Das erste, was Ginny sich beim aufwachen fragte, war, warum jemand ihr Bett in einen Haufen Steine verwandelt hatte. Sie blinzelte und versuchte dann, sich die Decke über den Kopf zu ziehen, doch die war auch nicht da.
„Was zum ..." Sie fuhr auf und sah sich um. „Und ich hatte so gehofft, alles wäre nur ein Alptraum gewesen ..."
„Das Glück haben wir nicht", sagte eine schlechtgelaunte Stimme von rechts. „Entzückend, dass du auch mal aufwachst, Scrawny."
Draco saß ein ganzes Stück weit entfernt und musterte sie ungnädig.
„Du hättest mich ja wecken können."
„Habe ich ja versucht, kein Wunder, dass du morgens immer zu spät kommst. Dich kriegt ja nicht mal ein Troll wach!"
„Du bist und bleibst ein Widerling, Malfoy!"
„Und du eine blöde Zicke."
Ginny verdrehte die Augen gen Himmel und stand auf. So kamen sie nicht weiter, das war gewiss. Warum bei Merlins Bart musste sie ausgerechnet mit Malfoy hier landen? Selbst Neville wäre ihr da noch lieber gewesen, obwohl von dem wahrscheinlich auch keine Hilfe zu erwarten gewesen wäre.
Malfoys Gedanken schienen in die gleiche Richtung zu laufen.
„Ausgerechnet Scrawny Weasley! Ich hätte sogar eine Ravenclaw vorgezogen, aber nein, ich lande hier mit einer unterbelichteten, dämlichen Gryffindor", murmelte er gut hörbar.
Ginny kochte schon wieder vor Wut. Sie wollte gerade ihrerseits anfangen, mit Beleidigungen um sich zu werfen, als ein Geräusch wie von polternden Steinen direkt in ihrer Nähe zu hören war.
„Ich weiß ja nicht, was du machst, Mister Oberschlau, aber die unterbelichtete, dämliche Gryffindor haut jetzt von hier ab!"
Sie wollte an ihm vorbeigehen, aber er griff nach ihrem Arm.
„Angst, Scrawny?" fragte er anzüglich. Wieder dasselbe Geräusch, nur noch viel näher. Sie spürte, wie er zusammenzuckte, und machte ihren Arm los.
„Wer, ich?" gab sie mit beißendem Spott zurück. „Du bist derjenige, der sich hier in die Hosen macht, nicht ich."
„Das hättest du wohl gerne!" fauchte er. „Dann sieh doch nach, was es ist, wenn du so mutig bist!"
„Wollen wir uns jetzt weiterstreiten oder verschwinden?" Ginny wartete seine Antwort gar nicht ab und marschierte los. „Irgendwo auf dieser verdammten Welt wird es ja wohl noch andere Menschen geben!"
„Bei deinem Pech sind es garantiert Kannibalen."
Sie antwortete nichts darauf. Sollte er doch vor sich hinmeckern, sie hatte beschlossen, nichts mehr zu hören. Die Geräusche letzte Nacht und heute morgen machte ihr viel mehr Sorgen. Im Ernstfall konnte sie auf Malfoy nicht zählen, das wusste Ginny genau. Also musste sie sich selbst etwas ausdenken – aber was?
Die Büsche und Pflanzen wurden wieder spärlicher, und der Boden stieg an. Vor ihnen türmten sich Felsen auf, die bald darauf zu Bergen wurden. Man konnte nicht ersehen, wie weit sich das Gebirge hinstreckte, es erschien endlos.
Ginny war vor Hunger ganz flau im Magen. Das war das nächste Problem – es gab nichts, was man hätte essen können, selbst vorausgesetzt, man wäre verrückt genug, eine unbekannte Pflanze zu probieren.
Eine gewaltige Schlucht tat sich vor ihnen auf. Sie reichte sicherlich fünfzig Meter in die Tiefe, und der Grund war übersät mit weißlichen Objekten, die sie nicht genau erkennen konnte. Ein steiler, schmaler Pfad führte die Felswände hinunter.
„Sieht wie eine Einladung aus", murmelte sie zu sich selbst und sah nachdenklich nach unten.
Dann gab sie sich einen Ruck und folgte dem Pfad, vorsichtig, um nicht abzurutschen. Hinter sich konnte sie hören, dass Malfoy wieder etwas vor sich hinfluchte, aber er folgte ihr.
Am liebsten hätte Ginny sich die Augen zugehalten, aber dann wäre sie mit Sicherheit abgestürzt. Der Weg war übersät mit Geröllstücken und kleineren Steinchen und war gefährlich rutschig.
Dann passierte, was sie insgeheim befürchtet hatte. Ein Stein glitt unter ihr weg, und sie verlor das Gleichgewicht. Ginny schrie auf und erwartete, jeden Moment in die Tiefe zu fallen. Stattdessen packte sie ein Arm und zog sie wieder auf den Weg zurück.
„Untersteh dich, hier einfach abzuhauen!" Draco ließ sie sofort wieder los.
„Oh Mann, und ich dachte, ich bin schon tot." Ihre Stimme zitterte bedenklich.
„Hat nicht viel gefehlt." Aber das klang nicht halb so arrogant wie sonst. Scheinbar hatte ihm der Beinahe-Unfall ebenfalls einen gewaltigen Schrecken eingejagt.
Noch vorsichtiger als vorher setzten sie den Abstieg fort. Ginny hätte vor Erleichterung aufseufzen können, als sie endlich den Boden der Schlucht erreicht hatten. Der Weg, der sich nun vor ihnen erstreckte, war breit und eben, und ihre knirschenden Schritte hallten von den Wänden wieder.
Sie erkannte plötzlich, was die weißen Objekte darstellten, die sie von oben nicht hatte erkennen können, und wurde blass.
„Knochen", flüsterte sie.
„Menschenknochen", korrigierte er.
„Woher weißt du das?"
„Seit wann haben Tiere solche Schädel?" Er zeigte in die Richtung, die er meinte, und Ginny schluckte.
Sehr viele Knochen lagen hier herum, und dazwischen ein paar andere Dinge. Draco bückte sich und hob eins davon auf.
„Ein Teil von einem Schwert. Abgebrochen, schätze ich mal."
„Eine Schlacht?"
„Sieht ganz danach aus."
Nun konnte Ginny auch halb verrottete Pfeile und sogar einen Speer erkennen. Sie griff nach seinem Schaft, und das Holz fiel in ihren Händen auseinander. Die Spitze jedoch glänzte matt in dem gedämpften Licht, dass hier unten herrschte.
Draco hatte einen Dolch entdeckt und musterte ihn nachdenklich.
„Besser als nichts", knurrte er dann und steckte ihn ein.
Ginny nahm die Speerspitze an sich, und gemeinsam gingen sie den Weg entlang. Eine unwirkliche Stille lag über der Schlucht, nichts war zu hören außer ihren Schritten, und sie konnten sich sogar atmen hören.
„Das heißt aber doch, dass es auf dieser Welt wirklich andere Menschen gibt", sagte sie nach einer langen Zeit.
„Wenn sie noch existieren", gab Draco zurück. „Die scheinen sich hier ganz nett abgeschlachtet zu haben, und außerdem ..."
Weiter kam er nicht, denn urplötzlich verdunkelte sich der Himmel über ihnen. Ein riesenhaftes Tier flog über die Schlucht und schlug träge mit den Flügeln.
„Ein Drache!" Ginny verspürte Hoffnung. Drachen gab es schließlich auch zu Hause.
Der Drache – oder was auch immer es war – ließ einen beinahe singenden Laut hören und kreiste dann über der Schlucht. Ihm folgten weitere, eine ganze Herde. Ginny konnte eine Menge kleinerer erkennen. Der Leitdrache wiederholte den Ton, und die gesamte Schar flog geschlossen weiter in eine andere Richtung.
Draco und Ginny sahen ihnen hinterher, solange sie zu sehen waren.
„Nein."
Molly und Arthur Weasley wechselten einen verzweifelten Blick.
Dumbledore wirkte alt und müde.
„Es gibt keine Möglichkeit, herauszufinden, wo die beiden sind. Das Gezeitenportal öffnet sich beliebig in jede denkbare Richtung. Und sie haben fast keine Chance, zurückzukommen."
„Das heißt, Ginny ist so gut wie tot?" fragte Ron ungläubig.
„Sie lebt", stellte Dumbledore klar. „Genau wie Mr Malfoy. Nur – ob wir sie wiedersehen werden, ist mehr als fraglich. Glauben Sie mir, es fällt mir nicht leicht, das zu sagen."
„Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, dieses Portal wieder zu öffnen!" sagte Molly. Tränen rannen ihr über die Wangen.
„Mrs Weasley, wir können es öffnen. Aber wie Albus schon sagte, es könnte in eine völlig andere Welt führen." Snape sah noch hagerer und bleicher aus als sonst.
„Wie konnte dieses ... dieses Tor überhaupt aktiviert werden?" fragte Harry. Auch er war wie vor den Kopf geschlagen.
„Nun, es gibt da eine Pflanze, die sehr selten ist. Wenn man sie in eine beliebige, kochende Flüssigkeit wirft, wird das Gezeitenportal geöffnet. Sie nennt sich Rajahin, und die Anwendung ist unter Todesstrafe verboten."
„Harry, ich glaube, es war ein Plan, dich loszuwerden", sagte Sirius leise. „Narcissa hat bewiesen, dass sie davon wusste. Und von wem anders als von ihrem Mann? Er wird seinen Sohn darauf angesetzt haben."
„Meinst du denn, Draco Malfoy ist so blöd, das Risiko einzugehen? Er ist ein Ekel und absolut nicht zu ertragen, aber dumm ist er nicht."
„Wir können nur spekulieren", sagte Dumbledore an Sirius' Stelle. „Aber ich wage zu behaupten, dass Draco selbst nur benutzt worden ist."
„Das glaube ich nicht", antwortete Ron zornig. „Der würde doch jede Gelegenheit nutzen, um Harry zu schaden!"
„Und sich selbst dabei in Gefahr bringen?" fragte Hermine skeptisch.
Molly wurde das Gerede zu viel.
„Es ist mir egal, wer Schuld hat!" sagte sie heftig. „Ich will meine Tochter zurück, und wenn ich selbst durch dieses Gezeitenportal wandern muss!"
„Nein", sagte Arthur nachdrücklich. „Molly, es tut mir genauso weh wie dir, aber wir werden Ginny nicht wiedersehen."
Ein tiefes Schweigen folgte seinen Worten.
„Er ist was?"
Lucius Malfoy und Peter Pettigrew zuckten zusammen. Sie standen vor Voldemort, dessen Augen vor Wut förmlich aus ihren Höhlen traten.
„Ein perfekter Plan, Wurmschwanz?" höhnte Voldemort dann. „Ein perfekter Plan, der einer perfekte Strafe bedarf! Crucio!"
Beide Männer wanden sich in Schmerzen. Der schwarze Lord raste vor Zorn, und ließ sie eine lange Zeit leiden.
Andere Todesser standen stumm im Kreis, jeder von ihnen hielt den Kopf gesenkt. Niemand konnte wissen, ob sich Voldemorts Wut nicht auch auf sie ausweiten würde.
Schließlich ließ Voldemort von den beiden ab.
„Ihr habt mein Vertrauen verspielt", sagte er dann kalt. „Dein Sohn wäre sicher ein guter Todesser geworden, Lucius, und auch darum hast du mich gebracht. Was diese ... Weasley betrifft, hätte es nicht wenigstens der Freund von Potter sein können? Ihr seid meiner Augen unwürdig! Nagini!"
Die Schlange zischte gierig.
„Du hast freie Hand", sagte Voldemort. Seine Stimme klang, als würde er lächeln, obwohl sein Gesicht ausdruckslos blieb. Dann drehte er sich um und verließ den Raum. Hinter sich konnte er die Schreie der Männer erneut hören.
