Ginnys Sturz wurde durch etwas Weiches abgefangen. Etwas, das einen schwarzen Umhang trug wie sie selbst und blonde Haare hatte ...
„Runter von mir!" Malfoy stieß sie zur Seite, und Ginny landete im Sand. Moment mal, Sand?
Sie sah nach unten, und dann hob sie den Kopf und blickte sich um. Was sie sah, ließ sie schlagartig die Augen weiter aufreißen.
Es war blendend hell, und um sie herum war nur Sand. In der Ferne konnte sie eine Hügelkette ausmachen.
„Was zum Teufel ..." Auch Malfoy hatte sich nun umgedreht und starrte auf die Umgebung. Dann wandte er sich unverzüglich an Ginny. „Wie hast du mich hierher gebracht? Bring mich sofort zurück, du dämliche Kuh!"
„Ich? Wer hat denn den Kram in meinen Kessel geworfen?!" Ginny begann zu kochen.
„Ich weiß gar nicht, von was du redest! Du bringst mich besser zurück, oder ..."
„Oder was? Falls es dir aufgefallen ist, ich weiß auch nicht wo wir sind!"
„Dann lass dir besser schnell etwas einfallen!" gab er auf seine gewohnt arrogante Art zurück.
Ginny war nahe daran, eine Handvoll Sand zu nehmen und sie in sein Gesicht zu schleudern. Sie erhob sich und stolperte dann über die Überreste ihres Kessels.
„Du hattest vor, Harry wieder mal in Schwierigkeiten zu bringen, ist doch so! Reingefallen, Malfoy!"
„Ich wiederhole noch mal, falls du taub sein solltest, ich habe nicht die geringste Ahnung, von was du sprichst! Das letzte, woran ich mich erinnern kann, ist, dass Browns und Finnegans Zaubertrank explodiert ist!"
„Du lügst doch, wenn du nur den Mund aufmachst!" Ginny wurde sich bewusst, dass sie hier mitten in einer Sandwüste standen und sich gegenseitig anschrieen. Sie atmete tief durch. „Könnten wir vielleicht mal überlegen, wie wir wieder hier wegkommen, anstatt uns die Augen auszukratzen?"
„Du überlegst. Es ist schließlich deine Schuld!"
„Du bist ... unmöglich!"
Ginny stapfte los ohne sich umzusehen.
„Hey! Wo willst du hin!" brüllte Malfoy los.
„Weg hier", gab sie zurück. „Du kannst ja gerne dort verschmoren, wenn du willst."
Nach ein paar Minuten hörte sie, wie er ihr folgte.
Ginnys Gedanken rasten. Wo um Himmels willen befanden sie sich? Malfoys Weigerung, zuzugeben, was es mit diesem Zeug auf sich hatte, dass er in Harrys Kessel hatte werfen wollen, machte sie noch wütender, als sie schon war. Und das half ihr nicht beim Denken, im Gegenteil.
Etwas anderes wurde ihr schlagartig bewusst, und sie blieb abrupt stehen.
Draco hatte aufgeholt und rannte nun in sie hinein.
„Was ist, Scrawny, hast du jetzt auch noch vergessen, wie man die Füße bewegt?" fragte er gereizt.
Ginny hörte ihn kaum.
„Wir sprechen kein Englisch mehr", flüsterte sie dann zu sich selbst.
„Was redest du da für einen Quatsch ..." Malfoy verstummte ebenfalls. Er sah so verblüfft aus, dass Ginny hätte lachen müssen, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre.
„Wir sprechen kein Englisch, und trotzdem verstehen wir uns. Kannst du irgendwelche Fremdsprachen? Ich nicht."
„Ein paar", gab er verwirrt zurück. Er war so außer Fassung, dass er vergaß, eine fiese Bemerkung mit anzuhängen. „Aber die sind mit Sicherheit anders als diese. Außerdem – es ist ja gerade so, als wäre das unsere Muttersprache. Ich denke ja sogar darin."
„Ich auch." Ginny verstummte. „Malfoy, jetzt mal im Ernst. Was war es, was du in Harrys Kessel werfen wolltest?"
„Nichts! Ich habe nicht mal an Potter gedacht, sondern, wie ich dir ... Vergiss es. Du musst geträumt haben!"
„Habe ich nicht." Ginny zählte in Gedanken bis zehn. „Du bist mit mir zusammengestoßen, und hast versucht, mich aus dem Weg zu schieben. Dann hast du etwas aus deinem Umhang geholt und wolltest damit zu Harrys und Hermines Zaubertrank. Ich habe deine Hand gepackt, und dabei ist das ganze in meinem Kessel gelandet."
„Das ist doch lächerl ..." Draco griff mit einer Hand in seinen Umhang, zog sie wieder heraus und starrte dann darauf. Ein paar dünne, grünliche Fasern hingen daran. Er roch daran und wurde noch blasser, als er ohnehin schon war.
„Was ist das?" fragte Ginny beunruhigt.
„Rajahin."
„Das kenne ich nicht. Was ist das?"
„Es ist total selten. Die Pflanze wächst nur auf einer ganz bestimmten Insel im Pazifik." Es hörte sich an, als würde eine Maschine sprechen, so tonlos klang er.
„Und ... was bewirkt sie?" Ginny gefiel der Ton seiner Stimme kein bisschen.
„Sie öffnet das Gezeitenportal. Eins sage ich dir, wir sitzen ganz tief in der Scheiße, Scrawny."
Sie stapften stumm nebeneinander her.
Ginny hätte gerne mehr erfahren, aber sie schwieg, bis sie merkte, dass sich die Umgebung allmählich veränderte. Aus dem Sand wurde grobes Gestein, ein paar Büsche tauchten auf, die jedoch verkrüppelt und ausgetrocknet wirkten.
„Okay, ich geb's jetzt auf. Was ist das Gezeitenportal?"
Draco sagte immer noch keinen Ton.
„Malfoy!"
„Ich weiß nicht, wie das Zeug in meine Tasche gekommen ist", sagte er unvermutet. „Es ist nur Zufall, dass ich überhaupt weiß, worum es sich handelt. Vater hatte ..." Er verstummte wieder und fing dann neu an. „Das Gezeitenportal öffnet sich mit Hilfe des Rajahin. Es ist ein Tor zu Raum und Zeit. Wir könnten uns wer weiß wo befinden."
„Dann müssen wir doch bloß diese Pflanze finden, und können uns auf den Rückweg machen!"
„Meinst du?" Das klang spöttisch.
„Wenn du was weißt, dann spuck es aus, Malfoy!"
„Das Problem an der Sache ist erstens, glaubst du, die wächst hier, wenn sie auf der gesamten Erde nur auf einer winzigen Insel auftaucht? Zweitens, wir kennen den Rückweg nicht. Mal angenommen, wir schaffen es tatsächlich, das Portal zum zweitenmal zu öffnen, wer weiß, wo es uns das nächste Mal hinschickt? Oder es schickt uns zurück, und zwar in die Zukunft, oder die Vergangenheit? Und drittens ... Stupefey!"
So schnell, dass Ginny es nicht einmal mitbekam, hatte er seinen Zauberstab gehoben und auf sie gerichtet.
Ginny stolperte zurück, und wartete darauf, dass der Fluch sie traf. Doch nichts geschah.
„Das habe ich mir gedacht." Dracos Stimme klang nun grimmig.
Ginny wollte ihn wütend anschreien, und dann realisierte sie, was er meinte.
„Wir können nicht zaubern?" fragte sie ungläubig.
„Wir sind hier nur verdammte Muggel!" Er spie das Wort förmlich aus. „Das Gezeitenportal wurde früher dazu benutzt, unliebsame Personen aus dem Weg zu räumen ..." Er brach ab.
Sie sahen sich an. Jeder wusste, was der andere dachte, aber Ginny sprach es schließlich aus.
„Voldemort."
„Was heißt, Sie wissen nicht, was passiert ist?"
Lucius Malfoy raste vor Wut. Er wusste natürlich genau, wo sich sein Sohn und diese Weasley befanden, aber das zuzugeben hieße, selbst seinen Kopf in die Schlinge zu legen. Er hatte Draco vorgeschlagen, die Mission auszuführen, um Potter endgültig loszuwerden. Er selbst hatte den Imperio ausgesprochen, und das Rajahin besorgt. Doch nun galt es, die Spuren zu vertuschen und einen möglichst großen Wirbel um das Verschwinden der zwei zu machen. Vielleicht gab es wenigstens die Chance, dass Dumbledore oder Snape ihre Posten verlassen mussten. An Draco verschwendete er keinen Gedanken mehr – er würde nicht zurückkommen. Das war bedauerlich, aber nicht zu ändern.
„Das heißt, dass wir es nicht wissen!" Snapes Stimme war gereizt und wütend. „Keine der Zutaten hätte diese Reaktion auslösen können, und das weißt du, Lucius!"
„Aber ... wo können sich die Kinder denn befinden?" Molly Weasley war erschreckend bleich.
Harrys Blick wanderte immer wieder zu Lucius Malfoy zurück. Seine Wut kam ihm nicht echt vor, und er wusste, dass Malfoy ein Todesser war. Doch Malfoy senior übersah ihn geflissentlich.
„Molly, wir tun alles, um Draco und Ginny wiederzufinden", sagte Dumbledore, aber auch seine Stimme war nicht frei von Besorgnis.
Narcissa Malfoy hatte die ganze Zeit auf den Boden gesehen. Ihre Gesichtsfarbe glich der Mollys. Sie vermied es, ihren Mann anzusehen.
Hermine hatte fast Mitleid mit ihr, auch wenn ihr persönlich Draco Malfoy relativ egal war. Aber Ginny ... dass es ausgerechnet Ginny hatte treffen müssen ...
„Leider können wir nicht in Erfahrung bringen, was sich in dem Kessel befunden hat, denn er ist ebenfalls verschwunden", sagte Dumbledore ruhig. „Wir sind jetzt dabei, alle Möglichkeiten zu überprüfen."
„Das dauert mir zu lange", sagte Lucius kalt. „Ich werde dafür sorgen, dass das Ministerium von dieser unverantwortlichen Aktion erfährt. Wer weiß, wer als nächstes verschwinden wird."
Seine Augen huschten nur Sekundenbruchteile zu Harry hinüber und richteten sich dann wieder auf den Direktor von Hogwarts.
„Tun Sie, was Sie nicht lassen können." In Dumbledores Stimme klang nun auch Schärfe mit. „Dadurch werden Sie nichts ändern."
„Wer weiß?" Lucius erhob sich. „Wie gehen, Narcissa."
Narcissa Malfoy nickte leicht, und ging dann ihrem Mann hinterher. Hermine saß ihr am nächsten, und ihre Augen weiteten sich, als Dracos Mutter dicht neben ihr etwas fallen ließ. Dann waren die Malfoys verschwunden.
„Das war zu erwarten", knurrte Snape.
„Ich wette, er hat etwas damit zu tun", platzte Ron heraus.
Hermine bückte sich unauffällig und hob etwas vom Boden auf. Es war ein kleines Stück Papier, und sie betrachtete es nachdenklich.
„Was ist los, Hermine?" fragte Harrys Stimme leise, und sie sah auf.
„Narcissa Malfoy. Sie hat das hier verloren." Doch ihre Stimme klang gepresst.
Auch alle anderen Anwesenden horchten auf.
„Was steht drauf?"
„Professor Dumbledore", sagte Hermine, scheinbar ohne ihn zu hören.
„Miss Granger?"
„Können Sie mit dem Wort ´Gezeitenportal´ etwas anfangen?"
Arthur Weasley gab einen erschrockenen Laut von sich. Molly sah verwirrt aus. Snape fuhr auf, als hätte ihn etwas gebissen.
Dumbledores blaue Augen waren nachtdunkel geworden.
„Ja", sagte er nur. „Wir haben ein Problem."
Es war heiß.
Ginny hatte sich ihren Umhang längst ausgezogen, und die Ärmel ihres Pullovers heraufgerollt. Dennoch schwitzte sie in ihrer Kleidung, die ja eigentlich für den Winter gedacht war.
Auch Draco hatte den Umhang über der Schulter hängen. Seine eigentlich sehr blasse Hautfarbe hatte sich inzwischen in einen rötlichen Ton verwandelt.
Sein Sonnenbrand wird nicht von schlechten Eltern sein.
Keiner der beiden redete. Außer ihnen war meilenweit niemand in Sicht, auch wenn die Gegend nun üppiger und fruchtbarer wurde.
Ginnys Füße taten weh. So lange Märsche war sie nicht gewohnt, aber vor Malfoy wollte sie keine Schwäche zeigen.
Plötzlich bewegte sich etwas vor ihnen.
Ein Tier, dass aussah wie eine Kreuzung zwischen einem Fuchs und einem Leguan, erhob sich von den flachen Steinen, auf denen es lag und zischte drohend. Ginny sah, dass seine Zunge gespalten war wie bei einer Schlange.
Draco war stehen geblieben, und Ginny widerstand dem Impuls, sich hinter ihm zu verstecken.
Das Vieh zischte erneut, und verschwand dann mit einem unvorstellbaren Tempo.
„Hörst du das?"
„Was soll ich hören?" Selbst Malfoy klang müde.
„Wasser. Es muss irgendwo von da vorne kommen."
Ginny ging dem Geräusch nach. Und tatsächlich, ein schmales Rinnsal – den Begriff Bach hatte er nicht verdient – verlief zwischen den Steinen.
„Merlin sei dank."
„Was ist, wenn es giftig ist?" Draco beäugte das Wasser skeptisch.
„Haben wir eine Wahl?"
Ginny spritzte sich etwas davon ins Gesicht. Es war kühl und erfrischend. Es schmeckte nach Eisen und nach etwas, was sie nicht definieren konnte.
Draco tauchte seinen Umhang hinein und wickelte ihn sich dann um die Arme, die inzwischen tiefrot waren.
Keiner der beiden hatte bemerkt, dass ein beinahe unwirkliches Licht auf sie fiel.
„Die Sonne geht unter", bemerkte Ginny schließlich.
„Ich bin nicht blind", kam die kühle Antwort zurück.
„Bleiben wir hier", schlug sie vor. „Für die Nacht, meine ich. Hier ist wenigstens Wasser."
„Hier?" Die Umgebung entsprach nicht dem Komfort, den Draco normalerweise gewohnt war.
„Entschuldigen Sie", sagte Ginny ironisch. „Das nächste Hotel ist nur ein paar Zehntausendmeilen weiter, ich vergaß!"
„Zimtziege."
„Snob."
Keiner von ihnen schlief richtig.
Ginny sah in den fremden Sternenhimmel und fröstelte vor sich hin. So heiß es auch am Tag gewesen war, die Temperaturen bewegten sich jetzt bestimmt um den Nullpunkt. Der zerknüllte Umhang unter ihrem Kopf verschaffte kaum Bequemlichkeit, und die Steine waren hart.
Draco war noch schlimmer dran, der Sonnenbrand um seine Schultern und auf den Armen versagte es ihm, sich überhaupt hinzulegen. Er saß mit untergeschlagenen Beinen da und nickte dann und wann ein, nur um bei dem kleinsten Geräusch wieder hochzuschrecken.
Es war lange nach Mitternacht – Ginny dachte immer noch in ihren Zeitbegriffen – als ein hoher, schriller Schrei das Dunkel der Nacht durchdrang. Er hallte zwischen den etwas entfernten Felswänden wieder.
Mit einem Sprung war sie auf den Beinen, Draco direkt hinter ihr. Sie sahen angespannt ins Dunkle. Der Schrei wiederholte sich, und ein Fauchen schloss sich ihm an.
Ginny verschränkte beide Arme vor der Brust und zitterte.
„Merlin, was war das?" flüsterte sie schwach.
„Egal, was es war, hoffentlich kommt es nicht hierher." Malfoys Stimme klang ebenfalls kleinlaut.
