„Ich habe Hunger." Dracos Tonfall war mehr als gereizt.
„Meinst du, ich nicht?" gab Ginny ärgerlich zurück. „Es gibt hier nur leider keinen Zimmerservice!"
Nachdem die Drachen verschwunden waren, hatten sie den mühseligen Weg fortgesetzt. Ein Ende der Schlucht war schon in Sicht. Fröhlicher machte sie die Tatsache jedoch nicht, denn Ginny war ihrem Vorsatz untreu geworden, und beide stritten sich schon seit geraumer Zeit.
„Das ist alles deine Schuld!" fing er wieder an.
„Ich habe dieses Rajadings nicht in meiner Tasche gehabt!" antwortete sie hitzig. „Denk dir mal was anderes aus!"
„Wenn du mir nicht in den Arm gefallen wärst, wäre jetzt Potter verschwunden und nicht ich." Seiner Stimme konnte man entnehmen, dass ihm diese Entwicklung der Dinge viel besser gefallen hätte.
„Klar, dass war ja zu erwarten! Lieber krabbele ich mit dir hier herum, als zuzulassen, dass du ihm ein Haar krümmst! Er ist wichtig für die Zaubererwelt – im Gegensatz zu dir!"
Das traf einen Nerv, und sie hörte ihn mit den Zähnen knirschen.
„Der Heilige Potter!" spottete er dann, ihre letzten Worte ignorierend. „Der dich nicht mal länger als zwei Sekunden ansieht. Trotzdem verteidigst du ihn. Vielleicht hast du die Hoffnung, dass er vielleicht mal aus Dankbarkeit was mit dir anfängt? Weil er dich aufregend findet, sicher nicht!"
Klatsch.
So schnell, dass Draco es nicht einmal mitbekommen hatte, hatte Ginny ihm ins Gesicht geschlagen. Dass ließ er nicht auf sich sitzen, und schlug zurück. Vor Wut hatte er zu tief gezielt und traf ihre Schulter. Ginny stolperte und setzte sich hart auf den stein- und knochenübersäten Boden.
„Das hast du verdient ..."
Ginny war aufgesprungen, trat zu und landete einen Volltreffer zwischen Dracos Beinen. Jegliche Kampfeslust wich rasend schnell aus dem Slytherin, und diesmal war er es, der auf dem Boden platz nahm.
„Das ... wirst ... du ... bereuen!" brachte er mühsam hervor. Verdammt, tat das weh!
„Und das hast du verdient!" Ginny war knallrot im Gesicht vor Ärger und rieb sich die Schulter. „Eins sage ich dir, Malfoy, wenn du so weitermachst, dann darfst du bald allein durch diese gastfreundliche Umgebung wandern! Ich habe deine Kommentare satt! Wenn du meinst, dass du allein besser vorankommst, bitte, ich halte dich nicht auf!"
„Ohne dich käme ich sicher schneller voran!" fauchte er zurück.
„Gerne doch!" Ginny stapfte los, ohne sich noch einmal umzudrehen. Wer hier wohl ohne wen schneller vorankommen würde!
Diesmal folgte er ihr nicht. Kunststück, er konnte noch nicht aufstehen, und sah ihr wutentbrannt hinterher.
Ginny hatte das Ende der Schlucht nun wirklich erreicht. Was sie sah, erstaunte sie. Sie hatte gedacht, dass nun das Gebirge weitergehen würde, es hatte so riesenhaft gewirkt. Aber ein weites, grünes Tal tat sich auf. Es wirkte sehr friedlich.
Diese Welt wechselte wirklich rasend schnell ihre Umgebungen. Sie konnte sogar einen Wasserfall entdecken. Doch noch etwas anderes zog ihr Auge wie magisch an. Tiere, die dem Wild, das auf der Erde vorkam, sehr ähnlich waren, aber sich doch im einzelnen von ihm unterschied. Eine ganze Herde rehähnlicher Geschöpfe stand um einen kleinen See herum, der aus dem Wasserfall entstanden war. Als sie Ginny bemerkten, geriet der ganze Trupp in Bewegung und floh in südlicher Richtung – oder das, was Ginny für Süden hielt.
Obwohl Ginny vor Hunger der Magen bereits in den Kniekehlen hing, wusste sie doch, dass sie es nie fertig bringen würde, ein Tier zu töten. Und wie sich herausstellte, musste sie das auch gar nicht.
Als sie weiter durch das fast kniehohe Gras ging – es leuchtete purpurrot – fiel ihr eine Baumgruppe auf, unter der bereits andere Tiere gestanden hatte, der Boden war völlig aufgewühlt.
Die Bäume waren fast drei Meter hoch, aber etwa in der Mitte konnte sie etwas wie Früchte entdecken. Was aber war, wenn sie giftig waren? Aber wie schon bei dem Wasser, was hatte sie denn für eine Wahl?
Klettern zumindest hatte sie gelernt, auch wenn sich die Sache ziemlich schwierig gestaltete, da viele Äste zwar stabil aussahen, aber sich unter ihrem – wenn auch leichtem – Gewicht gefährlich bogen. Schon bald bot sich ihr ein phänomenaler Blick über das Gelände. Felswände umschlossen das Tal, und sie ahnte, dass dahinter das Gebirge weiterging.
Dann hatte sie die Früchte erreicht und begann, sie von den dünnen Sträuchern abzupflücken. Mit einer beinahe grimmigen Genugtuung dachte sie an Malfoy.
Hoffentlich tun ihm seine Kronjuwelen noch recht lange weh!
Der Abstieg ging dann rascher, als beabsichtigt hatte, und ziemlich unelegant plumpste sie den letzen Meter in das Gras, als einer der Äste knackend abbrach.
„Autsch. Gerade begann mir, die Sache zu gefallen", murmelte sie vor sich hin und richtete sich ächzend auf.
Dann untersuchte sie ihre Ausbeute. Hoffentlich schmeckten die Dinger wenigstens, nicht, dass sie wählerisch sein konnte. Ginny biss in eine hinein und war angenehm überrascht. Endlich mal etwas, was wenigstens positiv war! Es schmeckte leicht orangenähnlich und ziemlich süß, aber der Zucker beruhigte ihre angespannten Nerven etwas.
Kurzentschlossen zerriss sie ihren Umhang in größere Streifen und wickelte den Rest darin ein. Auch wenn es nachts wieder kalt werden würde, sie brauchte das Essen dringend. Um alles andere konnte sie sich später Gedanken machen.
Das wichtigste war jetzt, ein Ziel zu finden. Sie glaubte Malfoy schon, was er über das Rajahin erzählt hatte. Ginny weigerte sich jedoch, einfach den Kopf in den Sand zu stecken und zu verzweifeln. Es gab bestimmt eine Möglichkeit, wieder nach Hause zurückzukehren, daran glaubte sie fest.
„Okay, Weasley", sagte sie dann laut zu sich selbst. „Punkt eins, so schön es hier auch ist, es gibt keine Menschen. Also weiter nach Süden. Punkt zwei, jemanden finden, der dir vielleicht helfen kann. Und Punkt drei ... da fällt dir schon noch was ein."
Unwillkürlich warf sie einen Blick zurück auf den Eingang der Schlucht. Von Malfoy war nichts zu sehen. Ginny hatte nun doch etwas Gewissensbisse, so blöd es ihr auch vorkam. Auch wenn sie sich auf den Tod nicht leiden konnten, war es nicht besser, sie würden zusammenbleiben?
Komm, es ist ja nicht so, als hättest du es nicht mehrmals versucht. Wenn er unbedingt ein Arschloch sein will, lass ihn doch!
Eins wusste sie jedoch mit Sicherheit. Wenn sie jetzt zurückgehen würde, würde Malfoy es sofort als Schwäche ihrerseits auslegen. Das gab den Ausschlag, und sie begann, sich allein auf den Weg zu machen.
Draco saß fast immer noch auf derselben Stelle und versuchte, sich möglichst wenig zu bewegen. Wenn Weasley jetzt vor ihm gestanden hätte, er hätte sie in Stücke gerissen vor Zorn. Er konnte einfach nicht glauben, dass sie einfach so abgehauen war.
Dass er es gewesen war, der sie provoziert hatte, versuchte er möglichst zu vergessen. Trotz aller Arroganz und Verachtung, die er immer an den Tag legte, war Draco im innersten nicht halb so selbstsicher, wie er sich immer gab. Er wusste sehr wohl, dass er selbst schuld daran war, und dieser Gedanke machte ihn noch wütender.
Und diese Wut richtete sich nicht allein gegen Ginny, sondern vor allem gegen seinen Vater. Lucius musste das Risiko eines Fehlschlages mit einkalkuliert haben, als er den irrwitzigen Plan gefasst hatte, das Gezeitenportal zu öffnen. Die Erkenntnis, dass sein Vater ihn wie eine billige Schachfigur mit aufgestellt hatte, deren Verlust durchaus zu verschmerzen war, traf noch mehr als der Tritt Scrawnys, der ebenfalls nicht zu verachten gewesen war.
Mit zusammengebissenen Zähnen richtete er sich auf und hinkte in Richtung Ausgang. Allein hatten sie beide keine Chance, er musste versuchen, Weasley wiederzufinden. Außerdem kannte er ein kleines Detail, dass sie sicher nicht wusste: wenn sie das Gezeitenportal wirklich wieder öffnen konnten – was er persönlich bezweifelte – mussten sie zusammen hindurchgehen, ansonsten würde es ihren sicheren Tod bedeuten.
Ginny hatte das Tal verlassen und befand sich wieder in den Bergen. Die Sonne begann, unterzugehen, und es wurde kühl.
Sie machte sich bereits Gedanken darum, wo sie die Nacht verbringen würde, als sie plötzlich laute Geräusche hören konnte, die sich rasch näherten. Sie duckte sich hinter den nächstbesten Felsen und wartete angespannt. Dann horchte sie auf. Waren das wirklich Stimmen?
„Mylady, ich versichere Euch, dass die Armeen aufgehalten wurden."
Das war der erste Satz, den sie deutlich verstehen konnte.
„Wirklich?" antwortete eine spöttische Frauenstimme. Sie klang alt, aber kräftig und selbstbewusst.
Ginny linste vorsichtig um den Felskanten herum.
Mehrere Reiter waren zwischen den Geröllstücken aufgetaucht. Ihre Reittiere sahen ähnlich wie Pferde aus, nur dass sie Schuppen hatten und statt Hufen mächtige Pranken besaßen, die beinahe lautlos den Boden berührten. Alle Reiter trugen dunkle Umhänge, und ihre Gesichter waren unter einer dicken Kapuze verborgen.
„Sirrah, ich bin mir bewusst, dass unsere Kräfte erschöpft sind", hob die gleiche Stimme wieder an. Der erste Reiter schlug die Kapuze zurück, und entblößte das Gesicht einer sehr alten Frau, deren weiße Haare zu einem strengen Knoten gebunden waren. Sie strahlte Befehlsgewalt und Kompetenz aus, und Ginny sah, wie sich die Köpfe der anderen leicht neigten.
Der Felsbrocken, an dem sie sich festgehalten hatte, geriet plötzlich ins Rutschen und polterte dann laut zu Boden. Ginny erstarrte zur Salzsäule.
„Was war das?" zischte ein anderer. Schwerter wurden gezogen, und drei von ihnen bewegten sich auf die Stelle zu, an der Ginny sich verbarg. Die suchte hastig nach einem Weg, sich besser zu verstecken, aber es war zu spät. Ein kräftiger Arm packte sie und zog sie nach vorne.
„Halt!" sagte die alte Frau scharf und trieb ihr Tier an, bis es kurz vor Ginny zu stehen kam. Hellblaue Augen musterten sie aufmerksam. „Lasst sie los. Was suchst du hier, Mädchen?"
Ginny schluckte. Sie wurde immer noch drei Gestalten umringt, die mindestens zwei Meter groß waren, und drohend ihre Schwerter im Griff hatten.
„Ich ... ich habe mich verlaufen?" Das klang noch unsicherer, als sie sich fühlte.
„Verlaufen!" Die Gestalt links neben ihr schnaubte verächtlich. „Die nächsten Siedlungen sind mindestens zweihundert Meilen von hier entfernt, und selbst die sind kaum bewohnt. Du lügst, Kleine!"
Seine Stimme klang merkwürdig erstickt. Dann schlug auch er seine Kapuze zurück, und Ginny musste sich auf die Lippen beißen, um nicht aufzuschreien. Ein völlig zerstörtes Gesicht starrte sie an. Es bestand praktisch nur aus Narben, eine Augenhöhle war leer, die andere von einem starren, gelben Auge beherrscht, dass sie unwillkürlich an Mad Eye Moody erinnerte. Ein großer Teil seiner Wangen fehlte, und sie konnte weißen Knochen darunter vorscheinen sehen.
Er beugte sich zu ihr herunter, um ihr ins Gesicht zu sehen, und sie konnte nur mit Mühe ein Würgen unterdrücken, als verwester Atem sie traf.
„Mylady", sagte er, ohne den Blick von Ginny zu wenden, „das kann nur eine Falle sein. Tanadryl schreckt nicht einmal davor zurück, kleine Farah-Mädchen zu entführen und für seine Zwecke abzurichten."
„Ist das so?" Die Stimme der Frau klang nachdenklich. „Komm her zu mir, Mädchen. Hat Sirrah recht? Schickt dich Tanadryl?"
Eine Hand schob Ginny in ihre Richtung.
„Ich weiß nicht, wovon Sie überhaupt reden", sagte sie dann trotzig. „Ich komme überhaupt nicht von hier, sondern wurde ... aber das glauben Sie mir sowieso nicht."
„Wer weiß?" Die alte Frau lächelte. „Das kommt auf den Versuch an."
Irgendetwas in ihrem Gesicht kam Ginny bekannt vor, und sie versuchte, es einzuordnen, aber es gelang ihr nicht.
Noch ehe sie etwas antworten konnte, erklang das Geräusch von sanften Schritten, und sechs weitere Reiter erreichten das Felsplateau.
„Wir haben etwas gefunden, Mylady", sagte der Anführer, dessen Reittier pechschwarz war und gefährlich aussah. Er winkte einem anderen, und der ließ etwas neben Ginny auf den Boden plumpsen. Ginny konnte sich gerade noch beherrschen, Draco um den Hals zu fallen.
Der Slytherin kam unverzüglich wieder auf die Füße und stellte sich neben Ginny. Dann funkelte er die alte Frau wütend an.
„Was soll das?" verlangte er zu wissen. „Warum halten Sie uns auf?"
Die wandelnde Leiche, die Ginny so zugesetzt hatte, richtete sich drohend zu ihrer vollen Größe auf. Die anderen wurden starr.
„Uns?" sagte die Frau und lachte nun wirklich. Als einzige ließ sie sich nicht aus der Fassung bringen. Dann wandte sie sich an den Hünen. „Wir nehmen sie mit. Ich bin schon gespannt auf ihre Geschichte. Könnt ihr reiten?"
„Äh ... nein?" sagte Ginny zögernd, während Malfoy nur ungeduldig den Kopf schüttelte.
„Egal, festhalten werdet ihr euch wohl können. Sirrah, ein Calinor wird für die beiden bereitgestellt."
„Mylady?"
„Du hast mich gehört. Es ist mein Befehl."
„Ja, Mylady."
Die pferdeähnlichen Wesen – Calinore, wie sie alte Frau sie genannt hatten – waren erstaunlich bequem. Weniger angenehm fand Ginny es, dass sie hinter Malfoy sitzen musste und, um das Gleichgewicht halten zu können, beide Arme um seinen Oberkörper geschlungen hatte. Draco selbst sah starr nach vorne zwischen die Ohren des riesigen Tieres und sagte gar nichts.
„Wo haben sie dich erwischt?" fragte Ginny irgendwann leise. Unter ihnen zog mittlerweile wieder ein dunkles Stück Wüste vorbei, denn die Sonne war inzwischen untergegangen. Doch jeder Calandrir war mit einer Art Licht ausgestattet, die von Sattel und Zaumzeug strahlten. Sie bewegten sich mit fast der dreifachen Geschwindigkeit eines normalen Pferdes.
„Kurz nach der Schlucht", antwortete er eine zeitlang später, als Ginny schon aufgegeben hatte, auf eine Antwort zu warten.
„Dieser Typ ... er sieht aus, als wäre er schon tot."
„Die sehen alle so aus. Ich hab's gesehen."
„Bis auf die alte Frau. Sie ist ein Mensch."
„Sie kommt mir bekannt vor."
Ginny blinzelte überrascht.
„Dir auch? Ich bin mir sicher, ich habe dieses Gesicht schon mal irgendwo gesehen! Aber ich kann mich nicht erinnern."
Sie schwieg einen Moment.
„Ich weiß, ich werde es bereuen, aber ... es tut mir leid. Ich meine, wegen heute Vormittag. Den Tritt hattest du zwar verdient, aber wir hätten zusammenbleiben sollen."
Seine höhnische Antwort blieb jedoch aus. Stattdessen sagte er etwas so Unerwartetes, dass Ginny vor Verblüffung fast losließ.
„Ich bin derjenige, der sich entschuldigen muss", knurrte er fast unhörbar.
„Wa-as?"
„Scraw ... Ginny. Falls wir je wieder nach Hause kommen, bringe ich dich eigenhändig um, wenn du jemanden etwas von diesem Gespräch erzählst, klar?"
Sie nickte leicht in seinem Rücken und wartete ab.
„Du hast mehr recht, als du ahnst. Wir müssen zwangsläufig zusammenbleiben. Das Portal wird uns nur wieder zurückschicken, wenn wir beide hindurchgehen. Ansonsten krepieren wir. Frag mich nicht, warum es auf diese Besonderheit besteht, zumal wir gar nicht sicher sein können, dass es uns überhaupt zurück nach Hause bringt."
„Woher weißt du soviel darüber?"
„Was denkst du denn?" Er schnaubte.
Ginny konnte es sich lebhaft vorstellen, deshalb wechselte sie das Thema.
„Was glaubst du, haben die mit uns vor?"
„Sehe ich wie Trelawney aus?"
„Kann man einmal eine vernünftige Antwort von dir bekommen?"
„Falls es dir entgangen ist, ich bin hier auch fremd!"
Sie waren wieder mittendrin, aufeinander loszugehen. Keiner achtete darauf, dass die Calinore langsamer wurden.
Ein gewaltiges Knurren schreckte sie aus ihrer Streiterei auf.
„Himmel, da ist es wieder!" entfuhr es Ginny.
„Ihr seid bereits einem Gramière begegnet?" erkundigte sich die Gestalt, die ihnen am nächsten war. „Und ihr lebt noch?" Das klang spöttisch, aber auch eine Spur Respekt schwang darin mit.
Alle hatten ihre Schwerter gezogen und bildeten eine Angriffsformation.
„Einem was?" fragten Draco und Ginny gleichzeitig.
„Unwichtig!" sagte ein anderer barsch. „Es scheinen drei zu sein. Sie kommen in unsere Richtung."
„Es werden immer mehr", murmelte ein Dritter.
Die alte Frau seufzte.
„Tanadryl möchte sichergehen, dass sich niemand in den Bergen aufhält. Deswegen züchtet er immer mehr davon heran, Cray."
„Was ist ein Gramière?" wiederholte Draco.
„Das da."
In dem dünnen Licht von Mond und Calinorsattelzeug tauchten drei riesenhafte Gestalten auf. Sie sahen aus wie Raubkatzen.
Schaudernd sah Ginny, dass ihre Fangzähne mindesten einen halben Meter lang waren. Es erinnerte an einen Säbelzahntiger, obwohl das Fell eher einem Wolf glich, struppig, verfilzt und grau.
Die Katzen fauchten und sprangen auf die Gruppe zu.
Die alte Frau ließ einen Warnschrei erklingen, und einer der Gramière fiel zu Boden. Ein Pfeil steckte in seinem massigen Hals. Knurrend und geifernd, versuchte er mit seinen Tatzen, das störende Objekt zu entfernen. Die anderen beiden setzten ihren Weg unbeirrt fort.
Ein Schwerthieb ließ einen weiteren fallen, und der dritte bewies, dass er Intelligenz besaß, und blieb stehen. Die silbernen Augen schweiften über die Gruppe, und blieb dann an Draco und Ginny hängen. Er fauchte heiser – er klang wirklich wie eine Katze – und dieses Fauchen war neugierig, falls es so etwas in der Tiersprache gab. Dann drehte er sich blitzschnell um und verschwand in der Dunkelheit.
Die Frau ritt an die Bestie heran, in dessen Hals immer noch der Pfeil steckte. Mit einer kraftvollen Bewegung, die man ihr nicht zugetraut hätte, stieß sie ihr eigenes Schwert in seinen Leib, und er hörte auf, sich zu bewegen.
„Wenn ich mir vorstelle, dass diese Viecher direkt in unserer Nähe gewesen sind ..." Ginny war leichenblass. „Wir wären Toast gewesen!"
„Fein säuberlich über die Gegend verteilt", stimmte Draco ihr zu.
„Wir reiten weiter!" befahl die alte Frau. „Tanadryl wird bald erfahren, dass wir hier waren, und noch dazu mit Fremden, die nicht in unsere Welt gehören."
Die Calinore setzten sich in Bewegung.
Es dauerte einen Moment, bis Draco realisiert hatte, was sie gerade gesagt hatte.
„Aber woher wissen Sie denn ..." Ginny hatte die gleiche Erkenntnis gehabt.
„Später. Wir müssen sicheren Grund erreichen."
In einer nun fast wahnwitzigen Geschwindigkeit begannen die pferdeähnlichen Wesen, loszulaufen.
Ginny klammerte sich an Draco, um nicht herunterzufallen. Der Slytherin murrte etwas, hielt sie aber nicht davon ab.
Beiden kam es wie Stunden vor, bis endlich Licht in der Dunkelheit erschien. Der Trupp bewegte sich auf eine Festung zu, die es in Größe sicherlich mit Hogwarts messen konnte. Eine Menge Leute waren trotz der späten Stunde noch auf, Ginny sah Soldaten und einfach gekleidete Leute. Menschen überwogen, aber es befanden sich auch viele der unheimlichen Gestalten darunter.
„Soviel zu der Frage, ob es in dieser Welt Menschen gibt", sagte Ginny müde. Sie gähnte, trotz der Anspannung, unter der sie stand. Es war ein harter Tag gewesen, und sie spürte den langen Ritt in jedem einzelnen Muskel.
Als der Trupp vorbeiritt, blieben die meisten stehen und grüßten die alte Frau, die mit dem Kopf nickte und sich bedankte.
„Ich bin mehr daran interessiert, was sie mit uns vorhat." So ganz konnte Draco sein Unbehagen nicht unterdrücken.
Sie hielten schließlich im Innenhof. Der grimmige Untote, der Ginny so angefahren hatte, befahl ihnen, abzusitzen. Ginny hätte sich beinahe auf den Boden gesetzt, so sehr schmerzten ihre Beine. Draco wirkte arrogant und unnahbar wie eh und je, als er sich elegant hinabschwang. Nur jemand, der ihn sehr gut kannte, hätte gemerkt, dass er darunter verbarg, dass ihm ebenfalls alles weh tat und er müde war.
Die hellblauen Augen der alten Frau waren jedoch scharf genug.
„Ich halte es für keine gute Idee, wenn ihr mir heute Nacht noch erzählt, woher ihr kommt. Ich und meine Soldaten haben noch eine wichtige Besprechung, die sich nicht verschieben lässt, und sie wird lange dauern. Ich werde euch morgen näheres darüber erzählen. Es ist spät, und ihr seid sicher müde. Cray wird euch in der Festung unterbringen."
„Woher wissen wir, dass wir Ihnen trauen können?" fragte Draco misstrauisch.
Die halbzerstörten Gesichter des Trupps richteten sich nun auf ihn.
„Wie kannst du es wagen ..." begann einer zu fauchen, aber die alte Frau hob eine Hand, und er verstummte, warf dabei aber drohende Blicke auf Draco.
„Ihr wisst es nicht. Ihr werdet es darauf ankommen lassen müssen."
Damit drehte sie sich um und verschwand den gewaltigen Treppenaufgang hinauf, und der Rest der Gruppe folgte ihr.
Der, den sie Cray genannt hatte, war zurückgeblieben und winkte den beiden nun ungeduldig, ihm nachzugehen.
„Dort!" sagte er dann barsch, als sie einer Menge Gängen und Treppen gefolgt waren. Wieder fühlten sie sich an Hogwarts erinnert, so verwinkelt und verwirrend war es. Er öffnete eine Tür und schob Draco und Ginny hinein.
„Ihr werdet morgen früh geweckt. Ich empfehle euch nicht, allein hier herumzustrolchen. Für Fremde kann das sehr gefährlich sein." Es war klar, was er meinte.
„Moment mal", sagte Draco und blieb stehen. „Ich werde mir nicht mit ihr ein Zimmer teilen!"
„Dein Pech, du wirst es müssen." Ohne ein weiteres Wort verschwand Cray und schlug die Tür hinter sich zu.
Ginny verdrehte die Augen und sah sich um. Der Raum war klein, und die einzigen Möbelstücke waren ein Bett und zwei zerbrechlich aussehende Stühle mit einem nicht minder holperig aussehendem Tisch. Das war alles. Eine dünne Staubschicht lag überall.
Draco trat wütend gegen die Tür.
„Wir haben nicht einmal etwas zu essen!"
Ginny hatte schon den Mund aufgemacht, um darauf hinzuweisen, dass sie noch ein paar der Früchte in ihren Taschen hatte, als er fortfuhr.
„Ist mir egal, was du machst, aber ich bekomme das Bett!"
„Ich glaub, ich träume! Mit welchem Recht denn?!"
„Des schnelleren."
Er schubste Ginny grob beiseite, setzte sich auf das Bett und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wenn du glaubst, ich schlafe auf dem Fußboden, während du dich auf dem Bett breit macht, das locker für zwei Personen reicht, da hast du dich geschnitten!"
„Versuch doch, mich daran zu hindern!"
Das hätte er besser nicht sagen sollen. Mit einer Kraft, die Ginny sich gar nicht zugetraut hätte, packte sie seinen Arm und versuchte, ihn vom Bett herunterzuziehen. Er griff nach ihrer anderen Hand und verdrehte ihr den Arm. Bei jemandem, der mit sechs älteren Brüdern aufgewachsen war, wirkte das jedoch herzlich wenig. Ginny wusste genau, wie sie sich wieder befreien musste. Dann griff er jedoch in ihre Haare und zog kräftig daran, und Schmerzenstränen schossen in ihre Augen, sie musste ihn loslassen.
„Das passt zu dir, du Feigling", keuchte sie.
„Feigling hin oder her", antwortete er süffisant. „Ich habe gewonnen."
„Abwarten, Malfoy, abwarten."
Obwohl es Ginny wurmte, wusste sie jedoch, dass sie körperlich nichts gegen ihn ausrichten konnte. Sie musste ihn austricksen – aber wie? Dann breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus, und sie wandte sich hastig ab.
Sie zog eine der Früchte aus ihrer Tasche und biss hinein, möglichst laut, und fing geräuschevoll an zu kauen.
„Was hast du da?" kam die prompte Frage.
„Gar nichts", antwortete sie mit vollem Mund.
„Du ... du fiese Ziege hattest die ganze Zeit was zu essen, und sagst keinen Ton?!"
„Hm ... sieht ganz danach aus, wie?" Nun war es ihre Stimme, die eindeutig triumphierend klang. Sie spürte seinen wütenden Blick im Rücken. „Ich könnte dir sogar was davon abgeben, wenn ..."
„Das ist Erpressung!"
Ginny prustete los über seinen empörten Tonfall.
„Was gibt's da zu lachen?!"
„Diese Worte ausgerechnet aus deinem Mund zu hören, ist echt einen Lacher wert. Also, entscheide dich, Malfoy."
Zwei Minuten lang sagte er keinen Ton.
„Na?"
„Du hast gewonnen." Das kam durch zusammengebissene Zähne. Ginny grinste wieder und
drehte sich um.
Dracos Augen funkelten vor Wut, als er sich erhob und sich dann auf einem der Stühle fallen ließ. Doch der Hunger, den er verspürte war schlimmer als alles andere.
„Siehst du? So schlimm ist es doch gar nicht."
„Vorsicht, Weasley", sagte er leise. „Ich an deiner Stelle wäre sehr, sehr vorsichtig, wie weit ich meine Klappe noch aufreiße."
„So? Fang."
Ginny warf, und er fing die Frucht mit der Leichtigkeit eines Suchers.
„Nur eine?"
Ginny verdrehte die Augen und packte den Rest aus.
„Und die kann man wirklich essen?"
„Ich lebe noch, oder?" fragte sie schnippisch und legte sich auf dem Bett zurück.
Ginny starrte an die Decke, während er sich über das Essen hermachte. Sie fragte sich, was wohl zu Hause passiert war, nachdem sie beide verschwunden waren. Ihre Eltern würden vor Sorgen sicher nicht mehr in Schlaf kommen. Wussten sie überhaupt, was passiert war? Konnten Dumbledore und Snape herausfinden, wohin sie verschwunden waren? Was war, wenn sie wirklich nie wieder nach Hause konnten?
Sie drehte sich abrupt um, damit Malfoy nicht sehen konnte, dass sie weinte.
