„Das ist der Weg, soweit wir ihn kennen."
Sandrine hatte sorgfältig eine dünne Karte ausgerollt und fuhr nun mit dem Finger darauf entlang.
„Chryois hat sehr wechselhafte Umgebungen. Es kann sein, dass ihr aus einer Wüste direkt in eisigem Winter landet. Woran das liegt, weiß ich nicht. Normale Naturgesetze, wie ihr sie von der Erde her kennt, existieren in diesem Sinne nicht. Die wichtigsten Fixpunkte müssen für euch erst die steinernen Wälder sein – seht ihr, hier – danach Yorga, was an der Grenze zu Tanadryls Reich liegt, und die Dunklen Sümpfe. Niemand, den ich kenne, hat die Sümpfe je erreicht, und ist danach zurückgekehrt, daher kann ich euch nicht hundertprozentig sagen, was danach kommt. Aber es heißt, dass dort die Totenstadt anfängt, in deren Herzen sich das Tor der Wanderer befindet."
„Wieso klingt das eigentlich alles wie eine Billigversion vom Herrn der Ringe für mich", brummte Draco vor sich hin, leise zwar, aber Ginny hörte ihn trotzdem.
Sie sagte nichts dazu, nahm sich jedoch vor, ihn bei Gelegenheit danach zu fragen.
„Nehmt diesen Armreif mit. Er weist euch als Freunde der Festung aus, und wenn ihr ihn in den Dörfern vorzeigt, an denen ihr vorbeikommt, ist euch zumindest Verpflegung gewährleistet. Aber geht vorher sicher, dass es wirklich Menschen sind."
Ginny und Draco griffen gleichzeitig danach.
„Ich werde ihn nehmen!" Draco stieß Ginnys Hand beiseite.
„Kommt ja gar nicht in Frage!" entgegnete Ginny scharf. „Bei der ersten Gelegenheit bist du verschwunden, und ich kann sehen, wo ich bleibe! Ich denke gar nicht daran!"
Sandrines Blick ging zwischen ihnen hin und her. Man sah deutlich, dass sie nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken konnte.
„Vielleicht wechselt ihr euch ab?" schlug sie dann schmunzelnd vor.
Draco wusste, sie machten sich vor der alten Frau lächerlich, und ließ die Hand sinken. Nichts hasste er mehr, als wenn man über ihn lachte.
„Aber morgen gehört das Ding mir!"
„Ja doch, versprochen!" sagte Ginny ungeduldig. „Im Gegensatz zu Slytherins halten Gryffindors ihre Versprechen!"
„Vielleicht noch eine Sache", schritt Sandrine energisch ein, bevor es zu einem weiteren Schlagabtausch kam. „Beobachtet eure Unterarme. Ich glaube zwar nicht, dass Malateras für euch ebenfalls ansteckend ist, aber auch das weiß ich nicht mit Sicherheit. Sobald sich irgendwelche dunklen Flecke darauf zeigen, versucht, ein Dorf zu erreichen. Im Frühstadium kann man sie heilen, allerdings nur in den ersten vier Tagen. Danach ist es zu spät."
„Entzückend."
„Es ist jetzt fast Mittag." Sandrine ignorierte Draco. "Wartet mit dem Aufbruch bis morgen. Wir statten euch noch mit ausreichend Kleidung und Verpflegung aus, wenn ihr darauf besteht, diesen Weg zu gehen."
„Und warum geht das nicht schneller? Wir verlieren einen ganzen Tag!"
„Mensch, Malfoy, der Tag ist sowieso halb vorbei, Sandrine hat recht. Wie viele Meilen können wir pro Tag schaffen, zwanzig, fünfundzwanzig?"
„Geh lieber von zwanzig aus", warnte Sandrine. „Es wird teilweise sehr schwierig werden, voranzukommen."
„Na also. Macht nach meiner Rechung knapp zwei Monate. Da kommt's auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht an. Es sei denn, du willst ohne alles losrennen."
„Noch eine Nacht schlafe ich nicht mit dir in einem Raum!"
„Ist er immer so stur?"
„Sie haben ja keine Ahnung." Ginny verdrehte die Augen gen Himmel.
Man einigte sich schließlich. Draco war bereit, bis zum kommenden Morgen zu warten, und Ginny nahm Sandrines Angebot an, in ihren Gemächern zu übernachten.
Die Festung bot im Sonnenlicht einen noch imposanteren Eindruck als in der Nacht. Draco und Ginny gingen schweigend hinter Sandrine her, als die alte Frau ihnen ein wenig davon zeigte.
Die Untoten nahmen kaum Notiz von den beiden, aber die Menschen starrten sie überwiegend neugierig an.
„Man sieht nicht oft Fremde hier", sagte Sandrine gelassen, der so schnell nichts entging. „Ich hatte dieselben Probleme, als ich hierher kam."
Sie nickte jemandem zu.
Eine junge Frau, kaum älter als Ginny und Draco, saß auf einem Mauervorsprung und schärfte ihre Waffe, ein unterarmlanges Kurzschwert. Sie nickte zurück und erhob sich dann.
„Mylady, die Waffenkammer wurde wieder neu bestückt", sagte sie zurückhaltend.
„Danke, Chiané. Darf ich dir Draco und Virginia vorstellen? Sie sind Gäste von mir. Das ist Chiané, sie ist verantwortlich für die Waffenkammer."
Das Mädchen – Chiané – verbeugte sich knapp.
„Eine ungewöhnliche Haarfarbe", sagte sie dann zu Draco und warf ihm einen scheuen Blick zu. „Es sieht aus, als wäre der Mond in ihr gefangen."
Ginny sah in eine andere Richtung, aber Draco musterte Chiané etwas genauer. Was er sah, gefiel ihm, und er zwinkerte ihr zu.
Chiané wurde rot und zog sich zurück.
Ginny verdrehte die Augen, aber sie verbiss sich ihr Kommentar.
„Wow." Das kam von Draco, als Sandrine ihnen die Waffenkammer zeigte. „Sie sind auf alle Eventualitäten vorbereitet, oder?" Sein Blick glitt abschätzend über die große Anzahl.
„Mit Sicherheit", antwortete Sandrine grimmig. „Wir benötigen alles, was wir haben, um die Armeen zurückschlagen zu können."
„Die Hälfte von diesen Waffen kenne ich nicht mal", murmelte Ginny. „Was ist das da?" Sie wies auf einen kreisrunden Metallteil, auf dem einige obskure Zeichen eingeätzt waren.
„Ein Chakra", antwortete Draco prompt. „Weißt du eigentlich überhaupt nichts, Scrawny?"
„Nun, hier bei uns nennt man es ein Gelavàn, aber ich bin überzeugt, es ist dieselbe Waffe." Sandrine sah nachdenklich aus. „Kannst du mit so etwas umgehen?" fragte sie Draco dann.
„Ja", antworte er kühl.
„Deine Reichweite?"
Draco zuckte mit den Achseln.
„Keine Ahnung. Ich habe schon ewig nicht mehr damit ..." Er verstummte abrupt und warf Ginny einen Seitenblick zu.
Sandrine nahm einen Gelavàn von seiner Halterung und warf Draco die Waffe zu.
„Du kannst sie vielleicht brauchen", sagte sie leise. „Ich kenne nicht viele, die damit einen Wurf zustande bringen."
„Wie funktioniert so ein Ding?" fragte Ginny neugierig.
„Man wirft es wie einen Diskus, sagt dir das was?" Ginny nickte. „Es ist an den Rändern zehnmal schärfer als ein Schwert, und ich habe einmal jemanden gesehen, der damit zehn Köpfe auf einmal abgetrennt hat", antwortete Sandrine beherrscht. Man konnte ihrem Gesicht ansehen, dass die Erinnerung nicht zu ihren glücklichsten zählte.
Ginny schluckte. „Woher kennst du das?" fragte sie dann in Dracos Richtung.
Der Slytherin gab keine Antwort.
Das Abendessen wurde in der gleichen Halle abgehalten, wo sie auch schon das Frühstück eingenommen hatten.
Der große Saal war diesmal fast überfüllt. Eine Menge Gesichter waren in Richtung des Fronttisches gerichtet, an dem Ginny und Draco saßen.
Draco unterhielt sich mit Chiané, die neben ihm saß, und es schien, als würden die beiden heftig flirten. Das dunkelhaarige Mädchen hatte ihre Zurückhaltung aufgegeben, und ihre Gesichter berührten sich fast, während sie einander tief in die Augen sahen und scheinbar alles um sie herum vergaßen.
Ginny fühlte sich abgestoßen, und richtete ihre Konzentration auf Sandrine und Cray. Der Soldat schien eine besondere Stellung bei Sandrine zu genießen, denn er war der war der einzige Untote, der an einem der Tische saß. Ansonsten sah sie nur Menschen.
„Darf ich Sie etwas fragen, Sandrine?" fragte Ginny zögernd, und die alte Frau nickte lächelnd. „Diese Schlucht, wo wir vorher waren." Es war etwas, was ihr seit geraumer Zeit im Kopf herumging. „War das auch ein Kampf gegen ... äh, Tanadryl?"
„Die Knochenschlucht? Nein. Man erzählt hier von einer gewaltigen Schlacht, die einst dort stattgefunden hat. Die Erbauer der Totenstadt sind damals besiegt worden, so heißt es."
Ginny dachte einen Moment nach.
„Wie hoch schätzen Sie unsere Chancen, dass wir wirklich ein Portal finden?" fragte sie schließlich.
Bevor Sandrine etwas sagen konnte, mischte sich Cray in das Gespräch ein.
„Gib die Hoffnung nicht auf, Virginia. Es gibt immer einen Weg, auch wenn es noch so schwierig erscheint."
Das Gesicht war tot, aber seine smaragdgrünen Augen sahen aufmerksam in ihre Richtung, Augen, die sie an Harry erinnerten.
„Cray hat recht", sagte Sandrine, und ihre Hand legte sich sacht auf die des Untoten. „Es gibt Zeiten im Leben, in denen man nur tun kann, was einem übrigbleibt. Aber ich glaube, diese Zeiten kennst du schon, oder irre ich mich da?"
Ginny sah auf ihren Teller. Erinnerungen an Riddles Tagebuch und seine Konsequenzen schossen in ihr hoch. Unwillkürlich warf sie einen Blick auf Draco, der gerade in diesem Moment seinen Kopf hob und ihren Augen begegnete. Einen Moment lang glaubte sie, in den grauen Augen so etwas wie Verständnis zu lesen, dann wandte er sich wieder ab.
„Keiner behauptet, dass es leicht ist", fügte Cray hinzu.
Ginny ballte die Fäuste und traf ihre Entscheidung.
„Nein, ist es nicht. Aber, wie Sie gesagt haben – was bleibt uns anderes übrig?"
