeitpunkt verlegen.
Wenn Elliot vernichtet war, dann nahm sie sich vor, würde sie um Alex trauern. Sie würde Hunnigan bitten, ein angemessenes Begräbnis zu organisieren.
Es war sehr spät am Abend, als Jake Muller den Trainingsraum verließ. Er wohnte schon lange nicht mehr im Hotel, sondern verbrachte seine Nächte auf einem Klappbett, das man auf sein energisches Bitten hin für ihn aufgestellt hatte, damit er in der B.S.A.A.- Zentrale bleiben konnte. Er wollte es möglichst schnell wissen, sobald es etwas Neues gab.
Seine Gedanken waren bei Sherry und den ungeborenen Kindern. Jake schwor sich, dass er jeden aus dem Weg räumen würde, der seiner Familie etwas antun wollte. Diejenigen, die Sherry entführt hatten und die ihre gemeinsamen Kinder missbrauchen wollten, würden seinen Zorn und seine Rache zu spüren bekommen.
Manchmal fühlte er sich schuldig, fühlte sich, als tue er nicht genug. Bislang war die Suche nach Sherry ins Leere gelaufen und mit jedem weiteren Tag, der verging, schwand die Hoffnung in Jake, dass er sie heil und gesund wiedersehen würde. Er machte sich Vorwürfe, weil er es nicht verhindert hatte.
Die schrecklichen Schuldgefühle plagten ihn jeden einzelnen Tag.
„Rebecca, würdest du uns bitte begleiten, wenn wir fliegen?", fragte Chris.
„Natürlich, aber warum…?"
„Ich möchte gern jemand mit medizinischen Kenntnissen dabei haben. Sollte was passieren oder wenn wir Sherry dort wirklich finden sollten, brauchen wir jemanden, der sofort Hilfe leistet."
„Na klar. Wann fliegen wir?", wollte Rebecca wissen. Sie hatte weiter im Labor gearbeitet, um ihre bisherigen Forschungen noch weiter zu untermauern. Daneben hatte sie sich mit dem Mädchen beschäftigt. Hunnigan hatte inzwischen einen Kinderpsychiater beauftragt, das Mädchen zu untersuchen und eine vollständige Diagnose über ihren Zustand zu stellen. Danach sollte entschieden werden, was mit ihr passieren sollte.
„Morgen Abend. Der Flug wird ungefähr drei Stunden dauern und wir wollen den Schutz der Dunkelheit nutzen."
„OK. Ich komme gerne mit."
In der Dämmerung setzte das Fahrgestell des Flugzeuges auf dem Asphalt des Rollfeldes auf. Chris, Jill, Sheva, Piers, Claire, Jake, Leon, Ada, Rebecca, Helena und Albert Wesker traten die schmale Treppe nach unten.
„Ich kann mich nicht erinnern, dass es hier eine Stadt gab", bemerkte Wesker verwundert. „In den 60er Jahren gab es nur ein paar Fabriken hier."
„Die Stadt ist seit Mitte der 70er Jahre um die Industrie herum gewachsen", sagte Jill. „Mittlerweile wohnen 40.000 Leute hier." Sie grinste. „Die Stadt hat einen lustigen Namen: Town Superior."
„Town Superior?", fragte Leon belustigt.
„Das ist eine Anspielung auf den Oberen See, den Lake Superior", sagte Wesker. „Der ist von hier ungefähr 50 Kilometer entfernt."
„Warst du mal dort?", fragte Helena.
„Das ist möglich", meinte Wesker. „Aber ich weiß es nicht mehr."
„Wie kommen wir zu dem Anwesen?", wollte Ada wissen.
„Es ist außerhalb der Stadt im Wald gelegen. Es gibt eine Straße, die aus der Stadt dorthin führt, man kann aber auch durch den Wald direkt dorthin gelangen, das ist aber länger. Was sollen wir tun, Chris?", sagte Jill mit Blick auf Smartphone, wo sie eine Karte der Umgebung aufgerufen hatte.
Chris überlegte. „Die Straße halte ich für keine gute Idee. Das Haus wird mit Sicherheit bewacht werden. Ich habe keine Lust, dass wir nochmal in so eine Situation geraten, wie beim letzten Mal."
Er musste es nicht weiter ausführen, sie alle verstanden ihn ohne Worte. „Gehen wir mit größter Vorsicht da ran."
Als sie den Flughafen verließen und sich mit Militärfahrzeugen der B.S.A.A. auf den Weg durch die Stadt machten, bemerkte niemand, dass sie durch ein Fernglas beobachtet wurden.
Die Straßen der Stadt waren wie leergefegt, nur in einigen Fenstern brannte noch Licht. Kaum ein Auto begegnete ihnen, Fußgänger sahen sie nicht. Sie kamen an einem kleinen Stadtpark und einer Kirche vorbei und erreichten schließlich ein Wohnviertel mit ein paar mehrstöckigen Häusern und einigen Lagerhallen. Vor ihnen lag die Stadtgrenze. Die Straße führte einen Hügel hinauf und verschwand in der Dunkelheit des Waldes. Bis auf das Licht ihrer Scheinwerfer und ein paar Straßenlaternen waren sie von Finsternis umgeben.
Rebecca kontrollierte ihre Pistole und steckte sie zurück in das Halfter an ihrem Gürtel. Ihr medizinisches Notfallset trug sie in einer Tasche um ihre Hüften. Bei jedem Einsatz, an dem sie teilnehmen sollte, ergriff sie immer aufs Neue die Aufregung und sie verspürte ein Kribbeln im Bauch.
Sie wechselte einen kurzen Blick mit Sheva Alomar, die auf dem Rücksitz des Fahrzeuges neben ihr saß. Die Afrikanerin lächelte ihr aufmunternd zu. Rebecca erwiderte die Geste, dann richtete sie den Blick wieder nach vorne. Auf der digitalen Anzeige auf dem Armaturenbrett wechselte gerade die 33 hinter der doppelten Null auf 34. Dann passierte es.
Irgendetwas traf die Windschutzscheibe des Fahrzeuges und zertrümmerte sie. Das Sicherheitsglas zerbrach nicht, doch breitete sich von der Einschussstelle jetzt ein Netz aus Splittern aus. Chris verriss das Steuer und schaffte es gerade noch, das Fahrzeug gerade zu halten. Er drückte auf das Gaspedal, um sie aus der Gefahr zu bringen.
„Was zum Teufel…?!"
Plötzlich wurde ein Reifen zerrissen und sie gerieten ins Schlingern. Chris schaffte es nicht mehr, sie auf der Straße zu halten. Durch die hohe Geschwindigkeit kippte das Fahrzeug und sie wurden durcheinander geworfen.
„Festhalten!"
Rebecca schlug mit der Schulter gegen die Tür, dann auf die andere Seite gegen Agentin Alomar. Sie kamen auf der Seite zum Liegen und kämpften sich aus dem stark beschädigten Jeep. Rebecca stieß die Tür auf ihrer Seite auf und half den anderen auszusteigen.
„Was zum Henker war das?!", fragte Jill in Panik. „Was ist mit den anderen?!"
Die beiden anderen Fahrzeuge waren hinter den anderen zurückgeblieben. Eines lag auf dem Dach, das andere war nur zum Stehen gekommen, doch der gesamte Motorraum war durch Einschüsse so demoliert worden, dass dichter Qualm unter der Motorhaube hervorquoll. Chris konnte nicht erkennen, wer darin gesessen hatte, aber er konnte Bewegungen um das Auto herum ausmachen. Gerade noch rechtzeitig konnten sich die Insassen retten, bevor der Jeep in Flammen aufging.
„Captain, wir stehen unter Beschuss!", rief Piers und zog seine Maschinenpistole.
Von irgendwoher feuerte jemand auf die B.S.A.A. Chris spürte Jill, Rebecca und Piers neben sich, als sie hinter dem Autowrack in Deckung gingen. Irgendjemand erwiderte das Feuer, doch sie konnten nicht erkennen, wer es war.
Chris musste handeln. In der Dunkelheit hatten sie keine Chance, schon gar nicht so, wie sie mitten auf der Straße auf dem Präsentierteller lagen.
„Wir müssen hier weg!", schrie er und winkte den anderen hinter dem Auto zu. Ein Schuss durchschnitt direkt über ihnen die Luft und schlug in eine Hauswand ein. Kleine Maustücke schossen durch die Gegend. Erneut gab jemand Feuerantwort.
Chris nutzte die Chance und gab selbst ein paar Schüsse ab. Er schoss völlig blind. In der Dunkelheit konnte er nicht mal ausmachen, wo sich die Angreifer positioniert hatten. Jake, Wesker und Ada gaben den anderen Deckung durch Feuerschutz, während sie auf Chris, Jill, Rebecca und Piers zuliefen.
„Hier rein!"
Sie liefen zwischen die Häuserfronten in den Schutz der Nacht. Hilfesuchend sahen sie sich nach einem Versteck um. Sie passierten ein paar Lagerhallen, doch die schweren Eisentore waren verschlossen. Sie standen unter permanentem Beschuss. Links und rechts zersplitterten die Mauern, als der Kugelhagel in den Stein einschlug. Staub rieselte über sie.
Rebecca ließ so schnell sie konnte, doch sie fiel ans Ende der Gruppe zurück.
„Chris, da rauf!", rief Albert Wesker und deutete auf eine Feuerleiter, die nach oben zu einem Fenster führte. Ohne zu Zögern zerschoss er die Glasscheibe und sie stürmten nach oben.
Rebecca war das Schlusslicht. Angst ergriff sie, als ein paar Kugeln dicht an ihr vorbeistreiften. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie eine Gruppe schwarzgekleideter Männer die Gasse entlang auf sie zuliefen. Chris und Wesker hatten bereits das Ende oben erreicht, traten das Fenster ein und wiesen die anderen nach drinnen.
Es waren nur noch wenige Meter, bis sie die anderen erreichen würde, doch dazu kam es nicht mehr. „Rebecca! Schnell!", schrien Chris und Jill über die Schüsse hinweg, doch es blieb keine Zeit mehr. Rebecca duckte sich und drängte sich in eine Ecke des Treppenaufgangs. Sie war unter Beschuss geraten und saß völlig hilflos in der Wand. Die Kugel trafen das Metall und die Mauer. Sie schrie, als die metallene Treppe nach hinten kippte.
„Rebecca!"
Rebecca stürzte mit Tonnen aus Eisen und Mauerwerk auf die Straße. Die Feuertreppe riss ganze Mauerstücke aus dem Gebäude, als sich die Verankerung löste. Erst kam der Aufprall, dann regneten Staub und kleine Steine auf sie. Das Gitter schützte sie zum Glück, sodass sie nicht aus den Asphalt aufschlug, doch der Schwung schleuderte sie über die Straßen. Sie rollte und überschlug sich ein paar Mal, bis sie liegen blieb. Sie hustete, als sich der Staub legte. Die Metallkonstruktion war mit lautem Krachen auf dem Boden aufgekommen.
Sie ignorierte den Schmerz in ihrem Körper und stemmte sich mit letzter Kraft vom Boden auf. Entsetzt blickte sie auf und sah, dass sie bereits von Soldaten umringt war. Sie alle trugen schwarze Uniformen und Helme, sodass ihre Gesichter verdeckt waren, und zielten mit ihren Waffen auf sie. Ein Mann, offenbar Anführer der Gruppe, trat zielsicher mit erhobener Pistole nach vorne.
Rebecca blieb keine Zeit mehr, ihre eigene Waffe zu ziehen- es wäre ohnehin sinnlos gewesen. Sie hob nur noch schützend die Arme vors Gesicht. Jeden Moment erwartete sie die Schmerzen des tödlichen Schusses, doch nichts geschah. Der schwarz gekleidete Mann hatte innegehalten und sein Maschinengewehr gesenkt.
„Rebecca?", fragte eine Stimme hinter der Maske. Eine vertraute Stimme…
Rebecca nahm die Hände von ihrem Gesicht und starrte den Mann an. Das konnte doch nicht… Der Soldat nahm plötzlich seinen Helm vom Gesicht.
Vor Schreck schlug sie sich die Hände vor den Mund. „Billy!"
Lieutenant William Coen hatte sich seit ihrer letzten Begegnung vor gut 16 Jahren kaum verändert. Er war groß, schlank und muskulös. Sein dunkles, kurzes Haar war zurückgekämmt.
„Captain! Sir?", meldete sich ein anderer Soldat, aber Billy hob seine Hand, um ihnen zu deuten, dass sie nicht angreifen sollten. Sie senkten daraufhin ihre Waffen.
Rebecca merkte gar nicht, wie sie ihn anstarrte. Sie war unfähig, sich zu bewegen. Das plötzliche Auftauchen des Mannes, mit dem sie vor so langer Zeit eine unfreiwillige Zusammenarbeit hatte eingehen müssen, um die Hölle der Trainingseinrichtung zu überleben, hatte sie völlig aus dem Konzept gebracht. Sie vergaß, warum sie eigentlich hier war, was um sie herum geschah. Träumte sie oder phantasierte sie schon?
„Hey, Dollface", sagte Billy und setzte ein verschmitztes Grinsen auf. „Immer noch dieselbe wie damals, eh?"
Sie fing sich und schüttelte den Kopf. Langsam drang es zu ihr durch, dass Billy wirklich vor ihr stand und er keine Einbildung war.
„Alles OK?", fragte Billy sanft. Seine Stimme war so tief und samtig, wie sie sie in Erinnerung hatte.
Sie nickte schwach, doch dann war sie bereits auf ihn zugestürmt und umarmte ihn wild. Billy war darauf nicht vorbereitet und stand nur hilflos da.
„Hey, Kleine, schon gut."
Sie löste sich von ihm und wurde wieder ernst. Sie zog eine Augenbraue nach oben und stemmte die Hände in die Hüften. „Hab ich dir nicht gesagt, dass du mich nicht Kleine nennen sollst?!", sagte sie, doch sie grinste.
„Rebecca!", tönte es von oben.
„Ich bin OK! Nicht schießen! Alles in Ordnung!", antworte sie rasch, bevor ihr Team das Feuer eröffnen konnte.
„Tut mir Leid", sagte sie dann an Billy gewandt und strich sich verlegen ihre Haare hinters Ohr. „Ich… Ich weiß nicht, was ich sagen soll", musste sie zugeben. „Ich… Wie geht's dir? Was machst du hier?"
Ihr Blick fiel auf das Abzeichen auf seiner schwarzen Uniform. Die anderen Soldaten trugen es ebenfalls. Es war der blaue Wassertropfen und das grüne Blatt.
„Moment mal, du arbeitest für AquaSystemTex?", fragte sie verwundert.
„Ja, seit vier Jahren", erklärte Billy. „Ich bin Teamleiter in der Sicherheitsabteilung."
„Was machen dein Team und du hier?"
„Wir bekamen die Meldung, dass jemand vorhat, in ein Firmenanwesen einzudringen und einen Anschlag plant. Als wir euch in der Stadt ausfindig gemacht haben, dachten wir, dass ihr es seid. Wir hatten den Auftrag, euch auszuschalten, aber unter diesen Umständen…"
„Nein, das stimmt schon!", sagte Rebecca sofort. „Wir wollen in ein Anwesen, das hier in der Nähe ist! Aber es hat mit der Firma nichts zu tun!"
Billy wirkte vor den Kopf gestoßen. „Was? Das Anwesen gehört AquaSystemTex. Es wird für Versammlungen des Vorstandes genutzt. Die Abteilung in Nordamerika plant dort eine Sitzung und man hat uns gewarnt, dass es einen Anschlag geben könnte…"
„Nein, nein, nein!", unterbrach Rebecca ihn sogleich. „Das stimmt nicht! Das Anwesen gehört nicht zur Firma!"
Das Funkgerät eines Soldaten gab statisches Rauschen von sich. „Hier Delta Team!" Rebecca konnte nicht verstehen, was auf der anderen Seite gesagt wurde. „Captain? Die Zentrale verlangt Rückmeldung. Was sollen wir tun?"
„Sagen Sie denen, dass wir noch nichts haben", meinte Billy, ohne den Blick von Rebecca zu nehmen. Ihre Wangen wurden heiß und sie war sich sicher, dass sie errötete.
„Rebecca!", ertönte erneut eine Stimme von oben herab. Die anderen riefen und warteten auf eine Antwort von ihr.
„Weißt du was, wir gehen zu meinen Leuten und erklären dir alles!", drängte Rebecca. „Sie sind da drin."
Sie trafen sich unten auf der Straße, nachdem sie es geschafft hatten, das Tor aufzubrechen und die Lagerhalle zu verlassen.
„Zum Glück ist dir nichts passiert", sagte Chris erleichtert und klopfte Rebecca auf die Schulter. „Wir dachten, du… wärst irgendwie unter Trümmern begraben worden oder diese Typen hätten dich erwischt."
„Nein, alles OK", sagte Rebecca. „Ich hab jemanden getroffen!"
Billy trat nach vorne. Als Chris und die anderen das Zeichen auf seiner Uniformen sahen, hoben sie sofort ihre Waffen.
„Rebecca, das sind…", begann Chris, doch die junge Ärztin unterbrach ihn.
„Nein, Chris, sie wollen uns nicht angreifen! Das ist… Lieutenant William „Billy" Coen. Ich kenne ihn von früher."
Der Name rührte an etwas in Chris´ Gedächtnis. „Warte mal. Billy Coen… Hast du nicht einen Bericht über die Sache geschrieben? Dass er angeblich nach seiner Flucht in den Arklay Mountains dem Virus zum Opfer gefallen sei?"
Sie stand verkrampft vor ihm und sah beschämt zu Boden. „Tut mir Leid", sagte sie kleinlaut. „Billy und ich haben uns im Zug zusammengetan und haben die Trainingseinrichtung zusammen erforscht. Er hat mir dabei mehrmals das Leben gerettet. Wir haben zusammen die Egelkönigin vernichtet. Da er ja ein gesuchter Verbrecher war…"
„Du hast ihn gedeckt!", sagte Chris empört. „Er war ein…"
„Nein, er war unschuldig!", entgegnete Rebecca sofort. „Man hat ihn zu Unrecht angeklagt und verurteilt!"
„Chris, dafür haben wir jetzt keine Zeit!", wandten Jill und Claire unisono ein. „Wir müssen weiter!"
„Ja, ihr habt Recht", sagte Chris und warf Billy einen kurzen Blick zu. „Verschieben wir das auf später. Wie soll er uns weiterhelfen?"
„Chris, Billy und sein Team arbeiten für AquaSystemTex! Sie sollten uns davon abhalten, das Anwesen zu erreichen! Aber sie haben gar keine Ahnung, was dort vor sich geht! Er kann uns bestimmt helfen, aber wir müssen ihm erzählen, was los ist!"
Die Geschichte war schnell in groben Zügen dargestellt.
„Elliot Spencer ist der Sohn von Oswell E. Spencer", erklärte Chris.
„Da klingelt was bei mir", sagte Billy. „Ist das nicht der Typ, der Umbrella gegründet hat."
„Ja, das ist er. Wir haben damals in der Trainingseinrichtung Dr. James Markus kennengelernt, der war sein Kollege", fügte Rebecca hinzu. „Sie haben den T- Virus geschaffen."
„Und dieser Elliot ist sein Sohn?", fragte Billy.
„Ja, allerdings sein illegitimer Sohn. Spencer erkannte ihn nie an. Was nicht heißen soll, dass Elliot seinem Vater in irgendetwas nachsteht. Er ist sogar noch wahnsinniger. Er hat eine neue, sehr gefährliche biologische Waffe geschaffen und will die Welt mit einem neuen Virus infizieren."
„Was?!"
Rebecca nickte energisch. „Er will den Virus über das Trinkwasser unter die Leute bringen! Dafür braucht er die Firma."
„Aber halt, AquaSystemTex gehört der Familie Yamamoto", entgegnete Billy skeptisch.
„Ja, aber nur vordergründig. Die Yamamotos sind nur Elliots Marionetten! Er zieht im Hintergrund die Fäden und hat es geschafft, die Firma unter seine Gewalt zu bringen. Wir haben die Freisetzung des Virus in Afrika zum Glück verhindern können…"
„Warte, der Anschlag, das war die B.S.A.A.?!"
„Nein, es war kein Anschlag", sagte Jill. „Elliot wollte ganz Afrika mit dem Virus verseuchen. Wir haben seine Pläne dort durchkreuzt. Er ist geflohen und hat die Anlage selbst zerstört. Wir wissen seitdem nicht mal, wo er sich aufhält."
„Jemand, der uns sehr nahestand, ist dort gestorben. Sein Name war Alex", sagte Claire. „Wir haben deswegen mit Elliot eine Rechnung offen."
„Und dieses Anwesen, was in den Wäldern draußen ist", sagte Billy. „Was wollt ihr dort?"
„Es gehört nicht der Firma AquaSystemTex", sagte Claire. „Es gehörte Elliots Vater. Es gehört der Spencer- Familie."
„Was?!"
„Man hat euch angelogen", sagte Rebecca eindringlich. „Ihr beschützt die Falschen!"
Billys Augen verengten sich. „Was ist in diesem Anwesen?"
„Wir glauben, dass Elliot dort jemanden von uns festhält, Sherry Birkin. Sie ist schwanger und er hat es auf ihre beiden ungeborenen Kinder abgesehen. Außerdem hat er noch die Tochter von Alex in seiner Gewalt. Bitte Billy, du musst uns helfen, ihn aufzuhalten! Kannst du uns in das Anwesen reinbringen?"
Billy sah sie an und auf seinem Gesicht war abzulesen, dass er mit sich rang. Er wusste nicht, ob er die abenteuerliche Geschichte glauben sollte.
„Billy, bitte!", flehte Rebecca. „Vertrau mir."
„Also gut", sagte er schließlich. „Ich vertraue dir. Wir sollten zu meinem Team zurückgehen."
Ihr Gesicht hellte sich auf. „Danke. Vielen Dank."
„Wir sollten keine Zeit verlieren."
Sie eilten zu Billys Team. Die Soldaten warteten ungeduldig auf den Befehl ihres Captains.
„Sir, wir haben ausdrückliche Befehle, dass wir…"
„Die Befehle haben sich geändert", sagte Billy ernst und forderte ein Funkgerät von seinem Team.
„Hier Captain Miller, Delta Team, bitte kommen." Statisches Rauschen ertönte und eine Stimme meldete sich.
„Hier Captain Roberts, Alpha Team, haben Sie Zielobjekte ausfindig gemacht? Over."
„Negativ, keine Spur. Setzen Suche fort. Over." Billy schaltete das Funkgerät aus und steckte es an seinen Gürtel.
„Captain? Was…", fragte ein Soldat verwirrt.
„Unsere Mission wird jetzt ein bisschen anders verlaufen." Er warf Rebecca einen Blick zu, den sie mit einem Lächeln und einem Nicken erwiderte.
Billy wies sein Team an, in der Stadt zu bleiben und vorzugeben, weiterhin auf der Suche nach den möglichen Eindringlingen zu bleiben, er selbst schloss sich dem Team der B.S.A.A. an und führte sie aus der Stadt auf eine Route, die durch den Wald führte.
Wesker ging neben Helena am Schluss der Gruppe. Er spürte seine Verletzungen, als sie sich durch das dichte Gebüsch schlugen. Vor allem seine Wirbelsäule und seine Hüften machten sich unangenehm bemerkbar. Er war immer noch müde und er hatte das Gefühl, dass sein Fieber wieder stärker aufflackerte. Er fröstelte leicht, obwohl es nicht kalt war, und er schwitzte ungewöhnlich stark.
Helena warf ihm ab und an einen Blick von der Seite zu, sagte aber nichts. Er riss sich zusammen und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Er betrachtete Rebecca Chambers und den Soldaten, der sich als William Coen vorgestellt hatte, und wurde unweigerlich an Raccoon City erinnert. Er und Birkin, wie sie vor den Bildschirmen der Überwachungskameras gesessen hatten, und zwei Personen dabei beobachtet hatten, wie sie die Einrichtung für die Praktikanten betreten hatten. Rebecca Chambers war damals ein kleines, verschüchtertes Mädchen gewesen, das mit 18 aus der sicheren Welt der Schule in die harte Wirklichkeit entlassen worden war. Die berüchtigte Nacht im Sommer 1998 war ihr erster Einsatz gewesen und Wesker musste zugeben, dass er von ihrer Leistung sehr überrascht gewesen war.
Was ihre Begegnung mit ihrem alten Verbündeten anbelangte, konnte man fast von schicksalhafter Verflechtung sprechen. Wenn es sie Elliots Vernichtung auch nur einen kleinen Schritt näher brachte, sollte es ihm Recht sein. Er hoffte nur, dass ihm genug Zeit bleiben würde.
„Nachdem wir uns damals getrennt hatten, wo bist du hingegangen?", fragte Rebecca Billy. „Was hast du gemacht? Und wie bist du zu AquaSystemTex gekommen?"
„Ich bin untergetaucht, solange bis man die Suche nach mir eingestellt hat. Das Militär hat mich schließlich für Tod erklärt. Ich musste mir eine falsche Identität zulegen."
„Deswegen bist du… Captain Miller, oder?"
„Ja. Für alle anderen bin ich Charles Miller. Offiziell ist William Coen tot."
„Was hast du all die Jahre gemacht?"
„Am Anfang habe ich mich in Kanada versteckt, hab mich mal hier mal dort mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Vor ein paar Jahren hat AquaSystemTex Leute für ihre Sicherheitsabteilung gesucht. Ich hab den Job bekommen. Seitdem arbeite ich für die."
„Was müsst ihr denn tun?"
„Wir werden irgendwohin befohlen, wenn mal wieder der Vorstand tagt. Dann werden wir als Wachposten aufgestellt. Außerdem sollen wir verhindern, dass jemand die Firma schädigt, ausspioniert etc."
„Was hat man euch erzählt?", wollte Chris wissen. „Offensichtlich ja nicht die Wahrheit."
„Offensichtlich", meinte Billy. „Wir glauben, dass die Firma ein privater Wasserversorger ist. Kein Plan über irgendwelche Virenexperimente. Ich dachte, ich hätte einen ganz normalen Job und diese Scheiße von damals würde mich nicht mehr verfolgen, aber da hab ich mich wohl getäuscht."
„Das ist kein Wunder, die Sache ist streng geheim", sagte Chris. „Wir haben Monate gebraucht, um Elliot und der ganzen Geschichte auf die Schliche zu kommen. Und die Zeit drängt. Elliot ist ein Wahnsinniger, der die Welt zerstören will. Wir müssen ihn unbedingt aufhalten!"
„Ich gebe zu, dass das alles… nicht gerade glaubwürdig klingt", sagte Billy.
„Bitte, Billy, du musst uns glauben", sagte Rebecca. „Wir können dir später alles näher erklären, aber für den Moment ist es wichtig, dass du uns vertraust."
„Sieht wohl so aus."
Billy hielt inne und gebot ihnen mit einer Handbewegung ebenfalls stehenzubleiben.
„Das Anwesen liegt vielleicht hundert Meter entfernt, aber es wird von unserem Alpha- Team bewacht", erklärte Billy und reichte Chris ein Fernglas mit Nachtsichtfunktion.
Als Chris hindurchsah, erblickte er zwischen den Bäumen den Umriss eines Gebäudes. Darum erkannte er ein paar sich bewegende Figuren und vermutete, dass es die Soldaten des anderen Teams waren.
„Wie viele Leute sind das?", fragte er Billy.
„Sieben. Zwei am vorderen Eingang, drei hinten und zwei an den Seiten", erklärte Coen. „Ich habe euch hierher gebracht, bitte haltet meine Leute da raus. Sie haben nichts damit zu tun."
„OK", sagte Chris. „Wir wollen ohnehin so wenig Aufsehen wie möglich erregen. Wenn wir Kämpfe vermeiden können, dann bin ich der Erste, der das begrüßt. Aber wie sollen wir unbemerkt an den Wachen vorbeikommen?"
„Billy, kannst du sie nicht irgendwie weglocken?", fragte Rebecca. „Sie müssen bloß abgelenkt werden, damit wir durch die Tür nach drinnen können."
Billy überlegte kurz, dann zog er das Funkgerät hervor. „Das müsste funktionieren. Ich werde weiter in den Wald gehen", er deutete auf den dunklen Weg zwischen den Bäumen, „und ein paar Schüsse abgeben. Das müsste sie ablenken. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich euch verschaffen kann, also beeilt euch."
Er war im Begriff zu gehen, doch Rebecca hielt ihn zurück. „Billy."
Er wandte sich zu ihr. „Pass auf dich auf."
„Wirklich noch die Alte, Dollface", sagte er mit einem Grinsen.
„Warte noch! Versprich mir, dass du zurückkommst! Ich… Ich habe doch etwas, das dir gehört." Sie griff unter ihre Uniform und holte eine Kette hervor. Es waren Billys Hundemarken, die sie damals an sich genommen hatte, nachdem sie aus dem Labor geflohen waren.
„Ich hab sie bei jedem Einsatz dabei", sagte Rebecca. „Als Glücksbringer. Bitte komm zurück, ja?"
Er grinste und nickte, dann verschwand er in der Dunkelheit.
Sie harrten einige Minuten aus, dann ertönte in der Ferne eine Abfolge von fünf Schüssen. Chris, der das Fernglas behalten hatte, sah, dass die Soldaten ihre Posten vor dem Haus verließen. Einer sprach in sein Funkgerät, aber sie konnten das Gesagte nicht verstehen.
„Los, das ist unsere Chance!", sagte Chris. Sie wollten sich gerade in Bewegung setzen, als Leons Handy plötzlich klingelte. Es war Ingrid Hunnigan.
„Hunnigan, was gibt's?", fragte Leon.
„Gott sei Dank, endlich erwische ich irgendjemanden von euch. Da oben muss es nur Funklöcher geben."
„Was ist los?", fragte Chris besorgt.
„Wir haben ein Problem. Elliot Spencer muss erfahren haben, dass wir in dem Haus in Italien waren. Er hat rausgefunden, dass wir seinem Leben nachgeforscht haben." Sie zögerte einen Moment. „Clarke Madsen ist tot. Er wurde in seinem Appartement gefunden."
„Was?!"
Alle waren sofort alarmiert.
„Verdammte Scheiße", fluchte Chris leise vor sich hin.
„Hunnigan, das Anwesen war bewacht und man hat einen Trupp Soldaten auf uns angesetzt. Als wir in der Stadt ankamen, gerieten wir unter Beschuss."
„Wir können davon ausgehen, dass Elliot Bescheid weiß", sagte Hunnigan ernst. „Wir sollten den Einsatz vielleicht…"
„Nein!", entgegnete Chris. „Wir sind so weit gekommen, wir werden jetzt nicht einfach aufgeben. Wenn das Anwesen so gut geschützt wird, dann muss es wichtig sein. Es ist höchstwahrscheinlich, dass Sherry da drin ist. Wir dürfen diese Gelegenheit nicht verschwenden."
Hunnigan sah aus, als wolle sie widersprechen. Sie hatte schon in New York Skepsis bezüglich des Einsatzes vorgetragen und Claire hatte viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, damit sie die Mission genehmigt hatte.
„Hunnigan, bitte!", flehte Claire. „Wir schaffen das! Wir müssen Sherry da rausholen!"
„Also schön. Ich bleibe mit Ihnen in Kontakt", sagte Hunnigan. „Seien Sie vorsichtig! Elliot wird auf dem Weg zu Ihnen sein!"
„Wir dürfen keine Zeit verlieren!"
Sie eilten durch die Dunkelheit zum Haus. Wie erwartet war die Eingangstür verriegelt.
„Hier entlang!", sagte Wesker, als sie die Soldaten zurückkommen hörten. „Es gibt eine Tür auf der anderen Seite."
Sie folgten Wesker, der sie in der Dunkelheit durch den Garten zu einem kleinen Geräteschuppen führte. Von dem kleinen Häuschen aus gelangten sie zu einem mit Efeu und Gestrüpp überwachsenem gepflasterten Weg, der sie zur Rückseite des Gebäudes führte. Die Hintertür waren ebenfalls abgeschlossen, konnten jedoch leicht von Jill mit ihrem Dietrich geknackt werden.
Leise betraten sie das dunkle Haus und fanden sich in einem Flur wieder, der von ein paar Öllampen erleuchtet wurde. Sie waren beinahe erloschen, sodass sie ihre Taschenlampen brauchten, um sich orientieren zu können.
„Leise!", wies Wesker die anderen an.
„Kannst du dich an das Haus erinnern?", fragte Jill im Flüsterton. „Weißt du, wie es aufgebaut ist?"
Wesker schwieg für einen Moment und dachte nach. Er versuchte, tief in sein Gedächtnis vorzudringen, um die Erinnerungen von damals wieder hervorzuholen. „Nur sehr dunkel. Ich weiß, dass sich George Trevor beim Bau des Anwesens in den Arklay Mountains stark an diesem Haus orientiert hat."
„Heißt das, es gibt auch Fallen hier?", fragte Chris.
„Ich glaube nicht, es ist aber möglich, dass es Rätseltüren gibt, für die wir Schlüssel suchen müssen."
„Gibt's hier ein Labor?", fragte Jake. Er trat neben seinen Vater. Wesker spürte die Anspannung seines Sohnes. Jake hatte die Hände zu Fäusten geballt und war bereit zum Kampf.
„Ja."
„Sag ja nicht, dass wir das Haus nach irgendwelchen Wappen oder Medaillen absuchen müssen, um damit einen… Brunnen oder sonst was zu öffnen…" Chris hatte schon die schlimmste Befürchtung.
„Nein. Man kommt über den Keller in das Labor. Man braucht dafür nichts, sofern Elliot keine Sicherung eingebaut hat. Wir müssen aber auf die andere Seite des Hauses, durch die große Halle am Eingang durch."
„Das birgt aber die Gefahr, dass wir auf jemanden stoßen…"
„Gehen wir", sagte Jake, als hätte er Chris´ Bemerkung nicht gehört.
Das Haus war verlassen und wurde nur von ein paar einzelnen Lampen erhellt. Vorsichtig tasteten sie sich durch die Flure und Gänge. Sie trafen auf niemanden und Wesker wusste nicht, ob er sich über diese Tatsache freuen sollte. Die Böden waren mit schweren Teppichen ausgelegt, die ihre Schritte dämpften. An den Wänden hingen Gemälde, die Spencers Vorlieben für Mythologien widerspiegelten. Die Möbel waren allesamt aus wertvollen Hölzern, Dekorationen waren aus Silber oder teurem Porzellan. Die gesamte Inneneinrichtung musste einst sehr kostspielig gewesen sein.
Wesker überkamen eigenartige, beinahe widersprüchliche Gefühle, als er die Gänge des Hauses entlangschritt. Er und Alex hatten Teile ihrer Kindheit hier verbracht, doch die gesamte Zeit wirkte fremd und unwirklich, wie aus einem anderen Leben.
Die Umgebung war ihm seltsam vertraut, aber bewusst konnte er sich an nichts mehr erinnern. Die Erinnerungen waren unter einem Mantel von Schatten bedeckt. Eindrücke, Gerüche, ja sogar die Geräusche seine Schuhe auf den Holzdielen, alles kam ihm bekannt vor.
Die Eingangshalle war ein hoher Raum. Eine breite, mit Teppich ausgelegte Treppe führte in den ersten Stock hinauf. Auf beiden Seiten gab es mehrere kleine Türen. Ein Leuchter hing von der Decke. Neben der Eingangstür befand sich eine kleine Garderobe. Die Leuchtkegel ihrer Taschenlampen fielen auf den weißen Steinboden.
Wesker hielt inne und sah sich in der hohen Halle um. Plötzlich war es, als sei er wieder sieben Jahre alt. Er war ein kleines Kind und stieß die Türen auf, um nach draußen in den Garten zu gehen. Im Sommer waren er und Alex draußen gesessen und hatten unter einem Baum zusammen gelernt…
„Albert, alles OK?"
Er schrak zusammen, als ihn Helena aus seinen Gedanken riss.
„Wo müssen wir hin?"
„Da lang", sagte er und deutete auf einen schmalen Gang, der hinter die große Treppe führte.
Eine lange Treppe führte sie tief unter die Erde. Es war kühl und roch leicht modrig. Man sah, dass jemand das Geländer und die Wände gesäubert und von Schimmel befreit hatte. Es war frisch verputzt gestrichen worden.
Die Tür zum Labor war erneut worden, wie Wesker sofort erkannte. Die einfache, schwere Stahltür war durch eine neue Flügeltür ersetzt worden. Daran war ein elektronisches Schloss befestigt, das allerdings nicht in Betrieb war.
Wesker wusste nicht, woher seine Zielstrebigkeit kam. Er musste sich nicht suchend umsehen, musste keiner Beschilderung folgen, es war, als käme er jeden Tag hierher und hätte den Lageplan des Kellers auswendig im Kopf. Er führte Chris und die anderen zielsicher in einen Laborraum.
Elliot hatte ganze Arbeit geleistet und sich technisch auf den neuesten Stand gebracht. Überall befanden sich hochmoderne Geräte, die zu Weskers Kindheit in den 60ern noch nicht da gewesen waren. Außerdem war der gesamte Raum neu gefliest und die Materialien erneuert worden. Es roch frisch und sauber; jemand musste mit Reinigungs- und Desinfektionsmitteln gearbeitet haben. Es gab jetzt auch zwei zusätzliche Räume, die Wesker unbekannt waren. Einer trug die Aufschrift „Unbefugten Zutritt Verboten" und war mit einem ausgeklügelten Sicherheitsmechanismus verschlossen.
Als sein Blick über die silbern glänzenden Tische schweifte, tauchten einzelne Bilder vor seinem geistigen Auge auf. Er und Dr. Wesker allein hier… Ihm wurde übel und plötzlich hatte er einen bitteren Gallegeschmack im Mund. Ein Schauer fuhr durch seinen Körper und er fühlte sich wieder wie das hilflose Kind, das man zu den Untersuchungen gezwungen hatte. Er zwang sich, die Erinnerungen beiseite zu schieben.
„Sehen wir dort nach!", sagte Chris und sie steuerten auf die Tür auf der linken Seite zu.
„Man braucht einen Handabdruck und Stimmerkennung", stellte Wesker fest, nachdem er die Tür einem prüfenden Blick unterzogen hatte. „Wir haben beides nicht, wir müssen die Tür aufbrechen."
Es erwies sich als leichter gesagt als getan. Die Tür war gute 20 Zentimeter dick und es kostete sie wertvolle Zeit. Sie versuchten, den Rahmen aufzubiegen und sie so als ihrer Fassung zu heben, doch die Tür rührte sich kein Stück. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als sie aufzusprengen.
Die Explosion riss ein Loch in die Wand und löste über ihnen einen stillen Alarm aus. Ein rotes Licht blickte auf.
„Beeilung!"
Sie gelangten ein einen Raum, der offenbar für medizinische Untersuchungen genutzt wurde. Es gab eine metallene Liege und Medikamentenschränke. An der Stirnseite des Raumes standen mehrere gläserne Wassertanks. In zweien wurden Personen in Cryostase- Schlaf gehalten.
„Sherry!"
Jake konnte nichts mehr halten. Er stürmte voraus, die anderen folgten ihm sofort.
Sherry war in einen hautengen, weißen Anzug gekleidet. Sie hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Ihre Haare wogten sanft in der klaren Flüssigkeit. Jake überblickte sofort die zahlreichen Geräte, die ihre Vitalwerte und die Gesundheit der Kinder aufzeichneten. Seine Hände zitterten. Er wollte Sherry einfach nur aus ihrem Gefängnis befreien, aber er stand nur hilflos vor der Technik und wusste nicht, was er tun sollte.
„Jake, ich mach das schon", bot Rebecca an und drängte ihn sanft zur Seite.
„Geht's ihr gut? Was ist mit ihr?", fragte Jake und blickte leicht panisch auf Sherry.
„Alles gut, ihre Werte sind völlig normal. Ich lasse jetzt das Wasser ab und öffne den Tank." Rebecca drückte ein paar Schalter und die Anlage fuhr herunter. Die Flüssigkeit wurde abgelassen und Sherrys Körper sackte auf den Boden des Tanks. Jake war der erste, der zu ihr eilte, nachdem das Glas geöffnet war.
„Sherry!" Er nahm die bewusstlose Sherry in seine Arme.
Sie regte sich langsam und öffnete die Augen. Sie war schwach und fröstelte. Sie war nass und ihr Haar klebte in ihrer Stirn.
„Sherry, geht's dir gut?", fragte Jake. Seine Hände zitterten, als er ihr die nassen Strähnen aus dem Gesicht strich.
Sie nickte kaum merklich und konnte die Kraft zu einem schwachen Lächeln aufbringen.
„Ich… ich hab dich… vermisst", sagte sie leise.
„Ich dich auch. Ich bin so froh, dass… dass ich dich wieder habe", sagte Jake und die Erleichterung war ihm sichtlich anzumerken.
Wesker und Claire hatten sich in der Zwischenzeit dem zweiten Tank zugewandt, in dem ebenfalls eine Person in Schlaf gehalten wurde.
„Ist das…?", fragte Claire. Wesker nickte sofort und deaktivierte die Maschine.
„Das ist Faith. Moment.. Was soll das?"
„Was ist?! Wieso geht es nicht?!", fragte Claire aufgebracht.
„Ihre Vitalwerte sind zu schwach, die Maschine lässt mich die Cryostase nicht beenden. Wir können sie erst rausholen, wenn sie stabil genug ist", erklärte Wesker mit Blick auf die elektronischen Anzeigen.
„Dann holen wir sie eben mit Gewalt raus!", protestierte Claire und sah sich suchend nach einem Gegenstand, mit dem sie das Glas einschlagen konnte, um.
„Nein. Wenn wir sie gewaltsam aus der Cryostase befreien, dann könnte sie schweren Schaden nehmen. Wir müssen…"
„Ich werde sie nicht hierlassen! Alex hat monatelang gebangt und gehofft und jetzt, wo wir Faith endlich gefunden haben, sollen wir sie einfach im Stich lassen?! Das kann ich nicht…"
„Claire, wir müssen Sherry hier raus bringen!", drängte ihr Bruder sie. Sie schüttelte den Kopf. Chris packte sie an beiden Schultern, sodass sie ihn ansehen musste. „Wir haben wenig Zeit. Wir holen Faith, ich verspreche es dir. Aber jetzt müssen wir hier raus! Elliot ist auf dem Weg hierher!"
