„Aufstehen!" Jemand hämmerte heftig an ihre Tür, und Ginny wäre vor Schreck fast aus dem Bett gefallen.
Sie blinzelte und sah sich um.
„Das ist unfair", muffelte eine Stimme neben ihr. „Ich habe gerade so was schönes geträumt."
Ginny runzelte die Stirn. Was zum Teufel machte Draco Malfoy in ihrem Bett? Und – war das seine Hand auf ihrem Oberschenkel?! Das ganze dauerte jedoch nur eine Schrecksekunde.
„Das darf doch wohl nicht ... Malfoy! Wir hatten eine Abmachung!" schrie sie und sprang aus dem Bett.
Der ließ sich nicht beirren, stützte sich auf einen Arm auf und grinste sie süffisant an.
„Wie naiv bist du, Scrawny? Hast du wirklich geglaubt, ich schlafe auf dem Fußboden? Vergiss es."
Ginny war haarscharf davor, sich auf ihn zu stürzen, als sich die Tür öffnete und Cray unfreundlich hineinsah.
„Seid ihr taub?" fragte er barsch. „Mitkommen!"
„Wir sprechen uns später!" zischte Ginny dem Slytherin zu, der nicht einmal das Gesicht verzog.
Cray schritt kräftig voran, und die beiden Teenager beeilten sich, mit ihm Schritt zu halten.
Ginny zerrte unbehaglich an ihrer verschwitzten, zerknitterten Kleidung. Sie hätte sich lieber erst gewaschen und umgezogen, aber sie wagte nicht, irgendwelche Einwände zu erheben. Malfoy sah auch nicht viel besser aus, aber er wirkte arrogant und unnahbar wie eh und je.
Cray betrat eine große Halle, in deren Mitte die Tische kreisförmig angeordnet waren.
„Die Ritter der Tafelrunde", murmelte Malfoy vor sich hin, und Ginny warf ihm einen überraschten Blick zu.
„Was?" gab er unwirsch zurück, aber so leise, dass nur sie ihn verstand.
„Das ist eine Muggelgeschichte!"
„Ach wirklich? Erinnere dich mal daran, dass Merlin ebenfalls mit von der Partie war!"
„Ruhe!"
Die beiden verstummten.
Die alte Frau sah ihnen freundlich entgegen, und wies dann auf zwei leere Plätze neben ihr.
„Konntet ihr schlafen?"
„Mehr oder weniger ruhig", knurrte Ginny, mit einem gefährlichen Seitenblick auf Draco.
Der machte ein höhnisches Gesicht, sagte aber nichts.
Die Frau schmunzelte.
"Schön zu wissen, dass sich einige Dinge nie ändern – wie zum Beispiel die Rivalität zwischen Gryffindor und Slytherin."
Das saß.
Ginny hatte diesen Gesichtsausdruck bei Malfoy noch nie gesehen – vollkommene Verblüffung. Nicht dass sie selbst intelligenter aussah.
„Sandrine", flüsterte Malfoy dann. „Sandrine Slytherin. Ich wusste, Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor!"
Sie machte angedeutete, spöttische Verneigung.
„Ganz recht. Und dein Name ist ..."
„Mein ... äh ... Draco Malfoy."
„Malfoy, soso. Und du, Mädchen?"
„Virginia Weasley. Ich werde aber Scraw ... quatsch, Ginny genannt." Ginny wurde knallrot. Sie war völlig durcheinander.
„Sie sind tot! Seit Jahrhunderten tot!" Malfoy hatte seine Sprache wiedergefunden.
„Nun, scheinbar nicht. Ich bin zwar seit über fünfzig Jahren hier, aber noch keine Jahrhunderte. Und tot bin ich auch noch nicht", sagte sie trocken. „Aus welchem Jahr kommt ihr?"
„1997."
„Eine lange Zeit. Das Gezeitenportal? Es wird also immer noch angewendet?"
„Eigentlich war das mehr ein Unfall."
„War's nicht! Es war ein Plan, Harry loszuwerden!"
„Klappe, Scrawny!"
„Bitte." Sandrine erhob begütigend beide Hände. „Kein Streit. Ich würde gern die ganze Geschichte hören. Und sicherlich brennt ihr darauf, meine eigene zu hören. Frühstückt in Ruhe, dann können wir reden."
Während des gesamten Frühstücks warfen sich Ginny und Draco immer wieder mörderische Blicke zu. Aber das Essen war jetzt erst mal wichtiger.
„Ihr wollt also wieder nach Hause", sagte Sandrine, nachdem sie von Ginny und Draco die Kurzfassung gehört hatte, immer wieder unterbrochen von kleineren Streitereien.
„Natürlich", sagte Draco gereizt.
„Kennen Sie denn einen Weg?" fragte Ginny bittend. „Und wenn ja, warum haben Sie es dann nicht selbst probiert?"
Sandrine seufzte.
„Ja, vielleicht kenne ich einen Weg. Nicht, dass er ungefährlich wäre, und der Ausgang ist sehr ungewiss. Und die Antwort auf deine zweite Frage ... ich hatte nie den Wunsch, nach Hause zurückzukehren."
„Sie sind Salazar Slytherins Tochter!" sagte Draco beinahe schockiert. „Salazar war untröstlich, als sie verschwanden, das steht in den Geschichtsbüchern!"
„So, wirklich?" Sandrine musterte ihn mit einem scharfen Blick. „Wie erklärst du es dir dann, dass er selbst mich durch das Gezeitenportal gestoßen hat?"
Draco starrte sie an.
„Warum sollte er das tun? Ihr eigener Vater?"
„Weil ich in seinen Augen eine Verräterin war", sagte sie schlicht. „Sagt euch der Name Rupert Gryffindor etwas?"
Draco zog die Nase kraus, aber Ginny nickte.
„Er wurde in den Koboldkriegen getötet, nicht wahr? Godric Gryffindors Sohn?"
Sandrine lächelte bitter.
"Ist es das, was erzählt wird? Nun, belassen wir es dabei. Er war tot. Und ich trug sein Kind unter dem Herzen."
„Waaaas?"
„Rupert und ich hatten heimlich geheiratet. Unsere Väter durften nichts davon erfahren."
„Eine Slytherin? Mit einem Gryffindor?! Unmöglich!"
Allein bei dem Gedanken rückten Draco und Ginny noch ein Stück weiter auseinander.
„Nicht unmöglich, sondern wahr", korrigierte Sandrine. „Rupert war tot, ich verlor mein Baby ... was hielt mich noch in der Welt, in die ich geboren wurde? Deshalb habe ich nie versucht, zurückzukommen. Diese Welt war genauso gut wie jede andere auch, um einen Neuanfang zu starten."
Schweigen herrschte nach ihren Worten.
Draco sah beinahe angewidert in ihre Richtung.
Ginny bemühte sich hastig, das Thema zu wechseln.
„Was ist das hier für eine Welt?"
„Sie heißt Chryois, und ist sehr, sehr friedlich – zumindest war sie das, bis vor ein paar Jahren. Bis das erste Mal Tanadryls Armeen auftauchten. Ihr habt die Untoten in unseren Reihen gesehen?"
„Sie waren nicht zu übersehen", knurrte Draco.
„Tanadryl befehligt Armeen von Untoten. Es ist eine Krankheit, die hier Malaterus genannt wird – die Leute sterben, aber nie ganz, nicht wirklich. Sie trat das erste Mal vor sieben Jahren auf. Die meisten verlieren ihr Gedächtnis, und werden zu willenlosen Schergen des selbsternannten Königs der Untoten. Aber Tanadryl ist ein Mensch. Wir wissen nicht, wie er es schafft, sie unter Kontrolle zu bringen, aber benutzt seine Macht, um uns alle zu unterdrücken- oder es zumindest zu versuchen. Weite Teile des Kontinents hat er bereits unterjocht. Die Gramière, denen wir gestern begegnet sind – die Katzen sind seine höchsteigene Züchtung, und es gibt fast nichts gefährlicheres."
„Nette Aussichten", spottete Draco ärgerlich. „Und? Wie kommen wir jetzt nach Hause? Ihre Probleme interessieren mich nicht im geringsten."
„Malfoy!" zischte Ginny.
„Ist doch wahr."
„Es sollte dich interessieren." Sandrine sah sehr aufmerksam in seine Richtung. Seine Bemerkung tat sie mit einem Schulterzucken ab. „Rajahin gibt es nicht in Chryois, und selbst wenn, es würde euch nichts nützen. Es gibt noch andere Wege, das Gezeitenportal zu öffnen – oder ein offenes zu finden. Auf einigen Welten existieren permanente Portale."
„Und diese hier ist eine davon?" Draco lehnte sich vor, begierig darauf, mehr zu erfahren.
„Ich muss dich enttäuschen, ich weiß es nicht mit Sicherheit. Die Legende erzählt von einem Tor der Wanderer, dass sich weit im Süden befindet. Niemand, der dorthin aufbrach, ist je zurückgekommen. Ja, ich vermute, dass es sich um so ein feststehendes Portal handelt. Und damit würde es auch euren Wünschen gehorchen."
„Ein bisschen zu viele ´vielleicht´."
Ginny begann unruhig hin und her zu wandern.
„Was ist die Alternative?" Draco sah sie wütend an. „Hier zu versauern? Ich riskiere es lieber, als mich in ... in eine lebende Leiche zu verwandeln!"
„Ihr könntet hier bleiben." Sandrine sah ernst aus. „Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können."
„Ohne mich!" Draco schüttelte heftig den Kopf.
Ginny zögerte, dann sah sie Sandrine an.
„Auch wenn ich hasse, ihm auch noch Recht zu geben – wir müssen es versuchen."
„Ich kann euch den Weg beschreiben. Aber ich kann und werde euch keinen Calinor zur Verfügung stellen, und es ist eine sehr weite Strecke, mit Sicherheit über tausend Meilen."
Draco schluckte trocken. Ginny wurde blass.
Dann sahen sie sich an, und jeder wusste, was der andere dachte.
„Wir versuchen es."
