„Ich hasse Zaubertrankunterricht", knurrte Ron.

Er war mit Hermine, Harry und seiner Schwester Ginny auf dem Weg in die Kerker.

Harry seufzte. Ihm ging es da nicht anders.

„Es ist wichtig!" protestierte Hermine. „Denkt nur daran, wir müssen unseren Abschluss so gut wie möglich schaffen, und dazu gehört nun mal auch Zaubertränke!"

Ein Stöhnen antwortete ihr aus der Richtung der Jungen.

Ginny grinste vor sich hin. Sie war zwar erst in der sechsten Klasse, aber als eine der wenigen Schüler war es ihr gelungen, ein paar Kurse zu überspringen. So auch Zaubertränke. Snape war auf der einen Seite sicherlich mehr als unfair zu den Gryffindors, aber er wusste genauso gut wie die anderen Lehrer, dass gerade Fähigkeiten wie diese im anstehenden Krieg benötigt werden würden. Und dass dieser anstand, daran zweifelte keiner mehr.

Der Gedanke daran ließ sie schlagartig wieder ernst werden. Viele Leute waren in den letzten zwei Jahren gestorben, und auch das Ministerium war sich nun der Tatsache bewusst, dass Voldemort tatsächlich wieder auferstanden war. Nicht zu vergessen Voldemorts erneute Attacken auf Harry.

Sie warf unwillkürlich einen Blick zu ihm hinüber – nicht, dass er es bemerkt hätte. Für Harry existierte sie nur als die Schwester seines besten Freundes. Sie verlangsamte ihre Schritte und blieb hinter den dreien zurück.

„Sieh an, Scrawny (AN: dürr, hager). Und wie immer mit einem hoffnungslosen Blick auf den großen Potter", spottete eine arrogante Stimme von hinten.

Ginny biss die Zähne zusammen. Sie hasste den Spitznamen, den Malfoy ihr verpasst hatte. Der Slytherin ging mehr als boshaft mit ihr um, seitdem er erfahren hatte, dass sie den Unterricht mit den Siebtklässlern teilen würde.

„Werd endlich erwachsen, Malfoy. Das zieht nicht mehr!" sagte sie unwirsch.

„Ach nein?" Er trat ihr in den Weg, wohlwissend, dass Crabbe und Goyle direkt hinter ihm waren.

Ginny hatte sich in der letzten Zeit schon öfters mit ihm auseinandergesetzt. Im Gegensatz zu Harry und Hermine, die meistens – notgedrungen – über das hinweghörten, was Malfoy ausspie, dachte sie gar nicht daran, sich alles gefallen zu lassen.

„Ich meine, wer will schon eine kleines Mädchen, das kuhäugig hinter ihm herrennt? Das noch dazu praktisch nur aus Sommersprossen und rotem Haar besteht? Du hast ja nicht einmal etwas, dass einem Mann etwas bieten könnte", spöttelte er weiter.

„Deswegen hast du dich wohl mit Pansy zusammengetan", gab sie schlagfertig zurück. „So verzweifelt kann doch keiner sein, so hässlich, wie sie ist."

Malfoys Augen verengten sich bedrohlich.

„Du solltest aufpassen, was du sagst, Scrawny", sagte er drohend, und Crabbe und Goyle ließen die Knöchel knacken. „Du willst doch nicht als Kröte enden?"

Er griff nach seinem Zauberstab. Ginny hatte das vorausgesehen, schnellte nach vorne und trat ihm kräftig gegen das Schienbein.

Malfoy jaulte auf und ließ fast den Zauberstab fallen. Mittlerweile hatten ein paar Gryffindors bemerkt, dass Ginny sich in Schwierigkeiten befand, und waren stehen geblieben.

„Ginny, alles okay?" fragte Dean Thomas mit einem drohenden Blick auf Malfoy, der zornig an seinem Bein herumrieb.

„Keine Probleme", antwortete Ginny zuckersüß. „Wir kommen zu spät."

Sie ging an Malfoy vorbei, als wäre er unsichtbar.

„DAS wirst du bereuen, Scrawny!" zischte er.

Unbemerkt von allen anderen zeigte ihm Ginny ihren Mittelfinger hinter dem Rücken.

Draco knirschte wie verrückt mir den Zähnen. Sie würde bezahlen, und zwar höllisch!


„Sie beschäftigen sich heute mit dem Anti-Schmerz-Trank", sagte Snape leise. Er war trotzdem gut zu hören, denn es herrschte ein tiefes Schweigen in dem Saal. Niemand wollte riskieren, Hauspunkte abgezogen zu bekommen. Die Slytherins hatten auf recht harte Weise lernen müssen, dass diese Prinzipien inzwischen für alle galten.

„Teilen Sie sich in ihren gewohnten Gruppen auf. Ich glaube zwar kaum, dass jemand den Anweisungen explizit folgen kann ..." sein stechender Blick wanderte über Harry und Neville, und der letztere verkroch sich förmlich unter seiner Bank, „aber das Endergebnis sollte blau sein. Sie werden zusammen mit ihrem Partner die Wirkung testen. Bei korrekter Anwendung sollten Sie in der Lage sein, jegliche Schmerzen zu ignorieren – wenn auch nur für eine kleine Zeitspanne. Als kleine Anmerkung für diejenigen, die es sich merken können, aufgrund der zu kurzen Wirkung kann er nicht als Gegenmittel zum Crucio eingesetzt werden."

Snape verstummte.

„Worauf warten sie noch?" fragte er dann barsch.

Ginny gesellte sich zu Neville. Dabei seufzte sie innerlich. Der Himmel mochte wissen, warum Snape ausgerechnet ihn als ihren Partner bestimmt hatte. Neville war lieb und ein guter Freund, aber als Zaubertranknachbar war er eine Katastrophe.

Neben ihr arbeiteten Malfoy und Blaise Zabini, und dahinter Harry und Hermine.

Snape ging durch die Reihen, und seine scharfen Augen übersahen keinen einzigen Fehler.

„Mr Potter", sagte er irgendwann spöttisch. „Wenn Sie nicht in der Lage sind, Anweisungen zu lesen, sollten Sie sich vielleicht doch überlegen, auf eine normale Muggelschule überzuwechseln. Nicht, dass sie dort erfolgreicher wären. Fünf Punkte Abzug für Gryffindor."

Harry wurde rot vor Wut, aber er wusste aus Erfahrung, dass ein Protest höchstens den Abzug von weiteren Punkten bedeutete.

Ginny arbeitete so konzentriert, wie sie konnte. Dieser Trank war wirklich kompliziert, und ein paar der Zutaten waren auch nicht ungefährlich. Zwischendurch musste sie immer wieder Neville daran hindern, das ganze in die Luft zu jagen.

Dracos Blicke bohrten sich in den Rücken der kleinen Gryffindor. Er überließ es Zabini, den Zaubertrank vorzubereiten und überlegte sich verschiedene Methoden, um ihr die Blamage von vorhin heimzuzahlen.

Noch ehe er dazu kam, explodierte der Kessel von Seamus Finnegan und Lavender Brown. Die kochend heiße Flüssigkeit spritzte in alle Richtungen, und alle rannten kreischend auseinander.

Ein paar Tropfen trafen Ginnys Arm, und sie versuchte hastig, die Flüssigkeit abzuwischen. Es brannte wie Feuer. Sie drehte sich um, langte nach etwas, was den Trank aufsaugen konnte, und prallte dann Kopf voran gegen jemanden.

„Autsch. Du Trottel, pass auf wo du hin läufst!"

Die Person versuchte sie grob beiseite zu schieben. Ginny erkannte schließlich, wer da vor ihr stand.

„Malfoy! Was hast du vor, verdammt?"

Der Slytherin sah sie kurz an, und Ginny starrte mit offenem Mund zurück. Dracos Augen waren ausdruckslos, und er bewegte sich wie eine Marionette. Sie sah, wie er schlafwandlerisch nach etwas aus seinem Umhang griff, und er bewegte sich auf Harrys und Hermines verlassenen Kessel zu. Niemand sonst sah in ihre Richtung, alle waren vielmehr damit beschäftigt, sich vor Seamus' und Lavenders Zaubertrank in Sicherheit zu bringen.

„NEIN!" Ginny schnellte vor und griff nach seiner Hand. Dabei fiel der Inhalt in ihren eigenen Kessel.

Der begann sofort zu zittern und zu brodeln. Ein unheimliches Geräusch erhob sich im Zaubertranksaal, das immer lauter wurde. Es war schrill und zerrte an den Nerven.

Ginny sah fassungslos darauf hinab, Dracos Hand noch immer fest im Griff.

Dann explodierte der Kessel ebenfalls, und sie wurden beide zurückgeschleudert.


„Ist jemand verletzt?" bellte Snape in den Raum. Ein paar Minuten waren vergangen, seitdem der zweite Kessel in die Luft gegangen war. Die Luft war erfüllt von Rauch und Gehuste.

Fast alle schüttelten die Köpfe. Harry richtete sich benommen auf und rieb sich die Schläfe. Crabbe betastete schmerzverzerrt seinen Knöchel.

Ron sah sich verstört um.

„Wo ist Ginny?" verlangte er dann zu wissen.

„Draco!" kreischte Pansy Parkinson gleichzeitig. „Draco ist verschwunden!"

Snape öffnete den Mund, um sie scharf anzufahren, und verstummte dann abrupt. Die Stelle, an der der Kessel Virginia Weasleys gewesen war, war leer.

Und seine beiden besten Schüler fehlten tatsächlich.

Eine Ratte. Nur eine Ratte, in einer versteckten Nische des Zaubertranksaales.

Doch diese Ratte zitterte vor Angst. Sie hatte auch allen Grund dazu.